Freitag, 30. März 2018

Viertel der Miete

Ich bin immer noch nicht richtig wieder fit. Sowohl die Bronchitis als auch die Grippe sind schon seit Wochen nicht mehr akut, aber ich habe noch immer hin und wieder Reizhusten und ich fühle mich noch immer schnell außer Atem. Es fehlen noch die letzten fünf bis zehn Prozent, bis ich mich wieder richtig gut fühle. Und die lassen dieses Mal besonders lange auf sich warten.

Normalerweise wäre ich jetzt fertig mit meinem Praktischen Jahr. Würde noch vier bis sechs Wochen lernen und hätte dann meine letzte (praktische) Prüfung. Aber da ich ja zwei Wochen mit Grippe flach lag, muss ich nun diese zwei Wochen noch dranhängen. Aber man ist sehr gnädig mit mir und lässt mich ungewöhnlich pünktlich nach Hause.

Mein kuscheliger Chef ist zwar nach wie vor kuschelig, scheint aber einen Rahmen gefunden zu haben. Also er wird nicht noch aufdringlicher. Und er hat mich gegen eine kleine, giftige Pflegehilfe verteidigt. Was ich aber nur durch Zufall mitbekommen habe: Ich bin ja nach wie vor und auch noch die nächsten zwei Wochen auf einer Tagesstation, die Menschen mit entzündlichen Erkrankungen (hauptsächlich Darmkrankheiten) mit einem hochwirksamen aber auch sehr gefährlichen Medikament versorgt werden, das nur in dieser Umgebung verabreicht werden darf. Die Patienten bekommen das über einen Tropf und müssen eine bestimmte Zeit vor Ort bleiben, damit man sicher ist, dass alles gut vertragen wurde.

Nun gibt es eine Patientin, Ende 40, die zu ihrer chronischen entzündlichen Darmerkrankung mit ständigem Durchfall auch noch eine Zuckerkrankheit hat. Oder umgekehrt: Die Zuckerkrankheit ist bereits aufgetreten, als sie noch Kind war. Zudem fehlt der Dame ein Bein. Ob durch schlechte medikamentöse Behandlung der Zuckerkrankheit oder aus anderen Gründen, ist mir nicht bekannt, jedenfalls rennt sie mit einer Oberschenkelprothese durch die Gegend und kann schlecht auf einer Stelle stehen. Somit hat sie sich wohl, anstatt sich am Empfang in die Schlange zu stellen, einfach auf den ersten nicht belegten (und auch noch nicht sauber gemachten) Behandlungsstuhl gesetzt.

Plötzlich kommt Hektik auf, weil diese Dame ohnmächtig vom Behandlungsstuhl gekippt ist und mit blutender Kopfwunde auf dem Fußboden liegt. Ein anderer Patient sieht das im Vorbeigehen und spricht mich, vier Räume weiter, an, ob ich mir das mal ansehen möchte. Eine Mitarbeiterin, eben diese kleine giftige, hat das auch bereits mitbekommen und empfängt mich mit: "Holen Sie den Notfallwagen. Ach nee, das können Sie ja nicht. Bleiben Sie bei der Patientin, ich hole den Notfallwagen. Verdacht auf Allergieschock!" - "Was denn für eine Allergie?" - "Bestimmt nicht gegen Katzen, oder sehen Sie hier eine?" - "Bleiben Sie mal sachlich! Machen Sie bitte mal einen Glukose-Test."

Atmung, Puls, Gesichtsfarbe, Hautbeschaffenheit - das sah alles nicht nach einem allergischen Schock aus. Und noch bevor das EKG dran war, wussten wir, dass sie einen Zuckergehalt von 1,3 mmol/l, entsprechend 23 mg/dl im Blut hatte. Normal wären so 5-6 mmol/l oder 90-110 mg/dl. Bei einer Diabetikerin kann das auch in etwas größerem Rahmen schwanken, ohne dass es gleich gefährlich ist, aber dieser gemessene Wert traf nicht nur eine klare Aussage über die Ursache ihrer Bewusstlosigkeit, sondern auch darüber, dass die Behandlung insgesamt nicht gut eingestellt ist. Normalerweise würde man schon unter 3 (50) so zittrig (und meistens leicht reizbar) werden, dass die Patientin selbst gegensteuern würde. Mit jedem Unterzucker gewöhnt sich der Stoffwechsel aber an neue Untergrenzen und die typischen warnenden Symptome treten erst verspätet oder gar nicht mehr auf.

Traubenzucker über die Vene wäre jetzt dringend angezeigt. Zwei Pflegekräfte hoben sie auf die Liege, nun kam endlich mein Chef um die Ecke. Mit Traubenzucker war sie innerhalb von zwei Minuten wieder wach. Ich rollte in den Nebenraum, da hörte ich doch, dass die kleine giftige Pflegehilfe mich beim Chef anschwärzte: "Die hat sich über die Richtlinien hinweg gesetzt. Zuckercheck wäre viel später dran gewesen. Und sie ist keine Ärztin!" - "Das ist ein standardisiertes Diagnose-Schema, auf das Sie sich berufen. Keine Richtlinie. Die Kollegin war sich offenbar sicher und hat direkt ins Schwarze getroffen." - "Sie hat völlig außer Acht gelassen, dass es auch eine allergische Reaktion auf ihr Medikament sein könnte. Nur aus diesem Grund lag sie hier überhaupt. Ich bin zwar keine Ärztin, wie sie auch nicht [ja, betone es ruhig noch ein paar Mal], aber dass man das nicht aus dem Blick lassen darf, muss auch ihr klar sein. Und ich habe sie darauf hingewiesen." - "Ich werde das mit ihr aufarbeiten." - "Na hoffentlich." - "Vermutlich hat sie aber innerhalb der Spielräume, die durchaus vorhanden sind, alles richtig gemacht. Das ist nämlich zufällig eine sehr gute künftige Kollegin." - "Die ist ehrgeizig, mehr nicht. Ich frage mich, warum jemand mit so einer schweren Behinderung ausgerechnet so einen Job machen will." - "Weil sie es kann."

Danke. Ich seufzte tief und arbeitete weiter. Zwanzig Minuten später fragte mich der Chef: "Woher wussten Sie, dass das keine Anaphylaxie [allergischer Schock] war? [Giftnudel] vermutete das und ihre jahrelange Erfahrung können und sollten Sie Ihr nicht absprechen." - "Das habe ich auch nicht getan. Aber die Patientin hatte keinen venösen Zugang und auch keine frisch punktierte Armvene. Es war unwahrscheinlich, dass sie heute schon von uns behandelt worden war. Klar, sie hätte auch draußen ungewollt Nüsse geknabbert haben können, aber sie hatte rosige bis blasse Hautfarbe und war locker vom Hocker gefallen. Bis auf den schnellen Puls passte gar nichts zur Anaphylaxie, und nach der Vorgeschichte lag eine Hypoglykämie [Unterzuckerung] so nahe, dass ich darum gebeten hatte, parallel einmal einen Schnelltest zu machen." - "Wann haben Sie Prüfung?" - "Im Mai." - "Haben Sie Schiss?" - "Ja." - "Das packen Sie mit links. Im Schlaf." - "Weil ich auf den venösen Zugang geachtet habe?" - "Weil Sie sich eine so vielfältige Routine angeeignet haben, dass Sie auf Anhieb die Dinge sehen, die Sie sehen müssen."

Na dann ... er glaubt an mich. Das ist wohl schonmal ein Viertel der Miete. Wenn ich jetzt noch meine Kärtchen schaffe und mich nicht ganz dumm anstelle, dürfte es eigentlich irgendwie glatt gehen. Wenn das bloß erst vorbei ist! Ich war bei keinem der bisherigen Examensprüfungen so aufgeregt wie vor dieser hier. Ät-zend!

Kommentare :

Feststelltaste hat gesagt…

Tweet von Balbina:
Balbina
@bina_bina_bina
nach einer grippe hat man immer das gefühl, man müsste sein leben wieder von vorne anfangen.

Die Arme, die hat schon letztes Jahr mehrere Konzerte in unserer Gegend wegen Grippe kurzfristig absagen müssen.


praktische Prüfung: wie passt das mit den Karteikarten zusammen? Heißt praktisch nur mündliches Abfragen oder bekommst Du einen Patienten vorgesetzt?

Kuscheligkeit: der Austausch klingt ganz normal sachlich und kollegial. Gehört er vielleicht zu den Leuten, die einfach im Gespräch oder beim Vorbeizwängen an einer Stuhlreihe den Leuten mal kurz die Hand auf den Arm oder die Schulter legt? Ich habe so eine Kollegin, die einen toughen Job in einem männerdominierten, aber nicht chauvimäßigen Umfeld bei jedem macht. Das wirkt aber nicht wie Anmache oder Anbiederung, sondern kommt ganz natürlich.

Patientin: die hat wohl Typ I? Die Unterzuckerung kommt also davon, dass der Nachschub an Kohlehydraten angesichts des bereits gespritzten Insulins gestockt hat. Mit Abstand betrachtet können einem die Ernährungsempfehlungen für Diabetiker (fettarm = kohlehydratreich) schon sonderbar vorkommen. Es gibt wohl Fallbeispiele von Typ I - Diabetikern, die bei weitgehend ketogener Ernährung ohne gespritztes Insulin auskommen. Das liegt wohl daran, dass manchmal ein paar Inselzellen überleben und mit der Eigenproduktion und den nicht ganz vermeidbaren Resten in der Nahrung klar kommen. Könnte sogar sein, dass davon die Darmprobleme besser werden. Denken manche Ärzte oder Patienten auf der Station in die Richtung?

Wünsche frohes Eiersuchen und nicht zu viel Lernstress!

FiAsKo_ hat gesagt…

Ich denke, daß genau diese Entscheidungsfähigkeit den Unterschied ausmacht, zwischen einer fähigen Ärztin und einem 'Drachen' der sturheil seine(?) Liste mit Standardtests abarbeitet......

Und dann giftig wird, wenn jemand schneller auf die richtige Lösung kommt.

Feststelltaste hat gesagt…

aus dem Satz gefallen: sie hat/macht einen toughen Job und legt jedem die Hand auf

Petra Nixda hat gesagt…

Du bist taff. Hast alles, was eine gute Ärztin braucht.Du schaffst die Prüfung.

Kriegen wir in 2 Wochen dann einen virtuellen Sekt?

Wenn Du immer noch Kinderpsychiaterin werden möchtest, bleibe bitte im Norden. Toll wäre das UKE.

GLG

thorsv hat gesagt…

Meine Güte ... Wenn's 'ne Richtlinie wäre, spricht nichts gegen eine parallele weitere Diagnostik, solange sie eine ggf. notwendige Behandlung nicht merklich verzögert. Welche Gefahr hätte hier der Patientin von einer einfachen Blutzuckermessung gedroht, hätte sich deine Vermutung als falsch herausgestellt? Ganz zu schweigen von den Fragen, die sich aufgedrängt hätten, wenn Du es nicht gemacht hättest: Sie kannten doch die Vorgeschichte der Patientin. Ihnen muss doch auffallen, dass die Symptome zu einem Unterzucker passen.

Viertel? Hamburger understatement.
Niemand, der hier liest, hält das für ernsthaft möglich, dass Du durchrasselst. Aber jetzt nicht leichtsinnig werden, bei der Kärtchenmaloche ;)