Freitag, 31. Juli 2015

Sommerdom 2015

Wir waren heute mit vier Rollstuhlfahrerinnen auf dem Hamburger Dom, dem größten Volksfest des Nordens. Bei schönem Wetter war es brechend voll und laut. Was mich gewundert hat: Mindestens 60 weitere Leute im Rollstuhl habe ich gezählt, so viele wie sonst nie. Ich kannte niemanden, die meisten wurden geschoben und waren jenseits der 70. Meistens Familienausflüge bei schönem Wetter. "Wir nehmen Oma und Opa heute mal mit, wenn die Kinder mit den Karussells fahren."

Seit einigen Jahren muss alles mit dem Rollstuhl erreichbar sein, an allen Fressbuden und Zuckerwatteständen sind nun an mindestens einer Stelle Rampen angebracht, beim Autoscooter kamen sofort drei Leute angelaufen, die uns helfen wollten, bevor wir überlegt hatten, ob wir überhaupt mitfahren wollten. Sie schoben uns zwei Autos an den Rand, so dass wir vom Rollstuhl direkt umsteigen konnten, schoben unsere Stühle an die Seite, besorgten uns Chips ... Service pur. Am Riesenrad war sogar ein Lifter angebracht, mit dem man in die Gondel gehoben werden konnte.

Inzwischen sind auch beide U-Bahn-Stationen (St. Pauli und Feldstraße) mit Aufzügen ausgestattet. Lediglich die Behindertenparkplätze sind, wie auch schon in den Jahren davor, ein ewiges Problem. Die zehn Plätze in der Glacis-Chaussee sind so schlecht beschildert, dass die meisten Leute übersehen, was da Phase ist. Weil es sich um temporäre Plätze handelt, gibt es verständlicherweise keine Bodenmarkierungen. Es handelt sich um eine große, gepflasterte Fläche, die links und rechts durch einen Zaun abgetrennt ist. Am vorderen Ende der Zäune steht jeweils ein Schild "Rollstuhlfahrerplätze" mit Pfeil links bzw. Pfeil rechts. Wenn jemand also vorwärts einparkt, ist dieses Schild einen Meter hinter seinem Auto und mitunter dann auch fünf Autos weiter rechts oder links angebracht. Die meisten Leute wollen schnell zum Volksfest und übersehen es. Klar, man muss sich vergewissern, ob man dort parken kann, und es sollte einem zu denken geben, wenn das Parken auf der dafür extra gesperrten vierspurigen Hauptstraße an der Schranke ein Ticket für mindestens vier Euro kostet und hier nun ein Platz plötzlich völlig kostenlos sein soll. Aber viele Leute denken eben nicht nach. Und so waren von den zehn Autos auf der Parkfläche genau zehn ohne entsprechende Berechtigung. Und (noch) niemand hatte eine Knolle am Scheibenwischer. Ich weiß, warum ich mit Öffis angereist bin.


Mittwoch, 29. Juli 2015

Zwei Stunden parken

Ich bin aktuell noch immer auf der Suche nach einer neuen Stelle in einer Klinik, auf der ich vier Wochen meiner Famulatur ableisten kann. Das ist kurzfristig gar nicht so einfach, aber möglicherweise zeichnet sich für die nächste Woche etwas ab. Heute war ich zu einem kurzen spontanen Bewerbungsgespräch unterwegs. Das ist nicht unbedingt üblich, aber in dieser Klinik meinte man: "Kommen Sie heute zwischen 13 und 14 Uhr mal bitte vorbei und stellen sich 10 Minuten vor. Bringen Sie Ihren Lebenslauf mit!"

Wie gesagt, ob ich ab nächster Woche dort vier Wochen mitrollen darf, stellt sich noch heraus. Als ich zurück zu meinem Auto kam, das ich in der Nähe eines S-Bahn-Knotens geparkt hatte, traute ich meinen Augen kaum: Es gab dort zwei Behindertenparkplätze. Ich hatte auf dem rechten der beiden geparkt, und, weil ich auf der Fahrerseite aussteige, weit rechts am Rand gehalten. Links neben mir, auf dem anderen Behindertenparkplatz, stand ein VW-Bus mit Hebebühne unter der Schiebetür. Dieser parkte nicht nur auf dem linken Parkplatz, sondern dort auch noch ziemlich weit links, damit genügend Platz für die ausfahrende Bühne vorhanden ist.

Irgendein "Riesenarschloch" (es singt sinkt für Sie: Das Niveau) hatte seinen vergammelten Twingo mittig zwischen die beiden Fahrzeuge gestellt. Und zwar so, dass er die Spiegel einklappen musste, um nicht den Lack der anderen Fahrzeuge zu zerschrammen. Immerhin hat er die Spiegel eingeklappt, bevor er sich, wie gesagt mittig, also auf der Trennlinie, zwischen die beiden Autos gestellt hat. Das "Riesenarschloch" (ich zitiere bloß) war nicht zu sehen. Allzu groß durfte die Person nicht sein, denn sie kann nur durch die Kofferraumklappe ausgestiegen sein.

So eine Scheiße. Ein Ausweis lag beim Twingo natürlich nicht in der Scheibe, dafür hatte aber bereits jemand unmissverständlich klar gemacht, was er von dem Fahrer hält. Auf einer Wurstpappe von der fahrbaren Imbissbude gegenüber stand mit Kugelschreiber geschrieben: "Sie sind ein Riesenarschloch!!!" - Die Pappe hatte ihm jemand hinter den Scheibenwischer geklemmt. Ein Rollstuhlfahrer war es nicht, es sei denn, der konnte über die Motorhaube des Twingos robben.

Das Problem war, dass ein Herausziehen des Twingos durch einen Abschlepper nicht möglich war, weil er dabei unter Garantie gegen mindestens eins der parkenden Fahrzeuge gestoßen wäre. Ein Anheben wäre aus den gleichen Gründen ebenfalls nicht möglich: Der von der Polizei herbeigerufene Abschlepper nahm den Auftrag nicht an, weil er nicht garantieren könne, dass das Auto nicht bei einer Windböe gegen eins der parkenden Autos schaukeln würde. Bliebe nur, mein Auto so schräg anzuheben, dass es gleich vom Twingo wegschwingt. Allerdings ohne jede Gewährleistung.

Nö. Die anwesende Polizeistreife meinte: "Außer einer Verwarnung über 35 Euro kann ich nichts für Sie tun. Sie können nur auf dem Zivilweg versuchen, Verdienstausfall geltend zu machen. Aber ich kenne keinen Fall, in dem das geklappt hat. Das ist sowas wie höhere Gewalt. Und wir müssen auch weiter, wir können uns nicht stundenlang mit einer Parkbehinderung aufhalten, auch wenn es mir leid tut."

Schon gut. In dem Moment kam die Fahrerin angelaufen. Nachdem ich inzwischen bereits geschlagene zwei Stunden gewartet hatte. Sie wollte tatsächlich durch die Heckklappe einsteigen. Es sei doch alles halb so wild, sie habe nur zwanzig Minuten dort gestanden. Die Polizistin stieg wieder aus und meinte: "Den Einsatz haben wir aber schon vor über einer Stunde bekommen. Nun möchte ich Ihre Papiere sehen. Und Warndreieck, Verbandskasten und fünf Warnwesten. Und wo ist Ihr Innenspiegel? Ich werde eine Mängelmeldung fertigen." - Sehr schön. Von Hammelbeinen kann man bei einem (weiblichen) Schaf ja bekanntlich nicht sprechen, und an den Eiern hatten sie sie aus gleichen Gründen auch nicht. Aber ich glaube, jeder weiß, warum die Aktion dann am Ende doch noch etwas von einem kleinen inneren Bratkartoffelessen für mich hatte. Die Dame fauchte und schnaubte, es rauchte aus ihren Ohren und ich konnte mir nicht verkneifen, die Polizistin anschließend noch um die persönlichen Daten der Frau zu bitten, um meine zivilrechtlichen Ansprüche durchsetzen zu können. "Ich muss seit zwei Stunden dringend pinkeln und das Klo im Bahnhof ist wegen Sanierung zu, ich werde meinen Anwalt fragen, inwieweit hier Schmerzensgeld und Verdienstausfall in Betracht kommen."

Die Frau guckte mich mit großen Augen an. Eine Entschuldigung brachte sie aber nicht über die Lippen. Lust habe ich auf anwaltliches Theater natürlich nicht, das wird ihr Glück sein. Aber vielleicht hat die Drohung ja was genützt und meine rollenden Kolleginnen und Kollegen haben künftig eine Nervensäge weniger, die ihnen die Plätze blockiert oder sie durch solch unüberlegtes Handeln stundenlang außer Gefecht setzt.

Sonntag, 26. Juli 2015

Strand und Mia

Und während halb Deutschland schwitzt, hatten wir ein wunderschönes Wochenende an der Ostsee. Gestern nahezu spiegelglatte See, kaum Wind, erträgliche Temperaturen, strahlend blauen Himmel und herrlichen Sonnenschein, dazu ein fast menschenleerer Strand. Guckst du:


Und heute geilstes Luftmatratzenwetter: Bei strahlendem Sonnenschein und etwa Windstärke 3 konnte man sich wunderbar durchschaukeln lassen. Ich glaube, insgesamt waren Marie und ich heute über drei Stunden im Wasser. Nicht an einem Stück, aber an einem Tag...


Wir hatten heute unser Strandiglu aufgebaut, um ein wenig vom Wind und der Sonne geschützt zu sein. Marie und ich teilten uns eine Schaufel und bauten eine Sandburg, als plötzlich ein etwa zehnjähriges Mädchen zu uns kam, erst schüchtern guckte, dann zu ihren Eltern blickte, die ihr zunickten. Dann fragte sie: "Darf ich an eurer Burg mitbauen?" - "Na klar", sagte Marie. Also bauten wir mit drei Leuten bestimmt eine Stunde lang eine große Sandburg. Mit Muscheln verziert, mit einem Burggraben, einem Tunnel - nur leider gibt es ja immer wieder Kinder, die unbedingt alles kaputt machen müssen. Wir waren gerade fertig, als zwei geschätzt sechs- bis achtjährige Jungs mutwillig auf unserem Kunstwerk herumspringen mussten. Marie zog das eine Kind noch am Bein weg, es war allerdings schon zu spät. Die Mutter kam dazu und verpasste den beiden Rotzlöffeln eine Standpauke. Das interessierte die beiden jedoch nur sekundär.

Aber man sieht sich ja immer zwei Mal im Leben. Manchmal auch kurz hintereinander. Wir nahmen die zehnjährige Burgenbauerin mit ins Wasser (sie hat natürlich vorher ihre Eltern gefragt, ob sie durfte) und spielten mit ihr auf der Luftmatratze. Wir waren ziemlich ausgelassen. Ich glaube, sie hatte den größten Spaß. Nach einiger Zeit brachte Mia, so hieß das Mädchen, unsere Luftmatratze in unser Strandiglu, holte stattdessen ihre schwimmende Frisbee-Scheibe. Da kamen doch tatsächlich die beiden Rotzlöffel an und fragten, ob sie mitspielen dürfen. Ich konnte mir nicht verkneifen: "Mit Euch spielen wir nicht. Ihr habt unsere Burg kaputt gemacht. Tschüss!"

Vielleicht ist es denen ja eine Leere Lehre. Als wir wieder draußen waren, kamen Mias Eltern zu uns an unser Iglu und wir haben uns lange unterhalten. Total nett, über alles mögliche. Sie seien Tagesurlauber aus Hamburg, ihre Tochter käme ab Sommer auf eine andere Schule, sie habe bisher große Probleme in der Schule gehabt, weil sie sonst sehr schüchtern sei, die beiden hätten sich gefreut, dass sie heute bei uns Anschluss gefunden hätte, obwohl wir ja schon sehr viel älter seien. Und so weiter.

Irgendwann zogen Gewitterwolken auf. Wir begannen, unsere Sachen zusammenzupacken. Am Morgen hatte Maries Papa uns die Sachen noch von der Düne über den Sand getragen, während wir auf dem Popo dorthin gerutscht sind. Wir hätten ihn jetzt angerufen, wollten aber vorher Mias Eltern fragen, ob sie uns helfen. Die beiden waren vollkommen perplex: "Ach, zu Euch gehören die Rollstühle am Eingang? Wir hatten uns schon gewundert, wer die wohl vergessen haben mag, dachten dann aber, dass vielleicht noch jemand irgendwo in den Dünen liegt. Das ist ja eine Überraschung."

Wir fragten noch, ob ihnen nicht aufgefallen sei, dass wir uns im Sitzen aus dem Wasser bewegt hätten. "Ja doch, aber wir dachten, das macht ihr wegen der Steine da vorne. Keine Ahnung, wir haben nicht darüber nachgedacht. Nun ist es natürlich klar." - Uns wurde geholfen und Mia guckte interessiert zu. Wir setzten uns zunächst auf eine Holzbank, um den ganzen Sand von den Beinen abzuklopfen. Die leeren Rollstühle standen direkt vor uns. Ich fragte Mia: "Willst du mal fahren?" - Mia guckte ihre Mutter an: "Darf ich?" - "Na klar, wenn du möchtest?" - Zack, kletterte sie rein. Ich zeigte ihr, wie leicht der Stuhl kippt, damit sie nicht überraschend nach hinten fällt. Sie hatte ein sehr gutes Körpergefühl und lernte sehr schnell, auf zwei Rädern zu stehen. Und dann fuhr sie durch die Gegend. Zuerst schlecht, später wesentlich besser koordiniert. Ihre Beine waren zu kurz, um die Füße gut auf den Fußbügel stellen zu können, aber mit den Zehenspitzen kam sie dran. Auch waren ihre Oberschenkel etwas zu kurz für die Sitztiefe, aber es ging irgendwie.

Während Mia durch die Gegend düste, fragte die Mutter: "War das ein Unfall bei dir?" - Ich erzählte ihr in wenigen Sätzen, was mir passiert ist. Marie wurde auch gefragt und erzählte von sich. So quatschten wir noch eine halbe Stunde, während Mia auf dem geteerten Weg zum Strand Rollstuhlfahren übte. Verkniffen habe ich mir natürlich den Spruch: "Nicht, dass sich Mia sowas jetzt zu Weihnachten wünscht." - Sowas geht nur bei denen, die unseren schwarzen Humor sicher richtig einordnen können. Dann fielen die ersten Regentropfen und das Donnergrollen wurde lauter. Wir verabschiedeten uns: "Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder hier!"

Freitag, 24. Juli 2015

Verkürztes Sofa

Im Moment ist wieder so eine Phase, aus der ich gerne schnellstens wieder herauskommen würde. Marie, ihre Eltern und ich waren vorhin auf dem Weg zu dem Wochenendhaus an der Ostsee, das sich Maries Eltern vor einigen Monaten gekauft haben. Maries Mutter hat ein Klappsofa organisiert, das jemand für zwanzig Euro weggeben wollte, nachdem er sich zu Hause neu eingerichtet hat. Es war tadellos in Ordnung. Maries Eltern hatten es zusammen mit der ehemaligen Besitzerin auf einen Anhänger geladen, gut verzurrt, die Plane des Anhängers geschlossen. Maries Papa meinte, er wäre im Moment nur gerne Beifahrer, daher fuhr Maries Mama das Auto. Die "Kinder" saßen artig auf den Rücksitzen.

Irgendwann mussten wir an einer Kreuzungsampel warten. Nachdem wir wieder grün bekamen, fuhr Maries Mutter los, musste allerdings direkt nach dem Überqueren der Kreuzung aus etwa 30 km/h heftig abbremsen, weil ein Radfahrer gegen die Fahrtrichtung über den rechts gelegenen Radweg kam und direkt vor unserem Auto bei Rot über den (falschen) Überweg auf die andere Seite wollte. Hätte Maries Mutter nicht scharf gebremst, hätte sie den Radfahrer umgebügelt. Der hinter uns fahrende Opel Astra bemerkte das Manöver zu spät und fuhr auf den Anhänger auf. Es knallte gehörig.

Maries Vater saß auf dem Beifahrersitz und hatte die Augen geschlossen - bis Maries Mutter bremste und es hinter uns krachte. Maries Mutter stieß ihren Mann an: "Hey, der geht flitzen!" - Gemeint war der Radfahrer, der einfach unbeeindruckt weiterradelte. Nun zwar auf dem richtigen Radweg, aber ...

Maries Vater war barfuß und in kurzer Hose und Poloshirt. Scheinbar üben die bei der Polizei, wie man schnell aus dem Auto aussteigt, selbst wenn man angeschnallt ist. Jedenfalls war ich erstaunt, wie man gleichzeitig die Tür öffnet, den Sicherheitsgurt öffnet und sich dann auch noch so aus selbigen rauswindet, dass man ohne sich zu verhaken oder zu stolpern die Verfolgung aufnehmen kann. "Den kriegt er nie", meinte Marie leise und feuerte ihren Papa an. Sein Glück war es, dass der Radfahrer nicht weiter geradeaus fuhr, sondern kurz darauf rechts abbog und quasi in der Nebenstraße, die an dieser Stelle eine Steigung hatte, zurück kam. Maries Vater galoppierte barfuß die Böschung hinauf und holte den Radler, oben angekommen, unmittelbar mit einer Art Schwitzkastengriff vom fahrenden Drahtesel. Das Fahrrad schepperte auf die Erde, irgendwelches Gedöns, das im Fahrradkorb lag, verteilte sich auf dem Gehweg, der Radfahrer stürzte aber nicht, sondern war eher perplex und fing an, wild zu pöbeln.

Maries Vater schob den Mann, etwa Mitte dreißig, vor sich her, hatte ihm einen Arm auf den Rücken gedreht und forderte ihn nun auf, sich auf die seitliche Kante des Anhängers zu setzen. "Und keine Mätzchen, sonst binde ich dich da fest." - "Ich bin nicht gefahren!", pöbelte der Radfahrer zurück. Maries Vater zeigte sich unbeeindruckt: "Das kannst du gleich alles zu Protokoll geben. Hast du einen Ausweis dabei oder müssen wir erst die Polizei rufen?" - "Ich bin nicht gefahren, wie oft noch?" - "Also rufen wir die Polizei?" - "Alter, checkt der das nicht? Ich. Bin. Nicht. Ge-Fahren! Du kapieren? Ich nix Auto." - "Sie haben mit Ihrem Fahrrad die Straße bei Rot überquert und dadurch ein anderes Fahrzeug zu einer Vollbremsung genötigt. Im Zuge dessen fuhr ein weiterer Verkehrsteilnehmer auf das bremsende Fahrzeug auf. Sie sind damit unfallbeteiligt, haben unverzüglich anzuhalten und Ihre Personalien anzugeben. Haben Sie nun einen Ausweis dabei? Ansonsten rufe ich jetzt die Polizei, und ich verspreche Ihnen, dann wird es teuer, weil dann voraussichtlich noch eine Unfallflucht hinzu kommt." - "Du kannst mich mal am Arsch lecken."

Der andere Fahrer war nicht verletzt. Das Auto war auf den ersten Blick auch nur wenig beschädigt, in der vorderen Plastikverkleidung fehlten ein paar Stücke. Kühlwasser lief nicht aus. Dafür war der Anhänger mindestens einen halben Meter kürzer und die gesamte Beleuchtungseinrichtung hatte sich auf der Straße verteilt. Und das Sofa? "So wird aus einem Dreisitzer im Handumdrehen ein Zweisitzer", blödelte Maries Papa. Maries Mama schüttelte den Kopf, gab ihrem Mann einen Kuss und sagte leise: "Mein Held. Ich dachte, du hast Kreislauf."

Bilanz: Kein Sofa, ein kaputter Anhänger, ein leicht beschädigter Opel Astra (der übrigens nagelneu war), ein Radfahrer, der von Minute zu Minute kleiner wurde, als ihm die nette Polizistin erklärte, dass ihn ein Verfahren wegen Unfallflucht erwartet - und ansonsten, vom Schreck abgesehen, unverletzte Leute. Und zweieinhalb Stunden Verspätung und in den nächsten Wochen jede Menge Laufereien wegen des Schadens am Anhänger. Der übrigens auch noch nicht so alt und eigentlich nicht billig war.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Mitten im Chaos

Ich bin mal wieder mittendrin. Nicht nur in der Woche, sondern auch im Chaos. Meine Famulatur, also eine Art Praktikum im Rahmen des Studiums, läuft so gar nicht rund. Ich habe, ehrlich gesagt, ein wenig das Gefühl, dass ich hier gerade viel Zeit verschwendet habe. Am Dienstag sollte ich morgens an den Zimmertüren der Patienten klopfen und die Leute einzeln zum Stationszimmer begleiten, damit ihnen dort der Blutdruck und das Körpergewicht gemessen werden können. Ich kam mir reichlich doof dabei vor, Menschen zu eskortieren, die den Weg auch alleine finden würden. Nur das war meine Aufgabe, Blutdruck oder Gewicht messen durfte ich nicht.

Mittags sollte ich mir die Therapiemöglichkeiten der Klinik angucken. Ich wurde einmal durch die Räume geführt, während die Patienten beim Essen waren. Anschließend hätte ich mir eine halbe Stunde eine Therapieeinheit im Bewegungsbad anschauen können, die fiel aber aus, weil irgendetwas mit der Lüftung nicht in Ordnung war. Der Patient bekam stattdessen eine Massage. Ich durfte dabei zugucken.

Am Nachmittag sollte ich beim Autogenen Training in der Gruppe teilnehmen und anschließend an einer Beschäftigungsgruppe, in der Bingo gespielt wurde. Im Anschluss an die Bingo-Gruppe hatte ich eigentlich Feierabend, allerdings sprach mich ein junger Mann an, 21 Jahre alt und aus Schleswig-Holstein, ob ich ihm helfen könnte bei der Auswahl eines Hilfsmittels. Er habe eine Gehbehinderung und suche "für schlechte Tage" einen Rollstuhl. Ich würde mich doch sicherlich auf dem Hilfsmittelmarkt sehr gut auskennen.

Normalerweise wäre ich eher sofort hilfsbereit und würde mir sogar nach Feierabend noch die Zeit nehmen, aber hier wollte ich erstmal für mich ordnen, wie ich auf diese ungewöhnliche Frage am besten reagieren würde. Ungewöhnlich deshalb, weil ich nicht erkennen konnte, dass der Patient tatsächlich einen Rollstuhl benötigen könnte. Ich weiß zwar, gerade vom Sport, dass es viele Menschen gibt, denen man eine Einschränkung nicht sofort ansieht, und dass es schubweise verlaufende Erkrankungen gibt. Aber dass ich heute so überhaupt keinen Anhalt für eine Gehbehinderung bei ihm sah und er demnächst nur im Rollstuhl noch vorwärts kommen würde, wollte ich nicht so ohne weitere Nachfragen annehmen. Und bevor ich mich nun in irgendein blödes Gespräch verstrickt hätte, bat ich ihn, mich am nächsten Tag noch einmal anzusprechen.

Dazu kam es nicht. Ich bekam gestern morgen aus dem Stationszimmer die Order, sofort bei dem stellvertretenden Klinikleiter, den ich bereits in der Begrüßungsrunde kennengelernt hatte, aufzuschlagen. Ich dachte zunächst, er wollte nun endlich mal zehn Minuten mit mir reden und vereinbaren, was genau ich tun und lernen könnte. Stattdessen bekam ich einen Einlauf, der sich gewaschen hatte. Es begann damit, dass ihm zu Ohren gekommen sei, ich würde unabgestimmt in die Therapie der Patienten eingreifen. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass besagter 21jähriger Mann seinem Stationsarzt erzählt hatte, dass wir [!] ineinander verliebt [!] seien und ich ihm Rollstuhlfahren beibringen wollte. Es sei ein absoluter Hammer, schließlich hätte ich mich erstmal vergewissern müssen, welche Krankheit der Mann hätte, denn einen Rollstuhl bräuchte der Mann nicht. Angesichts meiner Beziehung zu einem Patienten fühle er sich von meiner "an Unprofessionalität kaum noch zu überbietenden Arbeitsweise derart molestiert", dass er mir im Laufe des Tages meine Papiere auszuhändigen und ein paar Telefonate führen würde, um mich anderswo unterzubringen.

Ich fühlte mich, als wenn mir jemand den Boden unter den Rädern wegzog. Okay, es ist nur ein Praktikum, aber wieso werde ich nicht gefragt, bevor man urteilt und Entscheidungen fällt? Ich nahm ob des dominanten Auftretens meines Gegenübers allen Mut zusammen und sagte: "Mit Verlaub, ich hätte mir gewünscht, Sie hätten sich beide Seiten angehört, bevor Sie mich hier rausschmeißen. Ich habe keine Beziehung mit dem Patienten. Nur weil ein Patient irgendeinen Unsinn in die Welt setzt, werde ich hier diszipliniert? Das ist nicht fair."

Er guckte mich an und antwortete: "Gehört das auch zu Ihrer Unprofessionalität oder sind Sie einfach nur naiv? Sie werden nicht diszipliniert, ich besorge Ihnen eine gerade andere Stelle. Es ist gleichgültig, ob Sie mit dem Patienten was haben oder nicht. Er hat was mit Ihnen. Er hat ein warmes Lächeln Ihrerseits falsch gedeutet und malt sich aus, dass Sie ihn lieben. Ob das stimmt oder nicht, spielt gar keine Rolle mehr. Ich kann seine Maßnahme deshalb nicht abbrechen, das würde kein Kostenträger zulassen. Und bevor ich mir hier vier Wochen lang einen Krisenherd ins Haus hole, besorge ich Ihnen eine andere Klinik, in der Sie Ihre Famulatur ab morgen weitermachen. Es sei denn, Sie wollen das nicht, dann sagen Sie das bitte gleich."

Ich überlegte einen Moment. Darüber, was mein Gegenüber am Telefon seinem Kollegen erzählen würde. Wollte ich mich in einer Klinik vorstellen wollen, in der mir irgendein falscher Ruf vorauseilt? Würde ich, wenn ich mich einverstanden erkläre, gleichzeitig auch zugeben, dass da doch was läuft? Würde ich, wenn ich mich hingegen nicht einverstanden erkläre, ihm die Chance geben, später zu behaupten, er habe in fürsorglicher Absicht eine andere Stelle für mich suchen wollen, die ich aber zickigerweise nicht haben wollte? Würde das überhaupt noch jemanden interessieren? Selbst wenn ich mich beschweren würde ... es hatte alles keinen Sinn. Entweder sind hier einige Leute beknackt oder sie wollen mich aus irgendeinem Grund loswerden. Egal, wie ich handeln würde, ich kann nicht gewinnen. Also guckte ich ihm in die Augen und sagte nur: "Sie sollten sich schämen."

Er erwiderte nichts. Ich rollte auf dem direkten Weg nach draußen, setzte mich ins Auto und überlegte einen Moment. So aufgewühlt wollte ich jetzt nicht fahren. Ich war total zittrig. Ich hatte keine Lust, jetzt noch einen Unfall zu bauen, weil ich in dieser emotionalen Anspannung am Straßenverkehr teilnehme. Ich rief einen Freund an, der sich eine gute Stunde Zeit für mich nahm und mich einigermaßen runterfahren konnte. Anschließend fuhr ich zu Maries Mutter in die Praxis. Als ich meinen Rollstuhl aus dem Auto lud, fing ich wieder zu weinen an. Ich weiß nicht, warum mich das so aus der Bahn warf, aber ich fühlte mich so erniedrigt. Klar, dass ich das wegen meiner persönlichen Betroffenheit alles sehr emotional sehe. Aber dazu stehe ich auch. Ich hatte mich sehr auf diesen Monat gefreut und ...

Maries Mutter saß hinter dem Anmeldetresen und klimperte wild auf dem Computer herum, als ich reinkam. Eine Patientin stand dort, bekam etwas ausgedruckt und verschwand, zwei ältere Menschen warteten schon in ihrem Sprechzimmer als nächste Patienten bei offener Tür. Einen Moment später nahm sie mich wahr, stand auf und bat mich ins Labor, schloss die Tür hinter sich. "Was ist passiert?", fragte sie mich. Ich antwortete: "Ich bin fristlos gefeuert worden." - "Ach du Kacke. Und warum?" - "Weil sich ein Patient in mich verliebt hat." - "Und dann?" - "Nichts und dann. Der Typ hat erzählt, wir hätten was miteinander, der Chef findet das unprofessionell, und da er den Zirkus nicht haben möchte, hat er mich einfach rausgeschmissen." - "Wir reden gleich weiter, okay? Ich kümmere mich nur noch eben um die letzten Patienten."

Als die letzten Patienten und die letzte Mitarbeiterin draußen waren, fragte mich Maries Mutter, ob ich schon was gegessen hätte. Ich guckte sie fragend an. "Du weißt schon. Nahrung." - Ich schüttelte den Kopf. "Ich mach dir einen Pfannkuchen, okay? Und dann erzählst du mir erstmal, was da los war. Lass dich mal drücken. Was ich nicht verstehe, hattest du denn was mit dem Patienten?" - "Nein, das ist es ja! Er hat mich gestern gefragt, ob ich ihm eine Hilfsmittelberatung geben kann, er bräuchte auch einen Rollstuhl. Und ich habe ihn gebeten, mich heute nochmal anzusprechen, weil ich das nicht einordnen konnte, was er wollte, der sitzt nämlich eigentlich gar nicht im Rollstuhl. Zumindest nicht auf den ersten Blick." - "Na super. Und was sagt er heute dazu?" - "Ich habe ihn heute nicht gesehen, ich sollte direkt zum Chef, und der meinte dann, der Typ habe erzählt, wir hätten eine Beziehung, entweder sei das hochgradig unprofessionell von mir oder die Situation sei der Beginn eines vierwöchigen Krisenherdes, auf den er keinen Bock hätte. Also hat er den Weg des geringsten Widerstandes gewählt und mich gefeuert. Er fühlt sich von mir molestiert." - "Molestiert?" - "Ja, keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich vermute sowas wie 'belästigt'." - "Das ist Schnöselsprache und bedeutet 'belästigen', 'bedrängen', 'auf den Wecker gehen'. Ich hätte große Lust auf eine offizielle Beschwerde bei der Kammer. Aber vermutlich wird er sich rauswinden und du stehst am Ende schlechter dar als wenn du ihm einfach in Gedanken den Stinkefinger zeigst."

Vermutlich hat sie, wie so oft, recht. Auch wenn das einen faden Geschmack hinterlässt. Abends bekam ich dann noch eine Nachricht des Freundes, der mich mittags schon eine Stunde getröstet hatte. Er schickte mir ein Bild, das er beim Einkaufen an einer Hauswand gesehen hat. Er sagte, er habe spontan nochmal an mich denken müssen. Guckst du:

Montag, 20. Juli 2015

Psychobunker

Der erste Tag meiner Psycho-Famulatur ist rum. "Psycho" deshalb, weil ich gelernt habe, dass die Patientinnen und Patienten ihre Klinik "Der Psychobunker" nennen, in dem sie, behütet vor äußeren Einflüssen, selbständig an ihren Äußerlichkeiten experimentieren, und so mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein gewinnen. "Ich habe mich entschieden, einmal bis zu 85% auszurasten, um dem Franz, dem Peter und dem Günther zu zeigen, dass auch in mir Gefühle sind. Die letzten 15% habe ich mir für die letzten drei Wochen meiner Reha aufgespart. Jede Woche fünf Prozent mehr. Es war ein gutes Gefühl, eine Ecke meines Panzers hat ..." - "Sich gelöst?" - "Nein, Ute, ich bin noch nicht so weit wie du. Mein Panzer bebt erst mal." - "Das ist doch völlig okay. Weine ruhig, Tränen sind wunderbar, sie können auch einen Panzer auflösen." - "Mein Panzer ist wasserfest!" - "Nein, so etwas gibt es nicht. Selbst Blech kann rosten. Wasserfest ist nur die Farbe, mit der du angestrichen wurdest. Du be-zett-weh dein Panzer." - "Danke für deine aufrichtigen Worte." - "Immer gerne, ich bin in Psychofragen schon eine kleine Expertin. Ich wollte selbst mal Psychotherapie studieren." - "Echt? Ich könnte das nicht. Ich habe schon mit mir genug zu tun." - "Was meinst du, warum ich es mir anders überlegt habe?"

Ja. Nein. Wahnsinn. Ich will das keineswegs ins Lächerliche ziehen. Sondern ich zitiere aus einem Dialog, den ich beim Warten auf dem Flur vor der Einführungsveranstaltung für neu hinzugekommene Rehabilitanden, an der ich auch teilnehmen sollte, um ein wenig mehr über das Haus zu erfahren, mitbekommen habe. Ich habe ihn etwas verdichtet, den Dialog, aber es sind exakt diese Worte, die mich für einen Moment lang nachdenken ließen. Darüber, dass es gut sein wird, seine Antennen in viele verschiedene Richtungen auszurichten, wenn man einen Menschen verstehen will. Und einen Menschen zu verstehen, auch wenn man ihn nicht kennt und vielleicht nicht mal mag, ist wichtig, um auch zu verstehen, warum er sich krank fühlt.

Länger konnte ich nicht nachdenken, denn dann wurde ich angesprochen. "Dein erster Tag hier?", fragte mich eine junge Frau, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich. Bevor ich etwas erwidern konnte, gab sie mir ihre Hand: "Ich bin ... und komme aus ..., das ist ein kleines Kaff an der Nordsee, etwa sechzig Kilometer von ... entfernt. Und du?" - "Ich bin Jule und komme aus Hamburg, ich bin Famulantin und arbeite hier ab heute für vier Wochen." - "Oh, sorry. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten." - "Alles ist gut. Wie lange sind Sie denn schon hier?" - "Seit letzten Donnerstag." - "Und dann heute nochmal zur Einführung?" - "Einführung ist nur einmal pro Woche und letzten Montag war ich ja noch nicht hier." - "Ich hoffe, das wird nicht allzu langweilig." - "Sie sind ja cool. Was für eine Therapeutin wollen Sie denn später mal werden?" - "Ich ... Ärztin möchte ich werden. Ich studiere Medizin." - "Echt? Nicht wirklich, oder? Ich bin mir im Moment gerade nicht sicher, ob ich veräppelt werde. Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber bei mir drei Zimmer weiter wohnt auch ein Typ, der auch gerne etwas hochstapelt. Der studiert angeblich Jura und hat zuerst auch erzählt, er wäre hier im Rahmen eines juristischen Praktikums, inzwischen habe ich aber gesehen, dass er sich ritzt und in der Gruppe musste er zugeben, dass er nicht mal Abitur, dafür aber umso größere Minderwertigkeitskomplexe hat. Hat zumindest meine Tischnachbarin beim Essen erzählt." - "Krass", sagte ich, denn soweit ich weiß, dürfen Interna aus diesen Gruppen eigentlich nicht herumposaunt werden. - "Bist du wirklich Famu-Dings?" - Ich nickte. Sie guckte mich mit ernstem Blick an, musterte mich fast mit zusammengekniffenen Augen, sagte dann, ich sei ihr suspekt, und drehte sich um.

Zum Glück kam einen Moment später ein Mann, schloss die Tür auf und bat uns in einen Besprechungsraum, in dem ein paar Stühle im Kreis aufgestellt waren. Drei Frauen räumten plötzlich einen Stuhl zur Seite und sagten zu mir: "Stell dich doch hier hin." - Ich stellte mich einfach dazwischen. Dann kam als erstes eine Vorstellungsrunde. Zuerst stellte sich der Moderator als stellvertretender Klinikdirektor vor, dann sollte jeder seinen Namen sagen und auf welcher Station er sei. Wenn man wollte, auch das Alter. Aber mehr bitte nicht, sonst würde es zu lange dauern. Als ich dran kam, sagte ich: "Ich bin Jule und 22 Jahre alt." - "Und welche Station?" - "Ich bin Famulantin." - "Achja", sagte der moderierende Co-Direktor, stand auf, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand. "Wir reden die nächsten Tage nochmal ausführlich. Sie sind diese Woche bei Dr. ... auf der Station?" - Ich nickte, im gleichen Moment brach die junge Frau, die mich vor der Tür angesprochen hatte, in Tränen aus, stand auf und verließ den Raum. Sollte ich da jetzt hinterher? Nein. Bloß nicht.

Vor der Tür, am Ende des Ganges, wartete sie nach der Veranstaltung. Heulend. Als ich vorbei rollte, guckte sie mich an. "Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich war so ungerecht zu Ihnen." - "Das waren Sie nicht. Sie waren nur sehr direkt und ehrlich und hatten Zweifel. Die sind okay, man muss nicht immer alles sofort glauben. Man kann sich die Zeit nehmen, um sich erst ein gründlicheres Bild zu machen." - "Ich bin immer so unkontrolliert, aber das macht mir auch im Alltag ständig Probleme." - "Ich bin Ihnen nicht böse. Okay?" - "Danke."

Ich hatte inzwischen erfahren, dass ich mich lieber mit Nachnamen vorstellen sollte und alle Patientinnen und Patienten konsequent gesiezt werden. Außerdem bräuchte ich ein Namensschild, das sei meine einzige Aufgabe, bevor ich etwas anderes mache. Dienstkleidung gäbe es für Famulanten nicht, aber ich dürfte mir ein Stethoskop um den Hals hängen, wenn ich mich abgrenzen müsste... Und die Klinik sei eigenständig finanziert und nicht in Trägerschaft der Rentenversicherung, wie mir auch noch erklärt wurde. Deshalb sei hier vieles anders als ich es vielleicht von Kommilitonen erzählt bekommen hätte. Ich verkniff mir alle Kommentare und Antworten. "Aber anerkannt werden Ihre vier Wochen Famulatur trotzdem", erfuhr ich. Zum Glück.

Samstag, 18. Juli 2015

Kein Reisebüro

Und wieder ein Semester überstanden. Na gut, noch nicht ganz. Aber dessen Vorlesungen. Ab Oktober folgt das achte, bis dahin muss ich noch zwei sehr umfangreiche Hausarbeiten fertigstellen und einen weiteren Monat Famulatur ableisten. Dieses Mal in einer psychosomatischen Rehaklinik der Deutschen Rentenversicherung. Patienten sind dort überwiegend Menschen mit Ess-Störungen, Burn-Outs, Neurosen, ... Ich bin sehr gespannt. Warum gerade das? Weil ich denke, dass mir der Kontakt zu psychosomatischen Krankheiten mehr Sicherheit gibt, wenn es darum geht, Patienten und ihre Symptome richtig zu verstehen. Nein, keine Angst, ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass alle körperlichen Symptome, für die ich keine Ursache finde, psychischer Herkunft sein müssen. Aber genau diese Abgrenzung finde ich spannend. Ich möchte wirklich mehr darüber erfahren und diese Möglichkeit dazu nutzen.

Wo ich das nächste Semester studieren werde, ist noch nicht ganz sicher. Marie möchte zurück in den Norden, ich eigentlich auch. Aber ob wir beide hier oben was finden, stellt sich erst noch heraus. Vielleicht hängen wir auch noch ein letztes "Auslands-" Semester am aktuellen Studienort dran, es ist möglich.

Ich vermisse nach wie vor Hamburg. Und wie sehr ich Hamburg vermisse, wird mir immer wieder an den Kleinigkeiten deutlich, die ich in Hamburg erlebe. Wie heute in einem Bus: Eine Frau mittleren Alters steigt ein und sagt zum Fahrer: "Ich möchte gerne nach Eckernförde. Ich habe im Internet gelesen, dass ich die komplette Fahrkarte auch bei Ihnen buchen kann." - Leider verstehe ich nicht, was der Fahrer sagt. Ob er sagte, er würde es ausprobieren, oder ob er sagte, dass es nicht geht, aber sich eben auch keine Beschwerde einhandeln will und deshalb nochmal genau nachsieht...

Jedenfalls steht dieser Bus mit offenen Türen, laufendem Motor und Blinker rechts auf einer Hauptstraße und vorne beim Fahrer wird gelabert. Sie hätte auch eine Bahncard. Und sie wüsste, dass nach Eckernförde auch private Bahnen fahren, ob sie die auch über ihn buchen könne. Und ob sie mit Kreditkarte zahlen kann. Der Fahrer, zwei Stationen vor der Endstation, einem großen S-Bahnhof, an dem ich meine S-Bahn kriegen wollte, hat die Situation alles andere als im Griff. Die Frau diskutiert und labert, vierzig bis fünfzig Leute im Bus warten geduldig. Mehrere Minuten lang. Und dann passiert etwas, was an meinem aktuellen Studienort wohl niemals passieren würde. Da sind sie alle viel zu brav.

In der letzten Reihe brüllt ein Typ, 5-Millimeter-Kurzhaarschnitt, zwei Zentner schwer, orangefarbene Bauarbeiter-Latzhose, im typischen Hamburger Dialekt, tiefstes Barmbek, los: "Alder, watt isn datt fürn Zirkus da vorn?! Sind wir hier im Reisebüro oder watt?! Ich muss meine S-Bahn kriegen, du kannst doch wohl nen Fahrschein für Einsfuffzig bis zum Bahnhof lösen und frägst da den Kollegen, wie du nach Eckernförde kommst! Echtma, jetz! Du hältst hier den ganzen Betrieb auf, das muss man doch mal merken!" - Die Frau erwidert irgendwas, von wegen dass sie keine Busfahrkarte bräuchte, wenn sie gleich bis Eckernförde lösen würde. Da springt der Mann auf und trampelt nach vorne, holt im Gehen zwei Euro aus der Hosentasche, knallt sie vorne beim Fahrer auf den Kassentisch und sagt: "Ich krieg gleich Locken! Du kaufst dir jetzt nen Fahrschein bis zum Bahnhof und die fuffzig Cent Wechselgeld, die schenk ich dir, damit kannst du später den Typen an der Auskunft bestechen, damit er dir die billigste Verbindung raussucht. Und wenn das jetzt noch weiter Gelaber gibt, steigt hier jemand aus und geht zu Fuß, und ich versprech dir, ich bins nicht. Ich habe nämlich meine Fahrkarte vorm Losfahren gelöst. Kleiner Tipp: Solltest du nächstes Mal auch tun, erspart einem jede Menge Stress und böse Blicke!"

Dreht sich um, und während er zurück auf seinen Platz geht, applaudiert der halbe Bus. Kaum ist er auf seinem Sitzplatz angekommen, schließen sich die Türen und der Bus fährt ab. Ohne die Frau. Die hat sich entschieden, zu Fuß die beiden Stationen bis zum Bahnhof zu laufen. Über Lautsprecher kommt die Ansage: "Mein Herr, Ihre zwei Euro liegen hier abholbereit." - Daraufhin brüllt der Mann nach vorne: "Die hab ich längst abgeschrieben! Kauf dir davon auf den Schreck in der nächsten Pause n Brötchen oder ne Frikadelle oder beides oder gib sie von mir aus einem Flaschensammler, aber ich will jetze mal zügig zu meiner S-Bahn, mein Chef wartet nicht, also gib mal n büschen Gas! Mannometer!"

Sonntag, 12. Juli 2015

Wellen, Wellen, Wellen

An der Ostsee. Wo sollten wir sonst gerade sein? Das Wetter ist toll und wir haben es tatsächlich hinbekommen, uns mit Cathleen und Lisa mal wieder zu treffen, um gemeinsam ein Stündchen das "Open Water" zu kraulen. Trotz warmer Luft und relativ warmen Wasser im Schwimm-Neo, und das war auch gut so. Der Wind war kalt, kälter als das Wasser, er wehte anfangs mit Stärke 4, frischte während unserer Stunde auf 5, in Böen 6 bis 7, auf. Wir waren nicht die einzigen Schwimmer, aber es waren nur Schwimmer und keine Planschenden im Wasser. Gerade dort, wo das Wasser flach war, konnte man sich kaum halten. Es herrschte zudem eine wahnsinnige Unterströmung, so dass man nur an bestimmten Stellen wieder zurück an Land kam. Insbesondere bei senkrecht auf die Küste wehendem Wind darf man das Phänomen nicht unterschätzen und muss damit rechnen, dass man einige Meter weiter links oder weiter rechts weitere Versuche unternehmen muss, an Land zu gelangen. Das muss man natürlich vorher wissen, seine Kräfte gut einteilen. Vor allem darf man eins nicht tun: In Panik geraten, wenn es mehrmals nicht klappt, weil die Strömung zu stark ist.

Aber wir waren zu viert und hatten eine Freundin an Land gelassen, die uns beobachten sollte. Lisa, die nicht so viel Erfahrung hat, war anfangs etwas ängstlich und wich mir nicht von der Seite, aber mit der Zeit wurde sie sicherer und schwamm ihren Weg. Wir schwammen eine Strecke parallel zur Küste doppelt (also hin und zurück), und es waren etwa vier Kilometer. Das Erlebnis in den Wellen ist unbeschreiblich, wenngleich ich gefühlt mindestens zwei Liter Salzwasser geschluckt habe und am Ende, als ich endlich wieder Boden unter dem Po hatte, der Eindruck entstand, die Erde würde schaukeln. Insgesamt war das Schwimmen in den Wellen nicht wesentlich schwieriger als im ruhigen Wasser. Nur brechende Wellen sind schwierig, die anderen schaukeln einen ja nur ein wenig rauf und runter.


Meine Kondition war schonmal besser. Ich habe mich in den letzten Wochen zu wenig sportlich betätigt. Ich war jetzt nicht außer Atem oder am Ende völlig geschafft, aber ich merkte schon, dass ich schonmal besser in Form war. Einen Triathlon "aus dem Stand" würde ich mir im Moment nicht zutrauen. Oder? Na gut, vielleicht.

Lange gab es keine super-ekligen Dinge mehr bei mir. Ich bin darüber natürlich recht froh. Andererseits: Dass sie jemals ganz aufhören würden, davon träume ich realistischerweise nicht mehr. Meine Leserinnen und Leser mögen gewarnt sein: Es waren vermutlich tatsächlich um die zwei Liter Salzwasser, die ich in den Wellen getrunken habe. Na klar, ich versuche, das meiste Wasser, das beim Kraulen und Atmen in den Mund schwappt, sofort wieder auszuspucken. Meistens gelingt mir das auch, gerade bei so hohen Wellen ist es aber eine Herausforderung. Und manchmal kommt der Wasserschwall so plötzlich, dass man keine andere Wahl mehr hat, als das quasi reflexartig zu schlucken. Nicht, weil man das schlucken möchte, sondern weil die Alternative ist, das Zeug einzuatmen, also zu verschlucken - mit entsprechendem Hustenreiz. Und das wäre bei dem Wellengang eben auch kein Vergnügen.

Salzwasser gibt man ja auch vor Darmspiegelungen. Damit man dort überhaupt reingucken kann. Ich will es nicht spannender machen: Ich hatte zwischenzeitlich kurz Bauchweh, allerdings ging das schnell vorbei. Später wusste ich dann auch, warum. Im bewegten Wasser habe ich nichts davon gemerkt, aber als ich wieder zurück an Land war, wunderte ich mich schon, was für eine seltsam gefärbte Brühe aus meinen Hosenbeinen lief. Boa, igitt! Ich stecke anderen Leuten inzwischen zwar Endoskope in den Po, aber bei denen ist allenfalls Wasser und ein wenig Schleim im Darm. Sich im Neoprenanzug wie ein mariniertes Schnitzel zu fühlen, hat was ganz besonderes. Wie ich meine Querschnittlähmung liebe! Zum Glück haben es die anderen nicht sofort mitbekommen.

Während die anderen auf dem Po sitzend durch den Sand krabbelten, winkte ich unsere Fußgängerin zu mir heran. "Kannst du mir einen Gefallen tun und ohne großes Aufsehen mit mir nochmal ins Wasser gehen? Es gibt gute Gründe, warum ich meinen Neo im tiefen Wasser ausziehen sollte, und ich würde dich auf ewig lieben, wenn du mir dabei hilfst." - "Ach du Scheiße." - "Du hast es erfasst." - "Na klar. Rutsch doch schonmal in die Richtung, ich ziehe mir eben Schwimmsachen an."

Nein, ich habe nicht geheult. Herzklopfen hatte ich zuerst. Aber unsere Fußgängerin war lieb. Und unkompliziert. Zog mich ins brusttiefe Wasser und zog mir meinen Neo aus. Ich versuchte ihr zu erklären, dass da normalerweise nichts passiert, dafür sitzt das alles viel zu eng. "Aber wenn das von dem vielen Salzwasser von fest zu flüssig wird, kann das passieren." - "Ist ja nicht schlimm, das wäscht sich ja gut aus bei der Wasserbewegung." - "Ich finde mich gerade so widerlich." - "Das würde mir wohl genauso gehen an deiner Stelle, aber ich finde das, ehrlich gesagt, weniger eklig als Quallensuppe. Du machst dich jetzt komplett nackig, schaust mal, das alles draußen ist, machst dich da unten richtig sauber, wir drehen den Neo auf links und spülen den aus und dann merkt man davon nichts mehr. Vielleicht solltest du zu Hause deinen Neo mal mit ein wenig Waschpulver ein Stündchen in die Badewanne legen. Um ganz sicherzugehen." - Gesagt, getan. Es war ein schwieriges Manöver, weil ich eigentlich mehr Hände bräuchte als ich hatte. Und nicht stehen konnte, während die Wellen mich hin und herschubsten. Aber meine Begleitung hat mich die ganze Zeit festgehalten, teilweise so fest und eng, dass es mir richtig unangenehm war. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie mir geholfen hat.

Und die anderen? Als wir wieder am Strand waren und bei den anderen ankamen, die sich am Auto bereits ausgezogen und abgetrocknet hatten, meinte Marie mit rausgestreckter Zunge: "Na, Stinki?" - Noch lustiger war Lisa drauf. Mit toternster Miene fragte sie mich: "Warum hast du das gemacht? Konntest du das nicht kontrollieren oder hast du falsch kalkuliert? Ich meine, das weiß man doch eigentlich, dass ... du weißt schon." - "Das war keine Absicht. Ich kann das ja nicht richtig kontrollieren und irgendwie hat sich mein Bauch wohl über das viele Salzwasser aufgeregt." - "Das ist ganz schön peinlich, oder? Also mir wäre das zumindest peinlich, wenn mir das passiert. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich lach dich nicht aus." - Gut zu wissen. Ich könnte sie immernoch regelmäßig knuddeln.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Das siebte Gyrosbaguette

Sieben Jahre ist es her. Und vieles hat sich seitdem verändert. Vor allem im letzten, dem siebten Jahr. Man sagt ja immer, das siebte Jahr ist verflixt. Möglicherweise stimmt dieser Aberglaube, der sich sonst ja eher auf Partnerschaften und Ehen bezieht. Obwohl ich sagen muss, dass ich mit meinem Leben aktuell sehr zufrieden - und glücklich bin.

Ich war, zum ersten Mal, nicht dort, wo ich sonst regelmäßig anlässlich meines Jahrestages war. Ich habe mir dieses Jahr zwar auch ein Gyrosbaguette gekauft, aber nicht dort, wo ich es sonst kaufe. Doch, es gibt den griechischen Imbiss noch. Aber: Es gibt bekanntermaßen seit einiger Zeit auch Menschen, die mir nicht wohl gesonnen sind. Und denen werde ich natürlich nicht die Möglichkeit geben, mich dort abzupassen. Paranoid? Keineswegs. Inzwischen haben die einstigen Antreiber, die nach wie vor alles daran setzen, mich persönlich zu treffen und mir entsprechend auf den Wecker gehen, noch mehrere andere Menschen motiviert und angesteckt. Im Moment weiß ich zeitweise nicht, was schlimmer ist: Meine Mutter (die im Moment ruhig ist, aber damit nicht weniger gefährlich) oder dieser "Pester Cluster", wie ich ihn mal nennen will.

Jedenfalls ist es inzwischen so weit, dass mir davon abgeraten wurde, in diesem Jahr diesem Ritual zu folgen. Was schon bedrückend ist.

Der Anteil jener, die wohlwollendes Interesse an meinem Leben haben und meinen Blog lesen, um an diesem teilzuhaben, ist aber ungebrochen groß und meine Motivation, trotzdem weiter zu bloggen. Offline mache ich es sowieso, online leider nach wie vor verzögert, denn ich lasse alle Texte vor der Veröffentlichung gegenlesen und das dauert leider manchmal. Die letzten Einträge wurden nach ihrer Veröffentlichung binnen 24 Stunden aber über 25.000 Mal angeklickt. Der reine Wahnsinn.

Ich habe inzwischen zwar über 900 Textbeiträge geschrieben und selten um Worte verlegen (vor allem, wenn ich nicht schlagfertig und spontan reagieren muss), aber darüber bin ich nun echt sprachlos. Danke.

Dienstag, 7. Juli 2015

Hupen und Spastiliene

Mein Idiotenmagnet, der ja hin und wieder alle Kuriositäten magisch anzieht, ist ja nicht immer aktiv. Es gibt Phasen, in denen bin ich fast schon traurig, weil ich denke, ich könnte ihn verloren haben. Nach der Sache mit dem Schwanz-Milan wusste ich aber: Es gibt ihn noch.

Heute bin ich auf dem Weg zu einem Geldautomaten und werde prompt erinnert. Weniger von einem Schild, das sich wohl hauptsächlich an Vögel richten dürfte:


Sondern mehr von einem jungen Paar, das vor der Bank mit mir ins Gespräch kam. Neben uns war eine Bushaltestelle, ein Bus stand dort, und während die Leute aus- und einstiegen, fuhr ein Mercedes an uns vorbei und hupte einmal laut. Das Paar ging schräg vor mir und drehte sich erschrocken um, guckte mich an, sah meinen Rollstuhl und sprang zur Seite.

Ich hatte das Bedürfnis, das aufzuklären und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: "Ich wars nicht!" - Was ja eigentlich klar sein sollte, denn handbetriebene Aktivstühle haben in der Regel keine Hupe. Und selbst Elektrorollstühle hupen nicht so laut wie ein Auto, sondern höchstens so laut wie ein Wäschetrockner, der seiner Umwelt mitteilen möchte, dass er "fertig hat". Im Allgemeinen würde ich eher mal vorsichtig fragen, ob mich jemand vorbeifahren lässt. Aber gerade im Elektrorollstuhl sitzende Menschen können ja manchmal auch nicht (laut) sprechen.

Die Frau antwortete: "Jetzt echt nicht?" - Der Mann guckte sie an und sagte: "Nein, das war der Mercer da, der blöde Hund. Hab mich voll erschrocken. Guck mal, die Hupen von dem Spasti sind doch viel kleiner." - Wie bitte? Die Frau guckte ihren Mann entsetzt an. Der fand sich besonders lustig und fragte mich: "Du weißt, dass das ein Spaß ist, ja? Sagt man bei Frauen eigentlich auch 'Spasti', oder sagt man da eher 'Spasti-liene'?"

Ausnahmsweise war ich mal halbwegs schlagfertig. "Nö, das ist wie bei 'Vollpfosten', da unterscheidet sich die feminine Form auch kaum von der maskulinen", sagte ich und rollte vorbei.

Am Nachmittag waren einige Kommilitoninnen und ich an einer Badestelle am Fluss. Wir waren eher spät dran, etliche andere Leute brachen bereits auf. Einer derer, die aufbrachen, sagte zu seinen Freunden: "Ey, guck mal, was will denn die Behinderte hier?" - Er hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass ich das mitbekommen würde, denn dunkelrot lief er an, als ich antwortete: "Die Behinderte zieht jetzt ihre Schuhe und ihre Hose aus und geht dann schwimmen."

Eine Kommilitonin fragte: "Kanntest du den?" - "Nein, wieso?" - "Weil du mit ihm geredet hattest." - "Ja, er hatte vorher gefragt, was die Behinderte hier will." - Völlig entsetzt meinte sie: "Nein! Das habe ich gar nicht mitbekommen. Aber das ist auch sein Glück. Ich weiß nicht, ob ich mich hätte zurückhalten können." - Eine Mutter mit einem etwa sechsjährigen Kind war auch gerade dabei, aufzubrechen, und sagte, als sie an uns vorbei kam: "Ungezogen, so etwas. Aber die waren schon die ganze Zeit so unmöglich, haben sich hier aufgeführt wie das reine Asi-Pack. Lassen Sie sich von solchen Leuten bloß den Tag nicht verderben! Ich bewundere Sie, dass Sie das alles so meistern und aus Ihrer Wohnung kommen. Ich weiß nicht, ob ich das könnte!"

Sonntag, 5. Juli 2015

Ein Fernglas und ein Milan

Das Wetter ist schön und so sind wir am Wochenende ... genau, an der Ostsee. Marie, ihre Mama, ihr Papa und ich wühlen im Garten. Immerhin ist es trocken, so dass ich mich nur wie ein kleines Schlamm-Monster fühle. Während die Frauen sich um Blumen und Beete kümmern (wo kommt so schnell so viel Unkraut her?), baut Maries Papa mit ein paar Freunden eine Holzterrasse. Es hat sich noch niemand in den Finger gesägt und es nimmt schon tolle Formen an. Wenn ich darüber nachdenke, dass vor drei Monaten im Bad nur ein paar Rohre aus der Wand guckten und der Fußboden aus Sand bestand, inzwischen sogar Bilder an den Wänden hängen und Blumen auf dem Tisch stehen, muss ich erkennen, dass sich viel verändert hat. Ich kenne das größte Chaos zwar nur von Fotos - dafür sieht es inzwischen aber richtig schön aus. Die Bild-Zeitung aus 2010, die noch auf dem Küchentisch lag, hängt inzwischen eingerahmt im Gästeklo an der Wand.

Aus der Luft wurde unser buntes Treiben im Garten ebenfalls beobachtet. Vermutlich eher beiläufig während der Nahrungssuche. Wir hätten es gar nicht mitbekommen, wenn nicht plötzlich zwei Männer auf dem Fahrrad, die den Sandweg, der an dem Haus vorbeiführt, als Abkürzung zwischen Kreisstraße und Waldweg genutzt hatten, eine Staubwolke hinter sich herziehend auf das Grundstück preschten, in den Garten liefen und riefen: "Haben Sie ein Fernglas? Haben Sie ein Fernglas?"

"Nein, wozu brauchen Sie das?", fragte Maries Vater. Einer der beiden, beide waren geschätzt um die 70 Jahre alt, antwortete: "Da oben, da oben!", und deutete in den Himmel. Maries Papa guckte nach oben und stellte nüchtern fest: "Da fliegt ein Vogel." - Der Mann antwortete: "Ja, aber ein ganz besonderer! Ich wüsste zu gerne, was für einer das ist, aber dafür brauche ich ein Fernglas!" - "Wir haben hier leider keins", sagte Maries Papa erneut.

"Ich tippe auf einen Schwarzmilan", sagte einer der Freunde von Maries Papa. Nun kam der Brüller: Der Mann, der unbedingt ein Fernglas haben wollte, um den Vogel zu bestimmen (!), antwortete: "Ah, Sie kennen sich aus? Ein Schwanz-Milan (!) also? Ich habe von Vögeln nicht so viel Ahnung, wissen Sie? Aber faszinieren tun sie mich immer wieder. Ich hätte gedacht, das ist vielleicht ein Habicht. Aber ein Schwanz-Milan, das könnte auch angehen!"

Vom Vögeln hat unser Hobby-Onaniethologe also keine Ahnung und versteht nur Schwanz. Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht laut loszuprusten. Ich sah im Augenwinkel, wie Marie mich entsetzt anguckte. Bloß jetzt nicht hingucken. "Vielleicht ist es auch ein Kuckuck", alberte Maries Vater, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen. Der Mann antwortete: "Nein, ein Kuckuck ist das nicht, die sind viel kleiner." - "Ich habe gehört, dass die manchmal auch die fremden Eier aus dem Nest werfen und dann die Gestalt anderer Vögel annehmen", fuhr Maries Papa bierernst fort und starrte dabei in den Himmel. Ich bewundere ihn immer wieder dafür, dass ihm solcher Schabernack so schnell einfällt und er dabei so ernst bleiben kann. Der alte Mann guckte ihn an, starrte dann auch wieder in den Himmel und sagte: "Stimmt. Jetzt, wo Sie das sagen, erinnere ich mich. Die Schule ist bei mir schon etwas länger her, wissen Sie?"

"Macht ja nichts", antwortete Maries Papa. Nahm seine Hände aus den Hüften und sagte: "Also, Fernglas haben wir keins, aber zwei Flaschen Bier kann ich Euch mitgeben. Eisgekühlt. Und ohne künstliches Aroma! Und dann würde ich gerne in meiner Argrarscheibe weiterwühlen, wir haben uns nämlich einen straffen Zeitplan gesetzt. Ich hoffe, Sie verstehen das", sagte er, holte ihnen zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und schob die Leute zu ihren Fahrrädern zurück. Als sie weg waren, murmelte er trocken: "Wird Zeit, dass hier ein Zaun hinkommt." - Maries Mutter lachte und sagte: "Jede Wette, die bringen auf dem Rückweg das Leergut zurück."

Maries Mutter sollte Recht behalten. Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie zurück und gaben ihre Flaschen ab. Das nenne ich mal Menschenkenntnis. Immerhin haben die beiden Schwanz-Milan-Helden auf diesem Weg noch zwei Grillwürste im Brötchen auf die Hand bekommen, die sie dankbar annahmen. Und mir ist es gelungen, das Flattervieh zu fotografieren. Okay, eine Handyaufnahme aus gefühlten drei Kilometern Entfernung. Aber für professionelle Ornithologen sollte das doch ein Klacks sein! Oder?

Donnerstag, 2. Juli 2015

Haus an der Ostsee

Als eine der besten Altersvorsorgemöglichkeiten gilt ja bekanntlich Wohneigentum. Nun denke ich aktuell gerade nicht an meine eigene Altersvorsorge, aber Maries Eltern denken an ihre. Eigentlich zweitrangig, denn inzwischen müssen sie, wenn Marie nicht mehr zu Hause wohnt, zu viele Steuern zahlen, so dass es noch einen anderen Grund gab, sich mal umfassend beraten zu lassen. Um es kurz zu machen: Sie haben im April ein Ferienhaus gekauft, das sie noch bis zur Rente abbezahlen wollen. In Schleswig-Holstein, fünf Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Dort hatte jemand in den 1970er-Jahren seine Landwirtschaft aufgegeben und seinen Bauernhof dem Erdboden gleich gemacht, anschließend (ohne vernünftige Baugenehmigung) ein Wohnhaus auf etwa 130 Quadratmeter Grundfläche plus großem Garten gebaut. Die Ackerflächen um das Haus herum hatte er verpachtet.

Nun war der Hausbesitzer 2010 verstorben, der erbende Sohn hat sich überhaupt nicht gekümmert, das Ding leerstehen lassen, irgendwann hat sich die Gemeinde eingemischt und eine Lösung verlangt. Über eine Arbeitskollegin von Maries Mutter, die in derselben Gegend, rund zwölf Kilometer entfernt, eine Ferienwohnung hat, drang die Info durch und kurzerhand einigte man sich auf einen eher symbolischen Kaufpreis, denn an dem Haus ist seit 1972 nichts mehr gemacht worden. Und mit "nichts" meine ich tatsächlich "nichts"; es gibt Menschen, die leben hinter blinden Scheiben im Wohnzimmer. Aber es handelt sich um einen massiven Rotklinkerbau, und laut Sachverständigen ist die Bausubstanz tadellos in Ordnung. Kein Schimmel, keine Feuchtigkeit, kein Ungeziefer. Inzwischen hat die Gemeinde dem ganzen Plan einschließlich der (damaligen) Bebauung mit einem Wohnhaus zugestimmt, und weil es eine kleine Gemeinde ist, auch ohne jede Auflage. In größeren Städten wären mitunter erstmal noch neue Erschließungskosten zuzüglich Straßenunterhaltung oder -neubau verlangt worden. Oder andere lustige Dinge.

Fakt ist, dass wirklich alles neu gemacht werden musste. Neues Dach, neue Fenster, neue Heizung, neue Abwasser-, Wasser- und Stromleitungen, neue Fußböden, neue Küche, neues Bad, neues Gästeklo, zwischen Ess- und Wohnzimmer wurde eine Wand rausgenommen, neuer Kamin, ein Durchbruch vom Wohnzimmer in den Garten - während der Kaufpreis mit rund 25.000 € (komplett mit Grundstück) eher symbolisch war, mussten relativ genau 100.000 € erstmal investiert werden, um das Haus zu sanieren. Bei erheblicher Eigenleistung von Maries Vater und einigen handwerklich begabten Freunden. Damit war aber noch kein Topf, kein Schrank und kein Sofa drin. Und der Garten war eine einzige Schlammwüste.

Wenn Maries Eltern so etwas in die Hand nehmen, machen sie es entweder ganz oder gar nicht. Um nicht privat endlos haften zu müssen, falls was nicht klappt, hat man auch hier Geld in eine Gesellschaft (keine Ahnung ob GmbH oder GbR, so genau wollte ich es nicht wissen) ausgelagert, den Rest des Geldes ge- und verliehen - und vermietet das Ding nun, solange man nicht selbst darin wohnt, an Leute, die dort Urlaub machen wollen. Ausschließlich an bekannte Leute, und die Liste derer, die für verhältnismäßig wenig Geld einen Wochen(end)urlaub an der Ostsee machen wollen, scheint ob eines großen Freundeskreises schon jetzt unendlich lang. Der Kalender ist bis Silvester bereits voll.

Über die Bekannte, die den Tipp mit dem Haus gab, haben Maries Eltern auch einen "Hausmeister" gefunden, einen älteren Herrn, der mit seiner Frau in die Gegend gezogen ist, um dort seinen Lebensabend zu genießen, und der gerne etwas zu tun hat. Er kümmert sich darum, dass alle das Haus so verlassen, wie sie es vorgefunden haben und schaut hin und wieder nach dem Rechten (oder dem Linken), wenn Maries Eltern für einige Wochen nicht dorthin kommen. "Ob wir hier in 20 Jahren wirklich leben wollen, wissen wir noch nicht, aber wenn nicht, verkaufen wir es halt wieder." - Tja. Bis dahin hat das alles einen sehr schönen Nebeneffekt: Das Erdgeschoss ist seit der Sanierung komplett barrierefrei. Und was gibt es Schöneres als ein paar Tage an der Ostsee? Man kann dort wunderbar mit dem Handbike fahren, auch kilometerweit auf befestigten Dünenwegen, sich am Strand sonnen, baden; es gibt obendrein auch noch etliche Badeseen und ansonsten sehr, sehr viel Natur. Nachts hört man dort die Flöhe husten. Wunderschöne Ruhe und ein herrlicher Kontrast zur lauten Großstadt.