Sonntag, 24. September 2017

Risiko Rollstuhl

Das ewige Problem mit der Sicherheit ist noch immer nicht behoben. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass die seit Ewigkeiten allseits akzeptierte Ausrede, mit der Menschen mit Behinderung leider noch immer systematisch diskriminiert werden, endlich mal kritischer betrachtet wird. Seit Jahren macht mich diese Argumentation, Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer (und andere Menschen mit Behinderung) stellten insbesondere bei Veranstaltungen ein Sicherheitsrisiko dar, regelmäßig aggressiv.

Es ist noch kein Monat her, da brach über einen Privatsender ein Shitstorm herein, als eine Frau in den Sozialen Medien behauptete, eine Platzanweiserin in einem Fernsehstudio habe zwei Menschen mit Down-Syndrom auf Plätze umgesetzt, die nicht im Erfassungswinkel der Kameras waren. Sie soll gesagt haben, dass man "sowas" nicht im Fernsehen sehen wolle.

Ich war nicht dabei. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich bin noch nie umgesetzt worden, war aber auch noch nie in so einem Fernsehstudio. Der Privatsender gab später an, dass Sicherheitsgründe ("Unfallverhütung und Brandschutz") diese Umsetzung nötig gemacht hätten. Die beiden Menschen mit Behinderung seien nach dem Umsetzen näher am Notausgang gewesen, die ursprünglichen Plätze seien nur über eine steile Treppe erreichbar gewesen. Soll also heißen: Es purzeln alle die steile Treppe runter, weil zwei Frauen mit Down-Syndrom im Weg sind? Soll somit auch heißen: Das Sicherheitskonzept sieht vor, dass alle Gäste jung und dynamisch das Haus drei Stufen auf einmal nehmend verlassen, sobald irgendwo Rauch aufsteigt?

Ich kenne genügend Leute, die so verpeilt sind, dass sie sich nach außen öffnende Türen beim Reingehen vor den Kopf schlagen und mit Platzwunden in die Notaufnahme kommen. Und ich kenne einige Menschen mit Down-Syndrom, die sehr sportlich sind. Genauso wie es unterschiedlich fitte Menschen im Rollstuhl gibt. Aber im Evakuierungsfall könnten sie im Weg stehen.

Ja, tatsächlich, das könnten sie. Wenn die Veranstaltungsstätte so gebaut ist, dass es im Evakuierungsfall zum Gedränge kommt. Und mittendrin ein Rollstuhlfahrer ist, der sich nicht bewegt. Alle fallen über ihn drüber, werfen ihn mitsamt seines Stuhls um, was auch immer. Das wäre tatsächlich dramatisch. Genauso dramatisch wäre es, wenn Menschen totgequetscht oder totgetrampelt werden, ohne dass ein Rollstuhl im Raum war. Immer dann stellt sich die Frage: Waren die Rettungswege korrekt dimensioniert?

Wohl nicht. Und genau das ist auch der Grund, warum Menschen im Rollstuhl noch heute regelmäßig von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen werden. Vielleicht nicht überall, aber dennoch immer wieder. Und an Orten, an denen diese unverschämte Haltung bereits in der Vergangenheit öffentlich und vielleicht sogar politisch thematisiert worden ist, macht man es halt subtil mit Verweis auf den Brandschutz oder die allgemeine Sicherheit.

Ich kann nicht verstehen, dass man in den letzten Jahren ein Theater baut, in dem Menschen mit Behinderung im Evakuierungsfall ein Hindernis darstellen. Sorry, aber wer hat denn bei der Planung nicht damit gerechnet, dass Menschen im Rollstuhl oder beispielsweise mit Down-Syndrom auch Veranstaltungen besuchen wollen? Und warum nicht? Konnte da jemand vor lauter Dollarzeichen in den Augen nicht mehr geradeaus gucken?

Ich picke als weiteres Beispiel einen Musical-Besuch heraus. Nun bin ich kein Mensch, der gerne Musicals besucht, insbesondere nicht jene, die nur noch konsum- und kostenorientiert produziert werden. Ganz besonders krass finde ich jene, bei denen die Musik aus der Dose kommt (und nicht mehr von einem anwesenden Orchester). Früher, als ich noch zur Schule ging (und noch nicht rollte), haben mich zwei Musical-Aufführungen mal wirklich so fasziniert, dass ich mir davon auch eine CD gekauft habe. Danach bin ich noch zwei Mal eingeladen worden, und diese beiden Male war es grauenvoll. Also wer mich ärgern will, schenkt mit teure Musical-Karten.

Einmal war der einzige Rollstuhlplatz am Rand in der ersten Reihe (bei immerhin rund 2.000 Besucherplätzen, also 0,5 Promille). Der Blickwinkel auf die Bühne war so eingeschränkt, dass man nur etwa ein Drittel der ganzen Geschichte sehen konnte. Man saß ganz rechts und musste links an den Kulissen vorbei schauen. Umsetzen auf einen festen Platz war nicht buchbar.

Ein zweites Mal gab es vier Rollstuhlplätze bei rund 1.350 Besucherplätzen (rund 3 Promille), jedoch waren die ebenfalls ganz außen in der ersten Reihe angeordnet, so dass man fast nichts sah. Ich weiß, dass sich viele Menschen beschwert haben, auch bei Behörden, und ich habe in meinem damaligen jugendlichen Optimismus einen Brief an den Theaterbetreiber geschrieben und die Antwort bekommen, dass es ein Sicherheitsproblem gebe, das nicht zu ändern sei, weil das Haus zu alt wäre und auch unter Denkmalschutz stehe.

Nun, aktuell, wünscht sich eine Freundin schon viele Jahre einen Besuch in einem bestimmten Musical. Und der findet in einem Theater statt, das in den letzten fünf Jahren neu gebaut oder unter enormen Kostenaufwand komplett saniert und umgebaut worden ist.

Es gibt genau zwei Rollstuhlplätze (1 Promille), davon einer ganz links und einer ganz rechts im Saal, im ersten Block, in der teuersten Kategorie. Buchbar nur telefonisch gegen weiteres Entgelt. An diesen beiden Stellen ist ein Sitz herausnehmbar - so dass man sich am Rand im Rollstuhl sitzend hinstellen kann. Umsetzen auf einen bequemen, weichen Sitz in angenehmer Höhe ist weiterhin nicht möglich. Und wir dürfen auch nicht nebeneinander sitzen. Weil, wie gesagt, ein Platz rechts im Saal ist und einer links. Und diese Plätze sind auch im regulären Verkauf. Das heißt: Wenn jemand diesen Platz (mit Stuhl) buchen möchte, dann ist der Rollstuhlplatz (also die Option, dass man den Stuhl herausnimmt) natürlich belegt. Durch einen Fußgänger.

Warum das so ist? Das liege am Sicherheitskonzept. Immerhin könnten im Evakuierungsfall ja Menschen über die Rollstühle fallen. Falls meine Freundin und ich uns auf herkömmliche Plätze umsetzen wollen und die Rollstühle dann irgendwo am Rand stehen. Oder wenn wir woanders stehen - und nicht direkt am Eingang.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich rede nicht davon, inmitten eines Blocks sitzen zu wollen. Aber warum kann man nicht beispielsweise in der letzten Reihe eines Blocks sechs bis acht mittige Sitze dreh- und herausnehmbar machen, so dass man sich von hinten einfach umsetzen kann? Der Rollstuhl bleibt dahinter stehen. Oder, wenn sich jemand nicht umsetzen kann, stellt er sich halt dorthin, wo man vorher einen Stuhl herausnimmt. Bei 2.000 Plätzen sollte das doch möglich sein, eigentlich sogar an mehreren Stellen in unterschiedlichen Preiskategorien. Und die einzigen, die im Evakuierungsfall hinter der letzten Sitzreihe entlang rollen, sind dann wohl die Rollstuhlfahrer.

Und es soll mir niemand sagen, dass die Nachfrage nicht da ist. Das Haus, von dem ich rede, ist regelmäßig mindestens einen Monat im Voraus komplett ausverkauft. Wenn nicht mehr Rollstuhlfahrer kommen, fühlen sich diese wohl verarscht. Oder rausgeekelt.

Naja, dann gehe ich mit meiner Freundin eben lecker essen. Und singe ihr vielleicht ein Liedchen vor. Vielleicht.

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Das muss diese Inklusion sein, von der alle behaupten, dass sie so gut klappt...

Gut dass du darüber bloggst und so zumindest darüber informierst. Wobei eigentlich das Thema auch groß genug ist um mal breiter in die Öffentlichkeit zu kommen....Demo vor Theatern/Bussen/Zügen etc.pp.

intercepta hat gesagt…

Wenn man sich die Landesbauordnungen dazu querlist, stellt man fest, dass es letzlich Willkür zu sein scheint, wieviele Plätze, wo und mit welcher Qualität bereitgestellt werden. Sobald "erhebliche" Kosten anfallen würden, darf man einfachere Standards verwenden. Und jeder Bauherr oder Bauausschuß einer Kommune setzt bei Um/-und Neubauten dann mal andere Schwerpunkte, wenn keiner meckert. Nicht sehr klug finde ich und irgendwie unbefriedigend.
Ich hoffe Du hast eine schöne Stimme und singst gut...

Storytelling Ape hat gesagt…

Was für ein Schwachfug von Ausrede. Selbst das über hundert Jahre alte Theater des Westens in Berlin hat es geschafft, eine gute Rollstuhlloge einzurichten. Ganz oben Mitte, super Sicht, rausnehmbare Sitze je nach Anzahl Rollstühle und Begleitpersonen.
(Der Rolli-Eingang ist übrigens ein nach außen öffnender 20er Jahre-Fahrstuhl mit original-Deko, den die Fußgänger gar nicht zu sehen kriegen. Sehr schön gemacht.)

Anonym hat gesagt…

Mir fällt das auch immer in Kinos auf. Ich persönlich bevorzuge Plätze weiter hinten und mittig. Als Rollstuhlfahrer hat man hier keine Wahl: Erste Reihe außen.
Wer setzt sich denn freiwillig im Kino in die erste Reihe?

Ich finde es unglaublich traurig und vor allem auch dreist, dass die Anbieter damit durchkommen, auch noch Extra-Geld für diese Plätze bzw. deren Buchung zu fordern.

Fällt das nicht in irgendeiner Form unter das Diskriminierungsgesetz?

Ich wünsche dir und deiner Freundin trotz allem einen schönen gemeinsamen Abend!

Eva

moritz hat gesagt…

Es gibt einen Haufen Leute, und ganze Abteilungen, deren Aufgabe es ist, für Sicherheit zu sorgen. Sie sind also hauptamtlich und was sie sagen, muss gemacht werden. Sie sichern alles ab, das ist ihr Job, und minimieren die Gefahren, die überall lauern. Die Maßnahmen, die sie bestimmen, sind für Fälle, deren Eintreten sehr unwahrscheinlich ist, die sehr selten sind. Man ist natürlich froh, dass sie durchgeführt wurden, wenn das Ereignis doch eintritt.

Nun gibt es aber auch andere Interessen. Z.B. Rollstuhlfahrer sollen vernünftig ins Theater können. Oder eine Schule oder Kita möchte zum täglichen pädagogischen Wohle der Kinder offene Bereiche und offene Türen haben. Oder offene Bereiche sind aus psychologischen Gründen gewünscht in einer Einrichtung. In so einem Fall "sticht" die Sicherheitsabteilung, auch wenn die Pädagogen (auch Fachleute in ihrem Bereich) oder die Rollstuhlfahrer andere Interessen haben. Weil: Würden sie sich durchsetzen, und dann passiert etwas, sind die, die das entschieden haben, persönlich verantwortlich.

Anstatt also Interessen, Gefahren und Chancen abzuwägen und zu managen, ist die Sicherheit leider der heilige Gral baulicher Gestaltungsentscheidungen. Wie so oft fallen dabei weniger relevante Gruppen und Interessen unter den Tisch.

Schnuffelsocke hat gesagt…

Darüber kann ich nur den Kopf schütteln....
Ich hab theoretisch nicht solche Probleme, weil ich nicht im Rollstuhl sitze. Aus anderen Gründen (Behinderungsbedingt) frage ich aber immer nach einem Randplatz (will ja niemand anderen stören wenn ich zwischen drin raus muss). Komischerweise gibt es immer wieder schlaue Leute die mir dann den Randplatz an der Wand verkaufen (im Kino, wenn ich den Saal nicht kenne fällt mir das auch nicht auf) und ich darf mich während der Vorstellung lustig durch die ganze Reihe raus quetschen...

Nein, irgendwie ist es erbärmlich und frustrierend, dass es immer noch so heftige Diskriminierungen gibt...

Anonym hat gesagt…

Unser Firmengebäude (ca. 100 Mitarbeiter) besitzt theoretisch einen Aufzug. Praktisch wird er seit vielen Jahren nicht repariert oder nicht mehr gewartet und ist außer Betrieb. Vermutlich ist das kostengünstiger, und wir müssen schließlich alle sparen, nicht wahr?

Allerdings haben wir auch Konferenzräume im 1. und 2. Stock. Und eine Veranstaltungsteilnehmerin, die immer wieder zu den von mir organisierten Veranstaltungen kommt, ist gehbehindert. Die Treppe schafft sie aber gerade noch zu Fuß.

Gleichzeitig fürchte und hoffe ich, einmal Teilnehmer zu haben, die die Treppe nicht schaffen. Alternativ gäbe es nämlich nur einen Lastenaufzug, der nicht zum Personenverkehr freigegeben ist, oder jemand müsste die Person tragen.
Das wäre beschämend für die Person, für mich und für unser Institut. Aber anschließend wäre das Aufsehen hoffentlich groß genug, um endlich unseren Aufzug wieder instand zu setzen.

Wir sind leider nur Mieter des Gebäudes - wer hier verantwortlich wäre, weiß ich nicht einmal. Sicher ist nur, dass unser Chef und unsere Sekretärin sich nicht für solche Themen interessieren... Und unser Betriebsrat anscheinend auch nicht.

Gäbe es Regelungen, die ich zitieren könnte?
Und gleichzeitig - ist es rechtlich in Ordnung, wenn die Rollstuhlfahrer im Brandfall nur aus dem Gebäude getragen werden können, oder müssten dann Rampen o.ä. gebaut werden? (Falls das der Grund fürs Abschalten der Aufzüge wäre.)


Vielen Dank, dass du in deinem Blog so viele Themen ansprichst, von denen man (zumindest ich) sonst kaum etwas mitbekommt, obwohl ich sie wirklich wichtig finde!

FiAsKo_ hat gesagt…

Es geht auch anders.....


Ich habe es bei Musikveranstaltungen schon positiv anders erlebt.

Vor Jahren war 'Pur' in der Frenkfurter Festhalle.
auf den Rängen gab es ganz normale (fest eingebaute?) Sitzplätze.
Der Innenraum, soweit nicht Bühne, war als Stehplatz angelegt.
Aber nicht der gesammte Innenraum, sondern seitlich im vorderen Drittel war ein Podest mit dahinterliegender Rampe aufgebaut, das in etwa den Höhenunterschied von sitzenden ind stehehnden Besuchern kompensierte.

soviel zum Positiven!

Was mir aber ansonsten bei der Planung von Fußgängern für Rollstuhlfaher auffällt, läßt mir teilweise die Haare zu Berge stehen!
In fast ALLEN Hotels, in denen ich war und darauf geachtet habe, sind die für Rollstuhlfahrer konzipierten Zimmer nur über Aufzüge zu erreichen oder zu verlassen.
Nur ein einziges Hotel ist mir in Erinnerung geblieben, das sich dabei positiv hervorgehoben hat.
der Flur mit den Rollstuhlfahrerzimmern war normalerweise auch nur über Aufzüge erreichbar, aber das Hotel war so am Hang gelegen, daß zumindest der Notausgang aus diesem Flur ebenerdig ins Freie führte, wenn auch auf der Lieferantenseite des Hotels.