Montag, 27. April 2015

Kleines Ego

Am letzten Wochenende habe ich es endlich mal wieder geschafft und zusammen mit Marie mit dem Rennbike trainiert. Natürlich musste es genau zehn Minuten, nachdem wir gestartet waren, zu regnen anfangen und dann auch erstmal bis zehn Minuten vor Ende nicht wieder aufhören. Aber wir sind ja nicht aus Zucker und die anschließende warme Dusche hat uns schnell vergessen lassen, wie kalt der Regen noch ist und wie schmutzig man werden kann.

Wir fahren ja schon extra nicht auf den Fahrbahnen, wie etliche Fußgänger auf ihren Rennrädern. Sondern auf den Radwegen. Es gibt einige Strecken in Hamburg, wo das gefahrlos und auch zu vernünftigen Trainingsbedingungen möglich ist. Mit gewissen Abstrichen, die man machen muss, wenn man auf Radwegen trainiert. Aber auch wenn wir mit unseren drei Rädern gegenüber den zweirädrigen Kolleginnen und Kollegen zumindest damit im Vorteil sind, dass wir nicht wegrutschen und uns auf die Nase legen können, hilft das natürlich nicht darüber hinweg, dass einige Radwege von Autos zugeparkt sind.

Und dass sich einige Autofahrer offensichtlich einen Spaß draus machen, uns zu duschen. Anders kann man kaum erklären, warum jemand bei völlig freier, weit einsehbarer Straße so dicht am Rand und so schnell durch eine tiefe Pfütze fahren muss, dass sich ein eiskalter, dreckiger Schauer im hohen Bogen über uns ergießt. Wohl gemerkt: Der Fahrer fuhr im Gegenverkehr am Rand. Soll heißen: Er ist extra nach links gewechselt, um einmal durch die Pfütze zu fahren. Einen anderen Grund konnte man nicht erkennen.

Leider waren wir vorher zu überrascht und hinterher zu nass, um das Kennzeichen zu erkennen. Aber das war nun wirklich nicht witzig. Ich weiß nicht, was sich solche Spinner dabei denken. Vermutlich brauchen sie sowas für ihr kleines Ego. Traurig.

Mittwoch, 22. April 2015

Wie gewonnen, so zerronnen

Zehn Euro war der Gutschein wert, den Maries Vater kürzlich im Baumarkt gewonnen hatte. Diese zehn Euro waren schnell verdientes Geld. Wie wertvoll zehn Euro sein können, bekam ich heute vor Augen geführt, als ich im Supermarkt an der Kasse stand. Ein junger Mann stand vor mir, er war etwa fünf Jahre älter als ich. Er hatte Brot, Salami, mehrere billige Tiefkühlpizzen Margarita, Mehl, Eier und Milch auf dem Laufband. Alles zusammen sollte knapp zehn Euro kosten. Als die Kassiererin den Preis nannte, griff er sich theatralisch in alle möglichen Taschen. Mir war sofort klar, dass da was nicht stimmte. Dann sagte er: "Ich habe mein Portmonee vergessen. Können Sie das kurz zur Seite packen und ich bringe Ihnen das Geld gleich vorbei?"

"Das darf ich nicht. Ich muss das stornieren und wieder zurückbringen. Dann müssten Sie gleich noch einmal einkaufen. Aber das sind ja nur ein paar Teile." - Die Frau stand von ihrem Stuhl auf und brüllte nach dem Stornoschlüssel. Ich mischte mich ein: "Was kostet das?" - "Neun Euro achtundsiebzig." - "Zahl ich mit. Bevor das jetzt hier eine halbe Stunde dauert und der Kollege in fünf Minuten noch einmal durch den ganzen Laden turnt."

Der junge Mann blickte beschämt zu Boden. Irgendwas stimmte da wirklich nicht. Aber egal. Mein Einkauf kam auf dieselbe Rechnung, ich zahlte mit EC-Karte und fertig. Während er mich fünf Mal fragte, ob er mir helfen sollte, fiel mein Blick in seinen Rucksack. Drin lag ein Portmonee. Ich holte einmal tief Luft.

Auf dem Weg zum Ausgang fragte ich ihn: "Und, wo ist Ihr Portmonee nun? Im Auto? Oder zu Hause?" - "Ehrlich gesagt habe ich kein Geld. Ich hatte gehofft, dass sie die Tüte mit dem Zeug an die Seite legt, dann hätte ich sie mir geschnappt und hätte Hackengas gegeben. Aber dann kamen Sie und haben alles durcheinander gebracht." - "Das ist doch Scheiße", fuhr ich ihn an. "Sie wohnen doch hier irgendwo. Wollen Sie sich demnächst nur noch verstecken, weil Sie Angst haben müssten, hier jemandem über den Weg zu laufen, der Sie wiedererkennt?" - "Ich wohne auf der anderen Seite der Stadt. Sorry. Es tut mir Leid. Ich kriege von meinem Chef noch drei Monatsgehälter und jeden Tag hält er mich hin."

"Dann gehen Sie doch mal zum Amt und lassen sich einen Vorschuss auszahlen. Bevor Sie hier Essen klauen gehen." - "Und wo soll ich nächsten Monat arbeiten? Wenn das Amt da Druck macht, schmeißt er mich doch raus. Ich suche ja schon was Neues, aber so einfach ist das alles nicht." - Ich drückte ihm zehn Euro in die Hand. "Der Monat ist noch lang", sagte ich. Und verwand. Muss ja für ihn nicht noch peinlicher werden. Armes Schwein. Irgendwie.

Montag, 20. April 2015

Rapunzelschmetterlinge

Auf öffentlichen Straßen sehe ich bisweilen jede Menge Spinner. Welche, die ohne Führerschein fahren und falsch abbiegen, aber auch welche, die in Bäumen sitzen und wie Rapunzel im geeigneten Moment ihr Haare herunterfallen lassen.

Vor den Rapunzelschmetterlingen wird in Niedersachsen (unter anderem) neuerdings gewarnt. Und ich muss gestehen, die Folgen, die so ein Kontakt mit den Haaren dieses Falters machen kann, sind schon beeindruckend. Ich selbst habe es zwar noch nicht live miterleben müssen, aber wir bekamen gerade ein Video gezeigt, welche zum Teil doch heftigen Symptome auftreten, wenn jemand allergisch auf diesen aus meiner persönlichen Sicht eher hässlichen Schmetterling reagiert. Ein allergischer Ausschlag (Raupendermatitis) ist dabei noch eher nebensächlich, auch wenn es zwei Wochen dauern kann, bis der wieder weg ist.

Insofern halte ich den Warnhinweis, den ich heute bei einer Tour mit meinem Handbike sah, schon berechtigt. Ganz im Gegenteil zu einer Gruppe Männer, die, mit Fahrrädern und einem Anhänger voller Einmalgrills unterwegs, mitten auf dem Radweg vor diesem Schild stehen blieb. Teilweise hatten sie ihre Räder abgestellt. Mitten auf dem Radweg. Und zwar so, dass ich nicht mehr vorbei kam. Etwa zwanzig Leute, alle zwischen 50 und 70 Jahre alt, alle besoffen und laut. Ich musste ebenfalls stehen bleiben und fragte: "Na, Jungs, lasst ihr mich mal durch?"

Ein älterer Mann, in einer Hand eine PET-Flasche mit Bier, hatte gerade einen so tiefen Schluck aus der Plastikpulle genommen, dass er sein Gesicht beim Herunterschlucken verzog, bevor er mit der Bierflasche auf das Schild deutete sagte: "Morgen wäre Adolf 125 geworden - und wir warnen vor dem Eichenprozessionsspinner. Ist das nicht eine verrückte Welt?" - "Stimmt.", erwiderte ich mit bierernster Miene. "Aus dieser Perspektive habe ich das noch nie betrachtet." - Der Mann guckte mich einen Moment lang an, dann lachte er schallend laut und klopfte sich mit der rechten, freien Hand, abwechselnd auf seinen linken und rechten Oberschenkel. "Deutschland!", brüllte er laut. - "Deutschland!", brüllten die anderen Männer im Chor zurück. Ein einzelner brüllte laut "Athen!" hinterher. Der Schenkelklopfer lachte erneut laut und sagte dann: "Keine Drohungen, mein Kumpel an der Ecke macht das beste Gyros! Und er hat einen Ouzo", sagte er und küsste seinen Daumen und Zeigefinger, "herrlich - nur mein kleiner Neffe mag am liebsten Pommes." - Erneut lachten alle.

Dann durfte ich vorbei fahren. Hinter mir hörte ich einen Mann sagen: "Ich hab das schon von meiner Großmutter gelernt: Eichen sollst du weichen." - "Siehste, die hat das damals schon gewusst, ohne solche Verkehrszeichen", sagte ein anderer. Wieder lachten alle lauthals. Ich musste schmunzeln. So ein verrückter Haufen. Auf dem Rückweg musste ich natürlich noch ein Foto machen. Nicht von dem Haufen. Sondern vom Schild. Guckst du:

Sonntag, 19. April 2015

Partymeile

Beim Training ist es ganz normal: Weite Klamotten bleiben in den Rädern oder Speichen hängen, Wasser auf der Straße durchnässt schlabberige Ärmel - eng und synthetisch sind hier die beiden Zauberwörter. Was für das Training gilt, gilt für meinen Alltag aber eher nicht. Es sei denn, wie schon mit dem letzten Beitrag eingeleitet, Mann steht drauf. Und was tut rollende Frau nicht alles für rolligen stehenden Mann...

Es mag verwirren, dass mich eine Fahrt im Rollstuhl über Hamburgs Reeperbahn weniger beeindruckt als selbige in schwarzen Wetlook-Leggings, engem Top, dezent geschminktem Gesicht und offenen Haaren. Ich hatte das Gefühl, sämtliche Blicke kleben an mir und jederzeit könnte ich jemanden treffen, der (oder besser die) mich (so nicht) kennt und mich darauf anspricht. Ich weiß nicht, warum es mir anfangs eher unangenehm war, denn wenn ich mich umsah, lief die Mehrheit eher aufgebrezelt bis pikant gekleidet durch die Gegend. Vermutlich war das alles ganz normal und ich hatte mir lediglich in meinem eher klein- bis spießbürgerlich klimatisierten Studienort einen kleinen Charakterschnupfen aufgesackt.

Philipp gefiel es ganz offensichtlich. Normalerweise mag ich nicht geschoben werden, erst recht nicht, wenn ich mich mit jemandem unterhalten möchte. Ich brauche dazu Augenkontakt oder zumindest die Möglichkeit desselben. Aus dem gleichen Grund machen mich auch jene Leute wahnsinnig, die permanent schräg hinter mir laufen, wenn ich mit ihnen rede. Oder sie mit mir. Philipp aber schob mich, eher an den Schultern als an den Griffen, und an jeder Ampel wurde mir der Nacken massiert oder der Hals gestreichelt. Oder mein Körper eng an seinen gedrückt. Schade, dass ich mich nicht unauffällig umdrehen konnte. Und schade, dass es auf der Reeperbahn so nur wenige Ampeln gibt.

Wer den von Hormonen beeinflussten weiteren Verlauf des Abends lieber nicht lesen möchte, sei gewarnt und blättert an dieser Stelle besser weiter, denn aus dem Tanz-Party-Kneipenbummel wurde nicht viel. Zuerst wollte ich aufs Klo, eher vorsichtshalber, denn ich hatte mich in gewisser Erwartung eines fröhlichen Abends bewusst nicht präpariert, sondern stattdessen für alle Fälle eine trockene Hose im Rucksack. "Kannst du mal bitte mitkommen und mich festhalten, falls das da dreckig ist?", fragte ich ihn. Der Hauptgrund war eher, ihn ein wenig heiß zu machen. Was auch auf Anhieb funktionierte: "Wie jetzt, nichts drunter?" - "Unterwäsche wird überbewertet", erwiderte ich betont gleichgültig.

"Ich dachte eher an etwas ... du weißt schon. Plastik." - "Nenn 'Windeln' doch einfach beim Namen. Ich fand es heute mal unerotisch." - "Wie bist du denn drauf?" - "Wenn du unbedingt willst, können wir ja nebenan in dem Laden mit den Gummipuppen welche kaufen." - "Haben die hier sowas?" - "Bestimmt. Stück fünf Euro und mit einem fröhlichen Entchen als Nässeindikator. Dazu Strampelanzüge von XS bis XXL mit rosa oder blauen Rüschen und farblich passender Haube sowie einem quietschenden Riesenschnuller im Set." - "Du kennst dich aber gut aus."

Lustig war, dass er eigentlich auch aufs Klo wollte, aber nicht konnte, während ich daneben saß. Noch lieber hätte ich sogar mal festhalten wollen. Also sein Handy natürlich, damit es nicht ins Klo fällt... Am Ende gab es ein paar Häuser weiter ein Biermixgetränk in einer viel zu lauten Bar, bevor wir uns in Richtung Elbe aus dem Staub machten. Es war zwar arschkalt, im wahren Sinne des Wortes, und auch eher unbequem am dunklen Elbufer, aber sehr dunkel und die Sterne funkelten. Und auf dem Rückweg fühlte ich mich in der S-Bahn schon wieder so, als würden mich alle anstarren. Dieses Mal eher, weil ich etwas zerzaust aussah.

Samstag, 18. April 2015

Jeder bewegt die Füße

Am letzten Samstag war ich mit Marie und ihren Eltern unterwegs. Wir wollten abends grillen und brauchten Grillkohle. Ein Baumarkt lag auf der Strecke. Maries Vater hielt an. Vor dem Eingang des Baumarktes war ein Stand aufgebaut, daneben ein Glücksrad und eine Musikanlage. Zwei Frauen in Hasenkostüm laberten irgendwas von einem Jubiläum und irgendwie waren sie so ziemlich alleine. Ich befürchtete schon, dass sie uns gleich ansprechen und zum Glücksrad-Drehen auffordern würden.

Aber es kam viel schlimmer. Die Musikanlage startete in Disko-Lautstärke und es wurde gesungen. Ich versuchte, den englischen Text ins Deutsche zu übersetzen. "Schwenkt überall eure Hände in die Luft, beweg deinen Körper und spring herum zu diesem Sound, steht alle auf und singt es laut, das ist der Sound, der euch stolz macht!"

Ähm. Nein. Bestimmt nicht. "Jeder bewegt seine Füße zum Rhythmus des Taktes, jeder singt dieses Lied und alle haben Spaß!"

Eine der beiden Häsinnen mischte ihre Stimme in den Song. Erst sang sie mit, dann tanzte sie mit, dann schrie sie förmlich: "Wer zuerst hierher zu mir kommt und mir sagt, welcher Interpret diesen Song singt, gewinnt einen Gutschein!"

Maries Vater zückte sein Smartphone und tippte und scrollte. Maries Mutter sagte: "Nee, oder? Ich kenn Dich nicht. Ist das nicht dieser Schweizer Eurodance-DJ?" - "Ist er", sagte Maries Vater grinsend. Und fügte hinzu: "Mal sehen, was der Gutschein wert ist."

Wir kamen an dem Stand vorbei. Maries Vater gab der Häsin die Hand und sagte: "Ich glaube, ich weiß die Lösung." - "Oh, da ist jemand sehr schnell mit der Lösung, die einen Gutschein wert ist, den Sie noch heute hier direkt im Baumarkt einlösen können. Ich bin gespannt. Wer ist es?"

Maries Vater bekam das Mikro unter die Nase gehalten und sagte: "Ich glaube, es ist Peter Baumann." - "Wer?" - "Peter Baumann. Oder?"

Maries Mutter klopfte sich lachend auf die Schenkel und verschwand im Baumarkt. Die Häsin trällerte ins Mikro: "Das ist leider falsch, aber das macht nichts, es kann weiter geraten werden. Sie bekommen einen Trostpreis von mir und weil ihre Frau und ihre Kinder so nett aussehen, bekommen auch sie den Trostpreis, es sei denn, sie wissen, wer das singt!!!"

Es wurden einzelne Fruchtbonbons verteilt. Jeder durfte einmal in ein Glas greifen, in dem Orange- und Zitronenbonbons einzeln verpackt aufbewahrt wurden. Maries Vater scrollte in seinem Handy und hielt es der Häsin unter die Nase. Die Häsin guckte irritiert. "Ich nehme alles zurück, der Herr hat doch recht gehabt! Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil! Peter Baumann ist der bürgerliche Name des Künstlers! Herzlichen Glückwunsch, Sie haben richtig geraten! Hier ist der Gutschein!"

Während Maries Mutter sich das Spektakel aus sicherer Entfernung von drinnen anschaute, erzählte die Häsin mit strahlenden Augen, dass besagter Künstler auch schon einmal live mit ihr auf der Bühne gestanden hätte und so toll sei. Anschließend bekamen wir noch einen Bonbon, nimm 2 sozusagen, und durften endlich auch in den Baumarkt. Der Gutschein war mit 10 Euro aufgeladen - das war ja mal schnell verdientes Geld.

Freitag, 17. April 2015

Darmspiegelung

Ich habe meine erste Darmspiegelung hinter mir!

Ähm, ja, nicht als Patientin. Sondern ich war diejenige, welche das Endoskop führen durfte. Nach endlosen Erklärungen und etlichen Trockenübungen an einem Trainingsmodell sowie jeder Menge ständig wiederholter Belehrungen, die ich inzwischen auch nachts um drei aufsagen kann, wenn mich dafür jemand aus dem Tiefschlaf wecken sollte (nie das Endoskop bewegen, wenn man nichts sieht etc.), sollte ich selbst dran. Die Professorin fand, ich sei überreif für diesen Schritt. "Es wird Leute geben, die bis zu ihrer Facharztausbildung damit warten müssen, aber es gibt eben auch Leute wie Sie. Es ist gut, wenn Sie sich früh orientieren und Schwerpunkte setzen, denn Sie werden später nicht alles machen können. Das ist Ihnen jawohl klar."

Was auch immer sie damit meinte, mich interessierte in dem Moment in erster Linie die Unversehrtheit der Patientin und in zweiter Linie das weit über 20.000 Euro teure Teil in meiner Hand. Die Professorin saß mir fast auf dem Schoß, die Patientin schlief, ich spürte neben feuchten Händen, wie mir der Schweiß an der Innenseite meiner Oberarme herunterlief. Dann hörte ich ein: "Nicht so verkrampft. Entspannen Sie sich mal. Sie müssen bequem sitzen."

Ich versuchte, meinen Oberkörper entspannter hinzusetzen. Ein Pulsoximeter zeigte Werte im grünen Bereich, im einzigen Venenzugang steckte eine aufgezogene Propofolspritze und ich war kurz davor, ihr das Ding in die Hand zu drücken und zu sagen: "Ich guck nochmal zu." - Mensch und Plastiktorso sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, da kann man reden und beschwichtigen so lange man will. Bevor die Patientin nun wegen meiner Zögerlichkeit noch endlos Narkotika nachgespritzt bekommen müsste, holte ich einmal tief Luft und startete.

"Sagen Sie laut, wo Sie sind, was Sie sehen, und wohin Sie als nächstes wollen", wurde ich aufgefordert. Ich murmelte mir was zurecht. Spiegelnd glatte Schleimhaut, scharf gezeichnete Gefäße, ein ebener, runder, zartrosa gefärbter Tunnel - hübsch irgendwie. "Sie brauchen mehr Luft! Viel mehr Luft! Nun seien Sie mal nicht so zittrig, die Patientin wird schon nicht abheben." - Die Professorin legte ihre Hand auf meine und presste meinen Daumen nach unten, um noch mehr Luft in den Darm einströmen zu lassen. Also doch ein großer Unterschied zwischen Trainingsmodell und Mensch. "Und dann spülen Sie gleich mal die Linse und saugen den Schleim ab, der da um die Ecke kommt. Und sagen mir, ob es am Ende nach links oder nach rechts weitergeht. Und woran Sie das erkennen. Und das Atmen nicht vergessen."

Die Patientin wurde unruhig und bekam den nächsten Schuss Propofol nachgespritzt. "Und dann legen Sie mal etwas im Tempo zu, Sie sind zu zaghaft. Wir müssen noch bis in den Dünndarm. Solange Sie was sehen, gilt jetzt mal 'volle Fahrt voraus'." - Wie bitte? Dünndarm auch? Davon war ja vorher gar nicht die Rede und das kann ich auch nicht! Dann plötzlich: "So, Stop! Da vorne, was ist das? Die Verfärbung da?" - Puh. Ich sah keine Verfärbung. Die Professorin deutete mit ihrem Kugelschreiber auf eine Stelle auf dem Monitorbild, wo man mit viel Fantasie eine Schattierung erkennen konnte. "Sie spülen hier bitte einmal großzügig und dann merken Sie sich die Stelle für den Rückweg."

Merken? Wie merken? Irgendwie sah alles gleich aus. Ich fühlte mich total überfordert und war erneut kurz davor, ihr das Ding in die Hand zu drücken. Aber so einfach aufgeben? Was machte das für einen Eindruck? Während ich krampfhaft versuchte, mir das Bild einzuprägen, erinnerte ich mich an eine kleine Besonderheit. Am unteren Bildrand konnte ich sehen, wie weit das Endoskop ausgefahren war. Ich merkte mir die Zahl. Bingo. Noch ein paar Zentimeter, die mir vorkamen wie Meter, dann sah ich die Ileozäkalklappe, eine Art flexibles und (im Idealfall) nur in einer Richtung durchlässiges Ventil, mit dem der Dünndarm in den Dickdarm mündete. In diesem Fall sah ich nur eine gelbliche Verfärbung der Darmwand, aber das musste sie sein. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass die Professorin mich ansah. Ganz offensichtlich wollte sie wissen, ob ich sie gesehen habe oder einfach blind in den Blinddarm weiterspiegeln wollte.

Ich fragte: "Und nun?" - "Ja, weiter. Wir wollen bis zum Ende alles sehen. Das terminale Ileum", sagte sie und meinte damit die letzten rund zehn Zentimeter des Dünndarms, "machen wir zusammen, da kommen Sie alleine nicht rein. Das ist bei der Patientin leider etwas verzwickt."

Okay. Der Blinddarm war alles andere als gut befestigt und verlief nahezu entgegengesetzt. Die Schleimhaut setzte sich immer wieder vor das Objektiv. Ich versuchte mehrmals vorsichtig, ein vernünftiges Bild zustande zu bekommen, aber dann nahm mir die Professorin das Endoskop aus der Hand und sagte: "Da mache ich mal eben weiter, das ist gerade sehr anspruchsvoll und da brauchen Sie etwas Übung. Die Darmwand ist an dieser Stelle nur wenige Millimeter dick und da könnten Sie sehr schnell ein Loch in die Schleimhaut stoßen mit fatalen Folgen. Und Sie sehen gerade nur was, wenn Sie die Endoskopspitze einmal um 180 Grad drehen und quasi rückwärts gucken. So. Und da ist dann auch die Ileozäkalklappe vernünftig zu sehen. Lippenförmig, geschlossen, unauffällig. Sehen Sie?"

Ein schmaler, verschlossener, leicht gewölbter Schlitz, von zwei länglichen, gelblichen Lippen umschlossen. Ich nickte nur sprachlos. Diese Fingerfertigkeit möchte ich haben. Unglaublich. Dann ging es weiter: "Wir sehen uns nun den Dünndarm an. Ich übernehme das auch, denn wir müssen quasi im Rückwärtsgang die Klappe intubieren. Das machen Sie nicht beim ersten Mal. Und wie Sie sehen, sehen Sie nichts, weil das hier schäumt wie in der Hölle. Das hat so gar keinen Sinn. Schade. Sie können gleich wieder übernehmen, raus hier und saugen, saugen, saugen und bitteschön."

Ich bekam das Endoskop wieder in die Hand. Auf dem Rückweg kamen wir an der Stelle vorbei, die ich mir merken sollte. Ich fragte: "Und was ist da nun zu sehen?" - "Was denken Sie?" - "Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht." - "Doch, Sie wissen es. Was sehen Sie? Sagen Sie es einfach frei raus." - "Nix." - "Richtig. Nichts. Wichtig ist immer, dass Sie nicht nach abweichenden Befunden suchen. Sondern dass Sie aufmerksam sind und gründlich und reagieren, wenn Sie etwas entdecken, was von der Norm abweicht. Okay? Und noch einmal rückwärts die letzten Zentimeter und dann raus, bevor wir noch was nachspritzen müssen. Und nochmal absaugen."

Ich war fertig. Überstanden. Die Patientin wurde zugedeckt und in den Aufwachraum geschoben. Ich war plötzlich so erleichtert, dass ich beinahe geheult hätte. Was für eine Anspannung, was für ein Druck. Dreißig Minuten, die mir von der Anstrengung her vorkamen wie drei Stunden und von der Intensität wie drei Minuten. Und die Professorin? "Toll haben Sie das gemacht. Richtig gut. Für das erste Mal war das richtig klasse. Sie müssen jetzt nur schnell die Angst verlieren. Respekt dürfen Sie haben, sollen Sie haben, aber keine Angst. Die haben alle Leute bei den ersten Malen und die muss man einfach ablegen. Bei vielen Manövern bekommen Sie ganz schnell Routine und die speziellen Sachen wollen Sie dann bald mehr wissen. Ich bin mir sicher, dass Sie dafür ein gutes Händchen haben."

Danke. Faszinierend ist er ja, der Darm. Wie so vieles in der Medizin. Für den Moment war erstmal duschen angesagt. Ich war wie aus dem Wasser gezogen. Aber ich möchte bitte noch einmal. Möglichst sofort...

Donnerstag, 16. April 2015

Wetlook-Shopping

Ist es eigentlich normal, dass Männer auf enge Hosen stehen? Jetzt mal ganz im Ernst. Eine Kommilitonin von mir erzählte mir kürzlich, ihr Schatzi fände es toll, wenn sie in Strumpfhosen im Bett liege. Nach Möglichkeit noch verbunden mit der Legende, dass sie sich die Dinger nicht extra seinetwegen angezogen habe, sondern sie sowieso getragen hat. Wobei Feinstrumpfhosen genauso faszinierend seien wie Woll- bzw. Strickstrumpfhosen... Ich selbst habe inzwischen ja einige Männer kennengelernt, die auf hautenge Leggings, knackige Sportkleidung oder sogar Neoprenanzüge stehen. Also nicht selbst tragen (oder?), sondern bei einer Frau anschauen. Oder vielleicht sogar anfassen. Wollen. Manchmal auch dürfen.

Okay, wenn es weiter nichts ist, könnte es ja sogar Spaß machen. Also auch für die Partnerin, selbst wenn ich solche Präferenzen erstmal nicht habe. Die Vorstellung, dass ich für ihn auf eine bestimmte Weise besonders attraktiv bin, ist ja schon reizvoll. Und sie schafft eben auch gute Verhandlungsspielräume. Oder Überraschungsmomente. Zu wissen, was der Partner besonders gerne mag, oder wo er sogar aus dem Häuschen gerät, halte ich, zumindest nach einiger Zeit, für sehr wichtig.

Ich glaube, ich würde sogar einige solche Kinks aktiv unterstützen. Alles, was irgendwie verspielt ist, nicht extrem weh tut, nicht super eklig ist, kann für sich betrachtet schon sehr erotisch sein. Auch hat Unanständiges und Verborgenes einen gewissen Reiz, wie ich finde. Solange eben niemand anderes belästigt wird. So war ich beispielsweise kürzlich mit Philipp in einer Therme. Im dortigen Whirlpool kann man, solange es blubbert und niemand taucht, eben nicht sehen, was sich so alles unter der Wasseroberfläche abspielt. Man muss natürlich sicher sein, die Hand in der richtigen Badehose ... okay. Übertreiben sollte man es nicht, denn die anderen Leute sind ja nicht doof, und wie gesagt, es ist dann nicht mehr okay, wenn andere belästigt werden. Also haben wir den Rest in die Dusche verlegt.

Eigentlich wollte ich aber über enge Hosen schreiben. Wie gesagt, Philipp ist nicht der erste Mann in meinem Leben, der auf knackenge Hosen steht. Und irgendwie bekomme ich so langsam das Gefühl, das betrifft ganz schön viele. Männer. Ich hatte es bisher noch gar nicht sooo realisiert. Er ist auch bisher nie sooo deutlich geworden, bis in einer Fuzo (also Fußgängerzone) ein Mädel an uns vorbeistöckelte und seinen Blick magnetisierte. Ich bekam das mit und als sie an uns vorbeigestolpert war, ließ ich seine Hand los und klatschte ihm eine auf seinen Po. "Was ich wirklich nicht leiden kann, ist, wenn jemand mit mir unterwegs ist, meine Hand festhält und dabei anderen Frauen hinterher schaut", machte ich ihm eine kleine Szene. Nein, ich bin nicht eifersüchtig und in Wirklichkeit beschwere ich mich nicht. Dafür habe ich auch keinen Grund und dazu habe ich auch nur wenig Muße.

Immerhin war es auch nicht die andere Frau, sondern offenbar ihr Beinkleid, das faszinierte. "Du trägst sowas ja nicht", versuchte er, sich vorwurfsvoll zu rechtfertigen. Ehrlich gesagt gehören schwarze Wetlook-Leggings, die ausgerechnet jene Körperteile betonen, die ich wegen ihrer Lähmung nun nicht zu meinen attraktivsten zähle, eher nicht zu meinem Stil. Und Stöckelschuhe finde ich im Rollstuhl auch eher unpraktisch. "Allerdings muss sowas eng anliegen und darf keine Falten werfen. Weder weil auf Zuwachs gekauft, wie bei der Frau eben, noch weil zu geringe Kompression die Speckrollen durchschimmern lässt. Was das Zweite angeht, habe ich bei dir aber, ehrlich gesagt, keine Bedenken."

"Na dann ist es ja gut", versuchte ich, einigermaßen amüsiert das Thema in eine andere Bahn zu lenken. Zumal ich das alles schon irgendwoher kannte... Erfolglos. Ich antwortete irgendwann: "Wenn du willst, dass frau sowas anzieht, musst du frau sowas schenken." - Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, lief er mir beim Abbiegen in ein einschlägiges Klamottengeschäft fast vor meinen Stuhl. Ich verstand: Es wird nicht lange gefackelt.

Jule hat jetzt eine Wetlook-Legging. Quietsch-eng. Und neue weiße Chucks. Den hellblauen Jeans-Blouson habe ich mir selbst gekauft, das letzte Ding an der Einzelteile-Stange war ausgerechnet in meiner Größe und von 119 € auf 29,90 € reduziert. Es hat auf mich gewartet und rief mir zu, als ich dran vorbei rollte. Ein passendes Top und ein hübsches Halstuch finde ich zu Hause - der nächste Partysamstag kann kommen!

Montag, 13. April 2015

Partikelfilter

Ich bin ja aktuell eher wieder mehr mit Bus und Bahn unterwegs. Wenn nicht gerade gestreikt wird und ich mich mal wieder frage, ob ich eine Bahncard 100 oder eine Arschcard 100 in der Tasche habe. Aber nein, ich meckere nicht.

Die gegnerische Versicherung hat bereits einen Gutachter zu meinem Fahrzeug geschickt, der hat den Restwert auf 2.800 € geschätzt, mein Anwalt hat darum gebeten, anhand des Gutachtens abzurechnen und der Händler, der ausdrücklich mit "Unfahl-Fahrzeugen" (!) handelt, möchte freiwillig 4.100 € zahlen. Für einen Haufen Schrott. Wobei sich ein Ausschlachten vermutlich sehr lohnt. Ich selbst versuche, mich mit dieser Baustelle im Moment eher wenig zu beschäftigen. Es geht mir einfach nur noch auf den Wecker. Aber nein, ich meckere nicht.

Jetzt, wo es darauf ankäme, dass mein anderes Auto funktioniert, ist das erstmal in der Werkstatt. Grund: Probleme mit dem Partikelfilter. Der Händler holte es zu Hause ab, weil der Motor nicht mehr starten wollte, es ist aber eine Garantiesache. Trotzdem nervt es einfach nur noch. Welches Auto soll ich kaufen, damit ich zuverlässig von A nach B komme? Meine Ansprüche sind vermutlich zu hoch. Im Moment bin ich drauf und dran, dem Händler das zweite Auto wieder auf den Hof zu stellen und mich im teureren Segment umzusehen. Irgendein großer Kombi, der zuverlässig funktioniert.

Wie gesagt, ich meckere nicht. Bis ich ein zuverlässiges Auto gefunden habe, amüsiere ich mich halt über lustige Rollstuhl-Schilder. Wie herum soll mein Gefährt?!


Mittwoch, 8. April 2015

Unpassende Diagnosen

Nachdem ich gestern noch bei meinem Praktikumsplatz angerufen habe, bin ich heute morgen mit Öffis direkt hingefahren und habe mich vorgestellt. Zum Glück hat alles geklappt und ich darf im nächsten Semester in der Inneren Medizin ganz viel Dünnpfiff lernen. Über Dünnpfiff, meinte ich. Und darüber, warum die Behandlung einzelner Krankheiten nicht so klappt, wie sie eigentlich klappen müsste. Aktuell hat mich eine Professorin heiß gemacht für ihren Forschungsansatz im Bereich der Soziologie. Ich möchte nicht zu viel darüber verlieren, nur, dass es darum geht, herauszufinden, warum es Patienten gibt, die von Arzt zu Arzt rennen, bevor mal jemand eine passende Diagnose stellt. Zielgruppe sind dabei weniger die Patienten, die seltene Krankheiten haben, so dass es wirklich nicht einfach ist, die Diagnose zu finden. Ziel sind vielmehr die Patienten, die eine Krankheit haben, die eigentlich jeder Arzt sofort erkennen müsste - und trotzdem klappt es nicht. Oder die Patienten, die mit offensichtlichen Symptomen in die Aufnahme kommen, und trotzdem wird die Diagnose falsch gestellt.

Ich forsche nicht selbst, sondern ich helfe nur. Im Rahmen meines vorgeschriebenen Praktikumstags einmal pro Woche. Zusammen mit vier Kommilitonen. Es geht nicht darum, herauszufinden, dass Ärzte übermüdet oder überstresst sind, es geht auch nicht darum, Rechtfertigungen für Behandlungsfehler zu finden oder eine Art Beschwerdemanagement zu betreiben. Sondern es geht darum, sich mit dem System und der darin enthaltenen Arzt-Patienten-Beziehung kritisch auseinanderzusetzen. Auch wenn ich heute schon weiß, dass ich mich später im Job nicht den ganzen Tag nur mit theoretischen und statistischen Dingen beschäftigen möchte, halte ich das für sehr lehrreich und spannend. Zumal meine Aufgabe an diesem Praktikumstag mit intensivem Patientenkontakt (also sozuagen direkt an der Front) zusammenhängen wird.

Ich freue mich also auf ein weiteres halbes Jahr mit spannenden Neuigkeiten und Arbeit in einem Bereich, den ich bisher kaum kennengelernt habe. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich zu tun haben werde, wirkten erstmal auch völlig entspannt und normal, soll heißen, ich bekam nicht ein einziges Mal die Frage gestellt, ob das mit dem Rollstuhl alles funktionieren wird - also könnte das alles doch mal völlig entspannt und fokussiert auf die Sache ablaufen!

Dienstag, 7. April 2015

Einen an der Waffel

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das gilt an meiner momentanen Uni mehr als anderswo. Soll heißen: Wer nicht am ersten Vorlesungstag persönlich zur rechten Zeit am rechten Ort ist, ärgert sich mitunter ein halbes Jahr über langweilige oder stressige oder nervige Praktikumsplätze, bekommt seine Kurse nicht oder nicht bei seinen Lieblingsprofs oder so ähnlich. Man ist ja verwöhnt. Oder benötigt auch mal etwas barrierefreies. Entsprechend waren Marie und ich mehr als pünktlich aufgestanden und standen mehr als früh genug vor der richtigen Tür. Weil ich wusste, dass ich gleich anschließend in ein Lehrkrankenhaus müsste, um mich dort persönlich vorzustellen, fuhren wir sogar extra mit dem Auto - was ich sonst nie mache.

Ich bekam, was ich haben wollte, schnappte mir meine Unterlagen und war auf dem Weg zu dem besagten Lehrkrankenhaus, als mir mal wieder etwas in die Quere kam. Ich habe lange überlegt, ob ich das überhaupt noch schreibe, denn so langsam wird es auch mir schon langweilig. Aber ein Tagebuch ist ein Tagebuch ist ein Tagebuch ist ein Tagebuch und wer sich nicht schocken lassen will, liest halt was anderes.

Ich befuhr mit etwa 30 km/h eine Straße in einem Wohngebiet, fuhr auf eine T-förmige Einmündung zu. Das heißt: Von rechts mündete eine Straße ein, ich wollte geradeaus weiter. Links war ein Garagenhof, der bewegte sich nicht. Von vorne kam mir ein weißer Lieferwagen, ein Sprinter, entgegen, der aus seiner Sicht nach links abbiegen wollte. Somit würde er meinen Weg kreuzen und müsste mich zuerst fahren lassen. Dachte ich mir so und bremste nicht. Er hatte eine ziemliche Geschwindigkeit drauf und dass er links abbiegen wollte, merkte ich erst, als ich bereits mitten in dieser sehr weit gefassten Einmündung war. Und dass diese Einmündung sehr weit gefasst war, ließ mir noch einen anderen Gedanken in den Kopf schießen: Abknickende Vorfahrt.

Das sah doch jetzt, mitten auf dieser Einmündung, sehr nach einer abknickenden Vorfahrtstraße aus. Die Straße ist hier sehr viel breiter als es eben noch der Fall war. Hatte ich das Verkehrszeichen übersehen, das mich zum Vorfahrt gewähren oder sogar Halten aufgefordert hatte? Es war nur ein Gedankenblitz, aber der sagte mir: Socke, du bist nicht bei der Sache. Du denkst an deinen Praktikumsplatz. Ich sah den Lieferwagen auf mich zukommen und bremste reflexartig. Keine Chance. Ein lauter Knall, keine Idee, wohin ich gerade geschoben und gedreht werde - und ob ich überhaupt wach bin oder das alles nur ein Traum ist.

Nein, es ist wohl doch kein Traum. Front-, Seiten und Sitzairbags sind ziemlich heiß, wenn sie einen begrüßen, irgendwas qualmt, im Auto fliegt Staub, als hätte irgendwer eine Tüte Mehl platzen lassen und der Motor ist aus. Ein Blick aus dem rechten Seitenfenster lässt mich erkennen, dass ich einen halben Meter neben einem geparkten Fahrzeug zum Stehen gekommen bin. Links sehe ich nichts. Eingeklemmt bin ich nicht, alle Körperteile sind noch dort wo sie hingehören, den Kopf habe ich mir anscheinend nicht gestoßen und ich sehe auch kein Blut. Schöne Scheiße.

Den beiden Leuten aus dem Sprinter war hoffentlich auch nichts passiert. Aber die saßen ja wesentlich höher und hatten auch noch mehr Knautschzone. Da fährt man nun fast sechs Jahre unfallfrei und sammelt Prozente - um die dann wegen einer kleinen Unachtsamkeit auf einen Schlag zu verlieren. "Das hast du ja super hingekriegt, Stinkesocke", dachte ich mir so. Aber genau aus diesen Gründen gibt es eine Versicherung und absichtlich habe ich das ja nun nicht gemacht. Ich ärgerte mich, dass ich das Verkehrszeichen einfach übersehen haben musste und dachte mir leise: Wer weiß, was du vorher schon alles übersehen hast, bevor dich jemand unsanft gestoppt hat. Dabei habe ich mich immer so sicher gefühlt. Und immer anderen den Rat gegeben, sich bloß nicht ablenken zu lassen beim Fahren. Aber wenigstens hat sich damit das Problem mit den knarzenden Geräuschen im Auto erledigt...

Jemand öffnete die Beifahrertür. "Alles in Ordnung bei Ihnen?", fragte er mich. Ich dachte mir so: "Alles nicht. Die Situation ist etwas peinlich." - Ich antwortete: "Ja, danke, mir scheint nichts passiert zu sein. Ich komme nur nicht aus dem Fahrzeug." - "Mein Sohn kommt schon angelaufen, sollen wir Sie eben rausziehen? Ist das ein Rollstuhl hier auf dem Beifahrersitz?" - "Ja, genau."

Der Sohn arbeitet bei der Freiwilligen Feuerwehr, wie sich später herausstellte. Er ging gleich sehr beherzt an die Sache Socke, schickte Papa zur Seite, hob den Rollstuhl vom Sitz, brachte den Beifahrersitz in Liegeposition, schob meinen Sitz so weit es ging nach hinten, fasste mir unter den Armen hindurch und zog mich über die Mittelkonsole auf den Beifahrersitz, anschließend nach draußen. "Nimm du mal die Beine", sagte er zu seinem Vater. Die beiden setzten mich auf einen Parkplatz, ich lehnte mich an ein geparktes Auto. Eine Frau brachte mir eine Jacke und eine Wolldecke. Irgendwie war ich ein wenig benommen, aber mir war weder übel noch spielte mein Kreislauf verrückt. Ich war überhaupt nicht aufgeregt, aber völlig durcheinander. Weinen musste ich nicht. Ich dachte mir nur so: "Lass die mal machen. Fünf Minuten lang musst du jetzt mal nicht alles im Griff haben."

Ein Mann kam zu mir, kniete sich aber nicht hin, sondern redete von oben auf mich ein. In gebrochenem Deutsch fluchte er irgendwas. Ich guckte nach oben, verstand nicht, was er von mir wollte, und guckte wieder auf die Straße ins Leere. Einen Moment lang laberte er noch weiter, dann wurde er von einer Frau weggeschickt. Die Frau fragte, ob es mir gut ging. "Naja, blöde Situation. Aber ich fühle mich gut. Mir tut auch nichts weh." - "Ich bleib jetzt mal bei Ihnen sitzen, der Mann redet mir ein wenig zu viel auf Sie ein. Es kommt auch gleich ein Arzt für Sie, der checkt Sie mal durch." - Jaja. Macht mal.

Es dauerte eine ganze Zeit, dann kam die Polizei. Eine Frau in Uniform bekam gleich brühwarm erzählt: "Sie gehört zu dem Fahrzeug hier. Wir haben sie aus dem Auto geholt und hier erstmal hingesetzt." - Sie hockte sich zu mir und fragte: "Ihnen geht es aber sonst soweit gut? Oder kann ich gerade was für Sie tun? Ein Arzt ist schon unterwegs hierher, der müsste jeden Moment eintreffen." - "Mir geht es gut."

Der Fahrer aus dem Sprinter laberte wieder. Die Polizistin unterbrach ihn: "Von Ihnen hätte ich jetzt gerne erstmal einen Ausweis. Pass oder ähnliches. Sie sind gefahren?" - "Ja." - "Ihnen geht es aber soweit auch gut? Dann gehen wir mal ein Stück weiter und dann erzählen Sie mir mal bitte, wie das passiert ist."

Plötzlich kam Hektik auf. Die beiden Uniformierten liefen die Straße entlang und brachten auf dem Rückweg einen weiteren Mann mit zurück. "Wer von Ihnen ist jetzt gefahren? Und warum erzählen mir die Zeugen was anderes und weisen uns auf einen Mann hin, der sich hinter parkenden Autos versteckt hat und vor uns wegläuft? Das ist doch alles sehr verdächtig, finden Sie nicht?"

Was ging denn hier schon wieder ab?! Ich bekam das alles nur halb mit. Ich war damit beschäftigt, mich nicht aufzuregen. Unterbewusst. Zwei Leute hoben mich auf eine Trage, rollten mich in einen hell erleuchteten Rettungswagen. Eine Frau stellte sich als Ärztin vor, wollte mir was für meinen Kreislauf geben. Die Polizistin klopfte an die Seitentür: "Könnt ihr bitte, bevor ihr Medikamente spritzt, einmal Blut zapfen?"

Ich wurde angestochen, wurde gefragt, ob ich Schmerzen hätte. "Spüren Sie alles? Können Sie bitte einmal mit den Füßen wackeln?" - "Ich bin querschnittgelähmt." - "Nein, keine Panik." - "Doch", antwortete ich. - "Wie kommen Sie darauf? Spüren Sie Ihre Beine?" - "Ich bin querschnittgelähmt, seit ich 15 bin." - "Ach, jetzt habe ich das verstanden. Dann nehmen wir Sie aber auf jeden Fall mit in die Klinik und checken Sie einmal durch, okay?"

Lange nicht mit dem Rettungswagen gefahren. Andere machen das ein Leben lang nicht, bei mir ist es schon das ... zum Zählen reicht es nicht mehr. Die Ärztin schrieb während der Fahrt, nach gefühlten fünf Minuten waren wir da. Ich wurde in einen Schockraum geschoben. Ein Sanitäter schob meinen Rollstuhl hinterher. Nach einer ersten Übergabe wurde ich in eine Röhre geschoben, wurde acht Mal gefragt, ob ich mit dem Kopf irgendwo angestoßen sei, dann hieß es, ich solle noch zwei Stunden warten, bis mein Kreislauf sich wieder normalisiert hätte, dann könnte ich nach Hause.

Wo mein Handy ist, wusste ich nicht. Meine persönlichen Sachen, insbesondere Papiere, Portmonee und Schlüssel, waren weg. Ich lag in einem Aufwachraum, war an ein nerviges Pulsoximeter angeschlossen und begann, mich zu langweilen. Neben mir lag eine Frau und schnarchte laut. Plötzlich kamen die Polizistin und der Polizist rein, hatten mein Portmonee, Schlüssel und Handy dabei und fragten mich, wie es mir ginge. "Ich kann wohl in der nächsten Stunde nach Hause." - "Okay. Können Sie sich an den Unfall erinnern?" - "Ich möchte zur Sache heute nicht aussagen. Ich fühle mich nicht ausreichend fit und möchte mich auch erst mit meinem Anwalt besprechen." - "Das ist Ihr gutes Recht. Stellen Sie denn Strafantrag?" - "Auch das erklärt mein Anwalt für mich. Ich möchte zur Sache nicht aussagen." - "Ein Strafantrag ist nicht unbedingt eine Aussage zur Sache. Ich würde Ihnen auch dringend raten, einen Anwalt zu nehmen. Für uns wäre es wichtig, zu wissen, ob Sie sich an den Fahrer erinnern können. Wir haben vor Ort zwei Personen angetroffen und deren Einlassungen decken sich nicht mit den Aussagen der Zeugen. Wissen Sie noch, wie der Fahrer ausgesehen hat? Können Sie den beschreiben?"

"Auch das wäre doch eine Aussage zur Sache", erwiderte ich, inzwischen deutlich genervt. Die Polizistin antwortete: "Es wäre wichtig, diese Aussage von Ihnen so schnell wie möglich zu bekommen. Vielleicht können Sie gleich einmal mit Ihrem Anwalt telefonieren. Einer der beiden Rumänen hat nämlich keine Fahrerlaubnis und möglicherweise liegt hier eine Straftat vor. Wir ermitteln also sowieso."

Habe ich mit meiner peinlichen Aktion etwa dazu beigetragen, einen Ganoven buchstäblich aus dem Verkehr zu ziehen? Dann hätte dieser unsanfte Stopp ja wenigstens noch etwas Gutes. Aber gerade dann sollte ich nicht ohne Anwalt aussagen. "Wir haben Ihre Geldbörse durchsucht und die Daten Ihres Führerscheins und der Zulassungsbescheinigung aufgenommen. Bitte schauen Sie einmal, ob ansonsten noch alles drin ist." - Ansonsten heißt, dass sie den Führerschein sichergestellt haben? Oder gleich eingezogen? Ich guckte in mein Portmonee. Nein, der war noch da. Geld war auch noch drin. "Scheint alles vollzählig zu sein." - "Ihr Fahrzeug steht bei ..., von denen haben wir eine Karte hier. Da müssten Sie sich baldmöglichst drum kümmern, das kostet sonst unnötig Standgebühren." - "Nicht sichergestellt?", dachte ich mir leise und hielt die Klappe.

"Also, kontaktieren Sie bitte schnellstmöglich Ihren Anwalt, damit wir zur Frage des Fahrers vielleicht heute noch eine Aussage bekommen." - "Ja", versprach ich. Und fragte: "Wie geht es denn jetzt für mich weiter?" - "Sie werden jetzt erstmal gesund, reden mit Ihrem Anwalt und dann sollten Sie sehen, dass Sie den Schaden schnellstmöglich der gegnerischen Versicherung melden. Das andere Auto ist zum Glück in Deutschland versichert, also wird es da wohl keine Schwierigkeiten geben. Die Sachlage ist aufgrund der Zeugenaussagen und der Spuren am Unfallort eindeutig. Die Frage, wer gefahren ist, ist nur für die strafrechtlichen Ermittlungen relevant, weil hier möglicherweise ein Fahren ohne Fahrerlaubnis und eine Unfallflucht in Betracht kommen. Das wird Ihr Anwalt Ihnen aber genauer erklären."

Ich verstand nur Bahnhof. Wieso gegnerische Versicherung? Hatte der Sprinter mich so weit rumgeschoben, dass die nicht mehr wussten, von wo ich kam? War das möglich? Aber würde ich dann so fies sein und das nicht richtig stellen? Nein. Aber wenn ich zur Sache was sage, dann wirklich nur über einen Anwalt. Eisernes Gesetz, hat mir Frank eingetrichtert. Gerade, wenn man sich möglicherweise etwas zu Schulden kommen lassen hat.

Ich rief Marie an. "Und? Hast du den Platz bekommen?", fragte sie. Achja, da war ja was. Ich antwortete: "Keine Ahnung, nein. Ich bin da nicht angekommen." - Sie wollte mich abholen. Wir fuhren mit dem Taxi nach Hause und als allererstes bat ich den Fahrer, an der Unfallstelle vorbei zu fahren. Als wir auf die Einmündung zukamen, sah man aus der Entfernung schon die Reste des Bindemittels auf der Fahrbahn. Ich guckte auf die Beschilderung und da traf es mich wie ein Schlag: Keine abknickende Vorfahrt. Keine abknickende Vorfahrt! Keine abknickende Vorfahrt!!!

Das bedeutet: Rechts vor links. Ich bat den Taxifahrer, anzuhalten. Ich fragte: "Sagt mal, wer hat hier Vorfahrt, wenn von vorne einer kommt, der geradeaus weiterfahren will?" - "Das ist eine ganz beknackte Ecke hier", sagte der Taxifahrer. "Hier war früher mal eine abknickende Vorfahrtstraße. Aber seit hier Tempo 30 ist, gilt hier Rechts vor Links. Viele heizen hier einfach durch und so wie das hier aussieht, hat das auch kürzlich hier wieder gescheppert. Da liegen noch Scherben an der Seite und hier das Bindemittel. Jahrelang standen hier auch Schilder 'Vorfahrt geändert', aber die sind seit einiger Zeit weg. Offenbar haben das noch immer nicht alle begriffen."

Marie guckte mich an. Ich schüttelte den Kopf. Dann hatte ich es also doch nicht verkackt. Zumindest nicht so ganz. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich musste augenblicklich lachen. Der Taxifahrer muss gedacht haben, ich hätte einen an der Waffel. Habe ich ja irgendwie auch. Glaube ich.

Sonntag, 5. April 2015

Osterfeuer und Mond

Nein, es war übrigens nicht das Erste Mal. Mit Philipp schon, aber sonst nicht. Aufmerksame Blogleser wissen das auch. Und das nächste Mal wird sicherlich und hoffentlich nicht ganz so lange auf sich warten lassen. Philipp wollte mit zu Maries Eltern, Maries Eltern waren sehr locker drauf. Ihr Papa meinte zu mir: "Netter junger Kerl. Du hast Geschmack." - Und die Mama fand, ich hätte eine "gute Wahl getroffen".

Das Mittagessen war sehr lecker, anschließend haben wir uns gut unterhalten. Zum Abend machten die Eltern in einer Feuerschale ein kleines Osterfeuer. Einige befreundete Leute kamen, es wurde Gitarre gespielt und Musik gemacht, viel geredet, ins Feuer geguckt und im Dunkeln Händchen gehalten. Und Sterne gezählt. Um halb eins waren wir wieder zu Hause, hüpften noch einmal unter die Dusche, um den Brandgeruch aus den Haaren zu spülen. Wir waren allerdings so müde, dass wir direkt danach im Bett einschliefen.

Und von brennenden Osterfeuern träumten. Ich jedenfalls.

Leider ist für mich das Osterfest bereits vorbei. Morgen müssen Marie und ich zurückfahren an unseren Studienort, da wir am Dienstagmorgen ganz früh einiges abstauben müssen, was im neu beginnenden Semester nur die frühen Vögel bekommen. Wie zum Beispiel gute Praktikumsplätze.

Und es ist Vollmond.

Samstag, 4. April 2015

Eine besondere Nacht

Es ist alles irgendwie anders. Bei mir, bei ihm, bei uns. Mit uns. Ich wünsche mir eine liebevolle Partnerschaft, ich möchte Sex ... achso, sorry, zusammen mit dem Stichwort sollte ich davor warnen, dass dieser Beitrag vielleicht für den einen oder die andere zu viele Informationen enthalten könnte ... also Sex, möglichst sofort und so oft und so lange bis das Defizit der letzten Jahre ausgeglichen ist; aber gleichzeitig geht es mir wie vielen Frauen: Ich freue mich über jeden Tag, an dem mir Philipp zeigt, dass es ihm, obwohl er anfänglich gar nichts von mir wollte, zunächst um alles geht und nicht nur um das Eine. Ich fühle eine liebevolle Partnerschaft, aber ich vermisse gleichzeitig den Sex. Paradox und unlogisch irgendwie. Und anders. Anders, weil ich von vielen Freundinnen gehört habe, dass sie doch spätestens nach 48 Stunden im Bett gelandet sind. Weil das Eine ja dann doch nicht ausschließt, dass es nebenbei um Alles geht. Das Eine gehört ja schließlich zum "Alles". Kommt noch jemand mit?

Kompliziert mache ich es nicht. Ich denke und analysiere nur kompliziert. Und lache dabei schon über mich selbst. Er will gerne, ich will gerne. Aber wir haben keine Eile. Eigentlich doch, aber offiziell halt nicht. Vorgestern bekam ich nun endlich eine Nachricht von ihm. Sein Bett sei kaputt. Was? Auweia. Ich habe das für ein paar Minuten noch geglaubt und nachgefragt, dachte, es sei vielleicht der Rahmen gebrochen. "Das wird zurzeit nicht richtig warm", klärte er dann recht bald auf. Ich hätte ihn natürlich necken und ihm schnell ein paar Links zu wärmenden Unterbetten schicken können (Kamelflaum oder Torf werden ja empfohlen, wobei zweites nicht ganz so anschmiegsam sein soll), aber ich dachte mir so: In meinem ist noch viel Platz!

Er komme aber erst gegen halb elf zu mir, weil er vorher unbedingt noch einen Auftrag fertig stellen müsse. Muss ich vorher nochmal Staub wischen? Papierkorb leeren? Haare waschen? Duschen? Beine rasieren? Abführen? Okay, letztes lieber nicht, man soll ja nichts durcheinander bringen, und ich habe keinen Grund, anzunehmen, dass da irgendwas verrückt spielt. Solange er mich nicht anal ... ähm ... schönes Wetter draußen! Ob ich morgen zum Mittagessen mitkommen möchte zu Maries Eltern. Fragte Marie. Und abends ein kleines Osterfeuer im Garten mit ein paar Freunden der Eltern?

"Philipp schläft heute nacht bei mir", meinte ich. Also eher nicht. Marie war nicht enttäuscht, sondern eher noch aufgeregter als ich: "Echt? Erzähl!" - "Da gibt es nicht viel zu erzählen. Sein Bett ist kaputt, wird nicht mehr richtig warm." - "Aha. Könnt ihr nicht einfach sagen, dass ihr vögeln wollt?" - "Nein, wir brauchen neuerdings Ausreden." - "Frag ihn doch einfach, ob er auch Appetit auf leckeres Ostermenü hat. Und abends Osterfeuer." - "Das klingt gut, aber was sagt deine Mutter dazu? Ich kann doch nicht einfach meinen Freund mitschleppen." - "Wenn ich dich dazu einlade, dann schon. Meine Eltern freuen sich, wenn sie Philipp mal kennenlernen. Und ich auch." - "Ich weiß nicht, Ostern ist ein Familienfest." - "Eben drum."

Eben drum? Diese Familie ist sooo herzlich zu mir. Zumal zehn Minuten später eine SMS von Maries Mama kam: "An unserem Tisch sind immer Plätze frei für die Liebsten unserer Liebsten." - Wenn ich das so wiedergebe, könnte es sich glatt kitschig anhören. Oder altbacken. Wenn man nicht weiß, dass sie es so aufrichtig und großmütig meinen wie sie es schreiben. Ob Philipp das allerdings will, müsste ich erstmal klären. Zumindest müsste ich ihm die ganze Geschichte erzählen, damit er versteht, warum ich so eine enge Bindung zu den Eltern meiner Freundin und Mitbewohnerin habe.

Um halb elf kam er tatsächlich. Sah gut aus, war wohl von der Arbeit nochmal nach Hause gefahren, um seinen Lidstrich nachzuziehen und die Schuhe überzupolieren. Ich war um halb zehn extra für ihn in die Badewanne gehüpft und hatte mir einen flauschigen Schlafanzug angezogen. Und er? "Ich habe nur noch schnell unterwegs eine Zahnbürste eingekauft." - "Ich habe bei irgendeinem Wettkampf ein XXL-T-Shirt bekommen, das kannst du haben, falls du frierst." - "Ist dein Bett etwa auch kaputt?"

Gemeinsames Zähneputzen. Er fand meine elektrische Ultraschall-Zahnbürste toll. "Bürstet die oder sägt die? Vom Betriebsgeräusch her würde ich eher zweites vermuten." - Anschließend schmiss ich ihn aus dem Bad, denn ich wollte auf jeden Fall noch kathetern. Muss ich sonst nicht tun, aber wenn man ganz sicher sein will, dass überhaupt nichts mehr in der Blase ist, ist das kurzzeitige Einführen eines Einmalkatheters durch die Harnröhre die sicherste Methode. Blase leer, Katheter wieder raus, fertig. Herzklopfen.

Ich rollte in mein Zimmer. Er saß auf meinem Bett, am Fußende, und spielte mit seinem Handy herum stellte sein Handy auf lautlos. Ich rollte neben mein Bett, setzte ich rüber, Beine rein, Socken aus und auf den Rollstuhl geworfen. "Komm unter die Decke, mir wird kalt", sagte ich. Er gehorchte mir... Er legte sich auf den Rücken, zog die Decke halb über sich, ich hob mit den Händen eins meiner Beine über seine Beine hinweg, krabbelte dicht an ihn heran und legte mich anschließend auf seinen Bauch. Dieses Mal etwas höher. Er zog die Decke über uns. Ich merkte, wie er mir am Rücken hinunter strich und mit ausgestreckten Händen von hinten in meine Hose fasste und mir mit beiden Händen gleichzeitig über meinen Popo streichelte. "Den hatte ich schon vermisst", ließ er mich wissen. Und fragte dann: "Heute keine Protection?"

"Ich hoffe, dass es gutgeht", sagte ich und war innerlich angespannt, weil dieses Thema sofort wieder wichtig sein musste. Eine blöde Situation könnte wirklich viel kaputt machen, entsprechend unentspannt bin ich dabei einfach. Immernoch. Das wird sich wohl auch nie ändern. Er sagte: "Das wird gutgehen. So oder so." - "Reiß mir bitte nicht den Kopf ab, okay?" - "Also pass auf: Ich möchte mit dir mindestens dreißig Sachen im Bett ausprobieren in den nächsten Wochen. Mach dich also auf etwas gefasst." - "Das hört sich gut an." - "Ja. Und wann 'Anpinkeln' dran ist, bestimmst du. Ich lasse mich da überraschen. Jedenfalls wirst du mich damit nicht abschrecken. Es gibt Männer und Frauen, die bezahlen viel Geld dafür und gehen fremd, weil sie das in ihrer Beziehung nicht bekommen. Ich bekomme vielleicht diesen Luxus und muss dann nur noch herausfinden, ob das was für mich ist."

Das fand ich fast schon rührend. Er fügte noch hinzu: "Oder anders ausgedrückt: Ich bin mit einer Scheibe Brot völlig zufrieden. Ich bin glücklich, wenn wir jetzt die ganze Nacht so liegen und ich hin und wieder mal deinen geilen Arsch anfassen darf. Oder deinen süßen Busen. Und du auf meiner Brust einschläfst und mir was vorschnarchst. Und ich dich beschützen darf. Oder so. Wenn du mir aber statt des Brots ein saftiges Schnitzel anbietest, freue ich mich noch mehr. Und falls es vorweg, zwischendurch oder hinterher noch eine heiße Suppe gibt, nehmen wir die doch einfach mit. Oder nicht? Wir werden schon nicht davon sterben. Ausprobieren möchte ich es auf jeden Fall. Also berufe dich im Zweifel einfach darauf und sei mal ganz entspannt."

Es hat nicht lange gedauert, dann haben wir endlich geknutscht. Wir haben die Hosen ausgezogen und aus dem Bett geworfen, es war angenehm warm und flauschig unter der Bettdecke und wir waren eigentlich nur damit beschäftigt, uns auf der Seite liegend zu küssen und uns eng zu umarmen. Gegenseitige Berührungen von Körperteilen unterhalb des Bauchnabels waren allenfalls zufällig. Ohne Worte zu wechseln wurde es eine Art Spiel, einerseits immer mehr Hormone im eigenen Blutkreislauf zu spüren, andererseits bewusst keinen Schritt weiterzugehen und diese Anspannung ins Unbeherrschbare zu steigern. Natürlich merkte jeder die zunehmende Hochspannung des Anderen, aber ich wollte so lange wie möglich genießen und diesen emotionalen Rausch immer weiter steigern. Hin und wieder zog er die Bettdecke ein Stück weiter über uns. Insgesamt sprechen wir nicht von Minuten, sondern eher von Stunden.

Mund und Lippen waren mehr als gut durchblutet. Küssen kann er auf jeden Fall. Irgendwann war die Situation dar, in der ich merkte, dass ich die maximal mögliche Anzahl von Hormönchen und Hormonen in meinem Blut hatte. Ich hatte nicht das Bedürfnis nach einem Höhepunkt, sondern danach, möglichst lange zu genießen. Masturbation finde ich ja schon schön, nur das hier war etwas ganz anderes und so etwas hatte ich auch noch nie so intensiv erlebt. Erstmals kam mir der Gedanke in den Kopf: "Hoffentlich geht es ihm genauso." - Aber es war, sofern mir eine neutrale Bewertung überhaupt möglich war, mehr als offensichtlich, dass es ihm bestens ging.

Und letztlich kam dann auch die Bestätigung: "Das ist so heftig mit dir, ich kann mich nicht mehr lange beherrschen. Ist das okay, wenn ich in dir komme?" - Ich wollte irgendwas sagen, bekam aber nur ein "Bitte" aus mir heraus. Inzwischen liebe ich ihn für diese Fragen. Er drehte mich kraftvoll auf meinen Rücken, ich lag diagonal in meinem Bett, der Kopf halb draußen, ich spürte nicht genau, was er tat, aber ich spürte etwas Wunderschönes. Ein wohlig warmes, aber intensives und beinahe zu heftiges Zucken durchdrang mich. Ich kam mir vor als hätte mir jemand eine Droge intravenös gespritzt. Mir war alles egal. Ich hörte sein tiefes Atmen. Er nahm zum Glück keinerlei falsche Rücksicht auf mich. Ich versuchte, irgendwas mit meinen Händen zu greifen. Ich bekam eine Ecke der Bettdecke zwischen meine Finger und presste sie zusammen.

Dann war es ruhig. Wie nach einem Sturm. Philipp lag schlaff wie eine aufblasbare Luftmatratze mit undichtem Ventil auf mir drauf, ich fühlte die Hormone in meinem Kopf Party feiern und wunderte mich, wie intensiv ich das alles spüre, obwohl ich da unten eigentlich kaum etwas spüre. Ich fing plötzlich zu Weinen an. Aber aus emotionalem Glück, nicht aus Trauer, Enttäuschung oder Schmerz. Philipp fragte sofort: "Hey, was ist los?" - Ich sagte: "Nichts. Alles ist gut." - "Warum weinst du? Habe ich dir weh getan?" - "Nein, im Gegenteil. Es ist so schön. Das überwältigt mich gerade emotional. Ich bin gerührt. Lass mich einfach weinen, das ist gleich wieder vorbei."

Und tatsächlich hat sich meine Blase benommen. Zumindest ist sie zwischen den ganzen Flüssigkeiten, die solche Spielchen mit sich bringen, nicht unangenehm aus der Reihe getanzt. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich jetzt für unhygienisch halten. Aber wir haben uns tatsächlich anschließend aneinander gekuschelt und sind eingeschlafen. So verschwitzt wie wir waren, ohne nochmal zu duschen und komplett nackt. Allerdings haben wir das vor dem Frühstück mit Marie nachgeholt. Und auch das Bett frisch bezogen. Und soll ich was verraten? Ich freue mich auf das nächste Mal.

Donnerstag, 2. April 2015

Bettelnde Kunden

Ich hasse es. Shopping. Ich weiß, dass es völlig untypisch ist. Für eine junge Frau. Aus einer Großstadt. Aber ich hasse es inzwischen so sehr, dass ich mich regelrecht davor drücke und fast jedes Mal einen Föhn kriege, der stärker bläst als alle fest installierten Haartrockner meines Lieblingsschwimmbades zusammen. Und wenn es ganz hart kommt, kann ich sogar vor lauter Verzweiflung mindestens doppelt so laut schreien als all diese Schwimmbadföhnis zusammen in allerhöchster Stufe lärmen.

Ich meine damit nicht jenes Shoppen, bei dem man ziellos und möglichst abseits der Haupt-Einkaufszeiten durch ein paar nette Läden bummelt. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass demnächst mal wieder eine Jeans nachgekauft werden müsste. Oder mit dem plötzlichen Blick auf ein hübsches Oberteil, das gerade gut ins Budget passt.

Sondern ich meine jenes Shoppen, bei dem man gezielt verschiedene Dinge kaufen möchte. Ich kenne genügend Leute, die das bewusst nicht "shoppen" nennen. Eben weil "shoppen" entspannend und nett sein soll. Und mein letzter Mittwoch, den ich mir dafür freigehalten hatte, endlich mal alles das zu erledigen, was schon so lange liegen geblieben ist, war ganz sich nicht nett und schon gar nicht entspannend.

Für die Küche in unserer neuen Wohnung fehlt uns seit jeher eine Abschlussplatte. Diese war nicht lieferbar. Inzwischen wurden wir benachrichtigt, dass wir das Ding abholen können. Falls wir es nicht geliefert bekommen wollen. Ich entschied mich für das Abholen und konnte bei der Gelegenheit gleich in einem großen Möbelhaus nebenan auch noch für eine Freundin ohne Auto einen Minitisch herausholen, den sie unbedingt haben, aber nicht in der S-Bahn transportieren wollte.

Ich fasse mich kurz: Die Abschlussplatte war in der falschen Farbe. Draußen auf dem Paket war zwar die richtige Farbe vermerkt, drinnen war aber ganz was anderes. Zum Glück habe ich es vor Ort durch den Mitarbeiter öffnen lassen, denn der Karton hing schon halb in Fetzen. Beschädigt war sie zwar nicht, aber eben in der völlig falschen Farbe. Also nochmal warten.

Um den Tisch für die Freundin zu bekommen, rollte ich in ein SB-Lager und bat einen der herumlaufenden Mitarbeiter, ob er mir das Ding aus dem Regal holen könne. "Augenblick, ich habe gerade Kundschaft", sagte er und wurde nicht mehr gesehen. Ich sprach zwei Kunden an, die zufällig vorbei liefen, einer verstand mich nicht, der andere hatte es im Kreuz. Was nicht üblich ist, die meisten Menschen sind sehr hilfsbereit. Aber es war der Wurm drin und ich zog los, den Mitarbeiter zu suchen. Ich traf einen anderen, der mir dann erzählte, dass sein Kollege gerade zur Pause gegangen ist. Aber er wollte mir helfen. Auf dem Weg zum Regalplatz sagte er mir dann: "Normalerweise ist es nicht üblich, dass wir die Sachen aus dem Regal holen. Gerade älteren Leuten und Behinderten sagen wir immer, sie sollen sich eine Begleitperson mitbringen, wenn sie nicht alleine einkaufen können."

Ich dachte mir meinen Teil, während der Mann fortfuhr: "Wir sind eigentlich dazu da, um die Regale aufzufüllen. Hin und wieder kann ich das mal machen, aber wenn wir ständig helfen müssen, kommen wir ja nicht mehr zu unserer eigentlichen Arbeit." - Ohne ein Wort zu sagen, fuhr ich vor dem Mann her und lotste ihn zum Lagerplatz. "Einen von den weißen hätte ich gerne", sagte ich. Er drückte mir das Paket in die Hand. "Sonst noch was?", fragte er.

"Nein", sagte ich. "Und ich bitte noch vielmals um Entschuldigung, dass ich Sie als Kundin so sehr bei Ihrer Arbeit gestört habe." - "Ist schon in Ordnung", sagte er doch tatsächlich. Hopfen und Malz, wie konntet ihr nur verloren gehen?!

Dritter Punkt auf der Liste: Einen Bildschirm für meinen Computer. Der alte hatte nach Jahren endgültig seinen Geist aufgegeben und ich mag es nicht, Arbeiten für die Uni auf dem Laptop zu schreiben. Eigentlich hatte ich mir nach den letzten Erlebnissen geschworen, Elektronik-Kaufhäuser zu meiden, aber es gab ein auch im Internetversand nicht schlagbares Angebot. Die erste Filiale hatte die Dinger im Sortiment, allerdings zu einem anderen (teureren) Preis. Nach zwanzig Minuten hatte der Verkäufer Zeit für mich: "Entschuldigung, der ist für 149 Euro in der Zeitung, hier soll er 219 Euro kosten. Welcher Preis stimmt?" - "Immer der, der am Gerät steht." - "Wo haben Sie denn die Geräte aus dem Angebot?" - Er schnappte sich die Beilage, auf die ich mich bezog, und blätterte mit theatralischer Minik, tippte dann auf einen klein gedruckten Satz: "Angebote gültig nur in teilnehmenden Filialen."

"Und Sie nehmen jetzt nicht teil?", fragte ich. Ich bekam die schnippische Antwort: "Nein. Wie Sie am Preisetikett erkennen." - "Können Sie mir denn sagen, welche Filiale teilnimmt?" - "Unsere nicht." - "Ja. Das erkennt man ja bereits am Preisetikett. Schönen Tag noch."

Die nächste Filiale nahm zwar teil, hatte aber anscheinend den Artikel nicht vor Ort. Auf Nachfrage sagte die Verkäuferin: "Die Kunden wünschen eher andere Artikel." - "Das stimmt ja nicht ganz. Als Kundin wünsche ich genau diesen Artikel." - "Ja, aber Sie sind die Erste heute. Ich hätte da noch ein anderes Gerät, ist nur dreißig Euro teurer, hat aber..." - "Vielen Dank. Tschüss." - Und die übernächste Filiale? Nahm auch nicht teil. "Aber wir können das für Sie bestellen. Dann wäre es morgen hier. Kostet dann allerdings fünfzehn Euro mehr. Wegen der Bestellung." - Ich habe gar nicht weiter nachgefragt und bin ohne ein Wort nach draußen. Ende vom Lied: Socke hat die Schnauze voll. Viel Aufwand, Problem noch immer nicht gelöst.

Wieder zu Hause versuche ich es online. Der erste Händler hat das Gerät auf Lager. Als Liefertermin wird mir aber ein Datum in zehn Tagen genannt. Der zweite Händler - Bingo. Bestellt, bezahlt; mal sehen, ob das klappt mit der Lieferung in zwei bis drei Werktagen. Übrigens nun doch zum gleichen Preis.

Liefern ist ja sowieso besser. Oder? Vor vier Wochen habe ich in einem Online-Tonersupermarkt Druckerzubehör gekauft und bezahlt. Mit Online-Tracking: "Empfänger unter angegebener Anschrift nicht ermittelbar." - Häh? Ich rufe dort an, bekomme von der Hotline den Tipp, ein Namensschild an den Briefkasten zu kleben. Danke für das Gespräch. Am nächsten Tag: "Nicht angetroffen, benachrichtigt." - Es war aber die ganze Zeit jemand zu Hause. Und eine Benachrichtigung habe ich nicht erhalten. Einen Tag später dasselbe Problem. Erneuter Anruf bei der Hotline: Ich würde vom Subunternehmer einen Rückruf bekommen. Der natürlich nicht kommt. Ich nehme Kontakt mit dem Absender auf und bekomme die Antwort per Mail: "Sie können die Ware noch bis morgen, 15.30 Uhr, im Depot abholen, bevor sie zu uns zurückgeschickt wird." - Nur dass das Depot 34 Kilometer entfernt liegt und ich die Anlieferung bezahlt habe. Die nächste Mail: "Eine Erstattung des Kaufpreises ist nicht möglich. Aus Kulanz würden wir Ihnen eine Gutschrift abzüglich einer Bearbeitungsgebühr von pauschal 12,50 € in Ihr Kundenkonto buchen." - Lieber Anwalt, meine Rechtsschutzversicherung kennst du inzwischen, hol mir mal bitte mein Geld wieder. Danke.

Ein Einzelfall ist das nicht. Hätte ich gewusst, dass dieser Versandhändler mit diesem Paketdienst sendet, hätte ich dort gar nicht erst bestellt. Auf deren Internetseite war ein anderer Paketdienst angegeben, offenbar war diese Information aber veraltet. Denn jenes Unternehmen, das es drei Mal nicht geschafft hat, den Karton bei mir abzugeben (ich bezweifel ja sogar, dass der Fahrer überhaupt hier durch die Straße gefahren ist), hatte die letzten beiden Zustellungen von Marie schon versaut. Ein Karton stand draußen im Regen auf den Mülltonnen - Inhalt durchweicht und damit unbrauchbar. Ein Karton wurde vor der Haustür abgestellt, obwohl jemand zu Hause war. Auf dem Ablieferungsbeleg war irgendeine unleserliche Unterschrift, vermutlich vom Fahrer selbst. Und die dazugehörige Hotline? Nimmt die Beschwerden auf und leitet sie weiter. Vermutlich in den Papierkorb.

Vor einigen Wochen habe ich Sportbekleidung bestellt. Gleich für mehrere Leute. Nach einer Woche frage ich nach, wann ich eine Bestellbestätigung bekomme, wann die Ware kommt - immerhin wurde meine Kreditkarte bereits belastet. "Ja, das ist ja eine Auswahlbestellung, da liefern wir höchstens drei Artikel pro Kategorie. Sie müssten sich bitte enger entscheiden." - "Das ist eine Gruppenbestellung für mehrere Leute." - "Achso. Ja, aber wir haben die Artikel nicht vorrätig. Und wann sie kommen, kann ich auch nicht sagen." - "Da stand doch, dass die Artikel lagern!" - "Ja, das war vor einer Woche." - Also schriftlich den ganzen Kram widerrufen und, nachdem vier Wochen später die Gutschrift auf der Kreditkartenabrechnung fehlte, meine Bank gebeten, das Geld, immerhin fast fünfhundert Euro, zurückzuholen. Was dann auch innerhalb von vier Tagen geklappt hat. Ein Wald- und Wiesengeschäft oder ein dubioser Händler mit Briefkasten im Ausland? Nein, ein rennomiertes deutsches Sportkaufhaus mit rund 150 Mitarbeitern.

Marie wartet schon seit einer Woche auf ein Ersatzteil für ihren Rollstuhl. Zum Glück hat sie noch einen alten, den die Krankenkasse nicht zurück haben wollte, sonst wäre sie aufgeschmissen. Weil das Sanitätshaus vor Ostern keine Zeit mehr hat, kommt das Ersatzteil mit einem Paketdienst. Zum selbst montieren. Nein, nicht mit dem komischen Paketdienst. Aber der andere schafft es auch nicht, innerhalb einer Woche zu liefern, denn es wird gestreikt. Was ja passieren kann. Was aber nicht geht, ist, dass das Sanitätshaus innerhalb einer Woche keinen Reparaturtermin findet. Wäre Marie berufstätig und hätte sie nicht privat einen eigentlich zu verschrottenden Stuhl aufgehoben, würde sie jetzt über eine Woche krankgeschrieben. Weil das benötigte Hilfsmittel nicht zur Verfügung steht.

Und sonst? Sonst haben wir vor fünf Wochen einen Festnetzanschluss bestellt. Leider ist ein Schalttermin noch nicht in Aussicht. Der Grund: Es sind keine Rufnummern frei. Beim Portieren derselben sei der Telefongesellschaft aufgefallen, dass sie erst irgendwelche Rufnummern nachbestellen müssen. Und das dauert angeblich. Vermutlich ist das großer Unsinn, aber nachprüfen kann ich es nicht. Immerhin kam die für den Anschluss benötigte Hardware bereits - ohne Probleme am Tag nach der Bestellung. Mit jenem Lieferanten, der im Moment gerade streikt. Hin und wieder funktioniert dort also auch mal was. Bringt aber nichts, wenn der Rest nicht klappt.

Zusammengefasst komme ich mir manchmal vor, als wären Handel und Dienstleistung in manchen, offenbar einigen, Bereichen nicht mehr darauf ausgerichtet, ihre Kunden zufrieden zu stellen, sondern die Kunden müssen darum betteln, bedient zu werden. Umsatzausfälle sind kompensierbar, aufgrund von Monopolstellungen oder ausgereiztem Wettbewerb braucht man sich keine Mühe zu geben. Dafür werden über Ostern unter Garantie aber jede Menge Notfallpatienten zu Maries Mutter kommen, während wir alle uns ein paar Tage entspannen wollen. Mit eingewachsenen Zehennägeln, entzündeten Haarwurzeln oder seit Wochen bestehenden Rückenschmerzen. Das alles kann dann keinen Moment länger warten und darf nach Möglichkeit nichts kosten.

Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch jemand, der mir erklärt, dass ich die einzige bin, die haufenweise solche Erfahrungen macht. Oder dass ich verbittert bin. Bin ich nicht. Aber tierisch genervt. Urlaubsreif. Und vor allem sonnenhungrig. Aber das ist noch ein ganz anderes Thema...