Sonntag, 24. Dezember 2017

Battle of Potatoes

Lange habe ich mich darauf gefreut, mal wieder ein paar Tage zusammen mit Marie zu verbringen. Und mit ihren Eltern. Ich bin gestern zu ihr gefahren und kam mittags an, gerade als es zu regnen aufhörte. Bevor ich überhaupt irgendwas sagen konnte, sprang mir ihre dreißig Kilogramm schwere Hündin stürmisch auf den Schoß und schleckte mir mit der Zunge diagonal durch mein Gesicht. Die gute Erziehung wird, wenn man sich so lange nicht gesehen hat, gerne mal vergessen.

Auch wenn es bereits dunkel wurde, bin ich erstmal und endlich mal wieder mit Marie zusammen Handbike gefahren. Zwölf Kilometer sind wir auf dem Deich entlang gesaust, einmal zu einem Badesee und wieder zurück. Weder Marie noch ich haben im Dunkeln im See gebadet, dafür aber diejenige, für die die Pause eigentlich gedacht war. Maries Hündin musste natürlich schwimmen gehen und schleppte alle möglichen Stöcke an. Und war eher enttäuscht, dass niemand einen ins Wasser werfen wollte. Fast demonstrativ legte sie einen völlig vermoderten Ast vor Maries Füße. Wälzte sich im nassen Sand. Wollte einen mindestens drei Meter langen Ast mit nach Hause nehmen. Ließ ihn am Ende aber doch noch zurück, als Marie ihr erklärt hatte, dass die Eigentümer der Autos, an denen sie damit vorbeischrammt, nicht begeistert sein würden.

Als wir wieder zu Hause waren, war ich so müde, dass ich am liebsten sofort ins Bett gefallen wäre. Die letzten Wochen meines Praktischen Jahres haben eindeutig Spuren hinterlassen. Während es auf der chirurgischen Notaufnahme zwar anspruchsvoll, aber zeitlich relativ geregelt zuging, war die chirurgische Station eine ziemliche Quälerei. Ich habe gefühlt mehr Zeit damit verbracht, mich dagegen zu wehren, ausgenutzt zu werden, als mit meinen eigentlichen Aufgaben. Aber nun ist das ja vorbei, mein letztes Drittel wird hoffentlich so entspannt bleiben wie es gerade anfängt.

Ich hatte eiskalte Beine. Das kommt vor, wenn man einige Zeit bei den Temperaturen draußen ist und seine Beine nicht bewegt. Da kann irgendwann auch die am dicksten gefütterte Hose nicht mehr helfen. "Sauna oder Badewanne?", fragte Marie. So müde, wie ich war: Badewanne. Vor allem, weil ich so lange schon nicht mehr in einer Badewanne war. Während das Wasser einlief, prüfte Marie die einzelnen Badezusätze, die auf dem Wannenrand standen. "Welchen Geruch hätte ich gerne heute nacht neben mir? Lieber Mandel-Öl oder lieber Hibiskus? Ich finde Mandel-Öl gut."

Lange schon hat mich meine Querschnittlähmung ja nicht mehr bis auf die Knochen blamiert. Es war wohl mal wieder an der Zeit. Ich lag in der Badewanne, Marie stand neben mir und zeigte mir lauter Fotos auf ihrem Tablet und erzählte, erzählte, erzählte. Und ich? Pupste erstmal. Beim ersten, zweiten und dritten Mal habe ich nichts gesagt, beim vierten Mal sagte ich: "Meine Güte, sind das die Bratkartoffeln von heute mittag?" - "Eher die Zwiebeln dazwischen. Guck mal, das hier war zum Nikolaus, da hat [die Hündin] endlos nach ihrem Knochen gesucht und ist etliche Male an dem Stiefel vorbei gewetzt. Mein Vater war aber auch so fies, dass er mit dem Knochen vorher zehn Mal draußen auf den Steinen herumgerieben hat, um es ihr etwas schwerer zu machen. Am Ende hätte sie fast den Schuh zerlegt, um dran zu kommen. Willst du mich gerade pranken oder spielst du heimlich Silent Hunter 8?"

"Silent Hunter 8? Was ist das denn?" - "Silent Hunter 8, The Battle of the Bathtub." - "Sagt mir nichts." - "Das ist ein Videospiel mit U-Booten. Sagt mein Vater immer, wenn ich aus Versehen beim Baden in die Wanne gekackt habe." - Jetzt war ich schlagartig wieder wach und strich mit meiner Hand den Badeschaum zur Seite. Igitt. Wurde ich gefragt? Will ich das? Querschnittlähmung kann so eklig sein. Und erniedrigend. Gerade dann, wenn man emotional sowie schon auf dem Zahnfleisch geht, muss sich mein Darm natürlich vom warmen Wasser anregen lassen. Ich stützte mich hoch, setzte mich aufrecht hin.

"Bleib sitzen, ich hole ein Sieb." - Marie kam mit einem Küchensieb mit Stil wieder. "Damit schöpfen wir sonst immer die Nudeln ab", sagte sie ohne eine Miene zu verziehen. Natürlich stimmte das nicht, da sie das Ding nicht aus der Küche, sondern aus einem Putzschrank geholt hatte. Ich weinte inzwischen. Es war einfach zu viel. Für heute. Für den Moment. Marie zog sich Einmalhandschuhe an. Gab mir einen Kuss auf den Mund. Sagte nichts mehr, sondern kümmerte sich um mich. "Wieso kümmerst du dich um die Sauerei?", fragte ich. Und die Betonung lag auf "du". - "Weil du jetzt badest. Wenn er sich wieder beruhigt hat, lassen wir einmal das Wasser raus, du duscht dich einmal ab und dann gibt es neues Wasser. Und danach schläfst du dich erstmal aus. Du bist völlig fertig, Jule."

Als das Wasser getauscht war und Marie kurz draußen war, kam die Hündin rein. Schnüffelte, guckte mich fragend an, leckte mir über die Wange und legte den Kopf auf den Badewannenrand. Als Marie wieder rein kam, drehte sie sich um. "Na du siehst vielleicht bescheuert aus mit dem Schaum auf dem Kopf. Komm mal her", sagte sie und wischte ihr das Fell trocken. "Und jetzt raus hier, du hast im Bad nichts zu suchen." - Jetzt musste ich doch lachen. Marie brachte mir eine Pampers mit. Fehlte nur noch der Schnuller. Aber sie hatte ja recht. Falls das nachts noch weiter gehen sollte.

Ging es aber nicht. Allerdings habe ich vierzehn Stunden durchgeschlafen. Mehr als doppelt so lange als ich zuletzt nachts regelmäßig geschlafen habe. Um zehn Uhr kam Marie, die schon vor einer Stunde aufgestanden war und Frühstück für die ganze Familie vorbereitet hatte, an mein Bett. "Wollen wir frühstücken?"

Kommentare :

Edelnickel hat gesagt…

Solche tollen Freunde sind so viel Wert! Halte sie ganz doll fest, die Marie, denn das ist eine der besten!
Pass auf dich auf und komme gut ins neue Jahr. Ich hoffe, du kannst dich ausgiebig erholen, denn das scheint echt mal wieder nötig zu sein.
Liebe Grüße, Nickel

Anonym hat gesagt…

Ich kann gut nachvollziehen, wie du dich in dem Moment gefühlt hast. Manchmal bleibt einem nichts anderes mehr, als einfach loszuweinen, weil man irgendwie kein anderes Ventil findet und ansonsten irgendwann platzen würde. Umso wichtiger und wertvoller, dann solche Menschen wie deine Marie um sich zu haben.
Genieß die freien Tage!
Liebe Grüße von Nele

Anonym hat gesagt…

Silent Hunter ist ein Spiel, das es tatsächlich als Video-Spiel gibt. Die letzte Folge hieß Battle of the Atlantic oder so. Insofern ist das tierisch witzig, wenn jemand auf so einen Schweinkram so cool reagieren kann. Ich glaube, dass du ähnlich cool reagiert hättest, wenn Marie in deiner Badewanne so einen Schweinkram gemacht hätte. Nur als Betroffene sieht man diese Perspektive nicht, sondern fühlt sich klein und schwach. Du machst dir 1000 Gedanken und für sie ist das vermutlich längst abgehakt. Passiert halt. Meine Freundin hat auch eine Querschnittlähmung nach einem Motorradunfall. So bin ich zu dir und deinem Blog gekommen, und ich muss sagen, er ist für mich das wertvollste Stück Internet. Lass dich von irgendwelchen Spinnern nicht entmutigen und gehe oder rolle deinen Weg. Du machst deine Sache gut. Alles Gute!

ThorstenV hat gesagt…

Einmal mehr gehen genausoviele ++ an Marie wie an Jule.

Anonym hat gesagt…

Um solche Freunde bist du zu beneiden!

Trashbarg