Samstag, 30. Dezember 2017

Ölwechsel und Glitzerstaub

Ich habe zu Weihnachten von Maries Eltern eine Winterjacke geschenkt bekommen. Genauso wie Marie. Worüber ich mich sehr gefreut habe. Genauso wie Marie. Marie und ich haben jeweils dem anderen traditionell einen neuen Badeanzug geschenkt. Vielleicht schaffen wir es ab Sommer ja, mal wieder regelmäßig gemeinsam zu trainieren.

Von meinen Kolleginnen und Kollegen der letzten Station habe ich ein T-Shirt bekommen, auf dem steht: "Ich habe es mit Laufen versucht, aber es hat mir nicht gefallen." - Soll witzig sein (ich schreib es extra dazu, weil bisher alle nur müde gegrinst haben). Mal sehen, vielleicht steht demnächst mal wieder ein Ölwechsel oder eine Renovierung an, dann hätte ich auf jeden Fall schon mal die passende Kleidung.

Und von Schatzi? Ein Flausch-Onesie-Overall zum Loungen in dunkelrot, mit Flauschkapuze (diese jedoch zum Glück ohne Plüschohren). Der fühlt sich auf jeden Fall gut an. Einziger Nachteil ist natürlich, dass man zum Pinkeln obenrum erstmal alles ausziehen muss. Und einen Gutschein (keinen selbstgemachten, sondern einen offiziellen) von einem Sauna-Klub. Ja, richtig gelesen, keine Eintrittskarte für eine Therme (wohin ich sonst rollen würde, wenn ich nicht gerade bei und mit Marie im Garten saunieren kann), sondern er möchte mit mir in einen Sauna-Klub.

Ich habe natürlich erstmal weder Contenance noch Continence verloren, sondern mich nur überrascht gezeigt und ihn gefragt, was genau dort passiert. Er hat mir dann mit einem gewissen Funkeln in den Augen erzählt, dass er sich im Internet und telefonisch informiert hat, dass dort ausschließlich Paare hingehen (als Einzelperson kommt man nicht hinein), und dass es dort nicht nur eine Sauna-, sondern auch eine Badelandschaft mit märchenhaften Grotten, Whirlpools und Relaxräumen sowie einem großen Garten geben soll. Attraktiv ist aus seiner Sicht, dass man dort miteinander nicht nur küssen darf, was, so sind seine Worte, im Wasser gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität vielleicht noch die eine oder andere ungeahnte Möglichkeit bietet. Und nein, Partnertausch sei nicht zwingend vorgesehen.

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob ich das wirklich will, habe das Geschenk aber erstmal als "spannend" angenommen. Ich werde in den nächsten Tagen dazu noch ein wenig recherchieren...

Über Silvester bekommen wir von Marie und einer Freundin Besuch. Wir sind zur Zeit an der Ostsee und lassen uns den viel zu warmen Wind um die Nase pusten. Am morgigen letzten Tag des Jahres wollen wir Fondue machen, und entsprechend hatte ich für heute bereits Fleisch und Baguettes vorbestellt. Um elf Uhr sollte beides zum Abholen bereit sein, anschließend wollte ich Marie und Freundin vom Bahnhof der nächsten größeren Stadt abholen (nachdem Marie derzeit kein eigenes Auto hat - ein neues ist noch nicht ausgeliefert und bei ihrem alten hat das Automatikgetriebe bei 260.000 km den Geist aufgegeben).

Ich kam also gegen kurz vor zwölf Uhr bei der Fleischerei an und fragte nach meinem vorbestellten Fondue-Fleisch. Nein, das sei noch nicht fertig, man wollte es heute morgen frisch schneiden, aber es sei zu viel los gewesen. Ob ich es in etwa einer Stunde abholen könnte, wollte man wissen. An der Bedientheke arbeiteten drei Leute die anstehenden Kunden ab, etwa zehn warteten, im hinteren Teil des Raums lag auf einer Arbeitsplatte ein großes Stück Schweinefleisch, ich hätte es als nur bedingt sachkundige Person für die Oberschale, also ein Teilstück des Schinkens, gehalten. Das Stück Fleisch lag auf einem Schneidebrett und dieses Schneidebrett bedeckte den Namen "Müller" auf einem Stück Papier so, dass man nur "Müll" lesen konnte - was mir spontan ins Auge fiel.

Also erst zum Bahnhof und anschließend das Fleisch abholen. Dafür aber jetzt noch schnell zum Bäcker. Dort hieß es: "Also, wenn Sie um zwölf Uhr kommen, eine Stunde vor Ladenschluss, dann müssen Sie damit rechnen, dass keine Baguette-Brote mehr da sind." - "Deswegen hatte ich ja extra vorbestellt." - "Ja, aber nicht mehr um zwölf. Da haben wir die noch nicht abgeholten Vorbestellungen auch mit abverkauft." - "Ich hatte aber bereits bezahlt. Und hätte jetzt gerne meine Ware." - "Bei wem haben Sie das bezahlt?" - "Bei Ihrer Kollegin. Etwa Eins-Sechzig groß, blond, blaue Brille." - "Haben Sie denn einen Beleg bekommen?" - "Ja, Moment ... hier." - "Das ist ein Kassenbon über drei Baguette-Brote. Die haben Sie an dem Tag gekauft." - "Jetzt ist es aber genug! Sie haben es verpeilt, dann wäre es wohl das Mindeste, sich zu entschuldigen." - "Sie kommen nicht von hier, oder? Das hört man. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und einen guten Rutsch", sagte sie und hielt mir die Tür auf.

Okay, das war das letzte Mal, dass ich dort etwas gekauft habe. So eine blöde Schrippe! Da ich in den nächsten zwei bis drei Wochen dort nicht wieder hinfahre, lohnt es sich vermutlich auch nicht mehr, sich die Kollegin mit der blauen Brille zur Brust zu nehmen. In dem Ort, in dem meine Ostsee-Wohnung steht, gibt es gar keinen Bäcker, und in diesem nächsten Nachbarort zum Glück gleich drei. Ein Wechsel ist also angezeigt.

Marie und ihre Freundin kamen pünktlich mit dem Zug an. Die Freundin, die Fußgängerin ist, kümmerte sich um das Verladen unserer Rollstühle in den Kofferraum, was gerade bei zwei Rollstuhlfahrerinnen im selben Auto eine Erleichterung ist. Zur Fleischerei wollte sie auch schnell reinlaufen, aber ich wollte unbedingt dabei sein. Aus Gründen. Tatsächlich lag das Stück Fleisch dort immer noch genauso wie vor einer Stunde. Ungekühlt, ungeschützt, immer noch ein Teil des Namens auf dem Papier verdeckend. Mein Fondue-Fleisch war noch nicht fertig. Immerhin wollte man jetzt aber beginnen, es zu schneiden - und zwar aus diesem Stück Fleisch, das dort seit über einer Stunde ungekühlt auf der Arbeitsplatte lag.

"Moment mal bitte! Das Fleisch liegt da jetzt seit über einer Stunde bei Zimmertemperatur auf Ihrer Arbeitsplatte. Daraus möchte ich kein Fonduefleisch geschnitten haben." - "Das hab ich vor zwei Minuten aus der Kühlung geholt." - "Und wieder genauso auf das Stück Papier gelegt wie vor einer Stunde?" - "Das weiß ich nicht, aber das habe ich eben gerade erst aus der Kühlung geholt." - "Okay, dann schneiden Sie bitte die ersten Stücke ab, füllen sie in die Tüte und lassen mich die Tüte bitte einmal anfassen." - "Wozu das denn?" - "Ich möchte mich gerne davon überzeugen, dass das Fleisch in der Kühlung war, denn ich habe das anders wahrgenommen." - "Ich kann auch ein neues Stück aus der Kühlung holen, damit habe ich doch gar kein Problem!" - "Sie brauchen mir doch nur einmal zu zeigen, dass das aktuelle Stück dort kalt ist."

Konnte er wohl nicht. Er holte ein neues Stück. Worüber ich gar nicht nachdenken möchte. Als er die Verpackung öffnete, lief die gesamte darin enthaltene Flüssigkeit einmal quer über einen Leitz-Ordner mit Zetteln drin, der ebenfalls offen rumlag. Neben dem offenen Stück Fleisch. Was für eine Sauerei, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich möchte wetten, dass er das warme Stück Fleisch anschließend wieder in die Kühlung packt, sobald ich weg bin. Jedenfalls begann er nun damit, dünne Scheiben aus dieser frischen Oberschale zu schneiden. "Nur noch einmal zur Sicherheit: Ich wollte Fondue-Fleisch." - "Ist das keins?" - "Das sind eher dünne Schnitzel. Vielleicht für Raclette. Fondue ist das mit der Gabel und dem heißen Topf." - "Ah, entschuldigen Sie, jetzt habe ich tatsächlich an Raclette gedacht. Aber Sie können das ja noch durchschneiden."

Ich ließ ihn stehen und rollte ohne ein weiteres Wort nach draußen. Irgendwann ist meine Geduld auch mal am Ende. Marie rollte wortlos hinter mir her, die Freundin ebenfalls. Dreihundert Meter weiter ist ein Supermarkt mit Fleischerei. Normalerweise kaufe ich Fleisch nicht in Supermärkten, aber schlimmer konnte es nicht mehr werden. Ohne irgendein Problem und ohne vorbestellt zu haben, bekam ich an der dortigen Fleischtheke die Menge Fonduefleisch, die ich haben wollte.

"Kann ich sonst noch etwas Gutes für Sie tun?", fragte der junge Mann hinter der Theke. Zum ersten Mal wurde ich heute freundlich bedient. Vielleicht war es doch ein Fehler, den lokalen Einzelhandel unterstützen zu wollen. Zumindest könnte der sich in diesem Punkt von dem Lebensmittel liebenden Filialbetrieb noch eine Scheibe abschneiden.

Bald ist ein neues Jahr. Ich wünsche euch mehr Liebe, Freundschaft und Wahrheit. Weniger Missgunst, Hass und Lüge. Ich wünsche euch mehr Sonne für die Herzen, und für Zwischendurch einen Schirm, mit dem es sich im Regen tanzen lässt. Ich wünsche allen, die im Moment nur graue Wolken sehen, dass sie schon ganz bald einen Regenbogen finden, an dessen Ende die Einhörner Glitzerstaub verteilen.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

59 Fragen

Jetzt hat es mich doch angesteckt. Ich bekam von einer Bekannten einen 50-Fragen-Fragenkatalog, und da ich ja schon lange keine Fragebögen mehr beantwortet habe, geht es gleich los. Und zum Schluss kommen dann auch gleich noch die Fragen, die in den letzten Wochen über meine Kommentare oder auf anderem Weg an mich gestellt wurden.

1. Hast du dich schonmal über jemanden geärgert für etwas, was er in deinem Traum getan hat?
Interessante Idee, aber: Nein. Wirklich noch nie. Ich war vielleicht mal einen Moment lang verdattert, habe dann aber sehr schnell realisiert, was Traum und was Realität war.

2. Hast du schonmal durch ein Loch in der Kabinenwand geguckt und dabei Augenkontakt mit dem Benutzer der Schüssel nebenan gehabt?
Nein, ich würde ein Klo nicht nutzen, wenn da Löcher in der Kabinenwand wären.

3. Hast du schonmal jemanden zur Begrüßung von hinten auf den Po geklatscht und dann festgestellt, dass es der Falsche war?
Nein, ich klatsche niemandem zur Begrüßung auf den Po.

4. Hast du schonmal einen Käfer unter einer Lupe ankokeln lassen?
Nein!

5. Hast du schonmal jemandem eine falsche Handynummer von dir gegeben?
Tatsächlich ja. Ein einziges Mal. Da war ich mit einer Freundin unterwegs, als sie plötzlich ein Typ ansprach. Total aufdringlich hat er sie dichtgelabert, aber sie war total distanziert. Am Ende wollte er ihre Nummer. Sie gab ihm eine ganz andere. Dann wollte er meine. Ich war so perplex, dass ich einfach begann, meine Handynummer aufzusagen. Meine Freundin funkelte mich an - und dann bin ich bei den letzten vier Ziffern falsch abgebogen. Hinterher erzählte sie mir, dass das ihr ehemaliger Oberstufenlehrer war.

6. Hast du schonmal eine SMS oder Whats-App-Nachricht an eine falsche Person geschickt?
Ja. Klärte sich aber schnell auf: "Ups, falsches Fenster." - Thema erledigt.

7. Hast du schonmal so heftig gelacht, dass du dir in die Hosen gemacht hast?
Als Kind ist mir das mal passiert.

8. Hast du dich mal krank gemeldet, obwohl du gar nicht krank warst?
Ich hoffe, dass meine künftigen Arbeitgeber das nicht lesen, wenn ich jetzt "Ja" sage. Ab sofort werde ich vermutlich immer schon am ersten Tag meiner Arbeitsunfähigkeit zum Amtsarzt vorgeladen.

9. Hast du schonmal was aus einem Hotel gestohlen?
Nein. Ich bin lieb.

10. Hast du in einem Restaurant schonmal kein Trinkgeld gegeben?
Ja, schon öfter. Bedienung ist im Preis enthalten. Ich gebe (tatsächlich) 10% tip, allerdings auch wirklich nur, wenn alles okay war. Wobei ich keine hohen Ansprüche habe, aber wenn zum Beispiel noch Spülwasserreste im Glas sind oder ich um Messer und Gabel bitten muss oder irgendwas fünf Mal wiederhole oder die Dame oder der Herr absolut unfreundlich ist, gibt es auch mal gar nix obendrauf. Dann ist zwar klar, dass es drei Minuten dauert, bis das Wechselgeld beisammen ist, aber das juckt mich dann auch nicht.

11. Hast du schonmal jemandem deine Kreditkarte geborgt?
Nein.

12. Hast du schonmal Textnachrichten beim Autofahren geschrieben?
Nein. Da ich mit den Händen fahre, wäre das wohl unverantwortlicher als es ohnehin schon ist.

13. Hast du schonmal eine berühmte Persönlichkeit getroffen?
Ich bin doch wohl selbst eine berühmte Persönlichkeit! Mit über 5 Millionen Klicks darf ich mir das einbilden, oder? Allerdings, auch wenn das unglaubwürdig klingt, treffe ich zum Quatschen regelmäßig, etwa einmal pro Quartal, eine Schauspielerin. Sie ist etwas älter ist als ich und hat sowohl in Kinofilmen als auch in Fernsehserien mitgespielt. Die Schwester einer Freundin ist ebenfalls eine im Norden relativ bekannte Schauspielerin, sie sehe ich meistens auf der Geburtstagsparty meiner Freundin. Mehr Kontakt habe ich zu ihr aber nicht. Und ich habe mal eine berühmte Künstlerin in Hamburg in der S-Bahn getroffen und mich mit ihr unterhalten. Ich habe sogar noch ihre Handynummer. Da besteht aber derzeit kein Kontakt.

14. Hast du schonmal etwas Illegales besessen?
Nein.

15. Hast du schonmal was in der Mikrowelle vergessen?
Tatsächlich ja. Ich wollte mir Nudeln warm machen, habe die auch angeschaltet, war aber so erschöpft, dass ich nach dem Klogang direkt Zähne geputzt habe und ins Bett geklettert bin. Am nächsten Tag habe ich mich dann gewundert, warum da Essen in der Mikrowelle steht. Praktisches Jahr kann anstrengend sein!

16. Bist du schonmal betrunken oder zugedröhnt am Arbeitsplatz erschienen?
Nein.

17. Hast du dich schonmal an jemandem gerächt?
Auch wenn Rache süß ist: Nein.

18. Hast du schonmal eine Nahtoderfahrung gehabt?
Ich denke, dass es bei meinem Unfall kurz vor Ende gewesen ist. Aber daran habe ich keine Erinnerung. Von daher habe ich eine solche nicht bewusst wahrgenommen.

19. Bist du schonmal verprügelt worden?
Mein Vater ist mal gewalttätig geworden und hat mich verdroschen. Aber sonst nicht. Eine solche Erfahrung reicht mir, ehrlich gesagt, auch.

20. Hast du schonmal etwas gewonnen?
Tatsächlich habe ich im letzten Jahr 440 € mit einem Los gewonnen, das mir jemand geschenkt hat.

21. Hast du schonmal in der Öffentlichkeit irgendwo hingespuckt?
Ich hasse das, wenn Menschen ihren Speichelfluss nicht unter Kontrolle haben. Vereinzelt habe ich mal eklige Sachen wieder ausgespuckt, zum Beispiel hatte ich mal eine verschimmelte Nuss in einem Schokoladenbonbon. Und ich erinnere mich daran, dass ich auf einem Schulsportplatz mal meinen Oberkörper auf ein Geländer gelehnt habe und dort ein bißchen herumgerotzt habe. Hauptsächlich, um einem Jungen zu imponieren. Das war in der Grundschule.

22. Hast du schonmal ein Auto geschrottet?
Sagen wir es mal so: Ich habe schon mehrmals in einem Auto gesessen, während andere es zerlegt haben. Ich selbst habe noch keinen Schaden verschuldet oder angerichtet.

23. Hast du schonmal ein Tatoo stechen lassen?
Nein.

24. Bist du schonmal wegen Benzinmangel liegengeblieben?
Nein.

25. Bist du schonmal ohne Unterwäsche auf einer Party gewesen?
Nein.

26. Hast du schonmal eine Affäre gehabt?
Nein.

27. Hast du schonmal in der Öffentlichkeit Sex gehabt?
Ja. Allerdings nie demonstrativ.

28. Hast du schonmal gleichgeschlechtlichen Sex gehabt?
Nein. Gekuschelt und geküsst ja, aber Sex nicht.

29. Hast du schonmal jemandem in der Öffentlichkeit die Hose runtergezogen, um ihn oder sie zu blamieren?
Nein.

30. Hast du schonmal nackt im Meer gebadet?
Ja.

31. Hast du schonmal einen Dreier gehabt?
Nein.

32. Hast du schonmal Sex mit jemandem gehabt, der doppelt oder halb so alt war wie du?
Nein. Und nein!

33. Hast du schonmal masturbiert?
Endlich kann ich mal mit "Ja" antworten!

34. Bist du schonmal angespritzt worden?
Ja.

35. Bist du schonmal angekotzt worden?
Ja. Und es war nicht lecker. In einem Schockraum. Derjenige ist später an einer Hirnblutung verstorben.

36. Hast du schonmal nach Essbaren in Mülltonnen gesucht?
Nein.

37. Bist du schonmal barfuß in Hundekacke getreten?
Nein.

38. Hast du dein Handy schonmal ins Klo fallen lassen?
Nein, tatsächlich noch nie.

39. Hast du schonmal in ein Schwimmbecken gepinkelt?
Ja.

40. Hast du schonmal Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt, um sie betrunken zu machen?
Nein!

41. Hast du schonmal Selbstgespräche geführt?
Ja.

42. Hast du schonmal Kaugummi unter den Tisch geklebt?
Nein. Ich esse nur sehr selten Kaugummi und dann spucke ich das in einen Mülleimer und klebe das nicht irgendwo hin, wo sich der nächste die Klamotten versaut.

43. Hast du dich schonmal als Mann verkleidet?
Nein.

44. Hast du schonmal darüber nachgedacht, was Menschen auf deiner Beerdigung sagen würden?
Nein.

45. Hast du dir mal vorgestellt, dass eine tote Person, die du kennst, dich aus dem Himmel beobachtet?
Nein.

46. Hast du dir schonmal heimlich Volksmusik angehört?
Nein. Wenn ich die hören möchte, mache ich daraus kein Geheimnis. Aber ich möchte sie nicht hören. Trotzdem kann wohl jeder hören, was er mag.

47. Hast du schonmal einen Haushaltsgegenstand zum Masturbieren zweckentfremdet?
Nein.

48. Hast du schonmal einen Popel quer durch einen Raum geschossen?
Nein.

49. Hast du schonmal beim Duschen gepinkelt?
Ja.

50. Hast du schonmal Sex für Geld angeboten?
Nein.

Und hier noch die Fragen, die mir in den letzten Wochen über meine Kommentare oder auf anderem Weg gestellt wurden:

- Willst du künftig regulär arbeiten oder wirst du deinen Job nur als Hobby betreiben?
Ich werde regulär arbeiten, allerdings werde ich, sobald ich mit meinem Facharzt fertig bin (2022?), versuchen, die Stunden auf 75% zu reduzieren.

- Wenn du im Sommer mit dem Studium fertig bist, müssen wir dich dann mit "Frau Doktor" ansprechen?
Ich habe mich bisher von allen Bloglesern duzen lassen und werde das auch weiterhin tun. Da ich nicht promoviert habe, wäre "Frau Doktor" ohnehin nicht richtig.

- Darfst du, wenn du fertig studiert hast, Gras (also Joints) legal im Rucksack mitführen?
Nein?! Im Gegenteil, das würde mich -je nach Menge- vermutlich meine Approbation kosten.

- Kannst du mir künftig als Ärztin Heroin verordnen, so dass ich es mir aus der Apotheke besorgen kann?
Nein. Es gibt zwar unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, in ein Diamorphin-Behandlungsprogramm aufgenommen zu werden, aber ein einzelner Arzt kann (kann, will und darf) das nicht einfach so verschreiben.

- Was für ein Handy benutzt du derzeit?
Ein Galaxy S7.

- Was für einen Rollstuhl nutzt du derzeit?
Einen Sopur Helium.

- Was für ein Auto fährst du derzeit?
Einen E-Klasse-Kombi Baujahr 2015.

- Was befindet sich gerade in deinem Portmonee?
203,80 Euro in bar, ein USB-Stick, ein Toilettenschlüssel, ein Abholschein aus der Apotheke, eine Gutschein, ein Personalausweis, ein Führerschein, ein Schwerbehindertenausweis, eine Bahncard, eine Gesundheitskarte, eine Geldkarte, eine silberne Visakarte, ein ADAC-Mitgliedsausweis, ein Blutgruppenpass, eine Service-Karte meiner Autoversicherung, ein Studierendenausweis, eine Wertkarte fürs Schwimmbad, ein Organspendeausweis, eine Wertmarke vom Versorgungsamt, ein Fahrzeugschein, drei Kundenkarten.

- Wieviel Grad sind gerade in deinem Zimmer und wieviel Grad sind draußen?
22,5 Grad drinnen und 5,5 Grad draußen.

Montag, 25. Dezember 2017

Terror und Maschinenpistolen

Es hat in diesem Monat in der westlichen Welt keinen Terroranschlag gegeben - wenn man von den beiden gescheiterten Sprengstoff-Attentaten in New York und Malmö absieht. Wobei beim letzten ja noch nicht klar ist, ob der Täter überhaupt eine politische Motivation hatte. Es scheint, als würde unsere diesjährige Advents- und Weihnachtszeit vom Terror verschont bleiben. Und darüber bin ich sehr froh.

Nachdem ich mir heute die mediale Berichterstattung über einen eigentlich harmlosen Vorfall in der Hamburger Michaelis-Kirche, der sich am Heiligen Abend zugetragen hat, angeschaut habe, drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, ein Boulevardblatt könnte den nächsten Anschlag nicht abwarten.

Was war passiert? Ich weiß es aus erster Hand, denn ich war, wie fast jedes Jahr, Besucherin des letzten Heilig-Abend-Gottesdienstes im Hamburger Michel. Dieses Mal waren auch zwei junge Männer in der Kirche. Sie hatten einen Rucksack dabei, haben sich vor dem Gottesdienst unterhalten und sich, offenbar entzückt von der Größe und der Schönheit der über 2.000 Menschen Platz bietenden Kirche, gezielt auf bestimmte Dinge, wie die große Orgel, durch Zeigen aufmerksam gemacht.

Einem Besucher kamen die beiden Männer dadurch offenbar merkwürdig vor, er informierte das anwesende Sicherheitspersonal. Dieses wollte wohl kein Risiko eingehen, konnte die Lage nicht einschätzen, informierte zur Sicherheit die Polizei. Die schickte vier Beamte in Zivil, die diskret zu diesen beiden Männern gingen, ihren Dienstausweis vorzeigten und die beiden "Verdächtigen" mit nach draußen baten. Dort schaute man offenbar einmal in den Rucksack, fand nichts Verdächtiges, überprüfte die Personalien, fand ebenfalls nichts Verdächtiges, und kam am Ende zu dem Schluss, dass die beiden Jungs völlig harmlos sind und wohl nur Weihnachten feierten.

Ich will das aber nicht einmal kritisieren. Man muss heutzutage ja mit allem rechnen, und der Michel-Gottesdienst böte politischen Wirrköpfen freilich eine gewisse Bühne. Also lieber einmal überprüfen lassen, bevor wirklich etwas passiert.

Auf der Internetseite eines Boulevardblattes heißt es heute darüber:

1. Die Polizei habe die Kirche "gestürmt". What?! Ein Sturmangriff, der hier gemeint sein dürfte, suggeriert mir, etliche Polizeikräfte seien vor der Tür zusammengezogen worden, hätten sich langsam angenähert und wären dann kämpfend oder zumindest drohend überfallartig, den Überraschungseffekt nutzend oder ihn sogar mit Nebel- und Blendgranaten und der damit verbundenen Verwirrung verstärkend, in das Gebäude eingedrungen, mit einem Gegenangriff rechnend stets das Ziel verfolgend, die betroffenen Personen auszuschalten. Tatsächlich sind vier Leute unauffällig reinschlurft, haben sich unauffällig umgeguckt, die Personen angesprochen, nach draußen begleitet, fertig.

2. "Dreizehn Streifenwagen" seien entsandt worden. Was bedeutet hätte, dass man aus mehreren Stadtteilen diverse Fahrzeugbesatzungen zum Michel geschickt hätte. Und diese angewiesen hätte, vor der Kirche keinen Lärm zu machen, um die Täter nicht zu warnen. Und auch das Blaulicht auszuschalten, da man es durch die Kirchenfenster sehen könnte. So einen Einsatzbefehl könnte es bestimmt geben. Bestimmt würden dann auch gleich Rettungsdienst und ähnliches alarmiert. Führungsbeamte, ... keine Ahnung. Ich habe von alledem nichts mitbekommen. Und auf Nachfrage eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders wollte der Lagedienst der Polizei nur drei eingesetzte Fahrzeuge bestätigen.

3. "Beamte mit Maschinenpistolen stürmten die Kirche". Ob sie stürmten, hatte ich ja oben schon für mich geklärt. Ob die vier natürlich Maschinenpistolen im Fahrzeug hatten, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, jeder Streifenwagen hat zumindest eine dabei. Wie das in Zivilfahrzeugen ist, weiß ich nicht. In der Kirche habe ich niemanden gesehen, der eine Waffe in der Hand hielt oder gar eine Machinenpistole um den Hals hängen hatte.

4. "Polizisten unterbrachen die Christmesse". Es handelte sich um einen evangelischen Gottesdienst. Und eine kurze Unterbrechung gab es allenfalls aus Sicht der beiden jungen Männer, als diese für gefühlt zehn Minuten nach draußen gegangen sind, während drinnen weiter gesungen wurde. Die Zivilpolizisten sind so diskret vorgegangen, dass maximal 50 Personen im Umkreis dieser beiden Männer überhaupt etwas mitbekommen haben. Also nicht mal drei Prozent der Besucher.

Ich frage mich jetzt: Warum? Was soll das? Braucht man das?

Und was das Schlimmste ist: Gleich mehrere große Zeitungen, die eigentlich keine Boulevardblätter sind und nach meinen Informationen auch nicht zum selben Verlag gehören, haben diesen Unsinn bereits, offenbar ungeprüft, auf ihre Webseiten übernommen. Und -wie zu erwarten war- dauerte es keine zwei Stunden, bis bei Twitter auch die rechtspopulistische Partei einer Neckar-Großstadt auf diese Meldung aufgesprungen ist.

Na dann: Frohe Weihnachten!

Sonntag, 24. Dezember 2017

Battle of Potatoes

Lange habe ich mich darauf gefreut, mal wieder ein paar Tage zusammen mit Marie zu verbringen. Und mit ihren Eltern. Ich bin gestern zu ihr gefahren und kam mittags an, gerade als es zu regnen aufhörte. Bevor ich überhaupt irgendwas sagen konnte, sprang mir ihre dreißig Kilogramm schwere Hündin stürmisch auf den Schoß und schleckte mir mit der Zunge diagonal durch mein Gesicht. Die gute Erziehung wird, wenn man sich so lange nicht gesehen hat, gerne mal vergessen.

Auch wenn es bereits dunkel wurde, bin ich erstmal und endlich mal wieder mit Marie zusammen Handbike gefahren. Zwölf Kilometer sind wir auf dem Deich entlang gesaust, einmal zu einem Badesee und wieder zurück. Weder Marie noch ich haben im Dunkeln im See gebadet, dafür aber diejenige, für die die Pause eigentlich gedacht war. Maries Hündin musste natürlich schwimmen gehen und schleppte alle möglichen Stöcke an. Und war eher enttäuscht, dass niemand einen ins Wasser werfen wollte. Fast demonstrativ legte sie einen völlig vermoderten Ast vor Maries Füße. Wälzte sich im nassen Sand. Wollte einen mindestens drei Meter langen Ast mit nach Hause nehmen. Ließ ihn am Ende aber doch noch zurück, als Marie ihr erklärt hatte, dass die Eigentümer der Autos, an denen sie damit vorbeischrammt, nicht begeistert sein würden.

Als wir wieder zu Hause waren, war ich so müde, dass ich am liebsten sofort ins Bett gefallen wäre. Die letzten Wochen meines Praktischen Jahres haben eindeutig Spuren hinterlassen. Während es auf der chirurgischen Notaufnahme zwar anspruchsvoll, aber zeitlich relativ geregelt zuging, war die chirurgische Station eine ziemliche Quälerei. Ich habe gefühlt mehr Zeit damit verbracht, mich dagegen zu wehren, ausgenutzt zu werden, als mit meinen eigentlichen Aufgaben. Aber nun ist das ja vorbei, mein letztes Drittel wird hoffentlich so entspannt bleiben wie es gerade anfängt.

Ich hatte eiskalte Beine. Das kommt vor, wenn man einige Zeit bei den Temperaturen draußen ist und seine Beine nicht bewegt. Da kann irgendwann auch die am dicksten gefütterte Hose nicht mehr helfen. "Sauna oder Badewanne?", fragte Marie. So müde, wie ich war: Badewanne. Vor allem, weil ich so lange schon nicht mehr in einer Badewanne war. Während das Wasser einlief, prüfte Marie die einzelnen Badezusätze, die auf dem Wannenrand standen. "Welchen Geruch hätte ich gerne heute nacht neben mir? Lieber Mandel-Öl oder lieber Hibiskus? Ich finde Mandel-Öl gut."

Lange schon hat mich meine Querschnittlähmung ja nicht mehr bis auf die Knochen blamiert. Es war wohl mal wieder an der Zeit. Ich lag in der Badewanne, Marie stand neben mir und zeigte mir lauter Fotos auf ihrem Tablet und erzählte, erzählte, erzählte. Und ich? Pupste erstmal. Beim ersten, zweiten und dritten Mal habe ich nichts gesagt, beim vierten Mal sagte ich: "Meine Güte, sind das die Bratkartoffeln von heute mittag?" - "Eher die Zwiebeln dazwischen. Guck mal, das hier war zum Nikolaus, da hat [die Hündin] endlos nach ihrem Knochen gesucht und ist etliche Male an dem Stiefel vorbei gewetzt. Mein Vater war aber auch so fies, dass er mit dem Knochen vorher zehn Mal draußen auf den Steinen herumgerieben hat, um es ihr etwas schwerer zu machen. Am Ende hätte sie fast den Schuh zerlegt, um dran zu kommen. Willst du mich gerade pranken oder spielst du heimlich Silent Hunter 8?"

"Silent Hunter 8? Was ist das denn?" - "Silent Hunter 8, The Battle of the Bathtub." - "Sagt mir nichts." - "Das ist ein Videospiel mit U-Booten. Sagt mein Vater immer, wenn ich aus Versehen beim Baden in die Wanne gekackt habe." - Jetzt war ich schlagartig wieder wach und strich mit meiner Hand den Badeschaum zur Seite. Igitt. Wurde ich gefragt? Will ich das? Querschnittlähmung kann so eklig sein. Und erniedrigend. Gerade dann, wenn man emotional sowie schon auf dem Zahnfleisch geht, muss sich mein Darm natürlich vom warmen Wasser anregen lassen. Ich stützte mich hoch, setzte mich aufrecht hin.

"Bleib sitzen, ich hole ein Sieb." - Marie kam mit einem Küchensieb mit Stil wieder. "Damit schöpfen wir sonst immer die Nudeln ab", sagte sie ohne eine Miene zu verziehen. Natürlich stimmte das nicht, da sie das Ding nicht aus der Küche, sondern aus einem Putzschrank geholt hatte. Ich weinte inzwischen. Es war einfach zu viel. Für heute. Für den Moment. Marie zog sich Einmalhandschuhe an. Gab mir einen Kuss auf den Mund. Sagte nichts mehr, sondern kümmerte sich um mich. "Wieso kümmerst du dich um die Sauerei?", fragte ich. Und die Betonung lag auf "du". - "Weil du jetzt badest. Wenn er sich wieder beruhigt hat, lassen wir einmal das Wasser raus, du duscht dich einmal ab und dann gibt es neues Wasser. Und danach schläfst du dich erstmal aus. Du bist völlig fertig, Jule."

Als das Wasser getauscht war und Marie kurz draußen war, kam die Hündin rein. Schnüffelte, guckte mich fragend an, leckte mir über die Wange und legte den Kopf auf den Badewannenrand. Als Marie wieder rein kam, drehte sie sich um. "Na du siehst vielleicht bescheuert aus mit dem Schaum auf dem Kopf. Komm mal her", sagte sie und wischte ihr das Fell trocken. "Und jetzt raus hier, du hast im Bad nichts zu suchen." - Jetzt musste ich doch lachen. Marie brachte mir eine Pampers mit. Fehlte nur noch der Schnuller. Aber sie hatte ja recht. Falls das nachts noch weiter gehen sollte.

Ging es aber nicht. Allerdings habe ich vierzehn Stunden durchgeschlafen. Mehr als doppelt so lange als ich zuletzt nachts regelmäßig geschlafen habe. Um zehn Uhr kam Marie, die schon vor einer Stunde aufgestanden war und Frühstück für die ganze Familie vorbereitet hatte, an mein Bett. "Wollen wir frühstücken?"

Samstag, 23. Dezember 2017

Weihnachtswunsch

Fast zehn Jahre sind seit meinem Unfall vergangen. In der letzten Woche hatte ich meine letzten beiden Psychotherapie-Stunden. Eine weitere Verlängerung ist nicht vorgesehen und aus meiner Sicht auch nicht nötig. Meine frühere Therapeutin ist seit der Geburt ihres zweiten Kindes nicht mehr beruflich tätig, ihre Vertretung, die zwar gut, aber nicht ganz so gut wie meine erste Therapeutin war, findet, ich sei ausreichend reflektiert, um mein Leben alleine im Griff zu haben. Genauso hat sie es formuliert, und ich glaube, damit wird deutlich, was ich meine, wenn ich behaupte, sie sei nur "gut" und nicht "sehr gut".

Sollte ich, wie geplant, nach meiner letzten Prüfung eine fünfjährige Facharzt-Ausbildung (Kinder- und Jugendpsychiatrie) beginnen, werde ich ohnehin noch eine weitere Psychotherapie machen müssen. 150 Stunden Selbsterfahrung sind vorgesehen. Natürlich neben ganz vielen anderen Inhalten. Ich bin mir sicher, dass der Job nicht einfach werden wird, sondern ein hohes Maß an Frustration in sich trägt. Ich weiß aber, dass derartige Fachärzte händeringend überall gesucht werden. Und ich glaube, dass ich gerade im Kontakt zu Kindern und Jugendlichen sehr viel erreichen kann.

Marie möchte Kinderärztin werden, muss sich dafür ebenfalls fünf Jahre fortbilden. Ein Jahr davon ebenfalls im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. So ganz sicher ist sie sich noch nicht, vor allem könnte es bei ihr noch sein, dass sie aktuell noch ein halbes Jahr dranhängen muss, da sie wegen einer fetten Erkältung zu lange gefehlt hat. Es könnte stundenmäßig gerade noch passen, das klärt sich aber erst im nächsten Monat. Vielleicht macht sie ihr erstes Jahr aber an derselben Klinik wie ich ... dann wären wir mal wieder zusammen.

Aber zurück zur Psychotherapie: Wissend, dass wir uns heute zum letzten Mal sehen, fragt mich doch meine Psychologin, welches das größte Problem der letzten Zeit war und wie ich es gelöst habe. Ich finde das problematisch, denn es kann ja auch immer mal sein, dass etwas nicht gelöst ist. Und dann? Lässt sie den Klienten damit alleine? Oder hofft sie, dass er dann wiederkommt und doch noch eine Verlängerung beantragt?

Egal. Ich habe noch einmal den Müll thematisiert, der mich unter anderem vom Bloggen abgehalten hat. Sie hat in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, warum ich damals den Kontakt zu Marie und ihren Eltern abgebrochen habe. Ich weiß nicht, ob sie die Frage gestellt hat, um mir zu signalisieren, dass sie nicht richtig zugehört hat, oder ob sie mich zu einer differenzierten Betrachtungsweise motivieren wollte. Am Ende kam nichts neues dabei heraus.

Ich weiß, dass das damals eine falsche Entscheidung von mir war. Rückblickend betrachtet. In dem Moment war eine Entscheidung nötig. Und in dem Moment fehlte mir das nötige Vertrauen. Nicht mein perönliches Vertrauen in Maries Familie, ich glaube, das war immer da, sondern mein persönliches Verständnis von Vertrauen. Also das, was ich mit "Vertrauen" verbinde, war durch die extremen Erlebnisse so erschüttert, dass ich nicht mehr in der Lage war, eine auf "Vertrauen" aufbauende Beziehung zu unterhalten. Oder etwas drastischer formuliert: Wenn du nicht mehr weißt, was Vertrauen wirklich ist, weil es von überall her mit Füßen getreten wird, dann kannst du darauf auch nichts aufbauen.

Wenn es Freunde gibt, mit denen ich mehrfach verreist bin. Bei denen ich übernachtet habe. Mit denen ich nackt in der Sauna war. Die mir ihre intimsten Dinge anvertraut haben. Und umgekehrt. Und die dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nichts mehr von mir wissen wollen, mir übel nachreden, mich sogar verleumden, sogar behaupten, mich nie gekannt zu haben. Ich suche mir Hilfe bei einer anderen Freundin, die hört mir zu, aber nur, um das hinterher der "Gegenseite" zu erzählen. Weil ich ihr vertraue und erst zu spät merke, dass sie das Lager gewechselt hat.

Wenn es Menschen gibt, die meinen ehemaligen Freunden haarsträubende Geschichten erzählen. Und wenn meine Freunde das dann glauben. Ohne noch ein einziges Mal mit mir zu sprechen. Ohne noch ein einziges Mal nachzufragen, was davon stimmt. Ohne mir die Chance zu geben, mich zu verteidigen, oder überhaupt erstmal was dazu zu sagen. Die mir plötzlich nicht einmal mehr "Hallo" sagen. Wenn ich also merke, dass ich mich in gleich mehreren, sogar fast allen engen Freunden komplett getäuscht habe. Weiß ich dann noch, was "Vertrauen" ist?

Von sieben oder acht ganz engen Freunden haben genau zwei zu mir gehalten. Und sind dafür ganz übel terrorisiert worden. Der Rest hat sich bequem den Menschen angeschlossen, die die Stimmung gemacht haben. Und was für mich das Unverständlichste ist: Wir hatten zuvor sehr intensive Gespräche über Meinungsbildung und Vorverurteilung. Und jedem von ihnen war es wichtig, sich eine differenzierte, gut recherchierte Meinung zu bilden, bevor man über jemanden urteilt.

Inzwischen hat auch Marie, haben auch Maries Eltern verstanden, dass ich nie an ihrer Beziehung zu mir gezweifelt habe, sondern dass ich in dem Moment überhaupt keine Beziehung mehr zulassen konnte. Das hat sich inzwischen wieder normalisiert, was diese drei mir sehr wichtigen Menschen angeht. Neue Freundschaften schließe ich auch, allerdings glaube ich inzwischen, dass die Mehrheit der Menschen anders tickt als ich und ein anderes Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander hat als ich es habe. Und als Marie und ihre Familie es haben.

Das ist kein schönes Ergebnis einer Psychotherapie. Vielleicht kommt bei der nächsten psychotherapeutischen Selbsterfahrung ja wieder etwas anderes heraus. Vielleicht lerne ich zwischenzeitlich auch andere Menschen kennen, die mehr Tiefgang haben als meine ehemaligen "Freunde". Und deren Fassade mich nicht blenden kann.

Dienstag, 19. Dezember 2017

Wechseln, arbeiten, feiern

Tatsächlich habe ich mir ein freies Wochenende erkämpft: Ich muss am Heiligen Abend keinen Stationsdienst schieben. Wie bereits im letzten Beitrag ausgeführt, drehen die hier ein wenig am Rad. Genau am Heiligen Abend ist allerdings auch der zweite von drei Teilen meines PJ zu Ende. Und die gute Nachricht: Die Klinik, in der ich bis Mitte April noch meinen Anteil "Innere Medizin" machen werde, ist ein Lehrkrankenhaus einer anderen Universität und sieht die Sache wohl etwas lockerer. So scheint es zumindest auf den ersten Blick zu sein. Mein zuständiger Oberarzt meinte: "Wir erwarten Sie dann am 2. Januar um 7.45 Uhr."

Während man an dieser Klinik noch diskutieren musste, ob man die Kleidung mit benutzen darf (und wir reden nicht vom Kittel, sondern von Hemd und Hose), ist da sogar das Mittagessen frei und es gibt Kohle. Nicht, dass ich die gerade bräuchte, aber rund 600 Kröten pro Monat sind besser als: Null.

Nächste gute Nachricht: Ab dem 1. August könnte ich einen Job haben. Wenn ich unterschreibe. Vertragsentwurf habe ich heute als PDF bekommen. Natürlich geht das nur, wenn ich meine Approbation bekomme, also meine letzte (mündliche) Prüfung im Mai oder Juni bestehe. Aber dann könnte ich ab August Vollzeit als Assistenzärztin in Weiterbildung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten. Erstmal für ein Jahr. Ich freue mich riesig. Das, was ich bisher gesehen und gehört habe, war alles toll. Ich darf auch vorher nochmal hospitieren. Man sucht offenbar händeringend und wollte mich eigentlich schon im Mai oder Juni haben. Aber nix da: Da werde ich mich mal so richtig entspannen.

Ich bin über Weihnachten bei Marie und ihren Eltern eingeladen. Anschließend werde ich mit Schatzi ein paar Tage an der Ostsee verbringen, bevor Marie und eine weitere Freundin am Silvestertag dazu kommen und wir es krachen lassen. Nein, kein Besäufnis. Und auch keine Osteuropa-Böller. Sondern exzessive Mini-Party.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Suchte Streit

Ich habe die Nase gestrichen voll. Nicht mit Kokain, denn ich nehme keins. Wenngleich mir neulich welches angeboten wurde. Allerdings in öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht im Krankenhaus. Derjenige muss gesehen haben, dass ich derzeit am Limit bin. Dieses Praktische Jahr, das verpflichtend ist vor der letzten (mündlichen) Prüfung, hat es wirklich in sich. Ich bin derzeit vollständig in den Stationsbetrieb eingebunden. Wochenend- und Nachtdienste inklusive. Eigentlich bräuchte ich die nicht zu machen, allerdings wird in unserer Klinik erwartet, dass alle PJler eine entsprechende Ausnahme beantragen. Ich kenne niemanden im Praktischen Jahr, der sich dagegen sträubt.

Die maximale Arbeitszeit beträgt eigentlich zehn Stunden am Tag. Im Praktischen Jahr sind es acht Stunden, da man sich ja auch noch auf das Examen vorbereiten und das im Alltag erlernte Wissen nachbereiten und vertiefen soll. Mein derzeitiger Chefarzt macht nun folgende Rechnung auf: Wenn er einen approbierten Arzt vier Tage lang über zehn Stunden beschäftigt, hat dieser seine Wochenarbeitszeit erfüllt. Mehr als 40 Stunden ist nicht so ohne weiteres möglich. Die PJler arbeiten ja nur acht Stunden pro Tag, um auf 40 Stunden zu kommen, können sie dann ja auch fünf Tage arbeiten. Da er Chefarzt ist, gehe ich davon aus, dass es Absicht ist, wenn er einerseits die Verkürzung von zehn auf acht Stunden durchwinkt, andererseits aber die zwei verkürzten Stunden nicht mit anrechnet.

Wenn man eins lernt, dann ist es "Nein sagen", "Grenzen setzen" und persönliche von dienstlichen Kontakten zu unterscheiden. Sowie an den richtigen Stellen die richtigen Hebel anzusetzen. Denn als kleine PJlerin kann man tausend Mal im Recht sein, es interessiert aber nicht, wenn man trotzdem die nötigen Unterschriften nicht oder so verspätet bekommt, dass man an anderen Stellen in Verzug kommt. Und andere Stellen interessiert in der Regel nicht, ob man unverschuldet oder verschuldet etwas nicht oder nicht rechtzeitig vorlegt. Also bleibt nur: In den Arsch kriechen oder den nötigen Druck aufbauen. Nervig sowas.

Zum Glück gibt es an jeder Uni ja eine Kommission, die sich nur mit dem PJ beschäftigt, und der gehören meistens ja auch Studierende an, zu denen man eigentlich immer einen Draht findet. Und nachdem ich genau drei Mal angekündigt hatte, mich an diese zu wenden, kommt nun regelmäßig der Chefarzt persönlich auf meine Station, um mich in den Feierabend zu verabschieden. Vermutlich möchte er, dass es mir irgendwann peinlich wird, aber ich drehe den Spieß um und freue mich jedes Mal über seine Aufmerksamkeit. Ich sag immer: So schlecht kann meine Arbeit ja nicht sein, wenn er mich eigentlich gar nicht nach Hause lassen will.

So richtig kurios war in den letzten Wochen kaum jemand. Oder ich stumpfe allmählich ab. Es gab einen etwa 50 Jahre alten männlichen Patienten, der mit seinem Auto auf der Autobahn auf ein Sicherungsfahrzeug (also diese großen rot-weiß gestreiften Anhänger, die immer einige hundert Meter hinter einer Baustelle stehen und gelb blinken) aufgefahren ist. Wie er das fabriziert hat, wusste er selbst nicht mehr. Er denkt, er wurde abgedrängt, aber sein Schädel-Hirn-Trauma hat ihn das vergessen lassen. Er hat sich zudem ein paar Knochen gebrochen, aber das wird alles wieder verheilen. Ich sollte nun, da er in einer Nacht Fieber bekommen hatte, morgens Blut bei ihm abnehmen. Und auch er dachte mal wieder, ich sei eine durchgeknallte Mitpartientin. "Nein, ich bin Medizinstudentin und mache gerade mein Praktisches Jahr." - "Und warum sitzen Sie im Rollstuhl? Müssen Sie das auch lernen?" - "Nein, ich bin querschnittgelähmt." - "Oh, wirklich?"

Ein anderer wollte sich von mir nicht untersuchen lassen. Meinte, ich hätte schmutzige Finger und würde ihn vielleicht in der Aufregung ansabbern. Leider war mein Kollege nicht konsequent genug und hat mich rausgeschickt statt ihn. Ich habe dem Kollegen, einem Assistenzarzt, dann hinterher eine Szene gemacht, aber er meinte, damit müsse man leben. Ja, die Ansichten und Haltungen sind schon sehr verschieden.

Und gestern auf dem Weg zum Einkaufen (ja, daran, dass ich samstags einkaufen gehen muss, zeigt sich, dass ich nur noch gearbeitet und geschlafen habe; ich brauchte dringend Klopapier!) sprach mich ein Typ an. Er wäre von der Behörde und wollte mich was fragen. Bevor ich ihn nach seinem Dienstausweis fragen konnte, meinte er: "Ich setze mich dafür ein, dass hier alles so schön rollstuhlgerecht wird. Die Bordsteinkante hier habe ich auch absenken lassen. Kennen Sie noch Ecken in dieser Gegend, die so gar nicht gehen?" - Bevor ich ihm antworten konnte, klingelte sein Handy und er verabschiedete sich von mir, ohne eine Antwort abzuwarten.

Und keine zweihundert Meter weiter sprach mich der nächste Typ an. Stellte sich mir in den Weg und sagte: "Die junge Frau im Rollstuhl, einmal anhalten! Guten Tag!" - Er sammelte für irgendwas Soziales, hatte einen Pavillon aufgebaut. Genau diesen Ton mag ich überhaupt nicht und kurvte um ihn herum, ließ ihn stehen. Fehlte nur noch einer im Bus. Ich stand mit meinem Klopapier auf dem Schoß (die Packung ist zu groß für den Rucksack) auf dem Rollstuhlstellplatz, als ein Mann, geschätzt Mitte 60, mich ansprach: "Darf ich Sie mal was fragen?"

Ich dachte schon, er wollte wegen des Klopapiers wissen, ob ich trotz Querschnittlähmung kacken kann, ob ich im Rollstuhl sitzend kacke oder ob das Klopapier überhaupt für mich ist, aber stattdessen fragte er: "Dass Sie da im Rollstuhl sitzen, ist das eine Folge vom Inzest?" - Bitte was? Strafe Gottes, weil ich unartig war, kenne ich ja schon. Aber dass man nach dem Geschlechtsverkehr mit einem Verwandten im Rollstuhl sitzen muss, war mir neu. Oder sind meine Eltern Geschwister? Man weiß es nicht. Ich dachte mir so: Wähle mal einen Tonfall, den er versteht. Und formulierte: "Wollen Sie paar auf die Fresse?"

"Willst du mir drohen?" - Ich schob ihn mit ausgestreckter Hand von mir weg und sagte laut: "Halten Sie mal etwas Abstand hier und hören Sie auf, mich zu belästigen." - Ein Mann kam aus dem hinteren Teil des Busses dazu: "Belästigt er Sie?", fragte er mich. Ich konnte den hinzugekommenen Mann nicht einschätzen. Ich antwortete: "Im Moment gerade nicht." - "Ich bleib dann mal hier stehen."

Zwei Stationen später stieg der Inzest-Typ aus. Ein älterer Mann, der mir quasi gegenüber auf einem der beiden Sitzplätze saß, sprach mich an: "Das war wirklich ungezogen von ihm. Der hatte vermutlich zu viel Zeit und suchte Streit." - Damit könnte er recht haben.