Donnerstag, 3. September 2015

Alle Jahre wieder

Draußen sind fast dreißig Grad und drinnen steht der grinsende Alte mit weißem Rauschebart und rotem Mantel. Nee, ich bin nicht in Down Under. Ich kaufe ein. Klopapier. Zum Beispiel. Eine alte Frau schaut mich mit großen Augen an. Starrt. Glotzt. Kommt dichter. Stellt sich betont versehentlich mit ihrem Einkaufswagen in den Weg. Glotzt weiter. Ich glotze zurück und lege den Kopf schief. Das reicht schon, um sie reden zu lassen. Sie deutet auf mein Klopapier und sagt: "Ich hab mal gelesen, dass Querschnittgelähmte gar nicht auf Toilette können."

Bitte was? Muss ich da noch höflich bleiben? Soll ich darauf überhaupt etwas sagen? Nein und ja. "Sie lesen die falschen Bücher", blubber ich zurück, schiebe meinen Rollstuhl an und nutze den Schwung, um ihren Einkaufswagen zur Seite zu schieben. Die Frau antwortet: "Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber das stand tatsächlich jüngst in der [Illustrierte mit Kochrezepten, Königen, Promiskandalen, Lebenstipps, Horoskop und jeder Menge Anzeigen für Treppenlifte, E-Scooter, Inkontinenzvorlagen und Nahrungsergänzungsmittel]." - "Versuchen Sie es mal mit dem Knigge." - Sie will irgendwas erwidern, ich fahre ihr mit einem "Schönen Tag noch" in die Parade. Blöde Schrippe!

Ob da nun stand, dass Querschnittgelähmte oft Möglichkeiten brauchen, um sich beim Transfer auf die Toilette festzuhalten und deshalb viele Toiletten nicht nutzen können, oder ob da stand, dass einige Leute beim Abführen so lange brauchen, dass sie sich auf der Klobrille wund sitzen würden und deswegen das lieber in Seitenlage auf dem Bett (natürlich auf einer großen Zellstoffunterlage) machen, weiß ich nicht. Ist aber auch egal. Ich kacke auf Klo und muss das im Supermarkt wohl keinem erklären. Auch nicht, wenn ich Toilettenpapier kaufen möchte. Falls es jemanden interessiert: Ich nehme immer das Dreilagige. Mit dem Umwelt-Engel. Und ich benutze es nur von einer Seite. Auch wenn Umweltschüter beidseitige Benutzung vorschlagen - der Erfolg liegt schließlich auf der Hand.

Zurück zum grinsenden Alten mit weißem Rauschebart und rotem Mantel: Dass sie die Lebkuchenherzen und Christstollen bereits Ende August in die Regale räumen, nervt mich jedes Jahr. Da kann man vielleicht noch akzeptieren, wenn einige länger etwas von der Vorweihnachtszeit haben möchten und diese Süßwaren gerne auch länger als nur in der Adventszeit genießen wollen. Dass nun aber im August schon die Schoko-Weihnachtsmänner dazugestellt werden, finde ich daneben. Und ich will das gar nicht sachlich begründen. Ich bin emotional und verbinde den Weihnachtsmann mit schönen Kindheitserinnerungen, Schnee, Ruhe, Frieden, geschmückten Tannenbäumen und dem Weihnachtsfest. Und das ist einfach noch nicht dran.

Kommentare :

Olli hat gesagt…

Huch, wo bist Du denn unterwegs bzw. wie ist der Hamburger Einzelhandel drauf? Hier im rheinischen Rheinland kann man sich leicht in den Spekulatius-Rausch futtern, aber jahresendzeitlicher Schokoladenhohlkörper ward mein Sehsinn dieses Jahr noch nicht gewahr.

BigDigger hat gesagt…

WORD !

Mrs Piep hat gesagt…

Man weiß manchmal nicht, ob man lachen oder weinen soll. Irgendwie fällt mir in letzter Zeit verstärkt auf, dass gerade ältere Menschen oft das an Anstand verlernt haben, was mir noch in der Schule eingetrichtert wurde... Ich bin gerade anscheinend als hochschwangere auch ein Ausstellungsstück, was begafft, ungefragt betatscht (einfach mal auf den Bauch fassen und fragen was es wird - Nein, ich kannte die Frau nicht) und ungefragt und hemmungslos vollgeuqatscht wird. Unglaublich...
Mit den Weihnachtssachen finde ich auch jedes Jahr etwas befremdlich... Obwohl ich sagen muss, die ersten Lebkuchen lagen schon im Wagen. :D Weiteres Beispiel zu unqualifizierten Beiträgen unserer Mitmenschen: Samstag frühstücken gewesen, unser Bäcker des Vertrauens hat den jährlichen Teststollen im Angebot. Eine ältere "Dame": "Wer kauft um die Jahreszeit schon Stollen? Das ist ja pervers und abartig!" Danke! Der Stollen schmeckt übrigens auch schon Mitte September wunderbar. Und nach so einem Kommentar erst recht. :-D

Andreas hat gesagt…

O.K, Zeit für ein Geständnis: Ich Liebe Spekulatius und Lebkuchen, deswegen habe ich mich gefreut als die Regale endlich wieder bestückt wurden *lecker* Den Rest brauche ich bis auf die paar Tage an Weihnachten nicht wirklich...

Xin hat gesagt…

Wer fragen hat, soll doch fragen. ^^

Was Deine Kindheit angeht: Als ich ungefähr 23 Jahre alt war, es war Mitte August 1999, es war sehr heiß und ich(!) fuhr in kurzen(!) Hosen zum örtlichen Walmart, um einzukaufen, stolperte ich über Palettenweise aufgestapelte Weihnachtsmänner, Spekulatius, Pfefferkuchen etc.
Und ärgerte mich genauso darüber. Da dies aber bereits 15-16 Jahre her ist und Du 23 geworden bist (Glückwunsch), warst Du zu dem Zeitpunkt also 7 Jahre alt. Schlussfolgerung: In Deiner Kindheit gab es Pfefferkuchen auch im August bei >30 Grad zu kaufen. Man könnte also auch schon von Tradition sprechen ;)

Anonym hat gesagt…

@Mrs. Piep: Das ist nur Training für die Zeit, wenn das Baby dann da ist! Da bekommt man nämlich nicht nur Erziehungstips (denn jeder hat ein Kind - oder WAR mal eins...), sondern jeder, wirklidh JEDER versucht, das Baby anzugrabbeln! Im Gesicht!!! Mit seinen ungewaschenen Pfoten!!! Also: schon mal üben: auf die Finger klopfen, oder Fremden mal in die Wange kneifen und "duziduzidu" machen!

Liebe Jule, nein, Du hast keinen Idiotenmagnet, die Welt ist einfach voller Deppen! Erst letztens hat mich im Supermarkt ein Mann im Alter zwischen 70 und Gruft dermaßen provoziert, dass ich meinte, in einem gewissen Alter wäre notschlachten doch sehr gnädig! Für die anderen...
LG Sandra