Samstag, 21. Oktober 2017

Renate und Chantal

Ich habe wirklich sehr lange hin und her überlegt. Eigentlich kann man im Praktischen Jahr, in dem ich gerade stecke, nicht einfach fehlen. Man darf insgesamt 30 Tage (egal, aus welchen Gründen) abwesend sein. Blöd wäre natürlich, wenn ich bis zum April (dann ist das dritte Drittel vorbei) noch krank werde und deshalb längere Zeit flach liege. Allerdings muss ich bis Weihnachten insgesamt 10 freie Tage genommen haben, sonst verfallen sie.

In der letzten Woche hätte ich an drei Tagen arbeiten sollen - und habe mir diese drei Tage frei geben lassen. Um etwas für meinen Körper zu tun, was mir schon lange fehlte. Ich bin am Freitagabend in ein Trainingslager gefahren. Für eine Woche. Ein offener Workshop im Schwimmen, in Deutschland, mit völlig fremden Menschen. Eigentlich nicht für Menschen mit Behinderung konzipiert, aber eine Bekannte aus der Uni, mit der ich hin und wieder zusammen schwimme, hatte sich dort angemeldet und meinte, der Kurs würde nicht stattfinden, weil eine Anmeldung fehle. Die Mindest-Teilnehmerzahl von 25 sei um eine Person unterschritten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren alle aus einem Umkreis von 400 Kilometern angereist und im Alter zwischen 14 und 50 Jahren. Ich war allerdings die einzige Teilnehmerin mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Und meine Bekannte aus der Uni hat im letzten Moment wegen einer Erkältung abgesagt, so dass ich als einzige Teilnehmerin niemanden vorher kannte.

Die Unterbringung war in einer Art Jugendherberge - in Sechserzimmern. Noch bevor die Zimmerverteilung geklärt werden konnte, fragte mich eine ältere Teilnehmerin, Renate, ob ich denn als Rollstuhlfahrerin überhaupt schwimmen könnte. Als ich das bejahte, legte sie den Kopf schief und meinte, ich würde mich doch selbst in Gefahr bringen oder mindestens den Betrieb aufhalten. "Behinderte sind doch irgendwie Scheiße. Ich hoffe, du schwimmst nicht in meiner Bahn."

Danke fürs Gespräch. Klasse, wenn Menschen quasi zur Begrüßung gleich solche Dinge raushauen. Inzwischen bin ich ja abgebrühter als noch vor Jahren. Früher war ich nicht so schlagfertig, wollte keinen Streit. Heute habe ich geantwortet: "Ja, das hoffe ich auch." - Sie wollte wissen, was das heißen sollte. Ich ignorierte sie erstmal demonstrativ. Der Rest der Leute war ganz okay. Und die vorurteilsbehaftete Renate bekam ein Einzelzimmer. Auf eigene Kosten, nachdem sie "den Schweiß junger Mädchen" nicht riechen wollte.

In meinem Zimmer schlief eine junge Frau namens Chantal. Ich weiß, dass sich nicht vom Namen auf den Charakter schließen lässt. Ich weiß als Blondine auch, dass die Wörter "blond" und "blöd" manchmal nur zufällig mit denselben Buchstaben beginnen. Fällt jemandem eine Erklärung ein, warum Chantal sich noch vor dem Betten beziehen darüber aufregt, dass es weder einen Fernseher auf dem Zimmer gibt noch der Handyempfang ausreicht, um "Jung, pleite, verzweifelt" streamen zu können? "Das ist voll krass, ich seh mich da ganz oft selba wieda", lässt Chantal ihre Umwelt wissen. Nachdem sie von mir wissen wollte, ob meine Behinderung nur die Beine betrifft, fragte sie in die Runde: "Welche Furzregel gibt es eigentlich im Zimmer? Ich bin für 'Licht aus, alles raus', wenn ihr wisst, was ich meine. Das heißt, dass man im Bett einen rausballern darf, ohne dass man sich schlafend stellen muss."

Eine andere Teilnehmerin, die mit dem Rücken zu Chantal stand und mich anschaute, verdrehte die Augen und fasste sich mit der Hand an die Stirn. Wir hatten wohl im selben Moment den selben Gedanken. Machte es Sinn, mit Chantal über im Schlaf abgehende Darmwinde zu diskutieren? Nein. Ich habe gelernt, es sollen vier bis zehn sein pro Nacht, mit viel Luft nach oben bei Menschen, die ihren Nahrungsbrei schlecht verdauen. Es wäre also unsinnig zu behaupten, dass irgendeine der sechs Personen nachts im Schlaf nicht pupst. Aber wenn das schon verhandelt wird, bietet sich ja auch eine Chance, mein nächtliches Frischluftbedürfnis durchzusetzen: "Ich wäre dafür, dass hier gar nicht gefurzt wird. Aber ich würde mich kompromissweise auch auf deinen Wunsch einlassen, wenn wir dafür das Fenster nachts gekippt lassen können." - Eins zu Null für mich.

Im Wasser war ich natürlich die Attraktion. Dass der Rollstuhl nicht mit ins Wasser kommt, war entweder allen klar oder es hat sich niemand zu fragen getraut; aber dass jemand ohne Beineinsatz 50 Meter in 50 Sekunden krault, hat einige schon fasziniert. Renate konnte es nicht zugeben, sondern musste weitere Gehässigkeiten rauslassen. Auch die Frage, ob ich Sex haben kann, fand ich zumindest in der Schwimmhalle unangemessen. Geschockt hat sie mich aber nicht.

Licht ins Dunkel kam für mich, als sie morgens beim gemeinsamen Frühstück erstmal ihre ganzen Pillen auspackte. Ganz ehrlich: Wenn ich Psychopharmaka einnehmen würde, dann würde ich mir eine Medikamentenbox holen und die Tabletten irgendwo im Off aus dem Blister in die Box umfüllen. Einfach, um Nachfragen jener Renates und Chantals zu vermeiden, die schon Menschen mit körperlicher Behinderung als potenziell durchgeknallt ansehen. Renate nahm alleine zum Frühstück vor allen Leuten demonstrativ 30 mg Aripripazol, 300 mg Venlafaxin und 2,5 mg Lorazepam ein - vermutlich litt sie also unter einer bipolaren affektiven Störung und unter starken Ängsten. Das rechtfertigte zwar nicht, so gehässig und distanzlos zu mir zu sein, aber vermutlich ließ es sich damit erklären. Ich habe mir nicht anmerken lassen, dass ich wusste, was sie da nimmt. Und vor allem: In welchen Mengen. Ich würde bei einer solchen Einnahme allenfalls noch als Zombie durch die Gegend rollen. Renate aber fuhr noch Auto.

Und sang. Nachts auf dem Innenhof. Laut. "Wenn ich zum Markt geh, dann kauf ich dir ein Hähnchen, und das soll dich jeden Morgen wecken." - Wirklich wahr. Es folgten Gespräche zwischen der Trainerin und Renate. Am vierten Tag saß sie heulend beim Frühstück, meinte, die Trainerin sei Schuld, dass sie sich nun eine "Angstdosis" reinziehen müsste. 10 mg Zopiclon, einen Flachmann auf Ex und ab ins Bett. Als sie wieder aufwachte, haben die Trainer sie nach Hause geschickt. Ich hatte ja schon Bedenken, ob sie überhaupt wieder aufwachen würde, aber ich glaube, ich bin da noch zu unerfahren.

Und Chantal? Pupste nachts zwar munter, konnte ihr Niveau aber noch steigern. "Weißt du, was ich hasse? Wenn die ganzen Pupsblasen sich im Badeanzug verfangen."

Ansonsten war es eine schöne Woche. Die vielen anderen Menschen waren interessant bis wundervoll. Oft auch interessiert. "Darf ich mal sehen, wie du Auto fährst?", war die häufigste Frage. So hatte ich immer zwei bis vier Leute, die mit mir mal kurz zum Einkaufen fuhren, denn nur von der Kantinenkost konnte niemand überleben. Es gab viel zu wenig zu trinken, und damit meine ich keine Alkoholika, die ich sowieso nicht trinke. Socke musste also regelmäßig Einkaufslisten anfertigen und für alle möglichen Leute Gummitiere, Schoki und Energydrinks holen. Ich will ja nicht behaupten, dass ich nie Süßkram esse, aber was einige Leute sich so täglich ins System schütten - pfui. Aber mit eigenem Auto (als einzige neben der abgereisten Renate) war ich natürlich eine feste Größe im Team.

Ich weiß jetzt jedenfalls, warum ich gerade noch ein wenig schneller geworden bin und freue mich, dass ich das gemacht habe. Auch, wenn das mit einer Woche Funkstille in meinem Blog einher ging. Und wenn ich es so schnell nicht noch einmal brauche.

Montag, 9. Oktober 2017

Jung und alt

Das aktuelle Drittel meines Praktischen Jahrs verbringe ich in der Chirurgie. Und gerade in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses. Chirurgische und internistische Notaufnahmen sind dort getrennt, wenngleich sie im selben Gebäude, nur in unterschiedlichen Abschnitten liegen. Plötzlich kommt ein Anruf: Könnt ihr mal bitte eure Rollstuhlfahrerin rüberschicken? Ein zwölfjähriges Mädchen, Cerebralparese, geistig etwa auf dem Stand einer Sieben- bis Achtjährigen, klagte in der Schule plötzlich über Bauchweh und hat gespuckt. Schreit jetzt wie am Spieß und lässt nichts mit sich machen. Die Mama ist unterwegs, braucht aber noch mindestens eine Dreiviertelstunde.

Ist ja nicht das erste Mal und nicht die erste Geschichte dieser Art. Socke rollt hinüber, orientiert sich am Lärm. Und der ist ohrenbetäubend. Meine Güte, kann das Mädchen kreischen. Vielleicht sollte ich ihr auf die Schnelle noch ein T-Shirt drucken lassen: "Ich bin dein kleiner Tinnitus."

Pinker Rollstuhl, pinke Jeans, pinkes Top, lange, geflochtene blonde Haare, süßes Gesicht, vielleicht 140 Zentimeter groß und geschätzt 28 bis 30 Kilogramm schwer. Sieht überhaupt nicht krank aus. Guckt mich mit großen, strahlend blauen Augen an. Und sagt schlagartig keinen Pieps mehr. "Na, wer bist du denn?", frage ich sie. Sie guckt mich weiterhin mit großen Augen an. "Oder hast du keinen Namen?" - Ich drehe mich zu der anwesenden Ärztin. "Schreib mal auf: Süßes Mädchen ohne Namen." - "Ich heiße Emma und ich bin nicht süß. Nun spinn mal nicht rum! Jeder Mensch hat einen Namen!" - "Okay, dann schreib auf: Emma. Und wieso krähst du hier so laut? Das hört man ja einmal quer durch das ganze Gebäude!"

"Ich will keine Spritze!" - "Wer will dir Spritzen geben?" - "Weiß ich nicht. Warum sitzt du im Rollstuhl?" - "Weil ich nicht laufen kann. Und warum sitzt du im Rollstuhl?" - "Ich kann laufen! Willst du sehen?" - "Ja." - "Guck! So."

Emma lief wie ein Pinguin einmal quer von der einen Wand zur nächsten. Dann sagte sie: "Und jetzt will ich zu Mama." - "Mama kommt gleich. Sie fährt jetzt mit dem Auto hierher und holt dich ab. Aber das dauert noch einen kleinen Moment. So lange müssen wir noch warten. Aber das kriegen wir zusammen hin, oder? Wie alt bist du denn schon? Elf?" - "Nein, zwölf. Guck mal: Zehn Finger und nochmal zwei dazu." - "Hast du nur zehn Finger?" - Sie guckte auf ihre Hände und begann zu zählen. Oh nein, die war wirklich süß. Keine Widerrede. Sie sagte: "Ich hab nur zehn. Aber du hast doch auch nur zehn." - "Echt?" - Ich zählte: "Zehn neun acht sieben sechs - und fünf sind elf. Huch?" - "What?!" - "Elf. Nochmal. Zehn, neun, acht, sieben, sechs - und fünf sind elf. Komisch."

Ich nahm mir den Schallkopf vom Sonografiegerät, machte Glibber drauf, hob mein Hemd hoch und schmierte mir damit auf dem Bauch herum. "Huch, ist das kalt." - "Was machst du da?" - "Ich gucke gerade, ob man mein Frühstück noch sehen kann. Das ist nämlich ein Zauberstab, mit dem man sein Essen nochmal im Fernsehen sehen kann. Guck mal, da auf dem Fernseher. Siehst du?" - Sie nickte, obwohl da natürlich für sie nicht wirklich etwas zu erkennen war. "Huch, da ist ja mein Toastbrot von heute morgen. Und eine Kartoffel vom Mittagsessen. Erkennst du sie?" - Sie lachte. Ich machte weiter. "Das sind die Nudeln von gestern abend." - Nur nicht mein Herz schallen, ich glaube, das würde sie wohl erschrecken.

"Geht das bei mir auch?" - "Ich weiß nicht. Wollen wir das mal ausprobieren?" - Sie nickte eifrig. "Leg dich mal da hin, dann sieht man alles besser." - Die anwesende Kollegin schüttelte ungläubig ihren Kopf. Emma fuhr fort: "Warte ... so. Und du musst raten, was ich gegessen habe." - "Okay, ich rate ... Pommes frites. Nee. Moment. Sind das Fische?" - Sie lachte: "Irgendwo müssen noch zwei Bonbons sein." - "Moment, die finden wir auch noch."

Ja, ich möchte später mal in die Pädiatrie. Denke ich mir so, als die Mutter Emma abgeholt hatte. Vielleicht muss man wegen einmal spucken nicht gleich einen Rettungswagen rufen. Es war nämlich nichts los. Vermutlich hat sie sich einfach nur aufgeregt. Es gab nämlich eine neue Schulbegleitung bzw. Schulassistenz für Emma, und mit der hatte sie sich gleich gestritten.

Emma ist weg, ich will gerade wieder zurück in die Chirurgie, da wird in einem der im Eingang stehenden Rollstühle ein alter Mann hereingeschoben. Bläuliche Lippen, kalter Schweiß, aufgeregt. "Kann sich bitte mal jemand um meinen Urgroßvater kümmern? Der bekommt keine Luft", sagt ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt. Den alten Mann, dessen Gesicht voller Altersflecken ist, dessen Ohren riesengroß sind, schätze ich auf deutlich über neunzig Jahre. Von seinem akuten Problem abgesehen, sieht er eigentlich noch recht fit aus. Gut gekleidet. Er spricht auf Plattdeutsch (was für die Gegend, in der ich mein Praktisches Jahr mache, eher ungewöhnlich ist) sowas wie: "Dass ich das alles noch erleben muss!"

Es juckt mir in den Fingern. Nach dem äußerst gut gelaufenen Einsatz bei Emma bin ich nahezu euphorisiert. Ich gucke die approbierte Kollegin an: "Darf ich?" - "Den alten Herrn?" - Ich nicke. Sie sagt: "Ja, mach, ich komme mit."

Die Schwester lässt er nicht an sich heran. Als hätte ich es geahnt. Er kann vor Luftnot kaum reden, aber sagt, wieder auf Plattdeutsch: "Lass mich in Ruhe! Ich will das alles nicht mehr." - Die Schwester versteht ihn nicht. "Sie müssen deutsch mit mir reden, sonst verstehe ich nicht, was Sie wollen." - "Scher dich zum Teufel", japst er, wieder auf Plattdeutsch. Und dann auf Hochdeutsch: "Weißt du, was das heißt? Leck mich am Ar***."

Ob mein Plattdeutsch, das ich von meiner Oma und für zwei Weihnachtsgedichte in der Grundschule gelernt habe, ausreichen wird? Um ihn zu verstehen, allemal. Aber sprechen? Eigentlich kann ich es nicht. Aber es geht besser als ich denke. "Na, mein Junge? Warum bist du so missmutig?", spreche ich ihn auf Plattdeutsch an. Plötzlich guckt er mich mit großen Augen an, greift nach meiner Hand. "Mein Mädchen! Es ist doch alles schei*e. Ich will nicht mehr. Ich kriege keine Luft, ich quäle mich, und meine Zeit ist abgelaufen. Ich bin neunundneunzig. Ich mag nicht mehr." - "Du kriegst keine Luft, sagst du. Nimmst du Medizin dagegen?" - "Ach was. Ich geh nie zum Arzt. Ich hab nie einen Arzt gebraucht. Alles, was von alleine gekommen ist, ist auch von alleine wieder gegangen. Aber mein Urenkel fährt mich ins Krankenhaus. Er meint es gut."

"Pass auf, mein Junge. Du stirbst nicht, sondern du quälst dich hier jetzt die nächsten Stunden, wenn wir nichts machen. Es war schon richtig von deinem Urenkel, dass er dich hierher gebracht hat. Darf ich wenigstens mal auf deine Lunge horchen, was da los ist?" - "Nee." - "Ich will dir helfen." - "Alle wollen mir helfen. Aber ich will nicht mehr." - "Ein Jahr vor Hundert gibst du auf? Das ist doch nicht dein Ernst. Dir gehts jetzt dreckig, das seh ich, aber gib mir doch wenigstens eine Chance." - "Was willst du tun?" - "Einmal deine Lunge abhorchen. Und ein EKG machen. Mehr nicht." - Er zog seinen Pullover und sein Hemd aus. Mit meiner Hilfe. "Tu, was du nicht lassen kannst." - "Du musst mithelfen. Komm, mal richtig ausatmen. Feste. Willst du selbst mal hören, was bei dir da los ist? Das pfeift wie ein Orkan bei dir da drinnen. Hast du mal mit Asthma zu tun gehabt?"

"Nein, so einen neumodischen Kram gab es bei uns nicht." - "Mal geraucht?" - "Im Krieg haben wir alle geraucht. Danach nicht mehr. Für Zigaretten gab es kein Geld." Die approbierte Kollegin kommt mit ihrem Stethoskop dazu. Der alte Mann sagt fast schon böse: "Du nicht. Sie hat gefragt. Sie hat Anstand." - "Du bist aber auch ein harter Brocken. Meinst du nicht, vier Ohren hören besser als zwei? Ich lerne nämlich noch. Von ihr." - Am Ende ließ er meine Kollegin doch ran. Dann sagte ich: "Du kriegst jetzt ne Nadel von mir gelegt. In die Vene. Und dann kriegst du einen Tropf. Und dann ist der Spuk gleich vorbei." - "Ich hab doch gesagt, ich will nicht mehr." - "Du kriegst von mir was, damit du gleich wieder richtig Luft bekommst. Du fühlst dich in zehn Minuten wieder wie neu geboren. Gib mir eine Chance." - "Das wäre jetzt schon die zweite Chance. Du lässt ja sowieso nicht locker."

Theophyllin wirkt sehr schnell. Nach fünf Minuten war er ganz ruhig, fast schon flauschig. Seine Gesichtsfarbe kehrte zurück. "Na, mein Junge, hab ich dir zu viel versprochen?" - "Darf ich dich mal drücken, mein Mädchen? Was hast du mit dem alten Mann gemacht?" - "Ich hab dir was gegen dein Asthma gegeben. Und das kannst du auch mit nach Hause kriegen. Und dein Hausarzt verschreibt dir das auch. Und dann gehst du nächste Woche wieder tanzen. Was hältst du davon?" - "Du bist aber ne Charmante. Darf ich fragen, wie das passiert ist, mit dem Rollstuhl?" - "Ich bin angefahren worden. Auf dem Weg zur Schule." - "Das tut mir sehr leid.", sagte er und bekam feuchte Augen.

"Darf ich dir einen Vorschlag machen?" - "Ja." - "Wir nehmen dich hier auf, du kriegst ein Einzelzimmer, damit du dir in deinem Alter hier bei uns nichts mehr einfängst, und dann gibst du uns drei Tage. Wir finden raus, woher das Asthma kommt und welches Zaubermittel du brauchst, damit du keine Beschwerden hast. Zu viel von dem Zeug hier ist nämlich auch nicht gut, dann wird dir übel." - "Woher kann das kommen?" - "Hast du ne Katze zu Hause? Oder vielleicht reagiert deine Lunge auf bestimmte Blumen. Oder auf Anstrengung. Das kann man aber deutlich verbessern. Hast du ja heute gesehen. Drei Tage brauchen wir, dann bist du wieder zu Hause." - "Jo. Mok wi." - "Und einen Herzinfarkt hattest du nicht. Dein Herz ist putzmunter. Sagt das EKG." - Er nahm noch einmal meine Hand und drückte sie. Ich sagte: "Und zum Hundertsten sagst du Bescheid, dann komm ich vorbei mit einem Geburtstagskuchen." - Jetzt lachte er.

Manche Menschen machen sich das Leben unnötig schwer. Ich verstehe ja, dass man sich nicht quälen will. Und nicht ins Krankenhaus will. Und nicht an Apparate angeschlossen vor sich hin vegetieren möchte. Würde ich auch nicht wollen. Aber das hier war kein Hexenwerk. Theophyllin ist natürlich nicht das Mittel der Wahl für die Dauerbehandlung. Und es behandelt auch keine Entzündung, die typischerweise vorliegen wird. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass er das mit den üblichen Medikamenten und den üblichen Applikationsformen in den Griff bekommen wird. Besser als völlig unbehandelt wird es in jedem Fall werden.

Am Wochenende war ich endlich mal wieder in Hamburg. Marie besuchen. Kaum bin ich dort, regelt ein Mann ohne Hemd bei 12 Grad Außentemperatur auf einer viel befahrenen Kreuzung den Verkehr. Typisch Großstadt. Ich weiß, was ich vermisst habe. Und kaum habe ich den hinter mir gelassen, fahre ich fast eine alte Frau mit Rollator um, die in dunkler Kleidung auf einer sechsspurigen Straße wandert. Natürlich ohne Beleuchtung. Ich dachte mir: Bleib mal dahinter, bevor sie noch überfahren wird. Und schalte mal deine Dashcam ein...

Samstag, 7. Oktober 2017

Zweierlei Maß

Gerade noch hatte sie damit geprahlt, dass sie nie erwischt wird, wenn sie mit bis zu 200 km/h dort fährt, wo eigentlich nur 70 km/h erlaubt sind. Gerade noch habe ich mein Unverständnis darüber ausgedrückt, und gerade noch habe ich mir anhören müssen, was für ein kleinkarierter Mensch ich sei, wenn ich mich halbwegs an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halte. Fahrverbote gebe es schließlich erst ab 40 km/h drüber, plus Tachoabweichung, plus Toleranz, dann könne man auch 120 fahren, wenn 70 ausgeschildert ist.

Sehr häufig fahre ich mit Tempomat und stelle dann drei bis fünf Kilometer pro Stunde mehr ein, um die Differenz des Tachos wieder auszugleichen. Letzte Woche habe ich erst beim Herausfahren aus der 30er-Zone gemerkt, dass ich bis eben in einer solchen gefahren bin. Allerdings waren die Straßen dort schon so gebaut, dass ich nie über 40 km/h gekommen bin. Zwanzig zu schnell außerorts oder auf einer Autobahn ist auch schon vorgekommen. Ich bin sogar schon mal mutwillig verkehrt herum durch eine Einbahnstraße gefahren. Sie war drei Meter lang und eine Schikane, um den Durchgangsverkehr durch ein Wohngebiet einzudämmen. Nachts um halb drei hatte ich keinen Bock, nochmal komplett zehn Minuten um den Pudding zu kurven und hätte mit meiner 10minütigen Fahrt über das Kopfsteinpflaster vermutlich die schlafenden Menschen mehr genervt als durch dieses Manöver. Aber, so wie die Kollegin, 130 mehr auf der Uhr? Würde mir im Traum nicht einfallen. Dafür ist mir mein Lappen viel zu heilig.

Die Quittung kam jetzt per Post. Meine Kollegin soll angeblich über 1.000 Euro zahlen, bekommt vier Punkte und muss drei Monate zu Fuß gehen. Ein Stoppschild hat sie wohl auch noch überfahren und auch zwischenzeitlich ein Handy am Ohr gehabt. Hinter ihr fuhr "leider" ein Videowagen. Und nun hat sie herumgeheult, wie ungerecht doch die Welt sei. Ist klar: Die Regeln gelten für alle anderen, und werde ich erwischt, sind alle anderen ungerecht zu mir. Und kleinkariert. Ich sag nur: Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um. Ich hoffe, das ist ihr eine Lehre, ansonsten dürften sie ihr den Lappen gerne ganz wegnehmen. Bevor sie andere mit ihrem riskanten Fahrstil in Gefahr bringt. Oder in den Rollstuhl. Nicht wahr?

Ein anderer Mensch, der es mit Regeln nicht so genau nimmt, gleichzeitig aber mit aller Vehemenz dafür kämpft, dass andere sich korrekt verhalten, ist mein derzeitiger Vermieter. Ich bin sehr froh, an meinem derzeitigen Studienort eine barrierefreie Wohnung bekommen zu haben, und es ist ja auch nur für eine begrenzte Zeit. Barrierefreie Wohnungen sind Mangelware. Ihr Neubau wird überall öffentlich und oft nicht unerheblich gefördert.

Das Haus, in dem meine Wohnung liegt, ist noch keine zehn Jahre alt. Der Vermieter (der das Haus auch gebaut hat) hat sich an einem barrierefreien Wohnhaus versucht, aber nicht, weil er Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Dach über dem Kopf geben wollte, sondern in erster Linie, weil er öffentliche Zuschüsse abgreifen wollte. Dieser Eindruck drängt sich mir zumindest auf. Aus Gründen.

1. Regenrinnen zur Dachentwässerung müssen in fast allen deutschen Städten in das öffentliche Sielnetz eingespeist werden. Zumindest bei Neubauten. Was überhaupt nicht geht, ist, dass das Regenwasser vom Dach über ein Regenrohr direkt auf den öffentlichen Gehweg geleitet wird und dort alles unter Wasser setzt. Bei dem Haus, in dem ich am Studienort zur Miete wohne, verschwinden alle Regenfallrohre im Boden, bis auf eins: Das endet am oberen Ende der steinernen Rollstuhlrampe, etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden. Schüttet es, ist es unmöglich, mit trockener Hose und trockenen Füßen daran vorbei zu kommen. Eine Zeitlang hatte jemand eine Tischplatte so gegen die Wand gelehnt, dass sie das Rohr verdeckt und entsprechend der Strahl an der Innenseite der Tischplatte herab läuft und nicht quer über die Rampe sprudelt. Dadurch war die Rampe natürlich nicht mehr in voller Breite nutzbar. Aber zumindest entstand nicht mehr der Eindruck, man sei auf einem Wasserspielplatz.

2. Die besagte Rampe, über die man in das Haus kommt, darf eine maximale Steigung von 6% haben. Das bedeutet: Will man 60 Zentimeter Höhenunterschied überwinden, muss sie zehn Meter lang sein. Vermessen habe ich diese Rampe nicht, aber ich würde mal tippen, dass es sich um einen Meter Höhenunterschied handelt und sie zwei Mal neun Meter lang ist, mit einem Zwischenpodest auf halber Höhe. Nun könnte man sich schon fragen, warum man den ebenerdigen Eingang einen Meter höher legt (das Haus hat noch einen zweiten Eingang, der sich auf Gehweghöhe befindet, allerdings führt der nur ins Treppenhaus, zum Aufzug muss man vier Stufen hoch). Der Hammer ist aber: Bei der Bauabnahme hat man wohl nur die Länge nachgerechnet, aber sich nicht dafür interessiert, ob die Steigung gleichmäßig ist. Auf den ersten zwei Metern ist nämlich überhaupt keine Steigung vorhanden, dort sammelt sich auch stets das Regenwasser, dahinter kommt wesentlich mehr Steigung als eigentlich zulässig. Ich tippe mal auf 10 oder 11 Prozent. Für mich kein Problem, solange ich keinen Einkauf auf dem Schoß habe. Kommentar des Eigentümers: "Die Rampe ist abgenommen."

3. Direkt vor der Aufzugstür im Erdgeschoss ist eine Schräge. Man muss also, um in den Aufzug zu kommen, einen Höhenunterschied von etwa 15 Zentimeter überwinden. Um den Aufzug zu rufen, muss man einmal kräftig Anschwung nehmen, auf den Knopf drücken, und rückwärts wieder zurück rollen. Um in die Kabine zu gelangen, braucht man ebenfalls Anschwung. Problem dabei: Der Aufzug hält oft bis zu fünf Zentimeter unterhalb der Geschoss-Ebene. Also mit Schwung die Schräge hoch, oben die Vorderräder anheben und dann langsam auf den Hinterrädern zirkelnd in die Kabine ablassen. Mit etwas Glück sackt die Kabine dabei noch ein bis zwei Zentimeter ab - und macht dann bei offenen Türen eine Ausgleichsbewegung, bis sie wieder bündig steht. Und das ist mit Einkauf oder Laptoptasche auf dem Schoß eine Herausforderung. Die Anlage hat aber gerade wieder neu TÜV bekommen. Und das einzige, was der bemängelt hat, ist, dass das Hydraulik-Öl in zehn Jahren noch nie getauscht wurde.

4. Was dazu führt, dass der Aufzug ungeheuer laut ist. Was Aufzüge, die nicht an Seilen hochgezogen werden, sondern mit Öldruck hochgepumpt werden, ohnehin sind. Hier ist es deshalb nochmal extra lustig, dass man das Aggregat direkt mit der Wand verschraubt hat. Ohne Schalldämpfung. Fährt der Aufzug aufwärts (und vielleicht sogar noch in die oberste Etage), habe ich im Schlafzimmer bei geschlossenen Türen eine dröhnende Geräuschkulisse von bis zu 55 Dezibel.

5. Fast hätte ich vergessen, dass sich die Rauchschutztüren in den Etagenfluren nicht automatisch öffnen und daher alle verkeilt sind. Ansonsten würde nämlich niemand mit einem Rollstuhl ohne fremde Hilfe hindurch kommen. Auch ich nicht. Und dann ist da noch das seitliche Gefälle in den Fluren. Bis zu 3,5 Prozent. Legt man also einen Tennisball an die linke Wand, rollt er zur rechten. Ich schätze mal, dass man die Wohnungen mit den barrierefreien Duschen nachträglich etwas höher gelegt hat, denn das seitliche Gefälle ist immer nur da, wo die barrierefreien Wohnungen sind. Die Decke ist allerdings gerade, so dass die Wand auf einer Seite 3,5 cm höher ist als auf der anderen. Das seitliche Gefälle nervt Rollstuhlfahrer überhaupt nicht - sie sehen es ja im Dunkeln sowieso nicht. Flurbeleuchtung ist nämlich nur sporadisch verfügbar. Gut beraten ist der, der ein Handy mit Taschenlampe hat.

Es gibt noch ein Dutzend ähnliche Kuriositäten in diesem Miezhaus. Ich hoffe, es reicht aus, um einen Eindruck zu bekommen. Das Land hat übrigens alle öffentlichen Fördergelder nach Besichtigung des Hauses durch einen Experten vor Ort anstandslos ausgezahlt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ein barrierefreies Wohnhaus oder ein "Water & Skate Park" beantragt wurde.

Muss ich jetzt noch erwähnen, dass alle Mieter, deren Schuhe im Hausflur stehen, eine schriftliche Abmahnung wegen Brandgefahr bekommen, mit der Androhung, beim nächsten Schuh fristlos gekündigt zu werden?