Dienstag, 26. September 2017

Da war noch was

Wer sehr emotionale Dinge gerade nicht so gut verträgt, sollte diesen Beitrag lieber nicht lesen.

Ich habe eigentlich ganz viele Dinge im Kopf, über die ich gerne etwas schreiben möchte. Über eine wunderbare Freundschaft (nicht: Partnerschaft) an meinem heimlichen Rückzugsort am Meer. Über eine wunderbare Partnerschaft. Über Maries Wunsch, nun doch auch in die Pädiatrie (Kinderheilkunde) gehen zu wollen, nachdem sie zunächst mit Innerer Medizin (wie ihre Mama) liebäugelte. Und vieles mehr. Aber stattdessen schreibe ich erneut über aktuelle Ereignisse aus meinem Praktischen Jahr. Die es im Moment wirklich in sich haben.

Gestern kam eine Kollegin zu mir und sagte: "Frau [Chefärztin, die die chirurgische Klinik leitet] möchte dich sprechen. Jetzt." - Jene Kollegin, die mich in der letzten Woche zurechtgewiesen hatte, weil ich die Polizei hinzu gezogen habe, steht daneben und sagt: "Man will dir bestimmt einen Orden verleihen." - Bevor ich irgendwas erwidern kann, kommt sie dicht an mich heran, ordnet meinen Hemdkragen (der vorher eigentlich ordentlich war) und sagt dabei leise: "Kannst du denn gar nichts richtig machen?" - Dann gibt sie mir einen Klaps gegen die Wange. Die Kollegin, die die Nachricht überbracht hat, schüttelt mit dem Kopf: "Nun lass doch mal gut sein." - Haifischbecken.

Ich klopfe an, rolle ins Vorzimmer hinein. Die Sekretärin fragt mich: "Sie werden erwartet?" - Ich nicke. Die Sekretärin macht eine Handbewegung in Richtung der Tür, hinter der ihre Chefin sitzt. Ich klopfe erneut, rolle hinein. "Frau Socke, ich grüße Sie. Bitte schließen Sie die Tür. Ich habe gerade von Ihrem nächtlichen Einsatz im Schockraum erfahren. Sie haben zwar anfangs etwas zögerlich gehandelt, aber trotzdem: Alle Achtung! Frau [Oberärztin] hat vorgeschlagen, das als besondere Leistung zu bewerten und entsprechend in Ihre Beurteilung einfließen zu lassen." - "Danke." - "Nach dem, was aber geschehen ist, muss ich Ihnen leider sagen, dass ich diesen Vorschlag nicht unterstützen werde."

Ich schluckte. Ich konnte mir vorstellen, was jetzt kam. Und es kam: "Sie dürfen nicht eigenmächtig entscheiden, die Polizei oder andere Behörden zu rufen. Sie hätten Ihre Kollegin dazuholen müssen." - "Ja." - "Und warum, um Himmels Willen, haben Sie das nicht getan?" - "Weil ich mich bedroht fühlte und Angst hatte. Vor diesem Mann, von dem sich mein Herz sicher war, dass er diese Frau verdroschen und gewürgt hatte. Der keine zwei Meter von mir entfernt stand und von mir verlangte, keine Fragen zu stellen, sondern die Frau 'wieder hübsch' zu machen. Ich hatte im Gefühl, dass er diese Frau beherrschte, und ich hatte Angst, ihn mit einer falschen Handlung dazu zu bringen, auch mich in seine Gewalt zu bringen. Die Frau hat aus Angst keinen Pieps gesagt. Er behauptete, sie könne die Sprache nicht, und dachte offenbar, ich hätte noch nie mit Menschen zu tun gehabt, die kein Deutsch können. Er strahlte eine Eiseskälte aus."

"Und dann haben Sie einfach so irgendwo angerufen?" - "Nein, ich bin raus, weil ich Material aus dem Nachbarraum holen wollte. In Wirklichkeit habe ich den Sicherheitsdienst gebeten, die Polizei zu rufen, weil der Mann latent aggressiv ist und ich den Verdacht habe, dass er die Frau misshandelt und in ihrer Freiheit einschränkt." - "Und dann kam der Sicherheitsmensch mit Ihnen?" - "Nein, er hat die diensthabende Ärztin ins Zimmer geschickt." - "Sie kam vor der Polizei in den Raum?" - "Ja. Eigentlich gleich, nachdem ich Bescheid gesagt hatte und wieder bei der Patientin war."

Die Chefärztin seufzte. Und fragte weiter: "Welche Abwägungen haben Sie denn unternommen, bevor Sie sich entschlossen haben, die Polizei rufen zu lassen?" - "Schweigepflicht gegen ärztliche Garantenpflichten. Ich habe es als Nothilfe gesehen, weil sie dazu nicht in der Lage war. Und ich fühlte mich bedroht." - "Ich möchte Ihr couragiertes Handeln nicht tadeln. Und werde daher dieses eine Mal ein Auge zudrücken. Aber nur dieses eine Mal. In allen Kliniken sind die Verantwortungen klar geregelt. Auch, wenn ich ebenfalls die Polizei hätte rufen lassen, das haben Sie nicht zu entscheiden. Ihre Aktion ist bis zum Direktor hochgegangen. Der hat sich Ihre Akte kommen lassen und den frischen Vermerk über Ihren nächtlichen Schockraum-Einsatz gelesen. Das hat Sie gerettet, Frau Socke. Der Direktor hat mich in der Mittagspause angesprochen, mir die Akte in die Hand gedrückt und Disziplinarmaßnahmen mir überlassen. Sie können froh sein, dass diese Angelegenheit für Sie keine schlimmeren Konsequenzen hat." - "Danke, Frau [Chefärztin]." - "Sie können jetzt an Ihren Arbeitsplatz zurück. Guten Tag!" - "Guten Tag, Frau [Chefärztin]."

Ich rollte zurück. Im Dienstzimmer angekommen, traf ich auf die Kollegin, die mir die Nachricht überbracht hat. Sie guckte mich an und sagte: "Hast du jetzt doch einen Anschiss gekriegt?" - Ich nickte vorsichtig, seufzte: "Sie macht Action wegen der Sache mit der Prostituierten." - "Soweit ich gehört habe, war der Typ völlig zugekokst und wurde auch schon gesucht." - "Und das sagt ihr mir erst jetzt?" - Die Oberärztin kam um die Ecke und sprach mich an: "Na? Kopf ab oder Konfetti?" - "Eher Kopf ab. Aber danke für den schriftlichen Beistand." - "Gerne geschehen", sagte sie und tätschelte mir über die Schulter. Die andere Ärztin warf schnippisch ihr Haar zurück und ging hämmernden Schrittes nach draußen.

Ich bin ja vielleicht noch etwas grün hinter den Ohren, aber könnte es vielleicht sein, dass die Chefärztin deshalb so genau wissen wollte, wann die diensthabende Kollegin mit im Raum war (also noch vor der Polizei), weil eben genau sie nichts gemacht hat? Sie wusste ja, dass die Kavallerie anrückt und hätte das ja auch noch steuern können. Ich will gar nicht von mir ablenken. Aber mir da so blöde am Kragen rumfummeln, obwohl sie offensichtlich selbst eine aufs Dach bekommen hat - solche Leute liebe ich. Nicht.

Keine zwei Minuten später kommt mit seinem Vater ein Junge, zwölf Jahre alt, durch die Tür. Krümmt sich vor Schmerzen. Hat mehrere blutende Wunden, auch im Gesicht, wird vom Aufnahmeraum gleich in einen Behandlungsraum umgeleitet. Eine Pflegekraft eilt voraus. Die Oberärztin weist ihn mir zu. Ich rolle hinterher.

Jeder Vater wäre wohl aufgeregt und würde nicht abwarten können, dass endlich jemand seinem Sohn hilft. Dieser Vater ist eingeschüchtert bis apathisch, antwortet nur auf Fragen. Ich habe keine dreißig Jahre Berufserfahrung, aber dass hier was nicht stimmt, habe ich im Urin. Ich stelle mich vor, gebe dem Jungen die Hand (was ich aus hygienischen Gründen nur in ganz besonderen Fällen mache), dem Vater erstmal nicht. Vor allem, um den Vater weiter zu verunsichern. Ich frage den Jungen: "Wie ist das passiert?" - Der Junge guckt zum Vater. Der Vater sagt: "In der Schule hat ihn ein Mitschüler mit einem Fahrradschloss geschlagen." - "In der Schule?" - "Ja, auf dem Schulhof." - "Und du weißt, wie der Junge heißt?" - Der Junge guckt wieder seinen Vater an. Er antwortet: "Leider nicht."

Leider nicht? Oder leider noch nicht? Wenn das mein Kind wäre, würde ich doch alles daran setzen, das sofort herauszufinden. Und das entsprechend auch kommunizieren. "Bist du hingefallen?" - Der Junge schüttelte den Kopf. - "Hast du was an den Kopf bekommen?" - Der Junge schaut den Vater an. Ich grätsche dazwischen: "Du musst doch wissen, ob du was an den Kopf bekommen hast." - Natürlich hatte er das, denn er blutete am linken Jochbogen. Ich bat die Pflegekraft, sich um zwei Schürfwunden zu kümmern, während ich zur Oberärztin wollte. Der Mann fragte mich ängstlich: "Wohin wollen Sie denn?" - Ich lächelte ihn an, ohne ein Wort zu sagen, und verschwand aus der Tür.

Die Oberärztin tippte im Dienstzimmer am Computer. Ich schloss die Tür hinter mir. Sie fragte: "Häusliche Gewalt?" - "Angeblich Schulhof. Da passt aber vieles nicht." - "Oh nein, Socke, nicht schon wieder." - "Ja doch, schauen Sie doch selbst." - "Ich komme gleich dazu. Einen Moment. Und niemanden anrufen, okay?" - "Haha."

Ich eröffne dem Vater gerade, dass wir eine Aufnahme vom Schädel brauchen, um auszuschließen, dass was gebrochen oder verletzt ist, als die Oberärztin reinkommt. Der Junge wird zum Röntgen geschoben, die Oberärztin fragt gleich den Vater: "Schulhof, ja?" - Der nickt. - "Und die Schule hat Sie angerufen?" - "Ja. Äh. Nein." - "Ja, was jetzt, wie sind Sie denn auf die Sache aufmerksam geworden?" - "Mein Sohn hat mir eine Nachricht geschrieben." - "Und Sie wohnen direkt neben der Schule?" - "Warum?" - "Weil das nicht passt, was Sie hier erzählen! Ihr Sohn blutet so stark, dass jede halbwegs verantwortungsvolle Lehrkraft einen Rettungswagen rufen würde. Und bei solcher Gewalt auch die Polizei. Macht sie aber nicht. Sondern lässt ihn blutend liegen und wartet auf den Vater. Finden Sie das logisch?" - "So war es ja nicht." - "Wie war es dann? Erklären Sie es mir!" - "Ich bin Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig." - "Doch, das sind Sie. Weil, wenn Sie es nicht plausibel erklären können, und das können Sie nicht, dann muss ich das Jugendamt einschalten. Und das werde ich auch tun." - "Wozu? Ich bin der Vater." - "Um zu klären, was da vorgefallen ist. Und um die Rechte Ihres Kindes zu sichern. Setzen Sie sich bitte einen Moment in den Wartebereich. Wir rufen Sie wieder auf." - "Rufen Sie jetzt das Jugendamt an?" - "Schaun wir mal."

Einen Moment später kommt ein Anruf von der Rettungsleitstelle über das rote Telefon. "In etwa 6 Minuten: Polytrauma, weiblich, 28 Jahre alt, von Pkw angefahren, laufende Reanimation." - Die Oberärztin sagt zu mir: "Du kommst mit und assistierst mir." - "Ja." - Flexibilität ist heute wieder hoch im Kurs.

Einen Moment später stehen gefühlte 20 Leute im Schockraum und warten auf die schwerstverletzte Frau. Die Anspannung und das Adrenalin steigen von Minute zu Minute. Obwohl man cool bleiben soll. Meine Hände fangen zu schwitzen an in den Handschuhen. Die Tür geht auf. Mein Puls steigt nochmal. Zwei Feuerwehrleute schieben die Trage. Die Notärztin geht nebenher und hält in einer Hand einen mobilen EKG-Monitor, mit der anderen presst sie eine Infusion in die Frau. Eine Sanitäterin beatmet die Patientin mit einem Beatmungsbeutel. Ein weiterer Sanitäter kniet oben auf der rollenden Trage über der Patientin und führt eine Herzdruckmassage durch. Die Frau hat unter anderem eine lebensbedrohliche Beckenfraktur, die notfallmäßig mit einem Tuch komprimiert ist.

Zehn Sekunden später liegt die Frau vor uns auf dem Tisch. Die Notärztin berichtet, eine Autofahrerin sei von der Straße abgekommen und hätte sie als Radfahrerin auf dem Radweg eingefangen. Wie wir später erfahren, hat eine junge Fahrerin zuvor ein anderes Auto in der Nebenspur touchiert, sich dabei erschreckt und das Lenkrad verrissen, direkt in Richtung der Radfahrerin. Es wird vermutet, dass sie sich vom Smartphone hat ablenken lassen. Es stellt sich heraus, dass die Radfahrerin bei dem Unfall neben einer notfallmäßig mit einem Tuch komprimierten Beckenfraktur auch eine offene Kopf- sowie massive Hirnverletzungen erlitten hat. Schnell steht fest: Ihr ist nicht mehr zu helfen. Der Anblick ist grauenvoll.

Es ist nicht meine erste sterbende Patientin. Aber das, was danach kam, war für mich zum ersten Mal so extrem. Ich habe es schon einmal geschrieben: Nur weiterlesen, wenn man emotional gerade fest mit beiden Pobacken im Sessel sitzt.

Es kommt kurz danach ein Mann in den Wartebereich, der eine große Reisetasche trägt. Aus dem Reißverschluss der Tasche guckt eine große bunte Maus mit langem Schwanz. An der Hand hat er einen kleinen Jungen, vermutlich 5 bis 6 Jahre alt. Der Mann setzt sich erst hin, um 20 Sekunden später wieder aufzustehen. Dann kommt er zu mir an die Tür des Dienstzimmers, klopft. Stellt sich vor, er sei benachrichtigt worden, dass seine Frau mit dem Fahrrad gestürzt und hierher gebracht worden sei. Ob ich ihm sagen könnte, wo sie gerade sei. Falls sie über Nacht bleiben müsse, habe er ein paar Sachen zusammengepackt. Fast scherzhaft sagt er: "Damit sie nicht in euren karierten Nachthemden schlafen muss. Die hat sie schon bei seiner Geburt gehasst. Kaiserschnitt, wissen Sie?"

Jetzt bloß nichts anmerken lassen. "Meine Kollegin kümmert sich gleich um Sie. Nehmen Sie doch bitte noch einen Moment dort Platz." - "Ja. Wissen Sie denn, wie es meiner Frau geht?" - "Das ist die Patientin meiner Kollegin. Es tut mir leid, ich kann Ihnen dazu keine Auskunft geben. Sie müssen sich einen kleinen Moment gedulden, ich schicke die Kollegin sofort zu Ihnen." - "Ja, sicher."

Ich fasse es kurz: Dem Mann musste erklärt werden, dass seine Frau und damit auch die Mutter des Kindes gerade verstorben ist. Es musste geklärt werden, ob die Organe für eine Organspende entnommen werden dürfen. Eine Krisenfrau wurde gleich dazu geholt. Der Junge, so erzählte mir die Oberärztin später Rotz und Wasser heulend im Dienstzimmer, habe gefragt, wo Mama ist. Der Papa hat ihm gesagt, dass Mama jetzt beim lieben Gott ist. Und der Junge hat geantwortet: "Okay, dauert das lange? Wann kommt sie denn wieder?"

Da sind mir dann auch die Tränen übers Gesicht gekullert. Das Leben kann so ungerecht sein. Kurz danach klopft es an der Tür. Die Frau vom Kindernotdienst. Guckt erschrocken in unsere Gesichter. Da war ja noch was.

Sonntag, 24. September 2017

Risiko Rollstuhl

Das ewige Problem mit der Sicherheit ist noch immer nicht behoben. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass die seit Ewigkeiten allseits akzeptierte Ausrede, mit der Menschen mit Behinderung leider noch immer systematisch diskriminiert werden, endlich mal kritischer betrachtet wird. Seit Jahren macht mich diese Argumentation, Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer (und andere Menschen mit Behinderung) stellten insbesondere bei Veranstaltungen ein Sicherheitsrisiko dar, regelmäßig aggressiv.

Es ist noch kein Monat her, da brach über einen Privatsender ein Shitstorm herein, als eine Frau in den Sozialen Medien behauptete, eine Platzanweiserin in einem Fernsehstudio habe zwei Menschen mit Down-Syndrom auf Plätze umgesetzt, die nicht im Erfassungswinkel der Kameras waren. Sie soll gesagt haben, dass man "sowas" nicht im Fernsehen sehen wolle.

Ich war nicht dabei. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich bin noch nie umgesetzt worden, war aber auch noch nie in so einem Fernsehstudio. Der Privatsender gab später an, dass Sicherheitsgründe ("Unfallverhütung und Brandschutz") diese Umsetzung nötig gemacht hätten. Die beiden Menschen mit Behinderung seien nach dem Umsetzen näher am Notausgang gewesen, die ursprünglichen Plätze seien nur über eine steile Treppe erreichbar gewesen. Soll also heißen: Es purzeln alle die steile Treppe runter, weil zwei Frauen mit Down-Syndrom im Weg sind? Soll somit auch heißen: Das Sicherheitskonzept sieht vor, dass alle Gäste jung und dynamisch das Haus drei Stufen auf einmal nehmend verlassen, sobald irgendwo Rauch aufsteigt?

Ich kenne genügend Leute, die so verpeilt sind, dass sie sich nach außen öffnende Türen beim Reingehen vor den Kopf schlagen und mit Platzwunden in die Notaufnahme kommen. Und ich kenne einige Menschen mit Down-Syndrom, die sehr sportlich sind. Genauso wie es unterschiedlich fitte Menschen im Rollstuhl gibt. Aber im Evakuierungsfall könnten sie im Weg stehen.

Ja, tatsächlich, das könnten sie. Wenn die Veranstaltungsstätte so gebaut ist, dass es im Evakuierungsfall zum Gedränge kommt. Und mittendrin ein Rollstuhlfahrer ist, der sich nicht bewegt. Alle fallen über ihn drüber, werfen ihn mitsamt seines Stuhls um, was auch immer. Das wäre tatsächlich dramatisch. Genauso dramatisch wäre es, wenn Menschen totgequetscht oder totgetrampelt werden, ohne dass ein Rollstuhl im Raum war. Immer dann stellt sich die Frage: Waren die Rettungswege korrekt dimensioniert?

Wohl nicht. Und genau das ist auch der Grund, warum Menschen im Rollstuhl noch heute regelmäßig von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen werden. Vielleicht nicht überall, aber dennoch immer wieder. Und an Orten, an denen diese unverschämte Haltung bereits in der Vergangenheit öffentlich und vielleicht sogar politisch thematisiert worden ist, macht man es halt subtil mit Verweis auf den Brandschutz oder die allgemeine Sicherheit.

Ich kann nicht verstehen, dass man in den letzten Jahren ein Theater baut, in dem Menschen mit Behinderung im Evakuierungsfall ein Hindernis darstellen. Sorry, aber wer hat denn bei der Planung nicht damit gerechnet, dass Menschen im Rollstuhl oder beispielsweise mit Down-Syndrom auch Veranstaltungen besuchen wollen? Und warum nicht? Konnte da jemand vor lauter Dollarzeichen in den Augen nicht mehr geradeaus gucken?

Ich picke als weiteres Beispiel einen Musical-Besuch heraus. Nun bin ich kein Mensch, der gerne Musicals besucht, insbesondere nicht jene, die nur noch konsum- und kostenorientiert produziert werden. Ganz besonders krass finde ich jene, bei denen die Musik aus der Dose kommt (und nicht mehr von einem anwesenden Orchester). Früher, als ich noch zur Schule ging (und noch nicht rollte), haben mich zwei Musical-Aufführungen mal wirklich so fasziniert, dass ich mir davon auch eine CD gekauft habe. Danach bin ich noch zwei Mal eingeladen worden, und diese beiden Male war es grauenvoll. Also wer mich ärgern will, schenkt mit teure Musical-Karten.

Einmal war der einzige Rollstuhlplatz am Rand in der ersten Reihe (bei immerhin rund 2.000 Besucherplätzen, also 0,5 Promille). Der Blickwinkel auf die Bühne war so eingeschränkt, dass man nur etwa ein Drittel der ganzen Geschichte sehen konnte. Man saß ganz rechts und musste links an den Kulissen vorbei schauen. Umsetzen auf einen festen Platz war nicht buchbar.

Ein zweites Mal gab es vier Rollstuhlplätze bei rund 1.350 Besucherplätzen (rund 3 Promille), jedoch waren die ebenfalls ganz außen in der ersten Reihe angeordnet, so dass man fast nichts sah. Ich weiß, dass sich viele Menschen beschwert haben, auch bei Behörden, und ich habe in meinem damaligen jugendlichen Optimismus einen Brief an den Theaterbetreiber geschrieben und die Antwort bekommen, dass es ein Sicherheitsproblem gebe, das nicht zu ändern sei, weil das Haus zu alt wäre und auch unter Denkmalschutz stehe.

Nun, aktuell, wünscht sich eine Freundin schon viele Jahre einen Besuch in einem bestimmten Musical. Und der findet in einem Theater statt, das in den letzten fünf Jahren neu gebaut oder unter enormen Kostenaufwand komplett saniert und umgebaut worden ist.

Es gibt genau zwei Rollstuhlplätze (1 Promille), davon einer ganz links und einer ganz rechts im Saal, im ersten Block, in der teuersten Kategorie. Buchbar nur telefonisch gegen weiteres Entgelt. An diesen beiden Stellen ist ein Sitz herausnehmbar - so dass man sich am Rand im Rollstuhl sitzend hinstellen kann. Umsetzen auf einen bequemen, weichen Sitz in angenehmer Höhe ist weiterhin nicht möglich. Und wir dürfen auch nicht nebeneinander sitzen. Weil, wie gesagt, ein Platz rechts im Saal ist und einer links. Und diese Plätze sind auch im regulären Verkauf. Das heißt: Wenn jemand diesen Platz (mit Stuhl) buchen möchte, dann ist der Rollstuhlplatz (also die Option, dass man den Stuhl herausnimmt) natürlich belegt. Durch einen Fußgänger.

Warum das so ist? Das liege am Sicherheitskonzept. Immerhin könnten im Evakuierungsfall ja Menschen über die Rollstühle fallen. Falls meine Freundin und ich uns auf herkömmliche Plätze umsetzen wollen und die Rollstühle dann irgendwo am Rand stehen. Oder wenn wir woanders stehen - und nicht direkt am Eingang.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich rede nicht davon, inmitten eines Blocks sitzen zu wollen. Aber warum kann man nicht beispielsweise in der letzten Reihe eines Blocks sechs bis acht mittige Sitze dreh- und herausnehmbar machen, so dass man sich von hinten einfach umsetzen kann? Der Rollstuhl bleibt dahinter stehen. Oder, wenn sich jemand nicht umsetzen kann, stellt er sich halt dorthin, wo man vorher einen Stuhl herausnimmt. Bei 2.000 Plätzen sollte das doch möglich sein, eigentlich sogar an mehreren Stellen in unterschiedlichen Preiskategorien. Und die einzigen, die im Evakuierungsfall hinter der letzten Sitzreihe entlang rollen, sind dann wohl die Rollstuhlfahrer.

Und es soll mir niemand sagen, dass die Nachfrage nicht da ist. Das Haus, von dem ich rede, ist regelmäßig mindestens einen Monat im Voraus komplett ausverkauft. Wenn nicht mehr Rollstuhlfahrer kommen, fühlen sich diese wohl verarscht. Oder rausgeekelt.

Naja, dann gehe ich mit meiner Freundin eben lecker essen. Und singe ihr vielleicht ein Liedchen vor. Vielleicht.

Freitag, 22. September 2017

Ständer und Heizung

Bekanntlich ist mit einem Nachtdienst ja nicht aller Nächte Morgen. Oder so ähnlich. Es ist gerade halb zwei Uhr nachts, ich darf alleine mit drei Pflegekräften und einem Sicherheitsmenschen die chirurgische Notaufnahme über Wasser halten, während alles, was nicht mehr studiert, entweder im OP steht oder schläft. Während ich mich schon um ein schreiendes Kind mit einem unreifen Eiterpickel, zwei betrunkene Frauen mit Schürfwunden, einen jungen Mann mit einem gebrochenen Unterarm, einen älteren Mann mit einem Splitter im Handteller und eine alte Dame mit einer verstauchten Hand gekümmert habe, kommt als nächstes ein Mann mit einem angeblichen Abszess im Genitalbereich.

Eine männliche Pflegekraft, die vor einiger Zeit aus Russland nach Deutschland kam, kommt ins Dienstzimmer, als ich mich gerade darum kümmere, dass der junge Mann mit dem gebrochenen Unterarm zum Röntgen kommt. "Kannst du bitte gucken in die Vier? Ein Mann sagt, er hat Abszess am Penis. In Wirklichkeit ich glaube, er hat aber nur Erektion. Ich glaube, er ist ein Strolch." - "Ein Strolch? Mit Ständer? Also ein Ständerstrolch?" - "Ja, sowas." - "Wie alt?" - "Einundzwanzig."

Einen Moment später rolle ich in die "Vier", schließe die Schiebetür hinter mir, stelle mich vor und frage ihn: "Was führt Sie hierher?" - "Ich habe einen Abszess am Penis." - "Mitten in der Nacht? Waren Sie damit schon bei Ihrem Hausarzt?" - "Nein. Denn bisher tat er nicht weh." - "Sie haben also Schmerzen." - "Ja. Ich habe eine Dauer-Erektion wegen dem Abszess. Es ist mir ein bißchen peinlich. Aber ich habe eben extra noch einmal für Sie geduscht." - "Darf ich mal sehen?"

Er macht seine Jeans auf, drunter trägt er einen schwarzen Baumwoll-Slip, aus dem oben was heraus guckt. "Setzen Sie sich dorthin bitte, und dann zeigen Sie mir mal den Abszess." - "Hier", sagt er. - "Ziehen Sie die Unterhose bitte mal runter und dann zeigen Sie mir das mal bitte so, dass ich das sehen kann."

Er nimmt grinsend seine Hoden in die Hand. "Hier. Alles voller Eiter. Können Sie das bitte absaugen?" - "Sind Sie schonmal damit aufgefallen?", frage ich, ohne eine Miene zu verziehen. Er guckt mich mit einem Rehblick an und sagt: "Bitte. Ich hab solchen Druck. Sie können doch bestimmt gut blasen." - "Eben sollte ich noch saugen. Sie werden sich jetzt wieder anziehen und schleunigst die Kurve kratzen. Oder muss ich erst die Bullen rufen?" - "Och menno, wir zwei hätten wirklich viel Spaß haben können. Sie sind echt etwas verklemmt. Aber irgendwie auch ne Süße." - "Tschüss."

Meine Chefin meint später, ich hätte die Polizei rufen müssen. Ich habe ihn für einen Spinner gehalten, der mal irgendeinen Kick brauchte. Zu viele Hormone. Die Daten von ihm haben wir ja, aber nachträglich will meine Chefin dann die Polizei doch nicht informieren.

Eine Stunde später kommt eine Frau, spärlich bekleidet, hinein und drückt sich ein Handtuch gegen die Stirn. Mit ihr kommt ein eher hagerer Mann mit dicker, auffälliger Halskette. Sie blutet links frontal an der Stirn aus einer Platzwunde. Sie sagt kein Wort, sondern der Mann redet für sie: "Mach sie wieder hübsch, okay?"

Als ich sie frage, wie das passiert ist, antwortet er: "Du sollst keine dummen Fragen stellen." - Ich frage nach: "Ich muss das aber später aufschreiben. Also?" - Er sagt: "Schreib auf, sie ist gegen einen Heizkörper gestolpert. Und jetzt mach endlich, bevor sie gleich kein Blut mehr im Körper hat."

"Ich habe doch sie gefragt, oder?" - "Ich will nur helfen. Sie versteht kein Deutsch."

Die Frau hat frische Würgespuren am Hals und diverse blaue Flecke an den Unterarmen. "Das muss ich nähen, sonst hört die Blutung nicht auf. Das sind aber die falschen Fäden." - Ich öffne drei Schubladen und schließe sie wieder. "Weißt du, ob wir drüben noch Fäden für das Gesicht haben? Die müssen ganz fein sein, diese hier sind zu grob. Da bleibt dann eine Narbe, und das wollen wir ja nicht." - Der Pfleger, der die Sachen schon richtig herausgesucht hatte, guckt mich natürlich völlig verdattert an. "Ich gucke selbst eben nach", füge ich hinzu, bevor er was sagen kann. Dann schließt er seinen Mund und schluckt.

Ich rolle nach draußen, schnurstraks zu dem Sicherheitsmenschen. "Können Sie bitte sofort die Polizei rufen? Ich habe eine Patientin, die offensichtlich körperlicher Gewalt ausgesetzt war und in Begleitung eines Typens ist, der sich sehr aggressiv benimmt."

Ich komme mit einigen Utensilien aus dem Nachbarraum wieder. Die Begleitperson wird hoffentlich nicht merken, dass es im Prinzip die gleichen sind, wie ich sie eben schon in der Hand hatte. Und die Pflegekraft wird hoffentlich auch nichts sagen.

Sie sagt nichts, sondern hat alles bereits hübsch mit Tüchern abgedeckt. Kurz darauf kommt meine Chefin rein. Frisch vom Sofa. "Na, Frau Kollegin, kommen Sie klar?", fragt sie mich. Ich nicke. Sie kommt näher und sagt: "Ich schau mal mit drauf." - "Gerne."

Der Mann sagt: "Bleibt da jetzt ein Faden drin?" - "Ja." - "Kann man das nicht kleben? So fürchten sich ihre Kinder ja, wenn sie nach Hause kommt." - "Das werden die Kinder schon verstehen."

Dann klopft jemand und öffnet im selben Moment die Tür. Zwei Polizisten, eine Polizistin, alle in Uniform. Der Begleiter sagt: "Das glaub ich jetzt wohl nicht." - "Sie kommen bitte erstmal mit auf den Flur", sagt der eine Polizist. Der Mann spricht etwas in einer fremden Sprache zu der Frau. Unser russischer Krankenpfleger übersetzt kurz darauf: "Du weißt, was sie hören wollen."

Später kommen noch diverse weitere Menschen in zivil, reden mit ihm, reden mit ihr, lassen sich die Unterarme zeigen, kontrollieren alle möglichen Papiere. Ich sehe das immer nur mal zwischen zwei Patienten. Dann muss sie mit der Streifenwagenbesatzung mit, er bekommt Handschellen angelegt und muss mit den nicht-uniformierten Menschen mit. Was genau los ist, erfahre ich nicht.

Und dann sagt meine Chefin, nicht die nette Oberärztin, sondern eine andere Kollegin, dass ich hier besser nicht die Polizei geholt hätte. Ich würde so riskieren, dass die Patientin nicht mehr wiederkommt. Sie will nämlich keinen Kontakt zur Polizei. Und entsprechend verliert sie einen als sicher geglaubten Ort, an dem ihre Verletzungen versorgt werden.

Ich weiß, dass es besser wäre, zu nicken, aber ich höre mich reden: "Das ist doch nicht Ihr Ernst?! Ich lasse mich doch hier von solchen Leuten nicht in deren kriminellen Sumpf ziehen! Die Frau war doch nicht freiwillig hier, das heißt, sie ist immer drauf angewiesen, dass ihr Zuhälter sie irgendwo hinbringt, nachdem er sie gegen die Heizung geschleudert hat. Somit kommt sie auch nicht freiwillig hierher. Oder wenn, dann weiß sie jetzt, dass sie hier Hilfe bekommt. Die Streifenpolizei wird doch zum selben Ergebnis gekommen sein wie ich, sonst hätten sie doch die Kripo nicht nachgeordert und ihn am Ende auch nicht mitgenommen."

"Sie wissen nicht mal, ob das ihr Zuhälter ist und ob er sie gegen die Heizung geworfen hat. Und sollte es so sein: Was machen Sie, wenn ihn nachher sein Rechtsanwalt wieder raus holt, er hierher kommt und seine Knarre auspackt?" - "Beten. Aber ich lasse mich trotzdem nicht einschüchtern von solchen Typen. Wenn unser Staat die Frauen nicht beschützen kann und solche Leute frei herumlaufen lässt, dann ist das schlimm. Aber ich möchte für die Frau alles getan haben, was in meiner Macht steht und ich halte es für meine Pflicht, die zuständigen Stellen zu informieren. Und ich glaube daran, dass die auch Wege finden, um der Frau zu helfen." - "Das ist auch Ihre Pflicht. Aber dennoch bringt es nichts, außer dass Sie sich in Gefahr begeben. Sich und andere Leute, für die Sie Verantwortung haben."

Es hat keinen Zweck. Vielleicht brauche ich erstmal dreißig Dienstjahre, um so gleichgültig oder so erfahren und weise zu werden. Oder ich muss erst einmal erschossen werden. Wer schreibt dann meinen Blog weiter?

Samstag, 16. September 2017

Fahrdienst und andere Katastrophen

Weiblich, 21 Jahre alt, wartet laut Computer seit zwei Stunden und 38 Minuten mit akuten Rückenschmerzen. Es ist kurz nach zwölf Uhr nachts. Verpflichtend ist der Nachtdienst im Praktischen Jahr zwar bei uns nicht, aber wehren kann man sich trotzdem kaum dagegen. Es gibt da so Erwartungen.

Ich bin alleine in der chirurgischen Aufnahme. Natürlich sind Pflegekräfte da, und ein Sicherheitsmensch döst in einem Sozialraum vor einem flimmernden Fernseher. Approbierte Mediziner? Gerade Fehlanzeige. Alles, was Dienst hat, steht im OP. Versucht sich an einer älteren Dame, die kopfüber aus dem Fenster gestürzt ist und am Ende doch noch verstirbt. Und an einem Patienten, dem vor einigen Stunden ein Teil der Leber entfernt worden war, und bei dem es jetzt zu Blutungskomplikationen kommt. Für mich gibt es hin und wieder mal Nachschub, meistens völlig betrunken, meistens mit kleineren Schnitt- oder Platzwunden. Die wirklich ernsten Dinge werden in der Regel vorher über die Leitstelle des Rettungsdienstes angemeldet.

Notfalls müsste ich die Oberärztin wecken lassen. Die hat aber schon eine lange Schicht hinter sich und entsprechend nur noch Notfallbereitschaft. Von mir wird erwartet, dass ich alles, was nicht wirklich lebensbedrohlich ist, geräuschlos und zügig abarbeite. Und vor allem korrekt. Unter Anleitung zu arbeiten bedeutet im letzten Semester eben nicht mehr, dass mir ständig jemand auf die Finger schaut. Mit den meisten Dingen bin ich mir schon irgendwie sicher. Es gab Zeiten, da hätte ich das nicht für möglich gehalten. Weil gefühlt nichts richtig war von dem, was ich tat.

Die Dame, die mit akuten Rückenschmerzen nachts in eine Notaufnahme kommt, sitzt im Rollstuhl. Eine angeborene Querschnittlähmung. Die Patientin ist stark übergewichtig, ein BMI von über 50. Die Mutter, die dabei ist, setzt sich auf den derzeit nicht genutzten Drehstuhl im Untersuchungsraum und fängt sofort zu reden an: "Das ist ja klasse, dass wir hier auf eine Rollstuhlfahrerin treffen. Sie haben bestimmt mehr Verständnis für die Probleme, die man als behinderter Mensch so hat. Mehr Verständnis als mancher nicht behinderter Mensch."

Ich stelle mich vor und frage die Patientin: "Was führt Sie hierher?" - "Meine Mutter. Hahaha."

Okay. Ich lächel einmal müde und versuche es noch einmal: "Okay. Und warum sind Sie hierher gekommen?" - Wenn sie jetzt sagt, weil ich sie aufgerufen habe, schreibe ich ihr eine Überweisung für den Krankenhauskindergarten.

Die Mutter sagt: "Meine Mischell soll ja studieren. Politikwissenschaften, wissen Sie? Und der Fahrdienst, der sie von zu Hause zur Uni bringen soll, den müsste der Landkreis bezahlen. Tut er aber nicht. Und da ..."

"Entschuldigung, aber warum sind Sie heute in die Notaufnahme gekommen? Welches akute Problem haben Sie?"

"Das Studium sollte diese Woche losgehen. Aber Mischell kann nicht teilnehmen, weil der Landkreis den Fahrdienst nicht bezahlt. Wir brauchen jetzt dringend ein Attest, dass sie einen Fahrdienst braucht." - "Um halb eins in der Nacht? Aus einer Notaufnahme?" - "Ja, der Hausarzt hat schon was geschrieben und beim Orthopäden kriegen wir so schnell keinen Termin." - "Ich frage noch einmal: Haben Sie akut irgendwelche Beschwerden?" - "Das ist sehr wichtig mit der Bescheinigung, Mischell verpasst ja Inhalte ..." - "Ich rede mit Mischell. Einzig und allein mit Mischell."

Mischell sagt: "Es stimmt, was meine Mutter sagt." - Und die fährt fort: "Und später ist sie völlig außen vor, weil alle anderen sich schon angefreundet haben und sie hat es sowieso immer so schwer wegen ihrer Behinderung. Wir haben es schon immer schwer."

"Ich verstehe, dass Sie da Probleme haben. Aber die können wir hier nicht mitten in der Nacht in einer Notaufnahme lösen. Wir sind für medizinische Notfälle hier. Sie müssten mit ihrem Hausarzt nochmal sprechen und vielleicht eine Beratungsstelle aufsuchen oder einen Rechtsanwalt einschalten. Zu Tages- und Geschäftszeiten." - "Unser Rechtsanwalt hat zuletzt vor 14 Tagen was geschrieben und tut jetzt wieder gar nichts." - "Ich kann Ihnen dabei nicht helfen." - "Und ich dachte, Sie verstehen das Problem als Rollstuhlfahrerin. Ich bin enttäuscht. Ich möchte Ihren Chef sprechen." - "Mein Chef kann Ihnen da auch nicht helfen. Sie gehen jetzt nach Hause." - "Ich will Ihren Chef sprechen. Wir gehen hier nicht eher raus, als bis ich den Chef gesprochen habe." - "Jetzt ist Schluss. Gute Nacht!"

Ich rolle ins Dienstzimmer, um den Unsinn zu dokumentieren. Muss ich ja machen. Normalerweise würde ich das gleich in dem Untersuchungsraum machen, aber dann würden die Damen daneben stehen und mich weiter zutexten. Kurz darauf höre ich ein Klirren. Die Mutter hat im Flur ein Bild von der Wand gerissen und auf die Erde fallen lassen. Absichtlich. Der Mensch vom Sicherheitsdienst steht schon in seiner Zimmertür. Eine männliche Pflegekraft steht auf und sagt: "Hausverbot, raus. Ihre Daten haben wir, Rechnung kommt."

Im selben Moment klingelt das Telefon. Mit einem Rettungswagen wird aus einer Reha-Klinik eine 38 Jahre alte Frau mit chronischer Dickdarm-Entzündung verlegt, akuter Verdacht auf eine Darm-Perforation. Also irgendwas ist undicht und Darm-Inhalt läuft in den Bauchraum. Das ist ein echter Notfall, der sofort operiert werden muss. Der Pflegekollege holt bereits die Oberärztin aus dem Schlaf. Kurz darauf geht schon die Tür auf und ein aufgeregtes Sanitäterteam brüllt mehrfach "Schockraum!" durch den Gang, während es die Patientin, ja, jene mit Darm-Perforation, hineinschiebt.

Die Patientin sei beim Ausladen aus dem Rettungswagen plötzlich ohnmächtig geworden. Ich kommentiere das bewusst nicht. Die Oberärztin trabt mit mir auf derselben Höhe über den Gang. Während ich eben beim Tippen des Mischell-Irrsinns fünf Mal gähnen musste, bin ich jetzt schlagartig wieder hellwach. Ich rechne damit, dass ich einen zweiten Venenzugang legen soll. Jedoch hat die Frau noch überhaupt keinen Zugang. Aber wenigstens ein EKG ist dran. Puls 135. Nicht gut.

"Dein Job", sagt die Oberärztin zu mir. Zwei Sekunden später höre ich mein Adrenalin in den Ohren rauschen und fühle, wie meine Wangen zu glühen beginnen. Ich brauche drei lange Sekunden, bis ich einen klaren Gedanken fassen kann. Meine Hände werden schweißnass. Bis eben war ich immer auf alles vorbereitet, was ich tun sollte. Bis jetzt war immer alles nach Plan, alles besprochen und ausdiskutiert. Jetzt wollte man von mir sofort die richtigen Entscheidungen. Im Praktischen Jahr. Hallelujah.

Sauerstoffsättigung bei 85%. Keine Zeit für die Fragen, wieso die Sanitäter keinen Notarzt nach-alarmiert haben und wo der Anästhesist bleibt. Ich habe sie jetzt an der Backe. Sie braucht dringend mehr Sauerstoff im Blut, ihr Atemweg muss gesichert werden und es besteht ein hohes Risiko, dass ihr Magen nicht leer ist (und sei es durch zurück gelaufenen Inhalt des an der Perforationsstelle geschwollenen Darms) und damit die Soße in Kürze durch die Speiseröhre nach oben und so auch gleich in die Lunge fließt. Meine Oberärztin legt bereits einen Venenzugang.

Ohne dass ich nachdenken muss, ist mir der Weg schlagartig klar. Ich soll laut sagen, was wir machen und klare Anweisungen an das Team geben. Meine Oberärztin würde mich schon korrigieren, wenn es falsch läuft. Sie korrigiert mich nicht. Ich werde von Minute zu Minute ruhiger. Die Magensonde durch den Mund liegt im ersten Anlauf richtig und fördert fast einen halben Liter dunkelbraunen Brei nach oben. Das Gewicht der Patientin schätze richtig mit 55 Kilogramm und dosiere die Narkosemedikamente auf Anhieb richtig. Mir fällt auch sofort der saure pH-Wert des Blutes auf. Ich entscheide mich auch korrekt für eine schnelle Intubation und lege und blocke den Tubus, also den Luftröhrenschlauch, beim ersten Versuch richtig. Mit dem Beatmungsgerät gibt es dann zwar technische Probleme, so dass ich für etwa eine halbe Minute mit einem Beutel beatmen muss, bevor die Pflegekraft den Fehler findet, den ich aber nicht zu vertreten hatte.

Am Ende kann ich die Patientin stabil in den OP übergeben. Als sie rausgeschoben wird, merke ich zum ersten Mal, dass mein Hemd völlig durchnässt ist. Schweiß rinnt mir über das Gesicht und über die Brust. Ein älterer Krankenpfleger, kurz vor der Rente, mit Glatze und unverwechselbarem Geruch nach dem Deo einer großen Hamburger Körperpflegemarke, klopft mir auf die Schulter und sagt: "Das war gut. Wirklich." - Ein anderer daneben steigt auch noch ein und sagt: "Ja, im Ernst. Ich bin auch beeindruckt."

Ich bedanke mich artig, rolle zum Klo und fange erstmal das Heulen an. Was für ein emotionaler Stress. Warum? Wofür? Irgendwelche Schläuche irgendwo reinzustecken ist eigentlich keine Kunst und man kann es Dutzende Male an Puppen üben, dann unter Anleitung und Aufsicht im OP. Wenn es gut läuft. Die Schwierigkeit besteht darin, die (zum Teil hochpotenten) Medikamente dazu so zu dosieren, dass der Patient am Leben bleibt und es ihm möglichst gut geht. Und was hier von mir erwartet wird, passt gefühlt eher in die Facharzt-Ausbildung eines Narkosearztes als in ein Praktisches Jahr.

Ursache für die ganze Aufregung war eine Komplikation mit einem zuvor angelegten künstlichen Darmausgang. Das konnte korrigiert werden, und so wie es aussieht, wird die Patientin das alles gut überstehen. Sie liegt derzeit noch auf der Intensivstation.

Um kurz vor Sechs komme ich von einer betrunkenen Person, die sich den Kopf angeschlagen hat, zurück ins Dienstzimmer und höre auf dem Flur die Oberärztin, wie sie gerade mit einer Kollegin über mich spricht. Ich bekomme nur Teile mit, aber die sind eindeutig: "Am Anfang hat sie gezittert und ist etwas zu zaghaft eingestiegen, aber dann völlig souverän und eiskalt abgearbeitet. Die war bei Uschi in der Anästhesie, das merkst du sofort." - "Toll. Nee echt, find ich klasse. Vor allem im Sitzen, das mach ihr mal nach." - "Naja sie hat das nie anders gemacht. Aber im Alltag kannst du das vergessen, da kriegt das ganze Team Rücken, weil sich alle ständig bücken müssen. Aber das ist ja vielleicht auch gar nicht ihr Ziel." - "Nö, ich glaub, sie will Pädiatrie weitermachen. Hast du sie schonmal mit Kindern gesehen? Ich hatte neulich so einen kleinen Knirps hier, der fuhr gleich voll auf sie ab. Ich dachte erst wegen des Rollstuhls, aber nee." - "Sie ist aber auch eine andere Generation, das darfst du nicht vergessen. Wenn ich einen Knirps mit High-Five begrüße, zeigt er mir doch einen Vogel." - "Ja, aber wir hatten auch schon PJ-ler hier, die Kinder grundsätzlich zum Heulen gebracht haben."

Okay. Bevor ich eitel werde, zeige ich mich und rolle um die Ecke. "Guten Morgen!", grüße ich die neu hinzugekommene Kollegin. Die ich sehr nett finde. Die bisher immer sehr freundlich zu mir war und - anders als viele andere - auch immer gerne mal Kleinigkeiten über sich und ihre Tochter erzählt, mit der sie alleine zusammen lebt. "Guten Morgen, wir lästern gerade über dich." - "Das hab ich mir schon gedacht."

Freitag, 15. September 2017

Basta

Tatsächlich habe ich schon die fünfte Million voll. Sogar schon die halbe sechste, wenn man genau sein möchte. Seitenaufrufe. Wobei die Aufrufe vom selben PC innerhalb von 30 Minuten nur einmal gezählt werden. Also falls sich jemand durchklickt.

Aktuell klicken regelmäßig wieder zwischen 1.750 und 2.500 Leute auf meine Seite. Täglich. Es waren auch schonmal über 5.000 pro Tag, aber das ist zwei bis fünf Jahre her. Derzeit gibt es über 950 Beiträge von mir - und fast 10.000 Kommentare meiner Leserinnen und Leser.

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt noch etwas schreibe. Aber wie ich sehe, auch anhand der vielen aufmunternden Kommentare der letzten Wochen, möchte die Mehrheit meiner Leserinnen und Leser weiter an meinem Leben teilnehmen.

Keine zwei Tage ist es übrigens her, da hat mich eine Firma gefragt, ob ich in meinem Blog nicht mal von einer Handtasche schwärmen könnte. Ich würde 30 Euro dafür bekommen, direkt überwiesen. Ich habe laut gelacht. Einmal kurz. Hat hier jemand schonmal Werbung gesehen? Oder glaubt mir jemand, dass ich eine Handtasche trage? Als Rollstuhlfahrerin?

Ich möchte es mal so sagen: Würde ich Werbung in meinem Blog machen und hätte ich Lust, mit meinem Blog Geld zu verdienen, dann kämen wir so ab 1.000 Euro ins Gespräch. Drunter liefe nichts. Da ich aber keine Werbung mache, sondern allenfalls mal von meinen persönlichen Erfahrungen berichte, wenn ich glaube, dass ich über etwas berichten möchte, würde ich selbst bei 10.000 Euro nicht anbeißen.

Und auch das Angebot, eine Nacht mit meinem Partner in einem Hotel abzusteigen und bei einem positiven Blogeintrag die Rechnung nicht zahlen zu müssen, mag zwar verlockend sein, aber das Hotel hatte nicht einmal eine Suite mit eigenem Whirlpool. Im Ernst: Es bleibt dabei. Ich bestimme, worüber ich schreibe. Basta.

Donnerstag, 14. September 2017

Roter Teppich

Es ist 22.00 Uhr, endlich Feierabend. Ich will nur noch nach Hause. Ich muss ein Stück mit dem Bus, dann mit der S-Bahn, dann wieder mit dem Bus fahren. Wenn alles klappt, bin ich in 40 Minuten zu Hause. Ich mag nach einem anstrengenden Dienst nicht mehr mit dem Auto fahren. Aus Angst, während der Fahrt einzupennen. Das wäre im Bus oder in der S-Bahn nicht so schlimm.

Vor der Fahrt nochmal zum Klo, dann müsste meine neurogene Blase eigentlich die 40 Minuten locker überstehen. Auch zwei Stunden sollte sie eigentlich schaffen. Mein Problem: Wenn es dann doch mal dringend werden sollte, gibt es nur ein ekliges Bahnhofsklo, das ich auch unter Einsatz meiner stets im Rucksack mitgeführten Hygienetücher und Einmalhandschuhe nicht immer anfassen möchte. Und ohne anfassen geht halt nicht, wenn man nicht stehen kann. Es ist immer so eine Gratwanderung. Meistens bin ich vorsichtig und präpariere mich dennoch mit einer Einmalpampers. Um zu einhundert Prozent auf der sicheren Seite zu sein.

Der erste Bus fährt mir direkt vor der Nase weg. Bis zur S-Bahn sind es rollend etwa 20 Minuten, der nächste Bus kommt in einer halben Stunde - also rollen. Es ist kalt. Zum Glück regnet es nicht mehr. Auf die letzte Minute erreiche ich die S-Bahn. Mit mir im Waggon ist eine Partygruppe, jeder einzelne ist völlig besoffen. Man hat eine Bluetooth-XXL-Bassbox dabei und hört Dubstep in voller Laustärke. Da es in der S-Bahn nur an bestimmten Stellen Rollstuhlstellplätze gibt, kann ich nicht weg. Wüsste man nicht, dass es Musik sein soll, könnte man denken, irgendwo stünde jemand in der Ecke und testet Baumaschinen auf Herz und Nieren.

Zum Glück steigt der Haufen nicht mit mir aus. Ich muss mit dem Aufzug nach oben, dann über eine Brücke, und drüben mit dem Aufzug wieder nach unten. Beide Aufzüge funktionieren, allerdings hat es eine Gruppe Fahrradfahrer so eilig, dass ich fünf Mal warten muss. Dann drängelt sich noch grinsend eine Frau vor, die ich frage, ob sie sich hinten anstellen kann, die aber nix verstehen. Nochmal warten. Als ich endlich an der Bushaltestelle ankomme, regnet es. Der Bus fährt mir vor direkt vor der Nase weg.

Der nächste Bus kommt in 30 Minuten. Fünf Kilometer rolle ich nicht über Stock, Stein, bergauf, bergab, durch Straßen, die teilweise keinen Gehweg haben. Bei Regen im Dunkeln. Also warten. Der zweite Bus, es ist inzwischen 23.15 Uhr, hält so weit weg vom Gehweg, dass ich nicht hinein komme, ohne dass jemand die Rampe ausklappt. Dafür kommen aber vier Frauen mit ihren Kinderwagen hinein. Alle vier sind nach mir mit der S-Bahn angekommen. Ich rolle nach vorne zum Fahrer. "Nein, ich kann Sie nicht mitnehmen, da stehen bereits vier Kinderwagen. Das sehen Sie aber auch selbst." - Bevor ich was erwidern kann, ist die Tür zu und der Bus fährt los.

Wieso sind die Kinder um diese Zeit noch nicht im Bett? Ich bin genervt. Es regnet, es ist windig. Ich bin müde, muss aufs Klo, friere. Der nächste Bus kommt. Ein Elektrorollstuhl mit einer jüngeren Dame steht drin. Platz genug für einen zweiten Rollstuhl wäre vorhanden. Aber die Tür hinten geht nicht auf. Ich rolle nach vorne. "Tut mir leid, aber ich kann nur einen Rollstuhl mitnehmen. Der Platz ist schon belegt." - Ich will Luft holen, aber der Fahrer drückt bereits auf den Knopf - zack, Türen zu.

Okay. Der letzte Bus käme in 42 Minuten. Nehme ich mir ein Taxi? Ja. Ich habe die Faxen dicke. Ich fahre zum Taxistand. Kein Taxi vor Ort. Ich rufe die Hotline an und bitte um einen Kombi. Was kommt? Eine E-Klasse-Limousine. Keine Ahnung, warum er den Auftrag annimmt, wenn er kein Kombi ist. Aber er erklärt es mir: "Von einem Kombi wurde nichts gesagt über Funk. Ich kann Sie nicht mitnehmen, Ihr Rollstuhl passt nicht in meinen Kofferraum. Rufen Sie noch einmal die Zentrale an und verlangen Sie nach einem Behindertentransport. Ich weiß aber nicht mehr, ob die jetzt noch fahren. Ich würde Ihnen jetzt einmal die Anfahrt berechnen."

"Ich habe Sie nicht bestellt. Ich habe ausdrücklich nach einem Kombi verlangt. Klären Sie das mit Ihrer Zentrale." - "Ich rufe die Polizei." - Meint er, dass die mit einem Kombi kommt? "Machen Sie das. Schönen Abend noch."

Ich rolle in eine noch geöffnete Systemgastronomiefiliale und bestelle mir einen heißen Kakao. Die einzige Chance weit und breit, noch irgendein warmes Getränk zu bekommen. Das am Ende nur lauwarm ist und nur nach Spülwasser schmeckt. Vermutlich kann man mir heute abend nichts mehr recht machen. Kaum habe ich drei Milliliter in mich hinein gekippt, spüre ich meine Blase. Gebe ich dem Klo am Busbahnhof eine Chance? Ja. Ich habe ja noch ein wenig Zeit. Ein Blick um die Ecke reicht mir: Irgendjemand hat halb ins, halb neben das Waschbecken gekotzt, das reicht mir. Zurück zum Bus, der soll in etwas über 10 Minuten kommen. Es ist gleich halb eins in der Nacht.

Vor dem Bus steht eine junge Frau im kurzen Minirock. Aber mit Mütze auf. Unten Gummistiefel. Und behaarte Beine. Ganz helle Haare. Aber ziemlich lang. Dazu lilafarbene Gummistiefel, die aussehen, als wäre sie damit im Schlamm gewesen. Sie trägt eine DIN-A2-Mappe bei sich. Ich kenne sie nicht, trotzdem grüßt sie mich: "Na?!" - Ich lächel sie an. Ich spüre, wie sich gerade meine Blase entleert. Jetzt weiß ich, warum ich mir zur Vorsicht doch noch eine Pampers angezogen hatte. Die Frau will unbedingt reden. Ich spüre auch das. Sie sagt: "Ich bin so glücklich. Ich habe ein halbes Jahr darauf hingearbeitet und heute habe ich die Auswahl gewonnen. Ich könnte die ganze Welt umarmen."

Ich gratulierte ihr. Sie erzählt mir von irgendeinem Bau-Projekt. Ich kann mich kaum noch konzentrieren. Ich bin seit über 12 Stunden pausenlos unterwegs, davon 8 Stunden durchgehend in der Notaufnahme. Irgendwann kommt der Bus. Hält mit der hinteren Tür auf meiner Höhe, macht diese aber nicht auf. Der Fahrer ist doch an mir vorbeigefahren, er hat mich doch gesehen. Warum öffnet er nicht die Tür? Ich überlege, ob ich eine Schusswaffe im Rucksack habe. Habe ich nicht. Ich setze mein freundlichstes Lächeln auf. Ich rolle nach vorne. Das Ziel ist nah wie nie. Stelle mich an die letzte Stelle derer, die alle nacheinander einsteigen und ihre Fahrkarte vorzeigen müssen.

"Nehmen Sie mich bitte mit?", frage ich. - "Ich komme gleich nach hinten." - "Das ist nicht nötig, es reicht, wenn Sie die Tür aufmachen und den Bus absenken." - "Ich komme schon und klappe die Rampe aus." - "Sie können sitzenbleiben, wenn Sie den Bus absenken." - "Nein, ich komme mit nach hinten."

Ist es so schwierig? Ich brauche keinen roten Teppich. Er öffnet hinten die Tür. Senkt den Bus aber nicht ab. Inzwischen klappt ein anderer Fahrgast die Rampe aus und wird vom Fahrer angepöbelt: "Das dürfen Sie nicht. Stellen Sie sich vor, Sie klemmen sich die Finger!" - Darf ich jetzt (bitte, bitte) ohne großes Theater nach Hause? Ich rolle die Rampe hoch, stelle mich rückwärts gegen die sogenannte Anprallfläche. Der Busfahrer klappt die Rampe ein, kommt zu mir, fasst meinen Rollstuhlrahmen neben meinem linken Knie an und rüttelt daran. "Ist der fest?", fragt er und kommt dabei so nah an mich heran, dass ich seinen Atem ins Gesicht bekomme. Ich drehe meinen Kopf zur Seite.

"Nicht anfassen", erwidere ich. Er sagt: "Ich muss das kontrollieren. Vorschrift ist Vorschrift." - Mir platzt der Kragen. Irgendwann ist meine Toleranz erschöpft. "Halten Sie mal ein bißchen Abstand hier. Ich mag das nicht, wenn mir jemand so dicht auf die Pelle rückt, ja?!" - "Sie können auch gleich wieder aussteigen", ranzt er zurück. Ich sage: "Jetzt haben Sie es ja kontrolliert. Können wir jetzt losfahren?" - "Wann wir losfahren, bestimme immer noch ich. Und nur ich. Haben Sie das verstanden?"

Um kurz nach ein Uhr bin ich endlich zu Hause. Will (muss) duschen. Es kommt nur kaltes Wasser. Ich suche nach einem Beißholz. Vergeblich. Es ist keins da.

Montag, 11. September 2017

Schlechte Welt

Ach, wie schlecht ist die Welt doch geworden. Sagt mein Nachbar, während er mit mir im Aufzug steht. In dem großen 30-Parteien-Mietshaus in meinem Studienort, in dem ich zurzeit wohne. Ich kenne seinen Namen nicht. Aber ich sehe, dass er Alkoholiker ist. Ich schätze sein Lebensalter auf 70 bis 75 Jahre, das Alter seiner Klamotten auf 30 bis 40 Jahre. Eine Strickjacke, deren Reißverschluss nur noch zu einem Drittel mit dem Rest der Jacke verbunden ist. Eine Jogginghose, dessen Polyester-Bestandteile sich zu einem Drittel bereits verflüchtigt haben. Er weiß nicht, was ich studiere, und zeigt mir trotzdem seine Stauungsdermatitis. Möchte wissen, ob ich ihm dagegen Creme aus der Apotheke holen könne. "Irgendwas gegen juckende Haut."

An ihm haftet ein Geruch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Er scheint es aber selbst nicht zu merken. Er habe Probleme mit seinem Radio. Früher habe es noch einen Hifi-Laden in der Nähe gegeben, inzwischen müsse man entweder online bestellen, womit er sich nicht auskenne, oder im Supermarkt einkaufen, womit er sich zwar auskenne, was ihn aber in den Wahnsinn treibe. Die dortigen Radios für 10 Euro hielten immer nur ein Jahr. Nun wäre es ja kein Ding, irgendwas für ihn in seinem Namen im Netz zu bestellen. Er müsste ja nur überweisen und die Ware annehmen. Aber daran scheitert es bereits: Zum Überweisen müsse er zur Bank, da er kein Onlinebanking habe und die Formulare nicht mehr klar sehen könne, und der Paketbote komme meistens um die Mittagszeit - und da liege er noch im Bett. Außerdem habe die Bankfiliale in der Nähe geschlossen und der Weg zur nächsten Filiale sei zu weit.

Und dann seufzt er nochmal, thematisiert erneut die schlechte Welt und seine Exfrau, die noch nach 20 Jahren Scheidung ständig neue Unterhaltsforderungen stelle. So viel Geld solle er zahlen, dass er sich nicht mal die Zähne sanieren lassen könne. Sagt er und lächelt mich an mit seinem Gebiss voller Baustellen. Und ich lächle zurück, wissend, dass alles andere sowieso nichts bringen würde. Und dann öffnet sich endlich die Aufzugstür.

Letzte Woche nun wird ein Mann in die chirurgische Aufnahme gebracht. 71 Jahre alt, habe selbst den Rettungsdienst gerufen, weil er über eine Telefonschnur gestolpert, auf dem Bauch gelandet und anschließend über 16 Stunden lang nicht wieder hochgekommen sei. Alles tue ihm weh, er sei völlig erschöpft und zittrig. Eingekotet hatte er auch. Bierschiss. Auf den Kopf sei er nicht gefallen, sondern er habe das Gleichgewicht verloren, sich an der Türzarge abgestützt und sei dann langsam an ihr heruntergerutscht, weil ihn die Kräfte verlassen hätten. Direkt nach dem Stolpern. Oder so ähnlich.

Der Rettungsdienst habe die Polizei verständigt, um die Tür öffnen zu können. Die Wohnung sei völlig vermüllt gewesen, wohl keine verdorbenen Lebensmittel, dafür aber hunderte leere Wodkaflaschen und geschätzt zwei Containerladungen Verpackungsmüll, Altpapier und Lumpen. Als er mich sieht, sehe ich das Entsetzen in seinen Augen. Ich habe kein Problem damit, dass er nun weiß, wo ich arbeite. Aber ich glaube, er hat ein großes Problem damit, dass ich nun weiß, mit wem ich da unter einem Dach lebe. Obwohl ich das schon geahnt hatte. Sein Problem ist wohl, dass er sich seine Welt so baut wie es für ihn am günstigsten ist. Keine Verantwortung übernehmen, immer sind die anderen Schuld, immer gibt es eine Begründung, warum etwas nicht geht oder so übel sein muss. Und wenn die Begründung über 24 Ecken konstruiert und gesponnen werden muss. Diese Konfrontation hat ihm sichtbar die Sprache verschlagen.

Ich habe ihm gesagt, dass heute der Tag ist, an dem er entscheidet, dass es nicht so weitergeht wie bisher. Weil, wenn er es nicht entscheidet, hat die Polizei bereits den Sozialpsychiatrischen Dienst eingeschaltet. Ich könnte einen Vermerk machen, dass er seine Situation erkannt habe und sich freiwillig in Behandlung begebe. Wo man auch seine juckenden Beine in den Griff bekäme. Dagegen helfe nämlich keine Creme. Wenn er noch ein wenig Stolz habe, dann würde er sich jetzt Hilfe holen und heute ein neues Leben anfangen. In dem er dann auch wieder ernst genommen wird. In dem er nicht nur alles versäuft und verschläft. Auch wenn er nicht mehr gut laufen könne, könne er doch nach wie vor gut mobil sein. Und er könne sich auch Hilfe holen für den Haushalt. Warmes Mittagessen, was auch immer.

"Meinen Sie wirklich, ich habe noch eine Chance?", fragte er mich.

"Heute ja. Die letzte. Die letzte Chance, das noch selbst zu moderieren, bevor irgendeine Behörde sich in Ihr Leben einmischt. Es kann nur besser werden."

Wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt. Ich habe mich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Am Ende gab es aber dennoch Lob von der Chefin. Er ist jetzt seit fünf Tagen auf einer Entzugsstation. Ich wünsche ihm die Kraft, dass er das durchhält.

Und heute spricht mich doch glatt ein Nachbar an, im Haus werde gemunkelt, ich hätte die Behörden informiert, um meinen Nachbarn zwangsweise in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Nur weil es im Treppenhaus riecht. Wie heißt es doch gleich unter Ärzten? Lasse reden?

Dienstag, 5. September 2017

Käsekuchen

Gegenüber der Klinik, in der ich zur Zeit mein Praktisches Jahr mache, gibt es einen Bäcker, der halbwegs essbare Brötchen verkauft. Und Semmeln, Wecken, Rundstücke, Schrippen und Bömmeln. Er gehört zu einer Franchise-Kette. Ich nehme mir zum Frühdienst immer zwei Brötchen mit, damit ich in den acht Stunden irgendwas zwischen die Zähne bekomme. Am liebsten halt ein Bestimmtes mit Körnern, das in dieser Kette auch einen eindeutigen Namen hat und pro Stück 65 Cent kostet.

Vor einigen Wochen hat der Franchisenehmer gewechselt. Eine ältere Frau, die vorher die Filiale geleitet hat, ist in Rente gegangen, nun ist ein Mann, geschätzt Mitte 50, dort im Laden. Als ich an seinem ersten Arbeitstag in die Filiale kam, stellte er sich mir vor. Erzählte mir, dass er vor zwölf Jahren aus der Türkei gekommen sei. Dass er fleißig sei und viel arbeiten wolle. Das mag freundlich sein, aber vor meinem Frühdienst habe ich die Angewohnheit, meine verbale Kommunikation auf das Nötigste zu beschränken, so dass es meinerseits bei den üblichen Floskeln blieb.

Später auf der Station habe ich dann gemerkt, dass er mir ganz andere Brötchen in die Tüte gepackt hat. Ich konnte das aufgrund meiner sitzenden Position halt schlecht sehen, so dass es mir vor Ort nicht aufgefallen ist. Vielleicht war er am ersten Tag etwas durcheinander oder aufgeregt, kann ja passieren. Am nächsten Morgen bat ich erneut um meine Körnerbrötchen und schaute dieses Mal gleich in die Tüte. Wieder andere ohne Körner drin. "Entschuldigung, das sind doch aber nicht die Körnerbrötchen, die ich haben wollte." - "Nein, das sind andere, die, die Sie haben wollten, sind jetzt 20 Cent teurer. Für 65 Cent bekommen Sie nur noch diese." - "Aber Sie können mir doch nicht einfach andere Brötchen, die ich gar nicht bestellt habe, mitgeben. Bitte tauschen Sie das. Dann zahle ich halt 40 Cent mehr." - "Sie haben diese jetzt aber schon in der Hand gehabt, das sind Lebensmittel, die kann ich nicht zurücknehmen. Außerdem habe ich die anderen heute nicht mehr da."

Vor meinem Frühdienst ist eine Sorte schon aus? Egal. Ich dachte mir, er müsste ja nun mitbekommen haben, dass ich unzufrieden bin. Am nächsten Morgen: "Ich hätte gerne zwei Körnerbrötchen, aber dieses Mal bitte nur die." - "Ich gebe Ihnen diese, die kosten sonst 90 Cent, zum Preis von 85." - "Ich möchte keine anderen Brötchen. Haben Sie die Körnerbrötchen wieder nicht da?" - "Doch, aber glauben Sie mir, Sie werden diese mögen." - "Ich möchte die nicht. Ich möchte nur meine zwei Körnerbrötchen." - "Bekommen Sie. Und ich gebe Ihnen das Dritte dazu, geschenkt. Probieren Sie es."

Ich esse keine drei Brötchen. Egal. Nervig. Einige Tage später hatte ich wieder Frühdienst, will meine zwei Brötchen holen. Er begrüßt mich: "Meine Freundin! Hast du den Käsekuchen bekommen?" - "Was für einen Käsekuchen?" - "Den du bestellt hast!" - "Ich habe keinen Käsekuchen bestellt und auch keinen bekommen." - "Meine Kollegin sagte mir, du hättest ihn abgeholt." - "Da müssen Sie was verwechseln. Ich habe nichts mit Ihrem Kuchen zu tun." - "Nein, ich verwechsel dich nicht. So viele Leute sitzen ja auch nicht im Rollstuhl."

Auweia. Ich bat um meine zwei Brötchen. Er packte wieder einfach andere in die Tüte. Diesmal sah ich das sofort. "Nee, das ist mir hier zu viel Zirkus, da bin ich raus. Schönen Tag noch."

Kaufe ich künftig meine Brötchen halt woanders. Sind zwar fünf Minuten Umweg, aber auf sowas habe ich keinen Bock. Gestern saß ich am Tisch, bestrich mein Brötchen, und sah, dass eine Kollegin ihre Brötchen auch von dem alternativen Bäcker in der Nebenstraße geholt hatte. Ich erzählte ihr beiläufig die Story mit dem Kuchen. Sie unterbrach mich nach zwei Sätzen und sagte: "Zu dem geh ich nicht mehr. Wenn man da nicht aufpasst, hat man nebenbei einen halben Rasenmäher und zwei Dutzend Handys gekauft."

Scheinbar war ich nicht die einzige "Freundin", mit der er seine Spielchen machte. So ein Käsekuchenbasar mag ja für einige Menschen durchaus attraktiv, charmant oder lustig sein - mir geht es auf den Keks. Vor allem morgens um kurz vor Sechs.

Montag, 4. September 2017

Vollmond

Es sind die Nächte rund um den Vollmond, an denen üblicherweise die meisten skurrilen Menschen unterwegs sind. Ich beneide keine Kollegin und keinen Kollegen um seinen Nachtdienst (den ich im Moment zum Glück nicht machen muss), denn die denken im Moment jede Nacht, es ginge nicht mehr schlimmer - bevor der Nächste völlig frei dreht. Dabei muss es gar nicht der Mann im Nachthemd sein, der vom Kirchturm fällt: In der vorletzten Nacht kam einer nackt mit einem Straßenbesen in der Hand durch die Tür zur Notaufnahme, unterhielt sich zuerst mit einem Feuerlöscher, später tanzte er mit seinem Besen und redete ständig davon, dass gleich ein Zug käme, forderte die anderen Patienten auf, sich hinter eine (nicht vorhandene) weiße Linie zu stellen.

Besonders genervt bin ich derzeit von jenen Menschen (Frauen und Männer gleichermaßen), die zu jedem nichtigen Anlass versuchen, völlig Unbeteiligte in Grundsatzdiskussionen zu verwickeln. In der Chirurgie gibt es einen Mann, geschätzt 35, der regelmäßig mit irgendeinem Zipperlein dorthin kommt. Irgendwas tut immer weh. Während er im Wartebereich ist, öffnet er plötzlich irgendwelche Türen. Steht plötzlich in einem Behandlungsraum und fängt zu diskutieren an, warum er die Tür nicht öffnen und nicht einfach eintreten darf. Und wenn ihn dann jemand rausschieben will, wird er laut, niemand habe das Recht, ihn anzufassen. Er wirkt auf den ersten Blick völlig unauffällig, redet auch völlig normal, braucht aber wohl diese Aufmerksamkeit.

Vermutlich sein Bruder war Freitag mit uns im ICE. Freitag bin ich mit einer Bekannten, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, gemeinsam in Richtung Norden mit dem ICE gefahren. Auf den Rollstuhlstellplätzen (von denen es zwei im ganzen Zug gab) stand ein Mann (eben gefühlt der "Bruder") mit seinem Rollkoffer, spielte an seinem Handy. Wir wollten uns (möglichst bevor der Zug sich in Bewegung setzt und über die ganzen Weichen eiert) auf unsere festen Sitzplätze umsetzen, vorher natürlich die Rollstühle so "einparken", dass niemand drüber fällt. Drei Mal habe ich den Mann freundlich gebeten, ein Stück weiter zu gehen. Drei Mal ging er einen Schritt zur Seite, stand noch immer im Weg, spielte weiter mit seinem Handy. "Gehen Sie doch jetzt bitte mal fünf Meter weiter, damit wir uns hier umsetzen können, bevor jemand mit seinem Stuhl umkippt bei dem Gewackel", forderte ich ihn zum vierten Mal auf. Eigentlich war dazu genug Platz.

"Sie sind ganz wichtig, oder?", wollte er eine Diskussion beginnen. Ich antwortete: "Das ist doch nicht das Thema. Können Sie jetzt bitte weitergehen? Sie bringen uns in Gefahr."

"Ich lach mich kaputt. Sie brauchen ja nicht mit dem Zug zu fahren, dann sind Sie auch nicht in Gefahr." - "Würden Sie jetzt bitte mal zur Seite gehen und uns auf unsere Sitzplätze lassen?" - "Ich möchte dort entlang", sagte er und versuchte nun plötzlich, über uns hinweg zu steigen. Ich drehte mich um 45 Grad, so dass er nicht über meinen Schoß klettern konnte. Ich würde notfalls auch mit grober Gewalt verhindern, dass jemand über meine Beine steigt. "Hallo, sind Sie nicht ganz dicht?", habe ich ihn angefahren.

"Merken Sie? Sie bringen sich gerade selbst in Gefahr. Und mich auch. Ich hätte stürzen können."

Ich musste mich bereits im Rollstuhl sitzend an der Wand abstützen, um durch die Bewegungen der Bahn nicht umzukippen oder mit dem Stuhl hin und her zu rollen. Dazu kam noch mein schwerer Rucksack, der an meiner Rückenlehne hing. Üblicherweise fahren die Züge hinter größeren Bahnhöfen ja immer über etliche Weichen mit entsprechenden Schaukeleien. Ich bremste den Stuhl erstmal fest, meine Bekannte ihren ebenfalls. Beide Hände an die Wände, um sich festzuhalten. Mitten im Gang, weil wir nicht weiter kamen.

"Und jetzt will ich mal sofort dort durch", sagte der Typ und grinste mich an. Und dann: "Sehen Sie? Sie sind auch nichts Besseres als ich."

Inzwischen stand ich einigermaßen stabil, beide Hände an Fenster und Wand. Nur es kam niemand mehr hindurch, denn sobald ich eine Hand wegnahm, würde ich so instabil stehen, dass die ernsthafte Gefahr bestand, bei der nächsten Weiche mitsamt meinem Stuhl umzukippen. Wir mussten also warten, bis der Zug aus dem Bahnhofsbereich hinausgefahren war. "Sie wollen Ihre Macht demonstrieren, stimmt's?", fragte er mich. Ich guckte aus dem Fenster. Er versuchte, meine Hand mit seinem Bein wegzudrücken.

Ich nahm meine Hand weg. Würde der Zug jetzt über eine Weiche fahren und mein Stuhl umkippen, würde ich mich mit meinem ganzen Gewicht an ihm festhalten. Und ihn vermutlich mit zu Boden reißen. Aber das passierte nicht. Er zog den Rollkoffer hinter sich her. Ballerte damit gegen meinen Rollstuhl. Zerrte wie wild. Bekam ihn irgendwie an mir und danach auch an meiner Bekannten vorbei, ohne mich oder sie dabei zu verletzen - und zog glücklich von dannen. Er hatte gewonnen.