Montag, 16. April 2018

Ich heirate eine Cousine

Vorurteile zur Entstehung einer körperlichen Beeinträchtigung gibt es viele. Auch viele hartnäckige. So werde ich regelmäßig gefragt, ob ich kurz nach Erwerb des Führerscheins einen Motorradunfall (oder ersatzweise einen selbst verschuldeten Autounfall) hatte. Teilweise getragen von Mitleid, teilweise aber auch von der Befürchtung, was diese junge Frau den Staat - und damit jeden einzelnen Steuerzahler - wohl alles kosten könnte. Dass diese Art von Fragen oftmals Menschen stellen, die sich abseits der Umsatzsteuer eher wenig an der Finanzierung des Allgemeinwohls beteiligen, ist natürlich auch ein Vorurteil.

Wer in Bio aufgepasst hat, weiß, dass es nicht der Storch ist, der die Augenfarbe der Babys bestimmt. Eine codierte Erbinformation gibt es von der Mutter, eine vom Vater, beide verschmelzen, und sofern keine Störfaktoren wie Gen-Mutationen oder Einflüsse auf die Produktion des farbgebenden Melanins vorliegen, bekommt das Kind blaue Augen. Aber nur, wenn nicht eins der beiden Elternteile grüne Augen vererbt, denn die gehen vor. Oder braune, die setzen sich gegen blau und gegen grün durch.

Soweit, so braun. Selbst wer braune Augen hat, kann ein überwältigtes blau in den Erbinformationen haben. Wenn der Partner dann blaue Augen hat, könnte das Kind auch nicht-braune Augen bekommen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei vor allem, dass der genetische Code nicht so simpel ist, dass sich mit ihm drei Farben ganz einfach erklären lassen. Und genau das ist wichtig, wenn wir nicht alle gleich sein wollen. Vor allem nicht gleich krank. Wenn Papa eine bestimmte Form des Darmkrebs hat, profitiert das Enkelkind von jenen Informationen aus dem großen Genpool, die genau diesen unerwünschten Code nicht enthalten und idealerweise damit die weitergereichte Krebs-Bauanleitung überschreiben.

Die Chance, dass Verwandte ähnliche Erbinformationen tragen und weitergeben, nimmt mit jedem Kind, das innerhalb eines engen Familienkreises gezeugt wird, erheblich zu. Das sollte bei jedem, der Kinder zeugen kann, im Grundwissen verankert sein.

In Deutschland gab es 2015 rund 7,6 Millionen Menschen, die einen Schwerbehindertenausweis haben. Rund 174.000 davon waren unter 18 Jahren, das sind rund 9.000 Kinder und Jugendliche mehr als vier Jahre zuvor. Bei minderjährigen Menschen mit Migrationshintergrund sank diese Zahl laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes (Robert-Koch-Institut und Statistisches Bundesamt) in diesen vier Jahren allerdings um 4,6 Prozent.

Und was sagt uns das?

Nichts. Rein gar nichts. Denn in unserem Land ist derzeit zum Glück niemand verpflichtet, seine gesundheitliche Einschränkung registrieren zu lassen. Ich kann selbst entscheiden, ob ich einen Schwerbehindertenausweis beantrage. Und selbst wenn ich einen besitze, kann ich ihn jederzeit zurückgeben und künftig auf diese Sozialleistung verzichten. Ich kenne genügend Eltern, die überhaupt nicht darüber nachdenken, für ihr Kind so ein Ding zu beantragen. Und falls man in Deutschland sowieso keine Steuern zahlt, fällt ein wesentlicher Vorteil, nämlich eine Vergünstigung der Einkommenssteuer, ohnehin flach.

Es gibt also keine Verpflichtung, so ein Ding zu beantragen. Es gibt folglich in Deutschland derzeit auch keine Verpflichtung, sich durch eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten, mit einem gelben Blitz mit schwarzem Rand oder durch einen gelben sechszackigen Stern auf dem Hoodie zu kennzeichnen - oder sich einem Gentest zu unterziehen, der bei Behinderung auch für die Eltern verpflichtend und notfalls mit Haftbefehlen durchgesetzt wird. Entsprechend taugen bislang erhobene Zahlen auch meines behinderten Erachtens rein gar nicht für eine Auswertung, aus der sich weitere Schlussfolgerungen über Menschen mit Behinderung ziehen lassen. Und selbst wenn die Zahlen derjeniger, die einen Ausweis beantragt haben, als Grundlage für Informationen herangezogen werden, wären sie doch immerhin - und zumindest für die Zukunft - leicht manipulierbar.

Eine im Deutschen Bundestag vertretene Fraktion möchte derzeit von der Bundesregierung im Rahmen einer Kleinen Anfrage auf Grundlage dieser (!) statistischen Zahlen wissen, wie sich "die Zahl der Behinderten seit 2012 [...] insbesondere [...] die durch Heirat innerhalb der Familie entstandenen" entwickelt habe und "wie viele Fälle [davon] einen Migrationshintergrund" haben. (Quelle)

Durch Heirat innerhalb der Familie entstandene Behinderte?

Nun ja, man sollte nichts totschweigen. Und wenn man etwas für die Gesundheit unserer Kinder tun möchte, sollte man auch gleich weiterfragen: Wie oft verursachen Alkohol, Nikotin und andere Suchtgifte eine Einschränkung beim ungeborenen Kind aus muslimischen Familien? Das wäre kein Whataboutism, um Himmels Willen auch keine Rechtfertigung für tatsächlich bestehende Probleme, sondern nur konsequent. Und am Rande würde mich dann noch interessieren (falls noch Kapazitäten vorhanden sind): Wieviele Idioten sind eigentlich entstanden, nachdem ihnen jemand exzessiv in den Genpool gepinkelt hat? Und wieviel Prozent davon (aufgeschlüsselt nach Parteien) sitzen derzeit im Deutschen Bundestag?

Sonntag, 15. April 2018

Turnhallenwurst

Ich bin fertig. Den letzten Tag des Praktischen Jahres habe ich überstanden. Ich habe keinen Bock mehr. Ich möchte endlich mein letztes Examen hinter mich bringen und mein Studium abschließen. Ich möchte Gewissheit haben. Und ich möchte sogar diesen Abschnitt meines Lebens abschließen. Auch wenn ich mein Studium zügig, vielleicht sogar im Galopp, durchgezogen habe, und damit sogar schneller war als Marie, die erst im Herbst fertig wird, fand ich es irgendwie viel zu lang.

Am allerletzten Tag gab ich ein Frühstück für die Kolleginnen und Kollegen aus. Wie auch schon zum jeweiligen Ende der letzten beiden Drittel. Dieses Mal verabschiedeten sich allerdings meine Kolleginnen und Kollegen auch mit mehr als nur einem Händedruck. Nachdem der Osterhase in diesem Jahr bereits eskaliert ist, kann ich jetzt ganz sicher meine ganze Straße zum Schokoladen-Fondue einladen.

Und, was eher beschissen war, einer tanzt ja immer aus der Reihe. So gab es am Rande einen Dialog mit einem approbierten Kollegen, den ich noch nie leiden konnte - und der es seinerseits offenbar nicht leiden konnte, dass ich in dem Moment kurz zuvor mehr Aufmerksamkeit bekommen hatte als er in einer ganzen Woche. Sobald ein Mann Sexualität zu völlig unpassender Gelegenheit ins Spiel bringt, möchte er, so meine These, Dominanz zeigen. Damit meine ich nicht diejenigen lieben Menschen, mit denen man auch über schwierige Themen reden kann, sondern sowas hier: "Ich dachte, du wolltest Ende März schon weg sein." - "Ich hatte mir eine Grippe eingefangen und musste 14 Tage dranhängen." - "Das hättest du aber auch einfacher haben können." - "Nämlich wie?" - "Zum Beispiel Beine breit machen. Machen viele Studentinnen so. Und dem Chef ist doch vor zwei Jahren die Frau weggelaufen. Auch wenn er froh sein kann, dass er die Alte los ist, wäre es so bestimmt schneller für dich gegangen. Sag mal, was ich dich schon immer mal fragen wollte: Dass Querschnitte poppen können, hat sich ja rumgesprochen, sogar unter Internisten. Aber ist deine eigentlich schön straff oder ist es wegen der Lähmung eher so, dass Mann dabei das Gefühl hat, man wirft ein Würstchen durch eine Turnhalle?"

Ich saß da mit einem Blumenstrauß und ganz viel Schokolade auf dem Schoß und guckte ihn ungläubig an. Erwachsen? Studiert? Wirklich jetzt? Ich war nicht auf so etwas derart Dämliches und Ekliges vorbereitet, sonst hätte ich ihn schon nach dem "Beine breit machen" aufgefordert, den Rest runterzuschlucken. Irgendwie imponierte er mir aber überhaupt nicht. Früher hätte ich vermutlich geheult. Nicht sofort, aber sobald er weg gewesen wäre. In völlig ruhigem Ton sagte ich ganz langsam: "Du bist ein kleiner, schmieriger Mistbock. Und wir sollten beide schnell vergessen, was du eben gesagt hast." - Er nickte und machte dazu ein dämliches Gesicht. Ich drückte ihm eine Tafel Schokolade in die Hand und sagte: "Da, nimm. Ist für dich. Und sei nicht traurig, irgendwann findet dein Würstchen bestimmt den Weg in eine geeignete Turnhalle. Bye!" - Was für ein bedauernswerter Mensch. So schlecht sozialisiert.

Als ich im Aufzug stand, musste ich über mich grinsen.

Samstag, 14. April 2018

Lukas

Ich komme derzeit nicht so oft zum Schwimmtraining wie ich es gerne möchte. Ich hoffe sehr, dass ich das demnächst ein wenig ändert. Mindestens einmal pro Woche versuche ich aber derzeit dennoch, mindestens neunzig Minuten durch das Wasser zu pflügen. Zwei Kilometer möchte ich schon schaffen.

Beim letzten Mal hielt ich nebenbei noch nach Lukas Ausschau. Ich versuchte herauszufinden, wer der junge Mann sein könnte, der seiner Mutter so viel über mich erzählt hat, obwohl er mich eigentlich nur vom Sehen kennen kann. Vom Sehen - und vielleicht haben wir mal "Hallo" gesagt. Aber so sehr ich mich auch umschaute, mir fiel niemand auf, der sich irgendwie anders benahm oder mich vielleicht sogar beobachtete. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, eine andere Sportlerin zu fragen: Lukas sei heute nicht da, antwortete sie.

Am Tag danach hatten wir endlich mal Sonnenschein, und da ja nicht immer nur Lernen auf der Tagesordnung stehen kann, holte ich mein Rennbike aus der Garage und schaffte insgesamt 32 Kilometer. Vier Kilometer fahre ich zunächst über Feldwege, die zwar gepflastert, aber oft sehr ruckelig sind, dann allerdings geht es zwölf Kilometer über eine für Radfahrer offene Promenade, direkt an der Ostsee. Diese Promenade ist durchgehend geteert, sechs Meter breit und für Autos gesperrt. Und ohne großartige Steigungen oder Gefälle. Ideale Bedingungen, um auch mal ein wenig Geschwindigkeit aufzunehmen. Im Sommer geht das tagsüber eher nicht, da dann zu viele Kinder kreuz und quer laufen, die an den Strand wollen. Aber dann halt abends. Nach 12 Kilometern wende ich und fahre denselben Weg zurück.

Mit der Wende hatte Lukas offenbar nicht gerechnet. Bis dahin hatte ich auch gar nicht mitbekommen, dass er mich verfolgt. Auch wusste ich im ersten Moment nicht, dass er mich überhaupt verfolgt hatte. Und auch nicht, dass es Lukas war. Ich bemerkte nur einen jungen Mann, der scheinbar zufällig denselben Weg wie ich hatte, und der jetzt, wo ich stehen blieb, ebenfalls mit seinem Fahrrad stehen blieb, abstieg und sich betont unauffällig an seinen Schuhen zu schaffen machte, ohne dass ein Schnürsenkel offen war oder ähnliches. Er guckte mich an, beobachtete mich, und immer wenn ich ihn fokussierte, schaute er weg. Im ersten Moment dachte ich noch, es wäre vielleicht jemand, der noch nie so ein Liege-Bike gesehen hat und einfach nur mal gaffen möchte. Aber dann wurde es mir fast schon irgendwie unheimlich.

Ich hatte inzwischen gewendet, rollte direkt auf ihn zu und sprach ihn an: "Na, alles gut bei dir?" - "Ja, ich bin ganz zufällig hier. Schön, dass wir uns auch mal außerhalb der Schwimmhalle treffen. Trainierst du für einen Wettkampf?" - Jetzt dämmerte es mir. Als ich ihn ganz locker-flockig fragte, was er gerade macht, wurde er dunkelrot im Gesicht, am Hals und an den Ohren und stammelte, er wollte sich bei einer nahe gelegenen Fahrradvermietung nach den Preisen erkundigen. "Soll ich hier kurz auf dich warten und wir fahren dann zusammen zurück?" - Er nickte. Was mir ganz gelegen kam, denn ich musste mal für kleine eingestaubte Triathletinnen.

Als er nach fünf Minuten wieder da war, fragte ich nicht, ob er erfolgreich war. Denn wenn er sich wirklich für die Preise interessiert hätte, hätte er ja auch von zu Hause das Internet befragen können. "Hat deine Mutter dir erzählt, dass sie mich neulich im Supermarkt getroffen hat? Falls ich jetzt gerade nichts durcheinander bekomme." - "Ja, hat sie. Was hat sie denn zu dir gesagt?" - "Sie kam gleich auf mich zu und fragte mich, ob ich neuerdings im Schwimmverein trainiere. Ich hatte mich zuerst ein wenig gewundert." - "Ich hatte ihr das erzählt, dass jetzt neuerdings eine Frau im Rollstuhl bei uns trainiert. Und sie erzählte dann, dass sie dich beim Einkaufen getroffen hatte. Hat sie sonst noch was gesagt?" - "Ich musste ganz schnell weiter, weil ich Besuch zu Hause hatte." - "Dein Freund? Entschuldigung, geht mich nichts an." - "Ich habe keinen Freund im Moment." - Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich fragte ihn: "Hast du denn eine Freundin?" - Er schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: "Und hattest du schonmal eine?" - Wieder schüttelte er den Kopf. Er ist 17, wie ich nebenbei herausfand.

Ob er nun wirklich in mich verknallt ist, weiß ich nicht. Ich glaube schon, aber ich kann nicht ausschließen, dass es auch nur eine Schwärmerei ist. Oder er mich einfach gerne mag. Ich warte einfach mal ab, was so passiert. Und fühle mich geschmeichelt. Auch wenn er niemand ist, der altersmäßig in mein "Beuteschema" passt. Und während es mit zunehmendem Alter ja immer weniger auf das Alter des Partners ankommt, wundert es mich schon, dass er mit 17 ausgerechnet mich anschaut. Aber ich will es gar nicht bewerten.

Sonntag, 1. April 2018

Angucken

Eigentlich war mal geplant, dass Marie und ich ein schönes Osterwochenende an das Ostsee verbringen, die Sonne anbeten und mindestens neun Dreiviertelstunden (also zusammengerechnet sechsdreiviertel Stunden) mit dem Handbike am Meer entlang fahren. Stattdessen liegt hier matschiger Schnee, am Himmel vermischen sich dreiundsiebzig verschiedene Grautöne miteinander und der eiskalte Wind weht mindestens mit Stärke 5. Von vorne. Immer.

Also gibt es heute Osterfeuer im Kamin, warme Waffeln mit heißen Himbeeren und warmem Vanille-Eis und jede Menge Entspannung. Als hätte ich nicht in der letzten Nacht schon 14 Stunden durchgeschlafen. Wie es im Moment ständig vorkommt. Mein Leben besteht derzeit nur noch aus Schlafen, Lernen und Praktischem Jahr. Und ja, mein Vitaminspiegel ist im Normbereich. Es ist halt sehr anstregend. Und um die vielfach gestellte und mehrfach beantwortete Frage auch nochmal aufzugreifen, ob meine Unfallkasse noch immer jenen Teil der Rente zahlt, der wegfällt, sobald ich meinen Lebensunterhalt durch einen eigenen Job nachhaltig sichern kann: Ja, zahlt sie. Weil ich noch keinen eigenen Job habe, mit dem ich meinen Lebensunterhalt nachhaltig sichern könnte.

Das wird sich ändern, wenn ich meinen ersten Job antrete und Geld verdiene. Ich habe bereits ein sehr gutes Angebot, allerdings verhandel ich da noch über meinen Sommerurlaub. Die wollen mich ab Juni einstellen, ich möchte aber im August vier Wochen Urlaub machen. Weil ich im ganzen letzten Praktikumsjahr so gut wie keinen Urlaub hatte. Schließlich werden Krankheitstage auf den "Urlaub" angerechnet. Derzeit steht im Vertrag noch ein halbes Jahr Urlaubssperre drin. Das heißt: Ich müsste dann, weil es im Dezember vermutlich auch nicht klappt, weil alle Kollegen mit Kindern frei haben wollen, meinen kompletten Jahresurlaub nach 2019 mitnehmen. Nachdem ich seit Sommer 2017 keinen Urlaub mehr gehabt habe. Nein, nein, und nochmals nein. Aber sie werden schon darauf eingehen, ansonsten fange ich erst ab September oder eben ganz woanders an. Basta!

Während Marie in die Badewanne wollte, habe ich den Morgen des Ostersamstags zum Einkaufen genutzt. Am Donnerstag habe ich es zu den außerhalb von Großstädten doch oft recht verkürzten Öffnungszeiten nicht mehr geschafft. Es war voller als mir lieb war, aber dennoch leerer als ich befürchtet hatte. Kreischende Kinder, die viel lieber im Bett geblieben wären, ältere Damen, die noch eben drei Äpfel vergessen hatten und eine Frau mit vermutlich drei Promille Restalkohol. Hielt sich krampfhaft an ihrem Einkaufswagen fest, rammte erstmal einen Pappaufsteller mit Schokohasen auf die Seite und hielt dreißig Zentimeter vor mir an. "Rechts vor links!", lallte sie mich an, von vorne kommend. Ich fragte: "Und wer von uns beiden ist jetzt rechts und wer ist links?" - "Du bist links. Aus dem Weg." - Mir klaren Ansagen kann ich leben.

Vor den Wurst-SB-Kühlschränken ist immer sehr wenig Platz. Eine Frau kam mir mit einem Hackenporsche entgegen und sprach laut mit sich selbst, mich dabei anstarrend: "Oh nein, oh nein, jetzt haben wir ein Problem." - "Kann ich helfen?" - "Ja, ich muss dahinten hin", sagte sie und zeigte in meine Richtung. Und fuhr fort: "Wenn ich Sie jetzt nicht frage, ob Sie mich durchlassen, muss ich ganz außen herum fahren." - "Dann fahr ich eben außen herum." - "Ja, das ist gut. Oh nein, jetzt haben Sie meine Schinkenwürfel nicht mehr. Jetzt habe ich zwei Probleme."

Während ich seufzend in den Kühlschrank guckte und feststellte, dass nicht nur die Schinkenwürfel ausverkauft waren, merkte ich ein leichtes Gefühl von plötzlichem Heißhunger, wie bei einer Unterzuckerung, gleichzeitig wurde mir etwas übel, als wenn ich zu viel gegessen hatte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ah! Meine Blase möchte mir mitteilen, dass sie gleich voll ist. Aber wie konnte das sein, ich war doch vor 20 Minuten noch zu Hause auf Klo? Zum Glück hat dieser Supermarkt ein sehr sauberes Kunden-WC, in das man sogar mit dem Rollstuhl hineinkommt. Es ist kein Rolliklo, sondern ein Raum mit ausreichend breiter Tür.

Leider hatte (Achtung! Eklig!) in der letzten Viertelstunde wohl jemand seine Ostereier nicht vertragen und beim Kotzen die Schüssel nur halbherzig anvisiert. Vielleicht lag es auch an dem Likörchen dazu. Falls ich anhand der Konsistenz und des Geruchs einen Tipp abgeben darf: Rhabarber-Erdbeere. Im selben Moment kam eine Mitarbeiterin um die Ecke, sah die Bescherung ebenfalls, fing fast zu weinen an und sagte: "Ich hatte das gerade geputzt." - Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man so etwas so hinterlassen kann. Dass mal etwas passieren kann, steht außer Frage. Aber dann mache ich das doch entweder wieder weg oder, wenn es mir wirklich so schlecht geht, sage ich zumindest mal Bescheid und hinterlasse meinen Namen. Ich hasse diese Menschen, die irgendwas anstellen und dann hoffen, dass das niemand gesehen hat, niemand mit ihnen in Verbindung bringt oder wenigstens nicht nachweisen kann. Und dann vielleicht noch lügen - und hinterher lachend betonen, dass eine Lüge ja eine legitime juristische Möglichkeit ist, sich zu wehren. (Gegen denjenigen, dessen Eigentum man gerade zerstört oder versaut hat.)

Regelmäßig wird mir die Frage gestellt, ob alle Rollstuhlfahrer Windeln tragen. Nein, tun sie nicht. Viele nehmen Tabletten, die auf das Nervensystem so einwirken, dass die Blase sich nicht mehr selbständig entleeren kann. Und müssen dann alle vier Stunden einen Einmalkatheter durch die Harnröhre schieben, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Einige lassen sich auch alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen, so dass dieser anschwillt und man die Blase ebenfalls nur noch mittels Katheter entleert bekommt. Da ich zwei bis fünf Minuten bevor meine Blase sich entleeren möchte die beschriebenen Wahrnehmungen habe, fresse ich weder irgendwelche Chemie noch lasse ich mir irgendwelche Neurotoxine spritzen. Die Chemie hat bei mir ganz erhebliche Nebenwirkungen - und für die mitlesenden kritischen Experten: Druck und Restharn sind unspektakulär.

Problem nur: Ich muss auf meinen Körper hören und brauche dann auch zügig ein Klo. Ich kann natürlich, eben gerade bevor ich das Haus verlasse, meine Blase, auch durch das oben beschriebene kurzzeitige Kathetern, entleeren und sollte dann zwei bis fünf Stunden Ruhe haben. Sollte. Entsprechend stand ich an der Wursttheke an, um dort das zu kaufen, was im SB-Regal nicht mehr verfügbar war, und pinkelte mir erstmal gemütlich in meine Windel. Mir graut vor dem Tag, an dem ich sie vergessen habe und das erst mit der größer werdenden Pfütze unter meinem Rollstuhl merke. Während alle mich anstarren. Hurra.

Nach zehn Minuten kam ich endlich dran. Danach wollte ich zur Kasse, wurde aber erneut aufgehalten. "Entschuldigung, sind Sie nicht neuerdings hin und wieder hier in der Schwimmhalle beim Schwimmtraining?" - "Kann schon sein, warum?" - "Mein Sohn trainiert da auch im Verein. Lukas. Es ist gut, dass wir uns mal treffen."

Häh? Wieso ist das jetzt gut? Und welcher Lukas überhaupt? Sie fuhr fort: "Er hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich glaube ja, er hat sich total in Sie verguckt, obwohl er das natürlich nicht zugibt. Oder vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechpartnerin für ihn. Jedenfalls freut es mich, dass wir uns mal kennenlernen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass er endlich mal jemanden gefunden hat, und ich gönne ihm das sehr. Allerdings würde ich Sie auch bitten, seine Unerfahrenheit nicht auszunutzen. Er weiß noch gar nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll, verstehen Sie?"

What?! Davon habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Ist der überhaupt schon volljährig? Ein Teenie hat sich in mich verknallt. Glaubt die Mutter. Aber Mütter haben meistens einen sechsten Sinn für sowas. Ich werd verrückt! Nur wie komme ich jetzt aus diesem Gespräch raus? Sie guckte mich mit großen Augen und einem erwartungsvollen Blick an. Ich sagte, und das war alles, was mir in dem Moment einfiel: "Ich verstehe. Aber bevor er nicht mit Ihnen darüber spricht, sollten wir auch nicht weiter darüber sprechen."

Nun guckte sie mich mit großen Augen und ernstem Blick an. Dann plötzlich lächelte sie und sagte: "Das ist eine sehr aufrichtige Haltung. Dann muss er mich nicht anlügen. Das gefällt mir. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht." - Wir? Eigentlich wollte ich mich mit ihr jetzt nicht solidarisieren. Aber egal. "Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest", sagte ich und verabschiedete mich. Sie suchte Erdbeerjoghurt, ich nutzte die Chance, zur Kasse zu kommen.

Als ich zu Hause ankam, lag Marie noch immer in der Badewanne. Tiefenentspannt. Mit geschlossenen Augen fragte sie mich: "Na, war es schlimm?" - "Hör bloß auf. Lauter betrunkene und verrückte Menschen, ich habe einen neuen Freund und meine Hose ist nass." - "Was für einen neuen Freund?" - "Ich habe gerade die Mutter von einem jungen Mann aus dem Schwimmverein getroffen. Sie sagt, er sei wohl in mich verknallt." - Jetzt gingen ihre Augen auf. "Nein. Im Ernst? Und du?" - "Ich weiß nicht mal, wer das genau ist. Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann mich auch täuschen." - "Wann gehst du wieder trainieren und darf ich mit?" - "Schaun wir mal. Ich will jetzt erstmal duschen." - "Hast du dich angepinkelt?" - "Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich war vorher extra nochmal auf dem Klo." - "Ich muss auch in einer Tour. Ich habe diesen Kräutertee von deinen komischen Nachbarn in Verdacht. Da ist bestimmt irgendwas Harntreibendes drin." - "Wieso komisch? Die sind nett. Aber das kann tatsächlich sein. Den packen wir erstmal zur Seite. Obwohl er gut geschmeckt hat." - "Wer Rollstuhlfahrern harntreibenden Tee schenkt, muss komisch sein."

Marie in der Wanne, ich in der Dusche. Marie: "Und meinst du, der Typ könnte was für dich sein?" - "Ein Teenie?" - "Warum nicht?" - "Er hatte noch nie jemanden. Ist schüchtern. Lügt seine Mutter an. Hat bestimmt ganz andere Interessen als ich. Onlinegames und aufgemotzte Autos oder so. Oder ist vielleicht noch nicht mal volljährig." - "Guck ihn dir doch erstmal an."

Guck ich ihn mir an?! Frohe Ostern!

Freitag, 30. März 2018

Viertel der Miete

Ich bin immer noch nicht richtig wieder fit. Sowohl die Bronchitis als auch die Grippe sind schon seit Wochen nicht mehr akut, aber ich habe noch immer hin und wieder Reizhusten und ich fühle mich noch immer schnell außer Atem. Es fehlen noch die letzten fünf bis zehn Prozent, bis ich mich wieder richtig gut fühle. Und die lassen dieses Mal besonders lange auf sich warten.

Normalerweise wäre ich jetzt fertig mit meinem Praktischen Jahr. Würde noch vier bis sechs Wochen lernen und hätte dann meine letzte (praktische) Prüfung. Aber da ich ja zwei Wochen mit Grippe flach lag, muss ich nun diese zwei Wochen noch dranhängen. Aber man ist sehr gnädig mit mir und lässt mich ungewöhnlich pünktlich nach Hause.

Mein kuscheliger Chef ist zwar nach wie vor kuschelig, scheint aber einen Rahmen gefunden zu haben. Also er wird nicht noch aufdringlicher. Und er hat mich gegen eine kleine, giftige Pflegehilfe verteidigt. Was ich aber nur durch Zufall mitbekommen habe: Ich bin ja nach wie vor und auch noch die nächsten zwei Wochen auf einer Tagesstation, die Menschen mit entzündlichen Erkrankungen (hauptsächlich Darmkrankheiten) mit einem hochwirksamen aber auch sehr gefährlichen Medikament versorgt werden, das nur in dieser Umgebung verabreicht werden darf. Die Patienten bekommen das über einen Tropf und müssen eine bestimmte Zeit vor Ort bleiben, damit man sicher ist, dass alles gut vertragen wurde.

Nun gibt es eine Patientin, Ende 40, die zu ihrer chronischen entzündlichen Darmerkrankung mit ständigem Durchfall auch noch eine Zuckerkrankheit hat. Oder umgekehrt: Die Zuckerkrankheit ist bereits aufgetreten, als sie noch Kind war. Zudem fehlt der Dame ein Bein. Ob durch schlechte medikamentöse Behandlung der Zuckerkrankheit oder aus anderen Gründen, ist mir nicht bekannt, jedenfalls rennt sie mit einer Oberschenkelprothese durch die Gegend und kann schlecht auf einer Stelle stehen. Somit hat sie sich wohl, anstatt sich am Empfang in die Schlange zu stellen, einfach auf den ersten nicht belegten (und auch noch nicht sauber gemachten) Behandlungsstuhl gesetzt.

Plötzlich kommt Hektik auf, weil diese Dame ohnmächtig vom Behandlungsstuhl gekippt ist und mit blutender Kopfwunde auf dem Fußboden liegt. Ein anderer Patient sieht das im Vorbeigehen und spricht mich, vier Räume weiter, an, ob ich mir das mal ansehen möchte. Eine Mitarbeiterin, eben diese kleine giftige, hat das auch bereits mitbekommen und empfängt mich mit: "Holen Sie den Notfallwagen. Ach nee, das können Sie ja nicht. Bleiben Sie bei der Patientin, ich hole den Notfallwagen. Verdacht auf Allergieschock!" - "Was denn für eine Allergie?" - "Bestimmt nicht gegen Katzen, oder sehen Sie hier eine?" - "Bleiben Sie mal sachlich! Machen Sie bitte mal einen Glukose-Test."

Atmung, Puls, Gesichtsfarbe, Hautbeschaffenheit - das sah alles nicht nach einem allergischen Schock aus. Und noch bevor das EKG dran war, wussten wir, dass sie einen Zuckergehalt von 1,3 mmol/l, entsprechend 23 mg/dl im Blut hatte. Normal wären so 5-6 mmol/l oder 90-110 mg/dl. Bei einer Diabetikerin kann das auch in etwas größerem Rahmen schwanken, ohne dass es gleich gefährlich ist, aber dieser gemessene Wert traf nicht nur eine klare Aussage über die Ursache ihrer Bewusstlosigkeit, sondern auch darüber, dass die Behandlung insgesamt nicht gut eingestellt ist. Normalerweise würde man schon unter 3 (50) so zittrig (und meistens leicht reizbar) werden, dass die Patientin selbst gegensteuern würde. Mit jedem Unterzucker gewöhnt sich der Stoffwechsel aber an neue Untergrenzen und die typischen warnenden Symptome treten erst verspätet oder gar nicht mehr auf.

Traubenzucker über die Vene wäre jetzt dringend angezeigt. Zwei Pflegekräfte hoben sie auf die Liege, nun kam endlich mein Chef um die Ecke. Mit Traubenzucker war sie innerhalb von zwei Minuten wieder wach. Ich rollte in den Nebenraum, da hörte ich doch, dass die kleine giftige Pflegehilfe mich beim Chef anschwärzte: "Die hat sich über die Richtlinien hinweg gesetzt. Zuckercheck wäre viel später dran gewesen. Und sie ist keine Ärztin!" - "Das ist ein standardisiertes Diagnose-Schema, auf das Sie sich berufen. Keine Richtlinie. Die Kollegin war sich offenbar sicher und hat direkt ins Schwarze getroffen." - "Sie hat völlig außer Acht gelassen, dass es auch eine allergische Reaktion auf ihr Medikament sein könnte. Nur aus diesem Grund lag sie hier überhaupt. Ich bin zwar keine Ärztin, wie sie auch nicht [ja, betone es ruhig noch ein paar Mal], aber dass man das nicht aus dem Blick lassen darf, muss auch ihr klar sein. Und ich habe sie darauf hingewiesen." - "Ich werde das mit ihr aufarbeiten." - "Na hoffentlich." - "Vermutlich hat sie aber innerhalb der Spielräume, die durchaus vorhanden sind, alles richtig gemacht. Das ist nämlich zufällig eine sehr gute künftige Kollegin." - "Die ist ehrgeizig, mehr nicht. Ich frage mich, warum jemand mit so einer schweren Behinderung ausgerechnet so einen Job machen will." - "Weil sie es kann."

Danke. Ich seufzte tief und arbeitete weiter. Zwanzig Minuten später fragte mich der Chef: "Woher wussten Sie, dass das keine Anaphylaxie [allergischer Schock] war? [Giftnudel] vermutete das und ihre jahrelange Erfahrung können und sollten Sie Ihr nicht absprechen." - "Das habe ich auch nicht getan. Aber die Patientin hatte keinen venösen Zugang und auch keine frisch punktierte Armvene. Es war unwahrscheinlich, dass sie heute schon von uns behandelt worden war. Klar, sie hätte auch draußen ungewollt Nüsse geknabbert haben können, aber sie hatte rosige bis blasse Hautfarbe und war locker vom Hocker gefallen. Bis auf den schnellen Puls passte gar nichts zur Anaphylaxie, und nach der Vorgeschichte lag eine Hypoglykämie [Unterzuckerung] so nahe, dass ich darum gebeten hatte, parallel einmal einen Schnelltest zu machen." - "Wann haben Sie Prüfung?" - "Im Mai." - "Haben Sie Schiss?" - "Ja." - "Das packen Sie mit links. Im Schlaf." - "Weil ich auf den venösen Zugang geachtet habe?" - "Weil Sie sich eine so vielfältige Routine angeeignet haben, dass Sie auf Anhieb die Dinge sehen, die Sie sehen müssen."

Na dann ... er glaubt an mich. Das ist wohl schonmal ein Viertel der Miete. Wenn ich jetzt noch meine Kärtchen schaffe und mich nicht ganz dumm anstelle, dürfte es eigentlich irgendwie glatt gehen. Wenn das bloß erst vorbei ist! Ich war bei keinem der bisherigen Examensprüfungen so aufgeregt wie vor dieser hier. Ät-zend!

Donnerstag, 22. März 2018

100 mal gesucht

Ich brauchte Ablenkung und habe mal wieder meine Statistiken angeschaut. Und bin dabei über 100 Dinge gestolpert, die Menschen auf meine Seite gespült haben. Nämlich:

1. behinderte begaffen hobby
Aber kein schönes Hobby, oder?
2. behindertenwitze
Ja! Bitte alle zu mir!
3. bezahlte dissertation
Keine gute Idee, Karl-Theodor! Früher oder später fällt das auf.
4. bist du nackt
Gerade nicht. Aber wenn ich keine Klamotten trage, dann ja.
5. bist du untervögelt
Aktuell ja.
6. bußgeldstelle bochum
Mit der hatte ich noch nichts zu tun.
7. darf ich mit 14 masturbieren
Ja.
8. darf man heimlich in die windel machen
Wer sollte was dagegen sagen?
9. delfin dildo
Gefällt mir.
10. der bus fährt plötzlich rückwärts
Falschen Knopf gedrückt?
11. doppelt oberschenkelamputiert
Soll vorkommen. Bist du betroffen oder interessiert?
12. dreier mit 16 jahren
Hm. Langsam anfangen?
13. drogen blog
Da bist du hier falsch.
14. durchfall im aufzug
Legger!
15. dürfen behinderte frauen ficken
Ja.
16. einbeinige frauen haben ein herz aus gold
Du scheinst gute Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben.
17. erdbaumaschinenführerschein
Das Wort steht da wirklich so drauf?
18. euphyllin ampullen kaufen
Nur auf dem Schwarzmarkt. Oder mit Privatrezept in der Apotheke.
19. ficken im rollstuhl
Ist ein kippelige Angelegenheit. Ich empfehle ein Bett oder ein Sofa.
20. fiese witze über behinderte
Immer her damit!
21. flotter dreier vater mutter kind
Nö. Echt nicht.
22. frau nackt im garten
Wenn die Sonne scheint und es ihr Garten ist, kommt sowas vor.
23. freunde aussortieren
Das macht tatsächlich und unter Umständen Sinn. Wobei dann die Frage ist, ob das wirklich (noch) Freunde sind.
24. freundin im rollstuhl abschießen
Schluss machen? Oder töten? Ich bekomme Angst.
25. freundin kaputt gemacht
Kaputt gespielt?
26. geld verleihen schriftlich festhalten
Besser is das.
27. geliehener bikini waschen pipi
Mit Pipi waschen?!
28. hammerexamen was ankreuzen
Am besten die richtigen Antworten, oder?
29. harnleiterschiene wie lange bleibt sie drin
Nicht zu lange. Wenige Wochen.
30. hast du eine zahnspange
Nein.
31. hat man mit spina bifida sexualleben
Kann man, wenn man möchte.
32. ich bin schwarzgefahren gibt es ärger
Die Chancen steigen, wenn du erwischt wurdest.
33. ich fühl mich wohl im badeanzug
Fein. Mir ist es dazu noch zu kalt draußen.
34. ich hasse meine nachbarin
Umzug?
35. ich hasse meinen freund
Schluss machen?
36. ich muss nachts immer niesen
Staub saugen?
37. ich pipi gerne im gartenpool
Ferkel
38. ich pupse gerne alleine im bett
Solange du in deinem Bett bleibst, ist alles fein.
39. ich weine jeden abend im bett
Ohje, warum das denn? Brauchst du Hilfe?
40. ich will dich aufblasen
Und dann steigen oder platzen lassen?
41. ich will um mitternacht einen kuss von dir
Komm her! Aber nur auf die Wange.
42. ich wünsche mir tapetenkleister
Okay.
43. intimbereich waschen stinkt
Dann wird es höchste Zeit.
44. jule auf den po kommen freund
Wenn es hilft.
45. jule badet in pipi
Man kann ja nicht jeden Tag in Champagner baden.
46. jule furzen beim orgasmus
Nee. So schlimm ist es nun noch nicht.
47. jule in latexschürze
Ich bin eine Domina!
48. jule meckerdrache
Nein. Ich bin lieb.
49. jule naturbrüste
Ja. Nichts aufgespritzt. Nichts tätowiert oder gepierct. Und sie gefallen mir. Beide.
50. jule oberschenkel zuckt
Normalerweise zuckt da nix.
51. jule ohne unterwäsche im pool
Meistens. Entweder nackt oder in Badesachen.
52. jule schuldet mir geld
Das wüsste ich!
53. jule schwanger
Das wüsste ich auch!
54. jule sexy in leggings
Danke.
55. jule stinkesocke
Hier!
56. jule stinkesocke tot
Mach keinen Scheiß.
57. jule versendet ihre schlüpfer
Nee. Das nun wirklich nicht.
58. jules blog
Was ist mit dem?
59. kann man auf duschkissen pinkeln
Kann man machen.
60. kann man im notfall auf eine unterlage machen
Probier es aus, dann weißt du es.
61. kann man mit jeans schwimmen
Ja.
62. kann man mit leggings schwimmen
Auch.
63. kann mein freund nutella kaufen
Wenn er genug Geld mitnimmt, sollte das klappen.
64. kinderarzt wirft mit spritzen
Oha. Alle Mann in Deckung!
65. kleine menschen wachsen noch
Meistens ist das so.
66. können querschnittsgelähmte auf klo gehen
Nein, meistens nur sitzen.
67. lustige toilettenschilder zum ausdrucken
Wenn man sonst keine Hobbys hat...
68. mädchen wird in der sauna geil
Soll vorkommen.
69. marie masturbiert im bett
Das stimmt! Oder, Marie?!
70. mit absicht groß in die leggings machen
Igitt. Das ist ja mal eine ziemliche Sauerei.
71. mondsüchtig bei nacht oder tag
Ich würde denken: Nachts, wenn der Mond scheint.
72. nachbarin pflückt nackt obst
Ist das dieselbe, die oben schon nackt durch den Garten lief?
73. neoprenanzug pinkeln warm oder kalt
Warm! Zentralheizung!
74. notdienstapotheke flunetrazepam
Vergiss es.
75. ohne unterwäsche leben
Klingt nach einer spannenden Vision.
76. owie lacht
Gottes Sohn "Owi" lacht?
77. passt die katze drunter muss die karre runter
Gilt das auch für Rollstühle?
78. perso durchgebrochen
Wie hast du das denn angestellt?
79. physikum note 4
Oh oh! Anstrengen!
80. physikum was ist das
Das ist das 1. Staatsexamen nach vier Semestern Medizinstudium.
81. raclette durchfall
Da war wohl was nicht richtig heiß, oder?
82. rollstuhlfahrerin schwanger
Soll vorkommen.
83. ruinierter orgasmus geschichte
Also, pass auf: Ich wollte gerade kommen, da sah ich eine Spinne an der Decke und kreischte laut. Fertig.
84. sauerstoffgerät gebraucht
Lass mal lieber.
85. sauna einschlafen wann gar
Dafür sind doch diese Eieruhren an der Wand, oder?
86. selbstbefriedigung bei erkältung
Ich nicht, aber wer es mag, bitte!
87. sex trotz inkontinenz eklig
Man kann vorher auf Klo gehen, dann passiert da auch nichts. Und das ist auch nicht eklig.
88. sie haben gesagt ich stinke
Und? Stinkst du wirklich?
89. spritze in den po im krankenhaus
Täter Nuss?
90. stromverbrauch ententeich
Ist der nachts beleuchtet oder was verbraucht da Strom?
91. theophyllin droge
Es gibt nichts, was es nicht gibt.
92. toner durchs büro pusten
Sehr schlechte Idee.
93. tragen alle rollstuhlfahrer windeln
Nein.
94. unterhose oben offen
Irgendwie muss man ja reinsteigen, oder?
95. vati hat zwillinge entbunden
Ein Wunder ist geschehen!
96. was ist ein schallschatten
Bei der Sonografie kommt es vor, dass der Ultraschall vollständig aufgenommen oder vollständig zurückgeworfen wird. Dann kann man alles, was dahinter liegt, nicht darstellen. Auf dem Bild zeigt sich das als Schatten. Die Kunst ist es, zu erkennen, wie und wo Schallschatten entstehen, um diese von Gewebeveränderungen abgrenzen zu können.
97. was kann ich tun wenn ich jemand geld schulde
Zurückzahlen oder um Stundung bitten!
98. wie ist das wetter draußen
Ähm warte ... es regnet mal wieder.
99. wieviel bier verträgst du
Das möchte ich nicht ausprobieren.
100. wo gibt es acetabuluplastik
Das Acetabulum ist die Hüftgelenkspfanne, eine Acetabulo-Plastik ist im Prinzip ein korrigiertes Hüftpfannendach. Das macht man bei Kindern mit Hüftdysplasie, also einer nicht korrekt entwickelten Hüfte.

Mittwoch, 21. März 2018

Puff und Meise

Das Gute daran, wenn man weiß, wie sich eine Bronchitis anhört, ist, dass man weiß, wann man eine Bronchitis hat. Um das grobe Rasseln beim tiefen Ausatmen zu hören, brauchte ich nicht mal ein Stethoskop. Ich bin bis heute noch nicht wieder völlig gesund. Allerdings schon lange nicht mehr ansteckend, seit zehn Tagen schon wieder auf der Arbeit - ich darf nicht lange fehlen im Praktischen Jahr. Wenn ich sehr laut sprechen muss, habe ich noch immer den typischen Reizhusten. Aber kein Rasseln mehr, kein grobes und auch kein feines. Also auch keine Lungenentzündung. Und der ganze Mist ist auch ohne Sekundärinfektion und damit ohne Antibiotikum (und vor allem ohne Neuraminidase-Hemmer, zu denen ich ohnehin ein sehr kritisches Verhältnis habe) wieder weg gegangen. So heftig hat es mich allerdings lange nicht erwischt.

Kleine Anekdote, die die zart besaiteten Leserinnen und Leser lieber überspringen und zum nächsten Absatz vorscrollen: Irgendwann haben natürlich auch meine neuen Nachbarn mitgekriegt, dass ihre neue Nachbarin nicht mehr jeden Morgen früh los fährt. Ob sie mir was vom Einkaufen mitbringen sollen, wollten sie wissen, und klingelten dafür bei mir an der Tür. Ist ja nett. Kräuterbonbons gegen den Reizhusten wären gut. Sie schleppen tütenweise an, allerdings alle mit Süßstoff. Bei einigen hatte ich das gesehen und die gleich weggepackt, bei einer von den Schweizern erfundenen Sorte dachte ich erst, die gibt es nicht mit Süßstoff. Drei Stück habe ich gelutscht und habe so derbe Blähungen davon bekommen, dass ich mir nachts eine Windel angezogen habe, weil ich nicht abschätzen konnte, was da noch so alles passiert. Es ist nichts passiert, außer dass ich irgendwann durch Blick auf die Uhr festgestellt habe, dass ich durchschnittlich alle zwei Minuten gepupst habe. Mehrere Stunden lang von drei Bonbons. Nie wieder.

Man kann, für alle die, die den letzten Absatz übersprungen haben, auch zusammenfassen, dass ich keinen künstlichen Süßstoff vertrage. Und kaum war ich wieder unter Menschen (also seit dieser Woche, in der letzten Woche durfte ich aus Sicherheitsgründen noch keinen Patientenkontakt haben, sondern nur Papierkram erledigen), hatte mich der Alltag wieder. Ich rolle mit einer Rolle (tolles Wortspiel) Krepppapier (mit vier "p", drei vor dem "a", eins hinterm "a") zu einem Patienten, da spricht mich lachend ein Mann an: "Willst du damit nen Puff aufmachen oder wofür brauchst du das alles?" - Seh ich aus wie ne Puffmutti? Oder eher wie eine Prostituierte?

Hinter dem Vorhang kam mein Chef heraus, guckte den lachenden Mann an und sagte: "Nehmen Sie sich mal ein bißchen zusammen. Wir sind hier nicht in Ihrer Eckkneipe." - Wobei er eher noch der harmlosere Patient war. Eine andere Patientin sollte zum ersten Mal ein bestimmtes Medikament intravenös, also über einen Tropf, bekommen, und noch bevor überhaupt irgendwas in ihrem Kreislauf angekommen sein konnte, fing sie an zu zittern, die Augen zu verdrehen und zu atmen, als hätte sie gerade einen Sprint hinter sich gebracht. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung ist, sie ignorierte mich und zitterte weiter. Ich fragte nochmal: "Hallo? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?" - "Ich glaube *schnauf* *schnauf*, ich vertrage das Medikament nicht." - "Die Infusion läuft noch gar nicht", antwortete ich. Sie guckte mich an, hörte schlagartig auf zu tief und schnell zu atmen und sagte dann: "Dann hab ich eine Allergie gegen den Schlauch." - Na sicher. Ne Meise hast du. Aber ne große.

Meine Karteikarten sind schon weniger geworden. Aber leider gibt es noch immer einen großen Stapel von Dingen, die ich noch nicht drauf habe. Und neulich habe ich den Fehler gemacht, in den bereits aussortierten Karten noch einmal zu stöbern. Und festgestellt, dass ich einiges schon wieder vergessen habe. Noch rund sechs Wochen bis zum Examen. Und ich habe das blöde Gefühl, dass es nicht reichen wird. Obwohl mein Kopf mir sagt, dass ich völlig entspannt sein sollte. Wenn das bloß erst vorbei ist.

Sonntag, 4. März 2018

Eine Mama eben

Ich war lange nicht körperlich so neben der Spur. Grippe und grippaler Infekt sind nicht zu verwechseln. Das wissen wir alle, nachdem es ja oft genug in den Zeitungen aufgegriffen wird. Mit etlichen Tipps zu Hausmittelchen, die helfen sollen. Nein, Grippe ist was anderes. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir eine Influenza eingefangen habe, trotz Impfung (mein damaliger arbeitsmedizinischer Dienst hatte wohl die Sparversion, mit der nur drei der vier wichtigen Erreger verabreicht werden), und ich muss sagen: Noch einmal brauche ich das nicht.

Schnupfen, Husten, Heiserkeit haben sich nicht großartig von dem unterschieden, was man von einem (ausgeprägten) grippalen Infekt kennt. Fieber: Ging gleich heftig los und blieb auch konstant über zwei Tage zwischen 38 und 39 Grad. Allerdings habe ich es nicht als so unangenehm empfunden wie sonst bei einem grippalen Infekt. Nur die Gliederschmerzen - unerträglich. Sowas! Es war wirklich nicht auszuhalten. Ob im Sitzen oder im Liegen: Am liebsten nicht bewegen. Und am liebsten ständig doch bewegen, denn die Schmerzen waren im Ruhezustand auch nicht erträglich.

Es war so heftig, dass mir bereits übel wurde. Ich hatte null Appetit. Fühlte mich dabei unterzuckert, fast schon zittrig. Wenn ich mich hinsetzte, musste ich das langsam tun, weil ich sonst gleich Sterne sah. Und das waren nicht die an meiner Schlafzimmerdecke. Mein Muskeltonus war in den Beinen total erhöht, es reichte, einmal die Decke über mein Knie zu ziehen, damit alle Muskeln in beiden Beinen verrücktspielten und sich zehn bis zwanzig Mal nacheinander rhythmisch zusammenzogen. Kontrollieren kann ich das nicht. Hätte ich an einer Nähmaschine gesessen, hätte ich damit locker vier Strümpfe fertigstellen können. Einmal vom Bett in den Rollstuhl umsetzen brachte nicht nur Schüttelfrost, sondern ich war auch gleich außer Atem.

Nein, der Beitrag wird nicht vom Impfstoff-Hersteller für die Grippe-Impfung gesponsert. Mit denen habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Bietet doch im nächsten Jahr einfach keine abgespeckte Impfung mehr an. Oder färbt den abgespeckten Kram schlumpfblau ein, damit jeder sofort erkennen kann, dass er eben nicht geschützt ist.

Ich könnte mich noch immer ohrfeigen, dass ich kaum Medikamente zu Hause hatte. Abschwellendes Nasenspray habe ich immer im Haus, aber jetzt hatte ich nicht mal genügend Schmerzmittel. Die letzten zwei Paracetamol hatte ich noch vor dem Fieber eingeworfen. Ich hätte so gerne was gegen die unerträglichen Gliederschmerzen, aber die ganzen haushaltsüblichen Mittel waren da ja eher kontraproduktiv. Hätte ich kein Medizinstudium absolviert, hätte ich vermutlich einfach ASS oder sowas eingeworfen. Das, was jetzt Sinn machen würde, bekomme ich nicht mal eben so in der Apotheke.

Ich versuchte zu schlafen. Alle drei Atemzüge quälte mich der Reizhusten. Plötzlich klingelte es an der Tür. Vermutlich irgendein Nachbar. Oder ein Paketbote. Oder Werbung. Leute, leckt mich. Ich bin krank und bleibe im Bett. Es klingelte noch mal. Ich könnte jetzt ja auch mein Handy gucken und dort sehen, wer vor der Tür steht. Dazu müsste ich mich aber bewegen. Und das tut weh. Es klingelte ein drittes Mal. Dazu klopfte jemand. Eher zärtlich. Mein Handy empfing irgendwelche Nachrichten. Dauerfeuer. Sollte ich doch mal gucken? Wie spät war es eigentlich?

Es war Maries Mama. Ich hatte mit Marie telefoniert und ... mich eigentlich mit Marie zu einem weiteren Telefonat morgen verabredet. "Bin unterwegs zur Tür", schrieb ich ihr zurück. Könnte ja einen Moment dauern.

Den Reizhusten stellte Maries Mama als erstes ab, nachdem sie auf meine Lunge gehorcht hatte. 20 mg Codein und es war, als würde jemand in einer Disko den Lautstärkeregler runterdrehen. Es dauerte keine fünf Minuten, da war der Reizhusten abgeschaltet. Ich legte mich wieder ins Bett, der hohe Muskeltonus ging zurück, ich konnte dabei zugucken. Und die Schmerzen hörten auf. Keine drei Minuten später war ich eingeschlafen.

Gegen ein Uhr wachte ich auf. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, was passiert war. Ich wollte aus dem Bett zum Klo. Ich war noch immer wie gerädert und die Schmerzen waren wieder da. Maries Mama saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und hackte irgendwas in ihr Laptop. Der Fernseher lief nebenbei. "Du bist ja noch da. Ich bin einfach so eingeschlafen. Ohne mich zu bedanken." - "Das war das einzige, was ich jetzt nicht hören wollte. Was machen die Schmerzen?"

"Sind wieder da. Und genauso unerträglich wie vorhin." - "Das wirkt ja auch nur drei bis sechs Stunden. Was macht der Husten?" - "Der ist erstmal weg." - "Ich würde da jetzt trotzdem nochmal 20 mg Codein drauf geben, damit die Schmerzen aufhören und du schlafen kannst. Ich gucke gleich mal, wie du schläfst, und dann fahre ich irgendwann zurück und ziehe die Tür einfach hinter mir zu. Ich lasse dir das Codein da, falls das um 5 oder 6 wieder unerträglich wird, kannst du noch einmal was nehmen. Tagsüber nicht. Weißt du ja."

Wusste ich. Sie ist ein Engel. Am heutigen Morgen waren die Schmerzen nicht mehr so stark wie in der Nacht. Aber noch deutlich spürbar und vor allem auch noch so stark, dass ich nicht lange in einer Position liegen konnte. Das Fieber war auf 37,6 Grad zurückgegangen. Ich entschied mich gegen eine weitere Codein-Tablette. Und schlief tatsächlich noch einmal ein. Um 9 Uhr war das Fieber komplett runter.

Maries Mutter hatte mir sowohl Paracetamol als auch Tramadol vor Ort gelassen. Mit einem Zettel dran: "Du bist für eine Medizinerin sehr schlecht ausgestattet." - Dann konnte die Party ja beginnen. Das Tramadol habe ich erstmal in eine Geldkassette geschlossen, nicht, dass irgendein Besuch mit Kindern auf die Idee kommt, die mal auszuprobieren. Oder ich im Halbschlaf zum falschen Blister greife.

Inzwischen ist der Husten, der ja nur Reizhusten war, komplett weg. Der Schnupfen ist eher wenig bis mäßig, die Nase auch ohne Nasenspray frei. Nur die Gliederschmerzen sind noch da. Wie gesagt, bis Ende dieser Woche werde ich davon wohl noch etwas haben.

Und im Kühlschrank steht Gurkensalat. Und zwei kleine Portionen Nudelauflauf. Und Joghurt. Und sie hat die ganzen Handtücher aus dem Trockner gefaltet und weggeräumt. Und den Geschirrspüler eingeräumt und angestellt. Eine Mama eben.

Samstag, 3. März 2018

Frau Pingpong und Frau Klum

Sieben Monate ist es her, dass ich das letzte Mal mit einem grippalen Infekt im Bett lag. Wenn man von einer leichten Impfreaktion absieht, die ich nach meiner Grippe-Impfung hatte, war ich über ein halbes Jahr durchgehend topfit. Was angesichts meines doch recht häufigen Kontakts zu kranken Menschen wohl eine kleine Sensation ist. Umso frustrierter bin ich gerade, dass ich mir tatsächlich (trotz Impfung) die echte Influenza eingefangen habe. Viermal darf man raten, welcher Stamm im Impfstoff gefehlt hat und warum. Ich könnte kotzen. Zum Glück ist sie online nicht übertragbar.

Soll ich mal ein wenig jammern? Ja?

Aua! Richtig aua.

Das Fieber ist eine Sache. Es ist nicht schön, aber für mich jetzt auch nicht so schlimm. Es ist halt da, ich fühle mich matschig, überwärmt und antriebslos. Unproduktiver Husten ist nervig, aber dennoch auszuhalten. Über meinen Schnupfen freut sich die Taschentuchindustrie. Aber die Gliederschmerzen... Leute, war das eine Nacht! Ich wusste nicht, wie ich liegen oder sitzen sollte. Ich habe mich gefühlt alle dreißig Sekunden anders hingelegt, weil ich die Schmerzen nicht aushalten konnte. Ich bin sicherlich nicht zimperlich, aber das war heftig. Und dann nur kurzwirksames Paracetamol im Haus. Was gleichzeitig Fieber senkt. Nicht gut.

Inzwischen hänge ich jetzt den vierten Tag damit herum. Bis zum nächsten Wochenende wird mich das wohl noch beschäftigen. Und entsprechend verlängert sich auch mein Praktisches Jahr noch in den April hinein. Obwohl ich die Zeit eigentlich zum Lernen nutzen wollte.

Lernen. Einerseits fühle ich mich sehr sicher, andererseits liegen hier noch hunderte Karteikarten, die ich noch nicht aussortieren konnte. Oftmals sind es Besonderheiten. Aktuelles Beispiel von vorhin: Statine. Cholesterinsenkende Medikamente. Cerivastatin (Lipobay, ist vom Markt), Lovastatin (ist auch vom Markt, muss man aber ebenso kennen), Simvastatin, Atorvastatin, Pitavastatin, Pravastatin, Fluvastatin, Rosuvastatin und so weiter. Dazu muss man wissen, wie die verstoffwechselt werden, wie sie sich zusammensetzen und wo die häufigsten Probleme sind. Und mittendrin liegt die Karte vom Pentostatin. Und nein, das ist jetzt mal kein Cholesterin-Senker. Das ist ein Krebsmedikament, das gezielt eine DNA-Schädigung hervorruft und damit als letztes Mittel bei einer bestimmten Form der Leukämie eingesetzt wird.

Okay, das wird man im Alltag nicht verwechseln. Und schon gar nicht aus Versehen mal eben so verordnen. Aber es ist examensrelevant. Also: Hopphopp, rin in Kopp! Langsam ist da echt kein Platz mehr.

Apropos verwechseln: An meinem "Arbeitsplatz" holen sich täglich ganz viele Leute eine Infusion ab, die ärztlich überwacht werden muss. Eine Patientin heißt Bärbel Meier. Natürlich nicht wirklich, aber es ist ein anderer, häufig vorkommender Name. Eine andere heißt Beatrice Pingpong. Natürlich auch nicht wirklich, aber der Nachname ist so, dass es einigermaßen albern klingt und man sich für einen Moment fragt, ob man das jetzt wirklich so aufrufen soll oder ob es vielleicht ein ausländischer Name ist, der vielleicht ganz anders ausgesprochen oder betont wird. Oder so.

Letzte Woche, es ist alles vorbereitet, und ich schließe Beatrice Pingpong an die Infusion für Bärbel Meier an. Wobei Bärbel Meier eine etwa drei Mal so starke Dosis bekommt wie Beatrice Pingpong. Die Mitarbeiterin hat das vorbereitet, war neu, ich frage die Patientin auch noch: "Bärbel Meier?" - Sie sagt: "Ja, das ist richtig."

Und während ich anfange, das zu dokumentieren, in der Akte von Bärbel Meier, weiß ich die ganze Zeit, dass was falsch ist. Nicht vom Kopf, denn ich habe mich ja mehrmals vergewissert, sondern vom Bauch. Ich gucke auf das Geburtsdatum und denke so: "Das kann nie und nimmer stimmen." - Scheiße. Ich rolle zur Patientin, stoppe sofort die Infusion. Sie liest gerade eine Zeitung, schaut mich fragend an. "Heute nur ein Drittel?" - "Frau Meier, wie heißen Sie mit Vornamen?" - "Beatrice. Warum?" - "Ich möchte mich einmal vergewissern, dass ich die richtige Akte vorliegen habe." - "Falls Sie mich nicht finden, bei Ihnen im Schrank, müssen Sie sonst unter 'Pingpong' suchen. Den Namen hatte ich bis vor meiner Scheidung."

Ja geil. Ich rolle zurück zum Schreibtisch, mit zitternden Fingern den Professor angepiept, der ruft binnen zehn Sekunden zurück. "Können Sie mal bitte schnell kommen? Ich hab hier Scheiße gebaut."

Erstmal die Akte von der Frau Pingpong aus der Schublade holen. Sie hätte ein Drittel bekommen müssen. Mit Glück habe ich das wohl gerade noch rechtzeitig gestoppt. Der Professor kommt um die Ecke. "Was ist passiert?" - "Frau Pingpong heißt seit gestern auch Meier und hat die Infusion von einer anderen Meier dranhängen." - "Sofort stoppen. Wo ist sie?" - "Ist schon gestoppt. Sie liegt dahinten." - "Wieviel hat sie davon bekommen?" - "Ein Drittel. Aber hochdosiert." - "Das ist nicht so schlimm. Nur schade um das, was wir jetzt wegwerfen. Kann passieren. Sie haben es ja noch rechtzeitig gemerkt. Immer noch mal fragen, wen man vor sich hat, selbst wenn man sich sicher ist." - "Hab ich ja gemacht. Ich habe gefragt, ob Sie Bärbel Meier ist, bevor ich die Infusion für Bärbel Meier angeschlossen habe."

Der Professor guckte mich ungläubig an. Sekunden lang. Ich guckte ihm entschlossen in die Augen. "Ich geh da jetzt hin und scheiß sie zusammen", sagte er und dachte wohl, ich würde zurückrudern. Stattdessen sagte ich: "Ich komme gerne mit."

Der Professor ging auf die Patientin zu, die ausgestreckte Hand voraus: "Wir müssen kurz reden. Hier ist gerade was durcheinander geraten. Sie haben jetzt einen anderen Nachnamen?" - "Jo." - "Und auch einen anderen Vornamen?" - "Nö." - "Weil die Kollegin sagt, sie hätte Sie vorhin mit Bärbel Meier angesprochen." - "Jo. Bärbel ist doch auch ein schöner Vorname. Fast so schön wie Beatrice." - War die Frau wirklich so blöde? Oder noch blöder? Das hätte zweifellos dramatisch enden können. Für sie und für mich. Ich stand da mit offenem Mund und machte vermutlich ein Gesicht wie eine Kuh, wenn es donnert. Am liebsten hätte ich ihr eine Schelle verpasst, aber ich drehte mich stattdessen um und rollte ins Dienstzimmer zurück.

Ein paar Minuten später kam der Professor wieder dazu. "Machen Sie sich keinen Kopf. Das wäre mir genauso passiert. Sprechen Sie bitte kurz mit der Kollegin, die das bereitgestellt hat. Und künftig bitte auch das Geburtsdatum abgleichen." - Ich nickte, während er raus ging. Und Sekunden später nochmal reinkam: "Und gut, dass Sie mich sofort gerufen haben."

Beim nächsten Patienten, ein Frühpensionär Anfang 60: "Herr Schulz, wann sind Sie geboren?" - "Oha. Das ist schon so lange her, das weiß ich gar nicht mehr genau. Gab es einen Unfall, oder warum fragen Sie das neuerdings?" - "Beinahe. Jemand wusste nicht, wie er heißt." - "Ist nicht wahr. Und hat einen falschen Namen gesagt?" - "Ja." - "Nein. Das ist doch Comedy." - "Nein, Stationsalltag." - "Ach, das ist doch genauso doof als wenn ich mich im Bus auf den Klappsitz hocke und zu kacken anfange, weil ich denke, ich bin zu Hause auf dem Klo!" - Auf der Liege daneben bricht jemand in Gelächter aus. "Ist doch wahr! Wo sind wir denn?! Wenn Sie mich jetzt mit 'Martin Schulz' ansprechen, dann fühl ich mich doch nicht geehrt, sondern rufe 'Stop!' Ich will doch nicht dem seine Medizin in meinen Adern haben. Wenn Sie mich mit 'Heidi Klum' ansprechen würden, dann würde ich vielleicht einen Moment überlegen."

Zwei Tage später liegt er wieder vor mir. "Frau Klum? Ihr Geburtsdatum bitte?" - Der Nachbar guckt sparsam, Herr Schulz schlägt sich auf die Oberschenkel und bricht in tosendes Gelächter aus. "Mädel, mit dir haben sie hier echt ein Goldstück an Bord."

Sonntag, 11. Februar 2018

Kurz vor fertig

So langsam ist es echt nur noch anstrengend. Ich bin dermaßen reif für die Insel, dass ich am liebsten sofort alles hinschmeißen und auswandern würde. Hat schon mal jemand eine Rollstuhlfahrerin wandern sehen? Eben. Also nix mit Wandern, sondern Zähne zusammenbeißen und den Endspurt durchziehen ist angesagt. Wenn ich nicht noch krank werde, sind es noch genau sieben Wochen, dann bin ich fertig. Fertig, fertig, fertig.

Okay, nicht ganz. Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Das Abschluss-Examen wird voraussichtlich Anfang Mai sein. Zwei Stunden mündliche Prüfung über alles, was in den sechs Jahren Studium drangekommen und nicht drangekommen ist. Immerhin keine Multiple-Choice-Fragen.

Ich bin mir sicher, dass ich bei meinem jetzigen Prof, der mich im letzten Drittel meines Praktischen Jahres betreut, fachlich sehr gut aufgehoben bin. Leider habe ich das Gefühl, dass er mich auch attraktiv findet. Was mir natürlich sehr schmeichelt, vor allem mit Blick auf mein sitzendes Dasein. Was aber nervt, wenn er immer kuscheliger wird. Denn ich möchte von ihm ausschließlich fachlichen Input. Und den nur sachlich und verbal. Ich befinde mich gerade in der Situation, in der ich ihm noch nicht gesagt habe, dass ich nichts von ihm will. Ich will das noch möglichst lange hinaus zögern, da ich ein wenig die Befürchtung habe, dass er mich danach fallen lassen könnte. Wenn nicht noch schlimmer - und das muss ich so direkt vor dem Examen natürlich nicht noch erleben.

Beziehungstechnisch läuft es gerade auch nicht. Ich hatte ja bereits vor einem Vierteljahr darüber geschrieben, dass ich weniger emotional an dieser Beziehung hänge als an den bisherigen. Entsprechend hat es mich auch nicht aus der Bahn geworfen, dass er kurz vor dem Examen unbedingt noch aus Eifersucht mit mir Schluss machen will. Ich habe ihm gesagt, dass er sich das nochmal überlegen soll, aber ich schätze das so ein, dass er nicht mehr wieder zu mir zurück möchte. Er meint, dass er an mir geliebt hätte, dass ich so bodenständig gewesen sei. Dass ich einen Mercedes fahre, konnte er sich selbst noch mit Qualitätsverlangen begründen. Aber ein eigenes Haus vor Vollendung des 30. Lebensjahres? Das sei ihm zu abgehoben. Ich sei zu elitär geworden für seine schmalen materiellen Ansprüche.

Dann ist das wohl so. Da er auch meinte, dass ich nur deshalb in den örtlichen Schwimmverein eingetreten sei, um nicht so viel Zeit mit ihm zusammen verbringen zu müssen, kann ich ihn derzeit nicht wirklich ernst nehmen. Die trainieren zwei oder drei Mal unter der Woche und wir haben uns bisher (von zwei Ausnahmen abgesehen) immer nur am Wochenende getroffen. Egal, gehe ich jetzt erstmal mit meinem Delfin ins Bett. Sorry, die Gemeinheit musste raus.

Ich habe inzwischen eine Einbauküche und einen Treppenlift ins Obergeschoss. Und einen Zaun zur Straße und zur Rückseite. Zu den Nachbarn noch nicht, ob das wirklich sein muss, wollen wir gemeinsam entscheiden. Bislang waren die sehr nett - auf beiden Seiten sind ältere Ehepaare. "Wenn Sie im Frühjahr auch Rasen anpflanzen, kann ich Ihren gerne mit mähen. Ich habe, als wir hier eingezogen sind, meinen Aufsitzmäher nicht verkauft, obwohl er für den jetzigen Garten viel zu groß ist. Aber bei Ihrem Nachbarn auf der anderen Seite mähe ich auch gleich immer mit. Als Pensionär habe ich ja alle Zeit der Welt."

Ich habe mich für einen dunkelgrünen Stahlzaun entschieden. Also solche Stabmatten und ein elektrisches Tor, das zur Seite rollt. Haben beide Nachbarn auch, und so sieht es wenigstens einheitlich aus. An den Zaun kommt eine blickdichte Hecke. Nicht kompliziert. Allerdings hat das elektrische Tor nur 48 Stunden gestanden, bevor die Firma, die die Küche anlieferte, mit ihrem Lkw dagegen gefahren ist. Kratzt mich aber irgendwie gar nicht. Die Firma, die das aufgestellt und einbetoniert hat, kommt nächste Woche noch einmal, und den Schaden zahlt die Versicherung. Sieht im Moment etwas albern aus - und ich sag noch: Parkt auf der Straße! Nee, man musste ja rückwärts bis ans Küchenfenster fahren und anschließend die Kurve zu eng nehmen.

Und sonst so? Ich wünsche mir den Sommer herbei! Ich habe echt keinen Bock mehr auf dieses kalte, nasse Wetter.

Freitag, 19. Januar 2018

Abgriff

Es ist fast genau vier Jahre her, da stand ich an einer Tankstelle, wollte mit meiner Kreditkarte bezahlen und wurde fast verhaftet. Warum? Meine Mutter, damals psychisch schwer erkrankt, heute vermutlich noch immer schwer erkrankt, hatte bei Nacht und Nebel meine sämtlichen Bankkarten sperren lassen. Sich bei meiner Bank als ihre Tochter ausgegeben und behauptet, die Handtasche verloren zu haben.

Murmeltiere grüßen ja bekanntlich täglich, von daher hinkt dieser Vergleich hier. Nach vier Jahren. Aber für ein Déjà-vu war das, was mir heute passiert ist, zu realistisch.

Ich stehe im Verkaufsraum einer Tankstelle, habe rund 60 Liter frischen Diesel gezapft, will mit meiner (erst drei Monate alten) Kreditkarte zahlen, gebe die Geheimzahl ein und: Karte abgelehnt. Häh?

"Versuchen Sie es nochmal", bittet mich die Verkäuferin. "Vielleicht haben Sie nur die Geheimzahl falsch eingegeben."

Dann würde ja nicht "Karte abgelehnt" kommen, sondern "PIN falsch" oder sowas. Denke ich. Ich versuche es ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis. Hinter mir wird die Schlange länger. Der Typ hinter mir sagt laut: "Wird das nochmal was?"

Die Behinderte zahlt alternativ mit ihrer regulären Bankkarte. Wenigstens das kann sie. Zur Freude des vorlauten Typens dahinter. Also sind schon mal nicht alle Karten gesperrt. Als ich wieder zu Hause bin und gerade bei meiner Bank anrufen will, finde ich einen Brief im Kasten.


Na super. Ich rufe die Stelle an und erfahre, dass irgendjemand einen so genannten "Ping" mit meinen Kreditkartendaten versucht hat. Also hat er angefragt, ob er einen Cent abbuchen kann. So erfahren diese Betrüger, ob Kreditkartendaten richtig und vor allem (noch) aktiv sind. Da die Anfrage außerhalb Europas losgeschickt wurde, hat man vermutet, dass da ein so genannter Datenabgriff stattgefunden hat und man in Kürze meine Kreditkarte mit Luftbuchungen belasten würde.

Die Dame auf der anderen Seite der Leitung wollte mit mir noch einmal die letzten Buchungen durchgehen, um sicher zu sein, dass nicht bereits jetzt jemand Mist damit gemacht hat. "Deutsche Bahn?" - "Ja, passt." - "Aber gleich drei Mal?" - "Ja." - "1,98 Euro für Musik?" - "Kann sein." - "Für 66 Euro getankt?" - "Ja." - "Für über 100 Euro im Hotel gewesen?" - "Ja." - "Und etwas *räusper* Pikantes für 79,90 Euro gekauft?" - "Was?" - "Ich glaube, das ist ein ... ähm ... Online-Sexshop. Für knapp 80 Euro." - "Achso, ja, mein Vibrator."

Stille in der Leitung. Wie gut, dass sie mein Grinsen nicht sehen konnte. War ihr das peinlich? Immerhin konnte sie doch mit dem Namen des Ladens gleich etwas anfangen. Ich habe mir vor kurzer Zeit einen neuen Delfin gekauft, dieses Mal einen, der vibriert. Böse Zungen behaupten ja, Querschnittgelähmte mit Vibrator sind wie Blinde mit Fernseher. Wenn jetzt jemand denkt, ich benutze den nur, weil er dabei so schön surrt, sei ihm gesagt, dass nicht jeder Blinde nur noch schwarze Nacht sieht - und nicht jeder Querschnitt nix mehr fühlt. Gerade die weiblichen Geschlechtsorgane sind nicht nur über das Rückenmark angeschlossen. Und nicht jedes traumatisierte Rückenmark ist bis auf den letzten Faden durchtrennt. Soll heißen: Man kann auch querschnittgelähmt Empfindungen haben. Was viele außerhalb meines Blogs nicht wissen, die mich das mitunter ja auch mal auf der Straße oder im Supermarkt fragen, ohne dass wir uns kennen.

Die Dame schluckte einmal und sagte dann fast heiser: "Mehr ist da nicht. Dann scheint das alles schön zu sein." - "Ja. Bis auf die Tatsache, dass man mir auch eine Mail oder eine SMS hätte schreiben können. Wie man es ja sonst auch für jeden Blödsinn tut." - "Wollen Sie keine Umsatzbenachrichtigungen mehr auf Ihr Handy bekommen?", fragte sie. Doch, wollte ich. Aber vielleicht auch einen Hinweis, wenn sie meine Karten sperren. Das wäre doch immerhin sowas wie Service, oder?

Donnerstag, 18. Januar 2018

Wasser und Sterne

Mein Schlafzimmer in meinem neuen Haus ist inzwischen fertig eingerichtet. Damit ist ein wichtiger Raum schon mal bewohnbar. Eine Freundin von mir macht derzeit eine Ausbildung zur Tischlerin, ist im dritten Lehrjahr, und hat mich gebeten, sich austoben zu dürfen. Zusammen mit einem Kumpel von ihr haben die beiden zwei Trockenbauwände eingezogen sowie eine abgehängte Decke. Die beiden waren insgesamt fünf ganze Tage damit beschäftigt. Selbstverständlich haben sie dafür auch etwas bekommen, allerdings war es ihnen wohl wichtig, etwas Eigenes zu machen.

Anfangs hatte ich, ehrlich gesagt, ein wenig Bauchschmerzen dabei. Wir hatten uns auf bestimmte Eckpunkte verständigt, aber wie gut die beiden sind, wusste ich vorher natürlich nicht. Ich fasse es mal so zusammen: Ich bereue es keine Minute. Ich finde das Ergebnis genial.

In diese Leichtbauwände sind an verschiedenen Stellen ovale Öffnungen eingelassen, so dass man quasi in der Wand etwas abstellen kann. Das ist dann auch noch indirekt, also im Hintergrund, mit LEDs beleuchtet, auch noch farblich einstellbar. Am oberen Ende der Leichtbauwand ist ein Sockel, hinter dem ebenfalls Licht indirekt in Richtung Decke strahlt. Diese Akzente sind natürlich ein Hingucker. In eine Wand haben sie auch noch einen Fernseher kurz unterhalb der Decke integriert, den ich vom Bett aus sehen kann. Dazu habe ich mir jetzt endlich ein Internet-Radio gekauft, mit Sleeptimer, das in einer dieser Öffnungen steht. In dieser Öffnung endet ein Kabel, das man einfach in die Kopfhörerbuchse des Radios reinstecken kann und dann kommt die Musik oben aus der Decke aus vier Einbaulautsprechern. Apropos Decke: Dunkelblau angemalte Rigipsdecke mit 100 Mini-LED-Spots. Pro Stück 0,22 Watt, angeordnet als norddeutscher Sternenhimmel. Der große Wagen hängt direkt über meinem Bett. Es sieht einfach nur genial aus, wenn das das Einzige ist, was leuchtet. Die beiden haben das aber so gut gemacht, dass es eben nicht nach Spielzeug aussieht. An vier Stellen sind zudem reguläre Deckenspots angebracht, mit denen man das Schlafzimmer bei Bedarf auch hell bekommt - jeweils in eine Revisionsklappe eingelassen, die man großzügig öffnen kann, falls man später mal an die Verkabelung des Sternenhimmels muss.

Außerdem habe ich mir endlich ein Wasserbett gegönnt. Ich hatte ja schon lange überlegt, nun ist es soweit. Der Fußboden ist stabil genug (sowas wiegt ja locker eine Tonne) und ich kann jetzt schon sagen, dass ich es nicht wieder hergeben werde. Das hätte ich schon viel früher machen sollen. Nein, das Wasser ist durch Vliesmatten so gedämpft, dass es eben nicht schaukelt. Und was absolut genial ist: Ich brauche keine Wärmflasche mehr. Das Wasser wird ja beheizt, so dass man ständig dieselbe Temperatur im Bett hat. Es kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Der Druck auf den Körper ist an allen Stellen gleich, so dass man sich auch nicht wundliegen kann. Es lässt sich einfach reinigen, weil unter dem Bettlaken eine waschbare Baumwollschicht ist. Üblicherweise. Bei mir ist keine Baumwollschicht, sondern das Bettlaken ist speziell gegen Druckstellen aus einem Poly-Dings-Gewebe, das in alle Richtungen elastisch ist und somit keine Falten wirft. Die Matratze selbst hat eine abwischbare (und natürlich wasserdichte) Oberfläche. Der Stromverbrauch der Heizung ist etwa so als wenn pro Tag drei Stunden ein Fernseher läuft. Meine Solar-Anlage muss ja auch was zu tun haben - und nachts kann man ihn komplett abschalten, falls man Angst vor Elektro-Smog hat.

Bleibt noch die Frage, ob man in so einem Bett Sex haben kann. Die Antwort lautet: Unbedingt. Es ist sehr viel intensiver, es ist unten deutlich bequemer und es wird selbst unter der Decke nicht zu warm. Auf warmen Wasser unter einem Sternenhimmel bei romantischer Musik - mir gefällts!

Mittwoch, 17. Januar 2018

Toller Einblick

Das letzte Drittel meines Praktischen Jahres verspricht noch einmal spannend zu werden. Insbesondere beim vorherigen Drittel hatte ich ja eher den Eindruck gewonnen, mal wollte mich mit allen unliebsamen Aufgaben und Patienten, die eine chirurgische Notaufnahme so zu bieten hat, mindestens einmal konfrontiert haben. Umso erfreuter bin ich derzeit, dass das letzte Drittel, das ich verpflichtend in der Inneren Medizin belegen muss, ganz anders ist.

Als ich nach schier endloser Warterei in der Personalabteilung endlich auf der Station ankam, wurde ich gleich mit zur bereits laufenden Chefarzt-Visite geschickt. Damit ich die Station und die Patienten kennenlerne. Macht ja auch Sinn. In der Medizin herrscht allerdings noch immer eine sehr hierarchische Atmosphäre, und so ist die kleine PJ-lerin in der Regel am weitesten Weg vom Patientenbett, wenn die Horde durch die Zimmer zieht. Mit etwas Glück steht man noch im Zimmer und nicht draußen auf dem Flur. In diesem Fall waren auch noch mindestens zehn Studenten dabei, die was lernen wollten.

Die vierte oder fünfte Patientin war vom Hausarzt eingewiesen worden, weil er sein Latein beziehungsweise seine ambulanten Möglichkeiten als erschöpft ansah. Genauso erschöpft wie die junge Frau, die aussah wie der Tod auf Latschen. Müde, schwach, antriebslos, fast schon apathisch. Laborwerte wurden vom Hausarzt mitgegeben, allerdings wurde nur der allerkleinste Standard abgefragt, aus dem man natürlich keine eindeutige Diagnose stellen konnte. Jedoch gaben insbesondere die Hämoglobin- und Hämatokrit-Werte (bei unauffälligen Nierenwerten) schon eine klare Richtung vor.

"Wir nehmen Ihnen jetzt noch einmal Blut ab und werden uns verschiedene zusätzliche Werte angucken", gab der Chefarzt vor, bevor wir das Zimmer wieder verließen. Auf dem Flur blieb er am Aktenwagen stehen und winkte mich zu sich heran. Gab mir die Hand, deutete auf den Monitor, wo einige weitere Blutwerte der Frau bereits abzulesen waren. "Jetzt möchte ich wissen, ob Sie vor Weihnachten in meiner Vorlesung aufgepasst haben", sagte er. Er dachte wohl, ich sei eine von den Studentinnen.

"Ich war vor Weihnachten nicht in Ihrer Vorlesung", antwortete ich. Er fragte, fast enttäuscht: "Warum nicht?" - "Weil ich mein PJ mache und vor Weihnachten in der Chirurgie war", sagte ich und in der letzten Reihe fingen drei Leute an zu lachen. Er antwortete: "Dann müssen Sie es erst recht wissen. Was fehlt der Frau?" - "Rote Blutkörperchen." - "Richtig. Was fehlt ihr noch?" - "Epo." - Die drei aus der letzten Reihe lachten schon wieder, bevor der Professor scrollte, nochmal nickte und das Gelächter verstummte. "Das hab ich noch gar nicht gesehen. Sie haben Recht. Ich meinte eigentlich was anderes, was erstmal sofort ins Auge fällt. Fallen muss." - Nicht ohne Grund hatte man wohl bereits zusätzlich das Erythropoetin bestimmen lassen. Ich wollte gerade auf den Hämatokrit-Wert und auf die Größenverhältnisse zeigen, als aus der letzten Reihe kam: "Die Entzündungswerte sind sehr hoch." - "Welche Entzündungswerte?", fragte der Professor. Die Studentin schüttelte den Kopf. Vermutlich war ihr im letzten Moment aufgefallen, dass nur ein Entzündungswert bestimmt war und dieser sich im normalen Bereich befand.

Lange Rede, kurzer Sinn: Er wollte von mir wissen, was ich tun würde. Ich sagte: "Da die Nierenwerte in Ordnung zu sein scheinen, erstmal Vitamin B12 und Schilddrüse bestimmen." - Er zeigte mit der Spitze seines Kugelschreibers auf mich und sagte: "So machen wir das. Sobald die Werte da sind, kommen Sie zu mir und dann besprechen wir das. Einverstanden?" - Der Stationsarzt und der Oberarzt nickten betont gelangweilt. Ich lächelte und nickte ebenfalls.

Am Ende war es ein ausgeprägter Vitamin-B12-Mangel. Ob nur durch die streng vegane Ernährung bedingt oder ob es noch zusätzliche Ursachen (Magenschleimhaut-Entzündung, Aufnahmestörung) gab, müssen jetzt andere bestimmen, denn der Chefarzt wollte mich nach unserem Gespräch sofort auf einer anderen Station haben. "Im Stationsalltag der allgemeinen Inneren werden Sie sich langweilen. Sie haben das drauf, das merkt man sofort." - Ich wurde rot.

Er lud mich ein, auf eine Station zu kommen, auf der die ganzen "schwierigen" Fälle behandelt werden. Patienten mit entzündlichen Erkrankungen, bei denen die üblichen entzündungshemmenden Medikamente nicht oder nicht mehr wirken. Hauptsächlich Rheuma und Morbus Crohn (eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Verdauungstraktes). Im Rahmen einer Studie werden dort Patienten Antikörper gegeben, die im Labor gezüchtet wurden. Das ist natürlich sehr spannend und vor allem hatte ich es bislang nur mit sehr interessanten Persönlichkeiten zu tun. Also vom Busfahrer und Müllmann bis hin zu einer Personalchefin bei einer großen Versicherung und einem Bischof. Alle haben eins gemeinsam: Sie wissen über ihre Krankheit bestens Bescheid und haben sich meistens intensiv und auf unterschiedlichsten Ebenen damit auseinandergesetzt. Oftmals auch auf der ethischen. Gespräche mit dem Professor sind so, dass ich davon lerne. Und mich manchmal frage, ob das alles Mediziner sind. Und dann schnell merke, dass sie es nicht sind, denn ihre Kenntnis umfasst dieses sehr begrenzte Teilgebiet. Aber es ist faszinierend.

Und vor allem kein Hokuspokus. Am bisher Eindrucksvollsten war wohl eine 22jährige mit Morbus Crohn mit acht durch die Bauchdecke verlaufenden Fisteln. Das heißt, da waren zwischen Darm und Außenwelt Verbindungen gewachsen, aus denen dann ständig schmierig-schleimig blutender Darminhalt nach draußen blubberte. Ganz leckere Sache. Ich möchte nicht tauschen. Erst durch diese Antikörpertherapie gelang es, die Entzündung einzudämmen. Und was wirklich verblüfft: Die Fisteln schließen sich. Nicht, weil da einer operiert, sondern der Körper fragt sich irgendwann selbst, warum da Fisteln sind und verschließt die wieder. Vor den Antikörper-Infusionen hat er zugelassen oder durch sein eigenes Immunsystem sogar begünstigt, dass die dort wachsen können. Irre. Ein toller Einblick, aber auf lange Sicht für mich nicht das Richtige.

Man darf natürlich nicht vergessen, dass diese Therapie auch nicht ohne Risiko ist. Es gab weltweit hunderte Todesfälle. Allerdings darf man auch nicht vergessen, wie schwer krank diese Menschen sind und dass sie davor alle anderen Möglichkeiten und Therapien ausgeschöpft haben. Oft ist das ihre letzte Chance, und zusammen mit einer sorgfältigen Erhebung der Krankengeschichte und unter Beachtung der bisherigen Erfahrungen lässt sich das Risiko wohl ganz gut kalkulieren.

Samstag, 13. Januar 2018

Auch nix Paket

Ich versuche ja noch immer, meinen Artikel für 202 Euro zu bekommen. Im ersten Anlauf ist es ja gescheitert, und nachdem ich denen geschrieben habe, sie mögen meine Kohle umgehend zurückerstatten, da ich nicht für deren Versandunternehmen verantwortlich zu machen bin, bekam ich eine weitere Mail, dass das Paket laut Unterschrift der Nachbarin einwandfrei übergeben wurde. Wer anschließend das Paket geöffnet und die Ware zerstört habe, sei nicht mehr nachvollziehbar.

Da mit das zu doof ist und sich mein Anwalt immer über leicht verdientes Geld freut, hat er es nun an der Backe. Gemäß Sendungsverlauf wurde das Paket beschädigt und neu verpackt, und zwar bereits vor der ersten dokumentierten Zustellung (an meine Nachbarin, die beiden an mich, wo ich beim zweiten Mal "Annahme verweigert" draufgeschrieben habe, sind nicht dokumentiert - bei dem zweiten Mal ist er anscheinend direkt von mir zur Nachbarin gelaufen, obwohl ich fünf Minuten vorher gesagt habe, dass das Paket zurück geht).

Mein Anwalt hat gesagt, er fackelt nicht lange. Nachdem ich es ja im Guten versucht habe, hat er ohne weiteres Gelaber einen Mahnbescheid beantragt. Forderung aus unerlaubter Handlung. Drei juristische Sätze dazu. Seine Vergütung oben drauf. Nun bin ich mal gespannt.

Inzwischen habe ich denselben Artikel bei einem anderen Versandhändler bestellt. Für einen teureren Preis - dafür liefert er auch mit einem anderen Paketdienst. Angeblich habe ich die Ware inzwischen auch erhalten - zumindest laut Sendungsauskunft. Leider steht nicht dabei, wo sie wirklich geblieben ist. Wenn man das wissen möchte, muss man sich einloggen. Und dafür einem Vertragswerk zustimmen, das aus mehreren Unterverträgen besteht, mindestens 30 kleingedruckte Seiten hat und teilweise auf Englisch formuliert ist. Muss ich nun zum Erhalt meines Pakets erstmal eine internationale Anwaltskanzlei einschalten, die mir ein Rechtsgutachten erstellt, mit welchen Folgen es verbunden ist, wenn ich da einen Haken setze?

Der Absender sagte mir gestern, dass Frau Kahl diese Sendung für mich angenommen hat. Wer oder wo Frau Kahl allerdings ist, weiß wohl nur der Mitarbeiter des Paketdienstes. Und bis der sich dazu äußert, heißt es eben: Auch nix Paket.

Sonntag, 7. Januar 2018

Nix Paket

Wir haben es ja so gewollt. Wir wollen ja den örtlichen Handel nicht mehr unterstützen. Stattdessen die ganzen Paketdienste und die Versandunternehmen. Und auch wenn ich mich lieber beraten lasse, Dinge anschaue und vielleicht auch anfasse, und dafür am Ende 3 bis 20 Prozent mehr bezahle - ich habe fast keine Chance mehr. Ein Geschäft nach dem nächsten schließt oder ist bereits geschlossen, und die wenigen, die noch vor Ort sind, haben kaum noch Auswahl. Wir haben es so gewollt.

Also suche ich im Netz nach dem günstigsten Preis, scrolle bis zum ersten seriösen Händler und bestelle. Einen Artikel, den ich hier nicht bekomme, für 202 Euro. Am dritten Weihnachtstag. Da hatte ich ja Zeit dafür. Per Kreditkarte gezahlt, Versand kostenlos nach Hause - die Ware verlässt unser Lager noch am selben Tag! Wow.

Ich könnte das Ende der Arie vorweg nehmen, indem ich erwähne, dass ich bis heute noch keine Ware erhalten habe. Aber das wäre nicht so unterhaltsam.

Man mag ja so einem Versandhändler zugestehen, dass er nach Feiertagen (und insbesondere zwischen Feiertagen) sein Versprechen, die Ware verlässt am selben Tag sein Lager, nicht einhalten kann. Immerhin kommt am 02.01., also am vierten Werktag nach meiner Bestellung, der Paketbote zu mir. Kurz vor 17.00 Uhr klingelt er, stellt ein Paket auf meine Fußmatte und hält mir sein Gerät zur Unterschrift hin. Ich sehe, dass das Paket in Fetzen hängt und sage: "Oh, das möchte ich mir erstmal angucken."

Da auch der Inhalt schon klappert und klimpert, verweigere ich gleich die Annahme. Er hält mir wieder sein Gerät hin. "Nein, ich verweigere die Annahme." - "Du nix Paket?" - "Nein, das Paket ist kaputt. Geht zurück." - "Nix Paket?" - "Nein! Zurück!" - "Dein Paket hier. Nix Paket?" - "Nein! Annahme verweigert. Nix Paket, Paket zurück. Da: Kaputt. Broken. Return!" - "Ah." - Er klimperte auf seinem Gerät herum, hielt es mir wieder hin. Und fragte: "Du nix Paket?"

Nix Paket. Als er wieder weg war, schaute ich in die Sendungsverfolgung. "Das Paket ist beschädigt und wird zur Nachverpackung an eine Zustellbasis weitergeleitet. Wir bedauern die Unannehmlichkeiten. Die Zustellung wird sich um ein bis fünf Tage verlängern."

Am 03.01., gegen 17.00 Uhr, klingelt es erneut. Derselbe Paketbote. Mit demselben Paket. Dieses Mal mit ein paar hübschen braunen Klebestreifen an der Seite des Kartons, die gestern noch in Fetzen hing. Ob sie den Inhalt wohl auch geklebt haben? Wieder hält er mir sein Gerät hin. Ich hole einen dicken schwarzen Faserstift, lasse mir das Paket auf den Schoß stellen, streiche meine Adresse durch und schreibe "Annahme verweigert" in großen Lettern auf den Karton. Was dem Paketboten missfällt. "Nix Paket?"

"Nee. Nix Paket, finished, goodbye", sage ich ihm. Normalerweise rede ich nicht so. Ich möchte den Job nicht machen. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass man, bevor man jemanden alleine auf Tour schickt, nicht überprüft, ob er einen Führerschein hat und ob er "Annahme verweigert" versteht. Verarschen kann ich mich also auch alleine.

Zwei Stunden später klingelt es erneut an meiner Tür. Meine Nachbarin: "Huhu, ich hab Sie gar nicht kommen sehen. Ich habe ein Paket für Sie angenommen." - "Da steht doch groß drauf: Annahme verweigert." - "Ja, ich hab mich schon gewundert, wer das da drauf geschrieben hat."

Ich schreibe also eine Mail an den Absender. Der antwortet sofort: "Dann müssen Sie das Paket an uns zurücksenden." - Ich stehe dafür zwanzig Minuten in einer Filiale des Unternehmens an, zahle sieben Kröten dafür und bekomme heute eine Mail, dass die Ware wieder eingegangen, aber beschädigt sei. Man akzeptiere, dass ich von meinem Widerrufsrecht als Endverbraucher Gebrauch machen möchte, allerdings sei eine Erstattung des Kaufpreises ausgeschlossen, da der Inhalt nicht mehr verkaufsfähig sei.

Ich hätte eigentlich die Nachbarin, die das Paket angenommen hat, im Regen stehen lassen müssen. Gut gemeint ist mal wieder das Gegenteil von gut gemacht. Ich könnte kotzen.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Mal wieder Umzug

Ist ja schon wieder alles mögliche vorbei. Weihnachten vorbei. Silvester vorbei. Jahreswechsel vorbei. Neujahr vorbei. Dritter Praktikumstag in der neuen Klinik vorbei. Dritter Tag des dritten Drittels des praktischen Praktischen Jahres vorbei. Wobei das derselbe dritte Tag war. Und der erste und der zweite sind natürlich auch schon. Vorbei.

Tja. Ich bin ziemlich fertig. Körperlich ausgelaugt. Es waren anstrengende drei Wochen. In denen andere sich erholt haben. In denen ich Weihnachten und Neujahr gefeiert habe. Aber in denen ich auch viel regeln musste, was ich eigentlich schon viel früher geregelt haben wollte. Und nun bin ich bereits wieder Vollzeit beschäftigt, muss nebenbei noch für die letzte Prüfung lernen. Es reicht.

Was sich im letzten Jahr gedanklich verdichtet hat: Ich werde erstmal nicht zu dir zurück kehren. Hamburg, meine hübsche Liebe, du musst in den nächsten Jahren ohne mich auskommen. In dir zu wohnen ist, wenn auch teuer, zwar schön, aber in dir wohnen einfach zu viele Idioten, die mich nicht in Ruhe lassen können. Keine Sorge, ich komme dich sicherlich immer mal wieder besuchen. Und ich werde auch hin und wieder mal in dir schlafen, wenn du erlaubst. Aber mehr ist im Moment nicht drin.

Zum 31.12. musste ich auch meinen Krempel aus meiner Bude am letzten Studienort räumen. Dort hatte sich natürlich mal wieder eine Menge angesammelt. Für das letzte Drittel penne ich anfangs noch in meiner Mini-Ferienwohnung an der Ostsee und pendel täglich mit dem Auto - das passt irgendwie. Während der Prüfungszeit werde ich mir am letzten Studienort ein Hotelzimmer nehmen, das ist günstiger, als die Wohnung noch ein halbes Jahr zu behalten. Am letzten Studienort hält mich nichts. Und ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass das Kapitel beendet ist.

Im Moment wohne ich also in meinem gemütlichen Nest an der Ostsee, wo wir auch den Jahreswechsel gefeiert haben. Allerdings sind die Tage in dieser Mietwohnung ebenfalls gezählt, denn auch hier habe ich gekündigt. Ja, großer Umbruch. Hauptsächlich aus steuerlichen Gründen. Und weil die Wohnungsgröße zum dauerhaften Wohnen nicht reicht. Zumindest nicht, wenn frau im Rollstuhl sitzt. Für Ferien, für ein Wochenende oder mal eine Woche im Sommer war es super und die Wohnung ist mir auch sehr ans Herz gewachsen, aber ich brauche etwas, wo ich dauerhaft bequem wohnen kann.

Entscheidend war auch, dass ich mich zum Jahreswechsel um meine Kohle kümmern musste. Bis Ende 2015 profitierte ich noch von einer Geldanlage, die mir aufgrund der langen Laufzeit feste Zinsen in aus heutiger Sicht traumhafter Höhe eingespült hat. Nachdem die aktuelle Zinspolitik aber Vermögen auf Sparkonten verbrennt, habe ich 2015 meine Kohle in physisches Edelmetall und in Aktienfonds deponieren lassen. Das Metall hat in den letzten zwei Jahren jeweils über 6% an Wert gewonnen, die Aktien ziemlich genau 4%. Das Metall fasse ich nicht an, aber einen Teil der Aktiensumme habe ich nun, bevor der nächste Börsencrash kommt, in Wohneigentum verwandelt.

Etwa 10 Kilometer von meinem gemütlichen Nest entfernt hatte jemand barrierearm gebaut, sich dann aus privaten, beruflichen, finanziellen oder whatever Gründen aber anders entschieden. Ich habe keine Ahnung, warum man so etwas macht, vielleicht gab es eine Trennung oder einen Verlust - dieser Mensch wollte nur noch verkaufen. Ich habe diese Information von meiner Bank bekommen, die eigentlich nur nach einer Eigentumswohnung suchen sollte und meinte, barrierefrei finde sich in den nächsten fünf Jahren wohl nix. Eigentlich wollte man mich gar nicht kontaktieren, weil ich nach einer Wohnung gefragt habe... Danach ging alles relativ schnell. Wann bekommt man schonmal ein komplett barrierefreies Haus an der Ostsee angeboten, noch dazu zu einem relativ fairen Preis?

Es handelt sich um einen unterkellerter Bungalow mit ausgebautem Dachboden. Wohnfläche rund 160 m², Grundstücksgröße etwa 700 m², allerdings ist bis auf eine gepflasterte Auffahrt derzeit alles noch Acker. Gut isoliert, Gasheizung mit Brennwerttechnik, ergänzendes Wärmedings auf dem Dach, große Eckbadewanne, Dusche, Gäste-WC, großes Wohnzimmer, alles grau gefliest mit weißen Wänden, Einbauküche fehlt noch. Elektrische Rolläden vor allen Fenstern, hübscher Kamin im Wohnzimmer - was will man mehr? Achso ja, nicht alleine wohnen. Nein, Schatzi zieht nicht mit ein. Aber Marie hat sich dazu entschieden. Soll heißen: Es gibt ein großes Wohnzimmer mit (noch nicht) Küche und jeweils ein eigenes Zimmer für jeden von uns. Wobei sie erst richtig einziehen wird, wenn sie mit ihrer Prüfung fertig ist.

Plus ein Gästezimmer (wer will?). Und einen ausgebauten Dachboden. Der ebenfalls erstmal unbewohnt bleiben wird. Schaun wir mal.

Steuerliche Gründe hatte ich erwähnt. Bis jetzt habe ich nur auf die Zinsen, die ich bis 2015 für meine Sparverträge bekommen habe, kräftig Steuern gezahlt. Worüber ich mich überhaupt nicht beschweren will. In 2016 und in 2017 musste ich überhaupt keine Steuern zahlen, da ich ja kein eigenes Geld verdient habe. Bei der Umwandlung von den Aktien in Kohle für das jetzige Haus habe ich den Jahreswechsel optimal ausnutzen können. Soll heißen: Meine Bank war so freundlich, mir für zwei Wochen eine nicht unerhebliche Summe zu leihen. Das hat mich zwar etwas über 300 € gekostet, allerdings habe ich dadurch rund 7.000 € Steuern gespart, die ich hätte zahlen müssen, wenn ich die ganze benötigte Aktienkohle auf einmal umgewandelt hätte (also innerhalb eines Kalenderjahres, Stichwort: Abgeltungssteuer).

Ein Teil der Kaufsumme wird über einen staatlichen Zuschuss für Niedrigenergiebau finanziert, ein weiterer Teil über einen fast zinslosen Kredit aus dem gleichen Stall. Weil: Es gibt einen Tilgungszuschuss und die jährlichen Zinsen sind deutlich niedriger als die Inflation. Es wäre also ungünstiger, keinen Kredit aufzunehmen, selbst dann, wenn die Kohle vorhanden ist. Klingt verrückt, ist aber so.

Wenn ich jetzt im Sommer einen Job annehme, um damit meine Facharztausbildung zu bekommen, werde ich voraussichtlich unter der Woche wieder woanders wohnen müssen. Und dafür wieder Miete an dem Ort zahlen müssen. Das ist aus steuerlicher Sicht aber günstiger, als wenn ich zwei Wohnungen miete. Eine am Arbeitsplatz und ein kuscheliges Nest an der Ostsee. Klingt auch verrückt, ist aber auch so. Aber wenn ich Marie wieder in meiner Nähe habe, habe ich schon gewonnen.

Was jetzt noch dringend fehlt, ist ein vernünftiger Zaun um das Grundstück, ein gepflasterter Carport und ein Treppenlift im Haus. Der Häuslebauer hatte wohl geplant, den Dachboden für sich zu nutzen und seinen behinderten Angehörigen nur ins Erdgeschoss zu lassen, aber das ist nichts für mich. Ich muss auch in das Obergeschoss kommen. Allerdings nehmen Plattformlifte, auf die man mit dem Rollstuhl drauf fahren kann, zu viel Platz weg und sind zu teuer. Vermutlich wird es also ein einfacher Treppenlift - und oben steht dann ein zweiter Rollstuhl. In den Keller muss ich hingegen nicht unbedingt. Angesichts des Preises (wird fünfstellig), überlegt man sich schon zwei Mal, ob man einen oder zwei Lifte einbauen lässt. Und nach unten und nach oben sind halt zwei Lifte.

Und dann freue ich mich auf den nächsten Sommer. Wenn ich mit dem Handbike zehn Minuten zum Strand brauche.