Donnerstag, 31. August 2017

Perspektivwechsel

Ich bin schon oft gefragt worden, wie ich mich mit meinem Rollstuhl fortbewege. Ich habe da mal ein Video gemacht aus einer wohl eher seltenen Perspektive. Der schwarze Balken und die eher niedrige Auflösung müssen sein, damit sich hier niemand wiedererkennt. Ich hoffe, es gefällt und vermittelt einen Eindruck. Welchen ... darf gerne kommentiert werden. Hier.

Mittwoch, 30. August 2017

Blutende Glatzen, kotzende Segler

Wie ich sehe, kommen die Anekdoten sehr gut an. Ich habe noch ein paar frische aus der chirurgischen Notaufnahme, in der ich derzeit mein zweites Drittel meines Praktischen Jahrs verrichte. Ich bin im Moment gefühlt für alles zuständig, was nicht lebensbedrohlich ist. Nicht als einzige, aber inzwischen wohl erstmal alleine. Vor jeder Diagnose, Therapie und Entlassung muss ich zumindest mit der Akte einmal zu einer approbierten Kollegin oder einem approbierten Kollegen und mir ein Okay holen - sofern ich nicht sowieso Fragen habe oder mir unsicher bin.

Übung macht die Meisterin. Hat mal jemand gesagt. Ich lerne also sehr viel. In erster Linie, dass Notaufnahmen (dieses ist eine rein chirurgische, also überwiegend Unfälle und Verletzungen) ein Sammelbecken für gesellschaftliche Randfiguren sind. Somit passt die behinderte Stinkesocke auch bestens rein!

Das fand auch ein Mensch ohne Kopfhaar, dafür mit Springerstiefeln, der aktuell seine Bomberjacke ausgezogen hatte, damit sie ihm nicht vollblutet. Der Nazi im blutgetränkten Feinripphemd hatte eine vier Zentimeter lange Schnittwunde in der linken Wangen-Gegend und jeweils einen weiteren blutenden Schnitt an der Stirn und am Rücken, war leicht alkoholisiert und nur latent aggressiv. "Ich möchte nicht von einer Behinderten angetatscht werden", posaunte er hinaus. Da nur er und ich im Raum waren und er vermutlich keine Selbstgespräche führte, war wohl ich gemeint. "Ich kann mich gerade noch beherrschen", konnte ich mir nicht verkneifen. Professionalität ging eindeutig anders, würde aber hier auch eindeutig nichts nützen.

Ein Pfleger kam dazu, ausgerechnet jemand, der aufgrund seines osteuropäischen Aussehens vermutlich der nächste sein würde, der in diesem Raum mit rechtem Geschwafel dichtgelabert wird. Ich bat ihn, als erste Amtshandlung gleich noch unseren Türsteher dazuzuholen. Falls mein Patient mit jemandem ringen möchte, ist es immer von Vorteil, wenn jemand da ist, der davon auch Ahnung hat. Als ich anfangen wollte, mich um seine Wunden zu kümmern, wiederholte er: "Ich will nicht, dass die Behinderte mich anfasst. Wer weiß, wo die überall ihre Finger hatte." - Der Pfleger antwortete: "Sind Sie nicht ganz dicht?"

Ein "siehst du doch" konnte ich mir gerade noch verkneifen, wobei sein Hirn vermutlich schon früher rausgelaufen war und nicht erst durch die frische Undichtigkeit an der Stirn. Er pöbelte weiter: "Nee, Mann, im Ernst. Weiß ich, ob die sich nicht vorhin gerade frisch ihre verkrustete Möse gekratzt hat?" - Der Pfleger wollte mir erneut beistehen, ich winkte aber ab: "Lass gut sein, der lebt in seiner eigenen Welt, zu der wir sowieso und auch glücklicherweise gar keinen Zugang haben." - Der widerliche Mensch holte Luft, wollte irgendwas sagen, ich fuhr ihm über den Mund: "Du setzt dich jetzt da hin und hältst dein Maul. Sonst ist dort die Tür - und dann ist mir scheißegal, ob du auf halbem Weg nach Hause verreckst." - Der Mensch vom Sicherheitsdienst zog sich bereits seine Lederhandschuhe über. Unter der schweißbedeckten Glatze wurde es mit zunehmendem Schwindel auch automatisch ruhiger. "Ich glaub, ich muss kotzen." - Hatte ich nicht anders erwartet.

Ich bin ja lieb, somit wird nicht mal eine Bikininaht bleiben.

Viel lustiger waren die beiden geistig behinderten Menschen, vermutlich ein Paar. Beide Mitte 40. "Ich hatte einen Bruch", sagte er. Sie streichelte ihm beruhigend über die Schulter und nahm ihn in den Arm. Er heulte fast. Ich dachte erstmal, er meint eine Hernie, also einen Leistenbruch oder sowas. "Wo ist denn der Bruch?" - "Im Klo." - "Im Klo?" - "Siehste, Schatz, ich hab dir doch gleich gesagt, bewahr das auf." - "Ja, nun ist zu spät." - "Ja, aber vielleicht kann ich ja nochmal brechen, wenn das so wichtig ist."

Apropos übergeben: Ein 14jähriges Mädel, ebenfalls mit einer leichten geistigen Behinderung, wartete zusammen mit ihrer Mama. Das Mädel hatte einen langen geflochtenen Zopf. Trug blaue Jeans und ein hübsches Top. Sie habe beim Segeln einen schwingenden Mast vor das Knie gekommen, das daraufhin blau geworden ist. Weil ich offenbar die Schiebetür zum Gang nicht komplett geschlossen hatte, sondern sie etwa 10 Zentimeter offen stand, stand das Mädchen auf und ging zur Tür, schloss sie. Ordnung muss sein. Sie humpelte nicht mal. Auf dem Weg zurück zur Untersuchungsbank erbrach sie plötzlich. Im Schwall, während sie ging. Eine minimale Menge, direkt auf den Fußboden. Sie guckte mich an, als wollte sie fragen: "Wer war das?" - Sie schien das überhaupt nicht zu verarbeiten. Und spuckte gleich noch einmal. Noch einmal eine minimale Menge, vielleicht 50 Milliliter. Sah nach Früchtetee aus. "Sie hat gestern abend auch schon gespuckt. Kann das von dem Unfall mit dem Mast kommen?" - "Der war doch erst heute, oder?" - "Ach ja, stimmt. Zeig bitte der Ärztin mal dein Knie", forderte die Mutter sie auf, während sie aus dem Spender Einmalhandtücher nehmen und die Flüssigkeit auf dem Boden aufwischen wollte. "Lassen Sie mal, das wird gleich steril gereinigt", sagte ich ihr. Das Mädchen zog sich untenrum aus, und zwar komplett.

Ich sagte ihr: "Die Unterhose kannst du anlassen." - Nun war sie aber schon ausgezogen. Das Mädchen presste beide Hände zwischen die Beine. "Musst du auf die Toilette?", fragte sie die Mutter. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Ich bat sie, sich auf die Untersuchungsbank zu setzen. Sie fing an zu hibbeln, presste sich abwechselnd die Hände zwischen die Beine. "Wir gehen lieber mal auf die Toilette", sagte die Mutter, wollte das Kind so an die Hand nehmen und mit ihr über den Flur. "Aber nicht nackt", sagte ich. Bevor ich noch was sagen konnte, flitzte die Mutter mit ihr los. Halbnackt. Zum Glück war das Behinderten-WC für Patienten direkt gegenüber. Kaum waren die beiden draußen, kam die Chefärztin rein: "Was ist denn hier los?" - "Geistige Behinderung, muss dringend pinkeln." - "Die soll hier nicht nackt über den Flur laufen." - "Hab ich auch gesagt." - "Dann bringen Sie ihr wenigstens den Schlüpfer hinterher. Und was ist das hier für eine Sauerei auf dem Boden?" - "Kotze." - "Dann machen Sie mit der Kleinen in der Acht weiter und hier wird erstmal gereinigt. Was hat sie? Schädel-Hirn-Trauma?" - "Sie hat schon gestern abend gespuckt. Der Mast hat angeblich nur ihr Knie getroffen." - "Dann arbeiten Sie das jetzt mal alleine ab. Ich guck zu. Und auf die Uhr. 10 Minuten. Zackizacki." - "Jawohl."

Endlich kommt mal Schwung in die Sache.

Dienstag, 29. August 2017

Lena

Ich habe auch das letzte Wochenende wieder mit Marie und ihrer Familie verbracht. Es war, wie immer, sehr schön. Die Sonne hatte sich angekündigt, entsprechend waren wir alle Vier über die freien Tage an der Ostsee. Maries Eltern leisten sich dort nach wie vor ein Wochenendhaus. Wir haben gegrillt, wir waren im Meer schwimmen, haben sogar eine Zeitlang am Strand gelegen - besser hätte ich mich nicht entspannen können.

Wir haben unter anderem noch einmal sehr ausführlich über meinen Blog und das Drama, das sich vor etwa zwei Jahren daraus entwickelt hat, gesprochen. Ob es nicht einfacher wäre, das Ding einfach zu löschen und nicht mehr, allenfalls privat, zu schreiben. Sicherlich wäre es das - zumindest oberflächlich und auf den ersten Blick. Insbesondere weil sich abzeichnet, dass die Verrückten, die auch schon vor zwei Jahren so viel Energie investiert haben, um mich am Bloggen zu hindern, sofort wieder und weiterhin Spaß daran finden, mich zu mobben. Aktuell wurden in meinem Namen obszöne Nachrichten verschickt.

Aber ich möchte mir meine Entscheidungen und vor allem meine Freiheiten nicht diktieren lassen, schon gar nicht von ein paar durchgeknallten Neurotikern. Auch wenn ihre Aktionen in der Vergangenheit geeignet waren, mich für eine Zeitlang völlig orientierungslos zu machen. Soll heißen, dass ich selbst die Freundschaft zu Marie und ihren Eltern, die mich aufgenommen haben wie eine Schwester beziehungsweise eine Tochter, nicht mehr klar einordnen konnte. Zu viele Menschen aus meinem direkten Umfeld, von denen ich das nie erwartet hätte, haben sich indirekt am Mobbing beteiligt. Zum Beispiel, indem sie einfach blind sensible Informationen durchgesteckt haben oder einzelne Aktionen geduldet haben, statt sich deutlich zu positionieren. Inzwischen weiß ich aber wieder, wem ich vertrauen kann - und wer mich verarscht hat. Manche Erfahrungen sind bitter, aber wohl nötig.

Manche Erfahrungen nützen aber auch. Ich weiß, dass einige Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit öfter Opfer von Mobbing werden. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass es in der Klinik, in der ich im letzten Jahr den letzten Teil meiner Famulatur abgeleistet habe, zu einem weiteren Vorfall gekommen ist. Eine Kommilitonin, die noch nicht so lange studierte, sah ich während einer ihrer praktischen Arbeiten einmal pro Woche auf "meiner" Station. Sie hat mich regelmäßig um Hilfe beim Lernen gebeten und ich habe mich auch ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie wurde dann aber anstrengend, insbesondere hatte ich den Eindruck, sie hätte kaum andere Kontakte. Sie wurde mehr und mehr distanzlos - in jeder Hinsicht. Irgendwann erzählte sie mir von ihren psychischen Problemen, die nach dem Verlust ihrer Mutter aufgetreten seien. Ich habe mehrmals ganz deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie zu sehr an mir klammert. Sie brachte mich irgendwann in die Situation, für jede Entscheidung, weniger bis kaum noch Zeit noch mit ihr zu verbringen, eine Rechtfertigung zu verlangen. Keine Erklärung, die hatte sie ehrlich bekommen. Sondern sie konnte das nicht akzeptieren. Gleichzeitig war sie eifersüchtig auf eine andere Famulantin, die überhaupt nicht an mir klammerte, die es daher aber auch nicht nötig machte, sie auf Distanz zu halten.

Eines Tages zog mich diese andere Famulantin plötzlich zur Seite, sprach mich an, Lena habe sie um Rat gefragt. Müsse sie etwas tun, wenn sie den Verdacht habe, ich würde von der Station Medikamente mitgehen lassen? Alleine diese Fragestellung hatte die andere Famulantin schon dazu veranlasst, sofort Zweifel zu hegen und mich direkt darauf anzusprechen, dass Lena gegenüber ihr und mindestens zwei weiteren Mitarbeiterinnen behauptet hätte, sie hätte gesehen, dass ich mir Zugang zu einem Medikamentensafe verschafft und Diazepam (eine angstlösende Psychopille) und Tilidin (ein starkes Schmerzmittel, das euphorisiert) entwendet hätte.

Beide Substanzen lassen sich in der Partyszene vermutlich gut verticken. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr davor war ich zwar perplex, aber fit genug, um sofort zu handeln. Ich habe am nächsten Morgen den Chefarzt um ein Gespräch gebeten und mich selbst bei ihm "angezeigt". Flucht nach vorn. Ihm gesagt, dass mir die andere Famulantin erzählt hätte, Lena hätte mich dabei gesehen. Ich bestreite das natürlich, aber das machen wohl fast alle Leute, selbst wenn sie was angestellt haben. Er schickte mich bis zum Ende der Woche nach Hause, ich solle in Ruhe aufschreiben, was ich dazu sagen möchte. Und am besten mit niemandem, der beteiligt ist, sprechen.

Zwei Tage später durfte ich schon wieder zurück auf die Station, noch bevor ich mich dazu offiziell geäußert hatte. Der Chefarzt rief mich persönlich an, war kurz angebunden und meinte nur: Die Vorwürfe gegen Sie halten einer Überprüfung nicht stand. Sie dürfen morgen wiederkommen, wir freuen uns auf Sie.

Zwei Monate danach gab es dazu sogar noch einen schriftlichen Bericht. Tilidin war zwar im betroffenen Safe, aber nur als Betäubungsmittel, und das liegt ausschließlich in einem nochmal extra gesicherten Teil des Safes, für den nur die Stationsleiterin (Pflege) den Schlüssel am Körper hat. Das heißt, ich wäre gar nicht dran gekommen. Und Tilidin-Verbindungen, die nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und daher nicht besonders zu sichern sind, waren gar nicht im Safe. Außerdem stimmte das Verzeichnis mit der tatsächlichen Menge überein und die letzte Eintragung über Tilidin war Wochen her. Der Vorwurf war damit ausgeräumt.

Beim Diazepam war das nicht ganz so eindeutig. Daran hätte ich theoretisch sogar kommen können. Aber da glaubte man mir einfach. Vermutlich insbesondere, weil sich der andere Teil des Vorwurfs schon als haltlos herausgestellt hatte. Lena meldete sich über Wochen krank, als sie dann wieder erschien, sagte sie gegenüber dem Chefarzt offenbar, dass sie sich von mir zurückgestoßen gefühlt hatte und mir eins auswischen wollte. Sie hat inzwischen eine zweite Chance auf einer anderen Station bekommen. Ich bin zwei Mal auf sie zugegangen und habe ihr eine Aussprache angeboten. Sie hat das aufgrund ihrer psychischen Verfassung abgelehnt. Ich möchte das als persönlich Betroffene kaum kommentieren. Nur soviel: Ich glaube nicht, dass sie einen Abschluss schaffen wird.

Donnerstag, 24. August 2017

Keine Wahl

In meinem Geburtsjahr, also vor rund einem Vierteljahrhundert, wurde in Deutschland das so genannte "Betreuungsrecht" reformiert. Bis dahin konnten Menschen mit Behinderung entmündigt und für sie ein Vormund bestellt werden. Die betroffenen Menschen waren damit geschäftsunfähig (und folglich beispielsweise auch nicht fähig, zu heiraten).

Seit der Reform soll genauer hingeschaut werden. Die Betreuung soll als Hilfe verstanden werden. Sie ist quasi eine von einem Richter in einem Betreuungsverfahren angeordnete "Vollmacht". Der betroffene Mensch wird in seiner Geschäftsfähigkeit nicht mehr automatisch eingeschränkt. Für die Bereiche, in denen er Hilfe benötigt, ist der rechtliche Betreuer berechtigt, zusätzliche rechtswirksame Erklärungen abzugeben. Er muss dabei die Wünsche des betroffenen Menschen berücksichtigen.

Diese Bereiche müssen vom Betreuungsgericht klar umrissen werden. Am häufigsten wird dabei der Bereich des "Vermögens" als betreuungswürdig angesehen. Gefolgt von dem Bereich "Gesundheit", wo der Betreuer beispielsweise dem betroffenen Menschen helfen soll, das Für und Wider einer Operation abzuschätzen und am Ende die richtigen rechtswirksamen Erklärungen abzugeben. Als dritthäufigster Bereich gilt die Bestimmung des Aufenthaltsortes. In einigen Einzelfällen wird dem Betreuer auch vom Gericht gestattet, an den betroffenen Menschen gerichtete Briefe abzugreifen und zu öffnen - ansonsten bleibt es verboten.

Bringt eine betroffene Person sich oder ihr Vermögen in erhebliche Gefahr, kann sie auch nach dem derzeit geltenden Betreuungsrecht faktisch in ihrer Geschäftsfähigkeit eingeschränkt werden. Das Betreuungsgericht bestimmt dann einen so genannten "Einwilligungsvorbehalt", mit dem die Geschäfte der betreuten Person grundsätzlich (wie bei Jugendlichen) der Zustimmung des Betreuers bedürfen und ansonsten nichtig sind.

Soweit die Theorie. Auf die Probleme, die sich beispielsweise dabei ergeben, wenn ein Betreuer bei der Aufenthaltsbestimmung "helfen" soll, möchte ich gar nicht eingehen, das würde den Rahmen sprengen. Generell wird auch das heutige Betreuungsrecht, das vor 25 Jahren ein großer Fortschritt war, inzwischen oft kritisiert. Es erscheint nicht mehr zeitgemäß, dass jemand "paternalistisch" über die Geschäfte eines Menschen entscheiden kann, was hier faktisch möglich ist. Das deutsche Betreuungsrecht wird seitens des UN-Fachausschusses insoweit auch als mit der UN-Behindertenrechts-Konvention unvereinbar angesehen.

Ich würde diese "Unvereinbarkeit" mal als "Baustelle" für künftige Regierungen ansehen. Umso wichtiger müsste sein, dass möglichst alle davon betroffenen Menschen ihre künftige Regierung wählen dürfen. Hier liegt aber noch ein Hase im Pfeffer: Menschen, für die eine Betreuung in allen (drei) oben genannten Bereichen (Vermögen, Gesundheit, Aufenthaltsbestimmung) angeordnet ist, dürfen in Deutschland nicht wählen. Sie erhalten keine Wahlbenachrichtigung, keine Stimmkarte - nix.

Das bedeutet im Klartext: Wer eine Betreuung, die laut Gesetz ja "Unterstützung, Hilfe und Schutz" gewähren soll, in Anspruch nimmt, darf, sofern er in allen drei genannten Bereichen Hilfe braucht, nicht zur Wahl gehen.

Grundsätzlich denkt man dabei vermutlich an Menschen, die ohne äußere Impulse den ganzen Tag lang in ihrem Stuhl sitzen und brummend mit dem Oberkörper hin und her wippen würden. Oder an alte, demente Menschen, die vielleicht gar nicht wissen, wer oder geschweige denn wo sie eigentlich sind. Eine demokratische Wahl ist eine ernste Angelegenheit, die vor allem glaubwürdig sein muss. Daher halte ich es auch für folgerichtig, dass nur diejenigen ein Kreuz machen, die überhaupt begreifen, was sie dort tun. Und die in der Lage sind, sich eine eigene, freie Meinung zu bilden und sich in einem Mindestmaß mit politischen Themen auseinander zu setzen.

Schaue ich mir aber einmal an, wer beispielsweise so eine vollumfängliche Betreuung bekommt, damit er in allen Bereichen Hilfe auch rechtssicher in Anspruch nehmen kann, kommen mir ganz schnell Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Regelung. Ich glaube: Diejenigen, die mit ihrem Ausweis und ihrer Wahlbenachrichtigung am Wahltag in einem Wahllokal auftauchen und klar ein gültiges (!) Kreuz machen können, wissen auch, was sie da gerade tun.

Ob dieser Mensch nun vernünftig oder unvernünftig wählt, ist aus meiner Sicht nicht mit anderem Maßstab zu bewerten als bei Menschen, die keine Betreuung haben. Würde ich ganz rechts, ganz links, Protest oder gar nicht wählen, wäre das legitim. Und welche Motive mich dazu bewegt haben, ebenso. "Schon mein Opa hat die SPD gewählt, ich stamme aus einer Arbeiterfamilie", muss man genauso gelten lassen wie dass jemand eine Abgeordnete von den Grünen lediglich "niedlich" findet, während ein anderer was gegen "Kanacken in der Politik" hat.

Aus meiner Sicht widerspricht es der grundgesetzlich garantierten Gleichheit vor dem Gesetz und dem Benachteiligungsverbot behinderter Menschen, wenn ein Richter durch die Anordnung einer Betreuung automatisch auch über das Wahlrecht entscheidet. Wenn jemand in einer Einrichtung oder durch Nachbarschaftshilfe sehr gut versorgt wird, wird unter Umständen von der Anordnung einer Betreuung, insbesondere für den Bereich der Aufenthaltsbestimmung, abgesehen. Ähnliches gilt für demente Menschen, die zu Zeiten, als es ihnen besser ging, eine Vollmacht eingerichtet haben. Diese Menschen bekommen keine Betreuung in allen Bereichen, und sind nur aufgrund dieses willkürlichen Umstandes wahlberechtigt. Es wird nicht hinterfragt, ob sie fähig sind, sinnvoll ihre Stimme abzugeben.

Andererseits gibt es genügend Menschen mit Behinderung, die sehr wohl genau wissen, was sie wollen und auch politisch interessiert sind, aber gleichzeitig keine Angehörigen haben, die zum Beispiel sehr gut und vertrauensvoll mit ihnen besprechen könnten, ob eine medizinische Behandlung sinnvoll ist, und sie so bei eigener Entscheidungsfindung unterstützen. Stattdessen bekommen diese Menschen dann doch (auch) für diesen Bereich einen Betreuer und können in der Folge mitunter nicht mehr wählen.

Ich halte dieses Vorgehen, einem Menschen aufgrund eines von der UN kritisierten Betreuungsrechts automatisiert das Wahlrecht abzusprechen, für falsch und im Sinne einer weiteren "Baustelle" für dringend überarbeitungsbedürftig. Ich würde mich mitunter auf einen Kompromiss einlassen wollen, dass im Rahmen der Betreuungsanordnung auch geprüft wird, inwieweit derjenige das Prinzip einer Wahl begreift. Andererseits muss man aber klar sagen, dass behinderte Menschen in Deutschland in der Vergangenheit so extrem und so widerlich diskriminiert worden sind, dass sich daraus sogar eine ganz besondere Verpflichtung zur unbedingten Sensibilität ergeben müsste. Ich persönlich würde lieber ein paar Menschen mit Behinderung im Wahllokal sehen, die nur in halbwegs reflektiertem Rahmen von "ihrer" Partei überzeugt sind, als eine Horde unreflektierter Protestwähler, die Jahre auf jenen Tag gewartet haben, an dem sie endlich auch mal ihre rechte Meinung sagen dürfen.

Ganz kurios, eher schon fragwürdig, wird es, wenn man sich mal die Argumente reinzieht, mit denen 1989 im Rahmen des neuen Betreuungsrechts auch die Frage des Wahl-Ausschlusses neu geregelt wurde. Das gehört meines Erachtens nach 25 Jahren dringend neu diskutiert.

"Der Ausschluss [behinderter Menschen] vom Wahlrecht ist ein schwerwiegender Eingriff in die Rechte Betroffener. [...] Insbesondere dann, wenn Betroffene in [...] Einrichtungen wohnen, lässt sich die fehlende Übersendung der Wahlunterlagen und damit die Tatsache der [Betreuung] gegenüber den Mitbewohnern oft nicht verheimlichen."

Es wurde in Erwägung gezogen, nur diejenigen vom Wahlrecht auszuschließen, die auch nach neuem Recht nur beschränkt geschäftsfähig wären (Einwilligungsvorbehalt). Das wurde verworfen, da "auf einen Einwilligungsvorbehalt gerade in den besonders schweren Fällen einer [...] Behinderung verzichtet werden kann, weil der Rechtsverkehr die Willenserklärungen eines solchen Betroffenen ohnehin nicht akzeptiert."

Klargestellt wurde aber, dass der Ausschluss vom Wahlrecht nicht davon abhängig gemacht werden kann, dass die Betreuung auch "die Einwilligung in eine Sterilisation" oder "das Anhalten oder das Öffnen der Post" der betreuten Person umfasst, da "die Übertragung dieser Aufgabenkreise [...] nur sehr selten in Betracht kommen" würde. Mit bösen Worten: Das wären nicht genug...

Und mein persönlicher "Favorit": "Bei Körperbehinderten kommt ein Ausschluss vom Wahlrecht nur in den äußerst seltenen Fällen in Betracht." Als Beispiel wird ein vom Hals abwärts querschnittgelähmter Mensch angeführt, der "seinen Willen trotz vermutlich [!] voller geistiger Orientierung nicht kundtun" könne. Ein "Ausschluss vom Wahlrecht hätte hier keine praktische Bedeutung, da der Betroffene ohnehin an Wahlen nicht teilnehmen kann."

Ich darf und ich werde im September wählen. Ich weiß zwar eher, wen ich nicht wähle, als wen ich wählen soll, aber ich bin froh, dass meine Stimme zählt.

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(Alle Zitate aus dem Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Betreuungsgesetz vom 11.05.1989, Seite 188 f.)

Mittwoch, 23. August 2017

Vier Anekdoten

Nachdem ich in den letzten Jahren nicht nur Horrorpsychokriminalwahnsinn und anderen Shice erlebt habe, dachte ich mir, ich schreibe zuerst mal wieder ein paar Anekdoten aus meinem Alltag. Oder?

1. Rowdy mit Slipeinlage: Socke steht an einer Fußgänger-Ampel, hat schönes Wetter, wartet auf Grün. Autos quälen sich durch den Stau. Mit mir warten gefühlt 100 Menschen. Anders als gerade gestern noch in der Fahrschule gelernt, hält ein dunkelbraun gebrannter cooler Goldkettchenproll im Muskelshirt in seinem (?) aufgemotzten schwarzen Gefährt mit röhrendem Auspuff natürlich mitten auf dem Überweg, bevor die Ampel für ihn rot wird. Die Fußgänger bekommen grün und gehen los, ich rolle ebenfalls auf ihn zu. Scheinbar hat er Angst, ich könnte beim dichten Vorbeifahren eine Schramme in seine Ingolstädter Karre machen. "Bleib stehn, du Spast!", brüllt er mich aus dem offenen Fenster an. An seiner Beifahrertür klebten zwei Slipeinlagen... Ich weiß nicht, wer ihm die aus welchen Gründen dagegen geklebt hat. Ich konnte mir aber gerade sehr gut vorstellen, warum.

2. Verkleidete Krankenschwester: Socke soll und darf in Zimmer 9 einen Venenzugang legen und rollt mit dem ganzen dazu benötigten Gedöns über den Flur. Klopfe, rolle hinein und werde mit fragendem Blick angestarrt. Bevor ich was sagen kann, fragt sie: "Na? Was hast du denn gemacht?" - Ich wusste nicht, was sie meinte und überhörte das erstmal. "Frau Schumacher? Mein Name ist Socke und ich möchte Ihnen gerne einen Venenzugang legen." - "Nööö, ich hab gar nichts zu lesen für dich, mein Kind. In welchem Zimmer liegst du denn? Vielleicht kann dir mein Mann nachher die Bildzeitung rumbringen!" - Ich sprach laut und deutlich: "Ich möchte Ihnen einen Zugang legen. In die Vene." - "Ach, Sie sind die Schwester? Sie müssen entschuldigen, ich hab Sie gar nicht recht verstanden. Sie haben so lustige Sachen an, ich dachte, das wäre ein Pyjama. Sind Sie wirklich die Schwester hier? Mit ihrem Rollwagen sehen Sie aus wie eine Patientin."

3. Mustafa malt: Wieder Venenzugang, dieses Mal möchte Mustafa nach Hause. "Alle [Welt] nennt mich Mustafa!", sagt er jedem. Mustafa soll entlassen werden und zieht sich seine Kanüle selbst, während er am Tisch sein Mittagessen futtert. Veranstaltet dabei natürlich eine riesige Sauerei, als er mit seinen blanken Salatsoßenfingern erst dann auf das Löchlein drückt, als schon der halbe Tisch voller Blut ist. Als starker Kerl versucht er natürlich noch, die Kanüle wieder in die Vene zu schieben, was natürlich nicht geht und die Sauerei nur noch größer macht. Er erzählte mir hinterher: "Die Strömung war zu groß." - Jedenfalls sah die weiße Wand anschließend nicht mehr nur weiß aus. Ich schmücke es nicht weiter aus. Mustafa sagt: "Oh, schickst du keine Rechnung, Mustafa kauft Farbe und malt mit Kollege Wand wieder hübsch."

4. Fliegende Rouladen: Eine fast 90jährige Frau, geistig sehr rege, körperlich auch relativ fit, kam mit einem Lungenödem ins Krankenhaus. Kurz vor ihrer Entlassung gab es Rouladen mit Kartoffelbrei, Möhrchen und dunkler Soße. Brei und Möhrchen mochte sie, die Rouladen nicht so sehr, so dass sie versucht hatte, diese kurzerhand durch das Zimmerfenster nach draußen zu werfen. Je oller, desto doller. Dumm nur, dass die Fenster nur gekippt waren. So lagen die Rouladen auf der Fensterbank und die braune Soße war an der Scheibe entlang gelaufen. Ich fragte: "Frau Meier, wieso liegt bei Ihnen Fleisch auf der Fensterbank?" - "Das hat bestimmt die Katze mit reingebracht." - "Frau Meier, Sie sind im Krankenhaus, da gibt es keine Katzen." - "Sagen Sie sowas nicht! Aber vielleicht war es auch der Hund." - Ich musste lachen. Sie winkte mich zu sich heran und sagte leise: "Können Sie das bitte unauffällig weg machen? Ich mochte die nicht essen. Die schmecken wie Gummi. Ich hab das Malheur schon gesehen. Mein Plan ist leider nicht ganz aufgegangen. Bitte nicht schimpfen."

Montag, 21. August 2017

Darum

Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil ... stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen "Röchel-Abteilung", wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte - ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns - oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere "beiläufige Informationen" nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: "Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt."

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist - könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. "Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort."

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. "Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht", sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: "Was ich aber noch immer nicht begriffen habe..." - Am Ende sagte er: "Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken." - "Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?" - "Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir."

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer "Fan" mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als "gemütliches Nest" inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.