Samstag, 21. Oktober 2017

Renate und Chantal

Ich habe wirklich sehr lange hin und her überlegt. Eigentlich kann man im Praktischen Jahr, in dem ich gerade stecke, nicht einfach fehlen. Man darf insgesamt 30 Tage (egal, aus welchen Gründen) abwesend sein. Blöd wäre natürlich, wenn ich bis zum April (dann ist das dritte Drittel vorbei) noch krank werde und deshalb längere Zeit flach liege. Allerdings muss ich bis Weihnachten insgesamt 10 freie Tage genommen haben, sonst verfallen sie.

In der letzten Woche hätte ich an drei Tagen arbeiten sollen - und habe mir diese drei Tage frei geben lassen. Um etwas für meinen Körper zu tun, was mir schon lange fehlte. Ich bin am Freitagabend in ein Trainingslager gefahren. Für eine Woche. Ein offener Workshop im Schwimmen, in Deutschland, mit völlig fremden Menschen. Eigentlich nicht für Menschen mit Behinderung konzipiert, aber eine Bekannte aus der Uni, mit der ich hin und wieder zusammen schwimme, hatte sich dort angemeldet und meinte, der Kurs würde nicht stattfinden, weil eine Anmeldung fehle. Die Mindest-Teilnehmerzahl von 25 sei um eine Person unterschritten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren alle aus einem Umkreis von 400 Kilometern angereist und im Alter zwischen 14 und 50 Jahren. Ich war allerdings die einzige Teilnehmerin mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Und meine Bekannte aus der Uni hat im letzten Moment wegen einer Erkältung abgesagt, so dass ich als einzige Teilnehmerin niemanden vorher kannte.

Die Unterbringung war in einer Art Jugendherberge - in Sechserzimmern. Noch bevor die Zimmerverteilung geklärt werden konnte, fragte mich eine ältere Teilnehmerin, Renate, ob ich denn als Rollstuhlfahrerin überhaupt schwimmen könnte. Als ich das bejahte, legte sie den Kopf schief und meinte, ich würde mich doch selbst in Gefahr bringen oder mindestens den Betrieb aufhalten. "Behinderte sind doch irgendwie Scheiße. Ich hoffe, du schwimmst nicht in meiner Bahn."

Danke fürs Gespräch. Klasse, wenn Menschen quasi zur Begrüßung gleich solche Dinge raushauen. Inzwischen bin ich ja abgebrühter als noch vor Jahren. Früher war ich nicht so schlagfertig, wollte keinen Streit. Heute habe ich geantwortet: "Ja, das hoffe ich auch." - Sie wollte wissen, was das heißen sollte. Ich ignorierte sie erstmal demonstrativ. Der Rest der Leute war ganz okay. Und die vorurteilsbehaftete Renate bekam ein Einzelzimmer. Auf eigene Kosten, nachdem sie "den Schweiß junger Mädchen" nicht riechen wollte.

In meinem Zimmer schlief eine junge Frau namens Chantal. Ich weiß, dass sich nicht vom Namen auf den Charakter schließen lässt. Ich weiß als Blondine auch, dass die Wörter "blond" und "blöd" manchmal nur zufällig mit denselben Buchstaben beginnen. Fällt jemandem eine Erklärung ein, warum Chantal sich noch vor dem Betten beziehen darüber aufregt, dass es weder einen Fernseher auf dem Zimmer gibt noch der Handyempfang ausreicht, um "Jung, pleite, verzweifelt" streamen zu können? "Das ist voll krass, ich seh mich da ganz oft selba wieda", lässt Chantal ihre Umwelt wissen. Nachdem sie von mir wissen wollte, ob meine Behinderung nur die Beine betrifft, fragte sie in die Runde: "Welche Furzregel gibt es eigentlich im Zimmer? Ich bin für 'Licht aus, alles raus', wenn ihr wisst, was ich meine. Das heißt, dass man im Bett einen rausballern darf, ohne dass man sich schlafend stellen muss."

Eine andere Teilnehmerin, die mit dem Rücken zu Chantal stand und mich anschaute, verdrehte die Augen und fasste sich mit der Hand an die Stirn. Wir hatten wohl im selben Moment den selben Gedanken. Machte es Sinn, mit Chantal über im Schlaf abgehende Darmwinde zu diskutieren? Nein. Ich habe gelernt, es sollen vier bis zehn sein pro Nacht, mit viel Luft nach oben bei Menschen, die ihren Nahrungsbrei schlecht verdauen. Es wäre also unsinnig zu behaupten, dass irgendeine der sechs Personen nachts im Schlaf nicht pupst. Aber wenn das schon verhandelt wird, bietet sich ja auch eine Chance, mein nächtliches Frischluftbedürfnis durchzusetzen: "Ich wäre dafür, dass hier gar nicht gefurzt wird. Aber ich würde mich kompromissweise auch auf deinen Wunsch einlassen, wenn wir dafür das Fenster nachts gekippt lassen können." - Eins zu Null für mich.

Im Wasser war ich natürlich die Attraktion. Dass der Rollstuhl nicht mit ins Wasser kommt, war entweder allen klar oder es hat sich niemand zu fragen getraut; aber dass jemand ohne Beineinsatz 50 Meter in 50 Sekunden krault, hat einige schon fasziniert. Renate konnte es nicht zugeben, sondern musste weitere Gehässigkeiten rauslassen. Auch die Frage, ob ich Sex haben kann, fand ich zumindest in der Schwimmhalle unangemessen. Geschockt hat sie mich aber nicht.

Licht ins Dunkel kam für mich, als sie morgens beim gemeinsamen Frühstück erstmal ihre ganzen Pillen auspackte. Ganz ehrlich: Wenn ich Psychopharmaka einnehmen würde, dann würde ich mir eine Medikamentenbox holen und die Tabletten irgendwo im Off aus dem Blister in die Box umfüllen. Einfach, um Nachfragen jener Renates und Chantals zu vermeiden, die schon Menschen mit körperlicher Behinderung als potenziell durchgeknallt ansehen. Renate nahm alleine zum Frühstück vor allen Leuten demonstrativ 30 mg Aripripazol, 300 mg Venlafaxin und 2,5 mg Lorazepam ein - vermutlich litt sie also unter einer bipolaren affektiven Störung und unter starken Ängsten. Das rechtfertigte zwar nicht, so gehässig und distanzlos zu mir zu sein, aber vermutlich ließ es sich damit erklären. Ich habe mir nicht anmerken lassen, dass ich wusste, was sie da nimmt. Und vor allem: In welchen Mengen. Ich würde bei einer solchen Einnahme allenfalls noch als Zombie durch die Gegend rollen. Renate aber fuhr noch Auto.

Und sang. Nachts auf dem Innenhof. Laut. "Wenn ich zum Markt geh, dann kauf ich dir ein Hähnchen, und das soll dich jeden Morgen wecken." - Wirklich wahr. Es folgten Gespräche zwischen der Trainerin und Renate. Am vierten Tag saß sie heulend beim Frühstück, meinte, die Trainerin sei Schuld, dass sie sich nun eine "Angstdosis" reinziehen müsste. 10 mg Zopiclon, einen Flachmann auf Ex und ab ins Bett. Als sie wieder aufwachte, haben die Trainer sie nach Hause geschickt. Ich hatte ja schon Bedenken, ob sie überhaupt wieder aufwachen würde, aber ich glaube, ich bin da noch zu unerfahren.

Und Chantal? Pupste nachts zwar munter, konnte ihr Niveau aber noch steigern. "Weißt du, was ich hasse? Wenn die ganzen Pupsblasen sich im Badeanzug verfangen."

Ansonsten war es eine schöne Woche. Die vielen anderen Menschen waren interessant bis wundervoll. Oft auch interessiert. "Darf ich mal sehen, wie du Auto fährst?", war die häufigste Frage. So hatte ich immer zwei bis vier Leute, die mit mir mal kurz zum Einkaufen fuhren, denn nur von der Kantinenkost konnte niemand überleben. Es gab viel zu wenig zu trinken, und damit meine ich keine Alkoholika, die ich sowieso nicht trinke. Socke musste also regelmäßig Einkaufslisten anfertigen und für alle möglichen Leute Gummitiere, Schoki und Energydrinks holen. Ich will ja nicht behaupten, dass ich nie Süßkram esse, aber was einige Leute sich so täglich ins System schütten - pfui. Aber mit eigenem Auto (als einzige neben der abgereisten Renate) war ich natürlich eine feste Größe im Team.

Ich weiß jetzt jedenfalls, warum ich gerade noch ein wenig schneller geworden bin und freue mich, dass ich das gemacht habe. Auch, wenn das mit einer Woche Funkstille in meinem Blog einher ging. Und wenn ich es so schnell nicht noch einmal brauche.

Kommentare :

dipf hat gesagt…

du bist einfache ne coole socke... ich mag deinen blog...

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

ich habe zufällig entdeckt dass du deinen Blog weiterführst. Ganz hab ich die Hoffnung wohl nie aufgegeben. Es freut mich sehr wieder deine Geschichten aus dem Alltag zu lesen. Danke dass du weiterschreibst und dich nicht unterkriegen lässt.
LG aus Österreich

DerSilberneLöffel hat gesagt…

Ich wusste bisher gar nicht, dass man mit dem Erwerb einer Behinderung auch gleichzeitig das Recht auf Intimsphäre verliert. Was bringt Menschen dazu, Dir so nahe zu treten und respektlos intimste Dinge abzufragen? Ich bin immer wieder erschüttert.

Für mich habe ich mir auch ein dickes Fell zugelegt, gehe auf Menschen, die mich anstarren und/oder beobachten, zu und frage, was deren Fragen oder Probleme mit mir sind. Aber bei Renaten - da wäre ich wohl sprachlos.

ednong hat gesagt…

12 Tage sind aber eine lange Woche ... ;)

Man merkt, dein Magnet ist weiterhin aktiv und wirksam. Und über was so manche Leute nachdenken, man man.

Schnuffelsocke hat gesagt…

Hmm... Ich find das gerade irgendwie schwierig.
Also klar ist es nicht in Ordnung, wenn du als Rollstuhlfahrerin von jemanden so bescheuert behandelt wirst...
Andererseits eine psychische Erkrankung / Behinderung ist unsichtbar. Das hat nicht immer Vorteile. Sich wie ein Arschloch dann zu verhalten ist nicht toll, aber bei gewissen Erkrankungen gehört das irgendwie mit dazu. Ist halt ein Teil des Problems / Erkrankung und muss nicht zwangsläufig in böser Absicht geschehen.

By the way: Das Recht auf Intimsphäre scheint jeder Mensch zu verlieren der irgendwie anders ist.
Ich würd auf viele Ideen gar nicht kommen oder würde gewisse Fragen nur in bestimmten Situationen stellen (weil ich einfach auch echt neugierig bin). Aber manche Menschen sind da irgendwie schmerzbefreit... Im Schwimmbad nach Sex gefragt zu werden... Strange. Aber das scheint wohl allgemein ein Thema zu sein über das viele reden / vieles Wissen wollen.

Ella hat gesagt…

Liebe Frau Socke,
erst einmal möchte ich Ihnen mitteilen, dass es mich sehr freut, dass Sie wieder schreiben. Sie hatten mir gefehlt. Ihr frischer Blick auf das Leben, ob nun mit oder ohne Behinderung, fehlte in der Blogosphäre.
Renate geht gar nicht. Allerdings schreiben Sie, dass Renates psychische Probleme ihr Verhalten erklären würden. Da möchte ich doch ganz stark widersprechen. Meine Medikamente: Amisulprid, Clozapin, Citalopram und Lorazepam. So, jetzt haben Sie bestimmt eine Idee, was ich haben könnte. Und ich möchte klarstellen: So wie Renate bin ich mit Sicherheit nicht drauf. Ein solches Verhalten lässt sich nicht unbedingt mit einer psychischen Krankheit erklären, sondern eher mit der Persönlichkeit.
Ich freue mich schon sehr auf weitere Geschichten von Ihnen, halten Sie die Ohren steif und lassen Sie sich nicht unterkriegen!

Konstantin Gaal hat gesagt…

Ein bissl interesse is ja ok, aber manchmal frage ich in zeiten des smartphones warum manche leute bestimmte dinge nicht einfach googlen. Als rollifahrer komm ich mir manchmal vor wie das behindertenwiki für jeden der zufällig vorbeiläuft. vor allem teilweise völlig unbekannte....

Anonym hat gesagt…

Also ich "pfeif" mir übern tag auch lithium, venlafaxin, aripiprazol, quetiapin rein.. und ich bin dafür bekannt mich viel zu oft für sachen zu entschuldigen für die ich (teilweise) gar nix kann und eher schüchtern zu sein ^^'

Viel Erfolg weiterhin!
Lass dich nich unterkriegen.

Anonym hat gesagt…

Ich habe auch heute mal wieder auf deinem Blog vorbeigeschaut, in der Hoffnung, dass du wieder schreibst. Und tatsächlich! Hurra!
Danke für die vielen spannenden Beiträge und lass dich nicht unterkriegen!

Anonym hat gesagt…

"mit viel Luft nach oben"...
Sehr gut! *lach*

MoniRose hat gesagt…

Oh wie schön, hab dich und deinen Blog gestern wieder "gefunden". Irgendwie war mir danach, mal wieder eine große Suchmaschine nach Stinkesocke zu befragen... und da war sie wieder, mit neuen Einträgen.
Gut das du die schreckliche Zeit überwunden hast und vielen Dank das du uns wieder an deinem Leben teilhaben lässt.
Liebe Grüße
P.S. Jetzt kann ich deinen Link wieder oben in die Lesezeichenleiste einfügen ;-)

intercepta hat gesagt…

Psychisch kranke Menschen, die sich mit starken, verschreibungspflichtigen und abhängig machenden Medikamenten, inklusive Schlafmittel, selbst medikamentieren, dürften wohl eher ein Symptom falscher ärztlicher oder psychatrischer Einschätzung sein. Die Dame benötigt intensivere Hilfe, nicht (nur) weil sie sich dissozial verhalten hat, sondern weil sie sich wohl affektiv selbst schädigt und anscheinend zum Kontrollverlust neigt. Der Ausschluß von der Veranstaltung ist jedenfalls die richtige Reaktion zum Schutz der Gruppe. Schön dass die Woche dennoch sehr nett war.