Freitag, 22. September 2017

Ständer und Heizung

Bekanntlich ist mit einem Nachtdienst ja nicht aller Nächte Morgen. Oder so ähnlich. Es ist gerade halb zwei Uhr nachts, ich darf alleine mit drei Pflegekräften und einem Sicherheitsmenschen die chirurgische Notaufnahme über Wasser halten, während alles, was nicht mehr studiert, entweder im OP steht oder schläft. Während ich mich schon um ein schreiendes Kind mit einem unreifen Eiterpickel, zwei betrunkene Frauen mit Schürfwunden, einen jungen Mann mit einem gebrochenen Unterarm, einen älteren Mann mit einem Splitter im Handteller und eine alte Dame mit einer verstauchten Hand gekümmert habe, kommt als nächstes ein Mann mit einem angeblichen Abszess im Genitalbereich.

Eine männliche Pflegekraft, die vor einiger Zeit aus Russland nach Deutschland kam, kommt ins Dienstzimmer, als ich mich gerade darum kümmere, dass der junge Mann mit dem gebrochenen Unterarm zum Röntgen kommt. "Kannst du bitte gucken in die Vier? Ein Mann sagt, er hat Abszess am Penis. In Wirklichkeit ich glaube, er hat aber nur Erektion. Ich glaube, er ist ein Strolch." - "Ein Strolch? Mit Ständer? Also ein Ständerstrolch?" - "Ja, sowas." - "Wie alt?" - "Einundzwanzig."

Einen Moment später rolle ich in die "Vier", schließe die Schiebetür hinter mir, stelle mich vor und frage ihn: "Was führt Sie hierher?" - "Ich habe einen Abszess am Penis." - "Mitten in der Nacht? Waren Sie damit schon bei Ihrem Hausarzt?" - "Nein. Denn bisher tat er nicht weh." - "Sie haben also Schmerzen." - "Ja. Ich habe eine Dauer-Erektion wegen dem Abszess. Es ist mir ein bißchen peinlich. Aber ich habe eben extra noch einmal für Sie geduscht." - "Darf ich mal sehen?"

Er macht seine Jeans auf, drunter trägt er einen schwarzen Baumwoll-Slip, aus dem oben was heraus guckt. "Setzen Sie sich dorthin bitte, und dann zeigen Sie mir mal den Abszess." - "Hier", sagt er. - "Ziehen Sie die Unterhose bitte mal runter und dann zeigen Sie mir das mal bitte so, dass ich das sehen kann."

Er nimmt grinsend seine Hoden in die Hand. "Hier. Alles voller Eiter. Können Sie das bitte absaugen?" - "Sind Sie schonmal damit aufgefallen?", frage ich, ohne eine Miene zu verziehen. Er guckt mich mit einem Rehblick an und sagt: "Bitte. Ich hab solchen Druck. Sie können doch bestimmt gut blasen." - "Eben sollte ich noch saugen. Sie werden sich jetzt wieder anziehen und schleunigst die Kurve kratzen. Oder muss ich erst die Bullen rufen?" - "Och menno, wir zwei hätten wirklich viel Spaß haben können. Sie sind echt etwas verklemmt. Aber irgendwie auch ne Süße." - "Tschüss."

Meine Chefin meint später, ich hätte die Polizei rufen müssen. Ich habe ihn für einen Spinner gehalten, der mal irgendeinen Kick brauchte. Zu viele Hormone. Die Daten von ihm haben wir ja, aber nachträglich will meine Chefin dann die Polizei doch nicht informieren.

Eine Stunde später kommt eine Frau, spärlich bekleidet, hinein und drückt sich ein Handtuch gegen die Stirn. Mit ihr kommt ein eher hagerer Mann mit dicker, auffälliger Halskette. Sie blutet links frontal an der Stirn aus einer Platzwunde. Sie sagt kein Wort, sondern der Mann redet für sie: "Mach sie wieder hübsch, okay?"

Als ich sie frage, wie das passiert ist, antwortet er: "Du sollst keine dummen Fragen stellen." - Ich frage nach: "Ich muss das aber später aufschreiben. Also?" - Er sagt: "Schreib auf, sie ist gegen einen Heizkörper gestolpert. Und jetzt mach endlich, bevor sie gleich kein Blut mehr im Körper hat."

"Ich habe doch sie gefragt, oder?" - "Ich will nur helfen. Sie versteht kein Deutsch."

Die Frau hat frische Würgespuren am Hals und diverse blaue Flecke an den Unterarmen. "Das muss ich nähen, sonst hört die Blutung nicht auf. Das sind aber die falschen Fäden." - Ich öffne drei Schubladen und schließe sie wieder. "Weißt du, ob wir drüben noch Fäden für das Gesicht haben? Die müssen ganz fein sein, diese hier sind zu grob. Da bleibt dann eine Narbe, und das wollen wir ja nicht." - Der Pfleger, der die Sachen schon richtig herausgesucht hatte, guckt mich natürlich völlig verdattert an. "Ich gucke selbst eben nach", füge ich hinzu, bevor er was sagen kann. Dann schließt er seinen Mund und schluckt.

Ich rolle nach draußen, schnurstraks zu dem Sicherheitsmenschen. "Können Sie bitte sofort die Polizei rufen? Ich habe eine Patientin, die offensichtlich körperlicher Gewalt ausgesetzt war und in Begleitung eines Typens ist, der sich sehr aggressiv benimmt."

Ich komme mit einigen Utensilien aus dem Nachbarraum wieder. Die Begleitperson wird hoffentlich nicht merken, dass es im Prinzip die gleichen sind, wie ich sie eben schon in der Hand hatte. Und die Pflegekraft wird hoffentlich auch nichts sagen.

Sie sagt nichts, sondern hat alles bereits hübsch mit Tüchern abgedeckt. Kurz darauf kommt meine Chefin rein. Frisch vom Sofa. "Na, Frau Kollegin, kommen Sie klar?", fragt sie mich. Ich nicke. Sie kommt näher und sagt: "Ich schau mal mit drauf." - "Gerne."

Der Mann sagt: "Bleibt da jetzt ein Faden drin?" - "Ja." - "Kann man das nicht kleben? So fürchten sich ihre Kinder ja, wenn sie nach Hause kommt." - "Das werden die Kinder schon verstehen."

Dann klopft jemand und öffnet im selben Moment die Tür. Zwei Polizisten, eine Polizistin, alle in Uniform. Der Begleiter sagt: "Das glaub ich jetzt wohl nicht." - "Sie kommen bitte erstmal mit auf den Flur", sagt der eine Polizist. Der Mann spricht etwas in einer fremden Sprache zu der Frau. Unser russischer Krankenpfleger übersetzt kurz darauf: "Du weißt, was sie hören wollen."

Später kommen noch diverse weitere Menschen in zivil, reden mit ihm, reden mit ihr, lassen sich die Unterarme zeigen, kontrollieren alle möglichen Papiere. Ich sehe das immer nur mal zwischen zwei Patienten. Dann muss sie mit der Streifenwagenbesatzung mit, er bekommt Handschellen angelegt und muss mit den nicht-uniformierten Menschen mit. Was genau los ist, erfahre ich nicht.

Und dann sagt meine Chefin, nicht die nette Oberärztin, sondern eine andere Kollegin, dass ich hier besser nicht die Polizei geholt hätte. Ich würde so riskieren, dass die Patientin nicht mehr wiederkommt. Sie will nämlich keinen Kontakt zur Polizei. Und entsprechend verliert sie einen als sicher geglaubten Ort, an dem ihre Verletzungen versorgt werden.

Ich weiß, dass es besser wäre, zu nicken, aber ich höre mich reden: "Das ist doch nicht Ihr Ernst?! Ich lasse mich doch hier von solchen Leuten nicht in deren kriminellen Sumpf ziehen! Die Frau war doch nicht freiwillig hier, das heißt, sie ist immer drauf angewiesen, dass ihr Zuhälter sie irgendwo hinbringt, nachdem er sie gegen die Heizung geschleudert hat. Somit kommt sie auch nicht freiwillig hierher. Oder wenn, dann weiß sie jetzt, dass sie hier Hilfe bekommt. Die Streifenpolizei wird doch zum selben Ergebnis gekommen sein wie ich, sonst hätten sie doch die Kripo nicht nachgeordert und ihn am Ende auch nicht mitgenommen."

"Sie wissen nicht mal, ob das ihr Zuhälter ist und ob er sie gegen die Heizung geworfen hat. Und sollte es so sein: Was machen Sie, wenn ihn nachher sein Rechtsanwalt wieder raus holt, er hierher kommt und seine Knarre auspackt?" - "Beten. Aber ich lasse mich trotzdem nicht einschüchtern von solchen Typen. Wenn unser Staat die Frauen nicht beschützen kann und solche Leute frei herumlaufen lässt, dann ist das schlimm. Aber ich möchte für die Frau alles getan haben, was in meiner Macht steht und ich halte es für meine Pflicht, die zuständigen Stellen zu informieren. Und ich glaube daran, dass die auch Wege finden, um der Frau zu helfen." - "Das ist auch Ihre Pflicht. Aber dennoch bringt es nichts, außer dass Sie sich in Gefahr begeben. Sich und andere Leute, für die Sie Verantwortung haben."

Es hat keinen Zweck. Vielleicht brauche ich erstmal dreißig Dienstjahre, um so gleichgültig oder so erfahren und weise zu werden. Oder ich muss erst einmal erschossen werden. Wer schreibt dann meinen Blog weiter?

Kommentare :

Clavicular von PL hat gesagt…

Ohja, ich bin auf der Arbeit uns ehe ein neuer Blogeintrag. Ich freue mich auf den Feierabend :D bin gespannt was du geschrieben hast :)

Kai hat gesagt…

Lass Dich nicht entmutigen - Du hast richtig gehandelt! Es sind Deine Persönlichkeit und und Dein Charakter, die Dich eben nicht einfach wegschauen lassen. Menschen mit Herz und Zivilcourage gibt es viel zu wenige - Du bist einer der Menschen, die die Welt jeden Tag ein wenig besser machen. Weiter so!

Anonym hat gesagt…

Ich finde du hast zumindest menschlich richtig gehandelt. Wie das nun medizinisch oder gar juristisch aussieht kann ich nicht beurteilen. Allerdings hat auch der Punkt der älteren Ärztin etwas für sich, denn im Zweifel bleibt der Typ nicht eine Nacht in der Zelle und sucht euch nach der Schicht wieder auf. Es ist allerdings eher selten das die Zuhälterszene was mit eher unbeteiligten anstellt, da sowas für falsche Aufmerksamkeit sorgt und schlecht für das Geschäft ist. So ist es auch mit dem blutig schlagen von Frauen, vielleicht el zu auffällig, zumindest für die kriminell schlaueren Vertreter. Die würden nämlich lieber mit den Staatsanwälten und Richtern schön essen und die nicht vor Gericht sehen.
Also summa summarum: Menschlich genau richtig für die eigene Sicherheit vielleicht nicht.

K. Kris hat gesagt…

Die ärztliche Schweigepflicht gilt auch gegenüber der Polizei. Ohne (wenigstens mutmaßliche) Zustimmung des Patienten darf ein Arzt grundsätzlich nicht die Behörden einschalten. Da kann man sich als Arzt sogar gemäß § 203 StGB strafbar machen; Ausnahmen gibt's im wesentlich nur bei geplanten Straftaten (§§ 138 f. StGB) oder im Notstand (§ 34 StGB).

Die Chefin hatte schon recht: Man sollte keine Angst haben müssen, zum Arzt gehen. Wenn der vermeintlichen Prostituierten jetzt vielleicht die Abschiebung droht, wird man ihr – man weiß ja nicht mal, was genau geschehen ist – mit der Anzeige nicht unbedingt einen Gefallen getan haben.

Anonym hat gesagt…

@K. Kris: Es sind keine Geheimnisse, die einem Arzt anvertraut wurden, offenbart worden. Die Tatsache, dass jemand mit Würgespuren und blutender Kopfwunde in Begleitung einer zweifelhaften Begleitung über einen Parkplatz läuft, unterliegt keiner ärztlichen Schweigepflicht. Anders würde es aussehen, wenn die Frau dem Arzt gegenüber ihr Herz ausschüttet und dabei erzählt, dass der Mann sie schlägt. Und sollte sich die Frau illegal in Deutschland aufhalten und das im Rahmen einer durch einen Arzt angestoßenen Polizeikontrolle ans Licht kommen, kann auch der Arzt nichts dafür. Anders wäre es natürlich, wenn der Arzt die Polizei ruft, weil die Patientin ihm anvertraut hat, dass sie keine Aufenthaltserlaubnis hat.

Ich finde, dass Jule richtig gehandelt hat.

Anonym hat gesagt…

Ich frage mich was passiert, wenn die Frau irgendwann mal tot in der Ecke liegt. Es gibt ja auch den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung. Ich weiß jetzt nicht ob das rechtlich 1:1 übertragbar ist - aber bei den Jugendämtern hat sich diesbezüglich ja in den letzten Jahren auch einiges getan. Nach diversen Vorkommnissen und der medialen Rezeption der bekannten Mißhandlungsfälle.

Anonym hat gesagt…

Schwierige Entscheidung. Einerseits denke ich auch, es musste gehandelt werden, andererseits kann man jetzt davon ausgehen, dass der Mann die Frau nie wieder in ein Krankenhaus bringen wird. (Wenn man mal von dem Szenario ausgeht, er sei für die Verletzungen verantwortlich.) Nach meinen Erfahrungen ist der Frau vielleich einen kurzen Moment geholfen, weil sie nicht bei dem Typ ist, aber das bedeutet noch lange keine dauerhafte Freiheit und Bedarf weiterer Unterstützungen, die das Krankenhaus nun nicht mehr bieten kann, weil die Frau nicht mehr kommen wird.

Anonym hat gesagt…

"Mach sie wieder hübsch" - er will, dass sie wieder auf den Strich kann. Für ihn. Mit Fäden an der Stirn erschrecken sich nicht die Kinder, sondern die Kunden. Für mich ist das ganz klar. Jule hat zwar nicht das schwere Los, die politische Ausrichtung dieser Klinik zu bestimmen, aber wenn man dem Mann dabei hilft, seine Frau wieder hübsch zu bekommen, ohne dass man genau hinschaut, macht man sich zu seinem Gehilfen. Das geht nicht.

Man muss doch kein Arzt sein, um zu erkennen, dass hier Gewalt im Spiel war. Und so, wie sich die Situation dargestellt hat, wird sie auch weiterhin Gewalt ausgesetzt sein. Das wäre auch für mich Grund genug, die Behörden einzuschalten. Ich finde Jules Reaktion richtig. Auch wenn man sich - vermutlich erfolgreich - auf Schweigepflichten berufen könnte.

Feststelltaste hat gesagt…

Schwer zu sagen. ob das der Frau nun hilft oder nicht. Vielleicht hat Deine Chefin einmal die Erfahrung gemacht, dass es nichts hilft. Evidenzbasiert ist ihre Meinung sicher nicht.

Ich hätte auch das Gefühl gehabt, dass man was unternehmen muss, aber ich habe auch die Tendenz, mich einzumischen.

Sieh es mal so, best case: die Frau ist den Typen los, weil er ausgewiesen wird oder in den Bau muss. Worst case: sie sagt nicht gegen ihn aus, weil sie ihn doch liebt oder er irgendein Druckmittel hat. Dass er sich dann aber an Euch auslässt, ist beliebig unwahrscheinlich, zumal er ja aus der Kiste raus ist. Auf jeden Fall ist der nun amtsbekannt, d.h. bei der nächsten Auffälligkeit hat er es schwerer.

Man darf auch nicht immer mit dem schlimmsten rechnen. Ich habe mal als Kind auf einer Autobahnraststätte irgendwo bei Bremen einen Lieferwagen gesehen, bei dem der Motor lief und ein Schlauch vom Auspuff ins Innere ging. Ich habe nicht gleich kapiert, was das war, aber meinen Vater gefragt. Der ist mit mir hin, wir haben die Klappe aufgemacht, und das war von Innen ein Hippievan (muss in den 80ern gewesen sein), da lag einer bewusstlos auf der Matratze, neben ihm ein Pulver in einer Schale und dann halt die Abgase. Hätte man den etwa nicht retten sollen, weil er in dem Moment gerne tot sein wollte oder weil er später mal bekifft einen Verkehrsunfall hätte verursachen können? Sowas ist doch absurd!

DerSilberneLöffel hat gesagt…

Ich bin der Meinung: Alles richtig gemacht.

Den Schwengelzeiger hätte ich allerdings nicht so davonkommen lassen. Ich frage mich, was sich solche Leute denken. Soll er doch zu einer Prostituierten gehen.

Anonym hat gesagt…

Schwierige Kiste, ich kann den Einsand von Jules Chefin nachvollziehen. Hätte aber genauso wie Jule gehandelt.
Andreas

Anonym hat gesagt…

Ich kann die Einwände
der Chefin nicht verstehen und Jule hat richtig gehandelt. Sowohl moralisch, als auch aus juristischer Sicht. Das ist mindestens ein gefährliche Körperverletzung und der Typ war auch kein Patient. Im Gegenteil hat sie die Patientin damit geschützt. Das Argument mit der Knarre erinnert etwas an die bösen Schulhofkinder, die sagen: „Wenn du petzt, bist du dran!“ Da sagt die Ärztin ihren Kindern wohl kaum, dass sie sich davon erpressen lassen sollen. So ein bullshit.

Zumal das auch eine andere Situation war, als die Lebensgefährtin, die sich regelmäßig verprügeln lässt und trotzdem bei diesem Arsch bleibt.

Schnuffelsocke hat gesagt…

Ich finde du hast absolut richtig gehandelt.
Natürlich wird die Frau weitere Unterstützung und Hilfe brauchen, aber ich denke nicht, dass das die Aufgabe von Ärzten ist. Die Polizei müsste normalerweise entsprechende Hilfsangebote kennen und weiter vermitteln... Und ich glaube selbst wenn die Frau illegal in Deutschland wäre... So lange da ein Prozess läuft wird sie wohl niemand abschieben. *denk* Aber auskennen tu ich mich damit nicht.

Anonym hat gesagt…

"Das Böse kann auch triumphieren wenn gute Menschen nichts unternehmen und zuschauen.", dass kam mir in den Sinn.

Klar scheint die Ärztin schon eine gewisse Erfahrung zu besitzen, aber jetzt schon zu behaupten was alles passieren könnte, ist doch nur Fischen im Trüben. Klar kann der Kerl wieder kommen, kann aber auch sein das er nie mehr kommt, vielleicht wird die Frau nicht mehr in eure Klinik kommen, könnte aber doch wieder kommen, man wird es nicht wissen und jetzt schon so pessimistisch an die Sache ran zu gehen vermittelt mir, das diese Ärztin irgendwas verloren hat.

In meinen Augen war es ne schwere Situation, aber aus meiner Sicht hast du richtig entschieden, jeder muss sich selbst doch fragen, "kann ich morgens mich im Spiegel anschauen wenn ich anders gehandelt hätte?".

Wenn man anfängt seinen eigen Prinzipen nicht treu zu bleiben, anfängt sich so von den Menschen abzuschotten und nur noch das Wesentliche (Verletzungen/Krankheit etc..) als medizinisches Personal behandelt, und den Rest (meiner Meinung nach das Menschliche und die Hintergründe) ausblendet, ist man irgendwie falsch im Job oder hat was Wichtiges verloren.

Deswegen bleib so wie Du bist.

Anonym hat gesagt…

Ich bin weder Arzt noch Jurist. Die Grenzen der Schweigepflicht sind sicher schwierig. Aber hier finde ich, dass jede andere Reaktion ein ziemliches Geschmäckle hätte.

Rechtlich:
- Wäre es nicht unterlassene Hilfeleistung, eine Person in einer offensichtlichen Bedrohungssituation alleine zu lassen, ohne wenigstens die Polizei einzuschalten? Ganz egal, ob sie denen das sagt, was sie hören wollen...

Moralisch:
- Mag ja sein, dass ER sie nicht wieder hin bringt, weil er da Ärger bekommen hat, statt der erhofften Hilfe.
- Die Frage muss aber auch sein: Würde SIE wieder kommen, wenn sie die Chance hat und Hilfe braucht? Oder würde sie, wenn man nichts gemacht hätte, das Krankenhaus eher als Handlanger ihres Zuhälters betrachten?

Mal ganz davon ab, das, wenn es jedes Mal Streß gibt, wenn man sein "Betriebskapital" wieder zusammen flicken lassen muss, sich vielleicht auch Zuhälter überlegen, ob sie sich diesen Streß wirklich geben wollen, oder vielleicht nicht zuschlagen. (Für jemanden, der jemand anderen ausbeutet, ist sein Opfer Betriebskapital. Das macht man nun mal nicht einfach kaputt, wenn es sich nicht leicht reparieren läßt. Zynisch, aber...)

Solange sich allerdings immer brave Ärzte finden, die die Klappe halten und die Person schnell wieder Strich-Fit machen, helfen sie nur bei der Ausbeutung.

Xin hat gesagt…

Interessanter Fall... besteht Schweigepflicht, wenn ein potentieller Entführer mit seinem Opfer in der Notaufnahme steht und dem Opfer erklärt, dass es weiß, was es zu sagen hat?
Wäre dann die Herangehensweise der Chefärztin richtig gewesen?
Bedeutet die Abschiebung dass es ihr schlechter geht, weil sie ihren Pass zurück bekommt und ihre Einreise nicht mehr abficken muss?

Könnte es sein, dass der Kerl wieder frei kommt und seine Wut dann an der Frau auslässt?

Möglich.

Es kann in beiden Fällen tödlich ausgehen. Es sehe kein eindeutig "richtiges" Vorgehen.
Ich halte Dein Vorgehen aber für wahrscheinlich richtiger.

Und mehr kann man nicht tun, selbst wenn er sie danach umbringt, hast Du die Weichen gesetzt, dass die Frau eine Chance hatte. Hättest Du nichts getan, hätte er sie genauso beim nächsten Mal erwürgen können.

Wenn es kein richtig gibt, gibt es auch kein falsch. Man kann nur versuchen, was einem in der Situation gerade am sinnvollsten erscheint und darauf hoffen, dass die Behörden das gleiche tun.

FiAsKo_ hat gesagt…

Ich befürchte, das es bei diesem Problem nur falsche Reaktionen gegeben hat!

Es hätte dabei immer irgendjemanden gegeben, der egal welche Reaktion, als falsch betitelt hätte.

so etwas wie ein "Kobayashi-Maru-Test" im waren Leben.