Samstag, 31. Januar 2015

Nachruf

Auf dem Weg zu Marie fuhren wir an einem öffentlichen Verwaltungsgebäude der Stadt vorbei, das nachts recht dezent angestrahlt wird und vor dessen Eingang drei Fahnenmasten stehen. Die Hamburg-Fahne hängt dort hin und wieder zusammen mit der des Bezirks, in dem das Gebäude steht. Am Christopher-Street-Day flatterte dort auch schon mal die Regenbogenfahne. Heute sah ich im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel Europa, Deutschland und Hamburg - alle drei auf Halbmast. Nach der dreitägigen Staatstrauer um die ermordeten Mitarbeiter von Charlie Hebdo Mitte des Monats und dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist das nun der dritte Anlass innerhalb so kurzer Zeit. Auch Maries Mutter sah das und fragte: "Was ist denn jetzt schon wieder los?"

Richard von Weizsäcker ist gestorben. Den ehemaligen Bundespräsidenten (1984 bis 1994) habe ich selbst nicht in seinem Amt wahrgenommen. Als er sein Amt an Roman Herzog abgab, war ich gerade mal ein Jahr und zehn Monate auf der Welt. Aber Maries Eltern waren beide sichtlich bewegt, als sie davon erfuhren. "Das war ein Guter", meinte Maries Papa. Und erzählte.

"Lassen Sie uns die Behinderten und ihre Angehörigen auf ganz natürliche Weise in unser Leben einbeziehen. Wir wollen ihnen die Gewißheit geben, daß wir zusammengehören. Damit helfen wir nicht nur ihnen, sondern auch uns selbst. Denn wir lernen im Umgang mit ihnen wieder zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben.", sagte er in seiner Weihnachtsansprache 1987, also vor nunmehr fast 30 Jahren, und regte dabei zum Nachdenken an, ob "wir vielleicht mit eigenen Hemmungen gegenüber Behinderten nicht fertig" werden.

Ist das erst dreißig Jahre her? Hat wirklich ein Bundespräsident, noch dazu ein guter, diese Worte an das Volk gerichtet, um dafür zu werben, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr ausgegrenzt werden?

Ich will das gar nicht kritisieren. Sondern nur für mich realisieren. Eine solche Ansprache wäre heute kaum mehr vorstellbar. Sofort würde eine Stinkesocke in ihrem Blog rumnörgeln, dass "wir" in "euer" Leben nicht einbezogen werden wollen, schon gar nicht als Alibi, aus Hilfsbedürftigkeit oder zu einem guten Selbstzweck - schließlich sind wir ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft. Heute. Oder zumindest morgen.

Aber damals eben nicht. Damals gab es auch keine Blogs. Damals gab es noch nicht einmal das World Wide Web. Zumindest nicht in der für jeden Bürger zugänglichen Form. Damals hätte ich mir eine andere Möglichkeit suchen müssen, nach einem schweren Unfall weiter zu leben. Ich bin mir nicht sicher, ob und wie es mir gelungen wäre.

"Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann."

So ging die oben erwähnte Weihnachtsansprache weiter. Und dieser Satz von ihm wird häufig zitiert. Mit "Behinderung" meinte er damals nicht die heutige Definition des Wortes, nämlich die Wechselwirkung einer persönlichen Beeinträchtigung mit den Barrieren der Umwelt, sondern eben "nur" die persönliche Beeinträchtigung - wie es damals üblich war. Und ich glaube auch nicht, dass es aus heutiger Sicht glücklich ist, mir als Rollstuhlfahrerin vorstellen zu müssen, dass mir jemand ein Geschenk genommen hat. Ich persönlich würde also eher auf eine kämpferische Formulierung ansprechen, auf eine, die von meiner Person eine Antwort auf eine Herausforderung erwartet.

Aber ich bin und war nicht angesprochen. Sondern ein Volk, das Menschen mit Behinderung ausgegrenzt hat. Und das von seinem Bundespräsidenten aufgefordert werden musste, diese Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

Was genau seine Worte bewegt haben, lässt sich nicht feststellen. Was sich jedoch genau feststellen lässt, ist die Richtung, die seine Worte vorgeben. Auf diese Vorgabe lässt sich heute, nach so viel Veränderung in unserer Gesellschaft, noch auf einer geraden Linie zurückblicken. Und das finde ich toll.

Dass ich mich als Teil der Gesellschaft fühle, dass ich gleichberechtigt dazu gehöre, so wie ich bin, ist nicht nur ein Verdienst. Sondern auch ein Geschenk, das der Gesellschaft hoffentlich niemand mehr nimmt. Danke, Richard von Weizsäcker.

Samstag, 24. Januar 2015

Nordlicht bleibt Nordlicht

Alle Abnahmen sind auf Anhieb über die Bühne gegangen. Gestern bekamen wir die letzten lang ersehnten Dokumente. Das Wohnhaus im Hamburger Landgebiet, in dem Marie und ich zum Februar eine Wohnung beziehen und ab Sommer dann hoffentlich auch dauerhaft wohnen werden, ist fertig. Damit konnten heute bereits die Schlüssel der fünf vermieteten Wohnungen übergeben werden. Das war ein tolles Erlebnis, diese strahlenden und glücklichen Menschen zu erleben. Offizieller Mietbeginn ist Sonntag in einer Woche, aber da das Haus abgenommen und damit bezugsfertig ist, gibt es keinen Grund, die Leute nun eine Woche lang auszusperren. So haben sie alle genügend Zeit für den Umzug.

In den letzten Wochen gab es noch ein paar nervige Momente, weil in den Bädern nicht nach Bauzeichnung sondern nach Fantasie gebaut wurde. Insbesondere fand man, dass die Wand, in der der Spülkasten der Toilette versteckt ist, auch aus Rigips sein könne und nicht gemauert werden müsse. Es war aber eindeutig eine gemauerte Wand gezeichnet, um die ganzen Haltegriffe und Installationen, die möglicherweise im Zusammenhang mit Liftern etc. in Wänden und Decken verankert werden müssen, auch befestigen zu können. Es ist schlicht unbegreiflich, wie jemand ohne Rücksprache einfach von solchen Plänen abweicht. Aber egal, das Thema ist erledigt.

An der Heizanlage musste auch noch einmal nachgebessert werden, weil etwas mit dem Anschluss der Abgasanlage nicht stimmte. Aber auch das ist behoben. Der Schornsteinfeger fand alles gut. Und der Rest war Kleinkram. Mehrere Fliesen mussten noch korrigiert werden, ein Wasserhahn war nicht richtig angeschlossen, eine Wasseruhr wurde nicht abgenommen und musste ausgetauscht werden, eine Automatiktür öffnete sporadisch immer nur zur Hälfte und auf dem Dach guckte irgendeine Folie an einer Stelle raus, wo sie nicht rausgucken durfte. In einer Einbauküche fehlte noch eine Schranktür, eine Fensterscheibe ist zerkratzt und ... ich glaube, das war es schon.

Marie und ich werden uns nun nach und nach unsere beiden Zimmer herrichten. Ich bin sehr froh, hier oben im Norden wieder ein eigenes Zimmer zu haben, wenngleich es mir an meinem Studienort im Süden momentan auch sehr gefällt. Aber ein Nordlicht ist und bleibt eben ein Nordlicht. Das sieht Marie zum Glück ganz genau so.

Dienstag, 20. Januar 2015

Famulatur und Suizid

Das Wintersemester neigt sich dem Ende zu. Noch bis zum Ende des Monats raucht mein Kopf, dann kann ich das Tempo für rund zehn Wochen ein wenig drosseln. Insgesamt bin ich gut im Rennen. Im nächsten und übernächsten Monat werde ich vier Wochen lang in einer Kinderarztpraxis den ersten Teil meiner Famulatur ableisten. Ich freue mich schon riesig, obwohl es sicherlich ein hartes Stück Brot wird, das ich da zu kauen habe. Die erste Erkältung seit vielen Monaten habe ich schon fest eingeplant. Und täglich morgens ganz früh mein warmes, kuscheliges Bett verlassen zu müssen, um abends völlig erschöpft wieder in selbiges zu purzeln, klingt wahrhaftig nicht nach Semesterferien.

Bis Ende 2016 werde ich auch noch zwei Monate lang in einem Krankenhaus oder einer Reha-Einrichtung ein weiteres Vollzeit-Praktikum machen müssen und für einen weiteren Monat dann noch in einer Hausarztpraxis. Somit sind die nächsten Semesterferien schon gut belegt. Wenn alles gut läuft, bin ich im Sommer 2018 mit dem Studium fertig. Es kann aber auch gut sein, dass sich das Ende noch um ein oder zwei Semester nach hinten verschiebt.

Mehrmals wurde ich bereits gefragt, auch und besonders in Kommentaren zu einzelnen Postings, ob ich schon Pläne für die Zeit danach habe. Mehrmals wurde sogar sehr konkret das Stichwort "Kinderärztin" in den Raum geworfen. Und mit Blick auf meine Wahl bei der anstehenden Famulatur sehe ich die Frage erneut auf mich zukommen, so dass ich schon einmal vorgreife: Ich weiß es noch nicht. Ich möchte mir das absolut offen halten. Eine Weiterbildung zur Kinderärztin wird im Anschluss an das Studium weitere mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen. Das heißt: Vor 2023 wäre ich damit auf keinen Fall fertig. Und das ist noch sooo lange hin, dann wäre ich bereits über 30. Nein, daran mag ich jetzt noch nicht denken.

Zuallererst denke ich über die nächsten Wochen nach. Ob es Eltern geben wird, die mich fragen wollen, ob ein Mensch im Rollstuhl unbedingt in einer Praxis für Kinder- und Jugendmedizin arbeiten sollte? Immerhin könnten die Kinder ja von meinem Anblick traumatisiert werden. Die Kinder selbst sind in aller Regel sehr neugierig und interessiert. Marie meinte schon, ich solle bei ganz doofen Eltern einfach die Kinder fragen, ob sie nicht auch so einen tollen Rollstuhl haben wollen. Ich weiß, wir sind fies.

Und ich lerne ja immer dazu. Mein heutiger Praktikumstag auf der Chirurgie (wir müssen einen Tag pro Woche praktisch ran) war mal wieder bombastisch. Patient eins und zwei waren derart schlecht gelaunt, dass ich froh war, nur zugucken zu müssen. Beim dritten Patienten im privaten Einzelzimmer durfte ich selbst ran und sollte mich um eine Wunddrainage kümmern. Der Mann um die 60 war relativ entspannt, ließ alles mit sich machen, musste mich dann aber beiläufig fragen, ob ich hin und wieder Suizidgedanken hätte. Und damit waren wir schlagartig und ohne besondere Einleitung schon wieder auf jener Ebene, die ich nicht leiden kann und die mich inzwischen auch wirklich seit einigen Wochen zunehmend nervt.

Ich glaube nicht, dass er mich verletzen oder beleidigen wollte. Es war, wie wohl fast immer, einfach nur unbedacht. Aber es ist mal wieder so, dass damit jemand ungefragt in meinen persönlichen Bereich eindringt. Und es ist zusätzlich so, dass meine Kommilitoninnen so etwas nicht gefragt werden. Soll heißen: Es liegt mal wieder ganz klar an meiner offensichtlichen körperlichen Beeinträchtigung. Und es wird assoziiert: Ich habe kein lebenswertes Leben. Oder mein Lebenswert ist zumindest deutlich herabgesetzt. Diese beschissenen Vorurteile gehen mir inzwischen so derbe auf den Keks, dass ich ernsthaft hoffe, dass das irgendwann mal weniger wird und sich bessert mit der Zeit.

Ich lerne ja aber dazu und habe freundlich geantwortet: "Ihre Frage ist ziemlich unverschämt und die Antwort lautet: Kein Kommentar."

Und das war genau die falsche Antwort. Er grinste und sagte: "'Kein Kommentar' heißt 'Ja'." - "Nein, das heißt es nicht." - "Wie lange ist der Unfall her? Es war doch ein Unfall, oder? Ich gebe Ihnen mal einen guten Rat: So ein Medizinstudium eignet sich nur begrenzt dazu, die eigenen Probleme zu lösen. Als angehende Ärztin werden Sie täglich mit Patienten zu tun haben, die schwere Schicksalschläge zu verkraften haben. Da müssen Sie mit sich selbst im Reinen sein. Und das sind Sie nicht, sonst könnten Sie normal über alles reden."

So ein ...! Was redet der mir ein? Ich habe keine Suizidgedanken. Ich hatte auch nie welche, zumindest keine konkreten und schon gar nicht seit meiner Entlassung aus der stationären Rehabilitation. Sicherlich habe ich mir in der Phase nach dem Unfall Gedanken darüber gemacht, wie ein Leben mit Querschnittlähmung aussieht und auf viele Fragen keine Antworten gewusst. Sicherlich war ich in diesem Zusammenhang so verzweifelt, dass mir als einzig sicherer Ausweg aus der Situation das Ende des eigenen Lebens einfiel und ich mir Gedanken darüber gemacht habe, dass mir dabei niemand helfen, geschweige denn diese Aktion für mich umsetzen wird. Also müsste ich es selbst tun. Aber so unerträglich, dass diese Aktion nicht noch ein wenig Zeit hatte, war es nie, auch wenn ich das Gefühl, alles um mich herum würde mich innerlich zerreißen, furchtbar fand. Und so konkret, dass ich mir einen konkreten Plan ausgearbeitet habe, wurde es zum Glück nie.

Aber was geht ihn das bitte an? Ich schluckte die Kröte im Hals herunter und holte Luft, doch meine Anleiterin, die hinter mir stand, zog das Gespräch an sich: "Die Beurteilung, ob meine Kollegin für ihr Studium und für ihren späteren Beruf persönlich geeignet ist, steht Ihnen nicht zu. Und Sie haben hier auch keine Ratschläge zu erteilen. Ihre Frage war völlig unangemessen, und wenn Sie von mir einen Rat wollen, dann sollten Sie sich bei ihr entschuldigen."

Ich war zum Glück fertig. Er sagte: "Ich weiß, warum sich so wenig Patienten darauf einlassen, Ihren Nachwuchs einzuarbeiten. Ich bestehe künftig auf die gebuchte und bezahlte Chefarztbehandlung. Richten Sie das Ihren Kollegen aus und schicken Sie mir Ihren Chef rein!"

Es dauerte keine halbe Stunde, da ließ mich der Chefarzt zu sich rufen und in einem fünfminütigen Gespräch wissen, dass er keine Auseinandersetzungen mit Patienten wünsche, schon gar nicht mit Privatpatienten. Es sei nicht seine Aufgabe, zwischen den Fronten zu vermitteln. Ich habe ihn dann gebeten, mir als Studentin zu helfen und mir einen Rat zu geben, wie ich künftig mit Fragen nach meiner Suizidalität umgehen soll. Er antwortete: "Dazu darf es gar nicht kommen. Sie haben den Hut auf und Sie dürfen dem Patienten gar nicht den Raum für solche Fragen lassen. Überlegen Sie sich vorher, was Sie in dem Zimmer wollen, und dann arbeiten Sie das konsequent ab, und wenn eine Situation kommt, die ein Patient meint mit sinnlosen und intimen Fragen überbrücken zu müssen, arbeiten Sie nicht souverän und vor allem nicht stringent genug."

Ich schluckte. Und antwortete: "Das verletzt mich gerade sehr." - Seine Reaktion: "Dann habe ich ja den richtigen Nerv getroffen. Sie haben ohne Frage das Zeug zu diesem Beruf, sonst hätten Sie es nicht so weit gebracht. Aber inzwischen müssen Sie so weit gekommen sein, dass Sie Regie führen und nicht der Patient. Sie dürfen nicht lange überlegen, nicht lange rumsülzen, sondern Sie machen Ihren Job. Und so lange Patienten Job und Privatleben vermischen und Sie solches Zeug fragen, ist denen Ihre Rolle nicht klar. Sie lassen die Leute zu nah an sich heran. Also treten Sie mal etwas forscher auf, fragen Sie den Patienten nach seinem Befinden und lassen Sie ihn erzählen und berichten, unterbrechen Sie ihn drei Mal mit der Ansage, dass Sie ihm gerade nochmal weh tun müssen, und sobald Ihre Fragen beantwortet sind, rollen Sie weiter zum nächsten Auftrag! Wenn er dann noch was will, wird er sich schon bemerkbar machen. Und wenn dann solche intimen Fragen kommen, dann sagen Sie einfach, Sie seien auf der Arbeit und nicht in der Kneipe. Es bringt nämlich nichts, auf die Einsicht von Menschen zu hoffen, die meinen, solche Fragen stellen zu müssen. Wenn die bis hierher nicht kapiert haben, dass sich sowas nicht gehört und den Respekt vor Ihnen nicht haben, dann erlangen Sie den nötigen Respekt gewiss nicht durch eine entsprechende Belehrung oder durch drei verdrückte Tränen."

Ich schluckte noch einmal. Er fuhr fort: "Ich sehe in Ihren Augen die nächste Frage, die Sie schon gar nicht mehr stellen wollen. Und die Antwort lautet: Doch, Sie sind für die Patienten da. Sie sollen sich Zeit nehmen, Sie sollen auch mit Ihnen reden. Aber Sie erreichen eben nichts bei jenen, die gar nicht reden wollen. Und jemand, der Sie fragt, ob Sie suizidal sind, der will nicht reden. Menschen, die reden wollen, sind still oder reden erstmal über sich. Die öffnen Ihnen ihr Herz. Und mit denen dürfen Sie sich, wenn Sie die Zeit dafür haben, von mir aus auch eine Stunde lang zum Quatschen in die Kantine setzen. Die anderen ändern Sie nicht. Also bleibt Ihnen nichts anderes, als sich selbst anzupassen. Ich habe davon gehört, wie der kleine Junge im Rollstuhl auf Sie abgefahren ist. In Ihnen steckt ein wunderbares Potential. Aber das eignet sich eben nicht für jeden Menschen", sagte er, ging zur Tür und schmiss mich mit einem Händedruck raus.

Ich schluckte ein drittes Mal und konnte mir ein "Danke" nicht verkneifen. Was total komisch wirken muss in Anbetracht der gehörigen Abfuhr. Aber irgendwie hatte er mir einen Spiegel vorgehalten, in den ich noch nie geblickt habe. Vielleicht hilft mir das weiter. Bestimmt sogar. Ich fragte mich, warum ich das bis heute nie so wahrgenommen habe, bin aufs Klo und habe erstmal geheult.

Sonntag, 18. Januar 2015

Flirter und Dickmacher

Gibt es Männer, die mit sexy Frauen in Kontakt kommen wollen und sie deshalb scheinbar unbeabsichtigt anrempeln? Indem sie beim Laufen verträumt auf ihr Handy gucken, betont abwesend rückwärts oder seitwärts gehen, verlorenes Gleichgewicht oder die versehentlich unangemessene Geschwindigkeit vor unübersichtlichen Ecken vortäuschen? Ja, die gibt es.

Gibt es Frauen, die mit knackigen Männern in Kontakt kommen wollen und sich ähnlich anstellen, dabei aber noch auf weitere Tricks aus der Kiste, wie zu hohe Absätze, Orientierungslosigkeit, ... ach, ich muss aufpassen. Beides hat, wenn es nicht zu plump ist, einen gewissen Charme. Flirten gehört dazu.

Würden alle die Menschen, die mich in letzter Zeit unbeholfen angerempelt haben, charmant mit mir flirten wollen - wie cool wäre das bitte? Wie gerne würde ich das Spielchen mitspielen und genauso unbeholfen den knackigen Muskelmann so umfallen lassen, dass er sich plötzlich in meinen Armen wiederfindet!

Aber nein ... es rempeln immer nur die Doofen. Und die Doofen wollen nicht flirten, sondern nur ins Gespräch kommen. Ja, sorry, ich weiß, ich nörgel schon wieder rum. Allerdings sagt meine Psychologin immer, ich soll nicht alles runterschlucken. Und für alle Leserinnen und Leser, die jetzt abbrechen wollen, sei gesagt: Es wird gleich besser! Also liest du weida!

Jedoch erst nochmal zu den Doofen. Besonders lustig wird es, wenn ich das Ansinnen frühzeitig erkenne. Ein kurzer Blickkontakt, auffällig betontes Weggucken - und dann sich auffallend langsam und im Handy lesend auf Kollisionskurs begeben. Selbst dann, wenn ich inzwischen mehrere Kurskorrekturen gemacht habe, ändern diese Leute ihren Kurs immer wieder so, dass wir wieder zusammen rasseln würden - zufällig immer in die Richtung, in die ich auch korrigiert habe. Und zufällig immer nach einem kurzen Hochgucken. Und irgendwann bleibe ich stehen, spreche ein bis zwei Meter vor dem Crash denjenigen an und erlebe dann meistens, dass diejenigen trotzdem bis zur Kollision weiter laufen, um dann zu sagen: "Oh, oh, Entschuldigung, haben Sie sich verletzt? Das ist mir ja unangenehm, meine Mutter (Vater, Nachbar, Freund) saß auch mal im Rollstuhl und da habe ich immer geschimpft, wenn Leute keinen Platz gemacht haben, und heute bin ich selbst unaufmerksam. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen."

Ein Seufzen. Und ein müdes Lächeln.

Richtig lachen musste ich aber vor einigen Tagen beim Einkaufen. Ich hatte für eine Party drei Flaschen Cola, Chips, Erdnüsse, Gummibärchen und noch irgendwas anderes ekelhaft Ungesundes auf dem Schoß. In einem langen Gang begegnete mir eine Frau mit einer offensichtlichen Beeinträchtigung. Sie gehörte zu einer Wohngruppe, die direkt vor mir mit einem Bus, auf dem groß das Logo einer hiesigen Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen klebte, angekommen war, geschlossen in den Supermarkt einfiel und sich dann aufteilte. Diese Frau, etwa Mitte 40, musterte meinen ungesunden und kaloriereichen Einkauf und prustete laut ein "Boa! Oha! So viele Dickmacher!" aus sich heraus. Um dann zwei Sekunden später über sich selbst zu lachen mit den Worten: "Naja, warum auch nicht?!"

She made my day. Immernoch breit grinsend erreichte ich die Kasse. Als ich dran war, sah mich die Kundin, die vor mir gerade ihren Einkauf in ihren Hackenporsche räumte. Sie strich mir plötzlich über den Oberarm und sagte: "Schön, dass Sie sich trotz Allem freuen können." - Darauf hatte ich nun gerade noch gewartet.

Samstag, 17. Januar 2015

Behindert und schwanger

... und wo ich schonmal in Fahrt bin: In fast die gleiche Kerbe wie "Biester und Hexen" schlägt mein heutiger Beitrag. Auch auf die Gefahr hin, dass ich gleich erneut lesen muss, ich würde zunehmend verbittern. Völlig fassungslos habe ich gerade einen Artikel im Spiegel gelesen, der auf der Facebookseite von Spiegel online hunderte Male kommentiert wurde. Eigentlich ging es in dem Artikel darum, dass es für Menschen mit Beeinträchtigungen in Deutschland sehr schwer sei, einen spezialisierten Gynäkologen zu finden. Ich kann diese Einschätzung nicht teilen, weil ich mich durch meine Frauenarzt-Praxis gut betreut sehe; ich muss allerdings auch gleich ergänzen und damit auch relativieren, dass ich kein Maßstab bin, da viele Menschen weitaus stärker ausgeprägte körperliche Einschränkungen haben als ich. Von daher möchte ich die Aussage des Artikels überhaupt nicht in Frage stellen.

Was mich aber (nicht verbittert sondern) wütend macht, ist die Vielzahl jener Kommentare, in denen es plötzlich nicht mehr um die schlechte gynäkologische Versorgungssituation von Frauen mit Behinderung in Deutschland geht. Etliche Leserinnen und Leser haben den Artikel zum Anlass genommen, eine widerwärtige Diskussion über die Rechte von Menschen mit Behinderungen loszutreten. Und damit meine ich nicht die übliche Anzahl jener Trolle, die überall durch destruktive Provokationen ihre Aufmerksamkeit erhalten wollen; Kommentare, wonach man sich am Ort eines ehemaligen Konzentrationslagers ja zumindest mit Behinderten auskenne, natürlich ironisch gemeint, oder nicht-ironische Aussagen, es sei falsch, wenn Behinderte überhaupt Kinder bekämen, kann man, genauso wie die Frage, wer denn bitte eine Behinderte ficke, natürlich nicht ernst nehmen.

Aber ob und unter welchen Umständen es Menschen mit Behinderungen erlaubt sein soll, eigene Kinder zu bekommen und welche Rolle Kinder mit Behinderung in der Gesellschaft spielen, waren Fragestellungen, zu denen viele differenzierte Meinungen und noch viel mehr Unsinn tatsächlich geschrieben wurden. Ich sage ausdrücklich, dass es unterschiedliche Meinungen geben muss und dass ich die richtigen Lösungen auf viele Fragen und Probleme unserer Gesellschaft ebenso wenig weiß. Ich habe aber mit Erschrecken festgestellt, dass eine Vielzahl jener Kommentatoren, die ernsthaft glauben, diese Lösungen zu kennen, auf mich den Eindruck erweckten, von Tuten und Blasen überhaupt keine Ahnung zu haben. Um nicht unterstellen zu müssen, sie seien mitten in den dreißiger Jahren eingeschlafen und eben gerade wieder aufgewacht. Das passte aber vom Alter nicht, denn die Mehrzahl jener derart ekelerregend Kommentierenden war nicht weit über 80 sondern gerade über 20.

Kann es wirklich sein, dass mir jemand ernsthaft meinen Wunsch absprechen würde, ein Kind zu bekommen? Weil ich querschnittgelähmt bin? Ist das wirklich diskussionswürdig?

Vielleicht ist es vermessen, in Zeiten, in denen wir mit Sorge auf unseren Umgang mit Flüchtlingen schauen müssen und in denen sich Nachbarn aus derselben Stadt, vielleicht sogar aus derselben Straße, mit großem Aufwand zu Terroristen ausbilden lassen, dafür zu werben, sich mit Themen wie Nächstenliebe, Vielfältigkeit, Dazugehörigkeit und vor allem Gleichwertigkeit mal intensiv zu befassen. Vielleicht aber auch gerade nicht.

Auf jeden Fall lohnt es sich aber, für das nötige Selbstbewusstsein zu werben, das man braucht, um auf jene Fragen, mit denen man sich noch nicht ausreichend beschäftigt hat, keine Antwort zu äußern. Das mache ich an dieser Stelle mal, denn ich habe den Eindruck gewonnen, es ist mit Blick auf diesen Artikel bitter nötig.

Freitag, 16. Januar 2015

Biester und Hexen

Sie bleibt spannend, die Diskussion darüber, ob ich mit jedem Patienten (Kunden) über meine Behinderung sprechen muss. Ob es unfreundlich ist, das abzulehnen. Ob ich verbiestert oder gar eine alte Hexe bin, wenn ich ein an meinem Arbeitsplatz von einem Patienten (Kunden) begonnenes Gespräch über die Amputation meiner Beine unwirsch im Keim ersticke. Wenn ich sogar angefasst reagiere auf diesen aus meiner Sicht nach wie vor unsäglichen und unerträglichen Vorstoß.

Gleich einreihen in diese Diskussion möchte ich die Frage, ob von mir ständige Höflichkeit erwartet wird. Ob ich wirklich auf Augenhöhe kommunizieren darf. Ob ich Fragen zurückweisen darf, auch wenn sie nett gemeint oder aus reinem Interesse gestellt sind. Ob es mit meiner allgemeinen Offenheit unter einen Hut zu bringen ist, wenn ich nach Gutdünken Fragen meinem persönlichen Gegenüber einfach nicht beantworte.

Ich glaube, und damit beziehe ich mich auf etliche Leserinnen- und Lesermeinungen zu meinem letzten Beitrag, erneut hervorheben zu müssen, dass ich die allgemein gehaltene Frage, warum sich ein querschnittgelähmter Mensch in aller Regel nicht seine Beine amputieren lässt, durchaus beantworten würde. Inzwischen haben das andere Leserinnen und Leser in ihren öffentlichen Kommentaren bereits getan, so dass mir das nicht mehr nötig erscheint. Eine solche allgemeine Frage würde allerdings einen allgemeinen Rahmen voraussetzen.

Ein allgemeiner Rahmen kann ein Gespräch, meinetwegen auch eine öffentliche Diskussion oder eine persönliche Frage sein. Auch für ein Referat oder eine schriftliche Arbeit würde ich mich durchaus gerne mit dieser Fragestellung auseinander setzen. Dieser allgemeine Rahmen wäre aus meiner Sicht zum Beispiel dann gegeben, wenn der Fragesteller, hier der Splitter-Patient, dieses Gespräch auch mit einem approbierten Kollegen, der nicht im Rollstuhl sitzt, begonnen hätte. Jede Wette: Hätte er nicht.

Vielleicht, weil er den approbierten Kollegen nicht ausreichend im Thema gesehen hätte. Dann stell ich mir halt vor, dass an seinem Kittel auch "Unfallchirurg" oder "Facharzt für Neurologie" oder sonstwas einschlägiges steht. Womit ich nicht sagen will, dass alle diejenigen, an dessen Brust nicht so etwas angeheftet ist, inkompetent sind. Sondern ich suche nach einem Reiz, dieses Gespräch zu beginnen. Meinetwegen kam auch gerade ein Rollstuhlfahrer vor ihm aus dem Behandlungszimmer.

Fakt ist doch erstmal, dass es sich um eine Notfall-Aufnahme handelt. Man mag dahingestellt lassen, ob man mit einem Holzsplitter im Fuß in die Notaufnahme geht. Vielleicht konnte er sich nicht anders helfen, mag ja sein. Aber gerade wenn die Hütte voll ist, im Wartebereich Dutzende Leute sitzen, dann laber ich nicht noch unnötig rum, sondern beschränke meine Ansprüche auf das Wesentliche. Ich ruf doch auch nicht die Feuerwehr, weil nebenan seit drei Stunden eine Katze im Baum sitzt und kläglich miaut, und frage bei der Gelegenheit gleich mal nach, ob einer der starken Männer, die gerade nicht im Baum hängen, mit einer kleinen Leiter und etwas Wasser eben bei mir auf den Schränken Staub wischen könnte. Ich empfinde es als eine moderne Art der Unfreundlichkeit, zu sehen, dass mit mir noch fünf andere Kunden warten, und trotzdem den einzigen Verkäufer mit sinnlosen Fragen stundenlang an mich zu binden, nur um den vier anderen Wartenden zu zeigen, wer hier King ist.

Selbst wenn ich diese Notaufnahmen-Situation völlig ausblende und mir vorstelle, dass mich alternativ beim Warten auf die S-Bahn jemand anspricht, ändert es nichts daran, dass wir uns nicht auf Augenhöhe befinden. Wir sind nicht miteinander bekannt, nicht befreundet, wir haben keinen über das Nötigste hinausgehenden Kontakt, und dann stellt mir jemand so persönliche Fragen und erwartet eine freundliche und liebevolle Reaktion?

Ich empfinde es einfach als eine egoistische Taktlosigkeit, mehrere Leserinnen und Leser haben sogar das Wort "Übergriffigkeit" benutzt, die Gebundenheit meiner Mitmenschen für eigene Belange auszunutzen. Nichts anderes mache ich, wenn ich den Polizisten, der gerade einen Unfall mit Verletzten aufnimmt, danach frage, ob man da vorne parken darf. Oder wenn ich der Kassiererin im Supermarkt oder dem Zimmermädchen im Hotel erkläre, wie sehr ich auf dicke Möpse stehe. Oder die Schauspielerin beim Sonnenbad am Strand für ein Autogramm wecke.

Ich kenne genügend Juristen, Bankangestellte und Ärzte, die regelmäßig auf Partys mit beliebigen Rechtsfragen, Anlagetipps oder Krankengeschichten überhäuft werden. Ich kenne sogar eine Ärztin, die manchem Redseligen auf Feiern einfach die Frage nach dem beruflichen Werdegang mit "Mutter" beantwortet. Das fällt mir in der Notaufnahme natürlich besonders schwer - und das liegt nicht alleine daran, dass ich keine Kinder habe.

"Du sprichst doch auch wildfremde Leute an, wenn du Hilfe brauchst", habe ich mir kürzlich in einer ähnlichen Diskussion anhören müssen. Ist das tatsächlich ein Persilschein, mit dem ich kritiklos jede Ansprache und Frage, und sei sie noch so intim, erdulden muss? Resultiert daraus tatsächlich meine Verpflichtung, zu allen Menschen freundlich zu sein?

Auf Augenhöhe habe ich bisher jede Frage beantwortet. In meinem Blog habe ich bisher nahezu jede Frage beantwortet, denn hier sehe ich mich in einer völlig anderen Rolle. Aber in der Öffentlichkeit mal eben aufgrund meiner sichtbaren Behinderung dazu befragt zu werden, ob der Sex klappt, ob ich meine Beine amputieren lasse, ob ich Windeln tragen muss - das ist schlicht unangemessen. Oder fragt ihr die Frau mit dem Kinderwagen im Bus auch, in welcher Stellung der Sprößling gezeugt wurde, ob die Narbe des Kaiserschnitts schon gut verheilt ist oder ob es beim Niesen noch tröpfelt?

Aber, und das muss ich dann natürlich auch erneut hervorheben, gegen die grundsätzliche Diskussion über das Thema habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn sich jemand, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, dafür entscheidet, bei einer Querschnittlähmung seine Beine amputieren zu lassen, akzeptiere ich das. Ich würde zwar meine Bedenken anmelden, wenn ich gefragt werde, aber die letzte Entscheidung über seinen Körper trifft wohl der betroffene Mensch. Und ich lasse mich auch gerne (und vermutlich auch leicht) davon überzeugen, dass beispielsweise starke Schmerzen ein guter Grund sein können. Menschen sind verschieden; die Gründe und die persönliche Gewichtung von Argumenten ebenso. Das nennt man Vielfalt. Glaube ich. Vor demjenigen, der seine Hand durch eine Prothese ersetzt, lüfte ich sogar ein wenig meine Wollmütze, denn ich glaube nicht, dass ich mich das trauen würde.

Ich würde, selbst wenn ich weiß, dass er darüber bloggt, niemals auf die Idee kommen, ihn bei meinem Besuch auf dem Finanzamt anzusprechen, dass er ja nicht mehr länger in der miefigen Amtsstube sitzen müsste, wenn er sich entscheiden könnte, seine gelähmte Hand durch eine mikroprozessorgesteuerte Handprothese zu ersetzen. Ich denke nämlich, dass es seine Gründe hat, warum er sich entweder mit dem Thema noch nicht befasst hat, oder warum er sich trotz Befassens dagegen entschieden hat. Ich denke nicht, dass er nur auf meine Idee, mein Wissen oder meine Motivation gewartet hat. Und ich glaube, nur weil ich beide Hände frei bewegen kann und nicht gerne in einer Behörde arbeiten würde, kann ich mich noch lange nicht in seine Situation hineinversetzen. Das weitestgehend zu versuchen, würde ich aber von mir erwarten, bevor ich schlaue Ratschläge verteile. Und das kann ich nur dadurch, dass ich den Menschen, genauer gesagt: seine Perönlichkeit, näher kennenlerne. Die fachlichen Informationen hole ich mir im Zweifel aus dem Internet. Oder ich frage Menschen, die sich bereit erklärt haben, mit mir über dieses Thema (oder solche Themen) zu sprechen. Oder zu schreiben.

Dienstag, 13. Januar 2015

Opfer-Kastanie und Splitter-Patient

"Liegt ein Mann in der Notaufnahme." - So könnte ein Witz beginnen. Aber wer erzählt ihn mir?

Wie langweilig wäre doch mein Studentenleben ohne den wöchentlichen praktischen Tag. Im Moment in der Chirurgie und heute nochmal aushilfsweise in der Notaufnahme. Fachkräfte werden eben gebraucht... Aktuell dabei: Schülerpraktikant Nick. Soziales Pflichtpraktikum. Nick ist 14 und dauernd auf Sendung. Genauer gesagt: Er muss alles kommentieren und brabbelt dafür in jeden Satz, selbst dann, wenn er gar nicht für ihn bestimmt ist.

"In der Vier liegt ein Mann um die 60 mit einem Splitter im linken Fuß. Jule, das können Sie alleine." - Nick: "Splitter im Fuß? Hat er da DSL drauf?" - "Nein, hat er nicht, es ist ein Holzsplitter. Und falls Tetanus nicht mehr aktuell ist, ..." - Nick: "Täter-Nuss? Gibt es denn auch eine Opfer-Kastanie?"

Seufz. Zur Opfer-Kastanie machte er sich irgendwie gerade selbst. Während ich mich um die Käsefüße aus der Vier kümmerte, durfte Nicknack den Wäschewagen ausräumen. Er dürfte natürlich auch zugucken und helfen, das setzt aber voraus, dass er sich altersgemäß benimmt. Vor diese Wahl wurde er gestellt, er hat sich indirekt für den Wäschewagen entschieden.

Die Frage, wo denn der Schuh drückt, verkniff ich mir und stellte fest, dass des Mannes Problem auch einfacher hätte behoben sein können, wäre zu Hause jemand gewesen, der ihm den Splitter aus der Fußsohle zieht. Das Ding war etwa drei Millimeter lang, vermutlich Fichtenholz, steckte fast parallel in den oberen Hautschichten und hätte mit einer einfachen Haushaltspinzette gezogen werden können. Zum Glück war die letzte Fußpflege noch nicht allzu lange her.

Das alles wäre nicht erwähnenswert gewesen, hätte der Herr mich nicht kurz vor Abschluss mit einer Frage konfrontiert, die mich zu der Annahme verleitete, ich würde zu langsam arbeiten. War beim Splitter entfernen wirklich so viel Zeit vergangen, dass man auf solche Gedanken kommen musste? Er fragte mich: "Wenn ich Sie so sehe, mit dem Rollstuhl, oder wenn ich andere Leute im Rollstuhl sehe, die ihre toten Beine als unnützen Ballast mit sich herum schleppen, dann frage ich mich immer: Warum lassen Sie sich die nicht einfach amputieren? Zumal Sie hier im Haus doch die besten Möglichkeiten hätten!"

Ein kleiner Teufel hielt vor meinem inneren Auge ein Plakat hoch, auf dem geschrieben stand: "Aus dem gleichen Grund, aus dem du dein Gehirn auch nicht entfernen lässt, du Arsch." - Ein kleiner Engel nahm dem Teufel das Plakat aus der Hand und drehte es um. Der Teufel stemmte seine Hände in die Hüften. Der Engel guckte autoritär. Einen Moment lang gefiel mir der Teufel und ich war drauf und dran, das Plakat laut vorzulesen. Eine eventuelle Beschwerde würde ich dann entweder mit seinen akkustischen Halluzinationen oder meinen vokalen Tics erklären. Am Ende gewann der Engel, der Teufel rauchte aus den Ohren und die Traumblase zerplatzte.

Ich sagte: "Nur weil jemand die Muskeln in den Beinen nicht oder nur eingeschränkt bewegen kann, zersägt man ja nicht gleich seinen ganzen Körper." - Er holte nochmal Luft, da wir aber ohnehin fertig waren, fuhr ich ihm kopfschüttelnd in die Parade: "Also die Leute haben manchmal Ideen, das ist schier unglaublich."

Bereits zur Tür gerollt und den Griff in der Hand, drehte ich mich nochmal um: "Die Schwester kommt gleich nochmal und hilft Ihnen beim Anziehen." - "Nicht nötig, so gelenkig bin ich noch." - Eine Verabschiedung sparte ich mir.

Zurück im Dienstzimmer sagte ich zu meiner freundlichen Anleiterin: "Er wollte, dass ich mir meine toten Beine amputieren lasse." - "Wat is los?!" - "Der kommt bestimmt gleich nochmal hierher und will sich erklären. Hast du schnell noch was anderes für mich?" - "In der Drei einen perianalen Abszess. Kannst schonmal vorfahren, ich komme gleich." - "Du, meinetwegen auch das." - "Braucht der denn jetzt noch was?" - Einer ihrer Kollegen, der im Hintergrund am PC tippte, murmelte: "Eine Benimmschule wäre wohl angemessen. Sorry." - Ich sagte: "Der ist versorgt und kann nach Hause."

Perianaler Abszess ist natürlich auch fein. Die arme Frau, Mitte 30, hatte mein volles Mitgefühl. Der Gestank hielt sich zwar in Grenzen, eklig ist das aber dennoch. Ziemlich. Aber nicht eklig genug, um direkt danach im Dienstzimmer ein Stück Butterkuchen zu essen, das eine Schwester anlässlich ihres Geburtstages in die Runde warf. Einmal kurz singen, bevor die erste wieder an die Front musste. Und dann fragte meine Anleiterin nochmal so, dass alle es mitbekamen: "Was wollte der Typ mit dem Splitter jetzt von dir? Du solltest dir deine Beine amputieren?"

Ich gab den Schwank noch einmal in der Runde zum Besten. Der zufällig anwesenden Physiotherapeutin fiel fast der Kuchen aus dem Mund. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich wieder gesammelt hatte, dann nuschelte sie gereizt-genervt: "Auffe Fresse?!" - Zu meinem großen Glück fand sich niemand, der ihr widersprach oder gar ähnliche Ansichten hatte wie der Splitter-Patient. Ob der Engel einen weiteren Kampf gewonnen hätte - ich bin mir da nicht sicher.

Samstag, 10. Januar 2015

Vollmond oder Orkan

Es war der erste große Orkan in diesem Jahr. Einer von jenen, die jedes Jahr im Januar über Hamburg hinweg fegen. Mit Sturmflut. Nicht wirklich bedrohlich, es wurden zwar einige Fluttore geschlossen, aber die Deiche hatten noch locker vier Meter Luft nach oben. Fester im Griff hatten Hamburg umgestürzte Bäume, die auf Gleise oder Oberleitungen fielen. Am gestrigen späten Nachmittag kam der gesamte Fern- und U-Bahnverkehr zum Erliegen, im Hauptbahnhof stapelten sich die Reisenden, nichts ging mehr. Zu unserem großen Glück waren wir rechtzeitig vorher angekommen und konnten uns gerade noch so aus dem Staub machen, bevor das wirkliche Chaos losging.

Einen Magneten für die Auswirkungen gefährlicher Wetterlagen habe ich also nach wie vor nicht irgendwo eingenäht. Wohl aber den für komische Leute. Und so wundert es nicht, dass mal wieder etwas Kurioses passierte, als Marie und ich auf den beiden Rollstuhlplätzen saßen, im Wagen 9 des ICE. Die Plätze sind am Ende eines Großraumwagens, wobei man zwischen den Plätzen und der begrenzenden Wand einfach eine Zweier-Sitzreihe ausgespart hat. Marie und ich setzten uns also auf diese beiden Sitzplätze, hatten unsere leeren Rollstühle vor uns stehen - und wenn wir es sehr bequem wollten, legten wir unsere Füße auf die Sitzfläche des Rollstuhls. An der gegenüberliegenden Abteilwand sind noch zwei Notsitze angebracht. Mit Stoff bezogene Klappsitze mit recht kurzer Sitzfläche, die im Notfall für Begleitpersonal oder wen auch immer herunter geklappt werden können und sofort bei Verlassen automatisch wieder hochklappen.

An einen dieser hochgeklappten Sitze hatte sich ein Mann gelehnt, geschätzt 45, schlanke Figur, kurze Haare. Sein Popo war am oberen Ende der hochgeklappten Sitzfläche, die Beine hatte er lässig überkreuzt und ein wenig entlastet. Er trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, ein weißes Oberhemd und eine merkwürdig gemusterte Krawatte, hatte schwarze, auffällig spitze, glatt polierte Lederschuhe und einen großen Wecker am Handgelenk. Auffällig war neben seinen spitzen Schuhen auch seine Körpergröße, die zwei Meter dürfte er überschritten haben, und ein verhältnismäßig kleiner Kopf. Dieser Mann starrte mich aus der Entfernung von etwa drei Metern an. Er hatte in dieser Ecke an diesem Sitz eigentlich überhaupt nichts verloren. Da geht auch niemand hin, der auf dem langen Weg von der zweiten in die erste Klasse einen Moment verschnaufen möchte. Auch einen Feuerlöscher sucht man in der Ecke vergebens. Kurzum: Er stand dort, um zu starren.

Ich kann nicht sagen, wie lange er dort schon stand. Ich hatte geschlafen. Marie eigentlich auch. Aber plötzlich hörte ich ihre Stimme: "Und was kann ich für Sie tun?" - Solche Sätze sagte sie nur, wenn irgendwas im Busch ist, von daher musste ich nur noch die Augen öffnen und entdeckte diesen Mann. Ohne ein Wort guckte ich Marie an. Ohne ein Wort guckte Marie mich an. Dann guckte ich wieder zu diesem Mann. Er starrte noch immer. Unheimlich. Was für ein Freak war das? Wieso starrte er so?

Ich starrte eine Zeitlang zurück. Manchmal bringt das was. In diesem Fall nicht. Ich fragte: "Möchten Sie was von uns?" - Er antwortete nicht, sondern starrte nur. Ich fragte noch einmal: "Oder sind wir gerade unfreiwillig Teil eines psychologischen Experiments?" - Wieder keine Antwort. Da wir im Übergang zur ersten Klasse saßen, lief ständig Zugpersonal vorbei, das Bestellungen am Platz aufnahm und Essen, Getränke sowie leere Teller durch die Gegend trug. Nach einiger Zeit krallte sich Marie eine Frau, die vorhin unsere Fahrkarten kontrolliert hatte und eigentlich in Windeseile vorbei zischen wollte. "Tschuldigung, würden Sie uns bitte einmal helfen, es geht um den Herren hier, der hat sich vor einiger Zeit vor unseren Sitzplätzen aufgestellt und starrt uns seitdem an. Ich finde das sehr unangenehm und ich wüsste gerne, was er von uns will. Mit uns redet er aber nicht."

Die Bahnmitarbeiterin antwortete: "Kleinen Moment, ich komme gleich zu Ihnen, ja? Eins nach dem anderen." - Und weg war sie. Um schon nach etwa zwanzig Sekunden wieder aufzutauchen, mit ihrem Kollegen im Schlepptau. "Der Herr hier", sagte sie. Der Kollege sagte: "Guten Tag, Ihre Fahrkarte hätte ich gerne mal gesehen, bitte." - Keine Reaktion, der Typ starrte mich weiter an. Der Bahnmitarbeiter tippte ihm an die Schulter und fragte: "Hallo?" - Jetzt bewegte er sich, griff in Zeitlupe, ohne den Blick von mir zu wenden, in seine Jackettasche und holte etwas heraus, reichte es dem Bahnmitarbeiter. Dann, wenige Sekunden später, kniff er die Augen halb zusammen und dann endlich guckte er den Bahnmitarbeiter an. Argh! Psycho!!!

"So, ich habe gehört, Sie belästigen die Frauen hier. Stimmt das?" - Ich merkte, wie das Germurmel in den Sitzreihen hinter mir schlagartig verstummte. Der Mann antwortete: "Wer sagt denn sowas?" - Ah, eine Stimme hatte er auch. Der Bahnmitarbeiter: "Ich habe Sie was gefragt. Und zwar, damit ich von Ihnen eine Antwort bekomme und keine Gegenfrage, klar? Also: Belästigen Sie die Frauen hier?" - "Nein!" - "Na, dann können Sie jetzt ja weitergehen. Sie haben in dem Wagen hier nichts mehr verloren. Haben Sie das verstanden?" - "Kann ich meine Fahrkarte wiederhaben?" - "Wenn Sie jetzt gehen, ja. Da durch die Tür."

Er stiefelte nach draußen. Der Bahnmitarbeiter ging bis zum Gang, guckte ihm einen Moment lang hinter her, drehte sich wieder zu uns und sagte: "Das liegt an dem Sturm heute. Manche Menschen können mit den Luftdruckschwankungen nicht gut umgehen. Vollmond oder Orkan, egal, und alle drehen durch." - "Der war voll unheimlich!", sagte Marie. Der Bahnmitarbeiter antwortete: "Ja, ich weiß ja jetzt, wie er aussieht. Wenn der hier nochmal über den Flur läuft, komm ich gleich hinterher gehüpft."

Gehüpft? Vor meinem inneren Auge stellte ich mir unfreiwillig diesen Bahnmitarbeiter im Spiderman-Kostüm vor, wie er von Fenster zu Fenster durch den Gang sprang. Zum Lachen war mir aber gerade nicht zumute. Ein paar Minuten später schrieb Marie ihrem Papa eine SMS: "Kannst du uns vom Bahnhof abholen? Hier ist ein ganz komischer Mann im Zug, der uns belästigt. Hat Jule minutenlang angestarrt und musste vom Zugchef verscheucht werden." - Es dauerte keine Minute, da klingelte ihr Handy. Ob er jetzt weg ist, wollte er wissen, und wann unser Zug ankommt. Ein wenig neidisch bin ich ja schon. So einen Papa hätte ich auch gerne. Oder wenigstens einen großen Bruder. Manchmal. Aber wenn Marie so eine Bitte versendet, dann ist auch was los. Marie würde sich eher drei Stunden lang über einen Kilometer frischen Schnee quälen als jemanden zu belästigen, der sie zehn Minuten schiebt.

Das Manöver war am Ende überflüssig, weil der Freak im Zug sitzen blieb als wir ausstiegen. Aber das wussten wir natürlich vorher nicht - ebensogut hätte er auch aussteigen und bis nach Hause hinter uns herlaufen können. Wobei wir dann wohl weniger direkt nach Hause, sondern vielmehr direkt zur Sicherheitswache im Bahnhof gerollt wären. Ich hoffe nur, er sitzt nicht noch einmal mit uns im Zug. Bei meinem Glück treffen wir uns noch einmal wieder.

Eigentlich haben wir das auch schon. Heute in den frühen Morgenstunden habe ich von ihm geträumt. Er starrte wieder. Minutenlang. Ich bin vor ihm weggelaufen (!), er rannte hinter mir her und am Ende standen wir zusammen in einem Aufzug. Dann wollte er die Hand auf meine Schulter legen, ich wollte schreien, und in dem Moment, als seine Hand mich berührt hätte, zuckte ich zusammen und wachte auf. Marie lag neben mir und murmelte: "Was träumst du denn schon wieder?" - "Von dem Freak im Zug. Der war mit mir im Aufzug." - Schlaftrunken zog mich ihr Arm an sie heran. "Der Typ ist weg", meinte sie. Eine halbe Stunde lang lag ich bestimmt wach im Bett. Am Ende bin ich dann aber doch nochmal eingeschlafen.

Dienstag, 6. Januar 2015

Rausgedreht

Ein neues Jahr hat begonnen und der Wahnsinn geht genau so weiter wie er im alten Jahr aufgehört hatte. Wer hätte das gedacht? Okay, ich bin auch nicht überrascht. Und die neuen Vorsätze? Tja, die meisten haben sie schon aufgegeben. Aber ich nicht! Das mag daran liegen, dass ich auf einen Expertenrat im Supermarktradio gehört habe: "Beschließen Sie nur Vorsätze, die eine realistische Chance haben, von Ihnen auch eingehalten zu werden." - Habe ich gemacht. Ich habe mir vorgenommen, 2015 nicht mit dem Rauchen anzufangen. Das halte ich jetzt gerade das 23. Jahr in Folge durch!

Anders erging es einer Patientin, die sich heute im Herrenklo (!) der chirurgischen Aufnahme eine Kippe anstecken musste und damit das automatische Brandmeldesystem der Klinik ausgelöst hat. Sie kam eigentlich von der chirurgischen Station, nur dort hatte man ihr das Rauchen verboten. Not machte halt erfinderisch.

Und Langeweile macht streitsüchtig. Das habe ich heute auch gelernt. "Jule, sehen Sie doch bitte mal nach, was die beiden Damen in Zimmer 9 da anstellen. Die sind schon wieder bis auf den Flur zu hören." - Ist das meine Aufgabe? Nein? Egal. Einer fliegenden Schnabeltasse konnte ich gerade noch ausweichen, dann ging es los: "Ach, da schicken sie jetzt die Behinderte, weil wir zu laut sind? Soll das jetzt Eindruck schinden?"

Das gefiel mir. Ich erwiderte: "Dass Sie zu laut sind, haben Sie jetzt aber selbst gemerkt, ja?" - "Mach den Kopf zu, du halbes Huhn", bekam ich als Antwort. Ich hatte noch was auf der Zunge: "Sie brauchen sich gar keine Mühe zu geben, ich möchte bei ihrem Streit nicht mitmachen. Ich kann Ihnen nur versprechen: Wenn Sie sich hier nicht gleich altersgemäß benehmen, schlafen Sie nächste Nacht beide auf dem Balkon." - Umdrehen, raus, Tür zu. Meine heutige Anleiterin lehnte draußen mit dem Po an der Wand, stützte sich mit den Händen auf den Knien ab und gackerte. Ich guckte sie fragend an.

"Ist das geil. Ich stell mir gerade vor, wie du sie mitsamt der Betten über die Balkonschwelle wuchtest. Worüber streiten die sich?", fragte sie. - "Keine Ahnung. Warum legt man die nicht auseinander?" - "Keine Ahnung, musst du die Pflegekräfte fragen. Wahrscheinlich kann man die aber keinem zumuten. Weder die eine noch die andere." - Im selben Moment ging das Theater wieder los. Meine Anleiterin stapfte ohne zu klopfen ins Zimmer und versuchte es auf ihre Art. "So, Mädels, wo liegt euer Problem?", wollte sie wirklich wissen. Die am Fenster liegende Frau sagte: "Die Frau ist gassig." - "Ist was?" - "Gassig! Magen voller Gas! Alles Gas raus, rülpsen in einer Tour und stinken aus Hals wie totes Tier nach drei Wochen in Sonne! Rülpsen in einer Tour, Mamamia." - "Mein Gott, bist du primitiv!", blökte die andere zurück.

Mir war das zu doof. Ich rollte ins Dienstzimmer zurück. Ein Pfleger fragte mich, ob ich einmal in die Aufnahme nach unten könnte. Da sei jemand im Rollstuhl, völlig aufgelöst. Die Ärztin, jene, mit der ich Anfang Dezember einen sehr netten Praktikumstag hatte, hätte nach mir gefragt. Etwa schon wieder die Brandverletzung? Bitte eilig. Ich eilte.

Das Weinen, oder war es eher ein aufgebrachtes Schreien, war bis draußen auf den Flur zu hören. Keine junge Frau, sondern ein junger Mann, 2. Klasse, hatte sich beim Toben auf dem Schulhof verletzt. Vermutlich den rechten Unterarm gebrochen, genaueres wusste man nicht. Auf den Kopf war er wohl nicht gefallen, äußere Verletzungen waren am Kopf jedenfalls nicht erkennbar, aber genau gesehen hatte es niemand. Und Kopfverletzungen bei ventilversorgtem Hydrocephalus sind gefürchtet und alles andere als lustig. Er war mit dem Rettungswagen eingeliefert worden. Er hatte sich vermutlich sehr erschrocken, war mit der Situation überfordert, vielleicht wurde ihm auch gerade klar, dass er sich mit Gips in den nächsten Wochen überhaupt nicht alleine fortbewegen könnte. Nicht richtig schreiben. Und vor allem nicht alleine pinkeln. Die Schule hatte die Mutter schon angerufen, aber noch nicht erreicht.

"Das ist ein Junge mit Spina bifida. Er weint nach seiner Mutter, die ist aber erst in einer halben Stunde hier. MRT für den Kopf ist bestellt und wird in den nächsten zwanzig Minuten losgehen können, je nach Befund fliegen wir ihn weg, das soll er aber noch nicht wissen. Wenn der Kopf unauffällig ist, geht es erstmal zum Röntgen des rechten Unterarms. Der ist geschwollen und schmerzt, ist vermutlich gebrochen. Wenn nicht operiert werden muss, gipsen wir ihn hier und würden ihn hier behalten und beobachten, es sei denn, die Mutter will ihn verlegt haben. Kannst du, ähm ... ich dachte, du als Rollifahrerin?" - "Ihm erstmal die Hand halten, bis die Mutter kommt? Klar." - "Der heult Rotz und Wasser. Guck doch mal bitte, ob du ihn beruhigt kriegst, so kriegen wir ihn nie und nimmer durch die Röhre und wir würden ihn ungern abschießen, weil wir nicht wissen, was da im Kopf los ist und was heute noch alles auf ihn zukommt."

Okay, einmal tief durchatmen. Drei Sekunden überlegen, dann zusammen mit meiner Anleiterin auf in den Kampf. Was, wenn ich ihn auch nicht ruhig kriege? Ich schob den Gedanken zur Seite, machte die Tür auf, rollte in den Raum. An der Seite stand ein Kinderrollstuhl. Auf der selbst gestalteten Speichenblende war unter anderem sein Vorname, Jan, aufgemalt. Und mehrere Logos eines großen Fußballvereins. Ich rollte neben ihn, er lag auf dem Rücken der Untersuchungsliege, heulte noch immer lautstark vor sich hin und guckte die Zimmerdecke an. Meine Anleiterin trat hinter das Kopfende zurück und verschwand damit erstmal aus seinem Sichtbereich. Der rechte Arm war verletzt, ich legte meine Hand auf seine linke Hand. "Na, du bist Jan, oder? Ich bin Jule. Kannst du mir mal erzählen, was dir passiert ist? Wolltest du eine Runde fliegen? Das habe ich mit meinem Rolli neulich auch probiert - hat aber nicht geklappt."

Rolli? Schlagartig hatte ich seine Aufmerksamkeit. Er drehte seinen Kopf zu mir, hielt beinahe die Luft an. "Coolen Speichenschutz hast du. Mit dem coolsten Fußballverein der Welt drauf", fuhr ich fort. Er hatte tatsächlich aufgehört, laut zu weinen, schluchzte nun mit bebender Unterlippe vor sich hin. Ich sagte: "Hast du dich auf die Fresse gepackt? Kann doch mal passieren, oder? Ich hab mich neulich auch abgelegt, mitten in der Fußgängerzone. Tausend Leute wollten mir wieder in den Stuhl helfen, ich wäre am liebsten gestorben, so peinlich war das. Da war so eine scheiß Kante, die hab ich nicht gesehen und zack! Lag ich mit dem Gesicht im Dreck."

"Ich hab mich rausgedreht", schluchzte er. "Volle Kanne inne Kurve, ich wollte jemanden ticken, und dann bin ich rückwärts über die Seite umgekippt. Und dann wollte ich mich mit der Hand auffangen und seitdem tut das weh. Richtig fies weh." - "Bist du mit dem Kopf auf den Boden geknallt?" - "Nicht doll." - "Hinten?" - "Nein, an der Seite. Hier." - "Auf das Ventil?" - "Nein, das ist auf der anderen Seite. Außerdem war es nicht so doll." - Darf ich dir mal in die Augen leuchten? Ich würde gerne mal gucken, ob mit deinem Kopf alles in Ordnung ist." - Ich blickte kurz zu meiner Anleiterin. Die nickte. Es war zwar im Raum sowieso schon recht hell, aber eine seitengleiche Pupillenreaktion war zu erkennen. "Kannst du mal bitte meinem Finger hinterher gucken, aber dabei den Kopf ruhig halten?", fragte ich ihn. Machte er. In alle Richtungen, schluchzend. 2., 3., 4. und 6. Hirnnerv waren damit unauffällig. Ich holte einen Holzspatel. Und einmal "A" sagen bitte. Meine Anleiterin meinte: "Nur gucken, nicht triggern, okay?" - Dachte sie, ich würde bei unklarem Druck um Kopf unnötig Würgereize auslösen? Ich guckte mir Gaumen und Zäpfchen an. Sah alles unauffällig aus. Für den ersten Moment sollte das reichen.

"Das sieht alles gut aus", beruhigte ich ihn weiter. "Hast du Kopfschmerzen? Übelkeit? Nackenschmerzen? Oder siehst du was doppelt?" - Er schüttelte den Kopf: "Nein. Alles nicht." - "So von Rollifahrerin zu Rollifahrer würde ich aber trotzdem mal vorschlagen, dass wir einmal ein Röntgenbild von deinem Kopf machen, um zu gucken, ob dein Gehirn noch drin ist." - "Haha." - "Nee, echt, ein Bild sollten wir machen. Ob der Schlauch noch am richtigen Ort sitzt und so. Okay? Warst du schon mal beim Röntgen?" - "Klaro!" - "Dann kennst du das ja. Ich würde mitkommen und wir machen das zusammen. Ich komm nur nicht mit aufs Bild. Einverstanden?" - "Ja, meinetwegen", sagte er betont genervt. Meine Anleiterin hob vor seinem Kopfende den Daumen. "Willst du eine einfache Aufnahme oder gleich ein Video?" - "Kann man auch ein Video machen?" - "Klar, wir haben ein ganz modernes Gerät, das kann sogar Videos. Kannst du dir dann hinterher angucken. Das kennst du bestimmt auch schon. Du legst dich auf eine Liege und wirst dann mit dem Kopf in eine Röhre geschoben." - "Das ist aber nicht die, wo das so laut donnert, oder?" - "Doch, die, wo man Kopfhörer aufkriegt." - "Oh nee, die ist nervig. Da muss man immer die Luft anhalten und sowas." - "Denkst du, du wirst es überleben?" - "Wenn ich mich ganz doll zusammenreiße, könnte es klappen. Gerade so." - "Also abgemacht?" - "Na gut." - "Schlag ein. Aber heute mal mit links."

Er wurde mit seiner Liege über den Flur geschoben. Ich rollte nebenher. "Hast du auch Spina oder was anderes?", fragte er. Ich antwortete: "Ich hatte einen Unfall. Ich bin mal angefahren worden vom Auto, auf dem Schulweg. Da war ich 15." - "Wie alt bist du denn jetzt?" - "22, und du?" - "Rate mal." - "Neun?" - "Nein, ich werde acht." - "Ich hätte gedacht, du bist schon neun. Ich finde, du wirkst schon älter." - Ab Einschulung sind die meisten Kinder erfahrungsgemäß stolz, wenn sie für älter gehalten werden. Davor sind sie eher stolz, wenn sie erklären können, dass sie schon viel älter sind als man vermutet hatte - man darf es nur nicht übertreiben...

Vor dem Raum mit dem Magnetresonanztomografen mussten wir kurz warten. Jan musste auf eine andere Liege, mit der er in den Raum gerollt werden sollte, ich selbst würde mir auch etwas einfallen lassen müssen. "Möchtest du, dass ich mit reinkomme? Mein Rollstuhl darf nämlich nicht mit den Raum." - "Warum nicht?" - "Weil da Metall drin ist und das stört das Gerät. Schaffst du das ohne mich und ich warte auf dich hier oder soll ich fragen, ob sie mich da reintragen?" - "Nee, nicht solchen Zirkus, warte du hier."

Ich durfte mir die Bilder mit ansehen, während Jan das Gedröhne tapfer über sich ergehen ließ. Wie immer: Spannend. Ein drainagiertes Gehirn hatte ich vorher noch nicht live gesehen. Beurteilen konnte ich da natürlich nichts, aber die beiden Ärzte, die extra dazugekommen waren, meinten, das sei alles unspektakulär. Also ging es nach gut zwanzig Minuten weiter zum Röntgen und zum Glück war der Bruch auch nicht kompliziert. Am Ende war der Arm in Gips, als die Mutter sehr aufgeregt herein kam. "Jan, was machst du denn? Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ist mit deinem Kopf alles in Ordnung?", fragte sie und fiel ihm um den Hals. Jan hatte ganz andere Probleme: "Ich war gerade in der Röhre. Ist alles in Ordnung, Mama, musst dir keine Sorgen machen. Wusstest du eigentlich, dass es auch Ärzte im Rollstuhl gibt? Das ist Jule und die ist richtig gut! Und bei Ärzten bin ich ein Experte." - Bevor ich was sagen konnte, kam die Mutter auf mich zu, drückte mir mit beiden Händen die Hand und meinte: "Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich so gut um Jan gekümmert haben. Ich bin noch ganz außer Atem. Was ist denn überhaupt passiert?" - Ich antwortete: "Ein bißchen dauert es bei mir noch, bis ich fertige Ärztin bin, Jan. Aber dein Expertenlob finde ich richtig toll. Ich dachte halt, ich kümmere mich mal ein bißchen um dich, denn wir Rollifahrer müssen doch zusammenhalten." - "Genau", sagte er und streckte mir seine linke Hand zu einem High-Five entgegen.

Ich wechselte einen Blick mit meiner Anleiterin, sie grinste über das ganze Gesicht, dann erzählte ich: "Jan war auf dem Schulhof beim Toben mit dem Rollstuhl umgekippt. Beim Spielen, wie so etwas halt passiert. Um nicht auf den Kopf zu fallen, hat er sich mit der Hand abgefangen und hat sich einen unkomplizierten Bruch der rechten Speiche zugezogen. Der Bruch wurde geröntgt und ruhig gestellt. Wegen der Vorgeschichte im Kopf und der zunächst unklaren Kopfbeteiligung haben wir uns entschieden, eine Magnet-Tomographie des Kopfes zu machen und einen Experten hinzuzuziehen. Jan war anfangs sehr aufgeregt und konnte den Sturzverlauf nicht genau beschreiben. Die Untersuchung der Hirnnerven und die Bilder des Kopfes und der Ventildrainage sind allerdings unauffällig."

"Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Alles gut, alles richtig gemacht", sagte die Mutter. Jan sagte: "Ich bin mit dem Rettungswagen hergebracht worden. Mit Tatütata." - Die Mutter drückte ihn an sich. Ich sagte: "Die Lehrerin war sehr besorgt und besser so, als wenn da irgendwas übersehen wird." - "Ist völlig richtig", sagte die Mutter. "Ich war nur sehr erschrocken, weil man mir nur sagen konnte, dass er mit dem Rettungswagen weggebracht wurde. Das kann ja alles heißen."

Während meine Anleiterin den Brief tippte, erzählte mir Jan vom Sport, von seinem Hund, von einem Boot, mit dem er im Sommer immer fährt. Und fragte mich, ob ich gerne laufen können würde. Am Ende bekam er seinen Brief ausgedruckt und durfte nach Hause. Die Mutter wurde aufgefordert, auf Symptome zu achten, die im Zusammenhang mit einer Gehirnerschütterung (die ja nahezu ausgeschlossen werden konnte) oder zunehmendem Hirndruck auftreten können. Als die Mutter weg war, sagte meine Anleiterin: "Der war ja süß! Und der ist voll auf dich abgefahren! Erster Preis für gute Arbeit, Jule." - Wow. Das geht natürlich runter wie Öl. Und während ich noch ein wenig auf der Wolke schwebte und mir toll vorkam, musste ich zurück auf die Station - und wurde jäh Zeugin, wie die beiden Frauen aus Zimmer 9 sich lautstark darüber stritten, ob "Anwälte im Einsatz", "Hilf mir, ich bin jung, pleite und verzweifelt" oder "Der Trödeltrupp - das Geld liegt im Keller" im Fernsehen geguckt werden sollte. Was gibt es doch für Probleme auf dieser Welt.

Samstag, 3. Januar 2015

Etwas Zink und ein paar Pornos

Welchen Sinn macht es, in einem öffentlichen Blog, den Sebastian liest, zu posten, dass du sein vermeintlich dominantes, vielleicht sogar manipulatives Verhalten, wie Maries Mutter es genannt hat, durchschaut hast?

Diese Frage wurde mir gleich mehrfach gestellt. Als Kommentar, in Mails, einmal sogar mündlich. Dabei finde ich die Antwort ganz naheliegend: "Das Spiel mit den gezinkten Karten ist nur so lange ungerecht, wie einer von dem Zink nichts weiß." - Da ich kein ungerechtes Spiel will, spiele ich mit offenen Karten. Und als Frau, auch wenn ich zugeben muss, als solche im sexuellen Bereich noch recht unerfahren zu sein, traue ich mir schon zu, einen Mann auch noch anders um den Finger zu wickeln als durch ein Spiel mit gezinkten Karten. Ich traue mir zu, seine Aufmerksamkeit auch anders lenken zu können.

Einen gefühlten Volltreffer habe ich wohl gelandet, als ich ihn heute morgen darum bat, mit mir noch einmal zu reden. "Komm vorbei", meinte er. Er hatte meinen Blogeintrag über sich natürlich bereits gelesen und war nur begrenzt begeistert über die Sichtweise von Maries Mutter. Räumte dann allerdings doch ein, sich vor ihrer Sichtweise nicht verschließen zu können. "Ein Blick in den Spiegel kann durchaus unangenehm sein. Ich habe dich aber nicht kränken, verletzen oder bedrängen wollen. Sondern nur sehr direkt gesagt, was ich mir vorstellen kann. Weil ich anhand deiner bisherigen Postings den Eindruck gewonnen hatte, Stinkesocken brauchen eine sehr direkte Ansage."

"Ich möchte mir gerne deine Pornosammlung angucken", sagte ich. Fünf Sekunden dauerte es, bis seine Kinnmuskeln wieder Spannung bekamen und der Mund wieder schloss. "Meinst du das ernst?" - "Ja. Lässt du mich an deinen Rechner?" - "Wenn du dich darüber lustig machen willst, dann nicht." - "Meine Absicht ist es nicht, aber ich warne dich vor: Das eine oder andere könnte auf mich sehr skurril wirken und ob ich dann immer ernst bleiben kann, weiß ich nicht." - "Was willst du denn damit erreichen?" - "Ich möchte mir ein Bild machen über diese Freiheit, wie du sie nennst, die jeder ernsthaften Partnerschaft im Weg steht."

"Und warum?", fragte er weiter. Ich antwortete: "Ganz einfach: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es keine einzige Frau gibt, die mit einer solchen Sammlung auf dem Rechner des Partners nicht leben könnte. Ich kann mir schon vorstellen, dass das zu Eifersucht und Missbilligung führt, aber wenn das angeblich jeder partnerschaftlichen Beziehung im Wege steht, muss es schon etwas sehr besonderes sein. Und das würde ich mir gerne ansehen. Jetzt, wo ich davon weiß, hast du mich neugierig gemacht." - "Ist das eine Bedingung?", wollte er wissen. Ich antwortete: "Nein, aber ein Schlüssel."

Er fragte nicht, wieviele Schlüssel er bräuchte, sondern startete seinen PC. Mein Bauch kribbelte. Ich fühlte mich einerseits sehr clever, andererseits war ich gespannt, was mich erwarten würde; gleichzeitig bekam ich aber auch große Angst davor. Was, wenn ich gleich von Dingen Zeuge werde, die ich niemals sehen wollte? Die mich vielleicht in eine schwierige Situation bringen? Vielleicht auch in einen Loyalitätskonflikt? Oder sogar in Gefahr?

Wer über solche Themen nichts lesen möchte, spart sich besser den Rest. Ansonsten: Der Ordner war unauffällig beschriftet und kaum versteckt. Der Inhalt war gut sortiert. Das meiste waren Videoclips aus dem Internet. Keine kommerziellen Filme mit professionellen oder semiprofessionellen Darstellerinnen, die sich bei softer Klimpermusik gegenseitig die Sprühsahne vom Dekoltee schlecken, sondern eher jede Menge sehr verspielte Amateurclips von einschlägigen Internetplattformen. Insgesamt eher wenige bis keine sehr plumpen, harten Sachen, wie ich sie zunächst vermutet hätte, sondern hauptsächlich bis fast ausschließlich erotisches, sehr aufreizendes Zeug.

Ich will mal nicht zu sehr ins Detail gehen, aber vielleicht ein Beispiel bringen: Ich selbst würde mir eher angucken, wie sich ein muskulöser Knackpo in knallenger Jeans am Strand in den Wellen unter der Abendsonne räkelt, als unmittelbare Zeugin eines lautstarken Geschlechtsaktes zwischen einer silikonbusigen Achtzehnjährigen und Crocodile Dundee in vollausgeleuchteter Badewanne zu sein. Damit haben wir zumindest eine Gemeinsamkeit: Eine Antenne für sinnliche Erotik...

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auch er offenbar einen Faible für alles hat, was knack-eng anliegt und Rundungen betont. Diesen Faible scheint er mit mehreren Leuten zu teilen, zum Beispiel mit meinem letzten Partner von vor nunmehr dreieinhalb Jahren, nur der war nicht ehrlich. Egal, das ist Geschichte. Sebastian scheint außerdem einen Faible zu haben für alles, was nass und matschig ist! Das könnte durchaus mal recht lustig werden. Einer kleinen Schlammschlacht bin ich jetzt nicht unbedingt abgeneigt, nur weiß ich noch nicht, ob das bei mir nicht eher frühkindliche Spieltriebe anspricht statt meine sexuellen Fantasien - und falls doch letztes, ob es dann am Ende nicht etwas zu sandig werden könnte. Schaun wir mal - es muss ja am Anfang nicht gleich speziell werden.

Und sonst? Erotische Fotos waren da, jede Menge. Keine selbst geschossenen, aber die vorhandene Auswahl zeugte schon von einem guten Auge und einem seriösen Anspruch. Nein, ernsthaft, die haben mir sehr gut gefallen, auch wenn da ausschließlich Frauen zu sehen waren. Oder Teile selbiger. Behinderungen waren übrigens kein Thema. Und so könnte ich mir inzwischen sogar vorstellen, an einem lauen Sommerabend an einem einsamen Sandstrand erotische Fotografie mal selbst auszuprobieren. Wenn ich bis dahin etwas Säunenbräune tanken durfte.

Was am Ende übrig blieb war meine Verwunderung über seine Ängste und seine Erfahrung, seine spezielle Sammlung würde auf Frauen generell abschreckend wirken. Ich fand sie jetzt eher spannend. Und ich bin, bei allen Ängsten und Befürchtungen, froh, dass wir das zusammen gemacht haben.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Frohes Neues

Mein neues Jahr begann besser als das alte endete. Ich will nicht behaupten, dass es ein schlechter Silvester-Abend war, den ich verbracht habe, aber er hatte durchaus entspannter werden dürfen. Wenn das allerdings der Preis für ein schönes und entspanntes 2015 war, war es okay. Letztlich bin ich bei einer Gratwanderung mal wieder falsch abgebogen. Was einer Rollstuhlfahrerin auch mal passieren kann - ich bitte um Nachsicht...

"Wer nicht wagt, der nicht gewinnt" heißt es einerseits im Volksmund. Andererseits ist jedes Wagnis auch immer mit einem Riskiko verbunden - das liegt in der Natur der Sache. Unser Wagnis war, dass wir uns ausgerechnet zum Silvesterabend mal wieder auf unbekannte Menschen eingelassen haben.

Marie und ich wollten zusammen feiern. Auf jeden Fall irgendwas leckeres essen, vielleicht sogar selbst kochen; auch Raclette oder Fondue waren anfangs denkbar. Kurz vor Weihnachten fragte Marie mich, ob eine gleichaltrige Frau, die Marie seit vielen Jahren aus einer Art Selbsthilfegruppe kennt, dazu kommen dürfte. Marie meinte, sie sei sehr nett. Sie hätte ebenfalls eine Querschnittlähmung, allerdings im Sakralwirbelbereich, so dass nur die Fuß- und Zehenmuskulatur, die Blase und der Darm betroffen sind. Nicht in Ordnung und daher versorgt ist auch der Hirnwasserkreislauf, was bei Spina bifida ja häufig ist. Auf den ersten Blick sieht man ihr die körperlichen Einschränkungen nicht an, wenn man genau hinsieht, bemerkt man eine Standunsicherheit. Die Dame kommt aus Hamburg, studiert aktuell etwas Soziales in der Schweiz und würde auch eine Nacht bei Marie schlafen wollen.

Natürlich war es für mich okay, dass sie mit uns Silvester feiert. Ich vertraue da voll und ganz auf Maries Einschätzung. Auch dass besagte Dame im zweiten Schritt und nach vorheriger Nachfrage noch eine nahezu blinde Kommilitonin mitbringt, mit der niemand Silvester feiern möchte, fand ich okay. Auch wenn ich mich einen Moment gefragt habe, ob Raclette und Fondue etwas für blinde Menschen sein kann. Aber nachdem mir versichert wurde, dass sie sich darauf freut, war ich nur noch gespannt.

Drei Tage vor Silvester kam dann alles doch ganz anders. Es fragten noch weitere Leute aus Hamburg und Umgebung, alle aus besagter Selbsthilfegruppe, an, ob wir die Party nicht etwas größer machen wollten. Ich zuckte mit den Schultern. Maries Mutter sagte: "Dann geht ihr aber irgendwo feiern. Ich will hier im Haus zum Jahreswechsel keine Open Party, zu der zwanzig Leute Shit, Sprit und Sprengstoff mitbringen." - Frei nach dem Motto "was sich liebt, das neckt sich", antwortete Marie keck: "Ich dachte, du könntest vielleicht für uns kochen."

Eigene Vorschläge hatte niemand derer, die sich anschließen wollten. Aber ein separater Chat in einem sozialen Netzwerk wurde eigens blitzschnell eingerichtet. Alle wollten feiern, aber niemand hatte eine Idee. Insgesamt sollten wir neun Leute werden. Da, inzwischen zwei Tage vor Silvester, die Auswahl nicht mehr groß war, war ich schon einigermaßen stolz, einen großen Tisch in einem sehr angesagten, modernen Szene-Restaurant direkt am Hamburger Hafen bekommen zu haben. Also kein nobler Schuppen, sondern eher was für Leute zwischen 20 und 40 mit super leckeren, qualitativ hochwertigen Burgern, Salaten, Aufläufen - himmlisch. Weil eine Gruppe kurz vor uns abgesagt hatte, waren zehn Plätze frei. Mit dem Rollstuhl zu erreichen, Essen nach Karte zu moderaten Preisen, laute, aber nicht zu laute Partymucke, Cocktails - was will man mehr? Um 21 Uhr wäre der Tisch frei, bis 23.30 Uhr könnten wir ihn haben, dann kämen diejenigen, die von dort das Feuerwerk über der Elbe sehen wollten. Ich fand den Deal genial, Marie, ihre Freundin und deren Freundin ebenfalls und ein weiteres junges Mädel aus der Selbsthilfegruppe auch. Kurzfristige Entscheidungen waren gefragt, also sagte ich zu und bestellte den Tisch.

Dann ging die Diskussion los. 21 Uhr sei zu früh, fanden die vier Männer. Ob man sich nicht auch um 22 Uhr treffen könnte. Nein, den Tisch gibt es nur ab 21 Uhr oder gar nicht. Ob ich nicht mal anfragen könnte, ob dann 21.30 Uhr ein Kompromiss sei. "Dann kommst du halt etwas später dazu." - Nö, das wollte er nicht. Außerdem sei das dort zu laut. Er und seine Kumpels würden vielleicht woanders hingehen. Ob wir nicht mitkommen wollten - er dachte, man sammle noch Ideen.

Man verabredete sich also offline, per SMS oder WhatsApp, in eine Bar zu gehen, rund 800 Meter von dem Restaurant entfernt. Treffen sei um 20.30 Uhr, weil bis 21 Uhr noch Happy Hour sei... Das war der Moment, in dem ich ein zweites Mal in dem Lokal angerufen und von neun auf fünf Leute reduziert habe. Kurzer Prozess. Selbstverständlich schrieb ich darüber auch im Chat.

Der Silvesterabend begann. Wir fuhren mit der S-Bahn in die Stadt, stolperten noch einmal über die Reeperbahn, die die blinde Studentin aus der Schweiz unbedingt einmal erleben wollte, wenngleich jetzt noch verhältnismäßig wenig los war, und fanden uns um 21.00 Uhr vor unserem reservierten Tisch ein. Die Stimmung war gut, das Essen war super lecker, ein Rolliklo war in Sichtweite und für die laufenden Gäste verschlossen. Mit uns am Tisch saßen vier junge Männer aus Dänemark, die uns am laufenden Band Cocktails, Bier, Eis, Salzstangen und Chips ausgeben wollten. "Das gibt hier auch so leckere Fruchtjoghurts, die müsst ihr probieren!" - Ihr Deutsch und unser Englisch reichte für eine halbwegs sinnvolle Verständigung. Der Kellner war sehr nett und sehr aufmerksam, alles in allem könnte es ein prima Abend werden.

Standen da nicht plötzlich gegen 22 Uhr die vier jungen Männer im Raum. An der Tür wollte man sie erst gar nicht reinlassen, bis sie behaupteten, zu uns zu gehören. In Begleitung unseres netten Kellners wurden sie in ihren Rollstühlen an unseren Tisch geführt. Mit der Frage, welches Missverständnis hier vorläge, denn der Laden sei restlos voll. "Ach, wenn die vier [Dänen] etwas zusammenrücken, geht das. Die sind ja schon fertig mit Essen." - "Wir können sonst auch spazieren gehen, es sind ja nur noch zwei Stunden bis Mitternacht", bot der eine von Ihnen an. "Wir sind ja nur spontan noch drangekommen und wollen Ihnen nicht die Plätze wegnehmen."

Ich weiß, mein Gerechtigkeitsempfinden macht es mir oft nicht leicht und mein zu schwach ausgepräger Egoismus tut das Übrige. Aber dennoch: Nein. Alleine, dass die hier so auftauchen, hatte Fremdschäm-Charakter. Und da Marie mit denen im selben Verein oder in derselben Organisation ist, war es wohl eher meine Aufgabe, mal den Mund aufzumachen. Ich sagte: "Entschuldigung, aber ich hatte eure Plätze wieder zurückgegeben, da ihr doch in die Bar wolltet. Das ist, glaube ich, jetzt schlecht. Ihr könnt ja nicht andere Gäste verscheuchen." - "Naja, die sitzen im Rollstuhl", hatte der eine Däne Verständnis. Das hatte gerade noch gefehlt. Ich sagte: "Nee, nix Rollstuhl." - Marie legte ihre Hand auf meinen Handrücken. Ich schluckte den Rest des Satzes runter. Sie redete weiter: "Lass gut sein, Jule. Die vier können ja vorne fragen, ob noch ein Tisch frei ist, und ansonsten treffen wir uns kurz vor zwölf zum Anstoßen an der Elbe."

Das Ende vom Lied war, dass der Kellner die vier wieder nach draußen begleitete. Wäre noch Platz gewesen, hätte man zusammenrücken können, hätte man sich umsetzen können und zwei leere Rollis ins Behindertenklo stellen - alles kein Problem. Aber es war wirklich kein einziger Platz mehr an den Tischen frei. Alle saßen gedrängt, sie hätten nur noch in den Gängen stehen können. Und das geht nunmal nicht. Und das ist auch okay so. Sie hatten ihre Chance. Sie wollten sie nicht.

Kurz danach kam eine SMS: "Was soll das Theater, wir hatten die Leute am Tisch doch schon so weit, dass sie gehen wollten?" - Ich schaltete mein Handy aus und ließ mir die gute Stimmung nicht vermiesen. Wir waren auch ohne übermäßigen Alkoholkonsum tierisch gut drauf, nahezu ausgelassen. Frauenthemen durften genauso wenig fehlen wie Männerthemen. Die Dänen hatten bereits reichlich getankt und wollten allen Ernstes wissen, ob blinde Leute masturbieren können. "Findest du deinen Schwanz im Dunkeln etwa nicht?", kam als schlagfertige Antwort. Das letzte Alsterwasser (Limonade, also Brause, mit Bier) lehnte Marie ab. "Ich muss die Durchflussrate jetzt mal ein wenig reduzieren", meinte sie. Die blinde Kommilitonin meinte: "Quatsch, ich geh mit dir hinter jeden Busch." - Gelächter. Ich erwiderte: "Ich leih dir eine Windel." - "Na dann: Doch noch ein Alsterwasser!"

Um halb zwölf machten wir uns mit den Dänen auf den Weg zum Wasser. Die beiden hakten die blinde Frau unter und ergänzten sich damit wunderbar. Sie torkelte nicht und die anderen konnten gucken. Das junge Mädel aus der Selbsthilfegruppe hatte sich von unserer ausgelassenen Art anstecken lassen und sagte, während wir mit anderen Leuten auf den Aufzug vor der S-Bahn warteten: "Ich habe das totale Feuerwerk in der Unterhose. Irgendwie habe ich die Zwiebeln im Verdacht." - Woraufhin spontan einige der umstehenden Leute die Rolltreppe nahmen. "Hat funktioniert", lachte sie. "Ihr seid ja gut drauf", fand ein älterer Mann mit Stock.

Die schönsten Feuerwerksbilder sind beim Anstoßen um Mitternacht jetzt nicht entstanden. Aber ich stelle sie trotzdem rein. Und wünsche damit noch einmal ein frohes Neues 2015!