Fünfzig Sätze

Fünfzig Sätze, mit denen ich als Rollstuhlfahrerin in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen mehr als einmal konfrontiert wurde.

- Aber essen dürfen Sie alles, oder?
- Also, ich könnte das nicht.
- Bleiben Sie ruhig sitzen!
- Da vorne blitzen sie.
- Darfst du betrunken Rolli fahren?
- Darfst du damit überhaupt Bier trinken?
- Das ist ja voll behindert!
- Die arme, so hübsch und dann im Rollstuhl.
- Du bist mir über den Fuß gefahren.
- Du bräuchtest eine Klingel am Rolli. Oder ein Martinshorn.
- Ein bißchen Spasmus sein… - schön, dass Sie Spaß verstehen.
- Funktioniert es auch im Bett?
- Geht's?
- Hat deine Mutter während der Schwangerschaft geraucht / Alkohol getrunken?
- Hat sie einen Vormund?
- Ich bewundere Sie für Ihre Lebensfreude.
- Ich helfe Ihnen rein. Ich war früher Zivi im Altersheim.
- Ich wäre auch schonmal beinahe im Rollstuhl gelandet.
- Ist das ansteckend?
- Ist das deine Betreuerin?
- Jetzt führen wir ein Gespräch auf Augenhöhe. (Sagte er und kniete sich hin.)
- Kann man da noch was machen?
- Kannst du GAR nicht laufen?
- Kannst du noch Kinder bekommen?
- Kannst du Sex haben?
- Kennst du XY? Der ist auch behindert.
- Mein Nachbar sitzt auch im Rollstuhl.
- Meine Bekannte hat auch MS.
- Motorradunfall, selbstverschuldet?
- Nehmen Sie schonmal Platz.
- Nicht so schnell, hier ist 30-Zone.
- Nun lassen Sie sich doch helfen!
- Oh, Sie sitzen ja in einem Rollstuhl!
- Schau da nicht so hin.
- Schläfst du auch im Rollstuhl?
- Sie geben mir so viel Kraft!
- Sie haben bestimmt starke Armmuskeln!
- Sie haben Ihren Sitzplatz ja schon mitgebracht - wie praktisch!
- Sie haben ja einen tollen Rollstuhl. Ein Sportrollstuhl, oder? (Nein.)
- Sind wir nicht alle ein bißchen behindert?
- Soll ich Ihnen das hinten reinstecken? (In den Rucksack?)
- Stellst du dich eigentlich auf den Frauen- oder auf den Behindertenparkplatz?
- Toll, dass du trotzdem Spaß hast!
- Toll, wie du das alles meisterst!
- Vollgummireifen?
- Warten Sie, ich helfe Ihnen.
- Warten Sie, ich hole Ihnen einen runter. (Vom Regal?)
- Wie ist denn das passiert?
- Wie lange sitzen Sie denn schon da drin?
- Wo will der Rollstuhl hin?

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Den Satz mit dem Spasmus würde ich ja fast noch knuffig finden. Käme aber wie immer bei sowas darauf an, wer ihn äußert.

Ansonsten muss ich mich gerade davon abhalten, zu testen, ob mein Laptop es aushält, wenn ich ihn mir gegen die Stirn haue....

sven hat gesagt…

Hmm, eine unschöne Mischung aus Unkenntnis, Unsicherheit, Dummheit und Überheblichkeit, gemischt mit einer Prise unangemessener Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft.

Da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die täglich mehrfache, unkontrollierbare Verabreichung dem Betroffenen arge Bauch- respektive Kopfschmerzen verursacht, die dann zu der Gegenseite unverständlichen Reaktionen führt.

Esther hat gesagt…

Es fehlt: "Was machst du denn, wenn du einen Platten hast?"

Kommt bei mir auch ständig. Ansonsten: Wo muss ich unterschreiben?

Seemädel hat gesagt…

Manche Fragen mögen ja durchaus berechtigt/ interessant sein - bloß würde es mir im Traum nicht einfallen, einfach jemand Wildfremden anzuquatschen, nur weil er zufällig im Rollstuhl sitzt, grüne Haare hat oder mir Rad schlagend entgegen kommt...

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,
was man sich so anhören muss, wobei da schon einige schlimmer sind als andere. Manche wären sogar nett
"Toll, wie du das alles meisterst!".
Nur sagt man so was nicht ungefragt, ich denke wenn ein Gespräch entsteht und man sagt so etwas dann ist es was anderes. Wobei wohl selbst dann nerven kann wenn man es immer wieder hört.

Off Topic

Habe mich auch von hinten nach vorne gelesen, ihr seit ne tolle Truppe mit viel Herz und Engagement. Es ist natürlich Dein Blog aber Du berichtest ja auch viel von Deinen Freunden und die haben auch alle ihr Herz am rechten Fleck. Danke für die Aufklärung und den Einblick in Dein Leben, ich habe viel gelernt, gelacht und auch geweint. Ich bewundere Deine Empathie und Energie Dich für andere Menschen einzusetzen (Anja zum Beispiel). Du bist schon richtig, jeder darf mal schlechte Laune haben oder wenn er genervt ist wen anfahren etc. Das bezieht sich Bunt auf Deine ganzen Einträge. Was ist eigentlich aus der Akteneinsicht zum Überfallkommando bei Maria raus gekommen? Ich drück Dir die Daumen das Dein Auto schnell kommt, Maria endlich alle Gelder bekommt, Du lange kein Krankenhaus mehr sehen musst und es mal wieder richtig lange Ostsee Wetter gibt. Ich werde weiter lesen!

LG sho

Ich hat gesagt…

"Wo will der Rollstuhl hin? "
Kann dein Rollstuhl etwa selbständig denken Jule? ;)

Jule hat gesagt…

@Ich: Genau das frage ich dann immer. "Na, Rolli, wohin willst du?! Hm. Hat heute schlechte Laune, redet nicht mit mir / mit jedem. Kann man wohl nichts machen."

Anonym hat gesagt…

Hallo,

interessant. Hast du denn hier auf deinem Blog vielleicht auch so eine Art Anleitung oder Best-Practice für Menschen, die nicht ihm Rollstuhl sitzen, wie sie mit Menschen, die im Rollstuhl sitzen, umgehen sollen? Oder anders, konkrete Frage: Willst du Hilfe angeboten bekommen? Wenn ja, in welchen Situationen? Und wie macht man das dann am besten?

Danke und Grüße
Moritz

Anonym hat gesagt…

@Moritz: http://jule-stinkesocke.blogspot.de/2012/02/gebrauchsanleitung.html
Ich denke, Rollstuhlfahrer sind da nicht anders als Fußgänger. Wenn sie von Fremden Hilfe benötigt, dann melden sie sich schon bzw. haben in einer offensichtlichen Situation nichts gegen ein Hilfsangebot (das sie ja immernoch ablehnen können). Unabgesprochene Hilfsaktionen können nur nach hinten losgehen und wirken im besten Fall aufdringlich.
Wenn man sich ausreichend kennt, ist das natürlich was anderes.

Julia hat gesagt…

Das wurde meiner Freundin und mir mal gesagt "oh man die sind Behindert und im Rollstuhl sitzen sie auch noch"xD

eLKa hat gesagt…

Der mit den Parkplätzen ist schön xD

Herr von Odenthal hat gesagt…

Die beste Ansprache ist immer noch, die in der 3. Person.

"Kann man ihm behilflich sein?"

Ich dreh mich dann immer zu beiden Seiten um und frage: Wer jetzt genau gemeint ist.

Jessica hat gesagt…

Oh man, das ist irgendwie total traurig und teils auch gemein. Schade das dass Thema immer noch nicht so annerkannt ist bei der Gesellschaft..

Manja B. hat gesagt…

Erstmal muss ich loswerden: ich finde Deine Seite klasse! Deine ehrliche „gerade heraus Art“ liegt und gefällt mir…

Ich bin zwar keine Rollstuhlfahrerin, habe aber einen Typ 1 Diabetes und „darf“ mich somit nach dem Gesetz als „behindert“ betrachten. Auch ich durfte mir schon den ein oder anderen tollen Satz anhören wie:

•Diabetes? Da haben Sie als Kind wohl zu viel genascht, was?

•Diabetes? Dabei bist Du doch gar nicht fett!

•Das ist nicht schön, aber zum Glück hat man ja heute mit der Krankheit kein Problem mehr *hüstel*

•Sich selbst mit Nadeln stechen? Das könnte ich niemals!

•Diabetes? Also ich würde mich nach der Diagnose umbringen!

•(Bei einer Unterzuckerung in der U-Bahn) also in Ihrem jungen Alter und um die frühe Zeit schon betrunken, schämen Sie sich!

•Diabetes? Das ist doch nicht ansteckend, oder doch?

•Diabetes? Das kriegen doch nur alte Leute…wie alt bist Du denn?

•Diabetes? Hat meine Oma auch, der haben sie vor einigen Jahren beide Beine abgeschnitten!

•Das ist doch praktisch, mit einem Behindertenausweis bekommst Du mehr Urlaub! (Ich hab keinen…)

•Deine Eltern haben Dich als Kind falsch ernährt, davon kommt das!

•Komisch, Du siehst gar nicht behindert aus…

•Warum lassen Sie sich nicht transplantieren, das geht doch heute alles!

Mit einem Gruß aus Berlin, Manja

Anonym hat gesagt…

Ha! Die ganzen Sätze erinnern mich sehr an die dummen Sprüche, die ich mir von vermeintlich intelligenten und gebildeten Menschen anhören muss, wenn ich mich als Trans*mann oute.
Von "man sieht dir gar nicht an, dass Du mal eine Frau warst" (ja, wtf, WARUM wohl habe ich transitioniert??) bis "und wie sieht es da bei dir untenrum aus?" (frage ich dich nach deinen Genitalien??) ist alles dabei, was geeignet ist, den Glauben an die Menschheit aufzugeben. Was ich wundersamer Weise aber bis heute nicht getan hab. :-)
Danke für diesen erfrischenden Blog, Jule!

liebe Grüße, Gabriel

Jacqueline hat gesagt…

Viele Sätze wiedererkannt. Den Wortwitz mit dem Spasmus find ich als Spastiker gar nicht mal schlecht. Schade nur, dass ich den noch nicht zu hören bekommen habe. Er ist tausendmal besser, als Leute, die sich gegenseitig als Spast beschimpfen und nicht mal wissen, was sie da eigentlich sagen.

Anonym hat gesagt…

Hm, ist es wirklich so verwerflich, wenn man jemandem helfen will (etwas in den Rucksack packen)? Ich habe einem Rollifahrer Hilfe angeboten und die wurde auch angenommen. Wie soll man sich denn sonst verhalten? So tun, als ob man es nicht sieht, dass jemand "Probleme" hat? Ich würde auch einem Nicht-behinderten Menschen meine Hilfe anbieten.

Anonym hat gesagt…

Ich weiß es von meiner Tochter, die im Rolli sitzt. Sie will einfach behandelt werden wie jeder andere auch. Also kein Problem, wenn man Hilfe anbietet, aber nicht, nur weil sie im Rolli sitzte. Mitleid ist für sie/ihre Feunde/innen das Schlimmste überhaupt...