Montag, 4. September 2017

Vollmond

Es sind die Nächte rund um den Vollmond, an denen üblicherweise die meisten skurrilen Menschen unterwegs sind. Ich beneide keine Kollegin und keinen Kollegen um seinen Nachtdienst (den ich im Moment zum Glück nicht machen muss), denn die denken im Moment jede Nacht, es ginge nicht mehr schlimmer - bevor der Nächste völlig frei dreht. Dabei muss es gar nicht der Mann im Nachthemd sein, der vom Kirchturm fällt: In der vorletzten Nacht kam einer nackt mit einem Straßenbesen in der Hand durch die Tür zur Notaufnahme, unterhielt sich zuerst mit einem Feuerlöscher, später tanzte er mit seinem Besen und redete ständig davon, dass gleich ein Zug käme, forderte die anderen Patienten auf, sich hinter eine (nicht vorhandene) weiße Linie zu stellen.

Besonders genervt bin ich derzeit von jenen Menschen (Frauen und Männer gleichermaßen), die zu jedem nichtigen Anlass versuchen, völlig Unbeteiligte in Grundsatzdiskussionen zu verwickeln. In der Chirurgie gibt es einen Mann, geschätzt 35, der regelmäßig mit irgendeinem Zipperlein dorthin kommt. Irgendwas tut immer weh. Während er im Wartebereich ist, öffnet er plötzlich irgendwelche Türen. Steht plötzlich in einem Behandlungsraum und fängt zu diskutieren an, warum er die Tür nicht öffnen und nicht einfach eintreten darf. Und wenn ihn dann jemand rausschieben will, wird er laut, niemand habe das Recht, ihn anzufassen. Er wirkt auf den ersten Blick völlig unauffällig, redet auch völlig normal, braucht aber wohl diese Aufmerksamkeit.

Vermutlich sein Bruder war Freitag mit uns im ICE. Freitag bin ich mit einer Bekannten, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, gemeinsam in Richtung Norden mit dem ICE gefahren. Auf den Rollstuhlstellplätzen (von denen es zwei im ganzen Zug gab) stand ein Mann (eben gefühlt der "Bruder") mit seinem Rollkoffer, spielte an seinem Handy. Wir wollten uns (möglichst bevor der Zug sich in Bewegung setzt und über die ganzen Weichen eiert) auf unsere festen Sitzplätze umsetzen, vorher natürlich die Rollstühle so "einparken", dass niemand drüber fällt. Drei Mal habe ich den Mann freundlich gebeten, ein Stück weiter zu gehen. Drei Mal ging er einen Schritt zur Seite, stand noch immer im Weg, spielte weiter mit seinem Handy. "Gehen Sie doch jetzt bitte mal fünf Meter weiter, damit wir uns hier umsetzen können, bevor jemand mit seinem Stuhl umkippt bei dem Gewackel", forderte ich ihn zum vierten Mal auf. Eigentlich war dazu genug Platz.

"Sie sind ganz wichtig, oder?", wollte er eine Diskussion beginnen. Ich antwortete: "Das ist doch nicht das Thema. Können Sie jetzt bitte weitergehen? Sie bringen uns in Gefahr."

"Ich lach mich kaputt. Sie brauchen ja nicht mit dem Zug zu fahren, dann sind Sie auch nicht in Gefahr." - "Würden Sie jetzt bitte mal zur Seite gehen und uns auf unsere Sitzplätze lassen?" - "Ich möchte dort entlang", sagte er und versuchte nun plötzlich, über uns hinweg zu steigen. Ich drehte mich um 45 Grad, so dass er nicht über meinen Schoß klettern konnte. Ich würde notfalls auch mit grober Gewalt verhindern, dass jemand über meine Beine steigt. "Hallo, sind Sie nicht ganz dicht?", habe ich ihn angefahren.

"Merken Sie? Sie bringen sich gerade selbst in Gefahr. Und mich auch. Ich hätte stürzen können."

Ich musste mich bereits im Rollstuhl sitzend an der Wand abstützen, um durch die Bewegungen der Bahn nicht umzukippen oder mit dem Stuhl hin und her zu rollen. Dazu kam noch mein schwerer Rucksack, der an meiner Rückenlehne hing. Üblicherweise fahren die Züge hinter größeren Bahnhöfen ja immer über etliche Weichen mit entsprechenden Schaukeleien. Ich bremste den Stuhl erstmal fest, meine Bekannte ihren ebenfalls. Beide Hände an die Wände, um sich festzuhalten. Mitten im Gang, weil wir nicht weiter kamen.

"Und jetzt will ich mal sofort dort durch", sagte der Typ und grinste mich an. Und dann: "Sehen Sie? Sie sind auch nichts Besseres als ich."

Inzwischen stand ich einigermaßen stabil, beide Hände an Fenster und Wand. Nur es kam niemand mehr hindurch, denn sobald ich eine Hand wegnahm, würde ich so instabil stehen, dass die ernsthafte Gefahr bestand, bei der nächsten Weiche mitsamt meinem Stuhl umzukippen. Wir mussten also warten, bis der Zug aus dem Bahnhofsbereich hinausgefahren war. "Sie wollen Ihre Macht demonstrieren, stimmt's?", fragte er mich. Ich guckte aus dem Fenster. Er versuchte, meine Hand mit seinem Bein wegzudrücken.

Ich nahm meine Hand weg. Würde der Zug jetzt über eine Weiche fahren und mein Stuhl umkippen, würde ich mich mit meinem ganzen Gewicht an ihm festhalten. Und ihn vermutlich mit zu Boden reißen. Aber das passierte nicht. Er zog den Rollkoffer hinter sich her. Ballerte damit gegen meinen Rollstuhl. Zerrte wie wild. Bekam ihn irgendwie an mir und danach auch an meiner Bekannten vorbei, ohne mich oder sie dabei zu verletzen - und zog glücklich von dannen. Er hatte gewonnen.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Wie schön wieder von Dir zu lesen! : )

Hana Mond hat gesagt…

Ja, dann dem Herrn einen Glückwunsch zum Gewinn, oder so ... da kann er sich jetzt was drauf einbilden, wie er's euch mal richtig gezeigt hat.
Ich fahre häufig längere Strecken mit der Bahn und da trifft man schon seltsame Gestalten. Mit mal mehr und mal weniger Sozialkompetenz - auf den Vollmond habe ich da aber bisher nicht geachtet ...

graugruengelb hat gesagt…

Mir scheint, der Idiotenmagnet steckte gut wirksam im schweren Rucksack. Manche Leute haben echt den Schuss nicht gehört. Tut mir leid, dass du immer wieder solche Erlebnisse hast - auch wenn es sich im Blog lustig liest.

Philipp hat gesagt…

Ach ja, was für ein Stoffel!

Was soll man dazu noch sagen?

Viele Grüße aus Dresden

Philipp

Michael hat gesagt…

Ich muss sagen, wenn mir ständig so ein Mist passieren würde, hätte ich irgendwann auch kein Vertrauen mehr in die Menschheit. Kein Wunder, dass Du Dich so verhalten hast, und zwei Jahre abgetaucht bist.

Anonym hat gesagt…

Der wollte paar auffe Fresse. Gut dass du die Prügelei nicht begonnen hast.

Anonym hat gesagt…

Was für ein beklopptes Arschloch! Unmöglich, dieser Typ.

Xin hat gesagt…

"Er hatte gewonnen."

Nein, hat er nicht.
Wenn das sein Format ist, dann ist er ein Loser.
Und es gab auch keinen Wettkampf, den man gewinnen konnte. Für einen Wettkampf braucht muss man gleich aufsein. Es ist kein Wettkampf eine Abhängigkeit auszunutzen, die man selbst nicht hat. Ich stelle mir gerade zwei Taucher vor, dem einen geht die Luft aus und der andere treibt so ein Spiel, ob er nun die Luft teilen will oder nicht. Das ist kein Wettkampf. Es ist lediglich eine Frage ob man destruktiv agiert oder nicht. Zu gewinnen gibt es da nichts. Auf dem Level gibt es keine Gewinner.
Und darum ist der Typ auch kein Gewinner, sondern nur eine destruktive Persönlichkeit. Ein Loser halt.

Lena hat gesagt…

Das erinnert mich stark an den Mann, den ich im Bus "getroffen" hab. Ich saß auf einem der Notsitze im Stadtbus auf dem Weg zum Sport. Mir gegenüber stand ein Mann. Der Bus stand an einer Ampel und der Mann hielt sich nicht fest. Kam mir seltsam vor.
Kurz darauf fuhr der Bus los.
Es kam, wie es kommen musste.
Der Mann segelte volle Kanne auf mich zu, flog mir so blöd auf die Seite, dass ich davon vom Sitz gestoßen wurde und dann mitten auf dem (nassen) Mittelgang lag.
Und alles, was dem Mann dazu einfällt, war "Konnte ja keiner ahnen, dass der so plötzlich losfährt".
Ich hab mir meinen aufgeschürften Ellbogen gerieben und war fassungslos.
Es gibt einfach solche Menschen. Und sie sind grässlich.