Dienstag, 31. März 2015

Prost!

Keinesfalls unbemerkt zählte mein Zähler heute den viermillionsten Seitenaufruf. 259 Tage nach dem der dritten Million. Somit wurde mein Blog in den letzten Monaten durchschnittlich 3.800 Mal pro Tag angeklickt. Es ist damit mal wieder Zeit, zu danken für das Interesse an mir, an meinem Geschreibsel, an meinem Onlinetagebuch: Danke!

Der Tag mit den bislang meisten Seitenaufrufen war der 29.09.14, an diesem Tag wurde meine Seite fast 19.000 Mal aufgerufen. Davor hatte ich eine Zeitlang nur offline geschrieben. Eine wahnsinnige Zahl. Finde ich.

Insgesamt gibt es rund 880 Beiträge und über 9.300 Kommentare.

Die häufigsten Suchworte, mit denen Leserinnen und Leser auf meine Seite gelenkt wurden, sind:
- Jule Stinkesocke (rund 12.000)
- Jules Blog (rund 2.000)
- Ohne Unterhose (rund 900)
- Amelo (rund 700)
- Contergan (rund 400)
- Berühmte Blogs (rund 170)
- Orgasmus in der Sauna (rund 110)
- Hosenboden stramm ziehen (rund 90)
- Wenn sie pupst (rund 60)
- Einbeinige Frauen haben oft ein Herz aus Gold (rund 50)

In Klammern dahinter sind die Anzahl derjenigen, die meine Seite über die entsprechende Suchanfrage gefunden haben. Als Zeitraum sind die letzten 259 Tage (die letzte Million) relevant. Ob jedoch alle gefunden haben, was sie suchten, wage ich zu bezweifeln.

Einige Besucherinnen oder Besucher haben über die verweisende Suchmaschine auch Fragen oder ganze Sätze formuliert...

- Macht man Witze über Behinderte?
Ja!

- Gibt es grippale Infekte auch 2015?
Ja!

- Wackelt ein Rollstuhlrad?
Besser nicht!

- Ich kenne Behindertenwitze mit Brechdurchfall.
Bitte behalte ihn für dich!

- Wurde schon eim Kind ein Rollstuhl amputiert?
Rollstuhl und Kind sind selten fest miteinander verwachsen.

- Hattest Orgasmus in der Sauna?
Etwas warm dafür dort, oder?

- Besetzt Schild für Klo wo?
An der Klotür?

- Sind Damenbinden und Leggings dasselbe?
Nein!

- Machst du auch Sport ohne Unterhose?
Ja.

- Hilft Regenmantel bei Inkontinenz?
Nur bedingt, würde ich sagen.

- Was kann bei Heliumsuizid schief gehen?
Alles.

- Ich habe einen Aufblas-Fetisch seit ich 14 bin.
Okay.

- Ich verleihe 50 Euro und hinterher hab ich 51.
Das nennt man 'Zinsen'.

- Wie kriege ich meinen Darm in Schwung?
Genug trinken, ausreichend Ballaststoffe essen, ...

- Kannst du Kaninchen schlachten?
Nein!

- Hat Helene Fischer einen Blindenhund?
Nicht, dass ich wüsste.

- Ich komme nicht aus der Tiefgarage.
Ist das Problem noch aktuell?

- Du bist eine knackige Erbse.
Sagt wer? Möhrchen?

- Mein Freund will mir ein Fieberthermometer in den Po schieben.
Hast du Fieber?

- Narkosefetisch kannst du helfen?
Nein.

- Freundin fragt, ob sie duschen soll.
Wenn sie schon fragt, dann: Ja.

- Stößt du an?
Mit Blick auf die 4. Million: Ja!

In diesem Sinne: Prost!!!

Samstag, 28. März 2015

Maut, maut

Nun kommt sie also. Die Maut für Pkws. Vorausgesetzt, dieses aufwändige System wird nicht noch von der EU kassiert. Was mir vor allem widerstrebt, ist die damit verbundene Erfassung und Nutzung von Daten. Ich schätze, es dauert nun nicht mehr lange, bis diese Datensätze auch offiziell für die Terrorbekämpfung und die Aufklärung schwerer Verbrechen genutzt werden dürfen.

Menschen mit Behinderung, die (sinngemäß) sich nur im Rollstuhl oder ähnlich eingeschränkt fortbewegen können, die blind sind oder in erheblichem Umfang ständig hilfebedürftig, sind in Deutschland von der Kraftfahrzeugsteuer befreit. Dieser Personenkreis könnte also theoretisch eine Flugzeugturbine als Antrieb verwenden - Steuern fallen nicht an.

Jener Personenkreis, der sich im Straßenverkehr nur eingeschränkt bewegen kann (hierzu zählen Menschen, die wegen gesundheitlicher Einschränkungen eine Gehstrecke von etwa zwei Kilometern nicht innerhalb von rund dreißig Minuten zurücklegen können) und entsprechend einen Ausweis für Menschen mit Behinderung hat, auf dem das eingetragen ist, zahlte bisher nur die halbe Kraftfahrzeugsteuer - oder konnte alternativ eine vergünstigte Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr kaufen.

Da wurde ja im Rahmen der Mautdiskussionen versprochen, dass niemand schlechter gestellt wird als vorher, wenn die Maut kommt. Die Kraftfahrzeugsteuer soll entsprechend gesenkt werden. Nun zahlen Menschen mit Behinderung ja in einigen Fällen keine Kraftfahrzeugsteuer, so dass hier ein anderer Weg gefunden werden musste, um diejenigen nicht mit Einführung der Maut zu belasten.

Das Gesetz sieht nun vor, dass die Pkw-Maut nicht zu entrichten ist für Kraftfahrzeuge, die für schwerbehinderte Personen zugelassen sind, die entweder (sinngemäß) sich nur im Rollstuhl oder ähnlich eingeschränkt fortbewegen können, die blind sind oder in erheblichem Umfang ständig hilfebedürftig. Also jener Personenkreis, der nach wie vor von der Kraftfahrzeugsteuer befreit ist.

Das Gesetz sieht darüber hinaus vor, dass die Pkw-Maut auch nicht zu entrichten ist für Kraftfahrzeuge, die für Personen zugelassen sind, die sich im Straßenverkehr nur eingeschränkt bewegen können (also diese Zwei-Kilometer-Regel). Hier umfasst das Pkw-Maut-Gesetz also künftig einen wesentlich größeren Kreis.

Soweit ist das wohl erstmal ganz gut. Man hat die Menschen mit Behinderung zumindest schonmal nicht vergessen.

Welche Auswirkungen hat das aber für die Praxis? Einige, würde ich sagen.

1. Ich müsste für mein Auto jetzt jährlich 234 € Steuern zahlen (Diesel mit Euro 6). Die Pkw-Maut pro Jahr beträgt später pro Jahr 96 €, die Steuerentlastung 100 €. Künftig würde ich also 230 € zahlen und hätte 4 Euro gespart.

2. Da ich aber von der Kraftfahrzeugsteuer wegen meiner Behinderung befreit bin, zahle ich jährlich 0 € Steuern. Das kann man nicht ermäßigen, aber die Pkw-Maut fällt auch nicht an, somit zahle ich künftig auch 0 € und bin genauso dran wie vorher.

3. Gehörte ich nun zu denjenigen Leuten, die noch laufen können, aber nicht so weit und so schnell (erhebliche Einschränkung, Zwei-Kilometer-Regel) und hätte ich keine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr, zahlte ich jetzt die Hälfte von 234 € Steuern (also 117 €). Die Entlastung wegen der Pkw-Maut betrüge künftig 0 €, somit zahlte ich immernoch 117 € Steuern. Eine Pkw-Maut fiele nicht an, also bin ich später mit 117 € genauso dran wie heute.

4. Gehörte ich zu denjenigen Leuten mit der erheblichen Einschränkung (Zwei-Kilometer-Regel) und hätte eine Jahrskarte für den öffentlichen Nachverkehr, zahlte ich jetzt 234 € Steuern, würde künftig im Rahmen der Pkw-Maut nicht entlastet werden, müsste aber ebenfalls keine Maut zahlen. Würde also künftig auch 234 € zahlen und würde damit 4 € pro Jahr mehr zahlen als ein nicht behinderter Mensch (siehe 1.).

Auch wenn es nur vier Euro pro Jahr sind ... An einer anderen Stelle gibt es aus meiner Sicht aber noch eine Ungenauigkeit.

Nämlich: Im Kraftfahrzeugsteuergesetz heißt es, dass die Steuervergünstigung für behinderte Menschen nur für ein Fahrzeug zusteht. Die Nutzung dieses Fahrzeugs darf nicht gewerblich sein, andere Personen dürfen das Fahrzeug nicht nutzen, es sei denn, sie fahren mich durch die Gegend oder führen dadurch meinen Haushalt.

Aus diesem Grund ist es zum Beispiel auch nicht möglich, dass Marie alleine mit meinem Auto zum Training fährt. Auch wenn sie ebenfalls die Voraussetzungen für die Steuerbefreiung erfüllt. Auch wenn kein eigenes Auto auf sie zugelassen wäre. Wenn Marie und ich uns die Nutzung meines Autos teilen wollten, müssten wir beide auf die Steuerbefreiung verzichten, obwohl wir beide die Voraussetzungen für die Steuerbefreiung erfüllten.

In dem neuen Pkw-Mautgesetz steht davon ausdrücklich nichts. Dort heißt es nur, dass die Pkw-Maut nicht für Autos zu entrichten ist, die auf schwerbehinderte Personen mit den zusätzlich erwähnten Merkmalen zugelassen sind. Als Rollstuhlfahrerin könnte ich also theoretisch zwei Autos zulassen, könnte zwar nur für eins die Steuerbefreiung in Anspruch nehmen, aber für das andere die Steuerermäßigung ohne dass ich Maut zahlen müsste. Also Beispiel:

5. Ich müsste jetzt für das (erste) Auto 0 € zahlen und für das zweite 234 €. Ab Einführung der Maut würde sich die Steuer für das zweite Auto um 100 € ermäßigen, eine Maut fällt aber nicht an. Somit zahle ich künftig nur noch 134 €.

Das finde ich natürlich gut, nicht nur, weil es mal relativ einfach gelöst ist. Aber die Frage ist, wann die ersten Leute auf schlaue Ideen kommen. Ich sehe schon ein neues Geschäftsmodell. Alle meine Leserinnen und Leser, die ihr Auto auf meinen Namen zulassen möchten, sparen künftig rund 70 € pro Jahr. 30 € bekomme ich. Macht bei 10.000 Klicks am Tag ... huch, ist mir schwindelig.

Dienstag, 24. März 2015

Inklusion selbstgemacht

Menschen mit Behinderung sind in ihrer Berufswahl bisweilen erheblich eingeschränkt. Insbesondere bei körperlich schwer beeinträchtigten Menschen, die im Alltag persönliche Assistenz benötigen, lohnt sich ein Job meistens nicht, weil das Gehalt für die Assistenz draufgeht. Manchmal ist aber auch die technische Realisierung unmöglich oder zumindest unverhältnismäßig, manchmal stehen auch klare gesetzliche Regelungen dem Berufswunsch entgegen.

Von alledem, insbesondere von den klaren gesetzlichen Regeln, hat sich ein 38jähriger Rollstuhlfahrer aus Karlsruhe überhaupt nicht beeindrucken lassen. Der seit einem Arbeitsunfall vor etwa fünf Jahren querschnittgelähmte Mann war selbständig tätig, bevor er bei der Ausübung seiner Tätigkeit aus großer Höhe abgestürzt sein soll und sich schwer an der Wirbelsäule verletzte.

Statt sich in staatliche Umschulungsmaßnahmen zu begeben und sich anschließend auf Kosten der Steuerzahler den Arbeitsplatz barrierefrei einrichten zu lassen, nahm er die Sache selbst in die Hand und gab den Teil seiner Arbeit, den er aus technischen Gründen nicht selbst erledigen konnte, einfach an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder ab. Das betraf in erster Linie jene auswärtigen Tätigkeiten, die ihm deshalb nicht mehr möglich waren, weil seine Kunden überlicherweise nicht in barrierefreien Wohnungen wohnten.

Der querschnittgelähmte Mann leistete aber die gesamte Vorarbeit und führte, während sein Bruder die nicht-barrierefreien Wohnungen aufsuchte, über einen Knopf im Ohr ständig Regie. Über das Headset des Bruders konnte der Rollstuhlfahrer so stets mithören und dem Bruder wichtige Informationen "ins Ohr flüstern". Diese Zusammarbeit funktionierte so gut, dass nicht nur beide prima von diesem Job leben konnten, sondern der assistierende Bruder für einzelne Aufträge sogar jedes Mal rund 3.000 Kilometer mit dem Flugzeug zurücklegte.

Seit etwa Mitte Februar mussten beide ihre Tätigkeit nun vorläufig aufgeben. Die Behörden hatten sich eingemischt, nachdem sich mehrere Menschen über ungewöhnliches Verhalten des Rollstuhlfahrers beschwert hatten. So ein Rollstuhl fällt eben auf. Tatsächlich fand man bei einer späteren Durchsuchung seiner barrierefreien Wohnung Wertgegenstände im fünfstelligen Eurobereich, die alle aus zusammen mit dem Bruder verübten Einbrüchen stammen sollen. Beide sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Merke: Inklusion ist nicht alles im Leben...

Sonntag, 22. März 2015

Gewichtig

"Sagt mal, ihr studiert doch Medizin, könnt ihr mich nicht mal eine wirksame Abnehmpille verschreiben?", war der zwar betont scherzhaft formulierte, wohl aber mit mindestens einem Funken Ernst gemeinte Versuch unseres knapp 40 Jahre alten Nachbarns, ein paar überflüssige Pfunde ohne großen Aufwand loszuwerden. Oder der, ein Gespräch über ein Thema zu beginnen, das ihn zunehmend belastet. Oder beides.

Tatsächlich schüttete er Marie und mir in einem anschließenden langen Gespräch sein Herz aus. Und ja, ich darf darüber schreiben, und ich finde es auch wichtig, darüber zu schreiben. Ich finde es so unglaublich, weil ich die Einstellung, die dahinter steht, für mich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich sage bewusst, dass ich sie nicht nachvollziehen kann. Ich sage aber auch, dass ich sie ausdrücklich nicht verurteile. Jeder Mensch ist meiner Meinung nach für sich selbst verantwortlich. Aber so, wie es aussieht, konnten Marie und ich ihm bei dieser Verantwortung ein wenig unter die Arme greifen - und das gibt mir schon ein gutes Gefühl. Und die Überzeugung, dass alleinige Verantwortung nicht heißen muss, dass man sich zu allem auch selbst motivieren kann.

Dieser Mann ernährt sich seit 20 Jahren nahezu ausschließlich von Pizza, Pommes, Süßigkeiten und Cola. Das Frühstück fällt in der Regel aus, zum Mittag gibt es entweder eine Tiefkühlpizza oder Fleisch aus dem Supermarkt mit Pommes aus dem Backofen. Oder unterwegs eine Currywurst mit frittierten Pommes. Pro Woche gibt es im Durschnitt zwei Mal Fleisch, zwei Mal Pizza und drei Mal Currywurst. Dazu trinkt er ausschließlich Cola, pro Tag zwei bis drei Liter. Zum Abendessen holt er sich meistens Brötchen zum Aufbacken und belegt vier Stück davon (also acht Hälften) ausschließlich mit Salami. Abends, vor dem Einschlafen, isst er im Bett entweder eine Tüte Chips, eine Tüte Erdnussflips oder eine Tüte Popcorn. Zwischendurch, wenn der kleine Hunger kommt, gibt es Snickers, Schokolade oder irgendwelche Gummitiere. Pro Woche, so sagt er, kommt er auf zwei Tüten Chips, zwei Tüten Erdnussflips, drei Tüten Popcorn, zehn Tüten Gummibären oder Lakritzviecher und drei Fünferpacks Snickers oder Twix.

Sein Glück ist wohl, dass er als Kind eher untergewichtig war. Damit steigen Studien zufolge die Chancen auf eine nachhaltige Gewichtsreduktion. Sein Glück ist auch, dass er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten stets aktiv bewegt hat und keinen Alkohol trinkt. Anlass für das Gespräch mit uns war wohl, dass er beim Wiegen festgestellt hat, dass sein BMI an der 30er-Grenze kratzte. Jene Grenze, die, wenn man dieses eher ungenaue und nicht alle Faktoren berücksichtigende Verfahren anwendet, für den Übergang vom Übergewicht zur Adipositas steht.

Sein letzter Versuch abzunehmen scheiterte kläglich. Er hatte lediglich die Cola durch Apfelsaft ersetzt, denn Apfelsaft sei ja gesund. Und wenn schon gesund, dann auch ohne Zusatzstoffe: 100% Frucht. Dass das bei Gewichtsreduktion hilft, ist ein oft gehörter Irrtum. Das Gegenteil ist der Fall. Denn unverdünnter Apfelsaft enthält mindestens genauso viel Zucker wie Cola, eher noch mehr.

Wir haben ihn in die Praxis von Maries Mutter geschleift und zumindest einmal Blut abgenommen und den Blutdruck gemessen. Die Cholesterinwerte waren besser als ich vermutet hatte, zumindest war verhältnismäßig viel "gutes" Cholesterin im Blut. Aber der Triglyceridwert war heftig. Maries Mutter sagte ihm klar ins Gesicht, dass sein Risiko, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen, bei über 35% liege. Ich glaube, das hat ihn aufgeweckt.

Zwei Wochen danach kam er auf uns zu und meinte, er trinke seitdem keine Cola mehr, nur noch Wasser. Er habe seitdem keine Süßigkeit und kein Knabberzeug mehr angerührt, in keinem Imbiss mehr gegessen und beschränke sich auf drei bis vier Hauptmahlzeiten. Eine Scheibe frisches Bio-Brot mit Putenfleisch, morgens Müsli mit Erdbeeren oder ungezuckerter Ananas - lediglich ausgewogenes Mittagessen sei noch nicht so sein Ding. In der Apotheke habe man ihm Brausetabletten gegeben, um Vitamin- und Mineralstoffmangel vorzubeugen.

Heute, vier Wochen nach dem Startschuss, ist sein BMI von ehemals 29,5 auf nun 27,7 gesunken. Inzwischen kaufen wir füreinander ein, bringen uns gegenseitig Erdbeeren, Ananas, Gurken, Tomaten, Brot und Fleisch mit und haben auch schon mehrmals zusammen gekocht. Während ich immernoch zunehmen muss, klappt es bei ihm mit dem Abnehmen nach wie vor. Er sagt: "Die ersten fünf Tage waren insbesondere wegen des Koffein-Entzugs eine Qual." - Aber inzwischen vermisse er nichts mehr von alledem, was vorher so verlockend war. In seinem Kühlschrank werden seit vier Wochen zwei Colaflaschen gekühlt. Im Schrank liegen mehrere seit Wochen ungeöffnete Snickers-Packungen, Chipstüten und ähnliches. Neulich habe eine Freundin ihm im Kino ein paar Gummibärchen in die Hand gedrückt: Nach fünf Stück war Schluss. Viel zu süß.

Insbesondere gehe es ihm körperlich inzwischen sehr viel besser. Aber alles das war einst gar nicht das Ziel. Er sagt, er habe sich einfach überlegt: "Jetzt ist der richtige Moment." - Und dann von einem Tag auf den anderen alles komplett umgestellt.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer das ist. Ich kann mir aber auch bereits nicht vorstellen, mich so zu ernähren, wie er es einst getan hat. Ich kann mir allerdings sehr wohl vorstellen, dass es enorm schwierig ist und ungeheure Selbstdisziplin und Stärke verlangt, wenn man eine solche Gewohnheit konsequent ändern möchte. Marie und ich sind uns einig: Wir wünschen ihm, dass er es durchhält und auch nach Erreichen seines Ziels auf einem für ihn guten Level bleibt.

Donnerstag, 19. März 2015

Verfahren und verzählt

In unserem neuen Haus ist fast alles super. Die Sonne kitzelt so schön in meiner Nase, wenn ich morgens aufwache. Nachts ist es wunderbar ruhig, morgens schnattern höchstens mal ein paar Enten - herrlich. Bislang bereuen Marie und ich es noch nicht, hier zu wohnen. In rund drei Wochen geht es allerdings erstmal für drei Monate zurück an unseren Studienort, da die Vorlesungszeiten bald wieder beginnen. Mein siebtes Semester ruft.

Die anderen Leute im Haus sind auch sehr nett, die Auswahl ist uns, nach jetzigem Stand, gut gelungen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Anzahl überschaubar ist und sich niemand in der Anonymität verstecken kann. So oder so: Alle sind recht ordentlich, alles ist sauber und ruhig.

Größere Probleme hat es noch nicht gegeben, lediglich eine zuletzt nervige Sache, die aber inzwischen, nach mehreren Anläufen, behoben ist: Der Aufzug spielte hin und wieder verrückt. Zum Glück brauchen wir ihn im Erdgeschoss nicht unbedingt, aber andere Mieter sind auf ihn angewiesen und entsprechend muss er natürlich einwandfrei und zuverlässig funktionieren.

Anfangs kam es häufiger vor, dass der Aufzug an der zuvor ausgewählten Etage vorbei fuhr. Ja, richtig gelesen. Normalerweise fährt die Kabine ja bis zu einem bestimmten Punkt schnell, geht kurz vor Erreichen der gewählten Haltestelle in die Langsamfahrt und stoppt dann, im Idealfall, bündig. Hier war es so, dass insbesondere bei den mittleren Stationen die Kabine mit Vollgas bis zu der gewählten Ebene fuhr, dann offenbar im Moment des Vorbeifahren beschämt ihren Fehler bemerkte, um dann erstmal aus voller Fahrt bis auf Null abzubremsen. Nicht völlig abrupt mit einem lauten Knall, aber schon so, dass einem flau im Magen wurde und man sich dachte: "Bin ich hier im Karussell?" - Anschließend fuhr die Kabine in der Langsamfahrt den halben Meter bis zur gewählten Ebene zurück und öffnete kleinlaut die Tür.

Damit konnte man ja noch irgendwie vorübergehend leben. Was aber gar nicht ging, war, dass die Anlage sich hin und wieder verzählte. In der Kabine konnte man ja improvisieren, indem man einfach auf "Keller" drückte, wenn man ins Erdgeschoss wollte. Oder auf "1", wenn man aus dem Keller kam und ins Erdgeschoss wollte. Nervig war es nur, wenn man im Erdgeschoss vor dem Aufzug stand, dann den Knopf drückte, und hörte, wie im ersten Stock die Tür aufging. Keine Chance, von außen die Kabine ins Erdgeschoss zu bekommen. Es sei denn, man schickte jemanden in den Keller, um dort zu drücken. Allerdings: Sobald man einmal alle Knöpfe in der Kabine gedrückt hatte und die Anlage alles abgearbeitet hatte, funktionierte es wieder normal.

Der Techniker kam, hat da irgendwas resettet, ohne Erfolg, kam nach drei Tagen wieder, hat stundenlang irgendwas neu eingestellt, ohne Erfolg, kam dann zwei Tage später mit zwei Kollegen wieder (an einem Morgen standen tatsächlich drei Service-Fahrzeuge vor dem Haus, so dass die Nachbarn schon fragten, wieviele Aufzüge wir hätten...) - am Tag danach war die Anlage von morgens bis abends komplett aus, abends kam wieder der Techniker und baute ein neues Teil ein.

Danach war das Vorbeifahren und das Verzählen weg. Dafür kam es nun aber hin und wieder vor, dass man im Erdgeschoss einstieg, nach oben wollte, den entsprechenden Knopf drückte, die Tür sich schloss und der Aufzug dann statt nach oben in den Keller fuhr, und zwar unter die unterste Ebene, und sich dort erstmal zur Ruhe setzte. Die innere Tür rollte ein kleines Stückchen auf, man konnte sie mit der Hand frei hin- und herschieben, mehr passierte nicht. Das Licht in der Kabine blieb allerdings an.

Wenn man jetzt in der Kabine eine Taste drückte, egal welche, passierte gar nichts. Abgesehen vom Alarmknopf, der funktionierte. Immerhin. Wenn dann allerdings jemand von außen den Aufzug rief, schreckte die Kiste aus ihrem Tiefschlaf, knallte die Kabinentür zu, der Aufzug fuhr einmal ganz nach oben, danach wieder ganz nach unten und anschließend zu der Etage, aus der er gerufen wurde. Danach funktionierte alles wieder ganz normal. Bis es den nächsten Aussetzer gab.

Das war dann der Moment, in dem ich am Telefon sehr deutlich wurde. Am nächsten Morgen kamen erneut zwei Mitarbeiter, lasen irgendein Protokoll aus und stellten fest, dass ein für das getauschte Bauteil benötigter Software-Patch nicht automatisch nachgeladen worden sei. Daraufhin wurde die komplette Steuerungssoftware neu aufgespielt, alles neu eingestellt - und seitdem ist alles so wie es sein soll.

Hoffen wir mal, dass das so bleibt. Und dass wir weiterhin glücklich und in Ruhe dort wohnen und leben können.

Dienstag, 17. März 2015

Cygnus olor

Männer können schon liebevolle Menschen sein. Wenn ich so über Philipp nachdenke, weiß ich, was mir in den letzten Jahren gefehlt hat. Nicht, dass Marie oder ihre Eltern mich nie verwöhnt hätten. Das meine ich nicht. Ich meine, dass es schon etwas Besonderes ist, wenn jemand seinen kompletten Arbeitstag um Stunden nach hinten verschiebt, nur, um mit mir frühstücken zu können. Und frische Brötchen mitbringt. Zum Beispiel.

Männer können aber auch sehr verspielt sein. Wie kleine Kinder. Da ich Kinder mag, gefällt mir natürlich auch ein verspielter Philipp. Es ist keine nervige Verspieltheit, wie bei jenen Typen, die ungefragt erstmal alle Schalter und Hebel betätigen müssen und im Auto kein Lied zu Ende hören können, sondern permanent auf "Weiter" klicken. Sondern eher eine jugendliche Verspieltheit. Zum Beispiel wollte er mit mir zusammen trainieren. Ich habe angesichts des schönen Wetters langsam (sehr langsam, denn großartig anstrengen möchte ich mich nach meiner letzten Infektion noch nicht) wieder mit dem Training begonnen. Sehr technisch erstmal, viel Gymnastik (recken, strecken, dehnen, pupsen) und so - und dann ein paar Kilometer im inzwischen fast eingestaubten Rennrolli. Ja, ich kann es noch.

Philipp wollte unbedingt dabei sein, hatte ein Fahrrad mitgebracht. Und guckte und beobachtete und war ganz still und fragte irgendwann, ob er mich mal was fragen dürfte. Oloret mihi. Ich rechnete mit einem "Darf ich auch mal ausprobieren, wie man mit dem Ding fährt?" und überlegte schon, welchen Stuhl er sich dafür mal ausleihen könnte, wenn wir festgestellt haben, dass er in meinen nicht reinpasst. Stattdessen kam: "Darf ich mal deinen Po anfassen?" - Irgendwie süß. Dass er vorher fragt. "Jetzt sofort oder später?" - "Später reicht." - Schade.

Ich weiß ja inzwischen, dass eng anliegende Sportklamotten auf viele Menschen reizvoll wirken. Sowohl auf jene, die da drin stecken, als auch auf jene, die andere darin sehen. Nicht umsonst heißen Leggings ja auch Wunschhosen, schließlich kann man darin der Frau jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Mein Problem ist, dass ich diesen Reiz nicht so stark verspüre. Mich nervt es eher, wenn dieses vollsynthetische Zeug mich so auflädt, dass ich ständig eine gewischt kriege oder mir meine Haare zu Berge stehen. Andererseits hatte ein Exfreund auch schon so einen Faible und ich muss sagen: Es gibt wohl Schlimmeres. Praktisch ist auf jeden Fall, dass sie keine Flüssigkeit aufsaugen (zum Beispiel Schweiß) und nicht in den Speichen hängen bleiben.

Jedenfalls habe ich mich am Ende auf eine Liege gelegt und zu Philipp gesagt: "Du darfst mir gerne die Schultern massieren." - Konnte er gut. Und ich glaube, es hat ihm richtig Spaß gemacht. Ein wenig seltsam war für mich, dass er nicht wusste, wo die Schultern sind. Ich wusste schon vor der Schule, dass der Popo nicht zu den Schultern gehört. Aber ich wollte auch nicht besserwisserisch rüberkommen... Leider mussten wir ziemlich schnell aufhören, weil die Liege gebraucht wurde von anderen Rennradlern, die kurz nach uns ankamen.

Demnächst sind wir zum Kochen verabredet. Eingekauft dafür haben wir schon. Marie wird auch dabei sein - und das funktioniert bislang auch alles recht gut. Allerdings nicht beim Nachtisch. Den es hoffentlich bald gibt. Ich bin so neugierig, ich möchte so gerne und fühle mich so untervö ... ähm ... hungrig! Aber er lässt sich viel Zeit. Einerseits finde ich das sehr gut. Aber im Moment bin ich gerade irgendwie andererseits.

Männer können aber auch sehr höflich sein. Ich glaube, die Male in meinem Leben, in denen mir ein Mann (von offiziellen Anlässen mal abgesehen) Blumen geschenkt hat, lassen sich an einer Hand abzählen. Ich habe tatsächlich einen Moment ganz leise überlegt, ob das noch modern ist. Und noch leiser, ob ich schon in dem Alter bin, in dem man einer Frau Blumen schenkt. Und sie dann in einer großen Vase auf den Tisch gestellt. Und freue mich, sie immer wieder zu sehen und an ihn erinnert zu werden.

Männer können jedoch auch sehr einfühlsam sein. Was ich an Philipp bewundere, ist, wie sehr meine körperliche Einschränkung bisher allenfalls im Hintergrund seiner Aufmerksamkeit stand. Ich habe endlich mal beim jemandem, den ich neu kennenlerne, uneingeschränkt das Gefühl, ich bin Jule und nicht (zumindest für einen Moment lang) die Behinderte. Klar ergibt sich das eine oder andere Thema mal. Aber es ist ausgewogen. Und irgendwie: Schön.

Männer können aber auch eifersüchtig sein. Philipp ist es zum Glück nicht, aber als wir noch kurz an einem See saßen und dem Sonnenuntergang zugeschaut haben, schwante mir erneut etwas. Oloret mihi. Wie schön, dass Cygnus olor nicht Gift und Galle spucken konnte. Letztlich bin ich mir nicht sicher, ob das Flattervieh auf Philipp, auf mich oder auf die Bank eifersüchtig war, auf der wir saßen. Jedenfalls kam Majestät mit einer riesigen Bugwelle von der anderen Seeseite herüber geschwommen.

Da Schwäne ja ab März brüten, vermute ich mal, dass da letztlich jemand Angst vor Eierdieben im Rollstuhl hatte. Rollstühle scheinen auf Schwäne sowieso anziehend zu wirken. Zuerst haben wir gedacht, das ist nur Säbelrasseln, als man dann aber zischend und mit den Flügeln schlagend aus dem Wasser auf uns zu trabte, haben wir uns mal rasch entfernt. Als plötzlich dann noch zehn Kilogramm nasser Wasservogel an Philipps Jacke hingen und sich darin verbissen hatten, setzte es einen gezielten Kick. Den Moment, in dem Cygnus olor überlegte, warum er mitten am Tag Sterne sieht, nutzten wir zur Flucht.

Sonntag, 15. März 2015

Schokolade zu mir

Hallo? Hallo Welt? Ach, du bist noch da. Wie schön. Bin ich auch im Hier und Jetzt? Ja, doch, so langsam erscheint die Welt wieder real. Und mir geht es zum ersten Mal seit etwa zehn Tagen wieder richtig gut. Wenngleich auf einem eher bescheidenen Niveau, aber beim Befinden zählt ja bekanntermaßen vorrangig das Gefühl.

Seit Freitag bin ich wieder zu Hause. Entlassen. Nicht aus dem Knast. Sondern aus einer anderen Einrichtung, die mit demselben Buchstaben beginnt. Ja, Klinik. Oder Krankenhaus. Eigentlich war fast nichts los. Aber es war trotzdem mal wieder unnötig dramatisch.

Hatte ich nicht mehrfach laut herumgetönt, dass ich vier Wochen Famulatur in einer Kinderarztpraxis überstanden habe, ohne mich mit einem grippalen Infekt anzustecken? Noch dazu während der Erkältungs-Hochsaison. Entweder habe ich dabei nicht laut genug an meinen Holzkopf geklopft oder vielleicht den Arm dabei zu hoch gehoben.

Alles begann mit einem Halskratzen am ersten freien Montag. Ich dachte noch so: "Oh nein, nun hat es dich doch erwischt." - Auch wenn grippale Infekte lästig, mitunter auch äußerst nervig sind, sie stärken auch das Abwehrsystem und ein paar Tage sich im Bett verwöhnen zu lassen, ist auch mal schön. Um das ganz klar zu sagen: Ich muss es nicht haben. Aber wenn, dann arrangiere ich mich halt damit. Es gibt schlimmere Dinge. Wie zum Beispiel eine Querschnittlähmung, nä?

Die nächsten zwei Tage hatte ich Halsweh. Es wurde immer schlimmer. Ich konnte kaum noch schlucken. Halsweh sind ätzend, ja, aber das hier war richtig fies. Komischerweise war die Nase völlig frei, überhaupt kein Sekret. Und ich war derart müde, das war unbeschreiblich. Zwölf Stunden durchgeschlafen, zwei Stunden wach, nur gegähnt, wieder stundenlang geschlafen. Ich machte mir so meine Gedanken, Marie ging schon auf größtmöglichen Abstand und am Donnerstag ging es dann mit Schüttelfrost los. Wobei man sagen muss, dass ich mich über Schüttelfrost eher amüsiere als dass ich ihn schlimm finde. Aber dass ich unter der Bettdecke nur am Zittern und Klappern bin, hatte ich auch noch nicht.

Ich bat Marie, in ein, zwei Stunden mal nach mir zu schauen. Als sie mich weckte, mit Mundschutz und Handschuhen, grinste ich noch. Sie übetrieb es mal wieder. Das Fieberthermometer zeigte 39,8 Grad oral an. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich sie wie durch einen weißen Schleier sah und sie mich aufforderte, Wasser zu trinken. Ich schlief anschließend weiter. Eine Stunde später weckte sie mich noch einmal, da war das Fieber bei 40,6 Grad. Marie meinte: "Das ist langsam nicht mehr witzig. Ich rufe meine Mutter an."

Ich erinnere mich auch noch, dass ich sie bat, das Licht auszumachen, weil ich das extrem unangenehm fand. Ich muss dann wieder eingeschlafen sein und so ganz bei Sinnen kann ich nicht gewesen sein, denn das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass Maries Mutter an meinem Bett saß, ebenfalls mit Mundschutz und Handschuhen, und mich mit großen Augen ansah. Sie fragte, ob ich wach sei und ich dachte nur: "Was soll die dumme Frage?" - Erst später hat sie mir erzählt, dass sie mich nur schwer wach bekommen hat.

Der Puls war bei über 130, der Blutdruck sehr schwach - Infusion dran, ab ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch, dass Maries Mutter die beiden Jungs in rot aufgefordert hat, meinen Oberkörper nicht anzuheben. Ich wurde verkabelt. Nach dem Umlagern auf die kalte Trage und nachdem man mich mit der kalten Bettdecke zudeckte, war ich schlagartig wieder hellwach. Ich wurde in den Rettungswagen gerollt, im Hausflur begegneten wir dem älteren Nachbarn, der mich mit geschocktem Blick ansah und mir alles Gute wünschte. Lange nicht im Blaulichttaxi gefahren.

Maries Mutter sagte, sie würde mit dem Auto hinterher fahren. Ich alberte noch mit dem jungen Mann in Rot herum, der sich neben mich auf einen Stuhl gesetzt hatte und auf einem Klemmbrett irgendein Protokoll ausfüllte. Da es schon spät war und die Straßen offenbar frei waren, merkte ich es erst nach einiger Zeit: Wir fuhren tatsächlich mit Lalülala. Was für eine Aufregung! "Wieso fahrt ihr mit Musik?", fragte ich den Mann neben mir. Er meinte: "Keine Angst, wir fahren Sie jetzt direkt ins Krankenhaus."

Ich fing wieder an zu zittern. Als nächstes erinnere ich mich an eine Fahrt über einen Flur mit zahlreichen Leuchtstoffröhren an der Decke. Dann sagte einer der beiden, die mich schoben: "Einmal Schockraum bitte!" - Leute? Mir geht es gut. Ich habe nur hohes Fieber. Oder so. Macht bitte nicht so ein Drama, nur weil ich eine Querschnittlähmung habe. Ich wurde unter eine helle Lampe geschoben, die dann bald jemand wegdrehte, ich hörte nur, wie jemand sagte: "Absolut instabiler Kreislauf, dämmert ständig weg, fast 41 Fieber." - Ich wollte sagen, dass ich eine Halsentzündung habe, aber das ging überhaupt nicht. Ich wollte die Hand des Arztes greifen, der mich abtastete, aber ich war viel zu langsam. Was war hier los?

"Wir brauchen einen Urinstatus", hörte ich. Nee, Leute, das ist kein Harnwegsinfekt, das ist was im Hals! "Haben Sie Unverträglichkeiten?", brüllte mich der Arzt an. Ich versuchte, mir an den Hals zu fassen. Er schüttelte meine Schulter: "Hallo, bleiben Sie mal wach!" - Ich bin wach, Junge. Nur irgendwie gerade sehr schwach. Maries Mutter kam rein, das hörte ich. Sie wurde gefragt, ob sie Angehörige sei. Dann erinnere mich daran, dass mir jemand im Mund herumfummelte. Dann habe ich geschlafen und wachte zwischendurch immer mal wieder auf, sah ein Fenster und jede Menge Geräte.

Ich träumte. Von Booten, die mit mir versinken, von bösen Menschen, die sich in meinem Büro verstecken (obwohl ich gar kein Büro habe), von Autounfällen bei Schnee, von irgendwelchen Krabbeltierchen in meinem Frühstücksmüsli, von allem möglichen Mist. Hin und wieder war ich wach, aber tierisch müde. Einmal musste ich so dringend pinkeln, fand aber nirgendwo eine Klingel. Ich hatte überhaupt keine Energie, mich darum zu kümmern. Ob ich gleich in einer riesigen Pfütze liegen würde, war mir völlig schnuppe. Erst später merkte ich, dass man mich mit einem Dauerkatheter versorgt hatte.

Am Dienstag, immerhin nach fünf Tagen, wurde ich von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt, drei Tage später entlassen. Was war es? Eine Kokken-Infektion (Streptococcus pyogenes). Also irgendwelche herum geniesten Bakterien. Mein Problem war mal wieder die mit der Querschnittlähmung einhergehende Kreislauf-Regulationsstörung. Die zusammen mit den Toxinen, die von den Kokken in den Blutkreislauf abgegeben werden, haben mich wohl etwas überfordert. Ich bekam Penicillin, jede Menge Flüssigkeit und irgendwann kühle Wickel, da man keine fiebersenkenden Medikamente geben wollte.

Inzwischen fühle ich mich, wie gesagt, wieder super. Was mich ein wenig ärgert, ist, dass mich dieser unnötige Mist rund 14 Tage zurückgeworfen hat. Ich muss noch so viel für die Uni tun, das ist alles liegen geblieben. Und angesichts des guten Wetters wollte ich auch mal wieder trainieren, das muss ich nun auch noch für ein paar Tage sein lassen. Aber Philipp hat mich regelmäßig besucht. Und darüber freue ich mich natürlich sehr.

Und ich habe neun Kilogramm abgenommen. Allerdings weiß ich nicht genau, wieviel davon in den zwei Wochen und wieviel davon in den vier Wochen Praktikum. Fakt ist aber, dass das so gar nicht geht, weil ich vorher schon Idealgewicht hatte und mein BMI aktuell bei 15,8 liegt. Was trotz reduzierter Muskelmasse in den Beinen eindeutig zu niedrig ist. Ich bin aber überzeugt, dass das nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Schokolade zu mir!