Sonntag, 27. September 2015

Rollstuhlfahrer essen draußen

Im Jahr 2015 dürfen öffentliche Einrichtungen nur noch barrierefrei gebaut werden. Oder zumindest nach einer entsprechenden Vorschrift, die weitestgehende Zugänglichkeit für Menschen mit Beeinträchtigungen sicherstellt. Wesentliche Bestimmungen gelten zum Beispiel für die Gastronomie. So wäre es in der Regel unzulässig, eine bereits barrierefreie Gaststätte nun so umzubauen, dass künftig eine Stufe vor dem Eingang ist und im Rollstuhl fahrende Menschen ab sofort draußen bleiben müssen. Eigentlich.

Im Hamburger Hauptbahnhof gibt es eine Fressmeile mit verschiedenen gastronomischen Einzelbetrieben. Viel fettiges Junkfood, aber als Kompromiss gibt es durchaus die eine oder andere essbare Kleinigkeit. Insbesondere dann, wenn selbst zu kochen oder langes Suchen nicht in Frage kommen. Hin und wieder, vielleicht vier Mal im Jahr, kommt es vor, dass ich mir, meistens zusammen mit anderen Leuten, mit denen ich gerade unterwegs bin, von Sub Wayne zeigen lasse, wo das Brötchen die Körner hat, und ein frisches Sandwich esse. Na gut, ein halbes.

Mit Erstaunen musste ich in der letzten Woche feststellen, dass sämtliche Stühle und Tische dort nun auf einem Podest stehen, auf das ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr komme. Ich kann mich dort also nicht mehr an einen Tisch setzen, sondern muss meine Speise und mein Getränk mitnehmen und draußen essen. Kann das sein? Warum ist das so?

"Entschuldigung, wo können wir uns denn hinsetzen?", fragte ich die Bedienung hinter der Theke. Vier Mitarbeiter guckten sich gegenseitig ratlos an. Früher war mal wieder alles besser: Da konnte man einfach ein paar Stühle zur Seite schieben und sich an einen der Tische setzen, heute geht das nicht mehr. Die Nachbartische sind auch alle für die dortigen Kunden reserviert und der Notausgang muss frei bleiben. Sonst hätten wir uns zu viert mit jeweils einem Tablett auf dem Schoß einfach mal eine Zeitlang dorthin gestellt. Aber vier Rollstühle im Notausgang? Das geht nun wirklich nicht.

"Ist doch schönes Wetter heute", befand die Dame an der Kasse. Marie schwoll der Kamm. Bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich ein Kunde, Mitte Dreißig, ein: "Ähm, haben Sie nicht irgendwo einen Klapptisch, den Sie für die Fälle irgendwo hinstellen können?" - "Nein. Es gibt so viele Sitzgelegenheiten draußen, ich sehe das Problem nicht." - "Und wenn es regnet?", fragte der Mann. Die Antwort kam prompt: "Es regnet aber nicht. Hören Sie, das haben unsere Chefs von oben so angeordnet, ich kann es nicht ändern und ich will das auch nicht diskutieren", sprach sie und wandte sich wieder ihrer Kasse zu.

"Wollen Sie was bestellen?", fragte mich ein anderer Mitarbeiter. Ich antwortete: "Nö. Was meinen Sie, wie ich als Rollstuhlfahrerin mit Essen und Getränk in der Hand nach draußen komme? Und dann setze mich auf den Bahnhofsvorplatz zwischen Taxistand und Pissoir?" - Er zuckte erneut mit den Schultern und sagte: "Ich weiß es nicht."

Aber ich weiß es: Nein! Tschüss!

Freitag, 25. September 2015

Distanz macht einsam

Ich amüsiere mich gerade über eine Kommilitonin. Sie gehört zu jenen Menschen, die nur schwer andere Meinungen akzeptieren können. Und die leider auch ständig andere Meinungen haben. Nämlich im Zweifel die des Gegenüber. Soll heißen: Sie redet ihren "Freunden" nach dem Mund oder trifft sich nur mit jenen, die absolut ihrer Meinung sind.

Wir haben uns anfangs mal ganz gut verstanden. Bis die Diskussion auf das Thema "Tatoos" kam. Ich bin absolut dagegen, meinen Körper bemalen zu lassen. Weder dezent noch als Litfaßsäule. Ich akzeptiere es aber, wenn andere Menschen mit ihrem Körper etwas anderes machen. Jene Kommilitonin sah das anfangs so wie ich.

Inzwischen hat sie sich aber überzeugen lassen, dass Tatoos doch toll sind. Was ich auch in Ordnung finde. Man kann Meinungen ja auch mal ändern. Weil man vielleicht Argumente findet, die man vorher nicht betrachtet hat. Oder ihnen plötzlich ein anderes Gewicht beimisst. Oder, oder, oder.

Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen andere Meinungen haben als ich. Im Gegenteil. Ich diskutiere gerne. Ich finde es spannend, Argumente auszutauschen. Ich lasse mich auch gerne mal überzeugen. Und ich finde Menschen interessant, die ein anderes Profil haben als ich. Bei manchen Meinungsverschiedenheiten sehe ich das Bild einer dicken Wildsau vor mir, die sich genüsslich an einer Eiche schubbert. Manchmal fühle ich mich als Eiche, manchmal auch als Wildsau. Wichtig finde ich nur immer, dass es fair und sachlich bleibt.

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn man dann zunächst so tut, als wäre man nie anderer Meinung gewesen. Und dann, nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", andere Menschen, in diesem Fall mich, blöde anmacht, warum ich so bieder sei. Untätowierte Haut sei doch wohl absolut langweilig.

Ich weiß nicht, warum ich mich dafür überhaupt rechtfertige. Vielleicht, weil jene Kommilitonin inzwischen durch die Gegend zieht und überall Unsinn über mich erzählt. Schlichtweg Lügengeschichten. Da sitzen einfach ein paar Leute zusammen und schaukeln sich gegenseitig hoch. Beim Tatoo-Thema beginnt es, dann werden andere Anekdoten hinzugefügt, von denen ein Viertel ausgeschmückt und drei Viertel ausgedacht sind. Manchen hätte ich es zugetraut, andere hätte ich für intelligenter gehalten. Und zum Glück bin ich nicht so schlecht vernetzt, dass ich das nicht mitbekomme. Vielleicht hatte sie gehofft, mir nach dem Wechsel meiner Uni nie mehr über den Weg zu laufen?

Es gibt wirklich Menschen, die glauben, ihre Persönlichkeit reife durch Abgrenzung. Das ist ein Irrtum.

Ich möchte mein Leben mal mit einem Aquarium vergleichen. Es sind viele tolle und bunte Fische drin. Es macht durchaus Sinn, Regeln zu haben und gemeinsam deren Einhaltung zu überwachen. Aber wenn ich beginne, die Fische rauszuholen, die mir nicht 100%ig gefallen, wird mein Leben nicht reicher. Sondern ärmer. Bis ich den letzten Fisch entfernt habe, weil mir seine rote Flosse zuwider war. Und alleine im Wasser meine Bahnen ziehe. Im ersten Moment ist es vielleicht schön, ein ganzes, großes Becken für sich alleine zu haben. Aber dann?

Distanz macht einsam.

Mittwoch, 23. September 2015

Ich sehe dich

Endlich, nach langer Zeit, bin ich heute mal wieder dazu gekommen, in Ruhe zu trainieren und bin fast vier Kilometer geschwommen. Hatte mit der Ausdauerleistung keine Probleme, habe auf meine Technik achten können, habe von Philipp regelmäßig Feedback bekommen und war herrlich ausgepowert am Ende. Draußen regnete es, der Vollmond stand am Himmel, es war ungewöhnlich warm - beste Gelegenheit, um dem Außen-Whirlpool noch einen Besuch abzustatten. "Dein Rollstuhl bleibt drinnen, ich trage dich raus", meinte er. "Sonst wird der nass."

Zack, nahm er mich auf den Arm. Jetzt nur nicht hinfallen auf den nassen Fliesen. Die schwere Glastür nach draußen war das größte Hindernis. Er konnte sich natürlich nicht nehmen lassen, anzudeuten, dass er mich in den Whirlpool werfen würde. Tat er natürlich nicht, aber für einen Moment habe ich mich tatsächlich erschrocken. Obwohl ich diese Spielchen eigentlich kenne. Zum Glück neige ich nicht dazu, laut zu kreischen. Wir waren alleine, auch in dem regulären Außenschwimmbecken war niemand mehr. Es war schon sehr spät und die wenigen Besucher, die um diese Zeit noch in der Anlage waren, saunten offenbar. Auf Sauna hätte ich ja auch mal wieder Lust gehabt, aber dafür hatten wir keine Karte gelöst. Und zu spät war es auch.

Der Pool war angenehm warm. Der Regen war nicht stark genug, um die Dampfschwaden niederzuschlagen. So konnte man nicht sofort alles sehen, das fand ich gut. Geblubbert wurde allerdings gerade nicht, ich hoffte, dass das lediglich an dem Zyklus lag und nicht an einer generellen Abschaltung. Philipp ließ mich gar nicht erst los, sondern fiel gleich knutschend über mich her. Ich umklammerte ihn. "Fliegen wir raus, wenn du deinen Badeanzug ausziehst?", fragte er. Ob das ernst gemeint war oder ob er mich damit nur verrückt machen wollte, wusste ich nicht. Ich wusste aber die Antwort: Ich zog meine Träger über die Schultern und den Stoff bis unter die Brust hinunter.

Philipp drückte mich eng an sich heran. Würde er mir jetzt das Ding komplett ausziehen, ich glaube, ich hätte es zugelassen. Als Ausrede hätte ich dann dem Bademeister gesagt, dass ich gedacht hätte, es wäre heute textilfreies Baden (was sonst an einem anderen Wochentag abends ist). Aber ziemlich bald begann das Geblubber wieder. Ich mag gar nicht schreiben, wie das geendet ist. Ausgezogen hat er mich nicht, aber das war auch nicht unbedingt nötig. Meine Sorge, dass er mich hinterher nicht mehr aus dem Becken tragen könnte, bestätigte sich nicht.

Als wir an dem Glashaus vorbei kamen, in dem die Bademeisterin, geschätzt 20 Jahre alt, saß, fiel mein Blick beiläufig auf dort angebrachte Kontrollmonitore. Einer davon hatte den Whirlpool in Großaufnahme. Mir wurde für zwei Sekunden richtig schwindelig. Ich guckte sie an, sie grinste verschmitzt, kam aus ihrer Kabine. "Soll ich dir die Tür aufhalten?", fragte sie und hielt mir eine Durchgangstür zu den Umkleiden auf. Jede Wette, sie hatte alles genau beobachtet. Sollte ich irgendwas sagen? Ich guckte ihr erneut ins Gesicht. Sie guckte mir in die Augen und grinste erneut. Nein, besser nichts sagen. Mein Gesicht war vermutlich dunkelrot. Und Philipp? Der merkte nichts. Männer.

Montag, 21. September 2015

Sina II

Wir hatten uns mit Maries Mutter eine Stunde vor der regulären Sprechzeit verabredet, damit sie Sina kennenlernen kann und genug Zeit für sie haben würde. Während Maries Mutter sich mit ihr in ein Sprechzimmer zurückzog, bekamen Marie und ich ein zweites Frühstück - zusammen mit Maries Papa, der heute später zum Dienst musste. Einerseits tat es mir ja leid, dass wir nun ihr gemeinsames Frühstück störten, andererseits hatte Maries Mutter ausdrücklich darum gebeten, mit Sina eine Stunde eher zu kommen. Und so, wie es aussah, waren die beiden auch schon so gut wie fertig. Mit dem Frühstücken. Sina bekam einen Becher Tee angeboten, Maries Mama nahm ihren Kaffeebecher mit in die Praxis, Marie und ich bekamen noch ein leckeres Brötchen und Maries Papa war für eine knappe Stunde Hahn im Korb.

Ein (halbes) Fenster war offen (gekippt), und draußen kamen die ersten Patienten. Eine junge Frau wurde von ihrem Freund auf einem knatternden Kult-Motorrad in die Sprechstunde gebracht. Gäbe es einen Drive-In, wäre er sicherlich direkt bis in die Praxis gefahren. Man hatte das Gefühl, er wollte der ganzen Straße mitteilen, was für ein tolles, blitzendes und poliertes Motorrad er fuhr. Jede Wette, dass die Lärmvorschriften nicht eingehalten wurden. Man verstand in der Küche sein eigenes Wort nicht mehr und hatte das Gefühl, der Tisch würde wackeln. Als der Motor endlich verstummt war, sagte Maries Vater (und Andi Feldmann hätte die Stimmlage von Meister Röhrich nicht besser hinbekommen): "Sach ma, tut das Not, dass das Moped sooo laut is?"

Bis vor einigen Jahren hätte ich damit so gar nichts anfangen können. Aber Maries Eltern haben großen Wert auf die kulturelle Teilhabe ihrer Tochter gelegt - und nicht zuletzt durch den uneingeschränkten Zugang zu Papas DVD-Sammlung entscheidende Pflöcke eingeschlagen. Und das färbt eben manchmal ein wenig ab. Zumindest die erste Folge mit dem legendären Oberligaspiel im Kieler Zwietrachtstadion kann Marie inzwischen fehlerfrei mitsprechen. Marie krümmte sich vor Lachen. Irgendwann tickte ich sie an: "Luft holen nicht vergessen!" - "Der Auspuff ist abgefallen", stammelte sie mit Lachtränen in den Augen. Wer diese absolut banale Szene nicht kennt, hält uns vermutlich für reichlich bescheuert.

Kurz darauf bat uns Maries Mama, auch in die Praxis zu kommen. Sina saß wie ein Häufchen Elend in ihrem Rollstuhl, eine Spenderbox Taschentücher auf ihrem Schoß. "Es gibt im Leben Situationen, da kommt man aus einem Karussell nicht mehr ohne Hilfe raus. Alles ist zum Kotzen, alles dreht sich im Kreis und man hat keinerlei Kraft mehr, daran etwas zu ändern. Es bringt nichts, wenn wir sie mal eben aus diesem Karussell rausschubsen, sondern es muss jetzt auch was gegen Schwindel, Übelkeit, Einsamkeit, Kraftlosigkeit, gegen den Kater am Morgen danach und gegen alles, was einen da sonst noch so beherrscht, unternommen werden. Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, dass Sina in eine psychiatrische Klinik geht, noch heute und direkt von hier. Wir haben auch bereits mit einem Kollegen telefoniert, der sie aufnehmen wird. Ich mache jetzt noch die Einweisung fertig, den Transportschein - und dann wird das schon wieder." - Sina nickte. Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm sie in den Arm. Sie wirkte teilnahmslos. "Wir kommen dich besuchen", versprach ich ihr.

Maries Mutter drückte ihr den ganzen Papierkram in die Hand, der aus dem Drucker gekommen war. "Warum bin ich ein Notfall?", fragte sie. Maries Mutter antwortete: "Das ist meine Einschätzung, Sina. Aufnahme sofort. Ich möchte Sie keine Nacht mehr alleine lassen. Und auch keinen halben Tag mehr." - "Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich mir nichts antue." - "Darum geht es nicht. Sie leiden. Und genauso wie ich jemanden mit akuter Blinddarmentzündung nicht noch eine Nacht nach Hause ins Bett schicke, fahren Sie jetzt auch direkt in die Klinik."

Während Maries Mutter noch etwas in den PC hackte, fragte Sina: "Wie soll ich das denn mit meinen Klamotten machen? Ich muss doch was zum Anziehen haben." - "Kann Ihr Freund Ihnen nichts bringen?" - "Ich möchte niemanden in meine Schränke gucken lassen." - "Haben Sie keine gute Freundin, der Sie Ihre Geheimnisse anvertrauen können?" - Sina schüttelte den Kopf, guckte mich dann aus dem Augenwinkel an, und als sie merkte, dass ich sie ebenfalls anguckte, lächelte sie verlegen. - "Ich kann dir Sachen rausholen, kein Problem. Mich interessieren deine Joints und dein Vibrator auch nicht." - "Kannst du mir versprechen, dass du nur Klamotten rausholst und nicht alles durchwühlst?" - "Sina! Jetzt spinn mal nicht rum. Solange mir keine scharfen Handgranaten entgegen purzeln, behalte ich das für mich, was ich da sehe. Ich gucke auch weder in deine Tagebücher noch in deine Fotoalben." - "Die sind eh verschlossen. Darum geht es nicht." - "Du misst dem viel zu viel Bedeutung zu. Was würdest du denn über mich denken, wenn du das, was ich nicht sehen soll, bei mir im Schrank finden würdest?" - "Dann würde ich denken: Jule ist ein kleines Schwein." - "Ein kleines oder ein großes?" - "Nein, nur ein kleines", lachte Sina, wischte sich die Tränen weg und drückte mir ihren Wohnungsschlüssel in die Hand.

Sonntag, 20. September 2015

Sina

Sina fiel beim Fensterputzen aus dem zweiten Stock und ist seitdem querschnittgelähmt. Ich hatte seit ihrem Unfall vor zwei Jahren mehrmals Kontakt zu ihr. Immer mal wieder für ein paar Stunden. Kennengelernt habe ich sie beim Warten auf eine Kontrolluntersuchung. Wir saßen zusammen im Wartezimmer, kamen ins Gespräch, tauschten Nummern aus, trafen uns zum Quatschen. Immer für ein bis zwei Stunden, mehr nicht. In den letzten neun Monaten vielleicht insgesamt drei Mal.

Gestern abend klingelte gegen halb neun mein Handy. Ich guckte drauf und sah ihre Nummer. Eigentlich hatte ich nach mehreren Kilometern Schwimmtraining gar keinen Bock mehr, jetzt noch lange zu telefonieren, aber wir könnten uns ja kurz für einen anderen Tag verabreden. Als ich mich meldete, war auf der anderen Seite eine eher emotionslos wirkende Stimme, die mir ohne lange Umschweife erzählte, dass ich in ihrer Liste von Leuten stehe, die sie im Notfall anrufen könnte.

Ich fragte direkt zurück: "Bist du in Not?" - "Ja", antwortete eine verschnupft, vermutlich verheult klingende Stimme seufzend. - Ich fragte: "Kannst du frei sprechen?" - "Jaja, ich bin alleine zu Hause. Mir geht es nicht gut. Ich überlege schon wieder, ob ich mich umbringen soll. Ich werde es nicht tun, weil ich leben möchte, aber ich denke schon wieder darüber nach, wie es sein würde, wenn alles vorbei ist. Das ist für mich ein Zeichen, dass ich dringend Hilfe brauche, bevor diese Gedanken in den nächsten Tagen siegen. Ich werde am Montag in die Klinik gehen und mich aufnehmen lassen. Ich weiß, wir kennen uns eigentlich kaum, aber wir hatten immer so schöne Gespräche miteinander. Ich will nicht lange um den heißen Brei reden: Meinst du, du könntest heute nacht zu mir kommen und bei mir schlafen? Das würde mir sehr helfen."

Uff. Nee. Ja. Ach du Scheiße. Das klang wie abgelesen. Ich antwortete: "Ich brauche eine Stunde, bis ich bei dir bin." - "Ich kann warten, wenn ich weiß, dass du kommst." - "Ich komme. Aber nur bis morgen früh, danach muss ich wieder weg." - "Das hilft mir schon. Für die nächste Nacht finde ich auch noch jemanden. Ich sollte nicht alleine sein, die Nächte sind am schlimmsten."

Kurz vor zwölf stand ich vor einem heruntergekommenen Mietshaus. Sie bewohnt eine Einzimmerwohnung im Erdgeschoss. Es gibt ein vielleicht zwölf Quadratmeter großes Zimmer mit Kochniesche, dazu ein Bad - und ein etwa ein Meter breites und fünfzig Zentimeter hohes Fenster direkt unter der Decke. Vor dem Fenster stand ein Baum und eine Straßenlaterne. Hier würde ich auch depressiv werden. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass dieses Loch (ohne vernünftiges Fenster) überhaupt zum Wohnen zugelassen ist. Beklemmend fand ich es. Und kalt.

Wir standen für zwei Stunden im Raum, guckten uns an, sie schüttete mir ihr Herz aus. Ihr langjähriger Freund hatte anlässlich ihres Unfalls mit ihr Schluss gemacht, jetzt hatte sie eine Beziehung, in der er vögeln und sie umarmt werden wollte. Sie hat sich das Vögeln gefallen lassen, weil es mit Umarmung und körperlicher Nähe zu tun hat. Sie sei ihren Freundinnen zu traurig, es würden sich nur oberflächliche Gespräche ergeben, ihr Rollstuhl sei kaputt und werde seit Monaten nicht repariert, sie käme nicht alleine aus dem Haus, der Pflegedienst zocke sie ab, bei ihrem Studium fühle sie sich ausgebrannt.

Heute morgen meinte sie zu mir, sie hätte die erste Nacht seit Wochen mal wieder mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen. Und ich habe sie davon überzeugen können, mitzukommen. Zu mir und Marie für eine weitere Nacht. Ich habe meine Verabredung dann doch noch kurzfristig abgesagt. Morgen früh holt sich Sina von Maries Mutter eine Einweisung, falls es bis dahin keine bessere Idee gibt. Dann hat sie zumindest eins: Eine vernünftige Hausärztin, die ihr helfen kann, wieder auf einen guten Weg zu kommen. Ich glaube, Sina ist einfach nur überfordert und alleine. Und sie käme zurecht, wenn sie jemanden hätte, der ihr hin und wieder mal die Hand reicht. Und mit dem sie reden könnte. Im Moment schnibbelt sie mit Marie ein Mittagessen für uns zusammen. Ich drücke ihr die Daumen, dass sie aus ihrem Loch schnell wieder rauskommt. Sowohl aus dem seelischen als auch aus der komischen Wohnung.

Mittwoch, 16. September 2015

Plätschern, rieseln, pullern

Oft kommt es ja nicht vor, dass man mich morgens in einem Supermarkt antrifft. Aber heute bin ich um eine Lebenserfahrung reicher geworden. Nämlich dass morgens grundsätzlich nur schwerhörige Omas und Opas einkaufen.

Nicht etwa, dass mir ein paar Gehwagen im Weg gestanden hätten. Und niemand auf meine Bitte reagiert hätte, sie beiseite zu schieben. Keineswegs. Im Gegenteil, der Laden war so gut wie leer. Es wurden an etlichen Stellen die Regale aufgefüllt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wuselten hin und her.

Normalerweise, wenn ich einkaufe, plätschtert im Hintergrund irgendeine Musik. Manchmal rieselt sie auch, manchmal pullert sie - ich habe da schon die vielfältigsten Umschreibungen gehört. Meistens sind es mehr oder weniger aktuelle Charts, manchmal könnte man denken, die lassen einfach ein Radio laufen. Hin und wieder wird diese Musik unterbrochen und die neuesten Angebote (ab sofort: Australischer Spargel), irgendwelche Werbe-Aktionen (nur hier, nur heute) oder Lebenstipps (Wenn der PC raucht, sollten Sie ihn reinigen) sowie die Toilettengewohnheiten von Frau Müller (Frau Müller bitte Siebenhundert) und der Ort des nächsten zerbrochenen Gurkenglases (Einhundert bitte zu den Sauerkonserven) werden durchgesagt.

Heute war alles anders: Zuerst war es seltsam still, dann, plötzlich, wie aus dem Nichts, brandete Volksmusik auf. Muss i denn zum Städtele hinaus, heut kommt der Hans zu mir, die Katja hat ja Wodka im Blut. In einer Lautstärke, dass eine normale Unterhaltung nicht mehr möglich gewesen wäre. Man hätte schreien und zum Telefonieren nach draußen gehen müssen. In den ersten Sekunden habe ich das noch für irgendeine dämliche Werbung gehalten und erschrocken dreingeblickt, nach einigen Minuten war es nur noch lästig.

Es veranlasste mich regelrecht, auf dem direkten Weg zur Kasse zu rollen und den Laden zu verlassen. Es nervte tierisch. Und während ich da in der Schlange wartete, wurde es noch einmal lauter: Es muhte keine Kuh. Sondern ein Typ blökte ins Mikro: "Muh! Muh! Muuuhuuu!" - Man sollte irgendeine Milchpackung suchen, in der ein Gewinn versteckt ist. Und kurz nachdem lautstark mit Jahrmarktgekreische und Karusselltröten auf das Münchener Oktoberfest hingewiesen wurde, muhte es erneut. Der Mann vor mir versuchte, Kontakt mit der Kassiererin aufzunehmen und musste brüllen: "Sag mal, seid ihr nicht ganz dicht? Was ist das für ein Lärm hier? Wollt ihr eure Kunden verscheuchen, oder was soll das?"

"Das ist Werbung, die wird aus der Zentrale eingespielt. Morgens ist das immer etwas lauter, weil viele alte Menschen hier sind. Wir können das nicht regulieren und heute ist das besonders laut. Mein Chef hat da aber in der Zentrale schon aufs Band gesprochen, dass das zu laut ist.", brüllte sie zurück. "Macht zwölf achtzig." - Ich war froh, als ich wieder draußen war.

Sonntag, 13. September 2015

Mecha-Nick

Kennt jemand Nick? Also den Tech-Nick? "Bei Technik-Fragen Tech-Nick fragen", sollte allen Werbegeschädigten doch ein Begriff sein. Davon abgesehen, dass ich den Tech-Nick Antoine Monot in einer Episoden-Hauptrolle im letzten ARD-Tatort ganz gut fand (die Episode selbst war mir ein wenig zu brutal und es gab mal wieder zu viele Leichen), schien der Besitzer einer Gaststätte in Hamburg jedenfalls zumindest in seinen Werbenamen verliebt gewesen zu sein, als er die Klotür beklebte.

Zum Glück hat er nicht Micha-Nick geschrieben. Während Marie und ich vor der Tür warteten, überlegten wir, wen wir wohl erhalten würden, wenn wir den Schalter benutzen. Wer wohl Mechanick sein könnte. Und vor allem, was er tut, wenn man den Schalter drückt. Kommt er nur? Darf man ihn mitnehmen? Singt er was vor? Oder ist er für Schweinkram zu haben? Vielleicht sollte ich nicht zu viel darüber nachdenken.


Mittwoch, 9. September 2015

Aus der Wand

In unserem Schwimmbad, das Marie und ich immer mal wieder privat nutzen, ist seit Wochen das Behinderten-WC defekt. Die Tür ist abgeschlossen. Leider befindet sich in demselben Raum auch die Dusche, so dass alle die, die keine Stufen überwinden können, nun ungeduscht und mit voller Blase ins Becken müssen, sofern sie nicht verzichten wollen. Regelmäßig frage ich an der Kasse nach, ob die Sanitärräume wieder geöffnet sind, regelmäßig höre ich: "Ja, waren die gesperrt?" und regelmäßig sehe ich dann, wenn ich vor dem Raum stehe, ein Schild, das mich auf die weitere Sperrung hinweist. Und jedes Mal sage ich beim Verlassen des Bades Bescheid, dass da mal was unternommen werden muss.

Heute ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe einen kleinen Aufstand geprobt und mir den Chef vom Dienst geben lassen. Oder besser die Chefin. Defekt sei die Notrufeinrichtung und ohne die dürfe das Behinderten-WC nicht betrieben werden. "Aber die Dusche könnten Sie doch wenigstens freigeben. Und wieso dauert es Wochen, bis die Notrufeinrichtung mal repariert wird?" - "Das technische Problem ist halt größer."

Eine andere Rollstuhlfahrerin, die auch vor Ort war, beschwerte sich gleich mit. Und als die Chefin weg war, nahm sie eine Münze und öffnete die Tür kurzerhand. Zum Vorschein kam eine aus der Dose gerissene Notrufstrippe. Die andere Rollstuhlfahrerin zog an der Strippe, löste damit Alarm aus, und quittierte ihn kurz danach am Ausgang. Die Anlage funktionierte also, es ging lediglich darum, dass mal jemand die Dose wieder in die Wand schrauben müsste. Da fragt man sich doch, warum das Wochen dauert, warum niemand Bescheid weiß, und wieso jemand, der daran zieht, das ganze Gerät aus der Wand holen kann. Oder?


Sonntag, 6. September 2015

Nachhaltig

Ich habe schon mehrmals (nämlich hier und hier) über unseren Nachbarn geschrieben, der mit Maries und meiner Hilfe ein wenig was für seinen Körper getan hat. Sein BMI ist von ehemals 30 auf nun 26 gesunken, und insbesondere seine Blutwerte, die Maries Mutter nun noch einmal bestimmt hat (nachdem er vorher über Jahre nicht zum Arzt gegangen ist), sind astrein. Der Triglyceridwert (sogenannte Neutralfette) ist von 700 über 133 auf inzwischen 116 abgesunken und damit durchaus als "normal" anzusehen. Aufgetaucht sind inzwischen zwei Arztbriefe anlässlich zweier eher kosmetischer Eingriffe im Krankenhaus, bei denen die Triglyceride ebenfalls mit Werten jenseits der 500 bestimmt worden sind. Einer stammt aus dem Jahr 2001, ein anderer aus 2005.

Wenn es also jemand schafft, nach offensichtlich mehr als zehn Jahren absolut falscher Ernährung sein Ernährungsverhalten nachhaltig (und davon möchte ich nach einem halben Jahr bereits sprechen) umzustellen, habe ich davor schon einigen Respekt. Auch wenn ich selbst keine Probleme mit meinen Ernährungsgewohnheiten habe und daher vermutlich gar nicht nachvollziehen kann, wieviel Überwindung das kostet. Ganz erheblich dazu beigetragen hat bei ihm der konsequente Verzicht auf Limonaden und Fruchtsäfte. Er trinkt, nach eigenen Angaben, seit mehr als einem halben Jahr ausschließlich noch Wasser.

Drei Liter Cola pro Tag durch ungesüßtes Wasser zu ersetzen, spart pro Woche über zwei Kilo Zucker. Man stelle sich nur mal bildlich vor, dass jemand jede Woche zwei Pakete Zucker in sich reinlöffelt. Über Jahre! Ich weiß, spätestens seit meinem heutigen Beitrag sind die Chancen auf einen Sponsoren-Vertrag mit führenden Unternehmen der Getränke-Industrie für immer dahin, aber mal im Ernst: Jeder Mensch sollte darüber mal intensiv nachdenken! Nicht vor einem Glas Cola (in meinem Kühlschrank steht davon auch eine Flasche), aber vor der Überlegung, damit Durst zu stillen oder es als Grundnahrungsmittel in sich hineinzuschütten!

Donnerstag, 3. September 2015

Alle Jahre wieder

Draußen sind fast dreißig Grad und drinnen steht der grinsende Alte mit weißem Rauschebart und rotem Mantel. Nee, ich bin nicht in Down Under. Ich kaufe ein. Klopapier. Zum Beispiel. Eine alte Frau schaut mich mit großen Augen an. Starrt. Glotzt. Kommt dichter. Stellt sich betont versehentlich mit ihrem Einkaufswagen in den Weg. Glotzt weiter. Ich glotze zurück und lege den Kopf schief. Das reicht schon, um sie reden zu lassen. Sie deutet auf mein Klopapier und sagt: "Ich hab mal gelesen, dass Querschnittgelähmte gar nicht auf Toilette können."

Bitte was? Muss ich da noch höflich bleiben? Soll ich darauf überhaupt etwas sagen? Nein und ja. "Sie lesen die falschen Bücher", blubber ich zurück, schiebe meinen Rollstuhl an und nutze den Schwung, um ihren Einkaufswagen zur Seite zu schieben. Die Frau antwortet: "Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber das stand tatsächlich jüngst in der [Illustrierte mit Kochrezepten, Königen, Promiskandalen, Lebenstipps, Horoskop und jeder Menge Anzeigen für Treppenlifte, E-Scooter, Inkontinenzvorlagen und Nahrungsergänzungsmittel]." - "Versuchen Sie es mal mit dem Knigge." - Sie will irgendwas erwidern, ich fahre ihr mit einem "Schönen Tag noch" in die Parade. Blöde Schrippe!

Ob da nun stand, dass Querschnittgelähmte oft Möglichkeiten brauchen, um sich beim Transfer auf die Toilette festzuhalten und deshalb viele Toiletten nicht nutzen können, oder ob da stand, dass einige Leute beim Abführen so lange brauchen, dass sie sich auf der Klobrille wund sitzen würden und deswegen das lieber in Seitenlage auf dem Bett (natürlich auf einer großen Zellstoffunterlage) machen, weiß ich nicht. Ist aber auch egal. Ich kacke auf Klo und muss das im Supermarkt wohl keinem erklären. Auch nicht, wenn ich Toilettenpapier kaufen möchte. Falls es jemanden interessiert: Ich nehme immer das Dreilagige. Mit dem Umwelt-Engel. Und ich benutze es nur von einer Seite. Auch wenn Umweltschüter beidseitige Benutzung vorschlagen - der Erfolg liegt schließlich auf der Hand.

Zurück zum grinsenden Alten mit weißem Rauschebart und rotem Mantel: Dass sie die Lebkuchenherzen und Christstollen bereits Ende August in die Regale räumen, nervt mich jedes Jahr. Da kann man vielleicht noch akzeptieren, wenn einige länger etwas von der Vorweihnachtszeit haben möchten und diese Süßwaren gerne auch länger als nur in der Adventszeit genießen wollen. Dass nun aber im August schon die Schoko-Weihnachtsmänner dazugestellt werden, finde ich daneben. Und ich will das gar nicht sachlich begründen. Ich bin emotional und verbinde den Weihnachtsmann mit schönen Kindheitserinnerungen, Schnee, Ruhe, Frieden, geschmückten Tannenbäumen und dem Weihnachtsfest. Und das ist einfach noch nicht dran.

Montag, 31. August 2015

Wer nicht wagt

Ich habe mich entschieden. Für eine Dissertation. Nicht aus der Überzeugung heraus, dass ich das gerne machen möchte. Sondern weil es nützlich sein kann und es keinen günstigeren Zeitpunkt und keine bessere Chance dafür gibt. Ich bin nicht glücklich damit, Entscheidungen aus dem Kopf heraus zu treffen, wenn mein Bauch gerne etwas anderes möchte. Aber die Karriereleiter steht im Kopf und nicht im Bauch.

Auch Marie hat sich entschieden. Ob das alles klappt, wissen wir nicht.

Aber es hat einen positiven Nebeneffekt. Wir kommen wieder weiter in den Norden. Und es gibt nichts besseres als die erneute Empfehlung eines Profs (oder zweier), um die Uni zu wechseln.

Mein zweites Viertel meiner Famulatur ist vorbei. Was jetzt folgt, ist ganz viel Organisation, Logistik und das große Ungewisse. Mein Bauch schmerzt bereits. Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht. Maries Mutter hatte gleich noch einen passenden Kalenderspruch parat: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt."

Möge sie doch Recht haben.

Donnerstag, 27. August 2015

Menschen

Ich hab was gegen Flüchtlinge. Und dazu stehe ich auch.

Genau genommen nehme ich meinen Mund gerade zu voll. In Wirklichkeit hätte ich gerne noch mehr dagegen. Mehr als meinen Blog, meine Stimme, meine Gedanken und meinen Brechreiz.

Mir fehlen die richtigen Worte. Angesichts meines Blogs ist das schwer zu glauben, aber gerade ist das so. In den letzten Tagen war es so.

Es geht mir schlecht. Ich bin ratlos. In einer Wirklichkeit, in der ich keine Antwort habe auf die Umstände, die es nötig machen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um einer Gefahr für ihr Leben und ihre Gesundheit zu entkommen. Und der Gefahr für ihre Familien. In jener Wirklichkeit, in der ich gerne etwas gegen diese Umstände hätte.

Als die Bilder von Demonstrationen gegen Flüchtlinge überall gezeigt wurden, als in sozialen Netzwerken plötzlich Kommentare zu lesen waren, die mit Anstand, Bildung, Eleganz, Erziehung und Kultur nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren, war ich geschockt. Von Nächstenliebe will ich gar nicht erst anfangen. Mir geht eine junge Frau nicht mehr aus dem Kopf, die dabei gefilmt wurde, wie sie Merkel angesichts der Asylpolitik in zwei Minuten zwanzig Mal aus tiefster Kehle mit dem F-Wort beschimpfte. Danach habe ich das ausgeschaltet. Ich fand es unerträglich.

Ein paar in die Fresse ist sicherlich keine Lösung. Wollen wir doch Vorbild sein, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Mit Worten. Mit Argumenten. Mit Herz. In einem freien Land, in dem jeder Mensch seine Meinung äußern darf.

Ist "Fotze-Rufen" eine Meinungsäußerung? Ist der Hass auf andere Menschen eine Meinung?

Nein. Weder der Hass selbst noch das, was einigen meiner Mitbürger, für die ich mich schäme, unter dem Einfluss ihres Hasses offenbar unkontrolliert aus ihrem Mund quillt, ist eine Meinung. Und so viel Grips, dass er das begreift, hat jemand, der das grundgesetzliche Recht auf freie Meinungsäußerung an dieser Stelle für sich beansprucht. Die Grundrechte, aus denen zitiert wird, regeln das Verhältnis des Staatsbürgers zum Träger der staatlichen Gewalt. Sonst nichts. Der Vorwurf der Zensur, der an dieser Stelle immer wieder willkürlich in den Raum gestellt wird, wird mutwillig vermischt mit dem strafbaren Verbot der Beleidigung anderer Menschen.

Wir sind gefragt, es besser zu machen als jene, die auf Hilfesuchen mit Hass und Gewalt antworten. Wir sind auch gefragt, Anstand, Bildung, Eleganz, Erziehung und Kultur zu vermitteln. Und Nächstenliebe. Um damit jenen Frieden zu sichern und zu transportieren, den einige von uns glauben, mit Hass und Gewalt verteidigen zu können.

Meinungsfreiheit ist genauso wie der Schutz vor Gefahr und Verfolgung ein Grundrecht, das unveräußerlich ist. Beides gilt es zu verteidigen. Genauso wie Menschen, die weder verfolgt noch gefährdet sind, kein Asyl gewährt wird, ist anderen Menschen nicht zuzubilligen, unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu beleidigen und zu Hass aufzustacheln. Diejenigen, die versuchen, mit dem Instrument der Meinungsfreiheit andere Grundrechte auszuhebeln, um ein menschenverachtendes Weltbild zu verbreiten, streben damit eine Gesellschaftsform an, in der die Meinungsfreiheit bereits abgeschafft ist.

Ich habe etwas dagegen. Gegen das, was gerade passiert und was ein einzelner nicht steuern kann. Weder derjenige, der sich nach Feierabend ehrenamtlich für die hier gestrandeten Menschen engagiert, noch derjenige, der als Nazi hohle Parolen verbreitet. Auch nicht derjenige, der in Not unseren Schutz sucht. Wir brauchen dringend politische Lösungen, die ich weder kenne noch überblicke.

Aber eins kann ich tun. Eine Kleinigkeit. Nämlich einzelne Menschen, die aus einer Not heraus um Hilfe bitten, als Menschen zu sehen. Und auch so zu benennen. Genauso wie ich keine Behinderte bin, sondern ein Mensch, gibt es vielleicht Bücklinge, Erdlinge, Fäustlinge, Feiglinge, Fingerlinge, Findlinge, Keimlinge, Kohlweißlinge, Lüstlinge, Mischlinge, Pfifferlinge, Presslinge, Rohlinge, Sämlinge, Schädlinge, Schillinge, Schmetterlinge, Setzlinge, Sperlinge, Stichlinge, Weichlinge, Widerlinge und Wüstlinge. Vielleicht auch Kümmerlinge und Perverslinge.

Aber keine Flüchtlinge. Und auch keine Ankömmlinge, Neulinge oder Eindringlinge. Sondern Menschen, die Hilfe suchen. Menschen.

Sonntag, 23. August 2015

An der Nudel

Es ist der dreiundzwanzigste August und ich bin vor etwa dreimalzwanzig Stunden dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Draußen waren dreiundzwanzig Grad, zumindest am Meer, das nicht mehr ganz dreiundzwanzig Grad hatte. Eher neunzehn. Ja, wir waren am Strand, dreiundzwanzig weniger neunzehn Leute, also eine eher kleine Runde, bestehend aus Marie, einem Freund, einer Freundin, die zusammen sind und sich in meinem Blog keine Kosenamen wünschen, und mir.

Geflohen sind wir. Für ein ruhiges und entspanntes Wochenende zum Erholen. Maries Eltern haben uns ihr Wochenendhaus überlassen. Einzige Bedingung war, dass wir am Ende einmal grob saubermachen und den Müll rausbringen. Das sollte möglich sein.

Es war sehr entspannt. Wir sind am Freitag vor einem gemeinsamen Wochenend-Einkauf nochmal schnell in die Ostsee gehüpft, haben abends meinen Geburtstag gefeiert, weniger mit großem Besäufnis, mehr mit leckerem Abendessen und einer anschließenden angeregten Quatschrunde bis spät in die Nacht. Ich habe alleine auf einem Klappsofa geschlafen in himmlischer Ruhe, wurde am Samstagmorgen durch den Duft von Aufbackbrötchen geweckt, bevor wir im Garten gefrühstückt haben.

Am Samstag waren wir den ganzen Tag am Strand, haben mehrmals im Meer gebadet, uns gesonnt - und weiter nichts. Lustig war eine Begegnung mit einem jungen Mädchen, geschätzt zwölf Jahre alt, das mit ihrer Mutter am Strand, aber alleine im Wasser war. Wir hatten sie zuerst nicht wahrgenommen und schwammen im eher flachen Wasser an ihr vorbei. Wir hatten zwei Luftmatratzen dabei und unsere beiden zu Fuß gehenden Freunde machten sich einen Spaß draus, Marie und mich so in die (eigentlich eher flachen) Wellen zu schieben, dass sie entweder über das Kopfteil spritzten oder die ganze Matratze umkippte. Ja, man kann nicht immer nur erwachsenes Verhalten zeigen...

Dieses Mädchen suchte ganz offensichtlich unsere Nähe, tauchte immer wieder zwischen uns auf und suchte schüchtern Blickkontakt. Irgendwann, als ich zum gefühlt zwanzigsten Mal von der Matratze gefallen war, schob ich ihr das Ding hin und fragte: "Willst du auch mal?" - Sie nickte und kletterte drauf. Eher vorsichtig. Meine Freundin schob sie ebenfalls in eine Welle, so dass die Matratze kenterte. Wir spielten einen Moment in der Fünfergruppe weiter, dann brüllte plötzlich die Mutter vom Rand. Das Mädchen fragte: "Seid ihr später noch hier?" - "Wir sind den ganzen Tag hier." - "Ich muss raus."

Ich überlegte, warum die Mutter sie so streng aus dem Wasser holte. Dachte einen Moment nach, ob es richtig war, mit einem fremden Mädchen zu spielen. Wobei sie ja auf uns zugekommen ist und nicht anders herum. Aber egal, wir hätten auch "Nein" sagen können. Oder sogar "Nein" sagen müssen? Oder wenigstens vorher die Mutter fragen, ob das okay ist? Ich schob diese Gedanken zur Seite. Schlimm finde ich sie. Weil ich nie einem Kind etwas antun würde. Aber ich bin ja nicht alleine auf der Welt und deshalb ... andererseits: Wo sind wir eigentlich, dass man nicht mal mehr spontan mit jemandem spielen darf? Okay, ich bin dreiundzwanzig ... ich schob die Gedanken erneut zur Seite.

Später, als wir wieder aus dem Wasser kamen und uns abgetrocknet hatten, kam die Mutter zu uns. Und sagte: "Es tut mir leid, dass ich euer schönes Spiel unterbrechen musste. Aber meine Tochter ist zuckerkrank und musste spritzen und essen." - Ich fühlte mich verfolgt. Kam jetzt gleich die Frage, ob ich gerade im Krankenhaus ... meine Famulatur ableiste? Nein, sie kam nicht, aber ich war dennoch einigermaßen perplex. Hat sich mein Idiotenmagnet umschulen lassen und zieht künftig junge Diabetiker an?

Das zwölfjährige Mädchen kam später noch einmal zu uns, wir bauten eine große Sandburg zusammen. Zu fünft. Ich fühlte mich ein wenig an die Begegnung mit Mia erinnert, die vor rund einem Monat einfach auf uns zusteuerte und mit der wir auch eine Sandburg bauten. Diese sah sehr gut aus. Als sie gerade fertig war, zogen mal wieder dunkle Wolken auf. Wir entschieden uns, zusammenzupacken und abzufahren. Erst jetzt bemerkte das Mädchen, dass Marie und ich nicht laufen können. "Ach, gehören euch etwa die Rollstühle da oben an den Dünen?" - Ich fühlte mich erneut an Mia erinnert und glaubte inzwischen schon fast an ein Déjà-vu. Wenn sie nun noch fragt, ob sie auch mal damit fahren darf...

Tatsächlich. Das Mädchen wollte dann noch unbedingt ausprobieren, wie es sich anfühlt, in so einem Ding zu sitzen. Und meinte, dass es ja gar nicht so schlimm sei, wie sie es sich vorgestellt hätte. Allerdings wird sie nicht verstanden haben, welche weiteren Einschränkungen damit verbunden sind. Muss sie auch nicht.

Heute waren wir, bevor wir aufgeräumt, geputzt, den Müll rausgebracht und alles gut abgeschlossen haben, mit Fahrrädern und Handbikes an einem nahen Badesee. Leider war das Wetter nicht mehr so gut, so dass wir nur einmal kurz im Wasser waren und die übrige Zeit auf einer Decke liegend mit der Sonne flirteten, die sich immer wieder hinter Wolken versteckte.

Mit uns war, neben einigen anderen Sonnenhungrigen, eine Gruppe aus einer Behinderteneinrichtung vor Ort. Der Altersdurchschnitt der Bewohner lag bei Mitte 40, der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter bei gefühlt 20. Rollstühle kannte Klaus, so nenne ich ihn mal, wohl aus seinem täglichen Leben, wenngleich er selbst Fußgänger war. Er kam zu uns, stellte sich demonstrativ direkt vor unserer Decke in die Sonne, biss sich seitlich auf seinen Zeigefinger und wippte mit dem Oberkörper hin und her. Marie, die gerade auf dem Bauch auf der Decke lag, schaute über ihre Schulter und fragte: "Na, wer bist du denn?" - Er nahm seinen Finger aus dem Mund und sagte, weiterhin wippend: "Ich bin Klaus." - "Oh, hallo Klaus, ich bin Marie." - "Marie! Das ist Marie! Ich bin Klaus. Wasser ist kalt." - "Joa, das Wasser ist etwas kalt. Aber die Sonne scheint." - "Etwas kalt, ja, etwas kalt. Gehst du auch schwimmen?" - "Ich war schon im Wasser." - "Ich geh heute auch schwimmen, Wasser ist nicht tief, ist nicht tief. Bist du Marie?" - "Ich bin Marie. Und das ist Jule." - Er klatschte in die Hände. Ich winkte. Er hatte eigentlich gerade aufgehört mit dem Oberkörper zu wippen, jetzt biss er wieder auf seinen Finger und wippte weiter. Meine blendende Schönheit, die ihn verunsicherte? - "Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie", sagte er und ging zu seiner Gruppe zurück. Aus der Ferne hörten wir: "Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie. Die sitzen im Rollstuhl."

"Nee, die liegen auf der Decke", murmelte Marie leise. Ich grinste. Kurz darauf kam Klaus wieder angelaufen. "Jetzt gehts los ins Wasser! Wasser ist kalt." - "Ach, so schlimm wird das nicht. Die Sonne scheint ja." - Die größten Probleme hatten die Betreuer damit, Klaus ins Wasser zu bekommen. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er motorisch einfach enorm unkoordiniert agierte, sich auf den Po setzte und sich krampfhaft an einer grünen Schwimmnudel festhielt, obwohl das Wasser gerade mal zwanzig Zentimeter tief war. Eine Betreuerin, die mit einer jungen, vor Freude kreischenden Frau bereits viel weiter im tieferen Wasser war, brüllte laut: "Zieh ihn einfach an seiner Nudel ins Wasser."

Unsere Freundin prustete los und Marie setzte gleich noch einen drauf: "Wenn sie die mal findet, wo er doch eben schon solche Angst vor kaltem Wasser hatte!" - Die Betreuerin legte noch einmal nach: "Zieh ihn an seiner Nudel ins Wasser!", brüllte sie. Am Ende klappte es am besten ohne die Nudel. Klaus plantschte wie ein kleines Kind, und als er irgendwann wieder nach draußen kam, meinte er im Vorbeigehen, ohne uns anzugucken: "Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie."

Klaus hatte es erfasst. Und es war ein schönes Wochenende.

Donnerstag, 20. August 2015

Träumen

Dass Menschen im Schlaf träumen, ist bekannt. Sehr intensiv träumen die meisten Menschen in einer Tiefschlafphase. Manche Menschen erinnern sich nach dem Aufwachen nicht mehr an das Träumen und vermuten dann, im letzten Schlaf nicht (oder überhaupt niemals) geträumt zu haben. Auch fast alle Säugetiere (mit Ausnahme von Delfinen) träumen, ebenso Vögel und sogar einige Reptilien. Man hat sie natürlich nicht gefragt, aber wissenschaftliche Untersuchungen legen den Schluss nahe. Beim Delfin ist man sich nicht sicher, weil er keine Schlafphase erreicht, in der typischerweise geträumt wird.

Als eine "von der Psyche gesteuerte halluzinatorische Aktivität des Gehirns mit intensivem Bild- und Gefühlserleben" steht der Traum in einem meiner Lehrbücher. Ich stehe hingegen in einem Raum, den ich als Wohnung mieten möchte. Was völliger Unsinn ist, denn ich möchte aktuell keine Wohnung mieten. Aber in Träumen ist bekanntlich selten was realistisch. Ich bin gerade in diesen Raum hineingefahren. Es handelt sich um einen Laden, eine gerade frisch eingerichtete Zweigstelle eines großen Hamburger Unternehmens. Ein Mann hat mich gehört, steht im Nebenraum von seinem Sitz auf. Bevor er mich sieht, drehe ich mich um die eigene Achse und rolle wieder nach draußen. Kaum bin ich draußen, werde ich wach.

Soweit, so verrückt. Aber: Ich saß im Rollstuhl. Das war das allererste Mal, dass ich mich morgens daran erinnere, dass ich im Traum völlig selbstverständlich einen Rollstuhl benutzt habe. Bislang war ich in Träumen immer zu Fuß unterwegs. Zuletzt war es so, dass ich in Träumen immer gehofft habe, niemand würde merken, dass ich eigentlich im Rollstuhl sitzen müsste, nun aber doch zu Fuß unterwegs bin. Auch so ein Unsinn, denn das wäre jawohl das Erste, was jemand merkt, wenn er mir ohne Rollstuhl begegnen würde. Aber meine Gegenüber in Träumen haben das nie gemerkt. Lediglich ich selbst hatte dabei immer ein schlechtes Gewissen.

Sollte es tatsächlich so sein, dass sich nach Jahren nun endlich auch meine Psyche vollständig mit der Situation abgefunden hat? Oder verblassen einfach nur die Erinnerungen an meine Zeit auf zwei Beinen? Ich weiß es nicht. Es ist mir eigentlich auch egal. Aber beeindruckend fand ich das schon.

Mittwoch, 19. August 2015

Kleine Welt

Da stehe ich mit meinem Einkauf auf dem Schoß im Aufzug zum Parkdeck, als mein Blick auf ein junges Mädchen, geschätzt zehn Jahre alt, fällt. Unter ihrem Top blitzt eine Dosierpumpe hervor. Insulin? Schmerzmittel? Die Mutter hat gesehen, dass mein Blick kurz an ihrer Tochter kleben blieb. Sie guckt mich an. "Haben wir Sie nicht letzte Woche in der Klinik gesehen?", fragt sie mich plötzlich. So klein ist die Welt.

"Kann schon sein", antworte ich. Sie sagt: "Sie sind relativ zügig über den Flur gerollt und meine Tochter war so fasziniert davon, wie Sie die defekte Automatiktür mit der Hand geöffnet haben." - Ich lächel die Tochter an, sie lächelt zurück, und sagt: "Wie war das? Jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Oder?" - Dann hebt sie kurz ihr Top zwei Finger breit hoch, so dass mein Blick auf die Insulinpumpe frei wird, und hält mir anschließend lachend die Hand zum High-Five hin.

Was für ein lustiger Vogel! Ich schlage natürlich ein. Die Mutter sagt: "Sie hat aber auch gesagt, dass sie mit Ihnen nicht tauschen möchte." - Okay ... wenn es ihr hilft, sich vorzustellen, dass es vermeintlich größere Herausforderungen gibt als eine jugendliche Zuckerkrankheit, dann lasse ich das mal so stehen.

Ich würde sofort behaupten, dass es noch wesentlich größere Herausforderungen gibt als ein Diabetes oder eine Querschnittlähmung. Aber die eigenen Aufgaben sind die, die man selbst bewältigen muss. Und da interessiert es nicht, welche Aufgaben andere gestellt bekommen. Aber manchmal hilft der Blick über den Tellerrand dabei schon.

Montag, 17. August 2015

Urlaubsreif

Die Dritte Woche meiner Famulatur beginnt. Und meine Chefin möchte wissen, ob ich über das Thema "Dissertation" nachgedacht habe.

Mehr als genug. Mein Kopf sagt was anderes als mein Bauch. Und das ist erfahrungsgemäß nie gut. Ich muss mich zügig entscheiden. Das neue Semester beginnt. Auch Marie hat übrigens Blut geleckt. Sie liebäugelt mit einem Krebs-Thema.

Es ist so schwierig. Es ist später wesentlich einfacher, wenn man sagen kann, man hätte sich mehr oder weniger bewusst dagegen entschieden, als wenn man sagen muss, dass man es versucht, aber aus Gründen schlechter Organisation oder zu geringer Kapazitäten verkackt hat. Insofern hinterlässt die Entscheidung auf jeden Fall einen neuen Eintrag im Lebenslauf - und jeder Eintrag im Lebenslauf sollte am Ende so positiv zu gestalten sein, dass man selbst noch attraktiv genug bleibt.

Maries Eltern denken da weniger kompliziert. Maries Papa findet, dass sich eine solche Chance vermutlich nie wieder ergeben wird, sagt mir, dass ich alle Zeit der Welt hätte und er seine Frau auch nur wegen des akademischen Titels geheiratet hat. Maries Mutter meinte: "Mach es! Schritt für Schritt. Und wenn du dann in eine Pfütze trittst, ist auch nur ein Fuß nass." - Tolles Motto für eine Rollstuhlfahrerin. Allerdings tritt die ja bekanntlich fast nie in Pfützen.

Ein Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, rät mir ebenfalls zu. "Du packst das. Du hast das Zeug dazu. Lass das nicht ungenutzt."

Ich selbst sehe mich anlässlich dieser Konfrontation eher leicht bis mittelgradig verzweifelt, stelle mir Fragen, warum und für wen ich das alles überhaupt mache, finde Antworten, frage mich, ob sie richtig sind, finde weitere Antworten, schiebe die Gedanken zur Seite, kann mich nicht entscheiden. Bin genervt von mir selbst und über meine Unentschlossenheit, fühle mich schwach, blicke auf andere Leute mit meiner Einschränkung, sage mir selbst, dass solche Vergleiche unsinnig sind, weil jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist, lese weitere schlaue Kalendersprüche, finde wieder keine Antworten und schreibe das Wort "urlaubsreif" auf meine Schreibtischunterlage. Male es schön bunt aus und gehe ins Bett.

Sonntag, 16. August 2015

Triathlon 2015

Die Saison ist schon fast wieder vorbei. Und das zeitweise schwüle Wetter ist auch nicht unbedingt das beste für einen Triathlon. Hinzu kommt mein relativ schlechter Trainingszustand. Ich habe mich zwar immer sportlich betätigt, sobald ich die Möglichkeit dazu hatte, muss aber sagen, dass ich gerne mehr Möglichkeiten gehabt hätte. Durch mein Studium bin ich allerdings stark eingeschränkt.

Schlechter Trainingszustand heißt nicht, dass ich nicht mehr in meine Sportklamotten passe oder der Rennrolli beim Hineinsetzen ächzt. Sondern dass es ein Unterschied ist, ob man drei Mal pro Woche zehn bis zwanzig Kilometer abreißt und mindestens zweimal schwimmt, oder einmal pro Woche ins Bike kommt und einmal nach Feierabend ein paar Bahnen krault.

Trotzdem habe ich mich für die Kurzdistanz (P1) angemeldet: 1500 Meter schwimmen, 40 Kilometer Handbiken und 10 Kilometer mit dem Rennrolli. Die 60 Kurzbahnen im Schwimmbad würde ich problemlos schaffen, sogar 150 würde ich mir aktuell zutrauen. Die 40 Kilometer mit dem Liegebike werden auch nicht das Problem, zumal es nicht vorrangig um die Zeit, sondern um das Ankommen gehen würde. Aber die zehn Kilometer im Rennstuhl wären wohl eine Herausforderung. Gerade nach den 40 Kilometern auf dem Bike. Aber extra deshalb auf die (halbe) Sprintdistanz umsteigen? Nö.

Die Tage sind schon wieder erheblich kürzer geworden. Es war noch dunkel, als Marie und ich zum vorgesehenen Startpunkt fuhren. Frühes Kommen sichert gute Plätze. Wir waren seit drei Stunden unterwegs und erstaunlich gut durchgekommen. Einige Ordner, die die Straßen absperren sollten, waren gerade dabei, ihre Positionen zu beziehen, andere kämpften mir ihren Thermoskannen. Einer von ihnen sprang direkt vor unsere fahrenden Autos. Ich musste scharf bremsen und schaute besorgt in den Spiegel, aber Marie hinter mir reagierte ebenfalls schnell. "Hier ist Durchfahrt verboten!" - "Wir wollen zum Wettkampf." - "Sie haben doch die Einladung gelesen und wissen ganz genau, wo Sie zu parken haben!"

Während er redete, holte ich meinen blauen Parkausweis raus und hielt ihm den unter die Nase. "Achso, seid ihr die beiden Behinderten?" - Ich lächelte: "So könnte man das sehen, ja." - "Oh, ihr habt einen Sonderparkplatz direkt neben dem Startpunkt. Ich funke mal eben den Kai-Uwe an, damit er die Böcke wegschiebt. Wir haben euch extra zwei Plätze freigehalten. Ihr fahrt jetzt hier die Straße entlang, haltet euch rechts und dann seht ihr das schon auf der linken Seite. Wenn da keiner kommt, einfach mal hupen." - "Was für ein Service. Danke."

"Ich bin Kai-Uwe und für eure persönliche Assistenz zuständig", wurden wir von einem Mann in verwaschener Jeans begrüßt. Über seinem bierbauchfreien und nicht mehr ganz blickdichten weißen T-Shirt trug er eine gelbe Warnweste. Ich erwischte mich dabei, nachzugucken, ob nur "Ordner" drauf steht und nicht etwa "Behindertenbetreuer" oder sowas. Es stand aber nur "Ordner" drauf. Erleichterung.

"Sagt mir, was ich tun soll." - "Guten Morgen, im Moment gar nichts, vielen Dank." - "Soll ich euch beim Ausladen helfen?" - "Später vielleicht, vielen Dank." - Kai-Uwe redete ohne Luft zu holen. Er wollte meinen Kofferraum aufmachen, während ich noch nicht einmal meinen Alltagsstuhl ausgeladen hatte und noch im Auto saß. Sowas kann ich gar nicht leiden. Zum Glück geht die Klappe nicht auf. Während der Fahrt war ein Ersatzrad so verrutscht, dass es genau vor der Klappe stand und beim Öffnen vermutlich hinauspurzeln würde. Muss ja nicht erst sein, dass das jemandem auf die Füße fällt.

"Kai-Uwe?", unterbrach ich seinen noch immer andauernden Monolog, dem ich schon lange nicht mehr folgte. Hauptsächlich, weil es vorne akustisch nicht ankam. Er kam angesprintet: "Pass mal auf: Es ist furchtbar lieb, dass du uns hilfst. Aber wir sind Sportler und sehr fit. Und unseren Triathlon müssen wir gleich auch alleine schaffen. Also lass uns das sportlich angehen und uns abstimmen, was du machst und was wir alleine können. Okay? Wir fragen dich sofort, wenn wir Hilfe brauchen. Wenn du einfach überall anfasst, wird das schnell lästig, auch wenn das gut gemeint ist." - "Okay, verstanden. Message ist ankommen. Wo braucht ihr Hilfe?" - "Lass uns erstmal ankommen, die Gegend sondieren, und dann sagen wir dir Bescheid. Keine Panik."

"Alles klar, ich hole mir erstmal eine Grillwurst. Ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt. Ihr wisst ja, wo ihr mich findet. Wir haben Schinkengriller für Zwei Euro Fünfzig, das ist ein Freundschaftspreis, und normale Würste für zwei Euro. Soll ich euch eine mitbringen?" - "Sehr nett, aber: Danke, nein." - Ich ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite hinab. Marie guckte mich aus ihrem Auto an. Ich sagte: "So früh schon so wach ... das kann ja heiter werden." - Marie antwortete: "Wer morgens Wurst isst, quält auch hilflose Rollstuhlfahrer."

Das Gelände war nur sehr bedingt für Rollstühle geeignet. Gestartet werden sollte auf dem Rasen einer Badestelle, der allerdings so abschüssig und feucht war, dass wir gar nicht erst versuchten, ihn mit den Alltagsstühlen zu befahren. Direkt am Ende der Schwimmstrecke führte der Weg über einen matschigen, von Baumwurzeln durchzogenen Waldweg steil bergauf. Auch das würde mit dem Rollstuhl nicht zu bewältigen sein. Zwanzig Dixiklos standen am Rand der Wiese auf einem Podest. "Ich bin gespannt, wie das alles funktionieren soll." - "Irgendeinen Plan werden sie schon haben, sonst hätten sie uns nicht schriftlich bestätigt, dass wir teilnehmen können."

Irgendwann kam der Organisator auf uns zu. Er erklärte uns, dass wir ins Wasser getragen werden, aus dem Wasser starten, am Ende aus dem Wasser getragen werden, unsere Bikes und Rennrollis in der Kehre neben unseren Autos stehen - etwa 200 Meter von den Wechselzonen 1 und 2 entfernt. Die Strecke sei aber dieselbe, da im Kreis gefahren werde. Lediglich mit dem Rennrollstuhl müssten wir anfangs 200 Meter weiter fahren, die 200 Meter werden aber am Ende verkürzt, weil alle Läufer noch eine halbe Abschlussrunde um einen Sportplatz drehen, während wir direkt ins Ziel rollen.

Eine Umkleidemöglichkeit gab es nicht, in die Dixi-Toilettenkabinen kamen wir nicht hinein. Ich krabbelte kurzerhand in den Kofferraum und ließ Marie die Klappe schließen. "Lass mich bloß wieder raus, wenn ich fertig bin", scherzte ich. - "Mal sehen", antwortete Marie. Rennrollstuhl und Handbike waren bereits draußen, so war genügend Platz. Und durch die getönten Scheiben konnte man von außen nicht besonders viel sehen. Nach einem fliegenden Wechsel starteten wir zu einer Aufwärmrunde in unseren Rennbikes.

Als wir wieder zurück kamen, bewachte Kai-Uwe unsere Rennrollstühle. Einige ältere Herren standen neugierig daneben. Einer wollte gerade einen der beiden anheben, vermutlich um einen Eindruck von seinem Gewicht zu bekommen, aber Kai-Uwe war aufmerksam: "Na! Geguckt wird nur mit den Augen, nicht mit den Fingern!"

Einer der Männer schaute mich an. "Ihr Gefährt?" - Ich nickte. - "Krasses Teil. Können Sie nicht laufen? Also gar nicht?" - Angenehm, ich heiße Jule. Aber das interessiert ja keinen. Ich schüttelte den Kopf. - "Aber mit dem Ding hier können Sie am Triathlon teilnehmen, genauso wie jeder andere, oder?" - Naja, ich rolle, andere laufen. Aber ich wusste ja, was er meinte. Ich nickte. Er antwortete: "Und was machen Sie, wenn Sie unterwegs einen Platten kriegen?" - "Dann ist für mich das Rennen vorbei." - "Wie ärgerlich! Kommt das denn vor?" - "Mir ist das bislang noch nicht passiert." - "Dann hoffen wir mal, dass es heute nicht das erste Mal wird! Und haben Sie denn auch genug zu trinken an Bord?" - Ich nickte. - "Und was machen Sie, wenn einer im Weg steht? Haben Sie da keine Klingel dran?" - "Genauso wie bei anderen Rennrädern oder Laufschuhen, ist da keine Klingel dran. Ich kann ja rufen - oder den Veranstalter fragen, warum da einer auf der abgesperrten Strecke rumrennt."

Bevor er nun noch fragt, was ich mache, wenn es zu regnen anfängt, meine Nase läuft, meine Blase voll ist oder meine Finger bluten, fragte ich Kai-Uwe, ob er mal bitte Maries und meinen Neo aus dem Auto holen könnte. Ich öffnete den Kofferraum per Fernbedienung, und als die Klappe automatisch nach oben ging, guckte der ältere Mann erst verwundert die Klappe, dann mich an: "Oh, darfst du heute Papas Auto fahren?"

So schnell sind wir also per Du. Ich reagierte nicht. Er fuhr fort: "Da hast du aber einen tollen Papa, ich habe meiner Tochter nicht erlaubt, mit 18 mein Auto auszuleihen. Ehrlich gesagt leihe ich ihr das heute noch nicht mal gerne, und inzwischen ist sie 35. Heimlich genommen hast du es dir aber nicht, oder?" - Er guckte streng. Und möchte also wissen, wie alt ich bin, ob ich noch zu Hause wohne - sonst noch was? Ich spitzte die Lippen, legte den Zeigefinger darauf und sagte keck: "Psssst! Merkt er vielleicht gar nicht!" - Seine Augen wurden immer größer. Marie grinste von einem Ohr zum Anderen.

Ich fragte Kai-Uwe: "Wer bemalt uns denn mit unseren Startnummern?" - "Ich hol mal jemanden her, damit ihr da nicht durch den Sand müsst. Habt ihr Eure Anmeldungen und Startpässe parat?" - Hatten wir. Während wir, auf dem Rasen liegend, mit einem schwarzen Stift angemalt wurden und uns zumindest schon bis zur Brust in unsere Neos zwängten, wurden wir zunehmend zur Attraktion. Immer mehr Leute blieben stehen und glotzten, wie wir uns, auf der Erde liegend, in die engen Teile pressten. Einige fragten, ob wir Hilfe bräuchten. Glotzten aber weiter, als wir das mehrfach verneinten. Konnten die nicht einfach mal weitergehen? Vielleicht würde die eine oder die andere von uns in Ermangelung eines barrierefreien Klos auch gerne nochmal nonchalant den Rasen bewässern, bevor man sich den Neo über den Popo zieht. Und dabei braucht man niemanden, der zuguckt. Keine Chance.

Wir müssten mindestens eine halbe Stunde vorher am Startpunkt sein und vorher unser Einschwimmen beendet haben. Super. So schnell würde ich gar nicht mit den Zähnen klappern können, wie ich dann friere. Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, dass man uns, wenn wir sowieso aus dem Wasser starten, zehn Minuten vorher ... okay, ich frage gar nicht erst. Also ein Kaltstart. Asche. Ich zog mir zwei paar dicke Socken über meine nackten Füße und eine dicke Fleece-Jacke über meinen Oberkörper. Band mir meine Haare zusammen und setzte schon jetzt die Badekappe und eine Mütze auf. Zwei Kannen heißen Früchtetee hatte ich mir mitgenommen, zwei weitere für Marie. Je Kanne ein Liter, also genügend Flüssigkeit und vor allem: Wärmezufuhr. Auf Bitten bekamen wir zwei Plastik-Gartenstühle an den Badestrand gestellt, damit wir nicht im Sand sitzen mussten. Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Stuhl, damit meine Füße warm blieben. Und soff heißen Tee in Mengen. Die Rechnung ging auf, ich fror nicht. Marie ebenfalls nicht.

Ein Moderator erzählte alles mögliche. Wie teuer die Wurst ist, seit wann es den ausrichtenden Verein schon gibt, welche Sponsoren die Veranstaltung heute möglich gemacht haben und lauter solches Zeugs. Und dann: "Wir haben heute Behinderte unter den Teilnehmern, die starten..." - Applaus brandete kurz auf. - "Können die beiden mal kurz winken?" - Wir drehten uns um und winkten der klatschenden Menge zu. Der Moderator fuhr fort: "Die beiden starten aus dem Wasser und haben eine leuchtend orangene Badekappe auf. Die nehmen genauso teil wie alle anderen auch und bekommen von uns keine Sonderbehandlung! Beide schwimmen aber zum Beispiel nur mit den Armen und ohne Beinschlag, und wer keine Rücksicht nimmt und meint, sie deshalb über den Haufen schwimmen zu können, wird ohne Vorwarnung disqualifiziert." - Erneut wurde geklatscht.

Man könnte glauben, es hätten alle verstanden. War aber nicht so. Der Start verlief komplikationslos. Der See war ruhig, die Kälte des Wassers war nach so viel heißem Tee durchaus erträglich. Es wurde im Dreieck geschwommen und kurz nach der zweiten, also letzten, Boje, überholte uns ein Mann, geschätzt 50, den ich zuerst gar nicht wahrnahm, der dann aber direkt vor mich schwamm und sein Tempo deutlich verlangsamte. Was war das für ein Idiot? Ich änderte meinen Kurs, versuchte ihn zu überholen, er schwamm jedoch genau neben mir und setzte sich zwischen Marie und mich. Wir waren ungefähr gleichauf. Nun pendelte er ständig von einem zum anderen und berührte mich mehrmals, um nicht zu sagen, ich bekam mehrere seiner Kicks in die Rippen. Ich musste unterbrechen und vom Kraulen ins Brustschwimmen wechseln, um genug Luft zu kriegen. Das tat ganz schön weh. Marie bekam kurz darauf ebenfalls was ab. Das war ganz offensichtlich pure Absicht! Hatte er sich von der Ansage des Moderators oder gar vom Applaus anstacheln lassen? Leider konnte ich seine Nummer nicht erkennen.

Ein Kajakfahrer, der das Rennen begleitete, kam auf uns zugerauscht. "Alles okay bei Euch?" - Ich nickte und kraulte weiter. Zum Glück fand ich wieder in meinen Rhythmus. Ich spürte Marie wieder neben mir. Natürlich ohne sie zu berühren. Im brusttiefen Wasser warteten bereits vier Helfer, ebenfalls im Neoprenanzug, auf uns, die uns zu unseren Bikes tragen sollten. Die beiden hatten es drauf: Sie verschränkten unter meinem Po ihre Hände so, dass ich mich auf ihre Arme setzen konnte, meine Arme um ihre Schultern, dann liefen sie mit mir los. Das klappte ja mal gut und sicher fühlte ich mich auch. Das haben die beiden ganz offensichtlich geübt. Sehr schön! Als wir aus dem Wasser kamen, wurde ich auf eine Diskussion aufmerksam: Unseren Rippenkicker hatte man gestoppt. Yes. Inneres Bratkartoffelessen. Ich wusste nur nicht, dass es unsere Begegnung war, die die Offiziellen auf den Plan gerufen hatte. "Hat er Sie getreten?", rief mir der Kampfrichter zu, während meine beiden Jungs mit mir auf dem Arm durch den Sand joggten. Ich antwortete: "Mehrmals in die Rippen, ja. Und meine Freundin auch." - "Und damit ist für Sie hier Feierabend. Wir haben das angekündigt, wir wussten warum, und ich habe Sie genau beobachtet. Wir schreiben auch einen Bericht an den Verband. Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte."

"Weiter", rief ich meinen Trägern zu. Die beiden liefen weiter. "Hat mich schon genug Zeit gekostet, der Idiot", hechelte ich. Mit dem musste ich mich nun wirklich nicht aufhalten. Ich wurde etwas unsanft neben meinem Equipment auf den Rasen gesetzt. Marie plumpste kurz darauf neben mich. Die beiden halfen mir, aus meinem Neo zu kommen. In mein Liegebike kam ich alleine. Helm auf, Abfahrt.

Die Helfer hatten es im Griff. Der Verkehr war zuverlässig abgesperrt, man wusste, wohin man sollte, wir gaben Vollgas. Marie war rund zweihundert Meter hinter mir. Weil es nicht die Sprint- oder Jedermann-Distanz war, waren überwiegend Leute auf der Strecke, die einigermaßen professionell aufgestellt waren. Also niemand auf einem roten Eisenbahn-Mietfahrrad und auch keine Hollandräder mit windabweisendem Bastkorb am Lenker. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und wärmte. So richtig heiß wurde mir irgendwie den ganzen Tag nicht.

Die Strecke war okay. Um ein paar Unebenheiten konnte man herumlenken, Löcher in der Straße oder plötzliche Bordsteine im Weg gab es dieses Mal nicht. Die Strecke verlief über zehn Kilometer und musste vier Mal durchfahren werden. Beim zweiten Mal wusste man immerhin schon, wie der Weg verlief und konnte sich schon rechtzeitig nach links oder rechts orientieren, hoch- oder runterschalten und die Kurven auch etwas schneller nehmen. Die vierte Runde wurde langweilig. Der Himmel war bedeckt und von grauen Wolken verhangen, einmal fielen ein paar Tropfen. Ich hoffte, dass es nicht noch richtig zu regnen anfangen würde.

Der Transfer vom Bike in den Rennrolli klappte problemlos. Die ersten drei Kilometer waren auch noch okay, dann verlief die Strecke aber über eine Bundesstraße in den Nachbar-Ortsteil, zwischen Feldern und Wiesen hindurch und fast ohne Zuschauer. Marie fuhr neben mir. Der Wind kam von vorne, es zog sich wie Kaugummi. Meine Arme wurden immer länger, ich musste mich richtig anstrengen, um durchzuhalten. Es war hauptsächlich eine Kopfsache. Dann erreichten wir endlich zu Zufahrtsstraße zum Sportplatz. Wir überholten noch zwei Frauen, dann fuhren wir durch ein Feuerwehrtor über ein kurzes Stück Rasen und dann sofort auf eine Laufbahn. Während die Fußgänger tatsächlich noch knapp zwei Runden auf der Außenbahn drehen mussten, schickte uns ein Ordner direkt in die Innenbahn auf die Zielgerade.

Etliche Leute, die im Zielbereich standen, begannen zu jubeln und zu klatschen. Marie war zuerst direkt vor mir, allerdings passten wir nicht nebeneinander durch den Zielbereich. Ich ließ Marie vor. Innerhalb von zwei Sekunden fuhren wir durch das Zieltor. Uns wurden die Transponder für die Zeiterfassung abgenommen, bevor wir drei Mal tief Luft geholt hatten. Und dann kam Kai-Uwe mit unseren Rucksäcken und unseren Alltagsstühlen, die wir ihm vorher am Start geben sollten, in seinem Transporter. Unser Shampoo, trockene Alltagskleidung, trockener Stuhl ... lange habe ich mir nicht mehr so sehnsüchtig eine warme Dusche gewünscht. Und sie war tatsächlich heiß, was man ja aus anderen städtischen Sporteinrichtungen oft eher nicht so kennt. Dort ist das Wasser meistens allenfalls lauwarm, und es dauert dank Wasserspareinrichtung eine halbe Stunde, bis man komplett nass ist. Nein, hier gab es in der Rollidusche sogar eine Handbrause.

Bei der anschließenden Siegerehrung bekamen wir neben einer Flasche Bier vom Sponsor auch noch ein Duschgel und ein T-Shirt sowie eine Medaille und eine Urkunde. Und es gab einen Shuttle-Service, so dass wir mit Rennstuhl wieder zu unseren Autos kamen. Die Organisation war also perfekt. An den örtlichen Gegebenheiten könnte man vielleicht das eine oder andere noch verbessern, noch ein paar Barrieren abbauen. Alles in allem war es aber ein tolles Event, das Spaß gemacht hat.

Freitag, 14. August 2015

Bleibende Eindrücke

Meine erste Woche auf der Kinder-Diabetesstation ist vorbei. Was habe ich bisher gelernt? Menschen funktionieren analog und nicht digital. Meinte eine Diplom-Ötzi, wie die Ernährungswissenschaftlerin der Klinik (mal wieder) liebevoll von ihren Patienten genannt wird. Sie wollte damit in einem Diätseminar, das ich mir interessehalber freiwillig reingezogen habe, die Frage beantworten, warum zwei gleich schwere und gleich große Kinder völlig unterschiedliche Mengen Insulin brauchen, um dem Energiegehalt einer Colaflasche zu begegnen. Und warum bei einigen Menschen der Blutzucker bei Aufregung steigt, bei anderen sinkt.

Wenn man schon versucht, den Vergleich eines analog bespielten Magnetbandes mit einer mit digitalem Zahlensalat beschriebenen Compact-Disc zu bemühen und dabei riskiert, dass viele der jungen zuckersüßen Jungs und Mädels in ihrem Leben noch nie eine Kassette in der Hand gehalten, geschweige denn ihr Prinzip verstanden haben, hätte ich mir gewünscht, auch noch viel mehr darauf einzugehen, dass die ganzen gesunden Lebensmittel auch nicht digital produziert werden, sondern analog an Bäumen wachsen. Ich persönliche halte die während des Seminars vertiefte Aussage, ein Apfel entspreche einer Kohlenhydrat-Einheit (10 Gramm Kohlenhydrate), für gefährlich. Vielleicht wird ja in Teil 2 oder 3 oder 4 des Seminars noch weiter vertieft und darauf hingewiesen, dass ein Apfel nicht immmer 100 Gramm wiegt und es zudem völlig verschiedene Sorten gibt, die auch unterschiedlich hohe Zuckeranteile haben.

In der Kantine habe ich auf Anhieb drei Äpfel gefunden, die sogar mehr als 200 Gramm wogen. Und die locker 25 Gramm Kohlenhydrate enthalten könnten. Ein Kind, das nun lernt, es müsse diesen Wert mit einem persönlichen (auch noch von der Tageszeit abhängigen) Wert multiplizieren, um auszurechnen, wieviel Insulin zu spritzen ist, verrechnet sich doch sofort. Aber, wie gesagt, vielleicht wird das ja in den nächsten Kursen noch vertieft, um die Kurzen nicht gleich am Anfang mit zu vielen Faktoren zu verunsichern. Der Einsatz einer Waage hielte ich auch nicht für verkehrt. Diplom-Ötzi meinte allerdings, dass man unterwegs ja auch keine Waage in der Hosentasche hätte, als ein Kind konkret danach fragte. Ich darf mir kein Urteil erlauben, ich bin nur Zuhörerin im Rahmen meines Studiums. Aber wundern darf ich mich. Schon.

Gerade in einer seelisch so belastenden Phase greift man doch nach allem, was irgendwie Sicherheit bietet. Und sei es, dass man einen Wert genau berechnen kann. Vielleicht will man aber auch nicht unnötig verkomplizieren und so die Lebensqualität unnötig weiter einschränken, vielleicht will man auch nicht, dass die Kinder ihrer Herausforderung nur mit technischen Berechnungen begegnen.

In vielen Fällen werden die Kinder mit einer Pumpe ausgerüstet, die in der Größe eines aktuellen Handyladegeräts (ohne Kabel) auf die Haut geklebt und über Funk mit einem Steuergerät, etwa in der Größe eines kleinen Smartphones, kommuniziert. Das Steuergerät wird mit umfangreicher Software geliefert und kann über Tasten und auch per USB über einen PC bedient werden. Einerseits ist es toll, dass sich hier in den letzten Jahren offenbar viel getan hat und diese Systeme immer besser werden (in der Praxis von Maries Mutter kommt regelmäßig eine Diabetikerin Mitte 30, die eine Insulinpumpe hat, bei der man sich mit drei Tasten durch Menüs klicken muss und die Größe einer kleinen Kompaktkamera hat), andererseits lässt sich eine Nachahmung der menschlichen Bauchspeicheldrüse (die beim Nicht-Diabetiker das Insulin produziert) dennoch bei Weitem nicht erreichen. Gleichwohl werden mit der Pumpen-/Infusionstherapie wesentlich bessere Werte erreicht als mit herkömmlichen Spritzen. Dennoch: Die Regie über das System einschließlich der Überwachung muss der betroffene Mensch führen und sicher beherschen. Wissen und Routine in der Behandlung mit Spritze oder Pen (manuelle Inkektionshilfe) müssen also trotzdem vermittelt und einigermaßen mühsam erlernt werden. Und man muss zudem die Schwächen und Gefahren dieser automatisierten Systeme kennen. Und darauf sensibilisiert sein.

So habe ich in der Woche auch gelernt, dass man im Zusammenhang mit Diabetes gerne mal seine Nase einsetzen sollte. Während man in der Gastroenterologie, einem anderen Teilgebiet der Inneren Medizin, in dem ich ja im letzten Halbjahr meines Studiums praktisch aktiv sein durfte, manchmal eher seine Nase verschließen können sollte, sollte man sie in der Diabetes-Behandlung eher offen halten. Den Geruch nach Nagellack habe ich bei Patienten ja nun schon mehrmals wahrnehmen dürfen und auch richtig eingeordnet, der Geruch nach Insulin (oder den beigemischten Konservierungsstoffen) war mir bisher (außer aus dem Lehrbuch) nicht so bekannt. Ein charakteristischer Gestank, der irgendwie an Teer und Kraftstoff erinnert, ist oft schon drei Meilen gegen den Wind wahrnehmbar. Die damit verbundene Frage, ob jemand rumgepanscht hat oder die aktuelle Infusion nicht unter der Haut, sondern irgendwo anders austritt, habe ich in den letzten Tagen mindestens ein Dutzend Mal gehört.

Und sonst? Bleibende Eindrücke hat dieser zweite Teil meiner Famulatur schon jetzt hinterlassen. Die meisten Kinder akzeptieren ihre Erkrankung sehr schnell und zeigen sich tapfer und stark. Viele nehmen ihre Herausforderung mit einiger Coolness an und sind gleichzeitig neugierig und aufgeschlossen. Oft hilft es wohl, dass Kinder noch nicht so weitsichtig sind wie Erwachsene. Was, wie immer, überhaupt nicht ankommt, sind Mitleid und übersteigerte Aufmerksamkeit. Manchmal glaube ich, niemand versteht sie da besser als ich. Auf jeden Fall hilft mir meine eigene Einschränkung sehr, im angemessenen Maß mitzufühlen. Und vorbehaltlos (und mit tiefstem Respekt und einem dicken Klos im Hals) zu akzeptieren, dass sich das vierzehnjährige Mädchen, das mir vorhin gegenüber saß, in ihrer bislang zwölfjährigen Erkrankungszeit mehr Wissen, Erfahrung und bestechende Routine in diesem Bereich angeeignet hat als ich es jemals in meinem Leben durch Studium, Forschung und Berufsausübung tun könnte.

Donnerstag, 13. August 2015

Begegnungen

Ich fahre heute auf dem Gehweg neben einer viel befahrenen Straße. Rechts neben mir ist der Radweg, ich fahre sozusagen links, gegen die Fahrtrichtung. Während das für Fahrradfahrer auf Radwegen ja nur erlaubt ist, wenn ein entsprechendes Verkehrsschild das gestattet, ist es für zu Fuß Gehende und im Rollstuhl Fahrende ja schnierzpupsegal, auf welcher Straßenseite sie gehen oder rollen.

Ich muss eine kreuzende Fahrbahn überqueren. Der Gehweg ist an dieser Straßenecke nicht abgesenkt, wohl aber der Radweg neben mir. Von vorne kommt kein Radfahrer, ich drehe mich um, und schaue, ob von hinten einer gegen die Fahrtrichtung kommt. Ebenfalls Fehlanzeige. Bevor ich nun die hohen Bordsteine hinab und vor allem wieder hinauf fahre, was ich könnte, was aber nicht sein muss (mit dem Fahrrad fährt man ja auch nicht freiwillig den Bordstein hoch, wenn direkt daneben irgendwas abgesenkt ist), mache ich einen Schlenker über den Radweg und rolle dort hinab und nach dem Überqueren der Straße auf der anderen Seite wieder hinauf.

Im Haus direkt neben der Kreuzung, es ist hellblau angestrichen, steht im Erdgeschoss ein Fenster offen. Ein Mann, geschätzt Mitte 60, lehnt im Feinripp-Unterhemd mit seinem Kugelbauch auf der Fensterbank und pafft eine Zigarette. Neben seiner anderen Hand steht eine braune Bierflasche jener Marke, die am dollsten knallen soll. Er starrt ins Leere. Ich nehme ihn nur unterbewusst wahr, konzentriere mich darauf, mit meinen Vorderrädern nicht in der holperigen Pflasterung des Weges hängen zu bleiben. "Hallo Fo**e!", begrüßt er mich plötzlich. - "Hallo Wi**ser!", rutscht es mir heraus. Ohne groß nachzudenken und ohne ihn dabei anzugucken. Im gleichen Moment hoffe ich, dass er seine Waffe so deponiert hat, dass ich mich, während er sie holt, zumindest noch so weit entfernen kann, dass entweder die geringe Geschossenergie die Kugel auf dem Weg zu mir verhungern lässt, oder der hohe Promillewert für eine so große Streuung sorgt, dass ein Treffer absoluter Zufall wäre.

Ich gucke ihn nach wie vor nicht an. Im Augenwinkel sehe ich aber das empörte und zugleich verdatterte Gesicht eines Rentners, der offenbar den lieben langen Tag zwecks Suchtmittelkonsums im offenen Fenster lehnt, und dessen Höhepunkte das wahllose Beleidigen vorbei kommender Frauen sind. Herzlichen Glückwunsch. Mit einer spontanen Antwort hat er wohl nicht gerechnet. "Dumme Fo**e", wiederholt er. Eine Vertiefung des Dialogs erscheint mir ob des zumindest aktuell begrenzten Vokabulars meines Gegenübers aussichtslos. Offenbar davon provoziert, pöbelt er mir das ungezogene Wort noch drei Mal hinterher, bevor die Flasche mit dem Rest Gerstensaft fliegt. Die Flasche zerschellt auf dem Gehweg. Ich drehe mich bewusst nicht um, kann aber anhand des Geräusches ausmachen, dass es mehrere Meter hinter mir ist.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite öffnet sich die Tür eines Friseurgeschäfts. Es beginnt eine Frau, geschätzt Mitte 50, zu keifen. "Geht das schon wieder los? Mensch, reiß dich doch mal zusammen!" - Während hinter mir ein Wort das andere ergibt, mache ich mich aus dem Staub.

Keinen Kilometer weiter komme ich in den Bereich einer Fußgängerzone. Kurz bevor sie beginnt, stehen um 1970 gebaute Wohnhäuser so nah am Straßenrand, dass Geh- und Radweg auf Minimalbreite verengt sind und man bei Regen aufpassen muss, von vorbeifahrenden Autos nicht mit Pfützenwasser bespritzt zu werden. Über den Radweg kommt mir ein Radfahrer entgegen, auf dem engen Gehweg daneben gehen zwei ältere Menschen, eine Frau mit Hackenporsche, ein Mann mit Gehwagen. Beide sehen weder den Radfahrer hinter ihnen, noch den Mann, der, ebenfalls hinter ihnen, in einiger Entfernung mit schnellerer Geschwindigkeit heran kommt.

Ich kann auf den Radweg nicht ausweichen. Also müssen die beiden älteren Leute wohl mal kurz hintereinander gehen. Was sich aber ob des Dickkopfes etwas schwieriger gestaltet. Ich bleibe letztlich am rechten Rand des Gehwegs, direkt am Radweg, stehen und lasse die Leute um mich herumstiefeln. Was nach einigen Abstimmungsproblemen auch funktioniert. Nur leider kommt der Mann, der dahinter schnelleren Schrittes läuft und gerne überholen möchte, nun für sein Empfinden nicht schnell genug voran. Er versucht erst links, dann rechts an den beiden Senioren vorbei zu kommen, sieht in letzter Sekunde den klingelnden Radfahrer. Und pöbelt natürlich wen an? Mich. "Musst du hier so dumm im Weg rumstehen?"

Mein Idiotenmagnet ist mal wieder perfekt kalibriert. Ich verkneife mir jeden Kommentar ("Dein Bruder wirft übrigens gerade schon mit Bierflaschen") und lächle. Und muss aufpassen, dass mich nicht noch jemand zur Seite schiebt. Zwei Mal setzt der Mann doch tatsächlich dazu an, mich an der Schulter zu berühren, traut sich dann aber doch nicht. Vielleicht denkt er, meine Querschnittlähmung könnte ansteckend sein. Manchmal sind Berührungsängste auch toll. Irgendwie.

Mittwoch, 12. August 2015

Klogespräche

Ich bilde mir nicht ein, ein Kind erziehen zu können. Vor allem kein fremdes Kind. Daher halte ich mich mit Kritik an den Erziehungsmethoden anderer Menschen lieber zurück. Lächeln und Kopfschütteln sollte aber erlaubt sein.

So erging es mir heute. Ich war mit Marie auf dem Klo. Ja, Mädchen gehen ja immer zu zweit dorthin. Es war eine öffentliche Anlage, Marie brauchte jemanden, der ihr Spiegel und Licht beim Kathetern hält, um sich in dem eher ekligen Raum nicht komplett die Hose und die Schuhe ausziehen zu müssen. Zum Glück stank es dort nicht und es waren keine groben Verschmutzungen sichtbar, dennoch weiß man ja immer nicht, welche unsichtbaren Geschöpfe einen dort anspringen. Während Marie ihr Equipment aus dem Rucksack räumte, spielte ich mit meinem Smartphone.

Das Gebäude, ein allein stehendes WC-Gebäude, war bis zum Giebel vermutlich vier bis fünf Meter hoch. Die barrierefreie Kabine hatte einen separaten Eingang und war von dem Rest des Gebäudes mit einer rund zweieinhalb Meter hohen gefliesten Trennwand separiert. Oben war ein Metallgitter als Zwischendecke eingezogen, vermutlich um zu verhindern, dass irgendwelche Knalltüten über die Wände klettern, filmen oder nasse oder brennende Klopapierrollen in die Nachbarräume auf das andere Geschlecht werfen. So war man von Blicken geschützt, nicht aber von Gerüchen und Geräuschen.

Gerüche waren, wie gesagt, ausnahmsweise mal nicht so das Problem, wohl aber Geräusche. Es ließ sich nicht vermeiden, eine Mutter mit ihrer geschätzt vierjährigen Tochter zu belauschen. Zuerst maß ich dem Gespräch überhaupt keine Bedeutung zu, mit der Zeit blickte ich aber von meinem Handy hoch und glotzte Marie entsetzt an, die ebenfalls schon die Luft anhielt. "Darf man hier auf den Fliesen einen Bach machen?" - "Nein, Mami." - "Und ins Waschbecken?" - "Nein." - "Und auf das Klopapier?" - "Auch nicht." - "Und darf man einen Stinker auf die Klobrille machen?" - "Hihi, nein, Mami." - "Und auf den Fußboden?" - "Auch nicht." - "Und ins Waschbecken?" - "Nein." - "Und in den Schlüpfer?" - "Auch nicht." - "Wo gehört der Stinker hin?" - "In die Toilette." - "Und wohin noch?" - "Das Spiel ist langweilig."

Marie hob den Daumen und hätte fast applaudiert. Ich schüttelte den Kopf. Das langweilige Spiel ging noch weiter. Als nächstes wurde besprochen, ob man in Etappen oder mit durchgehendem Strahl pinkeln, ob man mit großer oder kleiner Taste spült, ob man Papier lieber faltet oder lieber knüllt, wieviel Blatt man nimmt und dass man immer das erste Blatt verwirft, denn das könnte jemand angefasst haben. "Und wie lange muss man warten?" - "Bis es aufhört zu tropfen und der Pups rausgekommen ist." - "Prima!"

Marie verdrehte die Augen. Irgendwann waren die beiden wieder draußen. Man hörte eine Männerstimme: "Nu weisste Bescheid." - In dem Moment konnten wir unser Gelächter nicht mehr länger zurückhalten. Der Mann, wo auch immer er sich versteckt hatte, lachte mit. "Das Trauma wird die Kleine ein Leben lang begleiten", meinte er dann über die Kabinenwand hinweg. Damit könnte er recht haben.

Dienstag, 11. August 2015

Konspirative Kollegen

Mit dem Krankenhaus, in dem ich aktuell ein Teil meines Pflichtpraktikums (Famulatur) ableiste, habe ich endlich mal eine Einrichtung erwischt, in der es kollegial und menschlich zugeht, und das auch beim Personal. Der Umgangston ist höflich, es wird sich gegenseitig respektiert, es gibt keine blöden Kommentare und kein gegenseitiges Veralbern, kein schlechtes Reden über Dritte - ich fühle mich gerade sehr wohl. Meine viermonatige Famulatur, die ich in vier Teilen zu jeweils einem Monat ableiste, hatte mich ja in den letzten Semesterferien in eine Kinderarztpraxis geführt, nun, nach einem kleinen Umweg, in die Gastroenterologie eines großen Krankenhauses. Mit Magen-Darm-Erkrankungen konnte ich ja bereits im letzten Halbjahr einige gute Erfahrungen sammeln, denn der reguläre Praktikumstag, der einmal wöchentlich das theoretische Lernen begleitet und nichts mit der Famulatur zu tun hat, fand eben auch in einer gastroenterologischen Station statt.

Gestern nun bat mich der Chefarzt zum Gespräch in sein Zimmer. Er war sehr freundlich, fragte mich aber, wo ich meine praktische Erfahrung gesammelt hätte. "Sowas war noch nie da", meinte er. Ich runzelte die Stirn und bekam erklärt, dass Studenten üblicherweise allenfalls etwa zehn bis zwanzig Prozent, ganz engagierte vielleicht mal fünfzig Prozent der praktischen Dinge übernehmen, die ich täglich in seiner Ambulanz erledigt hätte. "Ihnen fehlt die Erfahrung, das merkt man deutlich. Das ist aber in Ordnung, woher sollten Sie Ihre Erfahrung nehmen? Aber handwerklich sind Sie Ihrem Ausbildungsstand um Jahre voraus."

Ich wollte diese Einschätzung nun nicht auf Anhieb teilen. Marie ist, was "handwerkliches Geschick" anbelangt, deutlich fitter als ich. Und wenn ich meine Kommilitonen sehe, denen man beim praktischen Tag ja durchaus mal über den Weg läuft, stelle ich mich manchmal erheblich blöder an. Finde ich zumindest. Trotzdem höre ich sowas natürlich sehr gerne. Andererseits denke ich, habe ich gerade durch die Arbeit bei Maries Mutter sehr viel Vorsprung bekommen. Und hinzu kommt, dass meine körperliche Beeinträchtigung unter Garantie meinem handwerklichen Geschick schon bald enge Grenzen setzen wird. Ich antwortete schlicht: "Vielen Dank."

Der Chef fuhr fort: "Aus meiner Sicht wäre es falsch, ein Kapitel in der Famulatur zu sehr zu vertiefen, andere Chancen aber ungenutzt zu lassen. Sie haben im letzten halben Jahr in der Gastroenterologie offenbar sehr viele praktische Erfahrungen sammeln dürfen, die weit über das übliche Maß hinaus gehen. Jetzt auch noch einen weiteren Monat Famulatur in dem Bereich abzuleisten, schafft Ihnen gegenüber anderen Studierenden einen Vorteil, den man sicherlich als 'charmant' bezeichnen kann, der Sie aber im Moment nicht weiter bringt. Deshalb möchte ich Ihnen vorschlagen, dass Sie auf die Kinder-Diabetesstation wechseln. Üblicherweise haben wir dort keine Famulanten, aus vielfachen Gründen, aber meine sehr nette Kollegin, die dortige Chefärztin, wäre bereit, für Sie auf meine Bitte eine Ausnahme zu machen. Ich habe eben mit ihr telefoniert. Wenn Sie möchten, dürfen Sie sofort dorthin wechseln. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen, Sie dürfen auch gerne bei uns bleiben - meine Leute und ich werden Ihnen mit Sicherheit auch noch genug vermitteln können, ohne dass Ihnen langweilig wird. Aber wenn ich Ihnen einen -fast schon freundschaftlichen- Rat geben darf: Nutzen Sie diese Chance."

Uff. Was ist das nun wieder? Wirklich freundlich und unterstützend? Wenn ja, warum tut er das für mich? Oder werde ich gerade weggelobt, habe ich schon wieder irgendwas verbockt, hat sich jemand in mich verliebt oder stand mein Rollstuhl im Weg? Nein, eigentlich vertraue ich ihm. Ich wollte gerade Luft holen, da sagte er: "Stop! Ich mache Ihnen noch ein Angebot: Sie schnuppern da jetzt bis morgen abend rein, und wenn die da nicht nett zu Ihnen sind oder das Thema sich wider Erwarten als nur öde herausstellt, kommen Sie zu mir zurück. Einverstanden?" - Er streckte mir seine Hand aus. Schlagen Sie ein!

Ich zögerte eine Sekunde, dann schlug ich ein. "Und wenn Sie morgen oder übermorgen hier nicht vor meiner Tür stehen, weil Sie zurück wollen, dann melden Sie sich nächste Woche mal bei mir und sagen mir Bescheid, ob der Switch gut, gut oder gut war. Okay?" - "Okay." - "Alles Gute für Sie!"

Zack war ich draußen, die Tür hinter mir zu. Einmal Luft holen. In meinem Kopf kreisten alle möglichen Gedanken. Wieso telefoniert er mit seiner Kollegin, bevor er meine Meinung dazu kennt? Gerade, wenn ich so freiwillig und er so besorgt handelt? Ich schob diese Gedanken beiseite. Rollte zur Diabetesstation, dort zum Vorzimmer, klopfte, hörte nichts, klopfte noch einmal, war mir nicht sicher, ob es im Flur zu laut war oder wirklich niemand geantwortet hatte. Ich drückte vorsichtig die Klinke hinunter und schaute mit dem Kopf um die Ecke. Die Sekretärin saß hinter einem Schreibtisch, guckte mich an und winkte mich zu sich heran. Zum Zimmer der Chefin stand die Tür weit offen, dort drinnen wurde aufgeregt diskutiert. Nicht laut, aber mit deutlichen Worten.

Eine blonde Frau im weißen Kittel, Mitte 50, unauffällige Figur, wippte mit ihrem Bürostuhl im Nebenraum hin und her. Sah mich, zeigte mit dem Finger zuerst auf mich und anschließend senkrecht nach unten vor ihren Tisch. Sollte ich jetzt dort rein rollern, während sie irgendeinem Menschen am Telefon die Meinung geigte? Ich rollte vorsichtig in ihre Richtung. Als ich drin war, machte sie eine Handbewegung als würde sie eine Tür zuschieben, eine Türklinke herunterdrücken und legte anschließend den Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen, während sie ihrem Gegenüber ungeduldig zuhörte. Ich verstand: Ich sollte leise die Tür schließen. Immerhin traut sie mir das zu, sowas ist eher selten. In den meisten Fällen wird mir das Manöver ungefragt abgenommen - selbst dann, wenn man dabei noch über mich rüberklettern muss. "Ich hoffe, dass wir diese Diskussion heute ein letztes Mal geführt haben. Die Fakten ändern sich nämlich nicht. Ansonsten sind Sie der Erste, der es erfährt. Ja? Gut? Und dann sitzt mein nächster Termin vor mir. Ich muss Schluss machen. Ja, Ihnen auch."

Sie warf den Hörer auf die Gabel und murmelte: "Der tut jedes Mal so, als sollte er das von seinem Taschengeld bezahlen." - Sie gab mir die Hand. Ich stellte mich vor. "Die Musterschülerin?", fragte sie. - "Genau die." - "Sie sind sehr selbstsicher, oder?" - Ich grinste. "Nein, das war ein Spaß. Ich schätze mich selbst etwas anders ein. Aber ich bin nicht die Fachfrau, die das beurteilen kann, sondern ich lerne." - "Wissenschaftliches Arbeiten?" - "Auch das. Im Moment leiste ich meine Famulatur ab. Zweites Viertel." - "Worüber werden Sie promovieren?" - "Eine Diss ist bislang nicht geplant." - "Das ist gut. Ich habe nämlich Ihre letzte Hausarbeit gelesen. Und ich glaube, ich hätte ein Thema für Sie." - "Nanu? Da bin ich jetzt mal überrascht."

"Ja, ich gebe zu, der Weg ist nicht der allgemein übliche. Sie haben ein Manko. Querschnittlähmung?", fragte sie und deutete auf meine Beine. Ich nickte mal vorsichtig. "Ein 'Doktor' vor dem Namen würde diejenigen, die glauben, die Querschnittlähmung drücke aufs Hirn, mit Sicherheit beeindrucken." - "Ich bin mir nicht sicher, ob ich für das Klientel forschen möchte." - "Falsche Antwort, Frau Jule. Die Patienten, die Ihnen erst aus der Hand fressen, wenn ein akademischer Grad auf Ihrem Türschild steht, zahlen Ihnen später den Sommerurlaub in der Karibik. Und sagen Sie jetzt nicht, dann verzichten Sie lieber auf die Karibik, weil es an der Nordsee im August auch schön ist." - "So ähnlich, nur dass ich die Ostsee präferiere. Aber jetzt mal ohne Flachs: In welcher konspirativen Mission bin ich denn gerade gelandet? Ein Chefarzt lobt mich bis mir schwindelig wird und schickt mich zu seiner Kollegin, ..."

"Sprechen Sie gar nicht erst weiter! Ich habe etliche Themen eingereicht, in einigen Fällen sogar Gelder bewilligt bekommen, aber plötzlich keine Doktoranden mehr. Der Nachwuchs von heute passt eben in Sachen Verbindlichkeit augenscheinlich nicht mehr ganz in das Konzept der Forschungsträger. Und Kinder-Endokrinologie ist zudem wohl gerade nicht so gefragt. Nun hatte ich ein Gespräch mit dem - um Ihre Worte zu benutzen - konspirativen Kollegen beim Mittagessen, der mir von einer Famulantin erzählt hat, naja, den Rest kennen Sie ja." - Sie fuhr fort, dass sie ein Thema für mich hätte, das ich detailliert nicht öffentlich beschreiben kann, aus verständlichen Gründen; bei dem es aber, grob gesagt, um Regulationsstörungen, wie sie beispielsweise bei einer Querschnittlähmung vorkommen, ginge. Bei einer Querschnittlähmung kann es ja zum Beispiel zu Kreislaufproblemen kommen, weil aus dem halben Körper die Nerven kein Feedback ans Gehirn senden. Oder vielmehr es dort nie ankommt. Nun werden die meisten Hormonspiegel ja nicht über diese Kanäle geregelt, um es mal laienhaft auszudrücken, aber die (traumatische) Unterbrechung bestimmter "Informationskanäle" kann man sich zunutze machen, um eine bestimmte Theorie bestätigen oder zu entkräften, die im Zusammenhang mit diabetischen Spätschäden (Nervenschäden, meistens an den Zehen beginnend) im Raum steht.

Spannend fände ich eine solche Theorie auf jeden Fall. Und beweisen oder vermutlich eher entkräften würde ich sie auch gerne. Reizvoll wäre eine solche Arbeit und das spätere Ergebnis ebenfalls. Ob ich aber mir wirklich diesen zusätzlichen Stress antun möchte, darüber bin ich mir nicht wirklich sicher. Ich rolle so schon auf dem Zahnfleisch und nicht nur das zeitliche, sondern auch das organisatorische Geraffel schrecken mich eher ab. Andererseits würde ich wohl wie kaum eine andere von meiner eigenen Zugehörigkeit zum rollenden Volk und damit von einer ganz anderen Kommunikationsebene profitieren können. Die Chefärztin ist davon überzeugt, dass es ein Klacks sei, bereits angestoßene Themen nach Rückzug des bisherigen Bewerbers mit mir neu durchzukriegen. Zumal eben mit den Arbeiten nicht begonnen wurde.

Ich habe ihr gesagt, dass ich es mir überlegen werde. Und begann direkt danach auf einer Station, in der Kinder und Jugendliche mit Zuckerkrankheit behandelt werden. Überwiegend geht es um die erste Einstellung der Insulinzufuhr von außen, nachdem man erkannt hat, dass der jeweilige Körper selbst nicht ausreichende Mengen dieses Hormons produziert. Bei einigen wurde es auch nicht rechtzeitig erkannt, die sind dann im schlimmsten Fall irgendwann bewusstlos geworden und, wie in einem Fall, mitten im Wald vom Hottehüh gepurzelt. Ohne sich dabei jedoch noch ernsthaft zu verletzen. Andere sind kurzzeitig in die Klinik gekommen, weil etwas mit ihrer Einstellung nicht stimmt, etwas verändert werden, die Schulung aufgefrischt werden soll - oder was auch immer. Ich bin gespannt, was mich hier erwartet.

Sonntag, 9. August 2015

Einhörner und Regenbögen

Ein heißes Wochenende liegt hinter mir. Nicht nur von den Außentemperaturen, sondern auch von den inneren. Philipp und ich sind zwei Tage lang bei mir zu Hause gewesen und ... ja, bitte zur nächsten Überschrift scrollen, wenn mehr als Bienchen und Blümchen nicht genehm sind.

Ich könnte es damit zusammenfassen, dass ich berichte, dass wir zwei Tage lang nicht aus dem Bett gekommen sind. Von einigen wenigen Unterbrechungen mal abgesehen, haben wir nur geschlafen. Mal nebeneinander, mal aufeinander, mal miteinander. Er dachte, er würde mir mit einer fünftägigen Enthaltsamkeit einen Gefallen tun, stellte aber kurz darauf selbst Vergleiche mit der gemeinsamen Nahrungsaufnahme von Mensch und Hund an. Während der Mensch vom leckeren Würstchen möglichst kleine Stückchen abbeißt, um lange genießen zu können, macht der Hund einmal "Schnapp" und die Wurst ist weg. (Muss ich erwähnen, dass ich danach nur noch an Würstchen denken konnte?)

Kurzum: Mein Kopf lag noch nicht mal richtig, da war er schon fertig. Ich hatte zwar noch nie einen Höhepunkt nach wenigen Minuten, aber wenn, würde ich einfach weitermachen und genießen. Bei Männern ist das ja bekanntlich anders. Die sogenannte Refraktärphase ist gekennzeichnet von "ich bin fertig", was soviel bedeutet wie "lass mich Frieden". Etwas, was Frau lernen muss. Aber ankuscheln war möglich und einen positiven Nebeneffekt hat eine wochenlange Abstinenz ja doch: Die Refraktärzeit scheint wesentlich kürzer zu sein.

Das zweite Mal war für mich das schönste. Was die Dauer, die vielen Hormone, die mir zuerst Bilder von knackigen Männerpopos in nassen Jeans am Strand, später von fluffigen Wolken zwischen Regenbögen und Einhörnern durch den Kopf kreisen ließen, und die Intensität und das Zusammenspiel unserer Handlungen anging. Die restlichen Male (ja, wir hatten ein Wochenende Zeit für uns und großen Nachholbedarf, sorry) dienten mehr der gegenseitigen Wahrnehmung, dem Austausch von Zärtlichkeiten und dem Bewusstsein, dass da noch jemand mit im Bett liegt. Schade nur, dass wir in der Woche so wenig Zeit füreinander haben.

Freitag, 7. August 2015

Defektmenschen

Meine erste Woche in der gastroenterologischen Abteilung ist bereits rum. Soviel wie an meiner Uni hat man mir hier zwar noch nicht zugetraut, dafür wird hier in einigen Bereichen sehr viel gründlicher gearbeitet. Insbesondere was Protokolle und Aufklärungsgespräche betrifft.

Gestern durfte ich den ganzen Tag im Aufwachraum verbringen und bei schlafenden Patienten Blutdruck und Puls messen, mit ihnen reden, wenn sie aufwachten. Die meisten dämmerten einige Zeit vor sich hin und fragten gefühlte zwanzig Mal dasselbe. Je nach verwendetem Narkosemittel ist das aber normal.

Ein älterer Mann war allerdings dazwischen, den werde ich so schnell nicht vergessen. Geburtsjahrgang 1927, war zur Kontrolle nach einer Darmkrebs-Operation, und erzählte mir im Dämmerzustand, wie man körperlich behinderte Menschen im Nationalsozialismus genannt hat. "Ballast-Existenzen", "Defektmenschen", "unnütze Esser", "gemeinschaftsfremde Volksschädlinge" waren nur vier Begriffe, die ich mir gemerkt habe. Er fragte zwischenzeitlich aber auch immer wieder nach seiner (bereits verstorbenen) Frau, von daher muss ich davon ausgehen, dass er gar nicht klar war, als er diesen Müll redete. Mich wunderte nur, dass er das offensichtlich mit meinem Rollstuhl in Verbindung gebracht hatte und diese Begrifflichkeiten nach so vielen Jahren noch wieder präsent hatte.

Insgesamt gefällt es mir sehr gut in der Klinik. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr nett, man respektiert und akzeptiert mich, das Arbeitsklima ist trotz eines hohen Stressfaktors sehr gut und vor allem sehr fair. Ich bin also glücklich.

Montag, 3. August 2015

Nochmal Gastroenterologie

Ja, ich habe den Praktikumsplatz. Ich darf nun für vier Wochen in einer gastroenterologischen Abteilung eines großen Krankenhauses den nächsten Block meiner Famulatur ableisten und bekomme dafür neben Arbeitskleidung auch noch 400 € Aufwandsentschädigung. Das hört sich doch gleich sehr viel besser an. Wenngleich ich lieber etwas anderes gemacht hätte, aber ich will nicht meckern. Ich bin mehr als zufrieden.

Der Tag begann mit: "Hast du schonmal eine Kanüle gelegt?" - "Ja." - "Kannst du das?" - "Ja." - "Zeigen!" - Die erste Patientin wurde gefragt, ob ich sie legen dürfte. "Das ist eine Famulantin, aber sie sagt, sie kann das bereits. Ich bleibe aber dabei." - "Dann mal los." - Zitter, zitter, zack, saß. Auf Anhieb. Der Doc, der mir dabei zusah, hob seinen Daumen.

Mein Job heute: Jeder, der ein Schmerzmittel oder eine Kurznarkose bekommt, braucht eine Kanüle. Ich frage ihn, ob ich eine legen darf und weise ihn darauf hin, dass ich nur Famulantin bin. Ich rufe bei Fragen oder einer Sauerei sofort den Arzt aus dem Nebenraum. Ergebnis: Zweiundzwanzig Kanülen in zweiundzwanzig Armvenen, alle saßen auf Anhieb richtig. Ohne Fragen, ohne Sauereien. Ich muss gestehen, dass niemand mit schwierigen Venen dazwischen war und alle sehr entspannt waren. Es handelte sich überwiegend um chronisch kranke Patienten, die sehr routiniert und teilweise fast lässig in die Untersuchung gingen.

Schön war allerdings, als ich ein Gespräch belauschte, das der Chefarzt im Nebenraum mit meinem "Vorturner" führte. Die Tür war nicht ganz zu und so ließ es sich nicht vermeiden, dass ich die Unterhaltung in Fetzen mitbekam, während ich einen Schrank auffüllen sollte: "Wie macht sich das Mädel im Rollstuhl?" - "Sie hat heute fleißig Armvenen punktiert." - "Oha. Und?" - "Perfekt." - "Und ernsthaft?" - "Nein, ernsthaft: Perfekt. Völlig routiniert." - "Schön. Dann finden Sie morgen mal heraus, ob sie Herz-Kreislauf, Sauerstoffsättigung und so weiter begriffen hat. Anschließend soll sie das Pulsoximeter überwachen und protokollieren. Und dann erklären Sie ihr übermorgen mal das Endoskop. Also trocken. Sie soll bei uns ja auch was lernen."

Ich werde es langsam angehen, ihm aber erzählen, dass ich schon rund ein Dutzend Mal selbst das Ding führen durfte. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Langsam insofern, als dass es nicht schaden kann, noch einmal bei Null anzufangen. Die Basics kann man nicht oft und genau genug lernen. Jedenfalls geht es mir hier erheblich besser.

Freitag, 31. Juli 2015

Sommerdom 2015

Wir waren heute mit vier Rollstuhlfahrerinnen auf dem Hamburger Dom, dem größten Volksfest des Nordens. Bei schönem Wetter war es brechend voll und laut. Was mich gewundert hat: Mindestens 60 weitere Leute im Rollstuhl habe ich gezählt, so viele wie sonst nie. Ich kannte niemanden, die meisten wurden geschoben und waren jenseits der 70. Meistens Familienausflüge bei schönem Wetter. "Wir nehmen Oma und Opa heute mal mit, wenn die Kinder mit den Karussells fahren."

Seit einigen Jahren muss alles mit dem Rollstuhl erreichbar sein, an allen Fressbuden und Zuckerwatteständen sind nun an mindestens einer Stelle Rampen angebracht, beim Autoscooter kamen sofort drei Leute angelaufen, die uns helfen wollten, bevor wir überlegt hatten, ob wir überhaupt mitfahren wollten. Sie schoben uns zwei Autos an den Rand, so dass wir vom Rollstuhl direkt umsteigen konnten, schoben unsere Stühle an die Seite, besorgten uns Chips ... Service pur. Am Riesenrad war sogar ein Lifter angebracht, mit dem man in die Gondel gehoben werden konnte.

Inzwischen sind auch beide U-Bahn-Stationen (St. Pauli und Feldstraße) mit Aufzügen ausgestattet. Lediglich die Behindertenparkplätze sind, wie auch schon in den Jahren davor, ein ewiges Problem. Die zehn Plätze in der Glacis-Chaussee sind so schlecht beschildert, dass die meisten Leute übersehen, was da Phase ist. Weil es sich um temporäre Plätze handelt, gibt es verständlicherweise keine Bodenmarkierungen. Es handelt sich um eine große, gepflasterte Fläche, die links und rechts durch einen Zaun abgetrennt ist. Am vorderen Ende der Zäune steht jeweils ein Schild "Rollstuhlfahrerplätze" mit Pfeil links bzw. Pfeil rechts. Wenn jemand also vorwärts einparkt, ist dieses Schild einen Meter hinter seinem Auto und mitunter dann auch fünf Autos weiter rechts oder links angebracht. Die meisten Leute wollen schnell zum Volksfest und übersehen es. Klar, man muss sich vergewissern, ob man dort parken kann, und es sollte einem zu denken geben, wenn das Parken auf der dafür extra gesperrten vierspurigen Hauptstraße an der Schranke ein Ticket für mindestens vier Euro kostet und hier nun ein Platz plötzlich völlig kostenlos sein soll. Aber viele Leute denken eben nicht nach. Und so waren von den zehn Autos auf der Parkfläche genau zehn ohne entsprechende Berechtigung. Und (noch) niemand hatte eine Knolle am Scheibenwischer. Ich weiß, warum ich mit Öffis angereist bin.