Samstag, 30. Mai 2015

Nicht vermittelbar

Pflege und Assistenz von Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen wird, nachdem die Kosten oft die Höchstbeträge der gesetzlichen Pflegeversicherung überschreiten (oder dort nicht vorgesehen sind), von den betroffenen Personen, unabhängig ihres Verschuldens, selbst gezahlt. Oder von ihren Ehe- bzw. Lebenspartnern. Nur wenn diese die oft hohen Summen nicht zahlen können, springt der Staat, in diesem Fall die Sozialhilfe, für die Kosten ein. Immerhin wird, wenn auch oft lückenhaft oder unangemessen begrenzt und oft nicht standardisiert, sondern mitunter von Faktoren wie Wohnort oder Sachbearbeiter abhängig, Menschen mit entsprechenden Behinderungen schonmal grundsätzlich das Recht auf Teilhabe und damit verbunden die dazugehörige Leistung zuerkannt, sodass eine Zahlung aus Sozialhilfemitteln, also Steuermitteln, überhaupt in Betracht kommt.

Nach Ansicht des Deutschen Landkreistages vertreten die steuerzahlenden Menschen und Unternehmen in unserem Land überwiegend die Meinung, dass eine gleichberechtigte Teilhabe der Menschen am Leben in der Gesellschaft zunächst Sache des Einzelnen ist. Es sei dem Steuerzahler nicht vermittelbar, warum ein Betroffener nicht über die von ihm regulär gezahlten Steuern hinaus bis an seine Armutsgrenze heran zu den Kosten herangezogen werden sollte.

Ich möchte dazu sagen, dass ich den Steuerzahler für nicht ganz so dumm halte. Ich denke schon, dass er den dargestellten Sachverhalt gut versteht, wenn man ihm die Inhalte gut vermittelt. Und das, so finde ich, gehört eben auch zu den Aufgaben unserer Politiker. Menschen zu vermitteln, dass es unerträglich ist, nicht nur eine schwere körperliche Beeinträchtigung zu haben, sondern gleichzeitig auch noch für die Kosten aufkommen zu müssen, die entstehen, weil man anders ist. Weil man in der Welt, in der man lebt, alleine nicht zurecht kommt. Meistens unverschuldet und sogar ungefragt.

Ich stimme zu, dass eine staatliche Grundversorgung sich an dem Mindestmaß des Notwendigen orientieren sollte. Ich kann auch nachvollziehen, dass dieses Mindestmaß an der individuellen Leistungsfähigkeit und dem Wohlstand einer Gesellschaft bemessen wird. Wenn ich mir das allerdings für Deutschland so angucke, verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wieso es in 2015 noch immer Menschen gibt, die ab halb sechs Uhr abends ihre Hausarbeiten für das Studium aus dem Bett heraus erledigen müssen, weil es keine finanziellen Möglichkeiten gibt, den Pflegedienst um halb elf noch einmal vorbeischauen zu lassen. Und nein, es ist kein Einzelfall.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Birne mit Rosenkohl

Dass Miley Cyrus mitunter auch gerne mal auf sächsisch singen würde und das dann eher nach Rosenkohl als nach Abrissbirne klingt, dürfte inzwischen die Runde gemacht haben, auch ohne dass ich den Link dorthin noch einmal poste. Dass jedoch sich jemand zwei Stöpsel ins Ohr steckt und dieses für einen Mann von Tonlage und Tonumfang recht anspruchsvolle Lied in einer Fußgängerzone unweit des Hamburger Hauptbahnhofs absolut falsch, völlig schräg und betont laut mitsingt, um Aufmerksamkeit zu bekommen, fand ich durchaus mal lustig. Während ich auf eine Freundin wartete, schaute ich mir das Treiben aus sicherer Entfernung an. Im ersten Moment vermutete ich, der etwa 40 Jahre alte Mann, der seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckte, könnte irgendwelche Drogen genommen haben. Es hätte mich zumindest nicht großartig verwundert.

Allerdings entdeckte ich nach einiger Zeit, dass er von zwei Kameras gefilmt wurde. Eine war in einiger Entfernung hinter einem Fahrradständer versteckt, die andere wurde von einem Mann bedient, der betont unauffällig auf einer Bank saß. Offenbar sollten die Reaktionen der vorbeigehenden Menschen gefilmt werden. Und die fielen sehr unterschiedlich aus. Die meisten Menschen schmunzelten oder lachten, ein paar Kinder bekamen insbesondere beim fast schon gebrüllten Refrain Angst und wollten schnell weiter - und irgendwann kamen die ersten Mitarbeiterinnen aus den umliegenden Geschäften heraus und forderten den Mann auf, ein wenig weiterzugehen. Was er allerdings nicht tat.

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich mich einfach mit Stöpsel in den Ohren neben ihn stellen und ihm mit noch schrägerer falscher Stimme die Show stehlen sollte, doch dann kam meine Freundin und ihre erste Frage war: "Wer ist er denn?!" - Es dauerte nicht mehr lange, dann kam eine private Sicherheitsfirma und scheuchte ihn weg. Kurz darauf nahm er seine Brille ab, montierte die Kamera vom Fahrradständer ab und nickte seinem filmenden Kumpel zu. Zu gerne hätte ich gewusst, ob es einen ernsten Hintergrund zu diesem Unsinn gab, aber dann waren sie leider ganz schnell weg.

Montag, 25. Mai 2015

Noch ne Seefahrt 3

Heute ist bereits der letzte Tag unseres Ausflugs im Mittelmeer. Sollte mich Hamburg irgendwann mal so derbe anöden, dass ich nur noch weg möchte, kaufe ich mir eine Insel im Mittelmeer und mache den ganzen Tag nichts anderes als das schöne Wetter zu genießen. Vielleicht kommt der schöne Sommer ja noch nach Norddeutschland. Ich würde es mir wünschen und bin bislang noch wirklich unzufrieden. Etwas weiter südlich gab es ja bereits schon einige schöne Tage und auch einige sehr warme Nächte, aber auch Hamburg würde Sonne mal sehr gut stehen! Falls also eine verantwortliche Stelle mitliest: Meinen Wunsch habe ich hiermit geäußert!

Inzwischen reicht es aber auch mit der Party. Und dem eher abgedrehten Leben. Heute morgen mussten wir rund zwanzig Kilometer mit der Yacht in den nächsten Hafen waren, weil uns das Crush-Eis ausgegangen war. Eine Tankstelle hatte noch welches...

Ich kann derzeit übrigens nicht behaupten, dass ich mich untervö... sportlich unterfordert fühle. Der Kitzel, nachts auf einer Art Sonnenterrasse erwischt zu werden, ist zwar recht groß und entsprechend faszinierend. Aber das Gefühl, wenn mein Puls in die Höhe schießt, weil es dann tatsächlich passiert und plötzlich jemand mitten in der Nacht schwimmen, ein paar Stückchen der total leckeren Ananas essen oder einfach nur seinen letzten Cocktail wegbringen möchte und unangekündigt um die Ecke biegt, macht auf mich allergrößten Eindruck. Mein Kopf weiß natürlich, dass wir uns gerade auf einer Veranstaltung befinden, auf der alle jederzeit mit solchen Dingen rechnen müssen. Mein Herz weiß in dem Moment aber von nichts und lässt meinen Puls in atemberaubende Höhen schnellen.

Ich werde aber dennoch nicht zur leichtsinnigen Egoistin und werde zu Hause weiterhin auf die Gefühle meiner Mitmenschen achten. Soll heißen: Ernsthaft versuchen, auch im Alltag zu Hause nicht erwischt zu werden, werde ich nicht. Auch werde ich mich freuen, wenn demnächst mein Studium weitergeht und ich wieder arbeiten kann. Bei aller Faszination, die so ein Wochenende voller Massagen, leckerem Essen, Ruhe und unentwegtem zärtlichen Geschaukel haben kann: Auf Dauer wäre es mir zu langweilig.

Absolut fasziniert war Philipp übrigens von dem Gefühl, das entsteht, wenn man in einem warmen Bett in einem warmen Raum neben einer Stinkesocke liegt, die gerade eine halbe Stunde lang im kühlen Wasser schwimmen war. Die letzten Wassertropfen noch auf der kalten Haut, kann diese Kälte in der warmen Umgebung wohl sehr erotisieren. Bevor ich aber auch das zu umfangreich beschreibe, möchte ich lieber jene Worte von Marie erwähnen, die mich am Ende doch sehr nachdenklich gemacht haben: "Ich würde mich freuen, wenn ihr mich nächstes Jahr wieder dabei haben wollt." - Leider ist es schon gedanklich nicht einfach, sich als Single mit einem Paar ein Schlafzimmer zu teilen. Und ich fürchte, sie hat sich doch zu sehr als drittes Rad der Schubkarre gesehen. Ich muss aber dennoch ganz deutlich sagen: Ohne sie würde ich gar nicht mitfahren wollen. Denn dass ich mit jemandem eine Partnerschaft habe, bedeutet ja nicht, dass mir dabei meine Freunde egal sind. Was mir dabei nur immer wichtig ist, den Mittelweg zu finden: Zwischen dem nötigen Respekt vor den Freunden und dem Verlangen nach dem Partner. Ich glaube, dass wir das alle zusammen sehr gut hinbekommen haben.

Freitag, 22. Mai 2015

Noch ne Seefahrt 2

Wahnsinn! Es sind 27 Grad im Schatten, der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau, kaum ein Lüftchen weht und das Wasser soll immerhin schon erfrischende 21 Grad haben. "Es sind erstaunlich wenige Leute aus dem letzten Jahr dabei", dachte ich mir, bevor Philipp darauf bestand, mich an Bord zu tragen. Meinen Rollstuhl brachte Shane höchstpersönlich hinterher. Ich war mir einen Moment lang nicht sicher, ob es sich um dasselbe Boot (um nicht zu sagen: dieselbe Yacht) handelte wie im letzten Jahr, aber ich hatte es wohl zunächst lediglich anders in Erinnerung. Wir bekamen dasselbe Zimmer, das Bett war frisch bezogen, lediglich ein neues großes Panoramafoto einer Mittelmeer-Insel bei Nacht hing über unserem Bett. Marie hatte seit der Landung unangenehmen Druck auf den Ohren und bekam den trotz der üblichen Manöver zum Druckausgleich nicht in den Griff. Aber das sollte sich bald geben und dann stand einem zugleich entspannten wie aufregenden Pfingstwochenende nichts mehr im Wege.

Der Kapitän war derselbe wie im letzten Jahr. Er sprach nur englisch und war sehr zurückhaltend, hatte aber, wie ich fand, einen tollen Job. Um das Ungetüm lenken zu dürfen, brauchte man zweifelsohne einen vernünftigen Führerschein. Und eine Köchin war an Bord, jedoch kannten wir ihr Gesicht noch nicht. Ich hätte mir durchaus zugetraut, mich (oder auch die komplette Gruppe) ein Wochenende lang selbst zu verpflegen, zumal man bei der Wärme draußen sowieso eher wenig isst, aber ich lasse mich natürlich auch in dieser Hinsicht gerne verwöhnen.

Insgesamt war die Veranstaltung mindestens genauso abgehoben wie im letzten Jahr. Absolut ungeeignet für Menschen, die bereits an einem normalen FKK-Strand über den Sittenverfall philosophieren würden, und mindestens genauso ungeeignet für Leute, die nicht "Nein" sagen können. Philipp brauchte einen Moment, um sich einzugewöhnen, aber dann hatte er jede Menge Spaß. Ein großer Sonnenschirm auf dem Deck wurde mein Freund und der Text würde abdriften, wenn ich über nahtlose Bräune und gepflegte Körper weiterschreiben würde. Obwohl mich immer wieder fasziniert, wie schön einige Menschen aussehen.

Von daher greife ich lieber ein paar himmlische Stunden im kristallklaren Wasser über einer großen Sandbank auf, schwärme über herrliche Möglichkeiten, die eine knapp überspülte Badeplattform am Heck des Bootes bieten und denke wehmütig an den Sternenhimmel zurück und an den Kitzel, nachts außerhalb des Schlafzimmers erwischt werden zu können. Nein, nicht beim schlafwandeln. Noch ist es nicht soweit, aber Philipp und ich haben uns "heimlich" verabredet und werden Marie einige Momente alleine lassen. Vielleicht braucht sie auch mal eine halbe Stunde ihre Ruhe vor uns.

Vorher steht für heute abend noch ein Gummitier-Rennen an. Es gibt einige aufblasbare Badeinseln, Schwimmreifen und tierisch geformtes Plastikzeugs und wer am schnellsten damit von der imaginären Start- zur Ziellinie kommt, gewinnt einen Cocktail. Ja, der Einfall mag eher aus einem intellektuellen Tiefdruckgebiet stammen, macht aber nichts, denn auch Unsinn kann Spaß machen. Und Marie und ich freuen sich bereits, nicht wegen der Cocktails, sondern weil der Einsatz der Beine zum Fortkommen aus Gründen der Gleichbehandlung generell verboten wurde. Ich hoffe, es gibt auch alkoholfreie Cocktails, denn wir werden gewinnen!

Donnerstag, 21. Mai 2015

Noch ne Seefahrt 1

Als Marie und ich im letzten Jahr gefragt wurden, ob wir für ein verlängertes Wochenende ein wenig mit einem großen privaten Boot, eher einer Yacht, mitfahren möchten, über ein paar Seen und die Mittelmeerküste entlang, haben wir zunächst gezögert und am Ende zugesagt. Zugesagt zu einem eher abgehobenen Party-Wochenende, an dem es zwar keine Drogen und kein Rock'n'Roll, aber jede Menge Hormone gab. Und diese dann auch sehr selbstverständlich ausgetauscht wurden, wie wir damals vor Ort bemerkten. Ob wir in diesem Jahr noch einmal mitfahren würden, stand lange Zeit nicht fest. Ob wir überhaupt gefragt werden würden, auch nicht, denn die Tochter der Eigentümer, die zusammen mit mir nach wie vor an derselben Uni studiert, läuft mir normalerweise nicht unbedingt über den Weg.

Und wie die Antwort ausfallen würde, wussten wir auch noch nicht. Es war im letzten Jahr ein tolles Event, wenngleich mitunter das Schrägste, was ich je erlebt habe. Ich halte mich zwar nicht für allzu anständig, brav und bieder, aber für eine halbwegs eindeutige Sexparty über drei Tage und drei Nächte kann mich eigentlich auch niemand begeistern. Uneigentlich dann aber doch, denn irgendetwas in mir ist doch zumindest voyeuristisch veranlagt und voller Abenteuerlust.

Ziemlich kurzfristig, ob nun in der allgemeinen Spontanität oder einer erneuten Absage anderer vorrangiger Leute begründet, konnten und wollten wir nicht herausfinden, wurden wir dann doch noch gefragt. Hin- und hergerissen, weil man ja eigentlich so etwas nicht tut, andererseits aber schon das Miterleben des ganzen bunten Spektakels Spaß machte und sich die Risiken doch in sehr engen Grenzen hielten, holten wir uns moralische Unterstützung von Maries Mutter. "In eurem Alter hätte ich nicht gezögert", meinte sie, "man muss ja vor Ort nicht jeden Mist mitmachen. Insbesondere würde ich dringend davon abraten, Crack zu konsumieren. Das ist auf solchen Veranstaltungen ja leider oft an der Tagesordnung. Oder irgendein anderer Scheiß."

"Im letzten Jahr hat Shane", so hieß die Tochter der Bootseigentümer, "von vornherein gesagt, dass an Bord keine Drogen geduldet werden. Wir hatten schon den Eindruck, dass das auch ernst genommen wurde." - "Dann nehmt Kondome mit und genießt das Wochenende!"

Und Philipp? Er könnte nicht mit. Keine Zeit, meinte er. Wir hatten sowieso nur ein Doppelbett, aber laut Shane hätten wir uns das auch zu dritt teilen können. Hört sich vielleicht merkwürdig an, weil viele Menschen nicht mal auf die Idee kämen, sich zu zweit ein Doppelbett zu teilen. Schon gar nicht mit einem Fremden. Aber wenn ich in der Mitte liegen würde, hätte niemand von uns damit ein Problem.

Womit ich allerdings ein Problem hatte, war, dass mir Philipp nicht sagen wollte, was er vorhatte über Pfingsten. Das führte fast zu unserem ersten ernsthaften Streit. Am Ende war es dann doch so, dass er gerne mitfahren wollte, mehr wegen des dortigen Sommers als wegen der "komischen Party", aber er meinte, dass er mir (oder uns) mit seiner Anwesenheit keinen großen Gefallen tut. "Ich unterhalte mich lieber statt zu tanzen, ich würde nie meine Partnerin eintauschen wollen und ich verkleide mich auch nicht als Elektroinstallateur und frage, warum in der Ecke Stroh liegt. Ich kann mich nur schwer von solchen Dingen anstecken lassen und würde dann eher die Spaßbremse sein. Du sollst aber gerne diesen Spaß haben und sollst keine Rücksicht auf mich nehmen. Von daher ist es okay, wenn du alleine fährst."

"Vielleicht möchte ich aber gerade mit dir unter einem romantischen Sternenhimmel im Mittelmeer schwimmen", antwortete ich und erklärte ihm, dass ich auch nicht mitfahre, um mit wildfremden Leuten in die Kiste zu springen. Das hat es auch letztes Jahr nicht gegeben. Kurz vor Abfahrt war dann doch alles wieder entspannt. Außer dass Shane äußersten Wert darauf legte, Philipp in der letzten Woche noch einmal kennenzulernen. Und dafür mal eben quer durch Deutschland zu fahren, war schon eine Herausforderung. Aber: "Ohne Kennenlernen nehme ich ihn nicht mit. Ich will da keine Überraschungen."

Sonntag, 17. Mai 2015

Kriminelle Kinder und süße Enten

Marie und ich sitzen zusammen mit ihrem Papa im Auto. Ihr Papa fährt über die Autobahn, möchte uns zu einer Geburtstagsfeier bringen, zu der wir eingeladen sind. Wir sollen zwei Salate mitbringen. Ich habe auf dem Beifahrersitz Platz genommen, Marie sitzt im Fond und passt auf die Salate auf. Über die Autobahn führt eine Fußgängerbrücke, auf dieser spielen drei Kinder. Aus der Entfernung kann man erkennen, dass sie sich hingehockt haben und Stöcke unter dem Geländer hindurch auf die darunter liegende Fahrbahn werfen.

Maries Vater sagt: "Handy raus, gleich anrufen. Wenn sich da einer erschrickt und in Panik ausweicht oder die als nächstes Steine werfen, kann es ganz schnell Verletzte oder Tote geben." - Gesagt, getan. Nach rund dreißig Sekunden Warteschleife komme ich dran. Zuallererst möchte der Beamte auf der anderen Seite wissen, ob wir Richtung Osten oder Richtung Westen unterwegs sind. Die Sonne blendete uns. Im Westen wird sie untergehen...

"Wie alt sind die Kinder?" - "Ich schätze um die 10 Jahre." - "Alle?" - "Ja." - "Können Sie die beschreiben?" - "Zwei trugen eine knallrote Jacke. Mehr war in den paar Sekunden nicht zu erkennen." - "Wir schicken jemanden hin."

Ich schätze, die Kurzen haben gar nicht begriffen, was sie da tun. Möglicherweise noch nicht einmal nachgedacht. Strafrechtlich wird man sie vor Vollendung des 14. Lebensjahres nicht zur Verantwortung ziehen können. Es waren inzwischen acht Minuten vergangen, wir waren bereits elf Kilometer weiter, da wurd das Radioprogramm unterbrochen. Man möge in beiden Richtungen vorsichtig fahren, denn "da schmeißen Kriminelle Steine von einer Brücke auf die Autobahn. Ich wiederhole: Vorsicht, kriminelle Steinewerfer. Na, hoffentlich werden die Idioten geschnappt."

Soso. Aus Stöcken werden Steine. Kinder sind kriminell und Idioten dazu. Maries Vater sagte: "Da werden noch weitere Autofahrer angerufen haben. Vielleicht sind es inzwischen wirklich Steine. Aber ansonsten lobe ich mir die guten alten Zeiten, in denen die Verkehrsmeldungen ohne Werbung, Jingles, ohne musikalische Dauerschleife im Hintergrund und ohne weitere Kommentare trocken vorgelesen wurden."

Kaum hatte er das ausgesprochen, wurde noch einmal für eine Verkehrsmeldung unterbrochen: Auf einer anderen Autobahn sei eine Entenfamilie zu Fuß unterwegs. "Fahren Sie dort bitte besonders vorsichtig und lassen Sie um Himmels Willen die kleinen süßen Enten am Leben!"

Mittwoch, 13. Mai 2015

Solide Basis

Ich werde immer besser. Ich habe heute meine fünfte Darmspiegelung hinter mir. Nach wie vor sitzt mir die Professorin fast auf dem Schoß und nach wie vor gibt es einige Patienten, die im Vorfeld ablehnen, dass ich das Untersuchungsgerät bedienen darf und von ihrer Ärztin gespiegelt werden wollen. Aber es gibt eben auch viele, für die es in Ordnung ist. Und ja, es sitzt wirklich jemand daneben und passt jede Sekunde auf. Und nein, ich bin nicht leichtsinnig, sondern eher viel zu vorsichtig.

Nur um das ins Verhältnis zu setzen: Will ein fertiger Arzt sich nach seinem Medizinstudium zum Facharzt für Gastroenterologie (Magen-Darm) fortbilden, muss er in der sechsjährigen Ausbildungszeit im Anschluss an das Studium alleine mindestens 300 solcher Untersuchungen nachweisen können. Also nur Spiegelungen des Dickdarms. Darüber hinaus sind noch rund 1.000 weitere Untersuchungen nachzuweisen, beispielsweise Magenspiegelungen. Die ich noch nie gemacht habe. Also bedeutet "fünf" hier gar nichts.

Aber es fällt mir wesentlich leichter als beim ersten Mal. Einmal habe ich bereits zusammen mit der Professorin einen Schleimhautpolypen mittels einer Drahtzange entfernen dürfen. Ja, die theoretischen Grundlagen sind natürlich bekannt, aber praktisch sieht das alles noch einmal ganz anders aus. Aber es ist spannend. Und faszinierend.

Es gab rückblickend auf die letzten Jahre auf jeden Fall die eine oder andere Stunde, in der ich überlegt habe, ob Medizin für mich das Richtige ist. Es gibt Momente, in denen blickt man einfach nicht mehr durch. Durch den ganzen Formelsalat, durch die ganzen Parameter, Werte und Begriffe. Die Ansprüche, die das Studium stellt, sind enorm. Ohne intensives Lernen und ohne ständige kritische Selbstbeurteilung und Disziplin schafft man es nicht. Würde ich mal behaupten. Aber so langsam habe ich das Gefühl, eine solide Basis zu haben, auf die ich mich stützen kann. In dem Sinne, dass ich nicht nur im Nebel stocher, sondern auch mal richtig liege. Lange hat es gedauert. Lange habe ich allenfalls richtig geraten.

Wie gesagt, bei dieser Untersuchung bin ich keinesfalls sicher. Aber meine Hände zittern nicht mehr. Und der Schweiß läuft auch nicht mehr in Bächen durch den BH. Und das ist ganz viel wert. Um mir ein wenig mehr zuzutrauen. Ich hätte jedenfalls vor ein paar Jahren nie und nimmer für möglich gehalten, dass ich eines Tages mal selbst ein Endoskop durch einen Darm führe und dabei weiß, wo ich bin und was ich tue. Für den routinierten Doc ist das Pipifax, ich weiß. Aber für mich ist das nach dem schier endlosen Gebüffel (insbesondere während der ersten vier vorklinischen Semester) endlich mal wie ein kleines Früchtchen in einem großen Baum. Und es schmeckt durchaus gut.

Donnerstag, 7. Mai 2015

Ihr Kind, ihre Erziehung

Manche Menschen sollten keine Kinder haben. Und in einem Fall meine ich das durchaus ernst. Was habe ich mich heute aufgeregt!

Nicht weit von Maries und meiner Wohnung am Studienort entfernt wohnt eine Familie. Im zweiten Stock. Das Kind ist schätzungsweise vier oder fünf Jahre alt. Hin und wieder sieht man die Mutter das Kind in einen Fahrradanhänger verladen und mit dem kleinen Mädchen zum Einkaufen fahren. Wenn ich für meine Uni am Schreibtisch sitze, fällt mein Blick manchmal nach draußen und ich sehe die beiden. So auch heute.

Heute sah ich allerdings nur die Tochter. Und zwar in der Wohnung. Auf der Fensterbank turnen. Das Fenster war zwar geschlossen, aber dennoch halte ich das für ziemlich gefährlich. Am Anfang habe ich ein paar Mal nach drüben geschaut und so gedacht: Hoffentlich fällt es dort nicht runter! Nach drinnen könnte es schon gefährlich werden, aber so ein Fenster kann ja auch mal zerbrechen. Gerade, wenn das Mädchen es lustig findet, mit dem Popo immer wieder gegen die Scheibe zu donnern und sich offenbar zu wundern, wie flexibel Glas doch sein kann. Kurzum: Ich sah das Kind schon auf der Straße liegen. Und der Adrenalinspiegel ging schlagartig hoch, als das Kind begann, am Fenstergriff zu spielen.

Ich zog mir schnell was über und machte mich auf dem Weg, wollte dort klingeln. Leider kam ich an die Klingel nicht dran. Das Kind hampelte weiter auf der Fensterbank herum. Ich schaute, ob ich einen langen Stock oder ähnliches finden würde, mit dem ich die Klingel erreichen könnte. Ich schaute sogar in die Mülltonne. Nichts. Vor der Tür war eine Treppe, so dass ich auch nicht gegen die Tür klopfen könnte. Sofern das in den Wohnungen des Mehrfamilienhauses überhaupt jemand hören würde.

Ausgerechnet in dieser Zeit kam auch niemand vorbei, den ich bitten könnte, mal für mich zu klingeln. Doch dann kam eine junge Radfahrerin, die ich kurzentschlossen anhielt. Sie war zwar zuerst reichlich verdattert, was ich von ihr wollte, stellte dann aber ihr Fahrrad ab und guckte ängstlich in die Richtung des inzwischen bereits gekippten Fensters. Sie klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Niemand zu Hause? Dann würde ich gleich die ... doch, da tat sich was. Eine Frau öffnete mit verschlafenem Blick. "Was wollen Sie?"

"Ihr Kind turnt auf der Fensterbank und ich habe große Angst, dass es rausfällt", sagte ich. Das Kind kam ebenfalls die Treppe heruntergelaufen. Die Mutter antwortete: "Haben Sie keine anderen Sorgen?" - "Entschuldigung, es klettert unbeaufsichtigt auf der Fensterbank und hat das Fenster bereits geöffnet." - "Das Fenster geht nach innen auf, es könnte sich also höchstens selbst dort runterfegen. Und davor steht ein Bett. Gehen Sie zurück in Ihre Wohnung. Mein Kind, meine Erziehung."

"Mama, was will die Frau?", fragte das Kind. Die Antwort: "Die Frau hat gesehen, dass du auf die Fensterbank geklettert bist." - "Wieso?" - "Weil sie das sehen kann." - "Warum?" - "Weil ein Fenster durchsichtig ist." - "Hat die Frau kaputte Beine?" - "Ja, und ganz viel Langeweile. Wir kochen uns jetzt erstmal einen Tee, wie findest du das?" - "Toll!" - Rumms, Tür zu. Und fünf Minuten später kletterte das Kind wieder auf der Fensterbank herum. Ihr Kind. Ihre Erziehung. Ich hoffe, ich muss es nicht mit ansehen, sollte das Kind da doch eines Tages mal runtersegeln. Weil die Erziehung doch nicht so zuverlässig funktioniert hat. Oder das Fenster doch nicht so stabil ist. Ich hoffe es wirklich.

Sonntag, 3. Mai 2015

Nochmal ein Stern

Intelligenzquotient und Motorleistung stehen ja bekanntlich in direkter Kongruenz. Bei Frauen zumindest. Bei Männern ergeben ja Potenz und Drehmoment multipliziert miteinander immer denselben Wert.

Ich habe mich nach diversen Gesprächen und Verhandlungen entschieden, meinen Kleinbus zurückzugeben. Ich weiß nicht, ob ich zu hohe Ansprüche habe, aber ich brauche ein zuverlässiges Auto, das nicht nervt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Oder doch: Millionen Taxifahrer können sich nicht irren. Und ein Kunde nimmt seine E-Klasse nicht ab. Nein, kein Taxi. Eine schwarze Rentnerschaukel. Erzählte mir am Telefon der Händler, der es über Monate nicht geschafft hatte, mir einen neuen Viano zu liefern. Damals. Nun habe er an mich gedacht und habe ein unglaubliches Angebot. Quasi zur Wiedergutmachung.

Einen Kombi mit dem kleinsten Dieselmotor (nur 170 PS...) und 9-Stufen-Automatik und Standheizung sowie einer umfangreichen Serienausstattung und einigen Extras. Als Neupreis habe der Stammkunde rund 49.000 Euro herausgehandelt, er gehe jetzt im Auftrag des Kunden noch einmal 20% runter, weil ich die Austattungen nicht wählen könne und meinen Umbau, den ich ja sonst ab Werk einbauen lassen würde, noch nachträglich einbauen lassen müsste. Soll heißen: Er bietet mir einen Neuwagen, noch nicht gefahren, allerdings mit einem Vorbesitzer laut Fahrzeugschein, für 39.000 Euro an. Statt einem Listenpreis von 57.000 Euro.

Ein 2,2-Liter-Bluetec-Motor mit Effizienzklasse A+, soll angeblich nur 4,5 Liter auf 100 Kilometern im Mix verbrauchen. Von Null auf Hundert in 8,6 Sekunden und 222 km/h Spitze. Bei umgeklappter Rückbank ergibt sich ein Laderaum von 183 x 151 x 84 cm (LxBxH), also so groß, dass man theoretisch eine 200 x 160 große Matratze hinten reingequetscht bekommt, sich drauflegen kann und über seinem Kopf noch vierzig Zentimeter Platz bis zur Decke hat. Und Liegebike plus Rennrollstuhl passen auch rein. Und wenn man beides zerlegt, auch doppelt.

Ich werde Maries Papa mitnehmen, unterzeichnen, das Auto zum Umrüster schicken und ihn mit etwas Glück in der letzten Maiwoche bekommen. Bis dahin habe ich dann gar kein Auto - und hoffe auf möglichst keine weiteren Bahnstreiks mehr. Und endlich mal auf einen Glücksgriff.