Freitag, 19. Januar 2018

Abgriff

Es ist fast genau vier Jahre her, da stand ich an einer Tankstelle, wollte mit meiner Kreditkarte bezahlen und wurde fast verhaftet. Warum? Meine Mutter, damals psychisch schwer erkrankt, heute vermutlich noch immer schwer erkrankt, hatte bei Nacht und Nebel meine sämtlichen Bankkarten sperren lassen. Sich bei meiner Bank als ihre Tochter ausgegeben und behauptet, die Handtasche verloren zu haben.

Murmeltiere grüßen ja bekanntlich täglich, von daher hinkt dieser Vergleich hier. Nach vier Jahren. Aber für ein Déjà-vu war das, was mir heute passiert ist, zu realistisch.

Ich stehe im Verkaufsraum einer Tankstelle, habe rund 60 Liter frischen Diesel gezapft, will mit meiner (erst drei Monate alten) Kreditkarte zahlen, gebe die Geheimzahl ein und: Karte abgelehnt. Häh?

"Versuchen Sie es nochmal", bittet mich die Verkäuferin. "Vielleicht haben Sie nur die Geheimzahl falsch eingegeben."

Dann würde ja nicht "Karte abgelehnt" kommen, sondern "PIN falsch" oder sowas. Denke ich. Ich versuche es ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis. Hinter mir wird die Schlange länger. Der Typ hinter mir sagt laut: "Wird das nochmal was?"

Die Behinderte zahlt alternativ mit ihrer regulären Bankkarte. Wenigstens das kann sie. Zur Freude des vorlauten Typens dahinter. Also sind schon mal nicht alle Karten gesperrt. Als ich wieder zu Hause bin und gerade bei meiner Bank anrufen will, finde ich einen Brief im Kasten.


Na super. Ich rufe die Stelle an und erfahre, dass irgendjemand einen so genannten "Ping" mit meinen Kreditkartendaten versucht hat. Also hat er angefragt, ob er einen Cent abbuchen kann. So erfahren diese Betrüger, ob Kreditkartendaten richtig und vor allem (noch) aktiv sind. Da die Anfrage außerhalb Europas losgeschickt wurde, hat man vermutet, dass da ein so genannter Datenabgriff stattgefunden hat und man in Kürze meine Kreditkarte mit Luftbuchungen belasten würde.

Die Dame auf der anderen Seite der Leitung wollte mit mir noch einmal die letzten Buchungen durchgehen, um sicher zu sein, dass nicht bereits jetzt jemand Mist damit gemacht hat. "Deutsche Bahn?" - "Ja, passt." - "Aber gleich drei Mal?" - "Ja." - "1,98 Euro für Musik?" - "Kann sein." - "Für 66 Euro getankt?" - "Ja." - "Für über 100 Euro im Hotel gewesen?" - "Ja." - "Und etwas *räusper* Pikantes für 79,90 Euro gekauft?" - "Was?" - "Ich glaube, das ist ein ... ähm ... Online-Sexshop. Für knapp 80 Euro." - "Achso, ja, mein Vibrator."

Stille in der Leitung. Wie gut, dass sie mein Grinsen nicht sehen konnte. War ihr das peinlich? Immerhin konnte sie doch mit dem Namen des Ladens gleich etwas anfangen. Ich habe mir vor kurzer Zeit einen neuen Delfin gekauft, dieses Mal einen, der vibriert. Böse Zungen behaupten ja, Querschnittgelähmte mit Vibrator sind wie Blinde mit Fernseher. Wenn jetzt jemand denkt, ich benutze den nur, weil er dabei so schön surrt, sei ihm gesagt, dass nicht jeder Blinde nur noch schwarze Nacht sieht - und nicht jeder Querschnitt nix mehr fühlt. Gerade die weiblichen Geschlechtsorgane sind nicht nur über das Rückenmark angeschlossen. Und nicht jedes traumatisierte Rückenmark ist bis auf den letzten Faden durchtrennt. Soll heißen: Man kann auch querschnittgelähmt Empfindungen haben. Was viele außerhalb meines Blogs nicht wissen, die mich das mitunter ja auch mal auf der Straße oder im Supermarkt fragen, ohne dass wir uns kennen.

Die Dame schluckte einmal und sagte dann fast heiser: "Mehr ist da nicht. Dann scheint das alles schön zu sein." - "Ja. Bis auf die Tatsache, dass man mir auch eine Mail oder eine SMS hätte schreiben können. Wie man es ja sonst auch für jeden Blödsinn tut." - "Wollen Sie keine Umsatzbenachrichtigungen mehr auf Ihr Handy bekommen?", fragte sie. Doch, wollte ich. Aber vielleicht auch einen Hinweis, wenn sie meine Karten sperren. Das wäre doch immerhin sowas wie Service, oder?

Kommentare :

Olli hat gesagt…

Ich hab ja nur drauf gewartet, dass das Paket mit der Mehrfachorder als Mehrfachbelastung noch auftauch. Also bei den Buchungen, denn das die Bestellung auftaucht...

Aristipp hat gesagt…

Also ich habe auch eine VISA Kreditkarte und ich nutze sie meistens um im Internet was zu bezahlen. Aber in der letzten Zeit hatte ich das schon zwei mal das bei mir so eine Karte ausgetauscht wurde weil dort jemand was versucht hatte. Sehr blöd das ganze. Ich nutze sie deswegen kaum noch außerdem gibt es ja immer mehr alternativen.

Früher war man ja öfters aufgeschmissen ohne Karte im Netz.

Anonym hat gesagt…

Ein bisschen nervig, klar, aber wenigstens wurde eine Straftat im Bezug auf dein Konto verhindert.
Die Geschichte vor 4 Jahren ist wirklich krass, konnte mich nur noch dunkel dran erinnern.
Hast du eigentlich noch Kontakt zu Frank? Er ist hier schon lange nicht mehr aufgetaucht.

Anonym hat gesagt…

Hast du mit deinen Eltern gar keinen Kontakt mehr?

Feststelltaste hat gesagt…

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie immer peinlicher berührt war, je unbekümmerter Du geplaudert hast!

ThorstenV hat gesagt…

Rats! Warum kostet der nur 79,90 Euro? Das wäre mein erster Rateversuche für den 202-Euro-McGuffin gewesen. Jetzt kann ich nur hoffen, dass es außer dem Delfin auch noch 'nen Blauwal gibt.
Wichtiger Sicherheitshinweis: den Vibrodelphin auf keinen Fall mit dem Dosendelphin https://www.pearl.de/a-NC2930-3010.shtml verwechseln. Sonst gibt es bald ein feminines Analogon zu der bahnbrechenden Dissertation über Penisverletzungen durch Staubsauger.
Allzeit Good vibrations wünscht Opa Thorsten :-)

ALEX hat gesagt…

Ich habe den alten verlinkten Artikel mal wieder gelesen, da ist mir aufgefallen dass ich von Frank in deinen Einträgen schon sehr lange nichts mehr gelesen habe...habt ihr keinen Kontakt mehr?

B. hat gesagt…

Jep, den Spaß hatte ich mal mit meiner EC-Karte in den USA. Die wurde einfach als "gestohlen" gesperrt und niemand bei der Bank konnte mir hinterher erklären, warum eigentlich. Ohne Kreditkarte und meinen Mann, dessen EC-Karte zum Glück noch ging, hätte ich ohne Geld in New York ganz schön alt ausgesegen.

Anonym hat gesagt…

Oh je, was soll dann die Gegenstelle bei mir nur denken, wenn mir mal so was passiert...

Generell wäre doch eine Flottenkarte wie von UTA/EuroShell/BP doch eher was für solche Anwendungszwecke, nur Sprit und fahrzeugbezogene Zusatzleistungen (Öl, Wäschen, kleinere Verschleißteile) mit bezahlen und einmal am Monatsende eine Rechnung begleichen und ne schöne Abrechnung dazu bekommen.

Anonym hat gesagt…

Schön hier wieder zu lesen. Habe heute zufällig Mal wieder nach langer Zeit auf den Blog geschaut und da war was😀
Habe jetzt den ganzen Abend gelesen. Freu!

Rod hat gesagt…

...dasselbe ist mir mit meiner Kreditkarte gerade auch passiert. Die Erklärung, warum die Information über den Kartenaustausch erst so spät kam, war, daß man wegen Gefahr im Verzug schnell handeln musste und die Informationsschreiben deswegen immer erst im Nachhinein abgeschickt werden können.
ps: Alles gut? - Du bist schon drei Wochen off...

Miss Mohr hat gesagt…

Am 6. Dezember lief in der New York Times ein Artikel: "I use a wheelchair. And yes, I'm your Doctor" Dazu hat "Eric Germany" kommentiert dass es einen "Award Winning German Blog" gab von einer Frau im Rolli die Medizin studiert, und so habe ich die Stinkesocke kennengelernt.

In den letzten zwei Monate habe ich die letzten neun Jahren deines Lebens miterlebt.
Ich danke dir herzlich dass du schreibst und somit uns Blicke in die Welt eines werdenden Arztes schenkst. Ich bin auch dankbar für die Rollstuhl Perspektive-wie Du mir die Augen öffnest! Eine Kleinigkeit als Beispiel: hierzu vor hatte ich mir nie Gedanken gemacht darüber wie ärgerlich Schnee sein kann für Leute die gehbehindert sind. (Das hängt auch vielleicht daran das ich in einem Teil von Arizona wohne wo Schnee fast verboten ist)

Meine Tante, die immer mehr an ihrer Kinderlähmung litt, desto älter sie würde, nannte die "Fußgänger" "TABs" - Temporarily Able Bodied… Leute die vorübergehend Gesund seien. Besonders hier in Amerika erkennen die Politiker und die Städteplaner nicht, dass sie nicht für andere, für Behinderte, für Außenseiter Barrierefrei bauen sollen. Sie sollen so bauen für sich selber, für eine künftige Versionen von sich selbst. Wenn wir lang genug leben, werden wir alle irgendwann Hilfe brauchen.

Durch das Marathon Lesen bist Du, Marie, deren Eltern, die Mitbewohner der ersten WG, die verschiedenen Schatzis usw. irgendwie lieb geworden. Von dem Wilden Westens hier an der Mexikanischen Grenze schicke ich Euch allen die besten Grüße.