Montag, 31. August 2015

Wer nicht wagt

Ich habe mich entschieden. Für eine Dissertation. Nicht aus der Überzeugung heraus, dass ich das gerne machen möchte. Sondern weil es nützlich sein kann und es keinen günstigeren Zeitpunkt und keine bessere Chance dafür gibt. Ich bin nicht glücklich damit, Entscheidungen aus dem Kopf heraus zu treffen, wenn mein Bauch gerne etwas anderes möchte. Aber die Karriereleiter steht im Kopf und nicht im Bauch.

Auch Marie hat sich entschieden. Ob das alles klappt, wissen wir nicht.

Aber es hat einen positiven Nebeneffekt. Wir kommen wieder weiter in den Norden. Und es gibt nichts besseres als die erneute Empfehlung eines Profs (oder zweier), um die Uni zu wechseln.

Mein zweites Viertel meiner Famulatur ist vorbei. Was jetzt folgt, ist ganz viel Organisation, Logistik und das große Ungewisse. Mein Bauch schmerzt bereits. Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht. Maries Mutter hatte gleich noch einen passenden Kalenderspruch parat: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt."

Möge sie doch Recht haben.

Donnerstag, 27. August 2015

Menschen

Ich hab was gegen Flüchtlinge. Und dazu stehe ich auch.

Genau genommen nehme ich meinen Mund gerade zu voll. In Wirklichkeit hätte ich gerne noch mehr dagegen. Mehr als meinen Blog, meine Stimme, meine Gedanken und meinen Brechreiz.

Mir fehlen die richtigen Worte. Angesichts meines Blogs ist das schwer zu glauben, aber gerade ist das so. In den letzten Tagen war es so.

Es geht mir schlecht. Ich bin ratlos. In einer Wirklichkeit, in der ich keine Antwort habe auf die Umstände, die es nötig machen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um einer Gefahr für ihr Leben und ihre Gesundheit zu entkommen. Und der Gefahr für ihre Familien. In jener Wirklichkeit, in der ich gerne etwas gegen diese Umstände hätte.

Als die Bilder von Demonstrationen gegen Flüchtlinge überall gezeigt wurden, als in sozialen Netzwerken plötzlich Kommentare zu lesen waren, die mit Anstand, Bildung, Eleganz, Erziehung und Kultur nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren, war ich geschockt. Von Nächstenliebe will ich gar nicht erst anfangen. Mir geht eine junge Frau nicht mehr aus dem Kopf, die dabei gefilmt wurde, wie sie Merkel angesichts der Asylpolitik in zwei Minuten zwanzig Mal aus tiefster Kehle mit dem F-Wort beschimpfte. Danach habe ich das ausgeschaltet. Ich fand es unerträglich.

Ein paar in die Fresse ist sicherlich keine Lösung. Wollen wir doch Vorbild sein, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Mit Worten. Mit Argumenten. Mit Herz. In einem freien Land, in dem jeder Mensch seine Meinung äußern darf.

Ist "Fotze-Rufen" eine Meinungsäußerung? Ist der Hass auf andere Menschen eine Meinung?

Nein. Weder der Hass selbst noch das, was einigen meiner Mitbürger, für die ich mich schäme, unter dem Einfluss ihres Hasses offenbar unkontrolliert aus ihrem Mund quillt, ist eine Meinung. Und so viel Grips, dass er das begreift, hat jemand, der das grundgesetzliche Recht auf freie Meinungsäußerung an dieser Stelle für sich beansprucht. Die Grundrechte, aus denen zitiert wird, regeln das Verhältnis des Staatsbürgers zum Träger der staatlichen Gewalt. Sonst nichts. Der Vorwurf der Zensur, der an dieser Stelle immer wieder willkürlich in den Raum gestellt wird, wird mutwillig vermischt mit dem strafbaren Verbot der Beleidigung anderer Menschen.

Wir sind gefragt, es besser zu machen als jene, die auf Hilfesuchen mit Hass und Gewalt antworten. Wir sind auch gefragt, Anstand, Bildung, Eleganz, Erziehung und Kultur zu vermitteln. Und Nächstenliebe. Um damit jenen Frieden zu sichern und zu transportieren, den einige von uns glauben, mit Hass und Gewalt verteidigen zu können.

Meinungsfreiheit ist genauso wie der Schutz vor Gefahr und Verfolgung ein Grundrecht, das unveräußerlich ist. Beides gilt es zu verteidigen. Genauso wie Menschen, die weder verfolgt noch gefährdet sind, kein Asyl gewährt wird, ist anderen Menschen nicht zuzubilligen, unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu beleidigen und zu Hass aufzustacheln. Diejenigen, die versuchen, mit dem Instrument der Meinungsfreiheit andere Grundrechte auszuhebeln, um ein menschenverachtendes Weltbild zu verbreiten, streben damit eine Gesellschaftsform an, in der die Meinungsfreiheit bereits abgeschafft ist.

Ich habe etwas dagegen. Gegen das, was gerade passiert und was ein einzelner nicht steuern kann. Weder derjenige, der sich nach Feierabend ehrenamtlich für die hier gestrandeten Menschen engagiert, noch derjenige, der als Nazi hohle Parolen verbreitet. Auch nicht derjenige, der in Not unseren Schutz sucht. Wir brauchen dringend politische Lösungen, die ich weder kenne noch überblicke.

Aber eins kann ich tun. Eine Kleinigkeit. Nämlich einzelne Menschen, die aus einer Not heraus um Hilfe bitten, als Menschen zu sehen. Und auch so zu benennen. Genauso wie ich keine Behinderte bin, sondern ein Mensch, gibt es vielleicht Bücklinge, Erdlinge, Fäustlinge, Feiglinge, Fingerlinge, Findlinge, Keimlinge, Kohlweißlinge, Lüstlinge, Mischlinge, Pfifferlinge, Presslinge, Rohlinge, Sämlinge, Schädlinge, Schillinge, Schmetterlinge, Setzlinge, Sperlinge, Stichlinge, Weichlinge, Widerlinge und Wüstlinge. Vielleicht auch Kümmerlinge und Perverslinge.

Aber keine Flüchtlinge. Und auch keine Ankömmlinge, Neulinge oder Eindringlinge. Sondern Menschen, die Hilfe suchen. Menschen.

Sonntag, 23. August 2015

An der Nudel

Es ist der dreiundzwanzigste August und ich bin vor etwa dreimalzwanzig Stunden dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Draußen waren dreiundzwanzig Grad, zumindest am Meer, das nicht mehr ganz dreiundzwanzig Grad hatte. Eher neunzehn. Ja, wir waren am Strand, dreiundzwanzig weniger neunzehn Leute, also eine eher kleine Runde, bestehend aus Marie, einem Freund, einer Freundin, die zusammen sind und sich in meinem Blog keine Kosenamen wünschen, und mir.

Geflohen sind wir. Für ein ruhiges und entspanntes Wochenende zum Erholen. Maries Eltern haben uns ihr Wochenendhaus überlassen. Einzige Bedingung war, dass wir am Ende einmal grob saubermachen und den Müll rausbringen. Das sollte möglich sein.

Es war sehr entspannt. Wir sind am Freitag vor einem gemeinsamen Wochenend-Einkauf nochmal schnell in die Ostsee gehüpft, haben abends meinen Geburtstag gefeiert, weniger mit großem Besäufnis, mehr mit leckerem Abendessen und einer anschließenden angeregten Quatschrunde bis spät in die Nacht. Ich habe alleine auf einem Klappsofa geschlafen in himmlischer Ruhe, wurde am Samstagmorgen durch den Duft von Aufbackbrötchen geweckt, bevor wir im Garten gefrühstückt haben.

Am Samstag waren wir den ganzen Tag am Strand, haben mehrmals im Meer gebadet, uns gesonnt - und weiter nichts. Lustig war eine Begegnung mit einem jungen Mädchen, geschätzt zwölf Jahre alt, das mit ihrer Mutter am Strand, aber alleine im Wasser war. Wir hatten sie zuerst nicht wahrgenommen und schwammen im eher flachen Wasser an ihr vorbei. Wir hatten zwei Luftmatratzen dabei und unsere beiden zu Fuß gehenden Freunde machten sich einen Spaß draus, Marie und mich so in die (eigentlich eher flachen) Wellen zu schieben, dass sie entweder über das Kopfteil spritzten oder die ganze Matratze umkippte. Ja, man kann nicht immer nur erwachsenes Verhalten zeigen...

Dieses Mädchen suchte ganz offensichtlich unsere Nähe, tauchte immer wieder zwischen uns auf und suchte schüchtern Blickkontakt. Irgendwann, als ich zum gefühlt zwanzigsten Mal von der Matratze gefallen war, schob ich ihr das Ding hin und fragte: "Willst du auch mal?" - Sie nickte und kletterte drauf. Eher vorsichtig. Meine Freundin schob sie ebenfalls in eine Welle, so dass die Matratze kenterte. Wir spielten einen Moment in der Fünfergruppe weiter, dann brüllte plötzlich die Mutter vom Rand. Das Mädchen fragte: "Seid ihr später noch hier?" - "Wir sind den ganzen Tag hier." - "Ich muss raus."

Ich überlegte, warum die Mutter sie so streng aus dem Wasser holte. Dachte einen Moment nach, ob es richtig war, mit einem fremden Mädchen zu spielen. Wobei sie ja auf uns zugekommen ist und nicht anders herum. Aber egal, wir hätten auch "Nein" sagen können. Oder sogar "Nein" sagen müssen? Oder wenigstens vorher die Mutter fragen, ob das okay ist? Ich schob diese Gedanken zur Seite. Schlimm finde ich sie. Weil ich nie einem Kind etwas antun würde. Aber ich bin ja nicht alleine auf der Welt und deshalb ... andererseits: Wo sind wir eigentlich, dass man nicht mal mehr spontan mit jemandem spielen darf? Okay, ich bin dreiundzwanzig ... ich schob die Gedanken erneut zur Seite.

Später, als wir wieder aus dem Wasser kamen und uns abgetrocknet hatten, kam die Mutter zu uns. Und sagte: "Es tut mir leid, dass ich euer schönes Spiel unterbrechen musste. Aber meine Tochter ist zuckerkrank und musste spritzen und essen." - Ich fühlte mich verfolgt. Kam jetzt gleich die Frage, ob ich gerade im Krankenhaus ... meine Famulatur ableiste? Nein, sie kam nicht, aber ich war dennoch einigermaßen perplex. Hat sich mein Idiotenmagnet umschulen lassen und zieht künftig junge Diabetiker an?

Das zwölfjährige Mädchen kam später noch einmal zu uns, wir bauten eine große Sandburg zusammen. Zu fünft. Ich fühlte mich ein wenig an die Begegnung mit Mia erinnert, die vor rund einem Monat einfach auf uns zusteuerte und mit der wir auch eine Sandburg bauten. Diese sah sehr gut aus. Als sie gerade fertig war, zogen mal wieder dunkle Wolken auf. Wir entschieden uns, zusammenzupacken und abzufahren. Erst jetzt bemerkte das Mädchen, dass Marie und ich nicht laufen können. "Ach, gehören euch etwa die Rollstühle da oben an den Dünen?" - Ich fühlte mich erneut an Mia erinnert und glaubte inzwischen schon fast an ein Déjà-vu. Wenn sie nun noch fragt, ob sie auch mal damit fahren darf...

Tatsächlich. Das Mädchen wollte dann noch unbedingt ausprobieren, wie es sich anfühlt, in so einem Ding zu sitzen. Und meinte, dass es ja gar nicht so schlimm sei, wie sie es sich vorgestellt hätte. Allerdings wird sie nicht verstanden haben, welche weiteren Einschränkungen damit verbunden sind. Muss sie auch nicht.

Heute waren wir, bevor wir aufgeräumt, geputzt, den Müll rausgebracht und alles gut abgeschlossen haben, mit Fahrrädern und Handbikes an einem nahen Badesee. Leider war das Wetter nicht mehr so gut, so dass wir nur einmal kurz im Wasser waren und die übrige Zeit auf einer Decke liegend mit der Sonne flirteten, die sich immer wieder hinter Wolken versteckte.

Mit uns war, neben einigen anderen Sonnenhungrigen, eine Gruppe aus einer Behinderteneinrichtung vor Ort. Der Altersdurchschnitt der Bewohner lag bei Mitte 40, der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter bei gefühlt 20. Rollstühle kannte Klaus, so nenne ich ihn mal, wohl aus seinem täglichen Leben, wenngleich er selbst Fußgänger war. Er kam zu uns, stellte sich demonstrativ direkt vor unserer Decke in die Sonne, biss sich seitlich auf seinen Zeigefinger und wippte mit dem Oberkörper hin und her. Marie, die gerade auf dem Bauch auf der Decke lag, schaute über ihre Schulter und fragte: "Na, wer bist du denn?" - Er nahm seinen Finger aus dem Mund und sagte, weiterhin wippend: "Ich bin Klaus." - "Oh, hallo Klaus, ich bin Marie." - "Marie! Das ist Marie! Ich bin Klaus. Wasser ist kalt." - "Joa, das Wasser ist etwas kalt. Aber die Sonne scheint." - "Etwas kalt, ja, etwas kalt. Gehst du auch schwimmen?" - "Ich war schon im Wasser." - "Ich geh heute auch schwimmen, Wasser ist nicht tief, ist nicht tief. Bist du Marie?" - "Ich bin Marie. Und das ist Jule." - Er klatschte in die Hände. Ich winkte. Er hatte eigentlich gerade aufgehört mit dem Oberkörper zu wippen, jetzt biss er wieder auf seinen Finger und wippte weiter. Meine blendende Schönheit, die ihn verunsicherte? - "Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie", sagte er und ging zu seiner Gruppe zurück. Aus der Ferne hörten wir: "Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie. Die sitzen im Rollstuhl."

"Nee, die liegen auf der Decke", murmelte Marie leise. Ich grinste. Kurz darauf kam Klaus wieder angelaufen. "Jetzt gehts los ins Wasser! Wasser ist kalt." - "Ach, so schlimm wird das nicht. Die Sonne scheint ja." - Die größten Probleme hatten die Betreuer damit, Klaus ins Wasser zu bekommen. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er motorisch einfach enorm unkoordiniert agierte, sich auf den Po setzte und sich krampfhaft an einer grünen Schwimmnudel festhielt, obwohl das Wasser gerade mal zwanzig Zentimeter tief war. Eine Betreuerin, die mit einer jungen, vor Freude kreischenden Frau bereits viel weiter im tieferen Wasser war, brüllte laut: "Zieh ihn einfach an seiner Nudel ins Wasser."

Unsere Freundin prustete los und Marie setzte gleich noch einen drauf: "Wenn sie die mal findet, wo er doch eben schon solche Angst vor kaltem Wasser hatte!" - Die Betreuerin legte noch einmal nach: "Zieh ihn an seiner Nudel ins Wasser!", brüllte sie. Am Ende klappte es am besten ohne die Nudel. Klaus plantschte wie ein kleines Kind, und als er irgendwann wieder nach draußen kam, meinte er im Vorbeigehen, ohne uns anzugucken: "Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie."

Klaus hatte es erfasst. Und es war ein schönes Wochenende.

Donnerstag, 20. August 2015

Träumen

Dass Menschen im Schlaf träumen, ist bekannt. Sehr intensiv träumen die meisten Menschen in einer Tiefschlafphase. Manche Menschen erinnern sich nach dem Aufwachen nicht mehr an das Träumen und vermuten dann, im letzten Schlaf nicht (oder überhaupt niemals) geträumt zu haben. Auch fast alle Säugetiere (mit Ausnahme von Delfinen) träumen, ebenso Vögel und sogar einige Reptilien. Man hat sie natürlich nicht gefragt, aber wissenschaftliche Untersuchungen legen den Schluss nahe. Beim Delfin ist man sich nicht sicher, weil er keine Schlafphase erreicht, in der typischerweise geträumt wird.

Als eine "von der Psyche gesteuerte halluzinatorische Aktivität des Gehirns mit intensivem Bild- und Gefühlserleben" steht der Traum in einem meiner Lehrbücher. Ich stehe hingegen in einem Raum, den ich als Wohnung mieten möchte. Was völliger Unsinn ist, denn ich möchte aktuell keine Wohnung mieten. Aber in Träumen ist bekanntlich selten was realistisch. Ich bin gerade in diesen Raum hineingefahren. Es handelt sich um einen Laden, eine gerade frisch eingerichtete Zweigstelle eines großen Hamburger Unternehmens. Ein Mann hat mich gehört, steht im Nebenraum von seinem Sitz auf. Bevor er mich sieht, drehe ich mich um die eigene Achse und rolle wieder nach draußen. Kaum bin ich draußen, werde ich wach.

Soweit, so verrückt. Aber: Ich saß im Rollstuhl. Das war das allererste Mal, dass ich mich morgens daran erinnere, dass ich im Traum völlig selbstverständlich einen Rollstuhl benutzt habe. Bislang war ich in Träumen immer zu Fuß unterwegs. Zuletzt war es so, dass ich in Träumen immer gehofft habe, niemand würde merken, dass ich eigentlich im Rollstuhl sitzen müsste, nun aber doch zu Fuß unterwegs bin. Auch so ein Unsinn, denn das wäre jawohl das Erste, was jemand merkt, wenn er mir ohne Rollstuhl begegnen würde. Aber meine Gegenüber in Träumen haben das nie gemerkt. Lediglich ich selbst hatte dabei immer ein schlechtes Gewissen.

Sollte es tatsächlich so sein, dass sich nach Jahren nun endlich auch meine Psyche vollständig mit der Situation abgefunden hat? Oder verblassen einfach nur die Erinnerungen an meine Zeit auf zwei Beinen? Ich weiß es nicht. Es ist mir eigentlich auch egal. Aber beeindruckend fand ich das schon.

Mittwoch, 19. August 2015

Kleine Welt

Da stehe ich mit meinem Einkauf auf dem Schoß im Aufzug zum Parkdeck, als mein Blick auf ein junges Mädchen, geschätzt zehn Jahre alt, fällt. Unter ihrem Top blitzt eine Dosierpumpe hervor. Insulin? Schmerzmittel? Die Mutter hat gesehen, dass mein Blick kurz an ihrer Tochter kleben blieb. Sie guckt mich an. "Haben wir Sie nicht letzte Woche in der Klinik gesehen?", fragt sie mich plötzlich. So klein ist die Welt.

"Kann schon sein", antworte ich. Sie sagt: "Sie sind relativ zügig über den Flur gerollt und meine Tochter war so fasziniert davon, wie Sie die defekte Automatiktür mit der Hand geöffnet haben." - Ich lächel die Tochter an, sie lächelt zurück, und sagt: "Wie war das? Jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Oder?" - Dann hebt sie kurz ihr Top zwei Finger breit hoch, so dass mein Blick auf die Insulinpumpe frei wird, und hält mir anschließend lachend die Hand zum High-Five hin.

Was für ein lustiger Vogel! Ich schlage natürlich ein. Die Mutter sagt: "Sie hat aber auch gesagt, dass sie mit Ihnen nicht tauschen möchte." - Okay ... wenn es ihr hilft, sich vorzustellen, dass es vermeintlich größere Herausforderungen gibt als eine jugendliche Zuckerkrankheit, dann lasse ich das mal so stehen.

Ich würde sofort behaupten, dass es noch wesentlich größere Herausforderungen gibt als ein Diabetes oder eine Querschnittlähmung. Aber die eigenen Aufgaben sind die, die man selbst bewältigen muss. Und da interessiert es nicht, welche Aufgaben andere gestellt bekommen. Aber manchmal hilft der Blick über den Tellerrand dabei schon.

Montag, 17. August 2015

Urlaubsreif

Die Dritte Woche meiner Famulatur beginnt. Und meine Chefin möchte wissen, ob ich über das Thema "Dissertation" nachgedacht habe.

Mehr als genug. Mein Kopf sagt was anderes als mein Bauch. Und das ist erfahrungsgemäß nie gut. Ich muss mich zügig entscheiden. Das neue Semester beginnt. Auch Marie hat übrigens Blut geleckt. Sie liebäugelt mit einem Krebs-Thema.

Es ist so schwierig. Es ist später wesentlich einfacher, wenn man sagen kann, man hätte sich mehr oder weniger bewusst dagegen entschieden, als wenn man sagen muss, dass man es versucht, aber aus Gründen schlechter Organisation oder zu geringer Kapazitäten verkackt hat. Insofern hinterlässt die Entscheidung auf jeden Fall einen neuen Eintrag im Lebenslauf - und jeder Eintrag im Lebenslauf sollte am Ende so positiv zu gestalten sein, dass man selbst noch attraktiv genug bleibt.

Maries Eltern denken da weniger kompliziert. Maries Papa findet, dass sich eine solche Chance vermutlich nie wieder ergeben wird, sagt mir, dass ich alle Zeit der Welt hätte und er seine Frau auch nur wegen des akademischen Titels geheiratet hat. Maries Mutter meinte: "Mach es! Schritt für Schritt. Und wenn du dann in eine Pfütze trittst, ist auch nur ein Fuß nass." - Tolles Motto für eine Rollstuhlfahrerin. Allerdings tritt die ja bekanntlich fast nie in Pfützen.

Ein Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, rät mir ebenfalls zu. "Du packst das. Du hast das Zeug dazu. Lass das nicht ungenutzt."

Ich selbst sehe mich anlässlich dieser Konfrontation eher leicht bis mittelgradig verzweifelt, stelle mir Fragen, warum und für wen ich das alles überhaupt mache, finde Antworten, frage mich, ob sie richtig sind, finde weitere Antworten, schiebe die Gedanken zur Seite, kann mich nicht entscheiden. Bin genervt von mir selbst und über meine Unentschlossenheit, fühle mich schwach, blicke auf andere Leute mit meiner Einschränkung, sage mir selbst, dass solche Vergleiche unsinnig sind, weil jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist, lese weitere schlaue Kalendersprüche, finde wieder keine Antworten und schreibe das Wort "urlaubsreif" auf meine Schreibtischunterlage. Male es schön bunt aus und gehe ins Bett.

Sonntag, 16. August 2015

Triathlon 2015

Die Saison ist schon fast wieder vorbei. Und das zeitweise schwüle Wetter ist auch nicht unbedingt das beste für einen Triathlon. Hinzu kommt mein relativ schlechter Trainingszustand. Ich habe mich zwar immer sportlich betätigt, sobald ich die Möglichkeit dazu hatte, muss aber sagen, dass ich gerne mehr Möglichkeiten gehabt hätte. Durch mein Studium bin ich allerdings stark eingeschränkt.

Schlechter Trainingszustand heißt nicht, dass ich nicht mehr in meine Sportklamotten passe oder der Rennrolli beim Hineinsetzen ächzt. Sondern dass es ein Unterschied ist, ob man drei Mal pro Woche zehn bis zwanzig Kilometer abreißt und mindestens zweimal schwimmt, oder einmal pro Woche ins Bike kommt und einmal nach Feierabend ein paar Bahnen krault.

Trotzdem habe ich mich für die Kurzdistanz (P1) angemeldet: 1500 Meter schwimmen, 40 Kilometer Handbiken und 10 Kilometer mit dem Rennrolli. Die 60 Kurzbahnen im Schwimmbad würde ich problemlos schaffen, sogar 150 würde ich mir aktuell zutrauen. Die 40 Kilometer mit dem Liegebike werden auch nicht das Problem, zumal es nicht vorrangig um die Zeit, sondern um das Ankommen gehen würde. Aber die zehn Kilometer im Rennstuhl wären wohl eine Herausforderung. Gerade nach den 40 Kilometern auf dem Bike. Aber extra deshalb auf die (halbe) Sprintdistanz umsteigen? Nö.

Die Tage sind schon wieder erheblich kürzer geworden. Es war noch dunkel, als Marie und ich zum vorgesehenen Startpunkt fuhren. Frühes Kommen sichert gute Plätze. Wir waren seit drei Stunden unterwegs und erstaunlich gut durchgekommen. Einige Ordner, die die Straßen absperren sollten, waren gerade dabei, ihre Positionen zu beziehen, andere kämpften mir ihren Thermoskannen. Einer von ihnen sprang direkt vor unsere fahrenden Autos. Ich musste scharf bremsen und schaute besorgt in den Spiegel, aber Marie hinter mir reagierte ebenfalls schnell. "Hier ist Durchfahrt verboten!" - "Wir wollen zum Wettkampf." - "Sie haben doch die Einladung gelesen und wissen ganz genau, wo Sie zu parken haben!"

Während er redete, holte ich meinen blauen Parkausweis raus und hielt ihm den unter die Nase. "Achso, seid ihr die beiden Behinderten?" - Ich lächelte: "So könnte man das sehen, ja." - "Oh, ihr habt einen Sonderparkplatz direkt neben dem Startpunkt. Ich funke mal eben den Kai-Uwe an, damit er die Böcke wegschiebt. Wir haben euch extra zwei Plätze freigehalten. Ihr fahrt jetzt hier die Straße entlang, haltet euch rechts und dann seht ihr das schon auf der linken Seite. Wenn da keiner kommt, einfach mal hupen." - "Was für ein Service. Danke."

"Ich bin Kai-Uwe und für eure persönliche Assistenz zuständig", wurden wir von einem Mann in verwaschener Jeans begrüßt. Über seinem bierbauchfreien und nicht mehr ganz blickdichten weißen T-Shirt trug er eine gelbe Warnweste. Ich erwischte mich dabei, nachzugucken, ob nur "Ordner" drauf steht und nicht etwa "Behindertenbetreuer" oder sowas. Es stand aber nur "Ordner" drauf. Erleichterung.

"Sagt mir, was ich tun soll." - "Guten Morgen, im Moment gar nichts, vielen Dank." - "Soll ich euch beim Ausladen helfen?" - "Später vielleicht, vielen Dank." - Kai-Uwe redete ohne Luft zu holen. Er wollte meinen Kofferraum aufmachen, während ich noch nicht einmal meinen Alltagsstuhl ausgeladen hatte und noch im Auto saß. Sowas kann ich gar nicht leiden. Zum Glück geht die Klappe nicht auf. Während der Fahrt war ein Ersatzrad so verrutscht, dass es genau vor der Klappe stand und beim Öffnen vermutlich hinauspurzeln würde. Muss ja nicht erst sein, dass das jemandem auf die Füße fällt.

"Kai-Uwe?", unterbrach ich seinen noch immer andauernden Monolog, dem ich schon lange nicht mehr folgte. Hauptsächlich, weil es vorne akustisch nicht ankam. Er kam angesprintet: "Pass mal auf: Es ist furchtbar lieb, dass du uns hilfst. Aber wir sind Sportler und sehr fit. Und unseren Triathlon müssen wir gleich auch alleine schaffen. Also lass uns das sportlich angehen und uns abstimmen, was du machst und was wir alleine können. Okay? Wir fragen dich sofort, wenn wir Hilfe brauchen. Wenn du einfach überall anfasst, wird das schnell lästig, auch wenn das gut gemeint ist." - "Okay, verstanden. Message ist ankommen. Wo braucht ihr Hilfe?" - "Lass uns erstmal ankommen, die Gegend sondieren, und dann sagen wir dir Bescheid. Keine Panik."

"Alles klar, ich hole mir erstmal eine Grillwurst. Ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt. Ihr wisst ja, wo ihr mich findet. Wir haben Schinkengriller für Zwei Euro Fünfzig, das ist ein Freundschaftspreis, und normale Würste für zwei Euro. Soll ich euch eine mitbringen?" - "Sehr nett, aber: Danke, nein." - Ich ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite hinab. Marie guckte mich aus ihrem Auto an. Ich sagte: "So früh schon so wach ... das kann ja heiter werden." - Marie antwortete: "Wer morgens Wurst isst, quält auch hilflose Rollstuhlfahrer."

Das Gelände war nur sehr bedingt für Rollstühle geeignet. Gestartet werden sollte auf dem Rasen einer Badestelle, der allerdings so abschüssig und feucht war, dass wir gar nicht erst versuchten, ihn mit den Alltagsstühlen zu befahren. Direkt am Ende der Schwimmstrecke führte der Weg über einen matschigen, von Baumwurzeln durchzogenen Waldweg steil bergauf. Auch das würde mit dem Rollstuhl nicht zu bewältigen sein. Zwanzig Dixiklos standen am Rand der Wiese auf einem Podest. "Ich bin gespannt, wie das alles funktionieren soll." - "Irgendeinen Plan werden sie schon haben, sonst hätten sie uns nicht schriftlich bestätigt, dass wir teilnehmen können."

Irgendwann kam der Organisator auf uns zu. Er erklärte uns, dass wir ins Wasser getragen werden, aus dem Wasser starten, am Ende aus dem Wasser getragen werden, unsere Bikes und Rennrollis in der Kehre neben unseren Autos stehen - etwa 200 Meter von den Wechselzonen 1 und 2 entfernt. Die Strecke sei aber dieselbe, da im Kreis gefahren werde. Lediglich mit dem Rennrollstuhl müssten wir anfangs 200 Meter weiter fahren, die 200 Meter werden aber am Ende verkürzt, weil alle Läufer noch eine halbe Abschlussrunde um einen Sportplatz drehen, während wir direkt ins Ziel rollen.

Eine Umkleidemöglichkeit gab es nicht, in die Dixi-Toilettenkabinen kamen wir nicht hinein. Ich krabbelte kurzerhand in den Kofferraum und ließ Marie die Klappe schließen. "Lass mich bloß wieder raus, wenn ich fertig bin", scherzte ich. - "Mal sehen", antwortete Marie. Rennrollstuhl und Handbike waren bereits draußen, so war genügend Platz. Und durch die getönten Scheiben konnte man von außen nicht besonders viel sehen. Nach einem fliegenden Wechsel starteten wir zu einer Aufwärmrunde in unseren Rennbikes.

Als wir wieder zurück kamen, bewachte Kai-Uwe unsere Rennrollstühle. Einige ältere Herren standen neugierig daneben. Einer wollte gerade einen der beiden anheben, vermutlich um einen Eindruck von seinem Gewicht zu bekommen, aber Kai-Uwe war aufmerksam: "Na! Geguckt wird nur mit den Augen, nicht mit den Fingern!"

Einer der Männer schaute mich an. "Ihr Gefährt?" - Ich nickte. - "Krasses Teil. Können Sie nicht laufen? Also gar nicht?" - Angenehm, ich heiße Jule. Aber das interessiert ja keinen. Ich schüttelte den Kopf. - "Aber mit dem Ding hier können Sie am Triathlon teilnehmen, genauso wie jeder andere, oder?" - Naja, ich rolle, andere laufen. Aber ich wusste ja, was er meinte. Ich nickte. Er antwortete: "Und was machen Sie, wenn Sie unterwegs einen Platten kriegen?" - "Dann ist für mich das Rennen vorbei." - "Wie ärgerlich! Kommt das denn vor?" - "Mir ist das bislang noch nicht passiert." - "Dann hoffen wir mal, dass es heute nicht das erste Mal wird! Und haben Sie denn auch genug zu trinken an Bord?" - Ich nickte. - "Und was machen Sie, wenn einer im Weg steht? Haben Sie da keine Klingel dran?" - "Genauso wie bei anderen Rennrädern oder Laufschuhen, ist da keine Klingel dran. Ich kann ja rufen - oder den Veranstalter fragen, warum da einer auf der abgesperrten Strecke rumrennt."

Bevor er nun noch fragt, was ich mache, wenn es zu regnen anfängt, meine Nase läuft, meine Blase voll ist oder meine Finger bluten, fragte ich Kai-Uwe, ob er mal bitte Maries und meinen Neo aus dem Auto holen könnte. Ich öffnete den Kofferraum per Fernbedienung, und als die Klappe automatisch nach oben ging, guckte der ältere Mann erst verwundert die Klappe, dann mich an: "Oh, darfst du heute Papas Auto fahren?"

So schnell sind wir also per Du. Ich reagierte nicht. Er fuhr fort: "Da hast du aber einen tollen Papa, ich habe meiner Tochter nicht erlaubt, mit 18 mein Auto auszuleihen. Ehrlich gesagt leihe ich ihr das heute noch nicht mal gerne, und inzwischen ist sie 35. Heimlich genommen hast du es dir aber nicht, oder?" - Er guckte streng. Und möchte also wissen, wie alt ich bin, ob ich noch zu Hause wohne - sonst noch was? Ich spitzte die Lippen, legte den Zeigefinger darauf und sagte keck: "Psssst! Merkt er vielleicht gar nicht!" - Seine Augen wurden immer größer. Marie grinste von einem Ohr zum Anderen.

Ich fragte Kai-Uwe: "Wer bemalt uns denn mit unseren Startnummern?" - "Ich hol mal jemanden her, damit ihr da nicht durch den Sand müsst. Habt ihr Eure Anmeldungen und Startpässe parat?" - Hatten wir. Während wir, auf dem Rasen liegend, mit einem schwarzen Stift angemalt wurden und uns zumindest schon bis zur Brust in unsere Neos zwängten, wurden wir zunehmend zur Attraktion. Immer mehr Leute blieben stehen und glotzten, wie wir uns, auf der Erde liegend, in die engen Teile pressten. Einige fragten, ob wir Hilfe bräuchten. Glotzten aber weiter, als wir das mehrfach verneinten. Konnten die nicht einfach mal weitergehen? Vielleicht würde die eine oder die andere von uns in Ermangelung eines barrierefreien Klos auch gerne nochmal nonchalant den Rasen bewässern, bevor man sich den Neo über den Popo zieht. Und dabei braucht man niemanden, der zuguckt. Keine Chance.

Wir müssten mindestens eine halbe Stunde vorher am Startpunkt sein und vorher unser Einschwimmen beendet haben. Super. So schnell würde ich gar nicht mit den Zähnen klappern können, wie ich dann friere. Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, dass man uns, wenn wir sowieso aus dem Wasser starten, zehn Minuten vorher ... okay, ich frage gar nicht erst. Also ein Kaltstart. Asche. Ich zog mir zwei paar dicke Socken über meine nackten Füße und eine dicke Fleece-Jacke über meinen Oberkörper. Band mir meine Haare zusammen und setzte schon jetzt die Badekappe und eine Mütze auf. Zwei Kannen heißen Früchtetee hatte ich mir mitgenommen, zwei weitere für Marie. Je Kanne ein Liter, also genügend Flüssigkeit und vor allem: Wärmezufuhr. Auf Bitten bekamen wir zwei Plastik-Gartenstühle an den Badestrand gestellt, damit wir nicht im Sand sitzen mussten. Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Stuhl, damit meine Füße warm blieben. Und soff heißen Tee in Mengen. Die Rechnung ging auf, ich fror nicht. Marie ebenfalls nicht.

Ein Moderator erzählte alles mögliche. Wie teuer die Wurst ist, seit wann es den ausrichtenden Verein schon gibt, welche Sponsoren die Veranstaltung heute möglich gemacht haben und lauter solches Zeugs. Und dann: "Wir haben heute Behinderte unter den Teilnehmern, die starten..." - Applaus brandete kurz auf. - "Können die beiden mal kurz winken?" - Wir drehten uns um und winkten der klatschenden Menge zu. Der Moderator fuhr fort: "Die beiden starten aus dem Wasser und haben eine leuchtend orangene Badekappe auf. Die nehmen genauso teil wie alle anderen auch und bekommen von uns keine Sonderbehandlung! Beide schwimmen aber zum Beispiel nur mit den Armen und ohne Beinschlag, und wer keine Rücksicht nimmt und meint, sie deshalb über den Haufen schwimmen zu können, wird ohne Vorwarnung disqualifiziert." - Erneut wurde geklatscht.

Man könnte glauben, es hätten alle verstanden. War aber nicht so. Der Start verlief komplikationslos. Der See war ruhig, die Kälte des Wassers war nach so viel heißem Tee durchaus erträglich. Es wurde im Dreieck geschwommen und kurz nach der zweiten, also letzten, Boje, überholte uns ein Mann, geschätzt 50, den ich zuerst gar nicht wahrnahm, der dann aber direkt vor mich schwamm und sein Tempo deutlich verlangsamte. Was war das für ein Idiot? Ich änderte meinen Kurs, versuchte ihn zu überholen, er schwamm jedoch genau neben mir und setzte sich zwischen Marie und mich. Wir waren ungefähr gleichauf. Nun pendelte er ständig von einem zum anderen und berührte mich mehrmals, um nicht zu sagen, ich bekam mehrere seiner Kicks in die Rippen. Ich musste unterbrechen und vom Kraulen ins Brustschwimmen wechseln, um genug Luft zu kriegen. Das tat ganz schön weh. Marie bekam kurz darauf ebenfalls was ab. Das war ganz offensichtlich pure Absicht! Hatte er sich von der Ansage des Moderators oder gar vom Applaus anstacheln lassen? Leider konnte ich seine Nummer nicht erkennen.

Ein Kajakfahrer, der das Rennen begleitete, kam auf uns zugerauscht. "Alles okay bei Euch?" - Ich nickte und kraulte weiter. Zum Glück fand ich wieder in meinen Rhythmus. Ich spürte Marie wieder neben mir. Natürlich ohne sie zu berühren. Im brusttiefen Wasser warteten bereits vier Helfer, ebenfalls im Neoprenanzug, auf uns, die uns zu unseren Bikes tragen sollten. Die beiden hatten es drauf: Sie verschränkten unter meinem Po ihre Hände so, dass ich mich auf ihre Arme setzen konnte, meine Arme um ihre Schultern, dann liefen sie mit mir los. Das klappte ja mal gut und sicher fühlte ich mich auch. Das haben die beiden ganz offensichtlich geübt. Sehr schön! Als wir aus dem Wasser kamen, wurde ich auf eine Diskussion aufmerksam: Unseren Rippenkicker hatte man gestoppt. Yes. Inneres Bratkartoffelessen. Ich wusste nur nicht, dass es unsere Begegnung war, die die Offiziellen auf den Plan gerufen hatte. "Hat er Sie getreten?", rief mir der Kampfrichter zu, während meine beiden Jungs mit mir auf dem Arm durch den Sand joggten. Ich antwortete: "Mehrmals in die Rippen, ja. Und meine Freundin auch." - "Und damit ist für Sie hier Feierabend. Wir haben das angekündigt, wir wussten warum, und ich habe Sie genau beobachtet. Wir schreiben auch einen Bericht an den Verband. Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte."

"Weiter", rief ich meinen Trägern zu. Die beiden liefen weiter. "Hat mich schon genug Zeit gekostet, der Idiot", hechelte ich. Mit dem musste ich mich nun wirklich nicht aufhalten. Ich wurde etwas unsanft neben meinem Equipment auf den Rasen gesetzt. Marie plumpste kurz darauf neben mich. Die beiden halfen mir, aus meinem Neo zu kommen. In mein Liegebike kam ich alleine. Helm auf, Abfahrt.

Die Helfer hatten es im Griff. Der Verkehr war zuverlässig abgesperrt, man wusste, wohin man sollte, wir gaben Vollgas. Marie war rund zweihundert Meter hinter mir. Weil es nicht die Sprint- oder Jedermann-Distanz war, waren überwiegend Leute auf der Strecke, die einigermaßen professionell aufgestellt waren. Also niemand auf einem roten Eisenbahn-Mietfahrrad und auch keine Hollandräder mit windabweisendem Bastkorb am Lenker. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und wärmte. So richtig heiß wurde mir irgendwie den ganzen Tag nicht.

Die Strecke war okay. Um ein paar Unebenheiten konnte man herumlenken, Löcher in der Straße oder plötzliche Bordsteine im Weg gab es dieses Mal nicht. Die Strecke verlief über zehn Kilometer und musste vier Mal durchfahren werden. Beim zweiten Mal wusste man immerhin schon, wie der Weg verlief und konnte sich schon rechtzeitig nach links oder rechts orientieren, hoch- oder runterschalten und die Kurven auch etwas schneller nehmen. Die vierte Runde wurde langweilig. Der Himmel war bedeckt und von grauen Wolken verhangen, einmal fielen ein paar Tropfen. Ich hoffte, dass es nicht noch richtig zu regnen anfangen würde.

Der Transfer vom Bike in den Rennrolli klappte problemlos. Die ersten drei Kilometer waren auch noch okay, dann verlief die Strecke aber über eine Bundesstraße in den Nachbar-Ortsteil, zwischen Feldern und Wiesen hindurch und fast ohne Zuschauer. Marie fuhr neben mir. Der Wind kam von vorne, es zog sich wie Kaugummi. Meine Arme wurden immer länger, ich musste mich richtig anstrengen, um durchzuhalten. Es war hauptsächlich eine Kopfsache. Dann erreichten wir endlich zu Zufahrtsstraße zum Sportplatz. Wir überholten noch zwei Frauen, dann fuhren wir durch ein Feuerwehrtor über ein kurzes Stück Rasen und dann sofort auf eine Laufbahn. Während die Fußgänger tatsächlich noch knapp zwei Runden auf der Außenbahn drehen mussten, schickte uns ein Ordner direkt in die Innenbahn auf die Zielgerade.

Etliche Leute, die im Zielbereich standen, begannen zu jubeln und zu klatschen. Marie war zuerst direkt vor mir, allerdings passten wir nicht nebeneinander durch den Zielbereich. Ich ließ Marie vor. Innerhalb von zwei Sekunden fuhren wir durch das Zieltor. Uns wurden die Transponder für die Zeiterfassung abgenommen, bevor wir drei Mal tief Luft geholt hatten. Und dann kam Kai-Uwe mit unseren Rucksäcken und unseren Alltagsstühlen, die wir ihm vorher am Start geben sollten, in seinem Transporter. Unser Shampoo, trockene Alltagskleidung, trockener Stuhl ... lange habe ich mir nicht mehr so sehnsüchtig eine warme Dusche gewünscht. Und sie war tatsächlich heiß, was man ja aus anderen städtischen Sporteinrichtungen oft eher nicht so kennt. Dort ist das Wasser meistens allenfalls lauwarm, und es dauert dank Wasserspareinrichtung eine halbe Stunde, bis man komplett nass ist. Nein, hier gab es in der Rollidusche sogar eine Handbrause.

Bei der anschließenden Siegerehrung bekamen wir neben einer Flasche Bier vom Sponsor auch noch ein Duschgel und ein T-Shirt sowie eine Medaille und eine Urkunde. Und es gab einen Shuttle-Service, so dass wir mit Rennstuhl wieder zu unseren Autos kamen. Die Organisation war also perfekt. An den örtlichen Gegebenheiten könnte man vielleicht das eine oder andere noch verbessern, noch ein paar Barrieren abbauen. Alles in allem war es aber ein tolles Event, das Spaß gemacht hat.

Freitag, 14. August 2015

Bleibende Eindrücke

Meine erste Woche auf der Kinder-Diabetesstation ist vorbei. Was habe ich bisher gelernt? Menschen funktionieren analog und nicht digital. Meinte eine Diplom-Ötzi, wie die Ernährungswissenschaftlerin der Klinik (mal wieder) liebevoll von ihren Patienten genannt wird. Sie wollte damit in einem Diätseminar, das ich mir interessehalber freiwillig reingezogen habe, die Frage beantworten, warum zwei gleich schwere und gleich große Kinder völlig unterschiedliche Mengen Insulin brauchen, um dem Energiegehalt einer Colaflasche zu begegnen. Und warum bei einigen Menschen der Blutzucker bei Aufregung steigt, bei anderen sinkt.

Wenn man schon versucht, den Vergleich eines analog bespielten Magnetbandes mit einer mit digitalem Zahlensalat beschriebenen Compact-Disc zu bemühen und dabei riskiert, dass viele der jungen zuckersüßen Jungs und Mädels in ihrem Leben noch nie eine Kassette in der Hand gehalten, geschweige denn ihr Prinzip verstanden haben, hätte ich mir gewünscht, auch noch viel mehr darauf einzugehen, dass die ganzen gesunden Lebensmittel auch nicht digital produziert werden, sondern analog an Bäumen wachsen. Ich persönliche halte die während des Seminars vertiefte Aussage, ein Apfel entspreche einer Kohlenhydrat-Einheit (10 Gramm Kohlenhydrate), für gefährlich. Vielleicht wird ja in Teil 2 oder 3 oder 4 des Seminars noch weiter vertieft und darauf hingewiesen, dass ein Apfel nicht immmer 100 Gramm wiegt und es zudem völlig verschiedene Sorten gibt, die auch unterschiedlich hohe Zuckeranteile haben.

In der Kantine habe ich auf Anhieb drei Äpfel gefunden, die sogar mehr als 200 Gramm wogen. Und die locker 25 Gramm Kohlenhydrate enthalten könnten. Ein Kind, das nun lernt, es müsse diesen Wert mit einem persönlichen (auch noch von der Tageszeit abhängigen) Wert multiplizieren, um auszurechnen, wieviel Insulin zu spritzen ist, verrechnet sich doch sofort. Aber, wie gesagt, vielleicht wird das ja in den nächsten Kursen noch vertieft, um die Kurzen nicht gleich am Anfang mit zu vielen Faktoren zu verunsichern. Der Einsatz einer Waage hielte ich auch nicht für verkehrt. Diplom-Ötzi meinte allerdings, dass man unterwegs ja auch keine Waage in der Hosentasche hätte, als ein Kind konkret danach fragte. Ich darf mir kein Urteil erlauben, ich bin nur Zuhörerin im Rahmen meines Studiums. Aber wundern darf ich mich. Schon.

Gerade in einer seelisch so belastenden Phase greift man doch nach allem, was irgendwie Sicherheit bietet. Und sei es, dass man einen Wert genau berechnen kann. Vielleicht will man aber auch nicht unnötig verkomplizieren und so die Lebensqualität unnötig weiter einschränken, vielleicht will man auch nicht, dass die Kinder ihrer Herausforderung nur mit technischen Berechnungen begegnen.

In vielen Fällen werden die Kinder mit einer Pumpe ausgerüstet, die in der Größe eines aktuellen Handyladegeräts (ohne Kabel) auf die Haut geklebt und über Funk mit einem Steuergerät, etwa in der Größe eines kleinen Smartphones, kommuniziert. Das Steuergerät wird mit umfangreicher Software geliefert und kann über Tasten und auch per USB über einen PC bedient werden. Einerseits ist es toll, dass sich hier in den letzten Jahren offenbar viel getan hat und diese Systeme immer besser werden (in der Praxis von Maries Mutter kommt regelmäßig eine Diabetikerin Mitte 30, die eine Insulinpumpe hat, bei der man sich mit drei Tasten durch Menüs klicken muss und die Größe einer kleinen Kompaktkamera hat), andererseits lässt sich eine Nachahmung der menschlichen Bauchspeicheldrüse (die beim Nicht-Diabetiker das Insulin produziert) dennoch bei Weitem nicht erreichen. Gleichwohl werden mit der Pumpen-/Infusionstherapie wesentlich bessere Werte erreicht als mit herkömmlichen Spritzen. Dennoch: Die Regie über das System einschließlich der Überwachung muss der betroffene Mensch führen und sicher beherschen. Wissen und Routine in der Behandlung mit Spritze oder Pen (manuelle Inkektionshilfe) müssen also trotzdem vermittelt und einigermaßen mühsam erlernt werden. Und man muss zudem die Schwächen und Gefahren dieser automatisierten Systeme kennen. Und darauf sensibilisiert sein.

So habe ich in der Woche auch gelernt, dass man im Zusammenhang mit Diabetes gerne mal seine Nase einsetzen sollte. Während man in der Gastroenterologie, einem anderen Teilgebiet der Inneren Medizin, in dem ich ja im letzten Halbjahr meines Studiums praktisch aktiv sein durfte, manchmal eher seine Nase verschließen können sollte, sollte man sie in der Diabetes-Behandlung eher offen halten. Den Geruch nach Nagellack habe ich bei Patienten ja nun schon mehrmals wahrnehmen dürfen und auch richtig eingeordnet, der Geruch nach Insulin (oder den beigemischten Konservierungsstoffen) war mir bisher (außer aus dem Lehrbuch) nicht so bekannt. Ein charakteristischer Gestank, der irgendwie an Teer und Kraftstoff erinnert, ist oft schon drei Meilen gegen den Wind wahrnehmbar. Die damit verbundene Frage, ob jemand rumgepanscht hat oder die aktuelle Infusion nicht unter der Haut, sondern irgendwo anders austritt, habe ich in den letzten Tagen mindestens ein Dutzend Mal gehört.

Und sonst? Bleibende Eindrücke hat dieser zweite Teil meiner Famulatur schon jetzt hinterlassen. Die meisten Kinder akzeptieren ihre Erkrankung sehr schnell und zeigen sich tapfer und stark. Viele nehmen ihre Herausforderung mit einiger Coolness an und sind gleichzeitig neugierig und aufgeschlossen. Oft hilft es wohl, dass Kinder noch nicht so weitsichtig sind wie Erwachsene. Was, wie immer, überhaupt nicht ankommt, sind Mitleid und übersteigerte Aufmerksamkeit. Manchmal glaube ich, niemand versteht sie da besser als ich. Auf jeden Fall hilft mir meine eigene Einschränkung sehr, im angemessenen Maß mitzufühlen. Und vorbehaltlos (und mit tiefstem Respekt und einem dicken Klos im Hals) zu akzeptieren, dass sich das vierzehnjährige Mädchen, das mir vorhin gegenüber saß, in ihrer bislang zwölfjährigen Erkrankungszeit mehr Wissen, Erfahrung und bestechende Routine in diesem Bereich angeeignet hat als ich es jemals in meinem Leben durch Studium, Forschung und Berufsausübung tun könnte.

Donnerstag, 13. August 2015

Begegnungen

Ich fahre heute auf dem Gehweg neben einer viel befahrenen Straße. Rechts neben mir ist der Radweg, ich fahre sozusagen links, gegen die Fahrtrichtung. Während das für Fahrradfahrer auf Radwegen ja nur erlaubt ist, wenn ein entsprechendes Verkehrsschild das gestattet, ist es für zu Fuß Gehende und im Rollstuhl Fahrende ja schnierzpupsegal, auf welcher Straßenseite sie gehen oder rollen.

Ich muss eine kreuzende Fahrbahn überqueren. Der Gehweg ist an dieser Straßenecke nicht abgesenkt, wohl aber der Radweg neben mir. Von vorne kommt kein Radfahrer, ich drehe mich um, und schaue, ob von hinten einer gegen die Fahrtrichtung kommt. Ebenfalls Fehlanzeige. Bevor ich nun die hohen Bordsteine hinab und vor allem wieder hinauf fahre, was ich könnte, was aber nicht sein muss (mit dem Fahrrad fährt man ja auch nicht freiwillig den Bordstein hoch, wenn direkt daneben irgendwas abgesenkt ist), mache ich einen Schlenker über den Radweg und rolle dort hinab und nach dem Überqueren der Straße auf der anderen Seite wieder hinauf.

Im Haus direkt neben der Kreuzung, es ist hellblau angestrichen, steht im Erdgeschoss ein Fenster offen. Ein Mann, geschätzt Mitte 60, lehnt im Feinripp-Unterhemd mit seinem Kugelbauch auf der Fensterbank und pafft eine Zigarette. Neben seiner anderen Hand steht eine braune Bierflasche jener Marke, die am dollsten knallen soll. Er starrt ins Leere. Ich nehme ihn nur unterbewusst wahr, konzentriere mich darauf, mit meinen Vorderrädern nicht in der holperigen Pflasterung des Weges hängen zu bleiben. "Hallo Fo**e!", begrüßt er mich plötzlich. - "Hallo Wi**ser!", rutscht es mir heraus. Ohne groß nachzudenken und ohne ihn dabei anzugucken. Im gleichen Moment hoffe ich, dass er seine Waffe so deponiert hat, dass ich mich, während er sie holt, zumindest noch so weit entfernen kann, dass entweder die geringe Geschossenergie die Kugel auf dem Weg zu mir verhungern lässt, oder der hohe Promillewert für eine so große Streuung sorgt, dass ein Treffer absoluter Zufall wäre.

Ich gucke ihn nach wie vor nicht an. Im Augenwinkel sehe ich aber das empörte und zugleich verdatterte Gesicht eines Rentners, der offenbar den lieben langen Tag zwecks Suchtmittelkonsums im offenen Fenster lehnt, und dessen Höhepunkte das wahllose Beleidigen vorbei kommender Frauen sind. Herzlichen Glückwunsch. Mit einer spontanen Antwort hat er wohl nicht gerechnet. "Dumme Fo**e", wiederholt er. Eine Vertiefung des Dialogs erscheint mir ob des zumindest aktuell begrenzten Vokabulars meines Gegenübers aussichtslos. Offenbar davon provoziert, pöbelt er mir das ungezogene Wort noch drei Mal hinterher, bevor die Flasche mit dem Rest Gerstensaft fliegt. Die Flasche zerschellt auf dem Gehweg. Ich drehe mich bewusst nicht um, kann aber anhand des Geräusches ausmachen, dass es mehrere Meter hinter mir ist.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite öffnet sich die Tür eines Friseurgeschäfts. Es beginnt eine Frau, geschätzt Mitte 50, zu keifen. "Geht das schon wieder los? Mensch, reiß dich doch mal zusammen!" - Während hinter mir ein Wort das andere ergibt, mache ich mich aus dem Staub.

Keinen Kilometer weiter komme ich in den Bereich einer Fußgängerzone. Kurz bevor sie beginnt, stehen um 1970 gebaute Wohnhäuser so nah am Straßenrand, dass Geh- und Radweg auf Minimalbreite verengt sind und man bei Regen aufpassen muss, von vorbeifahrenden Autos nicht mit Pfützenwasser bespritzt zu werden. Über den Radweg kommt mir ein Radfahrer entgegen, auf dem engen Gehweg daneben gehen zwei ältere Menschen, eine Frau mit Hackenporsche, ein Mann mit Gehwagen. Beide sehen weder den Radfahrer hinter ihnen, noch den Mann, der, ebenfalls hinter ihnen, in einiger Entfernung mit schnellerer Geschwindigkeit heran kommt.

Ich kann auf den Radweg nicht ausweichen. Also müssen die beiden älteren Leute wohl mal kurz hintereinander gehen. Was sich aber ob des Dickkopfes etwas schwieriger gestaltet. Ich bleibe letztlich am rechten Rand des Gehwegs, direkt am Radweg, stehen und lasse die Leute um mich herumstiefeln. Was nach einigen Abstimmungsproblemen auch funktioniert. Nur leider kommt der Mann, der dahinter schnelleren Schrittes läuft und gerne überholen möchte, nun für sein Empfinden nicht schnell genug voran. Er versucht erst links, dann rechts an den beiden Senioren vorbei zu kommen, sieht in letzter Sekunde den klingelnden Radfahrer. Und pöbelt natürlich wen an? Mich. "Musst du hier so dumm im Weg rumstehen?"

Mein Idiotenmagnet ist mal wieder perfekt kalibriert. Ich verkneife mir jeden Kommentar ("Dein Bruder wirft übrigens gerade schon mit Bierflaschen") und lächle. Und muss aufpassen, dass mich nicht noch jemand zur Seite schiebt. Zwei Mal setzt der Mann doch tatsächlich dazu an, mich an der Schulter zu berühren, traut sich dann aber doch nicht. Vielleicht denkt er, meine Querschnittlähmung könnte ansteckend sein. Manchmal sind Berührungsängste auch toll. Irgendwie.

Mittwoch, 12. August 2015

Klogespräche

Ich bilde mir nicht ein, ein Kind erziehen zu können. Vor allem kein fremdes Kind. Daher halte ich mich mit Kritik an den Erziehungsmethoden anderer Menschen lieber zurück. Lächeln und Kopfschütteln sollte aber erlaubt sein.

So erging es mir heute. Ich war mit Marie auf dem Klo. Ja, Mädchen gehen ja immer zu zweit dorthin. Es war eine öffentliche Anlage, Marie brauchte jemanden, der ihr Spiegel und Licht beim Kathetern hält, um sich in dem eher ekligen Raum nicht komplett die Hose und die Schuhe ausziehen zu müssen. Zum Glück stank es dort nicht und es waren keine groben Verschmutzungen sichtbar, dennoch weiß man ja immer nicht, welche unsichtbaren Geschöpfe einen dort anspringen. Während Marie ihr Equipment aus dem Rucksack räumte, spielte ich mit meinem Smartphone.

Das Gebäude, ein allein stehendes WC-Gebäude, war bis zum Giebel vermutlich vier bis fünf Meter hoch. Die barrierefreie Kabine hatte einen separaten Eingang und war von dem Rest des Gebäudes mit einer rund zweieinhalb Meter hohen gefliesten Trennwand separiert. Oben war ein Metallgitter als Zwischendecke eingezogen, vermutlich um zu verhindern, dass irgendwelche Knalltüten über die Wände klettern, filmen oder nasse oder brennende Klopapierrollen in die Nachbarräume auf das andere Geschlecht werfen. So war man von Blicken geschützt, nicht aber von Gerüchen und Geräuschen.

Gerüche waren, wie gesagt, ausnahmsweise mal nicht so das Problem, wohl aber Geräusche. Es ließ sich nicht vermeiden, eine Mutter mit ihrer geschätzt vierjährigen Tochter zu belauschen. Zuerst maß ich dem Gespräch überhaupt keine Bedeutung zu, mit der Zeit blickte ich aber von meinem Handy hoch und glotzte Marie entsetzt an, die ebenfalls schon die Luft anhielt. "Darf man hier auf den Fliesen einen Bach machen?" - "Nein, Mami." - "Und ins Waschbecken?" - "Nein." - "Und auf das Klopapier?" - "Auch nicht." - "Und darf man einen Stinker auf die Klobrille machen?" - "Hihi, nein, Mami." - "Und auf den Fußboden?" - "Auch nicht." - "Und ins Waschbecken?" - "Nein." - "Und in den Schlüpfer?" - "Auch nicht." - "Wo gehört der Stinker hin?" - "In die Toilette." - "Und wohin noch?" - "Das Spiel ist langweilig."

Marie hob den Daumen und hätte fast applaudiert. Ich schüttelte den Kopf. Das langweilige Spiel ging noch weiter. Als nächstes wurde besprochen, ob man in Etappen oder mit durchgehendem Strahl pinkeln, ob man mit großer oder kleiner Taste spült, ob man Papier lieber faltet oder lieber knüllt, wieviel Blatt man nimmt und dass man immer das erste Blatt verwirft, denn das könnte jemand angefasst haben. "Und wie lange muss man warten?" - "Bis es aufhört zu tropfen und der Pups rausgekommen ist." - "Prima!"

Marie verdrehte die Augen. Irgendwann waren die beiden wieder draußen. Man hörte eine Männerstimme: "Nu weisste Bescheid." - In dem Moment konnten wir unser Gelächter nicht mehr länger zurückhalten. Der Mann, wo auch immer er sich versteckt hatte, lachte mit. "Das Trauma wird die Kleine ein Leben lang begleiten", meinte er dann über die Kabinenwand hinweg. Damit könnte er recht haben.

Dienstag, 11. August 2015

Konspirative Kollegen

Mit dem Krankenhaus, in dem ich aktuell ein Teil meines Pflichtpraktikums (Famulatur) ableiste, habe ich endlich mal eine Einrichtung erwischt, in der es kollegial und menschlich zugeht, und das auch beim Personal. Der Umgangston ist höflich, es wird sich gegenseitig respektiert, es gibt keine blöden Kommentare und kein gegenseitiges Veralbern, kein schlechtes Reden über Dritte - ich fühle mich gerade sehr wohl. Meine viermonatige Famulatur, die ich in vier Teilen zu jeweils einem Monat ableiste, hatte mich ja in den letzten Semesterferien in eine Kinderarztpraxis geführt, nun, nach einem kleinen Umweg, in die Gastroenterologie eines großen Krankenhauses. Mit Magen-Darm-Erkrankungen konnte ich ja bereits im letzten Halbjahr einige gute Erfahrungen sammeln, denn der reguläre Praktikumstag, der einmal wöchentlich das theoretische Lernen begleitet und nichts mit der Famulatur zu tun hat, fand eben auch in einer gastroenterologischen Station statt.

Gestern nun bat mich der Chefarzt zum Gespräch in sein Zimmer. Er war sehr freundlich, fragte mich aber, wo ich meine praktische Erfahrung gesammelt hätte. "Sowas war noch nie da", meinte er. Ich runzelte die Stirn und bekam erklärt, dass Studenten üblicherweise allenfalls etwa zehn bis zwanzig Prozent, ganz engagierte vielleicht mal fünfzig Prozent der praktischen Dinge übernehmen, die ich täglich in seiner Ambulanz erledigt hätte. "Ihnen fehlt die Erfahrung, das merkt man deutlich. Das ist aber in Ordnung, woher sollten Sie Ihre Erfahrung nehmen? Aber handwerklich sind Sie Ihrem Ausbildungsstand um Jahre voraus."

Ich wollte diese Einschätzung nun nicht auf Anhieb teilen. Marie ist, was "handwerkliches Geschick" anbelangt, deutlich fitter als ich. Und wenn ich meine Kommilitonen sehe, denen man beim praktischen Tag ja durchaus mal über den Weg läuft, stelle ich mich manchmal erheblich blöder an. Finde ich zumindest. Trotzdem höre ich sowas natürlich sehr gerne. Andererseits denke ich, habe ich gerade durch die Arbeit bei Maries Mutter sehr viel Vorsprung bekommen. Und hinzu kommt, dass meine körperliche Beeinträchtigung unter Garantie meinem handwerklichen Geschick schon bald enge Grenzen setzen wird. Ich antwortete schlicht: "Vielen Dank."

Der Chef fuhr fort: "Aus meiner Sicht wäre es falsch, ein Kapitel in der Famulatur zu sehr zu vertiefen, andere Chancen aber ungenutzt zu lassen. Sie haben im letzten halben Jahr in der Gastroenterologie offenbar sehr viele praktische Erfahrungen sammeln dürfen, die weit über das übliche Maß hinaus gehen. Jetzt auch noch einen weiteren Monat Famulatur in dem Bereich abzuleisten, schafft Ihnen gegenüber anderen Studierenden einen Vorteil, den man sicherlich als 'charmant' bezeichnen kann, der Sie aber im Moment nicht weiter bringt. Deshalb möchte ich Ihnen vorschlagen, dass Sie auf die Kinder-Diabetesstation wechseln. Üblicherweise haben wir dort keine Famulanten, aus vielfachen Gründen, aber meine sehr nette Kollegin, die dortige Chefärztin, wäre bereit, für Sie auf meine Bitte eine Ausnahme zu machen. Ich habe eben mit ihr telefoniert. Wenn Sie möchten, dürfen Sie sofort dorthin wechseln. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen, Sie dürfen auch gerne bei uns bleiben - meine Leute und ich werden Ihnen mit Sicherheit auch noch genug vermitteln können, ohne dass Ihnen langweilig wird. Aber wenn ich Ihnen einen -fast schon freundschaftlichen- Rat geben darf: Nutzen Sie diese Chance."

Uff. Was ist das nun wieder? Wirklich freundlich und unterstützend? Wenn ja, warum tut er das für mich? Oder werde ich gerade weggelobt, habe ich schon wieder irgendwas verbockt, hat sich jemand in mich verliebt oder stand mein Rollstuhl im Weg? Nein, eigentlich vertraue ich ihm. Ich wollte gerade Luft holen, da sagte er: "Stop! Ich mache Ihnen noch ein Angebot: Sie schnuppern da jetzt bis morgen abend rein, und wenn die da nicht nett zu Ihnen sind oder das Thema sich wider Erwarten als nur öde herausstellt, kommen Sie zu mir zurück. Einverstanden?" - Er streckte mir seine Hand aus. Schlagen Sie ein!

Ich zögerte eine Sekunde, dann schlug ich ein. "Und wenn Sie morgen oder übermorgen hier nicht vor meiner Tür stehen, weil Sie zurück wollen, dann melden Sie sich nächste Woche mal bei mir und sagen mir Bescheid, ob der Switch gut, gut oder gut war. Okay?" - "Okay." - "Alles Gute für Sie!"

Zack war ich draußen, die Tür hinter mir zu. Einmal Luft holen. In meinem Kopf kreisten alle möglichen Gedanken. Wieso telefoniert er mit seiner Kollegin, bevor er meine Meinung dazu kennt? Gerade, wenn ich so freiwillig und er so besorgt handelt? Ich schob diese Gedanken beiseite. Rollte zur Diabetesstation, dort zum Vorzimmer, klopfte, hörte nichts, klopfte noch einmal, war mir nicht sicher, ob es im Flur zu laut war oder wirklich niemand geantwortet hatte. Ich drückte vorsichtig die Klinke hinunter und schaute mit dem Kopf um die Ecke. Die Sekretärin saß hinter einem Schreibtisch, guckte mich an und winkte mich zu sich heran. Zum Zimmer der Chefin stand die Tür weit offen, dort drinnen wurde aufgeregt diskutiert. Nicht laut, aber mit deutlichen Worten.

Eine blonde Frau im weißen Kittel, Mitte 50, unauffällige Figur, wippte mit ihrem Bürostuhl im Nebenraum hin und her. Sah mich, zeigte mit dem Finger zuerst auf mich und anschließend senkrecht nach unten vor ihren Tisch. Sollte ich jetzt dort rein rollern, während sie irgendeinem Menschen am Telefon die Meinung geigte? Ich rollte vorsichtig in ihre Richtung. Als ich drin war, machte sie eine Handbewegung als würde sie eine Tür zuschieben, eine Türklinke herunterdrücken und legte anschließend den Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen, während sie ihrem Gegenüber ungeduldig zuhörte. Ich verstand: Ich sollte leise die Tür schließen. Immerhin traut sie mir das zu, sowas ist eher selten. In den meisten Fällen wird mir das Manöver ungefragt abgenommen - selbst dann, wenn man dabei noch über mich rüberklettern muss. "Ich hoffe, dass wir diese Diskussion heute ein letztes Mal geführt haben. Die Fakten ändern sich nämlich nicht. Ansonsten sind Sie der Erste, der es erfährt. Ja? Gut? Und dann sitzt mein nächster Termin vor mir. Ich muss Schluss machen. Ja, Ihnen auch."

Sie warf den Hörer auf die Gabel und murmelte: "Der tut jedes Mal so, als sollte er das von seinem Taschengeld bezahlen." - Sie gab mir die Hand. Ich stellte mich vor. "Die Musterschülerin?", fragte sie. - "Genau die." - "Sie sind sehr selbstsicher, oder?" - Ich grinste. "Nein, das war ein Spaß. Ich schätze mich selbst etwas anders ein. Aber ich bin nicht die Fachfrau, die das beurteilen kann, sondern ich lerne." - "Wissenschaftliches Arbeiten?" - "Auch das. Im Moment leiste ich meine Famulatur ab. Zweites Viertel." - "Worüber werden Sie promovieren?" - "Eine Diss ist bislang nicht geplant." - "Das ist gut. Ich habe nämlich Ihre letzte Hausarbeit gelesen. Und ich glaube, ich hätte ein Thema für Sie." - "Nanu? Da bin ich jetzt mal überrascht."

"Ja, ich gebe zu, der Weg ist nicht der allgemein übliche. Sie haben ein Manko. Querschnittlähmung?", fragte sie und deutete auf meine Beine. Ich nickte mal vorsichtig. "Ein 'Doktor' vor dem Namen würde diejenigen, die glauben, die Querschnittlähmung drücke aufs Hirn, mit Sicherheit beeindrucken." - "Ich bin mir nicht sicher, ob ich für das Klientel forschen möchte." - "Falsche Antwort, Frau Jule. Die Patienten, die Ihnen erst aus der Hand fressen, wenn ein akademischer Grad auf Ihrem Türschild steht, zahlen Ihnen später den Sommerurlaub in der Karibik. Und sagen Sie jetzt nicht, dann verzichten Sie lieber auf die Karibik, weil es an der Nordsee im August auch schön ist." - "So ähnlich, nur dass ich die Ostsee präferiere. Aber jetzt mal ohne Flachs: In welcher konspirativen Mission bin ich denn gerade gelandet? Ein Chefarzt lobt mich bis mir schwindelig wird und schickt mich zu seiner Kollegin, ..."

"Sprechen Sie gar nicht erst weiter! Ich habe etliche Themen eingereicht, in einigen Fällen sogar Gelder bewilligt bekommen, aber plötzlich keine Doktoranden mehr. Der Nachwuchs von heute passt eben in Sachen Verbindlichkeit augenscheinlich nicht mehr ganz in das Konzept der Forschungsträger. Und Kinder-Endokrinologie ist zudem wohl gerade nicht so gefragt. Nun hatte ich ein Gespräch mit dem - um Ihre Worte zu benutzen - konspirativen Kollegen beim Mittagessen, der mir von einer Famulantin erzählt hat, naja, den Rest kennen Sie ja." - Sie fuhr fort, dass sie ein Thema für mich hätte, das ich detailliert nicht öffentlich beschreiben kann, aus verständlichen Gründen; bei dem es aber, grob gesagt, um Regulationsstörungen, wie sie beispielsweise bei einer Querschnittlähmung vorkommen, ginge. Bei einer Querschnittlähmung kann es ja zum Beispiel zu Kreislaufproblemen kommen, weil aus dem halben Körper die Nerven kein Feedback ans Gehirn senden. Oder vielmehr es dort nie ankommt. Nun werden die meisten Hormonspiegel ja nicht über diese Kanäle geregelt, um es mal laienhaft auszudrücken, aber die (traumatische) Unterbrechung bestimmter "Informationskanäle" kann man sich zunutze machen, um eine bestimmte Theorie bestätigen oder zu entkräften, die im Zusammenhang mit diabetischen Spätschäden (Nervenschäden, meistens an den Zehen beginnend) im Raum steht.

Spannend fände ich eine solche Theorie auf jeden Fall. Und beweisen oder vermutlich eher entkräften würde ich sie auch gerne. Reizvoll wäre eine solche Arbeit und das spätere Ergebnis ebenfalls. Ob ich aber mir wirklich diesen zusätzlichen Stress antun möchte, darüber bin ich mir nicht wirklich sicher. Ich rolle so schon auf dem Zahnfleisch und nicht nur das zeitliche, sondern auch das organisatorische Geraffel schrecken mich eher ab. Andererseits würde ich wohl wie kaum eine andere von meiner eigenen Zugehörigkeit zum rollenden Volk und damit von einer ganz anderen Kommunikationsebene profitieren können. Die Chefärztin ist davon überzeugt, dass es ein Klacks sei, bereits angestoßene Themen nach Rückzug des bisherigen Bewerbers mit mir neu durchzukriegen. Zumal eben mit den Arbeiten nicht begonnen wurde.

Ich habe ihr gesagt, dass ich es mir überlegen werde. Und begann direkt danach auf einer Station, in der Kinder und Jugendliche mit Zuckerkrankheit behandelt werden. Überwiegend geht es um die erste Einstellung der Insulinzufuhr von außen, nachdem man erkannt hat, dass der jeweilige Körper selbst nicht ausreichende Mengen dieses Hormons produziert. Bei einigen wurde es auch nicht rechtzeitig erkannt, die sind dann im schlimmsten Fall irgendwann bewusstlos geworden und, wie in einem Fall, mitten im Wald vom Hottehüh gepurzelt. Ohne sich dabei jedoch noch ernsthaft zu verletzen. Andere sind kurzzeitig in die Klinik gekommen, weil etwas mit ihrer Einstellung nicht stimmt, etwas verändert werden, die Schulung aufgefrischt werden soll - oder was auch immer. Ich bin gespannt, was mich hier erwartet.

Sonntag, 9. August 2015

Einhörner und Regenbögen

Ein heißes Wochenende liegt hinter mir. Nicht nur von den Außentemperaturen, sondern auch von den inneren. Philipp und ich sind zwei Tage lang bei mir zu Hause gewesen und ... ja, bitte zur nächsten Überschrift scrollen, wenn mehr als Bienchen und Blümchen nicht genehm sind.

Ich könnte es damit zusammenfassen, dass ich berichte, dass wir zwei Tage lang nicht aus dem Bett gekommen sind. Von einigen wenigen Unterbrechungen mal abgesehen, haben wir nur geschlafen. Mal nebeneinander, mal aufeinander, mal miteinander. Er dachte, er würde mir mit einer fünftägigen Enthaltsamkeit einen Gefallen tun, stellte aber kurz darauf selbst Vergleiche mit der gemeinsamen Nahrungsaufnahme von Mensch und Hund an. Während der Mensch vom leckeren Würstchen möglichst kleine Stückchen abbeißt, um lange genießen zu können, macht der Hund einmal "Schnapp" und die Wurst ist weg. (Muss ich erwähnen, dass ich danach nur noch an Würstchen denken konnte?)

Kurzum: Mein Kopf lag noch nicht mal richtig, da war er schon fertig. Ich hatte zwar noch nie einen Höhepunkt nach wenigen Minuten, aber wenn, würde ich einfach weitermachen und genießen. Bei Männern ist das ja bekanntlich anders. Die sogenannte Refraktärphase ist gekennzeichnet von "ich bin fertig", was soviel bedeutet wie "lass mich Frieden". Etwas, was Frau lernen muss. Aber ankuscheln war möglich und einen positiven Nebeneffekt hat eine wochenlange Abstinenz ja doch: Die Refraktärzeit scheint wesentlich kürzer zu sein.

Das zweite Mal war für mich das schönste. Was die Dauer, die vielen Hormone, die mir zuerst Bilder von knackigen Männerpopos in nassen Jeans am Strand, später von fluffigen Wolken zwischen Regenbögen und Einhörnern durch den Kopf kreisen ließen, und die Intensität und das Zusammenspiel unserer Handlungen anging. Die restlichen Male (ja, wir hatten ein Wochenende Zeit für uns und großen Nachholbedarf, sorry) dienten mehr der gegenseitigen Wahrnehmung, dem Austausch von Zärtlichkeiten und dem Bewusstsein, dass da noch jemand mit im Bett liegt. Schade nur, dass wir in der Woche so wenig Zeit füreinander haben.

Freitag, 7. August 2015

Defektmenschen

Meine erste Woche in der gastroenterologischen Abteilung ist bereits rum. Soviel wie an meiner Uni hat man mir hier zwar noch nicht zugetraut, dafür wird hier in einigen Bereichen sehr viel gründlicher gearbeitet. Insbesondere was Protokolle und Aufklärungsgespräche betrifft.

Gestern durfte ich den ganzen Tag im Aufwachraum verbringen und bei schlafenden Patienten Blutdruck und Puls messen, mit ihnen reden, wenn sie aufwachten. Die meisten dämmerten einige Zeit vor sich hin und fragten gefühlte zwanzig Mal dasselbe. Je nach verwendetem Narkosemittel ist das aber normal.

Ein älterer Mann war allerdings dazwischen, den werde ich so schnell nicht vergessen. Geburtsjahrgang 1927, war zur Kontrolle nach einer Darmkrebs-Operation, und erzählte mir im Dämmerzustand, wie man körperlich behinderte Menschen im Nationalsozialismus genannt hat. "Ballast-Existenzen", "Defektmenschen", "unnütze Esser", "gemeinschaftsfremde Volksschädlinge" waren nur vier Begriffe, die ich mir gemerkt habe. Er fragte zwischenzeitlich aber auch immer wieder nach seiner (bereits verstorbenen) Frau, von daher muss ich davon ausgehen, dass er gar nicht klar war, als er diesen Müll redete. Mich wunderte nur, dass er das offensichtlich mit meinem Rollstuhl in Verbindung gebracht hatte und diese Begrifflichkeiten nach so vielen Jahren noch wieder präsent hatte.

Insgesamt gefällt es mir sehr gut in der Klinik. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr nett, man respektiert und akzeptiert mich, das Arbeitsklima ist trotz eines hohen Stressfaktors sehr gut und vor allem sehr fair. Ich bin also glücklich.

Montag, 3. August 2015

Nochmal Gastroenterologie

Ja, ich habe den Praktikumsplatz. Ich darf nun für vier Wochen in einer gastroenterologischen Abteilung eines großen Krankenhauses den nächsten Block meiner Famulatur ableisten und bekomme dafür neben Arbeitskleidung auch noch 400 € Aufwandsentschädigung. Das hört sich doch gleich sehr viel besser an. Wenngleich ich lieber etwas anderes gemacht hätte, aber ich will nicht meckern. Ich bin mehr als zufrieden.

Der Tag begann mit: "Hast du schonmal eine Kanüle gelegt?" - "Ja." - "Kannst du das?" - "Ja." - "Zeigen!" - Die erste Patientin wurde gefragt, ob ich sie legen dürfte. "Das ist eine Famulantin, aber sie sagt, sie kann das bereits. Ich bleibe aber dabei." - "Dann mal los." - Zitter, zitter, zack, saß. Auf Anhieb. Der Doc, der mir dabei zusah, hob seinen Daumen.

Mein Job heute: Jeder, der ein Schmerzmittel oder eine Kurznarkose bekommt, braucht eine Kanüle. Ich frage ihn, ob ich eine legen darf und weise ihn darauf hin, dass ich nur Famulantin bin. Ich rufe bei Fragen oder einer Sauerei sofort den Arzt aus dem Nebenraum. Ergebnis: Zweiundzwanzig Kanülen in zweiundzwanzig Armvenen, alle saßen auf Anhieb richtig. Ohne Fragen, ohne Sauereien. Ich muss gestehen, dass niemand mit schwierigen Venen dazwischen war und alle sehr entspannt waren. Es handelte sich überwiegend um chronisch kranke Patienten, die sehr routiniert und teilweise fast lässig in die Untersuchung gingen.

Schön war allerdings, als ich ein Gespräch belauschte, das der Chefarzt im Nebenraum mit meinem "Vorturner" führte. Die Tür war nicht ganz zu und so ließ es sich nicht vermeiden, dass ich die Unterhaltung in Fetzen mitbekam, während ich einen Schrank auffüllen sollte: "Wie macht sich das Mädel im Rollstuhl?" - "Sie hat heute fleißig Armvenen punktiert." - "Oha. Und?" - "Perfekt." - "Und ernsthaft?" - "Nein, ernsthaft: Perfekt. Völlig routiniert." - "Schön. Dann finden Sie morgen mal heraus, ob sie Herz-Kreislauf, Sauerstoffsättigung und so weiter begriffen hat. Anschließend soll sie das Pulsoximeter überwachen und protokollieren. Und dann erklären Sie ihr übermorgen mal das Endoskop. Also trocken. Sie soll bei uns ja auch was lernen."

Ich werde es langsam angehen, ihm aber erzählen, dass ich schon rund ein Dutzend Mal selbst das Ding führen durfte. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Langsam insofern, als dass es nicht schaden kann, noch einmal bei Null anzufangen. Die Basics kann man nicht oft und genau genug lernen. Jedenfalls geht es mir hier erheblich besser.