Samstag, 30. Dezember 2017

Ölwechsel und Glitzerstaub

Ich habe zu Weihnachten von Maries Eltern eine Winterjacke geschenkt bekommen. Genauso wie Marie. Worüber ich mich sehr gefreut habe. Genauso wie Marie. Marie und ich haben jeweils dem anderen traditionell einen neuen Badeanzug geschenkt. Vielleicht schaffen wir es ab Sommer ja, mal wieder regelmäßig gemeinsam zu trainieren.

Von meinen Kolleginnen und Kollegen der letzten Station habe ich ein T-Shirt bekommen, auf dem steht: "Ich habe es mit Laufen versucht, aber es hat mir nicht gefallen." - Soll witzig sein (ich schreib es extra dazu, weil bisher alle nur müde gegrinst haben). Mal sehen, vielleicht steht demnächst mal wieder ein Ölwechsel oder eine Renovierung an, dann hätte ich auf jeden Fall schon mal die passende Kleidung.

Und von Schatzi? Ein Flausch-Onesie-Overall zum Loungen in dunkelrot, mit Flauschkapuze (diese jedoch zum Glück ohne Plüschohren). Der fühlt sich auf jeden Fall gut an. Einziger Nachteil ist natürlich, dass man zum Pinkeln obenrum erstmal alles ausziehen muss. Und einen Gutschein (keinen selbstgemachten, sondern einen offiziellen) von einem Sauna-Klub. Ja, richtig gelesen, keine Eintrittskarte für eine Therme (wohin ich sonst rollen würde, wenn ich nicht gerade bei und mit Marie im Garten saunieren kann), sondern er möchte mit mir in einen Sauna-Klub.

Ich habe natürlich erstmal weder Contenance noch Continence verloren, sondern mich nur überrascht gezeigt und ihn gefragt, was genau dort passiert. Er hat mir dann mit einem gewissen Funkeln in den Augen erzählt, dass er sich im Internet und telefonisch informiert hat, dass dort ausschließlich Paare hingehen (als Einzelperson kommt man nicht hinein), und dass es dort nicht nur eine Sauna-, sondern auch eine Badelandschaft mit märchenhaften Grotten, Whirlpools und Relaxräumen sowie einem großen Garten geben soll. Attraktiv ist aus seiner Sicht, dass man dort miteinander nicht nur küssen darf, was, so sind seine Worte, im Wasser gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität vielleicht noch die eine oder andere ungeahnte Möglichkeit bietet. Und nein, Partnertausch sei nicht zwingend vorgesehen.

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob ich das wirklich will, habe das Geschenk aber erstmal als "spannend" angenommen. Ich werde in den nächsten Tagen dazu noch ein wenig recherchieren...

Über Silvester bekommen wir von Marie und einer Freundin Besuch. Wir sind zur Zeit an der Ostsee und lassen uns den viel zu warmen Wind um die Nase pusten. Am morgigen letzten Tag des Jahres wollen wir Fondue machen, und entsprechend hatte ich für heute bereits Fleisch und Baguettes vorbestellt. Um elf Uhr sollte beides zum Abholen bereit sein, anschließend wollte ich Marie und Freundin vom Bahnhof der nächsten größeren Stadt abholen (nachdem Marie derzeit kein eigenes Auto hat - ein neues ist noch nicht ausgeliefert und bei ihrem alten hat das Automatikgetriebe bei 260.000 km den Geist aufgegeben).

Ich kam also gegen kurz vor zwölf Uhr bei der Fleischerei an und fragte nach meinem vorbestellten Fondue-Fleisch. Nein, das sei noch nicht fertig, man wollte es heute morgen frisch schneiden, aber es sei zu viel los gewesen. Ob ich es in etwa einer Stunde abholen könnte, wollte man wissen. An der Bedientheke arbeiteten drei Leute die anstehenden Kunden ab, etwa zehn warteten, im hinteren Teil des Raums lag auf einer Arbeitsplatte ein großes Stück Schweinefleisch, ich hätte es als nur bedingt sachkundige Person für die Oberschale, also ein Teilstück des Schinkens, gehalten. Das Stück Fleisch lag auf einem Schneidebrett und dieses Schneidebrett bedeckte den Namen "Müller" auf einem Stück Papier so, dass man nur "Müll" lesen konnte - was mir spontan ins Auge fiel.

Also erst zum Bahnhof und anschließend das Fleisch abholen. Dafür aber jetzt noch schnell zum Bäcker. Dort hieß es: "Also, wenn Sie um zwölf Uhr kommen, eine Stunde vor Ladenschluss, dann müssen Sie damit rechnen, dass keine Baguette-Brote mehr da sind." - "Deswegen hatte ich ja extra vorbestellt." - "Ja, aber nicht mehr um zwölf. Da haben wir die noch nicht abgeholten Vorbestellungen auch mit abverkauft." - "Ich hatte aber bereits bezahlt. Und hätte jetzt gerne meine Ware." - "Bei wem haben Sie das bezahlt?" - "Bei Ihrer Kollegin. Etwa Eins-Sechzig groß, blond, blaue Brille." - "Haben Sie denn einen Beleg bekommen?" - "Ja, Moment ... hier." - "Das ist ein Kassenbon über drei Baguette-Brote. Die haben Sie an dem Tag gekauft." - "Jetzt ist es aber genug! Sie haben es verpeilt, dann wäre es wohl das Mindeste, sich zu entschuldigen." - "Sie kommen nicht von hier, oder? Das hört man. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und einen guten Rutsch", sagte sie und hielt mir die Tür auf.

Okay, das war das letzte Mal, dass ich dort etwas gekauft habe. So eine blöde Schrippe! Da ich in den nächsten zwei bis drei Wochen dort nicht wieder hinfahre, lohnt es sich vermutlich auch nicht mehr, sich die Kollegin mit der blauen Brille zur Brust zu nehmen. In dem Ort, in dem meine Ostsee-Wohnung steht, gibt es gar keinen Bäcker, und in diesem nächsten Nachbarort zum Glück gleich drei. Ein Wechsel ist also angezeigt.

Marie und ihre Freundin kamen pünktlich mit dem Zug an. Die Freundin, die Fußgängerin ist, kümmerte sich um das Verladen unserer Rollstühle in den Kofferraum, was gerade bei zwei Rollstuhlfahrerinnen im selben Auto eine Erleichterung ist. Zur Fleischerei wollte sie auch schnell reinlaufen, aber ich wollte unbedingt dabei sein. Aus Gründen. Tatsächlich lag das Stück Fleisch dort immer noch genauso wie vor einer Stunde. Ungekühlt, ungeschützt, immer noch ein Teil des Namens auf dem Papier verdeckend. Mein Fondue-Fleisch war noch nicht fertig. Immerhin wollte man jetzt aber beginnen, es zu schneiden - und zwar aus diesem Stück Fleisch, das dort seit über einer Stunde ungekühlt auf der Arbeitsplatte lag.

"Moment mal bitte! Das Fleisch liegt da jetzt seit über einer Stunde bei Zimmertemperatur auf Ihrer Arbeitsplatte. Daraus möchte ich kein Fonduefleisch geschnitten haben." - "Das hab ich vor zwei Minuten aus der Kühlung geholt." - "Und wieder genauso auf das Stück Papier gelegt wie vor einer Stunde?" - "Das weiß ich nicht, aber das habe ich eben gerade erst aus der Kühlung geholt." - "Okay, dann schneiden Sie bitte die ersten Stücke ab, füllen sie in die Tüte und lassen mich die Tüte bitte einmal anfassen." - "Wozu das denn?" - "Ich möchte mich gerne davon überzeugen, dass das Fleisch in der Kühlung war, denn ich habe das anders wahrgenommen." - "Ich kann auch ein neues Stück aus der Kühlung holen, damit habe ich doch gar kein Problem!" - "Sie brauchen mir doch nur einmal zu zeigen, dass das aktuelle Stück dort kalt ist."

Konnte er wohl nicht. Er holte ein neues Stück. Worüber ich gar nicht nachdenken möchte. Als er die Verpackung öffnete, lief die gesamte darin enthaltene Flüssigkeit einmal quer über einen Leitz-Ordner mit Zetteln drin, der ebenfalls offen rumlag. Neben dem offenen Stück Fleisch. Was für eine Sauerei, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich möchte wetten, dass er das warme Stück Fleisch anschließend wieder in die Kühlung packt, sobald ich weg bin. Jedenfalls begann er nun damit, dünne Scheiben aus dieser frischen Oberschale zu schneiden. "Nur noch einmal zur Sicherheit: Ich wollte Fondue-Fleisch." - "Ist das keins?" - "Das sind eher dünne Schnitzel. Vielleicht für Raclette. Fondue ist das mit der Gabel und dem heißen Topf." - "Ah, entschuldigen Sie, jetzt habe ich tatsächlich an Raclette gedacht. Aber Sie können das ja noch durchschneiden."

Ich ließ ihn stehen und rollte ohne ein weiteres Wort nach draußen. Irgendwann ist meine Geduld auch mal am Ende. Marie rollte wortlos hinter mir her, die Freundin ebenfalls. Dreihundert Meter weiter ist ein Supermarkt mit Fleischerei. Normalerweise kaufe ich Fleisch nicht in Supermärkten, aber schlimmer konnte es nicht mehr werden. Ohne irgendein Problem und ohne vorbestellt zu haben, bekam ich an der dortigen Fleischtheke die Menge Fonduefleisch, die ich haben wollte.

"Kann ich sonst noch etwas Gutes für Sie tun?", fragte der junge Mann hinter der Theke. Zum ersten Mal wurde ich heute freundlich bedient. Vielleicht war es doch ein Fehler, den lokalen Einzelhandel unterstützen zu wollen. Zumindest könnte der sich in diesem Punkt von dem Lebensmittel liebenden Filialbetrieb noch eine Scheibe abschneiden.

Bald ist ein neues Jahr. Ich wünsche euch mehr Liebe, Freundschaft und Wahrheit. Weniger Missgunst, Hass und Lüge. Ich wünsche euch mehr Sonne für die Herzen, und für Zwischendurch einen Schirm, mit dem es sich im Regen tanzen lässt. Ich wünsche allen, die im Moment nur graue Wolken sehen, dass sie schon ganz bald einen Regenbogen finden, an dessen Ende die Einhörner Glitzerstaub verteilen.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

59 Fragen

Jetzt hat es mich doch angesteckt. Ich bekam von einer Bekannten einen 50-Fragen-Fragenkatalog, und da ich ja schon lange keine Fragebögen mehr beantwortet habe, geht es gleich los. Und zum Schluss kommen dann auch gleich noch die Fragen, die in den letzten Wochen über meine Kommentare oder auf anderem Weg an mich gestellt wurden.

1. Hast du dich schonmal über jemanden geärgert für etwas, was er in deinem Traum getan hat?
Interessante Idee, aber: Nein. Wirklich noch nie. Ich war vielleicht mal einen Moment lang verdattert, habe dann aber sehr schnell realisiert, was Traum und was Realität war.

2. Hast du schonmal durch ein Loch in der Kabinenwand geguckt und dabei Augenkontakt mit dem Benutzer der Schüssel nebenan gehabt?
Nein, ich würde ein Klo nicht nutzen, wenn da Löcher in der Kabinenwand wären.

3. Hast du schonmal jemanden zur Begrüßung von hinten auf den Po geklatscht und dann festgestellt, dass es der Falsche war?
Nein, ich klatsche niemandem zur Begrüßung auf den Po.

4. Hast du schonmal einen Käfer unter einer Lupe ankokeln lassen?
Nein!

5. Hast du schonmal jemandem eine falsche Handynummer von dir gegeben?
Tatsächlich ja. Ein einziges Mal. Da war ich mit einer Freundin unterwegs, als sie plötzlich ein Typ ansprach. Total aufdringlich hat er sie dichtgelabert, aber sie war total distanziert. Am Ende wollte er ihre Nummer. Sie gab ihm eine ganz andere. Dann wollte er meine. Ich war so perplex, dass ich einfach begann, meine Handynummer aufzusagen. Meine Freundin funkelte mich an - und dann bin ich bei den letzten vier Ziffern falsch abgebogen. Hinterher erzählte sie mir, dass das ihr ehemaliger Oberstufenlehrer war.

6. Hast du schonmal eine SMS oder Whats-App-Nachricht an eine falsche Person geschickt?
Ja. Klärte sich aber schnell auf: "Ups, falsches Fenster." - Thema erledigt.

7. Hast du schonmal so heftig gelacht, dass du dir in die Hosen gemacht hast?
Als Kind ist mir das mal passiert.

8. Hast du dich mal krank gemeldet, obwohl du gar nicht krank warst?
Ich hoffe, dass meine künftigen Arbeitgeber das nicht lesen, wenn ich jetzt "Ja" sage. Ab sofort werde ich vermutlich immer schon am ersten Tag meiner Arbeitsunfähigkeit zum Amtsarzt vorgeladen.

9. Hast du schonmal was aus einem Hotel gestohlen?
Nein. Ich bin lieb.

10. Hast du in einem Restaurant schonmal kein Trinkgeld gegeben?
Ja, schon öfter. Bedienung ist im Preis enthalten. Ich gebe (tatsächlich) 10% tip, allerdings auch wirklich nur, wenn alles okay war. Wobei ich keine hohen Ansprüche habe, aber wenn zum Beispiel noch Spülwasserreste im Glas sind oder ich um Messer und Gabel bitten muss oder irgendwas fünf Mal wiederhole oder die Dame oder der Herr absolut unfreundlich ist, gibt es auch mal gar nix obendrauf. Dann ist zwar klar, dass es drei Minuten dauert, bis das Wechselgeld beisammen ist, aber das juckt mich dann auch nicht.

11. Hast du schonmal jemandem deine Kreditkarte geborgt?
Nein.

12. Hast du schonmal Textnachrichten beim Autofahren geschrieben?
Nein. Da ich mit den Händen fahre, wäre das wohl unverantwortlicher als es ohnehin schon ist.

13. Hast du schonmal eine berühmte Persönlichkeit getroffen?
Ich bin doch wohl selbst eine berühmte Persönlichkeit! Mit über 5 Millionen Klicks darf ich mir das einbilden, oder? Allerdings, auch wenn das unglaubwürdig klingt, treffe ich zum Quatschen regelmäßig, etwa einmal pro Quartal, eine Schauspielerin. Sie ist etwas älter ist als ich und hat sowohl in Kinofilmen als auch in Fernsehserien mitgespielt. Die Schwester einer Freundin ist ebenfalls eine im Norden relativ bekannte Schauspielerin, sie sehe ich meistens auf der Geburtstagsparty meiner Freundin. Mehr Kontakt habe ich zu ihr aber nicht. Und ich habe mal eine berühmte Künstlerin in Hamburg in der S-Bahn getroffen und mich mit ihr unterhalten. Ich habe sogar noch ihre Handynummer. Da besteht aber derzeit kein Kontakt.

14. Hast du schonmal etwas Illegales besessen?
Nein.

15. Hast du schonmal was in der Mikrowelle vergessen?
Tatsächlich ja. Ich wollte mir Nudeln warm machen, habe die auch angeschaltet, war aber so erschöpft, dass ich nach dem Klogang direkt Zähne geputzt habe und ins Bett geklettert bin. Am nächsten Tag habe ich mich dann gewundert, warum da Essen in der Mikrowelle steht. Praktisches Jahr kann anstrengend sein!

16. Bist du schonmal betrunken oder zugedröhnt am Arbeitsplatz erschienen?
Nein.

17. Hast du dich schonmal an jemandem gerächt?
Auch wenn Rache süß ist: Nein.

18. Hast du schonmal eine Nahtoderfahrung gehabt?
Ich denke, dass es bei meinem Unfall kurz vor Ende gewesen ist. Aber daran habe ich keine Erinnerung. Von daher habe ich eine solche nicht bewusst wahrgenommen.

19. Bist du schonmal verprügelt worden?
Mein Vater ist mal gewalttätig geworden und hat mich verdroschen. Aber sonst nicht. Eine solche Erfahrung reicht mir, ehrlich gesagt, auch.

20. Hast du schonmal etwas gewonnen?
Tatsächlich habe ich im letzten Jahr 440 € mit einem Los gewonnen, das mir jemand geschenkt hat.

21. Hast du schonmal in der Öffentlichkeit irgendwo hingespuckt?
Ich hasse das, wenn Menschen ihren Speichelfluss nicht unter Kontrolle haben. Vereinzelt habe ich mal eklige Sachen wieder ausgespuckt, zum Beispiel hatte ich mal eine verschimmelte Nuss in einem Schokoladenbonbon. Und ich erinnere mich daran, dass ich auf einem Schulsportplatz mal meinen Oberkörper auf ein Geländer gelehnt habe und dort ein bißchen herumgerotzt habe. Hauptsächlich, um einem Jungen zu imponieren. Das war in der Grundschule.

22. Hast du schonmal ein Auto geschrottet?
Sagen wir es mal so: Ich habe schon mehrmals in einem Auto gesessen, während andere es zerlegt haben. Ich selbst habe noch keinen Schaden verschuldet oder angerichtet.

23. Hast du schonmal ein Tatoo stechen lassen?
Nein.

24. Bist du schonmal wegen Benzinmangel liegengeblieben?
Nein.

25. Bist du schonmal ohne Unterwäsche auf einer Party gewesen?
Nein.

26. Hast du schonmal eine Affäre gehabt?
Nein.

27. Hast du schonmal in der Öffentlichkeit Sex gehabt?
Ja. Allerdings nie demonstrativ.

28. Hast du schonmal gleichgeschlechtlichen Sex gehabt?
Nein. Gekuschelt und geküsst ja, aber Sex nicht.

29. Hast du schonmal jemandem in der Öffentlichkeit die Hose runtergezogen, um ihn oder sie zu blamieren?
Nein.

30. Hast du schonmal nackt im Meer gebadet?
Ja.

31. Hast du schonmal einen Dreier gehabt?
Nein.

32. Hast du schonmal Sex mit jemandem gehabt, der doppelt oder halb so alt war wie du?
Nein. Und nein!

33. Hast du schonmal masturbiert?
Endlich kann ich mal mit "Ja" antworten!

34. Bist du schonmal angespritzt worden?
Ja.

35. Bist du schonmal angekotzt worden?
Ja. Und es war nicht lecker. In einem Schockraum. Derjenige ist später an einer Hirnblutung verstorben.

36. Hast du schonmal nach Essbaren in Mülltonnen gesucht?
Nein.

37. Bist du schonmal barfuß in Hundekacke getreten?
Nein.

38. Hast du dein Handy schonmal ins Klo fallen lassen?
Nein, tatsächlich noch nie.

39. Hast du schonmal in ein Schwimmbecken gepinkelt?
Ja.

40. Hast du schonmal Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt, um sie betrunken zu machen?
Nein!

41. Hast du schonmal Selbstgespräche geführt?
Ja.

42. Hast du schonmal Kaugummi unter den Tisch geklebt?
Nein. Ich esse nur sehr selten Kaugummi und dann spucke ich das in einen Mülleimer und klebe das nicht irgendwo hin, wo sich der nächste die Klamotten versaut.

43. Hast du dich schonmal als Mann verkleidet?
Nein.

44. Hast du schonmal darüber nachgedacht, was Menschen auf deiner Beerdigung sagen würden?
Nein.

45. Hast du dir mal vorgestellt, dass eine tote Person, die du kennst, dich aus dem Himmel beobachtet?
Nein.

46. Hast du dir schonmal heimlich Volksmusik angehört?
Nein. Wenn ich die hören möchte, mache ich daraus kein Geheimnis. Aber ich möchte sie nicht hören. Trotzdem kann wohl jeder hören, was er mag.

47. Hast du schonmal einen Haushaltsgegenstand zum Masturbieren zweckentfremdet?
Nein.

48. Hast du schonmal einen Popel quer durch einen Raum geschossen?
Nein.

49. Hast du schonmal beim Duschen gepinkelt?
Ja.

50. Hast du schonmal Sex für Geld angeboten?
Nein.

Und hier noch die Fragen, die mir in den letzten Wochen über meine Kommentare oder auf anderem Weg gestellt wurden:

- Willst du künftig regulär arbeiten oder wirst du deinen Job nur als Hobby betreiben?
Ich werde regulär arbeiten, allerdings werde ich, sobald ich mit meinem Facharzt fertig bin (2022?), versuchen, die Stunden auf 75% zu reduzieren.

- Wenn du im Sommer mit dem Studium fertig bist, müssen wir dich dann mit "Frau Doktor" ansprechen?
Ich habe mich bisher von allen Bloglesern duzen lassen und werde das auch weiterhin tun. Da ich nicht promoviert habe, wäre "Frau Doktor" ohnehin nicht richtig.

- Darfst du, wenn du fertig studiert hast, Gras (also Joints) legal im Rucksack mitführen?
Nein?! Im Gegenteil, das würde mich -je nach Menge- vermutlich meine Approbation kosten.

- Kannst du mir künftig als Ärztin Heroin verordnen, so dass ich es mir aus der Apotheke besorgen kann?
Nein. Es gibt zwar unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, in ein Diamorphin-Behandlungsprogramm aufgenommen zu werden, aber ein einzelner Arzt kann (kann, will und darf) das nicht einfach so verschreiben.

- Was für ein Handy benutzt du derzeit?
Ein Galaxy S7.

- Was für einen Rollstuhl nutzt du derzeit?
Einen Sopur Helium.

- Was für ein Auto fährst du derzeit?
Einen E-Klasse-Kombi Baujahr 2015.

- Was befindet sich gerade in deinem Portmonee?
203,80 Euro in bar, ein USB-Stick, ein Toilettenschlüssel, ein Abholschein aus der Apotheke, eine Gutschein, ein Personalausweis, ein Führerschein, ein Schwerbehindertenausweis, eine Bahncard, eine Gesundheitskarte, eine Geldkarte, eine silberne Visakarte, ein ADAC-Mitgliedsausweis, ein Blutgruppenpass, eine Service-Karte meiner Autoversicherung, ein Studierendenausweis, eine Wertkarte fürs Schwimmbad, ein Organspendeausweis, eine Wertmarke vom Versorgungsamt, ein Fahrzeugschein, drei Kundenkarten.

- Wieviel Grad sind gerade in deinem Zimmer und wieviel Grad sind draußen?
22,5 Grad drinnen und 5,5 Grad draußen.

Montag, 25. Dezember 2017

Terror und Maschinenpistolen

Es hat in diesem Monat in der westlichen Welt keinen Terroranschlag gegeben - wenn man von den beiden gescheiterten Sprengstoff-Attentaten in New York und Malmö absieht. Wobei beim letzten ja noch nicht klar ist, ob der Täter überhaupt eine politische Motivation hatte. Es scheint, als würde unsere diesjährige Advents- und Weihnachtszeit vom Terror verschont bleiben. Und darüber bin ich sehr froh.

Nachdem ich mir heute die mediale Berichterstattung über einen eigentlich harmlosen Vorfall in der Hamburger Michaelis-Kirche, der sich am Heiligen Abend zugetragen hat, angeschaut habe, drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, ein Boulevardblatt könnte den nächsten Anschlag nicht abwarten.

Was war passiert? Ich weiß es aus erster Hand, denn ich war, wie fast jedes Jahr, Besucherin des letzten Heilig-Abend-Gottesdienstes im Hamburger Michel. Dieses Mal waren auch zwei junge Männer in der Kirche. Sie hatten einen Rucksack dabei, haben sich vor dem Gottesdienst unterhalten und sich, offenbar entzückt von der Größe und der Schönheit der über 2.000 Menschen Platz bietenden Kirche, gezielt auf bestimmte Dinge, wie die große Orgel, durch Zeigen aufmerksam gemacht.

Einem Besucher kamen die beiden Männer dadurch offenbar merkwürdig vor, er informierte das anwesende Sicherheitspersonal. Dieses wollte wohl kein Risiko eingehen, konnte die Lage nicht einschätzen, informierte zur Sicherheit die Polizei. Die schickte vier Beamte in Zivil, die diskret zu diesen beiden Männern gingen, ihren Dienstausweis vorzeigten und die beiden "Verdächtigen" mit nach draußen baten. Dort schaute man offenbar einmal in den Rucksack, fand nichts Verdächtiges, überprüfte die Personalien, fand ebenfalls nichts Verdächtiges, und kam am Ende zu dem Schluss, dass die beiden Jungs völlig harmlos sind und wohl nur Weihnachten feierten.

Ich will das aber nicht einmal kritisieren. Man muss heutzutage ja mit allem rechnen, und der Michel-Gottesdienst böte politischen Wirrköpfen freilich eine gewisse Bühne. Also lieber einmal überprüfen lassen, bevor wirklich etwas passiert.

Auf der Internetseite eines Boulevardblattes heißt es heute darüber:

1. Die Polizei habe die Kirche "gestürmt". What?! Ein Sturmangriff, der hier gemeint sein dürfte, suggeriert mir, etliche Polizeikräfte seien vor der Tür zusammengezogen worden, hätten sich langsam angenähert und wären dann kämpfend oder zumindest drohend überfallartig, den Überraschungseffekt nutzend oder ihn sogar mit Nebel- und Blendgranaten und der damit verbundenen Verwirrung verstärkend, in das Gebäude eingedrungen, mit einem Gegenangriff rechnend stets das Ziel verfolgend, die betroffenen Personen auszuschalten. Tatsächlich sind vier Leute unauffällig reinschlurft, haben sich unauffällig umgeguckt, die Personen angesprochen, nach draußen begleitet, fertig.

2. "Dreizehn Streifenwagen" seien entsandt worden. Was bedeutet hätte, dass man aus mehreren Stadtteilen diverse Fahrzeugbesatzungen zum Michel geschickt hätte. Und diese angewiesen hätte, vor der Kirche keinen Lärm zu machen, um die Täter nicht zu warnen. Und auch das Blaulicht auszuschalten, da man es durch die Kirchenfenster sehen könnte. So einen Einsatzbefehl könnte es bestimmt geben. Bestimmt würden dann auch gleich Rettungsdienst und ähnliches alarmiert. Führungsbeamte, ... keine Ahnung. Ich habe von alledem nichts mitbekommen. Und auf Nachfrage eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders wollte der Lagedienst der Polizei nur drei eingesetzte Fahrzeuge bestätigen.

3. "Beamte mit Maschinenpistolen stürmten die Kirche". Ob sie stürmten, hatte ich ja oben schon für mich geklärt. Ob die vier natürlich Maschinenpistolen im Fahrzeug hatten, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, jeder Streifenwagen hat zumindest eine dabei. Wie das in Zivilfahrzeugen ist, weiß ich nicht. In der Kirche habe ich niemanden gesehen, der eine Waffe in der Hand hielt oder gar eine Machinenpistole um den Hals hängen hatte.

4. "Polizisten unterbrachen die Christmesse". Es handelte sich um einen evangelischen Gottesdienst. Und eine kurze Unterbrechung gab es allenfalls aus Sicht der beiden jungen Männer, als diese für gefühlt zehn Minuten nach draußen gegangen sind, während drinnen weiter gesungen wurde. Die Zivilpolizisten sind so diskret vorgegangen, dass maximal 50 Personen im Umkreis dieser beiden Männer überhaupt etwas mitbekommen haben. Also nicht mal drei Prozent der Besucher.

Ich frage mich jetzt: Warum? Was soll das? Braucht man das?

Und was das Schlimmste ist: Gleich mehrere große Zeitungen, die eigentlich keine Boulevardblätter sind und nach meinen Informationen auch nicht zum selben Verlag gehören, haben diesen Unsinn bereits, offenbar ungeprüft, auf ihre Webseiten übernommen. Und -wie zu erwarten war- dauerte es keine zwei Stunden, bis bei Twitter auch die rechtspopulistische Partei einer Neckar-Großstadt auf diese Meldung aufgesprungen ist.

Na dann: Frohe Weihnachten!

Sonntag, 24. Dezember 2017

Battle of Potatoes

Lange habe ich mich darauf gefreut, mal wieder ein paar Tage zusammen mit Marie zu verbringen. Und mit ihren Eltern. Ich bin gestern zu ihr gefahren und kam mittags an, gerade als es zu regnen aufhörte. Bevor ich überhaupt irgendwas sagen konnte, sprang mir ihre dreißig Kilogramm schwere Hündin stürmisch auf den Schoß und schleckte mir mit der Zunge diagonal durch mein Gesicht. Die gute Erziehung wird, wenn man sich so lange nicht gesehen hat, gerne mal vergessen.

Auch wenn es bereits dunkel wurde, bin ich erstmal und endlich mal wieder mit Marie zusammen Handbike gefahren. Zwölf Kilometer sind wir auf dem Deich entlang gesaust, einmal zu einem Badesee und wieder zurück. Weder Marie noch ich haben im Dunkeln im See gebadet, dafür aber diejenige, für die die Pause eigentlich gedacht war. Maries Hündin musste natürlich schwimmen gehen und schleppte alle möglichen Stöcke an. Und war eher enttäuscht, dass niemand einen ins Wasser werfen wollte. Fast demonstrativ legte sie einen völlig vermoderten Ast vor Maries Füße. Wälzte sich im nassen Sand. Wollte einen mindestens drei Meter langen Ast mit nach Hause nehmen. Ließ ihn am Ende aber doch noch zurück, als Marie ihr erklärt hatte, dass die Eigentümer der Autos, an denen sie damit vorbeischrammt, nicht begeistert sein würden.

Als wir wieder zu Hause waren, war ich so müde, dass ich am liebsten sofort ins Bett gefallen wäre. Die letzten Wochen meines Praktischen Jahres haben eindeutig Spuren hinterlassen. Während es auf der chirurgischen Notaufnahme zwar anspruchsvoll, aber zeitlich relativ geregelt zuging, war die chirurgische Station eine ziemliche Quälerei. Ich habe gefühlt mehr Zeit damit verbracht, mich dagegen zu wehren, ausgenutzt zu werden, als mit meinen eigentlichen Aufgaben. Aber nun ist das ja vorbei, mein letztes Drittel wird hoffentlich so entspannt bleiben wie es gerade anfängt.

Ich hatte eiskalte Beine. Das kommt vor, wenn man einige Zeit bei den Temperaturen draußen ist und seine Beine nicht bewegt. Da kann irgendwann auch die am dicksten gefütterte Hose nicht mehr helfen. "Sauna oder Badewanne?", fragte Marie. So müde, wie ich war: Badewanne. Vor allem, weil ich so lange schon nicht mehr in einer Badewanne war. Während das Wasser einlief, prüfte Marie die einzelnen Badezusätze, die auf dem Wannenrand standen. "Welchen Geruch hätte ich gerne heute nacht neben mir? Lieber Mandel-Öl oder lieber Hibiskus? Ich finde Mandel-Öl gut."

Lange schon hat mich meine Querschnittlähmung ja nicht mehr bis auf die Knochen blamiert. Es war wohl mal wieder an der Zeit. Ich lag in der Badewanne, Marie stand neben mir und zeigte mir lauter Fotos auf ihrem Tablet und erzählte, erzählte, erzählte. Und ich? Pupste erstmal. Beim ersten, zweiten und dritten Mal habe ich nichts gesagt, beim vierten Mal sagte ich: "Meine Güte, sind das die Bratkartoffeln von heute mittag?" - "Eher die Zwiebeln dazwischen. Guck mal, das hier war zum Nikolaus, da hat [die Hündin] endlos nach ihrem Knochen gesucht und ist etliche Male an dem Stiefel vorbei gewetzt. Mein Vater war aber auch so fies, dass er mit dem Knochen vorher zehn Mal draußen auf den Steinen herumgerieben hat, um es ihr etwas schwerer zu machen. Am Ende hätte sie fast den Schuh zerlegt, um dran zu kommen. Willst du mich gerade pranken oder spielst du heimlich Silent Hunter 8?"

"Silent Hunter 8? Was ist das denn?" - "Silent Hunter 8, The Battle of the Bathtub." - "Sagt mir nichts." - "Das ist ein Videospiel mit U-Booten. Sagt mein Vater immer, wenn ich aus Versehen beim Baden in die Wanne gekackt habe." - Jetzt war ich schlagartig wieder wach und strich mit meiner Hand den Badeschaum zur Seite. Igitt. Wurde ich gefragt? Will ich das? Querschnittlähmung kann so eklig sein. Und erniedrigend. Gerade dann, wenn man emotional sowie schon auf dem Zahnfleisch geht, muss sich mein Darm natürlich vom warmen Wasser anregen lassen. Ich stützte mich hoch, setzte mich aufrecht hin.

"Bleib sitzen, ich hole ein Sieb." - Marie kam mit einem Küchensieb mit Stil wieder. "Damit schöpfen wir sonst immer die Nudeln ab", sagte sie ohne eine Miene zu verziehen. Natürlich stimmte das nicht, da sie das Ding nicht aus der Küche, sondern aus einem Putzschrank geholt hatte. Ich weinte inzwischen. Es war einfach zu viel. Für heute. Für den Moment. Marie zog sich Einmalhandschuhe an. Gab mir einen Kuss auf den Mund. Sagte nichts mehr, sondern kümmerte sich um mich. "Wieso kümmerst du dich um die Sauerei?", fragte ich. Und die Betonung lag auf "du". - "Weil du jetzt badest. Wenn er sich wieder beruhigt hat, lassen wir einmal das Wasser raus, du duscht dich einmal ab und dann gibt es neues Wasser. Und danach schläfst du dich erstmal aus. Du bist völlig fertig, Jule."

Als das Wasser getauscht war und Marie kurz draußen war, kam die Hündin rein. Schnüffelte, guckte mich fragend an, leckte mir über die Wange und legte den Kopf auf den Badewannenrand. Als Marie wieder rein kam, drehte sie sich um. "Na du siehst vielleicht bescheuert aus mit dem Schaum auf dem Kopf. Komm mal her", sagte sie und wischte ihr das Fell trocken. "Und jetzt raus hier, du hast im Bad nichts zu suchen." - Jetzt musste ich doch lachen. Marie brachte mir eine Pampers mit. Fehlte nur noch der Schnuller. Aber sie hatte ja recht. Falls das nachts noch weiter gehen sollte.

Ging es aber nicht. Allerdings habe ich vierzehn Stunden durchgeschlafen. Mehr als doppelt so lange als ich zuletzt nachts regelmäßig geschlafen habe. Um zehn Uhr kam Marie, die schon vor einer Stunde aufgestanden war und Frühstück für die ganze Familie vorbereitet hatte, an mein Bett. "Wollen wir frühstücken?"

Samstag, 23. Dezember 2017

Weihnachtswunsch

Fast zehn Jahre sind seit meinem Unfall vergangen. In der letzten Woche hatte ich meine letzten beiden Psychotherapie-Stunden. Eine weitere Verlängerung ist nicht vorgesehen und aus meiner Sicht auch nicht nötig. Meine frühere Therapeutin ist seit der Geburt ihres zweiten Kindes nicht mehr beruflich tätig, ihre Vertretung, die zwar gut, aber nicht ganz so gut wie meine erste Therapeutin war, findet, ich sei ausreichend reflektiert, um mein Leben alleine im Griff zu haben. Genauso hat sie es formuliert, und ich glaube, damit wird deutlich, was ich meine, wenn ich behaupte, sie sei nur "gut" und nicht "sehr gut".

Sollte ich, wie geplant, nach meiner letzten Prüfung eine fünfjährige Facharzt-Ausbildung (Kinder- und Jugendpsychiatrie) beginnen, werde ich ohnehin noch eine weitere Psychotherapie machen müssen. 150 Stunden Selbsterfahrung sind vorgesehen. Natürlich neben ganz vielen anderen Inhalten. Ich bin mir sicher, dass der Job nicht einfach werden wird, sondern ein hohes Maß an Frustration in sich trägt. Ich weiß aber, dass derartige Fachärzte händeringend überall gesucht werden. Und ich glaube, dass ich gerade im Kontakt zu Kindern und Jugendlichen sehr viel erreichen kann.

Marie möchte Kinderärztin werden, muss sich dafür ebenfalls fünf Jahre fortbilden. Ein Jahr davon ebenfalls im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. So ganz sicher ist sie sich noch nicht, vor allem könnte es bei ihr noch sein, dass sie aktuell noch ein halbes Jahr dranhängen muss, da sie wegen einer fetten Erkältung zu lange gefehlt hat. Es könnte stundenmäßig gerade noch passen, das klärt sich aber erst im nächsten Monat. Vielleicht macht sie ihr erstes Jahr aber an derselben Klinik wie ich ... dann wären wir mal wieder zusammen.

Aber zurück zur Psychotherapie: Wissend, dass wir uns heute zum letzten Mal sehen, fragt mich doch meine Psychologin, welches das größte Problem der letzten Zeit war und wie ich es gelöst habe. Ich finde das problematisch, denn es kann ja auch immer mal sein, dass etwas nicht gelöst ist. Und dann? Lässt sie den Klienten damit alleine? Oder hofft sie, dass er dann wiederkommt und doch noch eine Verlängerung beantragt?

Egal. Ich habe noch einmal den Müll thematisiert, der mich unter anderem vom Bloggen abgehalten hat. Sie hat in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, warum ich damals den Kontakt zu Marie und ihren Eltern abgebrochen habe. Ich weiß nicht, ob sie die Frage gestellt hat, um mir zu signalisieren, dass sie nicht richtig zugehört hat, oder ob sie mich zu einer differenzierten Betrachtungsweise motivieren wollte. Am Ende kam nichts neues dabei heraus.

Ich weiß, dass das damals eine falsche Entscheidung von mir war. Rückblickend betrachtet. In dem Moment war eine Entscheidung nötig. Und in dem Moment fehlte mir das nötige Vertrauen. Nicht mein perönliches Vertrauen in Maries Familie, ich glaube, das war immer da, sondern mein persönliches Verständnis von Vertrauen. Also das, was ich mit "Vertrauen" verbinde, war durch die extremen Erlebnisse so erschüttert, dass ich nicht mehr in der Lage war, eine auf "Vertrauen" aufbauende Beziehung zu unterhalten. Oder etwas drastischer formuliert: Wenn du nicht mehr weißt, was Vertrauen wirklich ist, weil es von überall her mit Füßen getreten wird, dann kannst du darauf auch nichts aufbauen.

Wenn es Freunde gibt, mit denen ich mehrfach verreist bin. Bei denen ich übernachtet habe. Mit denen ich nackt in der Sauna war. Die mir ihre intimsten Dinge anvertraut haben. Und umgekehrt. Und die dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nichts mehr von mir wissen wollen, mir übel nachreden, mich sogar verleumden, sogar behaupten, mich nie gekannt zu haben. Ich suche mir Hilfe bei einer anderen Freundin, die hört mir zu, aber nur, um das hinterher der "Gegenseite" zu erzählen. Weil ich ihr vertraue und erst zu spät merke, dass sie das Lager gewechselt hat.

Wenn es Menschen gibt, die meinen ehemaligen Freunden haarsträubende Geschichten erzählen. Und wenn meine Freunde das dann glauben. Ohne noch ein einziges Mal mit mir zu sprechen. Ohne noch ein einziges Mal nachzufragen, was davon stimmt. Ohne mir die Chance zu geben, mich zu verteidigen, oder überhaupt erstmal was dazu zu sagen. Die mir plötzlich nicht einmal mehr "Hallo" sagen. Wenn ich also merke, dass ich mich in gleich mehreren, sogar fast allen engen Freunden komplett getäuscht habe. Weiß ich dann noch, was "Vertrauen" ist?

Von sieben oder acht ganz engen Freunden haben genau zwei zu mir gehalten. Und sind dafür ganz übel terrorisiert worden. Der Rest hat sich bequem den Menschen angeschlossen, die die Stimmung gemacht haben. Und was für mich das Unverständlichste ist: Wir hatten zuvor sehr intensive Gespräche über Meinungsbildung und Vorverurteilung. Und jedem von ihnen war es wichtig, sich eine differenzierte, gut recherchierte Meinung zu bilden, bevor man über jemanden urteilt.

Inzwischen hat auch Marie, haben auch Maries Eltern verstanden, dass ich nie an ihrer Beziehung zu mir gezweifelt habe, sondern dass ich in dem Moment überhaupt keine Beziehung mehr zulassen konnte. Das hat sich inzwischen wieder normalisiert, was diese drei mir sehr wichtigen Menschen angeht. Neue Freundschaften schließe ich auch, allerdings glaube ich inzwischen, dass die Mehrheit der Menschen anders tickt als ich und ein anderes Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander hat als ich es habe. Und als Marie und ihre Familie es haben.

Das ist kein schönes Ergebnis einer Psychotherapie. Vielleicht kommt bei der nächsten psychotherapeutischen Selbsterfahrung ja wieder etwas anderes heraus. Vielleicht lerne ich zwischenzeitlich auch andere Menschen kennen, die mehr Tiefgang haben als meine ehemaligen "Freunde". Und deren Fassade mich nicht blenden kann.

Dienstag, 19. Dezember 2017

Wechseln, arbeiten, feiern

Tatsächlich habe ich mir ein freies Wochenende erkämpft: Ich muss am Heiligen Abend keinen Stationsdienst schieben. Wie bereits im letzten Beitrag ausgeführt, drehen die hier ein wenig am Rad. Genau am Heiligen Abend ist allerdings auch der zweite von drei Teilen meines PJ zu Ende. Und die gute Nachricht: Die Klinik, in der ich bis Mitte April noch meinen Anteil "Innere Medizin" machen werde, ist ein Lehrkrankenhaus einer anderen Universität und sieht die Sache wohl etwas lockerer. So scheint es zumindest auf den ersten Blick zu sein. Mein zuständiger Oberarzt meinte: "Wir erwarten Sie dann am 2. Januar um 7.45 Uhr."

Während man an dieser Klinik noch diskutieren musste, ob man die Kleidung mit benutzen darf (und wir reden nicht vom Kittel, sondern von Hemd und Hose), ist da sogar das Mittagessen frei und es gibt Kohle. Nicht, dass ich die gerade bräuchte, aber rund 600 Kröten pro Monat sind besser als: Null.

Nächste gute Nachricht: Ab dem 1. August könnte ich einen Job haben. Wenn ich unterschreibe. Vertragsentwurf habe ich heute als PDF bekommen. Natürlich geht das nur, wenn ich meine Approbation bekomme, also meine letzte (mündliche) Prüfung im Mai oder Juni bestehe. Aber dann könnte ich ab August Vollzeit als Assistenzärztin in Weiterbildung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten. Erstmal für ein Jahr. Ich freue mich riesig. Das, was ich bisher gesehen und gehört habe, war alles toll. Ich darf auch vorher nochmal hospitieren. Man sucht offenbar händeringend und wollte mich eigentlich schon im Mai oder Juni haben. Aber nix da: Da werde ich mich mal so richtig entspannen.

Ich bin über Weihnachten bei Marie und ihren Eltern eingeladen. Anschließend werde ich mit Schatzi ein paar Tage an der Ostsee verbringen, bevor Marie und eine weitere Freundin am Silvestertag dazu kommen und wir es krachen lassen. Nein, kein Besäufnis. Und auch keine Osteuropa-Böller. Sondern exzessive Mini-Party.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Suchte Streit

Ich habe die Nase gestrichen voll. Nicht mit Kokain, denn ich nehme keins. Wenngleich mir neulich welches angeboten wurde. Allerdings in öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht im Krankenhaus. Derjenige muss gesehen haben, dass ich derzeit am Limit bin. Dieses Praktische Jahr, das verpflichtend ist vor der letzten (mündlichen) Prüfung, hat es wirklich in sich. Ich bin derzeit vollständig in den Stationsbetrieb eingebunden. Wochenend- und Nachtdienste inklusive. Eigentlich bräuchte ich die nicht zu machen, allerdings wird in unserer Klinik erwartet, dass alle PJler eine entsprechende Ausnahme beantragen. Ich kenne niemanden im Praktischen Jahr, der sich dagegen sträubt.

Die maximale Arbeitszeit beträgt eigentlich zehn Stunden am Tag. Im Praktischen Jahr sind es acht Stunden, da man sich ja auch noch auf das Examen vorbereiten und das im Alltag erlernte Wissen nachbereiten und vertiefen soll. Mein derzeitiger Chefarzt macht nun folgende Rechnung auf: Wenn er einen approbierten Arzt vier Tage lang über zehn Stunden beschäftigt, hat dieser seine Wochenarbeitszeit erfüllt. Mehr als 40 Stunden ist nicht so ohne weiteres möglich. Die PJler arbeiten ja nur acht Stunden pro Tag, um auf 40 Stunden zu kommen, können sie dann ja auch fünf Tage arbeiten. Da er Chefarzt ist, gehe ich davon aus, dass es Absicht ist, wenn er einerseits die Verkürzung von zehn auf acht Stunden durchwinkt, andererseits aber die zwei verkürzten Stunden nicht mit anrechnet.

Wenn man eins lernt, dann ist es "Nein sagen", "Grenzen setzen" und persönliche von dienstlichen Kontakten zu unterscheiden. Sowie an den richtigen Stellen die richtigen Hebel anzusetzen. Denn als kleine PJlerin kann man tausend Mal im Recht sein, es interessiert aber nicht, wenn man trotzdem die nötigen Unterschriften nicht oder so verspätet bekommt, dass man an anderen Stellen in Verzug kommt. Und andere Stellen interessiert in der Regel nicht, ob man unverschuldet oder verschuldet etwas nicht oder nicht rechtzeitig vorlegt. Also bleibt nur: In den Arsch kriechen oder den nötigen Druck aufbauen. Nervig sowas.

Zum Glück gibt es an jeder Uni ja eine Kommission, die sich nur mit dem PJ beschäftigt, und der gehören meistens ja auch Studierende an, zu denen man eigentlich immer einen Draht findet. Und nachdem ich genau drei Mal angekündigt hatte, mich an diese zu wenden, kommt nun regelmäßig der Chefarzt persönlich auf meine Station, um mich in den Feierabend zu verabschieden. Vermutlich möchte er, dass es mir irgendwann peinlich wird, aber ich drehe den Spieß um und freue mich jedes Mal über seine Aufmerksamkeit. Ich sag immer: So schlecht kann meine Arbeit ja nicht sein, wenn er mich eigentlich gar nicht nach Hause lassen will.

So richtig kurios war in den letzten Wochen kaum jemand. Oder ich stumpfe allmählich ab. Es gab einen etwa 50 Jahre alten männlichen Patienten, der mit seinem Auto auf der Autobahn auf ein Sicherungsfahrzeug (also diese großen rot-weiß gestreiften Anhänger, die immer einige hundert Meter hinter einer Baustelle stehen und gelb blinken) aufgefahren ist. Wie er das fabriziert hat, wusste er selbst nicht mehr. Er denkt, er wurde abgedrängt, aber sein Schädel-Hirn-Trauma hat ihn das vergessen lassen. Er hat sich zudem ein paar Knochen gebrochen, aber das wird alles wieder verheilen. Ich sollte nun, da er in einer Nacht Fieber bekommen hatte, morgens Blut bei ihm abnehmen. Und auch er dachte mal wieder, ich sei eine durchgeknallte Mitpartientin. "Nein, ich bin Medizinstudentin und mache gerade mein Praktisches Jahr." - "Und warum sitzen Sie im Rollstuhl? Müssen Sie das auch lernen?" - "Nein, ich bin querschnittgelähmt." - "Oh, wirklich?"

Ein anderer wollte sich von mir nicht untersuchen lassen. Meinte, ich hätte schmutzige Finger und würde ihn vielleicht in der Aufregung ansabbern. Leider war mein Kollege nicht konsequent genug und hat mich rausgeschickt statt ihn. Ich habe dem Kollegen, einem Assistenzarzt, dann hinterher eine Szene gemacht, aber er meinte, damit müsse man leben. Ja, die Ansichten und Haltungen sind schon sehr verschieden.

Und gestern auf dem Weg zum Einkaufen (ja, daran, dass ich samstags einkaufen gehen muss, zeigt sich, dass ich nur noch gearbeitet und geschlafen habe; ich brauchte dringend Klopapier!) sprach mich ein Typ an. Er wäre von der Behörde und wollte mich was fragen. Bevor ich ihn nach seinem Dienstausweis fragen konnte, meinte er: "Ich setze mich dafür ein, dass hier alles so schön rollstuhlgerecht wird. Die Bordsteinkante hier habe ich auch absenken lassen. Kennen Sie noch Ecken in dieser Gegend, die so gar nicht gehen?" - Bevor ich ihm antworten konnte, klingelte sein Handy und er verabschiedete sich von mir, ohne eine Antwort abzuwarten.

Und keine zweihundert Meter weiter sprach mich der nächste Typ an. Stellte sich mir in den Weg und sagte: "Die junge Frau im Rollstuhl, einmal anhalten! Guten Tag!" - Er sammelte für irgendwas Soziales, hatte einen Pavillon aufgebaut. Genau diesen Ton mag ich überhaupt nicht und kurvte um ihn herum, ließ ihn stehen. Fehlte nur noch einer im Bus. Ich stand mit meinem Klopapier auf dem Schoß (die Packung ist zu groß für den Rucksack) auf dem Rollstuhlstellplatz, als ein Mann, geschätzt Mitte 60, mich ansprach: "Darf ich Sie mal was fragen?"

Ich dachte schon, er wollte wegen des Klopapiers wissen, ob ich trotz Querschnittlähmung kacken kann, ob ich im Rollstuhl sitzend kacke oder ob das Klopapier überhaupt für mich ist, aber stattdessen fragte er: "Dass Sie da im Rollstuhl sitzen, ist das eine Folge vom Inzest?" - Bitte was? Strafe Gottes, weil ich unartig war, kenne ich ja schon. Aber dass man nach dem Geschlechtsverkehr mit einem Verwandten im Rollstuhl sitzen muss, war mir neu. Oder sind meine Eltern Geschwister? Man weiß es nicht. Ich dachte mir so: Wähle mal einen Tonfall, den er versteht. Und formulierte: "Wollen Sie paar auf die Fresse?"

"Willst du mir drohen?" - Ich schob ihn mit ausgestreckter Hand von mir weg und sagte laut: "Halten Sie mal etwas Abstand hier und hören Sie auf, mich zu belästigen." - Ein Mann kam aus dem hinteren Teil des Busses dazu: "Belästigt er Sie?", fragte er mich. Ich konnte den hinzugekommenen Mann nicht einschätzen. Ich antwortete: "Im Moment gerade nicht." - "Ich bleib dann mal hier stehen."

Zwei Stationen später stieg der Inzest-Typ aus. Ein älterer Mann, der mir quasi gegenüber auf einem der beiden Sitzplätze saß, sprach mich an: "Das war wirklich ungezogen von ihm. Der hatte vermutlich zu viel Zeit und suchte Streit." - Damit könnte er recht haben.

Donnerstag, 30. November 2017

Auf den Keks

Darf ich mal meckern? Also mal kollektiv? Freunde und Bekannte sagen ja immer, ich sei eine gute Autofahrerin. Sehr ruhig, besonnen, verausschauend. Üblicherweise rege ich mich nicht über andere Verkehrsteilnehmer auf. Es geht damit in der Regel dann sowieso nicht schneller und sich nicht aufzuregen, schont die Nerven. "Du hättest auch Fahrlehrerin werden können", meinte mal eine Bekannte zu mir, der ich vor einiger Zeit in den ersten Stunden nach Bestehen der Fahrprüfung damit geholfen habe, dass ich bei ihr im Auto mitgefahren bin und sie begleitet habe, bis sie sich auch in der Großstadt sicher genug fühlte. Begleitet, soweit ich Zeit und denselben Weg hatte.

Mich regen Fahrschüler vor mir selbst dann nicht auf, wenn ich es eigentlich eilig habe. Mich nerven auch keine Leute, die offensichtlich gerade erst ihren Führerschein haben und noch unsicher sind. Oder alte Menschen, die eher vorsichtig sind und vielleicht nicht sofort alles überblickt haben. Oder wenn ein Rettungswagen mitten in der Einbahnstraße steht und nichts mehr geht. Oder der Müllwagen im Schneckentempo durch die Straße fährt und vor jedem Haus stehen bleibt. Alles kein Problem.

Aber diese hier:

1. Die Chaoten. Hämmern mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch die verkehrsberuhigte Zone oder fahren 130 dort, wo 70 erlaubt sind. Kennen jeden stationären Blitzer und haben möglichst noch irgendwelche Warngeräte installiert. Bremsen dann übertrieben auf 35 runter, obwohl 70 erlaubt sind. Liefern sich anschließend Wettrennen oder fordern mich an der Ampel zu selbigem heraus. Bringen mich um meine Nachtruhe, wenn sie um halb eins in der Nacht nochmal Vollgas geben und ihre unzulässig veränderte Auspuff-Anlage vor meinem Schlafzimmerfenster röhren lassen müssen. Müssen am Stau über den Standstreifen, eine riesige Staubwolke hinter sich her ziehend, vorbeikacheln. Möglichst jeden Morgen. Bestehen dann am Ende des Standstreifens auf das Reißverschluss-Prinzip, lassen aber andersherum niemanden einfädeln. Fahren völlig zugedröhnt mit lauter Musik bei Dunkelrot noch über die Ampel. Parken überall, vorzugsweise auf Behindertenparkplätzen, meistens mit Warnblinklicht, damit jeder weiß, dass sie wissen, dass es eigentlich verboten ist.

2. Die Abgelenkten. Machen alles außer Autofahren. Telefonieren während der Fahrt, eiern dabei durch alle Fahrstreifen. Bleiben bei grün an der Ampel stehen, um dann bei dunkelgelb loszufahren. Schaffen es nicht, auf 50 zu beschleunigen, sondern fahren 40 und bekommen nicht mit, dass sie deshalb an jeder Kreuzung die grüne Welle verpassen. Winken bei grüner Ampel erstmal von links und rechts Leute rein, anstatt sowas zu machen, wenn die Ampel rot ist und eh alle warten müssen. Fahren beim Abbigen nicht bis zur Kreuzungsmitte vor, sondern bleiben mit den Hinterrädern auf der Haltelinie kleben. Vor allem bei Ampeln, die nur kurz grün zeigen. Bremsen bei grünen Abbiege-Ampeln nochmal ab, weil sie sich gerade nicht sicher sind, ob der Gegenverkehr vielleicht auch grün haben könnte. Fahren im dicksten Nebel ohne Licht, weil sie ja einen Helligkeitssensor haben. Beschleunigen, wenn sie überholt werden. Wenn man sich dann wieder hinter ihnen einordnet, werden sie wieder so langsam, dass man erneut zum Überholen ansetzt. Bleiben bei Stau mitten in der Kreuzung stehen und blockieren so auch noch den Querverkehr.

Die gehen mir auf den Keks. Ernsthaft.

Sonntag, 26. November 2017

Studium, Nachbar, Partner

Es wird allerhöchste Zeit, dass mein Praktisches Jahr vorbei ist. Ich fühle mich, als machte ich im Moment außer arbeiten, lernen und schlafen nichts anderes mehr. Derzeit zeichnen sich Interesse und Arbeitsbereitschaft enorm aus. Und die Bereitschaft, die Scheißjobs ohne großes Aufsehen abzuarbeiten. Entsprechend habe ich acht bis vierzehn Stunden pro Tag oft ununterbrochen mit Menschen zu tun, die einfach nur anstrengend sind. Respektlos, laut, egoistisch, dumm. Und oft auch sexistisch. Mein gestriges Highlight war die Frage, ob man einen Sonografie-Schallkopf auch vaginal einführen könnte und ob das Spaß macht. Als ich direkt zum roten Faden zurückkehrte, griff der Mann um die 40 das Thema noch einmal auf und fragte direkt noch einmal nach, ob ich jemanden kennen würde, der sich das Ding schonmal eingeführt hat. Seine Frau sitzt daneben und lacht sich kaputt. Und nein, es war kein Stab-Sono, wie es der Frauenarzt benutzt und das aussieht wie eine elektrische Zahnbürste, sondern ein ganz normaler Konvexscanner, wie man ihn auch vom Babys-Gucken kennt. Den wird sich niemand freiwillig irgendwo einführen.

Zu meinem verstorbenen Nachbarn gibt es auch einige Neuigkeiten: Inzwischen haben sich Kinder dieses Mannes daran gemacht, die Wohnung aufzuräumen und den ganzen Müll in blauen Säcken aus dem Fenster zu werfen (und unten mit einem Pritschenwagen einer Autovermietung zur Mülldeponie zu bringen). Tatsächlich klingelten sie am Freitag hier und wollten sich mit einer großen Tafel Schokolade bei mir bedanken. Sie hätten gehört, dass ich mich um ihn gekümmert hätte. Leider hatten beide seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, da er diesen nicht wünschte. Wir haben uns eine Zeitlang unterhalten.

Danach hätten beide Kinder noch bis vor etwa vier Jahren regelmäßig Kontakt gehabt und ihren (geschiedenen) Vater etwa zwei bis drei Mal pro Jahr besucht. Sie hätten auch noch etwa einmal monatlich bis zum Schluss mit ihm telefoniert. Er sei immer klar gewesen und orientiert, konnte mitreden, auch zum Tagesgeschehen. In den letzten vier Jahren wollte er schlagartig keinen Besuch mehr und hat es immer wieder mit neuen Ausreden erklärt. Letztlich hätten sich die Kinder oft die Frage gestellt, was wichtiger ist: Der Kontakt und das Vertrauen - oder das Hinwegsetzen über die Wünsche (niemanden zu sehen), verbunden mit Klarheit (über die Situation), aber vermutlich auch mit einem Vertrauensverlust. Aufgesprochen auf den massiven Alkoholmissbrauch, sagten beide Kinder, dass der Vater bereits vor 30 Jahren alkoholkrank war und nie eine Therapie gemacht hat. Schon als beide zur Schule gingen, hat er jeden Abend bis zu 10 Dosen (0,5 Liter) Bier getrunken. Erst später kam auch noch Hochprozentiges dazu.

Das heißt im Klartext, dass er seit dreißig Jahren kaum mehr nüchtern war. Selbst wenn er normal gebaut war, normal gegessen, sich normal bewegt hat, tagsüber kein Alkohol getrunken hat: Bis 5 Liter Bier abgebaut sind, braucht es wohl rund 20 bis 24 Stunden. Wenn ich mir das vorstelle ... nicht nur die Menge, die man anschließend pinkeln muss, sondern auch die Ausfälle, die das mitbringt! Ich habe einmal auf einer Party an einem Badesee an einem warmen Sommerabend über mehrere Stunden verteilt insgesamt drei große Flaschen kühles Bier getrunken. Dazu normal gegessen (es wurde gegrillt, gab dazu Brot und Salate und später noch Knabberzeugs). Okay, ich bin nicht so groß und wiege nicht so viel, ich bin eine Frau, das ist nicht vergleichbar. Dennoch: Die dritte Flasche war mir schon zu viel. Ich war nach zwei Flaschen schon so durch den Wind, dass mich plötzlich alle Jungs süß fanden. Und ich hatte gefühlt auch alle lieb. Am Ende war ich froh, dass wir dort gezeltet haben und ich nicht noch irgendwo hinrollen musste.

Ich bin froh, dass auch mein derzeitiger Partner kaum Alkohol trinkt, nicht raucht und auch keine Drogen nimmt. Wir hatten am letzten Wochenende endlich mal wieder viel Zeit für uns. Während mir meine wenigen früheren Beziehungen immer sehr viel bedeutet haben, sehe ich das inzwischen etwas lockerer. Damit ist nicht gemeint, dass wir eine offene Beziehung führen und jemand noch mit anderen Leuten ins Bett geht. Im Gegenteil: Wir gehen beide sehr wohl von Exklusivität aus. Ich halte mich daran auch, und ich vertraue ihm, dass er es auch tut. Mit "etwas lockerer" meine ich die Hoffnung, den Glauben, vielleicht sogar den Anspruch daran, dass diese Beziehung für immer halten wird. Dass wir in zwei, drei, fünf, zehn Jahren noch zusammen sind. Wenn es so ist und wir damit glücklich sind, ist es schön (denn glücklich zu sein ist immer schön), wenn nicht, hat es dafür wohl nicht gepasst. Ich will insgesamt damit sagen, dass ich mir komplett abgewöhnt habe, eine Beziehung als "Institution" anzusehen und diese "Institution" zu bedienen. Stattdessen "bediene" ich die Beziehung selbst. Gerade in der schwierigen Zeit der letzten zwei Jahre habe ich einige Gedanken dazu durchaus noch einmal etwas neu ausgerichtet. Und zwar durchaus tiefgründiger als es in einen Absatz passt. Vielleicht schreibe ich darüber demnächst noch einmal ausführlicher.

Für den Moment habe ich es erwähnt, weil er nicht nur total verknallt ist und mich noch immer anhimmelt, was ich wunderschön finde, sondern mich irgendwie auch "vergöttert". Was auch sehr schön sein kann, was mir bei ihm manchmal aber eine Spur zu extrem wird. Zum Beispiel, wenn er die erwähnte "Exklusivität" der Beziehung für ihn auch bedeutet, dass er sich außerhalb unseres Zusammenseins jede sexuelle Aktivität verbietet. Als freiwillige Entscheidung, an der ich mir kein Beispiel nehmen müsse. Er sagt, er brauche eine gewisse visuelle Stimulation, wenn er masturbiert. Oder auf Deutsch: Augen zu und träumen reicht nicht. Und da ich ihm keine entsprechenden Bilder oder Clips von mir zur Verfügung stellen möchte (nicht nur ihm, sondern niemandem, denn man weiß ja nie, wo die nach einer hässlichen Trennung oder nach einem Systemfehler noch überall auftauchen), findet er, dass er mich so betrügen würde (beim Anschauen anderer Frauen).

Und tatsächlich scheint er das auch durchzuziehen. Was aber zur Folge hat, dass er, wenn wir uns am Wochenende nach fünf bis sechs, manchmal auch zwölf bis dreizehn Tagen wiedersehen, dermaßen unter Druck steht, dass ich gerade nicht weiß, ob es ihm und uns vielleicht besser ginge, wenn er sich hier mehr Freiräume gönnen würde. Dass er, soweit es geht, gleich über mich herfällt, gefällt mir meistens sehr. Nur ist er dann nach spätestens drei Minuten fertig. Neulich kam er schon, als ich ihm die Jeans aufgemacht habe. Mengenmäßig nehme ich ihm die ein bis zwei Wochen Enthaltsamkeit sofort ab. Emotional auch. Wobei es sehr gemischte Emotionen sein können. Neulich fing er zu weinen an und wusste gar nicht, warum. Er meinte, er wollte eigentlich lachen, aber das ginge gerade nicht. Es ginge ihm aber gut.

Wenn ich komme, möchte ich anschließend am liebsten ganz eng kuscheln. Und vielleicht in fünf, zehn, fünfzehn Minuten nochmal wieder etwas heftiger werden. Er ist, wenn er gekommen ist, erstmal offline. Er könnte, wie ein sattes Baby im Arm, dann unvermittelt glücklich einschlafen. Das Problem ist: Mir bringt "Jeans öffnen" vielleicht klebrige Finger, aber keine eigene Befriedigung. Das ist kein Vorwurf, im Gegenteil: Wenn ich merke, dass es bei ihm so schnell geht, mache ich alles, damit es sich der Moment für ihn trotzdem toll anfühlt. Und es ist auch völlig okay. Sex ist für mich kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, wer der Beste ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viel Angst ich um meine Attraktivität wegen meiner Querschnittlähmung hatte (und auch manchmal immernoch habe).

Meistens ist es dann am Samstagmorgen oder Sonntagmorgen richtig schön. Da passt dann alles. Außer dass ich abends oft mehr Hormone im Blut habe als morgens. Aber es klappt trotzdem. Gerne würde ich auch die "stürmische Begrüßung" noch anders genießen können. Vielleicht sind meine Erwartungen diesbezüglich zu hoch. Ich werde es wohl herausfinden müssen.

Freitag, 10. November 2017

Gangster und Agenten

Es war mal wieder eine aufwühlende Zeit. Der Schichtdienst, in den man mich inzwischen mehr oder weniger vollständig eingebunden hat, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich meine, einerseits bin ich ja froh, dass dieses Krankenhaus mich "normal" behandelt und mir vertraut. Und offenbar mit dem, was ich in meiner Schicht tue, einverstanden bis zufrieden ist. Vielleicht ist es auch einfach nur der Personalstruktur geschuldet, so dass man alles einsetzt, was irgendwie ein Stethoskop und ein Telefon richtig herum halten kann. Denn eigentlich soll man im PJ ... ach, lassen wir das.

Andererseits weiß ich schon jetzt, was ich später nicht machen möchte. Auch wenn es mir irgendwie Spaß macht. Aber in einer chirurgischen Aufnahme hat man zwangsläufig mit Menschen zu tun, mit denen man eigentlich nicht zu tun haben möchte - falls mal jemand fragt. Man lebt nicht nur gefährlich, sondern hat oft das Gefühl, sich schlafen zu legen wäre sinnvoller als zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn jemand mit einem eingewachsenen Nagel nachts um halb drei von mir verlangt, die Blutung am kleinen Zeh zu stillen. Oder in einer herbstlich bedruckten Serviette fünf haselnussgroße stinkende Kotkügelchen mitbringt, um ein Abführmittel ausgehändigt zu bekommen.

Vor zwei Monaten hatte ich über einen Nachbarn geschrieben, der mit 71 Jahren nach hohem täglichen Alkoholkonsum in "mein" Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hatte einen Entzug begonnen und ich war verhalten optimistisch, dass er anschließend auch versuchen wird, die psychische Abhängigkeit in den Griff zu bekommen.

Ich habe ihn in meiner Dienstzeit mit dem Segen meiner Chefin immer mal wieder besucht. Einmal pro Schicht. Einerseits, weil ich natürlich wissen wollte, was aus ihm wird. Andererseits, weil er keinen Besuch bekam. Von niemandem. Niemand aus der Familie interessierte sich für ihn. Keine Freunde, einfach niemand. Absolut traurig.

Gleich bei meinem ersten Besuch sprach mich der behandelnde Assistenzarzt an. Wollte weitere Informationen von mir, die ich aber gar nicht hatte. Wir lebten schließlich nur unter einem Dach, hatten sonst nichts miteinander zu tun. "Er hat nach dir gefragt. Und er hat gesagt, dass ich mit dir alles besprechen soll und du für ihn entscheiden sollst, was gut für ihn ist." - "Das möchte ich gar nicht. Er kann sich mit mir gerne beraten, sofern ich das als PJlerin überhaupt überblicke, aber ich werde nichts für ihn entscheiden."

Ich sprach ihn darauf an. Er relativierte: "Es ist so, dass hier alle paar Stunden jemand anderes für mich zuständig ist. Dann wieder der eine, dann wieder der andere. Je nach Schicht. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Können wir nicht miteinander sprechen, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe?"

Also habe ich mich informiert. Mit den ersten Untersuchungen hatte man eine Anämie festgestellt, also einen Blutmangel. Dabei ist zu wenig Hämoglobin im Blut. Hämoglobin ist ein Protein, das den Sauerstoff transportiert. Hat man zu wenig davon, muss das Herz schneller schlagen, um den Sauerstofftransport im Blut aufrecht zu halten, und man ist ständig "außer Atem", schon bei geringer Belastung. Die Ursache könnte falsche Ernährung sein, so dass zu wenig Eisen aufgenommen wird. Ohne Eisen gibt es nicht genug rote Blutkörperchen, ohne neue rote Blutkörperchen gibt es kein neues Hämoglobin. Es kann aber auch ein Blutverlust ursächlich sein. Oder beides. Oder noch was anderes.

Nun hatte man bei ihm sowohl eine Mangel-Ernährung angenommen (er hatte sich ja fast nur noch von alkoholischen Getränken "ernährt"), zumal auch alle wichtigen Vitamine fehlten, was insbesondere bei verschiedenen B-Vitaminen auch höllische Nervenschmerzen machen kann, hatte aber auch Werte im Blut gemessen, die auf einen entzündlichen Vorgang im Körper hinwiesen. Und eine Entzündung kann auch mit Blutverlust einhergehen.

"Sie wollen, dass ich eine Magenspiegelung machen lasse", sagte er. "Würden Sie mir das zu- oder abraten?" - "Weder noch", sagte ich. Ich erklärte ihm, was da passiert, und welchen Sinn es hat. Am Ende stimmte er zu. Ich fragte meine Chefin, ob ich dabei sein dürfte. Ich durfte. Und ob es ihm recht wäre. Sehr recht. Und wie zu erwarten war, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, war die Magenschleimhaut überall entzündet, zwei blutende Geschwüre am Übergang zum Zwölffingerdarm zu sehen - könnte sein, dass daher die Entzündungszeichen im Blut kamen.

Nach der Narkose entwickelte er ein Delir, also eine Verwirrtheit. Er wusste teilweise nicht mehr, wo er war, wer er war, war unruhig, fahrig, redete dummes Zeug. Von nächtlichen Überfällen durch irgendwelche Gangster (vermutlich hatte jemand Fieber gemessen). Das ist nicht ungewöhnlich. Zwischenzeitlich, vor allem morgens, wurde er aber wieder klar. An einem Morgen sprach mich die Schwester an: "Ihr Vater hat nichts anzuziehen. Vielleicht schaffen Sie es ja trotz Ihrer Behinderung mal, drei Hemden oder so zu kaufen."

Was für eine blöde Schrippe! Nicht, weil sie annahm, er könnte mein Vater sein. Sondern für diese Bemerkung mit der Behinderung. Dennoch fuhr Socke nach Feierabend bei Clemens und August vorbei, um ein paar Schlübber und ein paar T-Shirts für ihn zu kaufen. Und Socken, weil er kalte Füße hatte. Socke veranlasste auch, dass der Friseur und die Fußpflege zu ihm kamen, da weder die langen Haare noch die langen Fußnägel wirklich schön aussahen. Das alles kostete mich mal eben 90 Euro.

Alkohol wollte er keinen. "Ich trinke nicht mehr", sagte er. Seit Tagen bekam er immer wieder Fieberschübe. In einer Blutkultur stellte man fest, dass sein Blut mit Alpha-Streptokokken besiedelt war. Man weiß, dass diese ebenfalls Hämoglobin abbauen. In diesem Fall vermutete ich, dass sie über die kariösen Zähne in die Blutbahn gekommen waren. Viele dieser Stämme greifen die Herzklappen an, teilweise so sehr, dass sie durch künstliche Herzklappen ersetzt werden müssen. Erstmal konnte ein Antibiotikum erreichen, dass der Befall massiv eingedämmt wurde. Solange die Baustellen im Mund jedoch nicht geschlossen werden, wäre der Erfolg aber wohl nur von kurzer Dauer.

"Können Sie mir einen Gefallen tun?", fragte er mich an einem Morgen, völlig klar. Ich antwortete: "Das kommt auf den Gefallen an." - "In meiner Wohnung liegt Geld. Mein Nachbar, der Herr ..., hat einen Wohnungsschlüssel. Ich möchte nicht, dass das Geld plötzlich weg ist. Ich möchte, dass Sie sich Ihr Geld für den Friseur und die Fußpflege und die Hemden rausnehmen und den Rest sicherstellen. Machen Sie das für mich? Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen sollte." - "Eigentlich nicht." - "Bitte." - "Ich überlege es mir."

Wollte ich mich da so einbringen? Und einbinden lassen? Andererseits war er nicht nur ein Patient, sondern auch ein Nachbar. Und ich war offenbar im Moment die einzige, die sich um ihn kümmerte. Ein wenig. Ich sprach mit meiner Chefin. Sie riet mir ab. Am Ende müsste ich es selbst entscheiden, verbieten könnte mir das niemand. Bei einem Patienten sehe sie Interessenkonflikte, da würde sie es verbieten, hier sei es zusätzlich ein Nachbar. Schwierige Situation. "Wenn du da rein gehst, nimm einen Zeugen mit. Und zieh dir Handschuhe an, wer weiß, was da alles lebt und wohnt."

In einer Schublade im Schlafzimmer sei ein Umschlag mit mehreren Scheinen. Ich sagte, ich würde mit einer Freundin dort hingehen, damit ich einen Zeugen habe. Er sagte: "Wenn Sie das Geld unterschlagen, ist es weg. Das ist mir aber viel lieber, als wenn der Nachbar es klaut. Aber ich weiß, dass Sie ein ehrlicher Mensch sind." - "Ich mache es nur unter einer Bedingung: Ich zähle es in der Wohnung und überweise es auf ihr Girokonto, bevor ich es an mich nehme. Ich möchte nicht mit Geld herumlaufen, das mir nicht gehört." - "Das ist eine gute Idee. In der Schublade liegt auch meine Bankkarte. Die lassen Sie bitte dort, aber da steht meine Kontonummer drauf. Wenn Sie das für mich machen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar."

Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin, als ich mit seinem Schlüssel, den er gerade von der Feuerwehr bekommen hatte (nach der Türöffnungs-Aktion), seine Wohnungstür aufschloss. Jene Bekannte, die mit mir manchmal zusammen schwimmt, war dabei. Beißender Gestank kam aus der Wohnung. Ich blieb gleich hinter der Tür stehen, hielt meinen Ärmel vor den Mund. Meine Bekannte ging zum Fenster und machte erstmal Durchzug. Bekackte Klamotten lagen auf der Erde. Inzwischen eingetrocknet. Verschimmeltes Brot lag auf dem Küchentisch. Überall leere Flaschen, Dosen, Müll. Ich merkte, dass meine Hilfsbereitschaft zu weit ging. Ich bereute in diesem Moment, hier zu stehen. "Wo soll das sein?", fragte mich meine Bekannte. Im Schlafzimmer hatte jemand gegen die Wand gekotzt. "Stoß bloß nirgendwo gegen die Wand", sagte sie zu mir, obwohl ich noch immer hinter der Eingangstür stand. Sie kam mit einer Waffe in der Hand zurück. "Hände hoch", sagte sie.

"Bist du irre? Pack das weg. Wo hast du die her?", fragte ich erschrocken. Sie grinste: "Oberste Schublade. Scheint nur Gas zu sein." - "Weg damit! Bevor sich noch jemand verletzt. Hast du die Kohle?" - "Noch nicht. Warte, hier." - In Handschuhen zählt es sich schlecht. Zudem waren das alles neue Scheine. Nur grüne Hunderter. Sechsunddreißig Stück. Oder? Nach vier Mal zählen waren wir uns sicher. Die Bankkarte war auch da. Ich rief mein Onlinebanking auf. Und erinnerte mich, dass ich ja vom Handy keine Überweisungen vornehmen kann. Aus Sicherheitsgründen. "Lass das alles so liegen. Wir gehen in meine Wohnung, überweisen die Kohle, solange kann das hier noch lüften, und dann holen wir die anschließend."

Gesagt, getan. 3.600 € überwiesen, wieder in die Wohnung, alle Fenster zu, alle Heizungen abgestellt, das Geld im Umschlag zwischen meinen Rücken und die Rückenlehne (nicht, dass das im Treppenhaus oder im Aufzug noch jemand sieht), Tür auf und: "Na, was machen Sie da?" - Zwei uniformierte Menschen. Und zwei weitere kamen gerade die Treppe hochgelaufen. Wie sollte es auch anders sein? Mein Magnet ... ich hasse ihn. "Stellen Sie sich da mal bitte dort an die Wand", sagten sie zu meiner Freundin. Irgendein Ar... aus dem Haus musste dort angerufen haben. Sehr freundlich, man hätte auch einfach mal fragen können. Meine Freundin wurde abgetastet, mich ließ man in Ruhe. Super. So viel Geld in der Tasche, eine Kanone im Nachtschrank, wenn mich einer gefragt hätte, wie ich mir eine blöde Situation vorstelle, hätte ich sie nicht besser beschreiben können.

"Wohnen Sie hier?" - "Nein." - "Was machen Sie hier?" - "Der Mieter, der Herr ..., liegt im Krankenhaus. Ich besuche ihn regelmäßig. Er hat mich gebeten, einmal zu lüften und nach dem Rechten zu sehen." - "Aha. Mit Handschuhen, ja? Ist klar. Haben Sie mal einen Ausweis für mich?" - "Die Wohnung ist sehr schmutzig. Daher die Handschuhe." - Wie gut, dass ich das Geld nicht in mein Portmonee gesteckt hatte. Er fragte: "Stimmt die Adresse hier noch? Dann wohnen Sie hier ja doch." - "Ja, aber nicht in dieser Wohnung." - "In welchem Krankenhaus liegt der Herr ...?" - Ich sagte ihm das Krankenhaus mit Station und Zimmer. Er fragte: "Und Sie sollten was tun?" - "Einmal nach dem Rechten sehen."

Hinter der Nachbartür guckte einer durch den Türspion. Sollte ich winken? Der Polizist sagte: "Ich will ganz ehrlich sein: Für mich wirkt es so, als hätten Sie gewusst, dass Ihr Nachbar nicht kommt und sind mit dem Nachschlüssel, den er Ihnen gegeben hat, damit Sie Blumen gießen, in die Wohnung eingebrochen. Das mit den Handschuhen ist nahezu eindeutig. Meine Kollegin wird Sie daher jetzt beide durchsuchen. Wollen wir das auf der Wache machen oder gehen wir dazu in Ihre Wohnung?" - "Wir gehen in die Wohnung, und ich würde Sie bitten, dass Sie zunächst einmal von unserer Unschuld ausgehen und Kontakt zu dem Nachbarn aufnehmen." - "Wir werden hier vor Ort die Faktenlage festhalten und dann wird die Kripo entscheiden, ob Sie einem Haftrichter vorgeführt werden. Selbstverständlich fragen wir auch noch den Herrn ..., aber ich mache meinen Job auch nicht erst seit gestern."

"Sie sollten wirklich niemanden vorverurteilen." - Das Funkgerät fing an zu brabbeln. Jemand sagte: "Also wir haben hier nochmal mit den Nachbarn gesprochen. Der Anrufer gab uns noch einen weiteren Namen, Herrn ..., der hätte bis vor kurzem noch einen Schlüssel zur Wohnung gehabt, und er hält es für unwahrscheinlich, dass er die Studentin und ihre Freundin damit beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Der lebte absolut zurückgezogen." - In dem Moment wurde mir klar: Der Nachbar hatte ja gar keinen Schlüssel mehr! Der konnte ja gar nicht an das Geld, weil die Feuerwehr nach der Türöffnung einen neuen Zylinder ins Schloss eingebaut hatte. Der ganze Zirkus war überflüssig! Und ich stecke hier in der Scheiße! Und wenn die da jetzt (abends!) vorbei gingen und ihn fragten, würde er sowieso nur dummes Zeug reden. Aus seinem Delir heraus, was immernoch gerade abends stark ausgeprägt war.

Ich sah mich schon im Knast. Spätestens, wenn man das ganze Geld bei mir findet. Zum Glück hatte ich das vorher überwiesen. Als hätte ich sowas geahnt. Ob mich das noch retten würde? Ein Handy klingelte. Einer der Beamten ging dran. "Also stimmt das doch? Dann haben wir die Personalien und machen hier erstmal nichts weiter? Okay." - So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg. Ohne von dem Geld erfahren zu haben. "Der Herr ... hat gerade meinen Kollegen gesagt, dass er Sie beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Und der Bettnachbar hat es auch bestätigt. Es tut mir leid, die Fakten sprachen erstmal gegen Sie. Und wir erleben täglich das Gegenteil. Aber es hat sich zum Glück ja schnell geklärt. Auf Wiedersehen!"

Die Tür war gerade zu, da fährt mich meine Bekannte an: "Bist du noch ganz klar? In welche Situation bringst du mich hier? Ich könnte dir gerade echt ein paar knallen." - "Nun beruhige dich doch mal. Woher sollte ich wissen, dass so ein bescheuerter Nachbar gleich die Bullen ruft?" - "Eine Schnapsidee war das." - "Sollen wir den Nachbarn mal zur Rede stellen? Der hätte doch einfach nur mal klingeln brauchen." - "Nee. Am Ende ruft der nochmal die Bullen, wenn wir da klingeln. Wir hätten ja auch eine Waffe haben können, warum sollte er klingeln?"

Am nächsten Morgen erzähle ich die Story meiner Chefin. "Ich habe dir davon abgeraten. Gerade wenn Geld im Spiel ist. Dann behauptet er später, da lag noch ein zweiter Umschlag und jetzt ist der auch weg. Nicht einbinden lassen. Du willst dem helfen, das ist auch absolut süß. Aber du begibst dich dabei unnötig in Gefahr."

Ja, vielleicht bin ich zu naiv. Ich besuchte meinen Nachbarn. Im Zimmer stank es, obwohl zwei Fenster offen waren. Er saß auf der Bettkante, redete wirr. Ich sprach die Schwester an. "Ich kenne ihn nur so." - "Gestern abend war er doch noch klar." - "Ich kenne ihn nur so." - Danke für das Gespräch. Der Assistenzarzt sagte, das Delir sei stärker geworden. Er habe heute morgen auf seinem Bett gesessen und alles mit Kot beschmiert. Das ganze Laken war auch voller Blut. Wir wollen sehen, dass wir noch eine Darmspiegelung machen, um zu schauen, wo das ganze Blut herkommt.

Von dem Geschwür im Zwölffingerdarm konnte das Blut nicht kommen. Auch wenn es dort blutete, das vermischt sich ja mit dem Nahrungsbrei. Da musste noch etwas im Dickdarm sein. Gegen Mittag wurde er wieder klar. Der Assistenzarzt rief mich an. Ich sprach kurz mit meinem Nachbarn. Sagte ihm, dass wir das Geld sichergestellt hätten. "Da waren gestern Agenten an meinem Bett, die wollten wissen, ob sie in meiner Wohnung schlafen können." - Es hatte keinen Sinn.

Ich war auch bei der Dickdarmspiegelung dabei. Schon auf den ersten dreißig Zentimetern war ein großer blutender Tumor. So, wie der aussah, konnte er nicht gutartig sein. Aber man lässt ja trotzdem das Gewebe untersuchen. "Wir spiegeln nicht mehr weiter, wir müssen entscheiden, ob wir operieren wollen. Das kommt aber nicht mehr auf einen Tag an. Und er sollte zustimmen. Oder es muss ein Betreuer bestellt werden. Wir werden das jetzt über den Sozialen Dienst anregen."

In den nächsten Tagen wurde er gar nicht mehr klar. Fünf Tage später gab es plötzlich Probleme mit dem Blutdruck. Er bekam Kreislauf stabilisierende Medikamente. Man suchte einen Platz auf der Intensivstation für ihn. Man müsste ihn dafür in ein anderes Krankenhaus verlegen. Kurz bevor die Verlegung losgehen sollte, hörte sein Herz auf zu schlagen.

Irgendwie hat mich das alles sehr aufgewühlt. Ich lag über Stunden nachts wach und habe über alles mögliche nachgedacht. Ob ich nochmal jemandem so helfen werde. Vermutlich nicht. Zumindest nicht, wenn er auch Patient ist. Traurig war ich nicht. Eher froh, dass ihm das, was jetzt vielleicht noch alles gekommen wäre, erspart blieb.

Samstag, 21. Oktober 2017

Renate und Chantal

Ich habe wirklich sehr lange hin und her überlegt. Eigentlich kann man im Praktischen Jahr, in dem ich gerade stecke, nicht einfach fehlen. Man darf insgesamt 30 Tage (egal, aus welchen Gründen) abwesend sein. Blöd wäre natürlich, wenn ich bis zum April (dann ist das dritte Drittel vorbei) noch krank werde und deshalb längere Zeit flach liege. Allerdings muss ich bis Weihnachten insgesamt 10 freie Tage genommen haben, sonst verfallen sie.

In der letzten Woche hätte ich an drei Tagen arbeiten sollen - und habe mir diese drei Tage frei geben lassen. Um etwas für meinen Körper zu tun, was mir schon lange fehlte. Ich bin am Freitagabend in ein Trainingslager gefahren. Für eine Woche. Ein offener Workshop im Schwimmen, in Deutschland, mit völlig fremden Menschen. Eigentlich nicht für Menschen mit Behinderung konzipiert, aber eine Bekannte aus der Uni, mit der ich hin und wieder zusammen schwimme, hatte sich dort angemeldet und meinte, der Kurs würde nicht stattfinden, weil eine Anmeldung fehle. Die Mindest-Teilnehmerzahl von 25 sei um eine Person unterschritten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren alle aus einem Umkreis von 400 Kilometern angereist und im Alter zwischen 14 und 50 Jahren. Ich war allerdings die einzige Teilnehmerin mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Und meine Bekannte aus der Uni hat im letzten Moment wegen einer Erkältung abgesagt, so dass ich als einzige Teilnehmerin niemanden vorher kannte.

Die Unterbringung war in einer Art Jugendherberge - in Sechserzimmern. Noch bevor die Zimmerverteilung geklärt werden konnte, fragte mich eine ältere Teilnehmerin, Renate, ob ich denn als Rollstuhlfahrerin überhaupt schwimmen könnte. Als ich das bejahte, legte sie den Kopf schief und meinte, ich würde mich doch selbst in Gefahr bringen oder mindestens den Betrieb aufhalten. "Behinderte sind doch irgendwie Scheiße. Ich hoffe, du schwimmst nicht in meiner Bahn."

Danke fürs Gespräch. Klasse, wenn Menschen quasi zur Begrüßung gleich solche Dinge raushauen. Inzwischen bin ich ja abgebrühter als noch vor Jahren. Früher war ich nicht so schlagfertig, wollte keinen Streit. Heute habe ich geantwortet: "Ja, das hoffe ich auch." - Sie wollte wissen, was das heißen sollte. Ich ignorierte sie erstmal demonstrativ. Der Rest der Leute war ganz okay. Und die vorurteilsbehaftete Renate bekam ein Einzelzimmer. Auf eigene Kosten, nachdem sie "den Schweiß junger Mädchen" nicht riechen wollte.

In meinem Zimmer schlief eine junge Frau namens Chantal. Ich weiß, dass sich nicht vom Namen auf den Charakter schließen lässt. Ich weiß als Blondine auch, dass die Wörter "blond" und "blöd" manchmal nur zufällig mit denselben Buchstaben beginnen. Fällt jemandem eine Erklärung ein, warum Chantal sich noch vor dem Betten beziehen darüber aufregt, dass es weder einen Fernseher auf dem Zimmer gibt noch der Handyempfang ausreicht, um "Jung, pleite, verzweifelt" streamen zu können? "Das ist voll krass, ich seh mich da ganz oft selba wieda", lässt Chantal ihre Umwelt wissen. Nachdem sie von mir wissen wollte, ob meine Behinderung nur die Beine betrifft, fragte sie in die Runde: "Welche Furzregel gibt es eigentlich im Zimmer? Ich bin für 'Licht aus, alles raus', wenn ihr wisst, was ich meine. Das heißt, dass man im Bett einen rausballern darf, ohne dass man sich schlafend stellen muss."

Eine andere Teilnehmerin, die mit dem Rücken zu Chantal stand und mich anschaute, verdrehte die Augen und fasste sich mit der Hand an die Stirn. Wir hatten wohl im selben Moment den selben Gedanken. Machte es Sinn, mit Chantal über im Schlaf abgehende Darmwinde zu diskutieren? Nein. Ich habe gelernt, es sollen vier bis zehn sein pro Nacht, mit viel Luft nach oben bei Menschen, die ihren Nahrungsbrei schlecht verdauen. Es wäre also unsinnig zu behaupten, dass irgendeine der sechs Personen nachts im Schlaf nicht pupst. Aber wenn das schon verhandelt wird, bietet sich ja auch eine Chance, mein nächtliches Frischluftbedürfnis durchzusetzen: "Ich wäre dafür, dass hier gar nicht gefurzt wird. Aber ich würde mich kompromissweise auch auf deinen Wunsch einlassen, wenn wir dafür das Fenster nachts gekippt lassen können." - Eins zu Null für mich.

Im Wasser war ich natürlich die Attraktion. Dass der Rollstuhl nicht mit ins Wasser kommt, war entweder allen klar oder es hat sich niemand zu fragen getraut; aber dass jemand ohne Beineinsatz 50 Meter in 50 Sekunden krault, hat einige schon fasziniert. Renate konnte es nicht zugeben, sondern musste weitere Gehässigkeiten rauslassen. Auch die Frage, ob ich Sex haben kann, fand ich zumindest in der Schwimmhalle unangemessen. Geschockt hat sie mich aber nicht.

Licht ins Dunkel kam für mich, als sie morgens beim gemeinsamen Frühstück erstmal ihre ganzen Pillen auspackte. Ganz ehrlich: Wenn ich Psychopharmaka einnehmen würde, dann würde ich mir eine Medikamentenbox holen und die Tabletten irgendwo im Off aus dem Blister in die Box umfüllen. Einfach, um Nachfragen jener Renates und Chantals zu vermeiden, die schon Menschen mit körperlicher Behinderung als potenziell durchgeknallt ansehen. Renate nahm alleine zum Frühstück vor allen Leuten demonstrativ 30 mg Aripripazol, 300 mg Venlafaxin und 2,5 mg Lorazepam ein - vermutlich litt sie also unter einer bipolaren affektiven Störung und unter starken Ängsten. Das rechtfertigte zwar nicht, so gehässig und distanzlos zu mir zu sein, aber vermutlich ließ es sich damit erklären. Ich habe mir nicht anmerken lassen, dass ich wusste, was sie da nimmt. Und vor allem: In welchen Mengen. Ich würde bei einer solchen Einnahme allenfalls noch als Zombie durch die Gegend rollen. Renate aber fuhr noch Auto.

Und sang. Nachts auf dem Innenhof. Laut. "Wenn ich zum Markt geh, dann kauf ich dir ein Hähnchen, und das soll dich jeden Morgen wecken." - Wirklich wahr. Es folgten Gespräche zwischen der Trainerin und Renate. Am vierten Tag saß sie heulend beim Frühstück, meinte, die Trainerin sei Schuld, dass sie sich nun eine "Angstdosis" reinziehen müsste. 10 mg Zopiclon, einen Flachmann auf Ex und ab ins Bett. Als sie wieder aufwachte, haben die Trainer sie nach Hause geschickt. Ich hatte ja schon Bedenken, ob sie überhaupt wieder aufwachen würde, aber ich glaube, ich bin da noch zu unerfahren.

Und Chantal? Pupste nachts zwar munter, konnte ihr Niveau aber noch steigern. "Weißt du, was ich hasse? Wenn die ganzen Pupsblasen sich im Badeanzug verfangen."

Ansonsten war es eine schöne Woche. Die vielen anderen Menschen waren interessant bis wundervoll. Oft auch interessiert. "Darf ich mal sehen, wie du Auto fährst?", war die häufigste Frage. So hatte ich immer zwei bis vier Leute, die mit mir mal kurz zum Einkaufen fuhren, denn nur von der Kantinenkost konnte niemand überleben. Es gab viel zu wenig zu trinken, und damit meine ich keine Alkoholika, die ich sowieso nicht trinke. Socke musste also regelmäßig Einkaufslisten anfertigen und für alle möglichen Leute Gummitiere, Schoki und Energydrinks holen. Ich will ja nicht behaupten, dass ich nie Süßkram esse, aber was einige Leute sich so täglich ins System schütten - pfui. Aber mit eigenem Auto (als einzige neben der abgereisten Renate) war ich natürlich eine feste Größe im Team.

Ich weiß jetzt jedenfalls, warum ich gerade noch ein wenig schneller geworden bin und freue mich, dass ich das gemacht habe. Auch, wenn das mit einer Woche Funkstille in meinem Blog einher ging. Und wenn ich es so schnell nicht noch einmal brauche.

Montag, 9. Oktober 2017

Jung und alt

Das aktuelle Drittel meines Praktischen Jahrs verbringe ich in der Chirurgie. Und gerade in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses. Chirurgische und internistische Notaufnahmen sind dort getrennt, wenngleich sie im selben Gebäude, nur in unterschiedlichen Abschnitten liegen. Plötzlich kommt ein Anruf: Könnt ihr mal bitte eure Rollstuhlfahrerin rüberschicken? Ein zwölfjähriges Mädchen, Cerebralparese, geistig etwa auf dem Stand einer Sieben- bis Achtjährigen, klagte in der Schule plötzlich über Bauchweh und hat gespuckt. Schreit jetzt wie am Spieß und lässt nichts mit sich machen. Die Mama ist unterwegs, braucht aber noch mindestens eine Dreiviertelstunde.

Ist ja nicht das erste Mal und nicht die erste Geschichte dieser Art. Socke rollt hinüber, orientiert sich am Lärm. Und der ist ohrenbetäubend. Meine Güte, kann das Mädchen kreischen. Vielleicht sollte ich ihr auf die Schnelle noch ein T-Shirt drucken lassen: "Ich bin dein kleiner Tinnitus."

Pinker Rollstuhl, pinke Jeans, pinkes Top, lange, geflochtene blonde Haare, süßes Gesicht, vielleicht 140 Zentimeter groß und geschätzt 28 bis 30 Kilogramm schwer. Sieht überhaupt nicht krank aus. Guckt mich mit großen, strahlend blauen Augen an. Und sagt schlagartig keinen Pieps mehr. "Na, wer bist du denn?", frage ich sie. Sie guckt mich weiterhin mit großen Augen an. "Oder hast du keinen Namen?" - Ich drehe mich zu der anwesenden Ärztin. "Schreib mal auf: Süßes Mädchen ohne Namen." - "Ich heiße Emma und ich bin nicht süß. Nun spinn mal nicht rum! Jeder Mensch hat einen Namen!" - "Okay, dann schreib auf: Emma. Und wieso krähst du hier so laut? Das hört man ja einmal quer durch das ganze Gebäude!"

"Ich will keine Spritze!" - "Wer will dir Spritzen geben?" - "Weiß ich nicht. Warum sitzt du im Rollstuhl?" - "Weil ich nicht laufen kann. Und warum sitzt du im Rollstuhl?" - "Ich kann laufen! Willst du sehen?" - "Ja." - "Guck! So."

Emma lief wie ein Pinguin einmal quer von der einen Wand zur nächsten. Dann sagte sie: "Und jetzt will ich zu Mama." - "Mama kommt gleich. Sie fährt jetzt mit dem Auto hierher und holt dich ab. Aber das dauert noch einen kleinen Moment. So lange müssen wir noch warten. Aber das kriegen wir zusammen hin, oder? Wie alt bist du denn schon? Elf?" - "Nein, zwölf. Guck mal: Zehn Finger und nochmal zwei dazu." - "Hast du nur zehn Finger?" - Sie guckte auf ihre Hände und begann zu zählen. Oh nein, die war wirklich süß. Keine Widerrede. Sie sagte: "Ich hab nur zehn. Aber du hast doch auch nur zehn." - "Echt?" - Ich zählte: "Zehn neun acht sieben sechs - und fünf sind elf. Huch?" - "What?!" - "Elf. Nochmal. Zehn, neun, acht, sieben, sechs - und fünf sind elf. Komisch."

Ich nahm mir den Schallkopf vom Sonografiegerät, machte Glibber drauf, hob mein Hemd hoch und schmierte mir damit auf dem Bauch herum. "Huch, ist das kalt." - "Was machst du da?" - "Ich gucke gerade, ob man mein Frühstück noch sehen kann. Das ist nämlich ein Zauberstab, mit dem man sein Essen nochmal im Fernsehen sehen kann. Guck mal, da auf dem Fernseher. Siehst du?" - Sie nickte, obwohl da natürlich für sie nicht wirklich etwas zu erkennen war. "Huch, da ist ja mein Toastbrot von heute morgen. Und eine Kartoffel vom Mittagsessen. Erkennst du sie?" - Sie lachte. Ich machte weiter. "Das sind die Nudeln von gestern abend." - Nur nicht mein Herz schallen, ich glaube, das würde sie wohl erschrecken.

"Geht das bei mir auch?" - "Ich weiß nicht. Wollen wir das mal ausprobieren?" - Sie nickte eifrig. "Leg dich mal da hin, dann sieht man alles besser." - Die anwesende Kollegin schüttelte ungläubig ihren Kopf. Emma fuhr fort: "Warte ... so. Und du musst raten, was ich gegessen habe." - "Okay, ich rate ... Pommes frites. Nee. Moment. Sind das Fische?" - Sie lachte: "Irgendwo müssen noch zwei Bonbons sein." - "Moment, die finden wir auch noch."

Ja, ich möchte später mal in die Pädiatrie. Denke ich mir so, als die Mutter Emma abgeholt hatte. Vielleicht muss man wegen einmal spucken nicht gleich einen Rettungswagen rufen. Es war nämlich nichts los. Vermutlich hat sie sich einfach nur aufgeregt. Es gab nämlich eine neue Schulbegleitung bzw. Schulassistenz für Emma, und mit der hatte sie sich gleich gestritten.

Emma ist weg, ich will gerade wieder zurück in die Chirurgie, da wird in einem der im Eingang stehenden Rollstühle ein alter Mann hereingeschoben. Bläuliche Lippen, kalter Schweiß, aufgeregt. "Kann sich bitte mal jemand um meinen Urgroßvater kümmern? Der bekommt keine Luft", sagt ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt. Den alten Mann, dessen Gesicht voller Altersflecken ist, dessen Ohren riesengroß sind, schätze ich auf deutlich über neunzig Jahre. Von seinem akuten Problem abgesehen, sieht er eigentlich noch recht fit aus. Gut gekleidet. Er spricht auf Plattdeutsch (was für die Gegend, in der ich mein Praktisches Jahr mache, eher ungewöhnlich ist) sowas wie: "Dass ich das alles noch erleben muss!"

Es juckt mir in den Fingern. Nach dem äußerst gut gelaufenen Einsatz bei Emma bin ich nahezu euphorisiert. Ich gucke die approbierte Kollegin an: "Darf ich?" - "Den alten Herrn?" - Ich nicke. Sie sagt: "Ja, mach, ich komme mit."

Die Schwester lässt er nicht an sich heran. Als hätte ich es geahnt. Er kann vor Luftnot kaum reden, aber sagt, wieder auf Plattdeutsch: "Lass mich in Ruhe! Ich will das alles nicht mehr." - Die Schwester versteht ihn nicht. "Sie müssen deutsch mit mir reden, sonst verstehe ich nicht, was Sie wollen." - "Scher dich zum Teufel", japst er, wieder auf Plattdeutsch. Und dann auf Hochdeutsch: "Weißt du, was das heißt? Leck mich am Ar***."

Ob mein Plattdeutsch, das ich von meiner Oma und für zwei Weihnachtsgedichte in der Grundschule gelernt habe, ausreichen wird? Um ihn zu verstehen, allemal. Aber sprechen? Eigentlich kann ich es nicht. Aber es geht besser als ich denke. "Na, mein Junge? Warum bist du so missmutig?", spreche ich ihn auf Plattdeutsch an. Plötzlich guckt er mich mit großen Augen an, greift nach meiner Hand. "Mein Mädchen! Es ist doch alles schei*e. Ich will nicht mehr. Ich kriege keine Luft, ich quäle mich, und meine Zeit ist abgelaufen. Ich bin neunundneunzig. Ich mag nicht mehr." - "Du kriegst keine Luft, sagst du. Nimmst du Medizin dagegen?" - "Ach was. Ich geh nie zum Arzt. Ich hab nie einen Arzt gebraucht. Alles, was von alleine gekommen ist, ist auch von alleine wieder gegangen. Aber mein Urenkel fährt mich ins Krankenhaus. Er meint es gut."

"Pass auf, mein Junge. Du stirbst nicht, sondern du quälst dich hier jetzt die nächsten Stunden, wenn wir nichts machen. Es war schon richtig von deinem Urenkel, dass er dich hierher gebracht hat. Darf ich wenigstens mal auf deine Lunge horchen, was da los ist?" - "Nee." - "Ich will dir helfen." - "Alle wollen mir helfen. Aber ich will nicht mehr." - "Ein Jahr vor Hundert gibst du auf? Das ist doch nicht dein Ernst. Dir gehts jetzt dreckig, das seh ich, aber gib mir doch wenigstens eine Chance." - "Was willst du tun?" - "Einmal deine Lunge abhorchen. Und ein EKG machen. Mehr nicht." - Er zog seinen Pullover und sein Hemd aus. Mit meiner Hilfe. "Tu, was du nicht lassen kannst." - "Du musst mithelfen. Komm, mal richtig ausatmen. Feste. Willst du selbst mal hören, was bei dir da los ist? Das pfeift wie ein Orkan bei dir da drinnen. Hast du mal mit Asthma zu tun gehabt?"

"Nein, so einen neumodischen Kram gab es bei uns nicht." - "Mal geraucht?" - "Im Krieg haben wir alle geraucht. Danach nicht mehr. Für Zigaretten gab es kein Geld." Die approbierte Kollegin kommt mit ihrem Stethoskop dazu. Der alte Mann sagt fast schon böse: "Du nicht. Sie hat gefragt. Sie hat Anstand." - "Du bist aber auch ein harter Brocken. Meinst du nicht, vier Ohren hören besser als zwei? Ich lerne nämlich noch. Von ihr." - Am Ende ließ er meine Kollegin doch ran. Dann sagte ich: "Du kriegst jetzt ne Nadel von mir gelegt. In die Vene. Und dann kriegst du einen Tropf. Und dann ist der Spuk gleich vorbei." - "Ich hab doch gesagt, ich will nicht mehr." - "Du kriegst von mir was, damit du gleich wieder richtig Luft bekommst. Du fühlst dich in zehn Minuten wieder wie neu geboren. Gib mir eine Chance." - "Das wäre jetzt schon die zweite Chance. Du lässt ja sowieso nicht locker."

Theophyllin wirkt sehr schnell. Nach fünf Minuten war er ganz ruhig, fast schon flauschig. Seine Gesichtsfarbe kehrte zurück. "Na, mein Junge, hab ich dir zu viel versprochen?" - "Darf ich dich mal drücken, mein Mädchen? Was hast du mit dem alten Mann gemacht?" - "Ich hab dir was gegen dein Asthma gegeben. Und das kannst du auch mit nach Hause kriegen. Und dein Hausarzt verschreibt dir das auch. Und dann gehst du nächste Woche wieder tanzen. Was hältst du davon?" - "Du bist aber ne Charmante. Darf ich fragen, wie das passiert ist, mit dem Rollstuhl?" - "Ich bin angefahren worden. Auf dem Weg zur Schule." - "Das tut mir sehr leid.", sagte er und bekam feuchte Augen.

"Darf ich dir einen Vorschlag machen?" - "Ja." - "Wir nehmen dich hier auf, du kriegst ein Einzelzimmer, damit du dir in deinem Alter hier bei uns nichts mehr einfängst, und dann gibst du uns drei Tage. Wir finden raus, woher das Asthma kommt und welches Zaubermittel du brauchst, damit du keine Beschwerden hast. Zu viel von dem Zeug hier ist nämlich auch nicht gut, dann wird dir übel." - "Woher kann das kommen?" - "Hast du ne Katze zu Hause? Oder vielleicht reagiert deine Lunge auf bestimmte Blumen. Oder auf Anstrengung. Das kann man aber deutlich verbessern. Hast du ja heute gesehen. Drei Tage brauchen wir, dann bist du wieder zu Hause." - "Jo. Mok wi." - "Und einen Herzinfarkt hattest du nicht. Dein Herz ist putzmunter. Sagt das EKG." - Er nahm noch einmal meine Hand und drückte sie. Ich sagte: "Und zum Hundertsten sagst du Bescheid, dann komm ich vorbei mit einem Geburtstagskuchen." - Jetzt lachte er.

Manche Menschen machen sich das Leben unnötig schwer. Ich verstehe ja, dass man sich nicht quälen will. Und nicht ins Krankenhaus will. Und nicht an Apparate angeschlossen vor sich hin vegetieren möchte. Würde ich auch nicht wollen. Aber das hier war kein Hexenwerk. Theophyllin ist natürlich nicht das Mittel der Wahl für die Dauerbehandlung. Und es behandelt auch keine Entzündung, die typischerweise vorliegen wird. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass er das mit den üblichen Medikamenten und den üblichen Applikationsformen in den Griff bekommen wird. Besser als völlig unbehandelt wird es in jedem Fall werden.

Am Wochenende war ich endlich mal wieder in Hamburg. Marie besuchen. Kaum bin ich dort, regelt ein Mann ohne Hemd bei 12 Grad Außentemperatur auf einer viel befahrenen Kreuzung den Verkehr. Typisch Großstadt. Ich weiß, was ich vermisst habe. Und kaum habe ich den hinter mir gelassen, fahre ich fast eine alte Frau mit Rollator um, die in dunkler Kleidung auf einer sechsspurigen Straße wandert. Natürlich ohne Beleuchtung. Ich dachte mir: Bleib mal dahinter, bevor sie noch überfahren wird. Und schalte mal deine Dashcam ein...

Samstag, 7. Oktober 2017

Zweierlei Maß

Gerade noch hatte sie damit geprahlt, dass sie nie erwischt wird, wenn sie mit bis zu 200 km/h dort fährt, wo eigentlich nur 70 km/h erlaubt sind. Gerade noch habe ich mein Unverständnis darüber ausgedrückt, und gerade noch habe ich mir anhören müssen, was für ein kleinkarierter Mensch ich sei, wenn ich mich halbwegs an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halte. Fahrverbote gebe es schließlich erst ab 40 km/h drüber, plus Tachoabweichung, plus Toleranz, dann könne man auch 120 fahren, wenn 70 ausgeschildert ist.

Sehr häufig fahre ich mit Tempomat und stelle dann drei bis fünf Kilometer pro Stunde mehr ein, um die Differenz des Tachos wieder auszugleichen. Letzte Woche habe ich erst beim Herausfahren aus der 30er-Zone gemerkt, dass ich bis eben in einer solchen gefahren bin. Allerdings waren die Straßen dort schon so gebaut, dass ich nie über 40 km/h gekommen bin. Zwanzig zu schnell außerorts oder auf einer Autobahn ist auch schon vorgekommen. Ich bin sogar schon mal mutwillig verkehrt herum durch eine Einbahnstraße gefahren. Sie war drei Meter lang und eine Schikane, um den Durchgangsverkehr durch ein Wohngebiet einzudämmen. Nachts um halb drei hatte ich keinen Bock, nochmal komplett zehn Minuten um den Pudding zu kurven und hätte mit meiner 10minütigen Fahrt über das Kopfsteinpflaster vermutlich die schlafenden Menschen mehr genervt als durch dieses Manöver. Aber, so wie die Kollegin, 130 mehr auf der Uhr? Würde mir im Traum nicht einfallen. Dafür ist mir mein Lappen viel zu heilig.

Die Quittung kam jetzt per Post. Meine Kollegin soll angeblich über 1.000 Euro zahlen, bekommt vier Punkte und muss drei Monate zu Fuß gehen. Ein Stoppschild hat sie wohl auch noch überfahren und auch zwischenzeitlich ein Handy am Ohr gehabt. Hinter ihr fuhr "leider" ein Videowagen. Und nun hat sie herumgeheult, wie ungerecht doch die Welt sei. Ist klar: Die Regeln gelten für alle anderen, und werde ich erwischt, sind alle anderen ungerecht zu mir. Und kleinkariert. Ich sag nur: Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um. Ich hoffe, das ist ihr eine Lehre, ansonsten dürften sie ihr den Lappen gerne ganz wegnehmen. Bevor sie andere mit ihrem riskanten Fahrstil in Gefahr bringt. Oder in den Rollstuhl. Nicht wahr?

Ein anderer Mensch, der es mit Regeln nicht so genau nimmt, gleichzeitig aber mit aller Vehemenz dafür kämpft, dass andere sich korrekt verhalten, ist mein derzeitiger Vermieter. Ich bin sehr froh, an meinem derzeitigen Studienort eine barrierefreie Wohnung bekommen zu haben, und es ist ja auch nur für eine begrenzte Zeit. Barrierefreie Wohnungen sind Mangelware. Ihr Neubau wird überall öffentlich und oft nicht unerheblich gefördert.

Das Haus, in dem meine Wohnung liegt, ist noch keine zehn Jahre alt. Der Vermieter (der das Haus auch gebaut hat) hat sich an einem barrierefreien Wohnhaus versucht, aber nicht, weil er Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Dach über dem Kopf geben wollte, sondern in erster Linie, weil er öffentliche Zuschüsse abgreifen wollte. Dieser Eindruck drängt sich mir zumindest auf. Aus Gründen.

1. Regenrinnen zur Dachentwässerung müssen in fast allen deutschen Städten in das öffentliche Sielnetz eingespeist werden. Zumindest bei Neubauten. Was überhaupt nicht geht, ist, dass das Regenwasser vom Dach über ein Regenrohr direkt auf den öffentlichen Gehweg geleitet wird und dort alles unter Wasser setzt. Bei dem Haus, in dem ich am Studienort zur Miete wohne, verschwinden alle Regenfallrohre im Boden, bis auf eins: Das endet am oberen Ende der steinernen Rollstuhlrampe, etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden. Schüttet es, ist es unmöglich, mit trockener Hose und trockenen Füßen daran vorbei zu kommen. Eine Zeitlang hatte jemand eine Tischplatte so gegen die Wand gelehnt, dass sie das Rohr verdeckt und entsprechend der Strahl an der Innenseite der Tischplatte herab läuft und nicht quer über die Rampe sprudelt. Dadurch war die Rampe natürlich nicht mehr in voller Breite nutzbar. Aber zumindest entstand nicht mehr der Eindruck, man sei auf einem Wasserspielplatz.

2. Die besagte Rampe, über die man in das Haus kommt, darf eine maximale Steigung von 6% haben. Das bedeutet: Will man 60 Zentimeter Höhenunterschied überwinden, muss sie zehn Meter lang sein. Vermessen habe ich diese Rampe nicht, aber ich würde mal tippen, dass es sich um einen Meter Höhenunterschied handelt und sie zwei Mal neun Meter lang ist, mit einem Zwischenpodest auf halber Höhe. Nun könnte man sich schon fragen, warum man den ebenerdigen Eingang einen Meter höher legt (das Haus hat noch einen zweiten Eingang, der sich auf Gehweghöhe befindet, allerdings führt der nur ins Treppenhaus, zum Aufzug muss man vier Stufen hoch). Der Hammer ist aber: Bei der Bauabnahme hat man wohl nur die Länge nachgerechnet, aber sich nicht dafür interessiert, ob die Steigung gleichmäßig ist. Auf den ersten zwei Metern ist nämlich überhaupt keine Steigung vorhanden, dort sammelt sich auch stets das Regenwasser, dahinter kommt wesentlich mehr Steigung als eigentlich zulässig. Ich tippe mal auf 10 oder 11 Prozent. Für mich kein Problem, solange ich keinen Einkauf auf dem Schoß habe. Kommentar des Eigentümers: "Die Rampe ist abgenommen."

3. Direkt vor der Aufzugstür im Erdgeschoss ist eine Schräge. Man muss also, um in den Aufzug zu kommen, einen Höhenunterschied von etwa 15 Zentimeter überwinden. Um den Aufzug zu rufen, muss man einmal kräftig Anschwung nehmen, auf den Knopf drücken, und rückwärts wieder zurück rollen. Um in die Kabine zu gelangen, braucht man ebenfalls Anschwung. Problem dabei: Der Aufzug hält oft bis zu fünf Zentimeter unterhalb der Geschoss-Ebene. Also mit Schwung die Schräge hoch, oben die Vorderräder anheben und dann langsam auf den Hinterrädern zirkelnd in die Kabine ablassen. Mit etwas Glück sackt die Kabine dabei noch ein bis zwei Zentimeter ab - und macht dann bei offenen Türen eine Ausgleichsbewegung, bis sie wieder bündig steht. Und das ist mit Einkauf oder Laptoptasche auf dem Schoß eine Herausforderung. Die Anlage hat aber gerade wieder neu TÜV bekommen. Und das einzige, was der bemängelt hat, ist, dass das Hydraulik-Öl in zehn Jahren noch nie getauscht wurde.

4. Was dazu führt, dass der Aufzug ungeheuer laut ist. Was Aufzüge, die nicht an Seilen hochgezogen werden, sondern mit Öldruck hochgepumpt werden, ohnehin sind. Hier ist es deshalb nochmal extra lustig, dass man das Aggregat direkt mit der Wand verschraubt hat. Ohne Schalldämpfung. Fährt der Aufzug aufwärts (und vielleicht sogar noch in die oberste Etage), habe ich im Schlafzimmer bei geschlossenen Türen eine dröhnende Geräuschkulisse von bis zu 55 Dezibel.

5. Fast hätte ich vergessen, dass sich die Rauchschutztüren in den Etagenfluren nicht automatisch öffnen und daher alle verkeilt sind. Ansonsten würde nämlich niemand mit einem Rollstuhl ohne fremde Hilfe hindurch kommen. Auch ich nicht. Und dann ist da noch das seitliche Gefälle in den Fluren. Bis zu 3,5 Prozent. Legt man also einen Tennisball an die linke Wand, rollt er zur rechten. Ich schätze mal, dass man die Wohnungen mit den barrierefreien Duschen nachträglich etwas höher gelegt hat, denn das seitliche Gefälle ist immer nur da, wo die barrierefreien Wohnungen sind. Die Decke ist allerdings gerade, so dass die Wand auf einer Seite 3,5 cm höher ist als auf der anderen. Das seitliche Gefälle nervt Rollstuhlfahrer überhaupt nicht - sie sehen es ja im Dunkeln sowieso nicht. Flurbeleuchtung ist nämlich nur sporadisch verfügbar. Gut beraten ist der, der ein Handy mit Taschenlampe hat.

Es gibt noch ein Dutzend ähnliche Kuriositäten in diesem Miezhaus. Ich hoffe, es reicht aus, um einen Eindruck zu bekommen. Das Land hat übrigens alle öffentlichen Fördergelder nach Besichtigung des Hauses durch einen Experten vor Ort anstandslos ausgezahlt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ein barrierefreies Wohnhaus oder ein "Water & Skate Park" beantragt wurde.

Muss ich jetzt noch erwähnen, dass alle Mieter, deren Schuhe im Hausflur stehen, eine schriftliche Abmahnung wegen Brandgefahr bekommen, mit der Androhung, beim nächsten Schuh fristlos gekündigt zu werden?