Freitag, 19. Januar 2018

Abgriff

Es ist fast genau vier Jahre her, da stand ich an einer Tankstelle, wollte mit meiner Kreditkarte bezahlen und wurde fast verhaftet. Warum? Meine Mutter, damals psychisch schwer erkrankt, heute vermutlich noch immer schwer erkrankt, hatte bei Nacht und Nebel meine sämtlichen Bankkarten sperren lassen. Sich bei meiner Bank als ihre Tochter ausgegeben und behauptet, die Handtasche verloren zu haben.

Murmeltiere grüßen ja bekanntlich täglich, von daher hinkt dieser Vergleich hier. Nach vier Jahren. Aber für ein Déjà-vu war das, was mir heute passiert ist, zu realistisch.

Ich stehe im Verkaufsraum einer Tankstelle, habe rund 60 Liter frischen Diesel gezapft, will mit meiner (erst drei Monate alten) Kreditkarte zahlen, gebe die Geheimzahl ein und: Karte abgelehnt. Häh?

"Versuchen Sie es nochmal", bittet mich die Verkäuferin. "Vielleicht haben Sie nur die Geheimzahl falsch eingegeben."

Dann würde ja nicht "Karte abgelehnt" kommen, sondern "PIN falsch" oder sowas. Denke ich. Ich versuche es ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis. Hinter mir wird die Schlange länger. Der Typ hinter mir sagt laut: "Wird das nochmal was?"

Die Behinderte zahlt alternativ mit ihrer regulären Bankkarte. Wenigstens das kann sie. Zur Freude des vorlauten Typens dahinter. Also sind schon mal nicht alle Karten gesperrt. Als ich wieder zu Hause bin und gerade bei meiner Bank anrufen will, finde ich einen Brief im Kasten.


Na super. Ich rufe die Stelle an und erfahre, dass irgendjemand einen so genannten "Ping" mit meinen Kreditkartendaten versucht hat. Also hat er angefragt, ob er einen Cent abbuchen kann. So erfahren diese Betrüger, ob Kreditkartendaten richtig und vor allem (noch) aktiv sind. Da die Anfrage außerhalb Europas losgeschickt wurde, hat man vermutet, dass da ein so genannter Datenabgriff stattgefunden hat und man in Kürze meine Kreditkarte mit Luftbuchungen belasten würde.

Die Dame auf der anderen Seite der Leitung wollte mit mir noch einmal die letzten Buchungen durchgehen, um sicher zu sein, dass nicht bereits jetzt jemand Mist damit gemacht hat. "Deutsche Bahn?" - "Ja, passt." - "Aber gleich drei Mal?" - "Ja." - "1,98 Euro für Musik?" - "Kann sein." - "Für 66 Euro getankt?" - "Ja." - "Für über 100 Euro im Hotel gewesen?" - "Ja." - "Und etwas *räusper* Pikantes für 79,90 Euro gekauft?" - "Was?" - "Ich glaube, das ist ein ... ähm ... Online-Sexshop. Für knapp 80 Euro." - "Achso, ja, mein Vibrator."

Stille in der Leitung. Wie gut, dass sie mein Grinsen nicht sehen konnte. War ihr das peinlich? Immerhin konnte sie doch mit dem Namen des Ladens gleich etwas anfangen. Ich habe mir vor kurzer Zeit einen neuen Delfin gekauft, dieses Mal einen, der vibriert. Böse Zungen behaupten ja, Querschnittgelähmte mit Vibrator sind wie Blinde mit Fernseher. Wenn jetzt jemand denkt, ich benutze den nur, weil er dabei so schön surrt, sei ihm gesagt, dass nicht jeder Blinde nur noch schwarze Nacht sieht - und nicht jeder Querschnitt nix mehr fühlt. Gerade die weiblichen Geschlechtsorgane sind nicht nur über das Rückenmark angeschlossen. Und nicht jedes traumatisierte Rückenmark ist bis auf den letzten Faden durchtrennt. Soll heißen: Man kann auch querschnittgelähmt Empfindungen haben. Was viele außerhalb meines Blogs nicht wissen, die mich das mitunter ja auch mal auf der Straße oder im Supermarkt fragen, ohne dass wir uns kennen.

Die Dame schluckte einmal und sagte dann fast heiser: "Mehr ist da nicht. Dann scheint das alles schön zu sein." - "Ja. Bis auf die Tatsache, dass man mir auch eine Mail oder eine SMS hätte schreiben können. Wie man es ja sonst auch für jeden Blödsinn tut." - "Wollen Sie keine Umsatzbenachrichtigungen mehr auf Ihr Handy bekommen?", fragte sie. Doch, wollte ich. Aber vielleicht auch einen Hinweis, wenn sie meine Karten sperren. Das wäre doch immerhin sowas wie Service, oder?

Donnerstag, 18. Januar 2018

Wasser und Sterne

Mein Schlafzimmer in meinem neuen Haus ist inzwischen fertig eingerichtet. Damit ist ein wichtiger Raum schon mal bewohnbar. Eine Freundin von mir macht derzeit eine Ausbildung zur Tischlerin, ist im dritten Lehrjahr, und hat mich gebeten, sich austoben zu dürfen. Zusammen mit einem Kumpel von ihr haben die beiden zwei Trockenbauwände eingezogen sowie eine abgehängte Decke. Die beiden waren insgesamt fünf ganze Tage damit beschäftigt. Selbstverständlich haben sie dafür auch etwas bekommen, allerdings war es ihnen wohl wichtig, etwas Eigenes zu machen.

Anfangs hatte ich, ehrlich gesagt, ein wenig Bauchschmerzen dabei. Wir hatten uns auf bestimmte Eckpunkte verständigt, aber wie gut die beiden sind, wusste ich vorher natürlich nicht. Ich fasse es mal so zusammen: Ich bereue es keine Minute. Ich finde das Ergebnis genial.

In diese Leichtbauwände sind an verschiedenen Stellen ovale Öffnungen eingelassen, so dass man quasi in der Wand etwas abstellen kann. Das ist dann auch noch indirekt, also im Hintergrund, mit LEDs beleuchtet, auch noch farblich einstellbar. Am oberen Ende der Leichtbauwand ist ein Sockel, hinter dem ebenfalls Licht indirekt in Richtung Decke strahlt. Diese Akzente sind natürlich ein Hingucker. In eine Wand haben sie auch noch einen Fernseher kurz unterhalb der Decke integriert, den ich vom Bett aus sehen kann. Dazu habe ich mir jetzt endlich ein Internet-Radio gekauft, mit Sleeptimer, das in einer dieser Öffnungen steht. In dieser Öffnung endet ein Kabel, das man einfach in die Kopfhörerbuchse des Radios reinstecken kann und dann kommt die Musik oben aus der Decke aus vier Einbaulautsprechern. Apropos Decke: Dunkelblau angemalte Rigipsdecke mit 100 Mini-LED-Spots. Pro Stück 0,22 Watt, angeordnet als norddeutscher Sternenhimmel. Der große Wagen hängt direkt über meinem Bett. Es sieht einfach nur genial aus, wenn das das Einzige ist, was leuchtet. Die beiden haben das aber so gut gemacht, dass es eben nicht nach Spielzeug aussieht. An vier Stellen sind zudem reguläre Deckenspots angebracht, mit denen man das Schlafzimmer bei Bedarf auch hell bekommt - jeweils in eine Revisionsklappe eingelassen, die man großzügig öffnen kann, falls man später mal an die Verkabelung des Sternenhimmels muss.

Außerdem habe ich mir endlich ein Wasserbett gegönnt. Ich hatte ja schon lange überlegt, nun ist es soweit. Der Fußboden ist stabil genug (sowas wiegt ja locker eine Tonne) und ich kann jetzt schon sagen, dass ich es nicht wieder hergeben werde. Das hätte ich schon viel früher machen sollen. Nein, das Wasser ist durch Vliesmatten so gedämpft, dass es eben nicht schaukelt. Und was absolut genial ist: Ich brauche keine Wärmflasche mehr. Das Wasser wird ja beheizt, so dass man ständig dieselbe Temperatur im Bett hat. Es kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Der Druck auf den Körper ist an allen Stellen gleich, so dass man sich auch nicht wundliegen kann. Es lässt sich einfach reinigen, weil unter dem Bettlaken eine waschbare Baumwollschicht ist. Üblicherweise. Bei mir ist keine Baumwollschicht, sondern das Bettlaken ist speziell gegen Druckstellen aus einem Poly-Dings-Gewebe, das in alle Richtungen elastisch ist und somit keine Falten wirft. Die Matratze selbst hat eine abwischbare (und natürlich wasserdichte) Oberfläche. Der Stromverbrauch der Heizung ist etwa so als wenn pro Tag drei Stunden ein Fernseher läuft. Meine Solar-Anlage muss ja auch was zu tun haben - und nachts kann man ihn komplett abschalten, falls man Angst vor Elektro-Smog hat.

Bleibt noch die Frage, ob man in so einem Bett Sex haben kann. Die Antwort lautet: Unbedingt. Es ist sehr viel intensiver, es ist unten deutlich bequemer und es wird selbst unter der Decke nicht zu warm. Auf warmen Wasser unter einem Sternenhimmel bei romantischer Musik - mir gefällts!

Mittwoch, 17. Januar 2018

Toller Einblick

Das letzte Drittel meines Praktischen Jahres verspricht noch einmal spannend zu werden. Insbesondere beim vorherigen Drittel hatte ich ja eher den Eindruck gewonnen, mal wollte mich mit allen unliebsamen Aufgaben und Patienten, die eine chirurgische Notaufnahme so zu bieten hat, mindestens einmal konfrontiert haben. Umso erfreuter bin ich derzeit, dass das letzte Drittel, das ich verpflichtend in der Inneren Medizin belegen muss, ganz anders ist.

Als ich nach schier endloser Warterei in der Personalabteilung endlich auf der Station ankam, wurde ich gleich mit zur bereits laufenden Chefarzt-Visite geschickt. Damit ich die Station und die Patienten kennenlerne. Macht ja auch Sinn. In der Medizin herrscht allerdings noch immer eine sehr hierarchische Atmosphäre, und so ist die kleine PJ-lerin in der Regel am weitesten Weg vom Patientenbett, wenn die Horde durch die Zimmer zieht. Mit etwas Glück steht man noch im Zimmer und nicht draußen auf dem Flur. In diesem Fall waren auch noch mindestens zehn Studenten dabei, die was lernen wollten.

Die vierte oder fünfte Patientin war vom Hausarzt eingewiesen worden, weil er sein Latein beziehungsweise seine ambulanten Möglichkeiten als erschöpft ansah. Genauso erschöpft wie die junge Frau, die aussah wie der Tod auf Latschen. Müde, schwach, antriebslos, fast schon apathisch. Laborwerte wurden vom Hausarzt mitgegeben, allerdings wurde nur der allerkleinste Standard abgefragt, aus dem man natürlich keine eindeutige Diagnose stellen konnte. Jedoch gaben insbesondere die Hämoglobin- und Hämatokrit-Werte (bei unauffälligen Nierenwerten) schon eine klare Richtung vor.

"Wir nehmen Ihnen jetzt noch einmal Blut ab und werden uns verschiedene zusätzliche Werte angucken", gab der Chefarzt vor, bevor wir das Zimmer wieder verließen. Auf dem Flur blieb er am Aktenwagen stehen und winkte mich zu sich heran. Gab mir die Hand, deutete auf den Monitor, wo einige weitere Blutwerte der Frau bereits abzulesen waren. "Jetzt möchte ich wissen, ob Sie vor Weihnachten in meiner Vorlesung aufgepasst haben", sagte er. Er dachte wohl, ich sei eine von den Studentinnen.

"Ich war vor Weihnachten nicht in Ihrer Vorlesung", antwortete ich. Er fragte, fast enttäuscht: "Warum nicht?" - "Weil ich mein PJ mache und vor Weihnachten in der Chirurgie war", sagte ich und in der letzten Reihe fingen drei Leute an zu lachen. Er antwortete: "Dann müssen Sie es erst recht wissen. Was fehlt der Frau?" - "Rote Blutkörperchen." - "Richtig. Was fehlt ihr noch?" - "Epo." - Die drei aus der letzten Reihe lachten schon wieder, bevor der Professor scrollte, nochmal nickte und das Gelächter verstummte. "Das hab ich noch gar nicht gesehen. Sie haben Recht. Ich meinte eigentlich was anderes, was erstmal sofort ins Auge fällt. Fallen muss." - Nicht ohne Grund hatte man wohl bereits zusätzlich das Erythropoetin bestimmen lassen. Ich wollte gerade auf den Hämatokrit-Wert und auf die Größenverhältnisse zeigen, als aus der letzten Reihe kam: "Die Entzündungswerte sind sehr hoch." - "Welche Entzündungswerte?", fragte der Professor. Die Studentin schüttelte den Kopf. Vermutlich war ihr im letzten Moment aufgefallen, dass nur ein Entzündungswert bestimmt war und dieser sich im normalen Bereich befand.

Lange Rede, kurzer Sinn: Er wollte von mir wissen, was ich tun würde. Ich sagte: "Da die Nierenwerte in Ordnung zu sein scheinen, erstmal Vitamin B12 und Schilddrüse bestimmen." - Er zeigte mit der Spitze seines Kugelschreibers auf mich und sagte: "So machen wir das. Sobald die Werte da sind, kommen Sie zu mir und dann besprechen wir das. Einverstanden?" - Der Stationsarzt und der Oberarzt nickten betont gelangweilt. Ich lächelte und nickte ebenfalls.

Am Ende war es ein ausgeprägter Vitamin-B12-Mangel. Ob nur durch die streng vegane Ernährung bedingt oder ob es noch zusätzliche Ursachen (Magenschleimhaut-Entzündung, Aufnahmestörung) gab, müssen jetzt andere bestimmen, denn der Chefarzt wollte mich nach unserem Gespräch sofort auf einer anderen Station haben. "Im Stationsalltag der allgemeinen Inneren werden Sie sich langweilen. Sie haben das drauf, das merkt man sofort." - Ich wurde rot.

Er lud mich ein, auf eine Station zu kommen, auf der die ganzen "schwierigen" Fälle behandelt werden. Patienten mit entzündlichen Erkrankungen, bei denen die üblichen entzündungshemmenden Medikamente nicht oder nicht mehr wirken. Hauptsächlich Rheuma und Morbus Crohn (eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Verdauungstraktes). Im Rahmen einer Studie werden dort Patienten Antikörper gegeben, die im Labor gezüchtet wurden. Das ist natürlich sehr spannend und vor allem hatte ich es bislang nur mit sehr interessanten Persönlichkeiten zu tun. Also vom Busfahrer und Müllmann bis hin zu einer Personalchefin bei einer großen Versicherung und einem Bischof. Alle haben eins gemeinsam: Sie wissen über ihre Krankheit bestens Bescheid und haben sich meistens intensiv und auf unterschiedlichsten Ebenen damit auseinandergesetzt. Oftmals auch auf der ethischen. Gespräche mit dem Professor sind so, dass ich davon lerne. Und mich manchmal frage, ob das alles Mediziner sind. Und dann schnell merke, dass sie es nicht sind, denn ihre Kenntnis umfasst dieses sehr begrenzte Teilgebiet. Aber es ist faszinierend.

Und vor allem kein Hokuspokus. Am bisher Eindrucksvollsten war wohl eine 22jährige mit Morbus Crohn mit acht durch die Bauchdecke verlaufenden Fisteln. Das heißt, da waren zwischen Darm und Außenwelt Verbindungen gewachsen, aus denen dann ständig schmierig-schleimig blutender Darminhalt nach draußen blubberte. Ganz leckere Sache. Ich möchte nicht tauschen. Erst durch diese Antikörpertherapie gelang es, die Entzündung einzudämmen. Und was wirklich verblüfft: Die Fisteln schließen sich. Nicht, weil da einer operiert, sondern der Körper fragt sich irgendwann selbst, warum da Fisteln sind und verschließt die wieder. Vor den Antikörper-Infusionen hat er zugelassen oder durch sein eigenes Immunsystem sogar begünstigt, dass die dort wachsen können. Irre. Ein toller Einblick, aber auf lange Sicht für mich nicht das Richtige.

Man darf natürlich nicht vergessen, dass diese Therapie auch nicht ohne Risiko ist. Es gab weltweit hunderte Todesfälle. Allerdings darf man auch nicht vergessen, wie schwer krank diese Menschen sind und dass sie davor alle anderen Möglichkeiten und Therapien ausgeschöpft haben. Oft ist das ihre letzte Chance, und zusammen mit einer sorgfältigen Erhebung der Krankengeschichte und unter Beachtung der bisherigen Erfahrungen lässt sich das Risiko wohl ganz gut kalkulieren.

Samstag, 13. Januar 2018

Auch nix Paket

Ich versuche ja noch immer, meinen Artikel für 202 Euro zu bekommen. Im ersten Anlauf ist es ja gescheitert, und nachdem ich denen geschrieben habe, sie mögen meine Kohle umgehend zurückerstatten, da ich nicht für deren Versandunternehmen verantwortlich zu machen bin, bekam ich eine weitere Mail, dass das Paket laut Unterschrift der Nachbarin einwandfrei übergeben wurde. Wer anschließend das Paket geöffnet und die Ware zerstört habe, sei nicht mehr nachvollziehbar.

Da mit das zu doof ist und sich mein Anwalt immer über leicht verdientes Geld freut, hat er es nun an der Backe. Gemäß Sendungsverlauf wurde das Paket beschädigt und neu verpackt, und zwar bereits vor der ersten dokumentierten Zustellung (an meine Nachbarin, die beiden an mich, wo ich beim zweiten Mal "Annahme verweigert" draufgeschrieben habe, sind nicht dokumentiert - bei dem zweiten Mal ist er anscheinend direkt von mir zur Nachbarin gelaufen, obwohl ich fünf Minuten vorher gesagt habe, dass das Paket zurück geht).

Mein Anwalt hat gesagt, er fackelt nicht lange. Nachdem ich es ja im Guten versucht habe, hat er ohne weiteres Gelaber einen Mahnbescheid beantragt. Forderung aus unerlaubter Handlung. Drei juristische Sätze dazu. Seine Vergütung oben drauf. Nun bin ich mal gespannt.

Inzwischen habe ich denselben Artikel bei einem anderen Versandhändler bestellt. Für einen teureren Preis - dafür liefert er auch mit einem anderen Paketdienst. Angeblich habe ich die Ware inzwischen auch erhalten - zumindest laut Sendungsauskunft. Leider steht nicht dabei, wo sie wirklich geblieben ist. Wenn man das wissen möchte, muss man sich einloggen. Und dafür einem Vertragswerk zustimmen, das aus mehreren Unterverträgen besteht, mindestens 30 kleingedruckte Seiten hat und teilweise auf Englisch formuliert ist. Muss ich nun zum Erhalt meines Pakets erstmal eine internationale Anwaltskanzlei einschalten, die mir ein Rechtsgutachten erstellt, mit welchen Folgen es verbunden ist, wenn ich da einen Haken setze?

Der Absender sagte mir gestern, dass Frau Kahl diese Sendung für mich angenommen hat. Wer oder wo Frau Kahl allerdings ist, weiß wohl nur der Mitarbeiter des Paketdienstes. Und bis der sich dazu äußert, heißt es eben: Auch nix Paket.

Sonntag, 7. Januar 2018

Nix Paket

Wir haben es ja so gewollt. Wir wollen ja den örtlichen Handel nicht mehr unterstützen. Stattdessen die ganzen Paketdienste und die Versandunternehmen. Und auch wenn ich mich lieber beraten lasse, Dinge anschaue und vielleicht auch anfasse, und dafür am Ende 3 bis 20 Prozent mehr bezahle - ich habe fast keine Chance mehr. Ein Geschäft nach dem nächsten schließt oder ist bereits geschlossen, und die wenigen, die noch vor Ort sind, haben kaum noch Auswahl. Wir haben es so gewollt.

Also suche ich im Netz nach dem günstigsten Preis, scrolle bis zum ersten seriösen Händler und bestelle. Einen Artikel, den ich hier nicht bekomme, für 202 Euro. Am dritten Weihnachtstag. Da hatte ich ja Zeit dafür. Per Kreditkarte gezahlt, Versand kostenlos nach Hause - die Ware verlässt unser Lager noch am selben Tag! Wow.

Ich könnte das Ende der Arie vorweg nehmen, indem ich erwähne, dass ich bis heute noch keine Ware erhalten habe. Aber das wäre nicht so unterhaltsam.

Man mag ja so einem Versandhändler zugestehen, dass er nach Feiertagen (und insbesondere zwischen Feiertagen) sein Versprechen, die Ware verlässt am selben Tag sein Lager, nicht einhalten kann. Immerhin kommt am 02.01., also am vierten Werktag nach meiner Bestellung, der Paketbote zu mir. Kurz vor 17.00 Uhr klingelt er, stellt ein Paket auf meine Fußmatte und hält mir sein Gerät zur Unterschrift hin. Ich sehe, dass das Paket in Fetzen hängt und sage: "Oh, das möchte ich mir erstmal angucken."

Da auch der Inhalt schon klappert und klimpert, verweigere ich gleich die Annahme. Er hält mir wieder sein Gerät hin. "Nein, ich verweigere die Annahme." - "Du nix Paket?" - "Nein, das Paket ist kaputt. Geht zurück." - "Nix Paket?" - "Nein! Zurück!" - "Dein Paket hier. Nix Paket?" - "Nein! Annahme verweigert. Nix Paket, Paket zurück. Da: Kaputt. Broken. Return!" - "Ah." - Er klimperte auf seinem Gerät herum, hielt es mir wieder hin. Und fragte: "Du nix Paket?"

Nix Paket. Als er wieder weg war, schaute ich in die Sendungsverfolgung. "Das Paket ist beschädigt und wird zur Nachverpackung an eine Zustellbasis weitergeleitet. Wir bedauern die Unannehmlichkeiten. Die Zustellung wird sich um ein bis fünf Tage verlängern."

Am 03.01., gegen 17.00 Uhr, klingelt es erneut. Derselbe Paketbote. Mit demselben Paket. Dieses Mal mit ein paar hübschen braunen Klebestreifen an der Seite des Kartons, die gestern noch in Fetzen hing. Ob sie den Inhalt wohl auch geklebt haben? Wieder hält er mir sein Gerät hin. Ich hole einen dicken schwarzen Faserstift, lasse mir das Paket auf den Schoß stellen, streiche meine Adresse durch und schreibe "Annahme verweigert" in großen Lettern auf den Karton. Was dem Paketboten missfällt. "Nix Paket?"

"Nee. Nix Paket, finished, goodbye", sage ich ihm. Normalerweise rede ich nicht so. Ich möchte den Job nicht machen. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass man, bevor man jemanden alleine auf Tour schickt, nicht überprüft, ob er einen Führerschein hat und ob er "Annahme verweigert" versteht. Verarschen kann ich mich also auch alleine.

Zwei Stunden später klingelt es erneut an meiner Tür. Meine Nachbarin: "Huhu, ich hab Sie gar nicht kommen sehen. Ich habe ein Paket für Sie angenommen." - "Da steht doch groß drauf: Annahme verweigert." - "Ja, ich hab mich schon gewundert, wer das da drauf geschrieben hat."

Ich schreibe also eine Mail an den Absender. Der antwortet sofort: "Dann müssen Sie das Paket an uns zurücksenden." - Ich stehe dafür zwanzig Minuten in einer Filiale des Unternehmens an, zahle sieben Kröten dafür und bekomme heute eine Mail, dass die Ware wieder eingegangen, aber beschädigt sei. Man akzeptiere, dass ich von meinem Widerrufsrecht als Endverbraucher Gebrauch machen möchte, allerdings sei eine Erstattung des Kaufpreises ausgeschlossen, da der Inhalt nicht mehr verkaufsfähig sei.

Ich hätte eigentlich die Nachbarin, die das Paket angenommen hat, im Regen stehen lassen müssen. Gut gemeint ist mal wieder das Gegenteil von gut gemacht. Ich könnte kotzen.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Mal wieder Umzug

Ist ja schon wieder alles mögliche vorbei. Weihnachten vorbei. Silvester vorbei. Jahreswechsel vorbei. Neujahr vorbei. Dritter Praktikumstag in der neuen Klinik vorbei. Dritter Tag des dritten Drittels des praktischen Praktischen Jahres vorbei. Wobei das derselbe dritte Tag war. Und der erste und der zweite sind natürlich auch schon. Vorbei.

Tja. Ich bin ziemlich fertig. Körperlich ausgelaugt. Es waren anstrengende drei Wochen. In denen andere sich erholt haben. In denen ich Weihnachten und Neujahr gefeiert habe. Aber in denen ich auch viel regeln musste, was ich eigentlich schon viel früher geregelt haben wollte. Und nun bin ich bereits wieder Vollzeit beschäftigt, muss nebenbei noch für die letzte Prüfung lernen. Es reicht.

Was sich im letzten Jahr gedanklich verdichtet hat: Ich werde erstmal nicht zu dir zurück kehren. Hamburg, meine hübsche Liebe, du musst in den nächsten Jahren ohne mich auskommen. In dir zu wohnen ist, wenn auch teuer, zwar schön, aber in dir wohnen einfach zu viele Idioten, die mich nicht in Ruhe lassen können. Keine Sorge, ich komme dich sicherlich immer mal wieder besuchen. Und ich werde auch hin und wieder mal in dir schlafen, wenn du erlaubst. Aber mehr ist im Moment nicht drin.

Zum 31.12. musste ich auch meinen Krempel aus meiner Bude am letzten Studienort räumen. Dort hatte sich natürlich mal wieder eine Menge angesammelt. Für das letzte Drittel penne ich anfangs noch in meiner Mini-Ferienwohnung an der Ostsee und pendel täglich mit dem Auto - das passt irgendwie. Während der Prüfungszeit werde ich mir am letzten Studienort ein Hotelzimmer nehmen, das ist günstiger, als die Wohnung noch ein halbes Jahr zu behalten. Am letzten Studienort hält mich nichts. Und ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass das Kapitel beendet ist.

Im Moment wohne ich also in meinem gemütlichen Nest an der Ostsee, wo wir auch den Jahreswechsel gefeiert haben. Allerdings sind die Tage in dieser Mietwohnung ebenfalls gezählt, denn auch hier habe ich gekündigt. Ja, großer Umbruch. Hauptsächlich aus steuerlichen Gründen. Und weil die Wohnungsgröße zum dauerhaften Wohnen nicht reicht. Zumindest nicht, wenn frau im Rollstuhl sitzt. Für Ferien, für ein Wochenende oder mal eine Woche im Sommer war es super und die Wohnung ist mir auch sehr ans Herz gewachsen, aber ich brauche etwas, wo ich dauerhaft bequem wohnen kann.

Entscheidend war auch, dass ich mich zum Jahreswechsel um meine Kohle kümmern musste. Bis Ende 2015 profitierte ich noch von einer Geldanlage, die mir aufgrund der langen Laufzeit feste Zinsen in aus heutiger Sicht traumhafter Höhe eingespült hat. Nachdem die aktuelle Zinspolitik aber Vermögen auf Sparkonten verbrennt, habe ich 2015 meine Kohle in physisches Edelmetall und in Aktienfonds deponieren lassen. Das Metall hat in den letzten zwei Jahren jeweils über 6% an Wert gewonnen, die Aktien ziemlich genau 4%. Das Metall fasse ich nicht an, aber einen Teil der Aktiensumme habe ich nun, bevor der nächste Börsencrash kommt, in Wohneigentum verwandelt.

Etwa 10 Kilometer von meinem gemütlichen Nest entfernt hatte jemand barrierearm gebaut, sich dann aus privaten, beruflichen, finanziellen oder whatever Gründen aber anders entschieden. Ich habe keine Ahnung, warum man so etwas macht, vielleicht gab es eine Trennung oder einen Verlust - dieser Mensch wollte nur noch verkaufen. Ich habe diese Information von meiner Bank bekommen, die eigentlich nur nach einer Eigentumswohnung suchen sollte und meinte, barrierefrei finde sich in den nächsten fünf Jahren wohl nix. Eigentlich wollte man mich gar nicht kontaktieren, weil ich nach einer Wohnung gefragt habe... Danach ging alles relativ schnell. Wann bekommt man schonmal ein komplett barrierefreies Haus an der Ostsee angeboten, noch dazu zu einem relativ fairen Preis?

Es handelt sich um einen unterkellerter Bungalow mit ausgebautem Dachboden. Wohnfläche rund 160 m², Grundstücksgröße etwa 700 m², allerdings ist bis auf eine gepflasterte Auffahrt derzeit alles noch Acker. Gut isoliert, Gasheizung mit Brennwerttechnik, ergänzendes Wärmedings auf dem Dach, große Eckbadewanne, Dusche, Gäste-WC, großes Wohnzimmer, alles grau gefliest mit weißen Wänden, Einbauküche fehlt noch. Elektrische Rolläden vor allen Fenstern, hübscher Kamin im Wohnzimmer - was will man mehr? Achso ja, nicht alleine wohnen. Nein, Schatzi zieht nicht mit ein. Aber Marie hat sich dazu entschieden. Soll heißen: Es gibt ein großes Wohnzimmer mit (noch nicht) Küche und jeweils ein eigenes Zimmer für jeden von uns. Wobei sie erst richtig einziehen wird, wenn sie mit ihrer Prüfung fertig ist.

Plus ein Gästezimmer (wer will?). Und einen ausgebauten Dachboden. Der ebenfalls erstmal unbewohnt bleiben wird. Schaun wir mal.

Steuerliche Gründe hatte ich erwähnt. Bis jetzt habe ich nur auf die Zinsen, die ich bis 2015 für meine Sparverträge bekommen habe, kräftig Steuern gezahlt. Worüber ich mich überhaupt nicht beschweren will. In 2016 und in 2017 musste ich überhaupt keine Steuern zahlen, da ich ja kein eigenes Geld verdient habe. Bei der Umwandlung von den Aktien in Kohle für das jetzige Haus habe ich den Jahreswechsel optimal ausnutzen können. Soll heißen: Meine Bank war so freundlich, mir für zwei Wochen eine nicht unerhebliche Summe zu leihen. Das hat mich zwar etwas über 300 € gekostet, allerdings habe ich dadurch rund 7.000 € Steuern gespart, die ich hätte zahlen müssen, wenn ich die ganze benötigte Aktienkohle auf einmal umgewandelt hätte (also innerhalb eines Kalenderjahres, Stichwort: Abgeltungssteuer).

Ein Teil der Kaufsumme wird über einen staatlichen Zuschuss für Niedrigenergiebau finanziert, ein weiterer Teil über einen fast zinslosen Kredit aus dem gleichen Stall. Weil: Es gibt einen Tilgungszuschuss und die jährlichen Zinsen sind deutlich niedriger als die Inflation. Es wäre also ungünstiger, keinen Kredit aufzunehmen, selbst dann, wenn die Kohle vorhanden ist. Klingt verrückt, ist aber so.

Wenn ich jetzt im Sommer einen Job annehme, um damit meine Facharztausbildung zu bekommen, werde ich voraussichtlich unter der Woche wieder woanders wohnen müssen. Und dafür wieder Miete an dem Ort zahlen müssen. Das ist aus steuerlicher Sicht aber günstiger, als wenn ich zwei Wohnungen miete. Eine am Arbeitsplatz und ein kuscheliges Nest an der Ostsee. Klingt auch verrückt, ist aber auch so. Aber wenn ich Marie wieder in meiner Nähe habe, habe ich schon gewonnen.

Was jetzt noch dringend fehlt, ist ein vernünftiger Zaun um das Grundstück, ein gepflasterter Carport und ein Treppenlift im Haus. Der Häuslebauer hatte wohl geplant, den Dachboden für sich zu nutzen und seinen behinderten Angehörigen nur ins Erdgeschoss zu lassen, aber das ist nichts für mich. Ich muss auch in das Obergeschoss kommen. Allerdings nehmen Plattformlifte, auf die man mit dem Rollstuhl drauf fahren kann, zu viel Platz weg und sind zu teuer. Vermutlich wird es also ein einfacher Treppenlift - und oben steht dann ein zweiter Rollstuhl. In den Keller muss ich hingegen nicht unbedingt. Angesichts des Preises (wird fünfstellig), überlegt man sich schon zwei Mal, ob man einen oder zwei Lifte einbauen lässt. Und nach unten und nach oben sind halt zwei Lifte.

Und dann freue ich mich auf den nächsten Sommer. Wenn ich mit dem Handbike zehn Minuten zum Strand brauche.