Mittwoch, 31. Dezember 2014

Wir haben

Wenngleich ich es sonst selten so direkt mache, wende ich mich heute direkt an die Leserinnen und Leser meines Blogs und wünsche allen einen guten Rutsch und ein schönes Jahr 2015.

Ich wünsche mir, dass Menschen mehr und offener miteinander reden und dass unsere Gesellschaft verständnisvoller miteinander umgeht. Dass wir die Vielfalt und damit auch die Unperfektheit als Bereicherung sehen.

So wie in diesem Schild. In diesem Sinne: Alles Gute für!!!

Dienstag, 30. Dezember 2014

Knallerei und Silvester

Ich bin froh, am Silverstertag nicht in der chirurgischen Notaufnahme zu sitzen. Und nicht bei der Feuerwehr zu arbeiten. Nennt mich eine Schisssocke, aber ich gebe nicht einen Cent für Knallerei und Feuerwerk aus. Ansehen werde ich mir das Spektakel aus sicherer Entfernung. Zusammen mit Marie und einigen anderen Leuten wollen wir morgen Silvester feiern und um Mitternacht auf gutes Wetter an der Elbe hoffen. Sieben Grad und Nieselregen sind vorhergesagt. Es könnte also besser sein - aber auch viel schlimmer!

Montag, 29. Dezember 2014

Gute Vorsätze

Wie soll es erst im nächsten Jahr werden? Also in 2015? Da haben die Läden vom Donnerstag, den 24. Dezember mittags bis Montag, den 28. Dezember morgens geschlossen! Ein Chaos wird ausbrechen, denn die Menschen müssen sich für dreieinhalb Tage bevorraten! Ob man vielleicht am 27. Dezember einen verkaufsoffenen Sonntag veranstaltet? Sozusagen als den Tag, an dem das Weihnachtsgeld von Oma auf den Kopf gehauen, die Geschenke getauscht und die sonst fast viertägige Hungersnot vorzeitig beendet werden kann?

Die letzten Schokoweihnachtsmänner, die seit Ende August die Regale füllten, werden für 20 Cent das Stück verkloppt. Platz muss dringend her für die Osterhasen, die im kommenden Jahr schon am 5. April wieder beim Hoppeln ihre Eier verlieren und jetzt schon in den Lagern einstauben. Und endlich gibt es wieder frische länger haltbare Milch. Und Brot, auf deren Tüten endlich eine "2015" eingeprägt ist.

Zwanzig Kassen hatten geöffnet, als ich heute um kurz vor sechs einige wenige Knabbersachen für unsere Silvesterparty einkaufen wollte. Ich schwöre: Das werde ich im nächsten Jahr anders machen. Womit ich meinen ersten gute Vorsatz habe. Zur Silvesterparty 2015/16 bringe ich wieder Knabberkram mit. Nur werde ich den bereits kurz nach dem Nikolaustag holen.

Die Kassiererin möchte 7 Euro und 15 Cent von mir. So etwas zahle ich nicht mit Karte. Und irgendwo hatte ich neben dem Zehn-Euro-Schein auch noch eine Zehner- und eine Fünfer-Münze. Nein, es dauert nicht zu lange. Dennoch probt die Dame, die hinter mir steht und mir beim Warten in der Schlange zuvor schon vier Mal versehentlich gegen das rechte Rad meines Rollstuhls getreten hat, ihre guten Neujahrsvorsätze, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, indem sie mir mit den Worten: "Soll ich Ihnen helfen?" mein Portmonee aus der Hand nehmen will. Ich drehe meinen Oberkörper weg und nehme schützend einen Ellenbogen zwischen mein Geld und die Frau und kann mir ein unwirsches "Geht's noch?" nicht verkneifen. Ich bin ja vieles gewohnt, und ich bin auch bereits, nicht nur ob meines letzten Neujahresvorsatzes, sehr viel geduldiger gegenüber jenen Menschen, die es mit ihrer Hilfsbereitschaft übertreiben; aber dass mir jetzt jemand ins Portmonee fasst oder mir selbiges aus der Hand zu nehmen versucht, um für mich zu bezahlen, das geht eindeutig zu weit und so etwas gehört gleich im Keim erstickt.

Genauso wie die Diskussion, die die Dame zu beginnen versuchte. "Ich wollte nur helfen." - "Sie können doch nicht einfach fremden Leuten ins Portmonee greifen!", gab ich ihr mit ernster Miene in scharfem Ton zurück. Zweifel, dass ich selbst für mich sorgen könnte, sollten danach eigentlich nicht mehr vorhanden sein. Die Dame holte Luft, allerdings mischte sich die Kassiererin ein: "Das muss ich aber auch sagen. Nur weil sie im Rollstuhl sitzt, ist sie doch nicht bescheuert!"

"Ich habe es nur nett gemeint", verteidigte sich die Dame erneut. Nett ist bekanntlich eine kleine Schwester, aber so weit will ich nicht ausholen. Ins Portmonee greifen ist ein No-Go, und dabei bleibe ich. Selbst wenn ich mit Geld nicht umgehen könnte, läge es wohl bei mir, die Kassiererin um Hilfe zu bitten. Jene adrette Dame, die zwischen den Kassen mit der Stornokarte und dem schnurlosen Telefon hin- und herläuft, wurde auf die Situation aufmerksam und stellte sich dazu. Ich bekam ohne weitere Worte meine drei Euro Wechselgeld und zog davon. Ohne mich noch einmal umzudrehen.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Sebastian

Alle waren sie da. Alle Meinungen. So ist das, wenn man viele Menschen fragt. Da bekommt man viele Antworten. Von "steig noch heute mit ihm in die Kiste" über "abwarten und Tee trinken" bis "halte dich von ihm fern, er wird dich töten" war alles dabei. Am Ende stellt sich heraus: Meine Entscheidung wird mir niemand abnehmen. Ich muss selbst Verantwortung übernehmen für das, was ich tue und lasse. Aber das wusste ich auch vorher schon und die Erwartung, jemand könnte mir meine Entscheidungen abnehmen, habe ich nie gehabt. Allerdings sehen viele Augen mehr als meine zwei vielleicht geblendeten - und bringen damit vielleicht etwas mehr Licht in die Dunkelheit.

Sehr spannend finde ich, welche Eigenschaften sich aus ein paar Absätzen herauslesen lassen. Und sehr spannend fand ich auch ein Gespräch mit Maries Mutter zu dem Thema. Sie hat sehr viel Gewicht in zwei Sätze gelegt: "Wenn wir dabei Freunde bleiben können, kannst du das bei mir auch haben." Und: "Es liegt jetzt an dir, ob du ab sofort nichts mehr mit mir zu tun haben willst."

Sie findet das sehr dominant, nahezu manipulativ. "Er setzt dir einen, wie er selbst sagt, unmoralischen Wunsch vor, diktiert dabei gleich die künftigen Beziehungsverhältnisse - und falls du darauf nicht eingehen solltest, schiebt er dir gleich noch die Verantwortung dafür zu, wenn im Ergebnis die Freundschaft daran zerbricht. Und dann macht er das nicht in den Stunden, in denen ihr auf Augenhöhe zusammen am Tisch sitzt und esst, sondern quasi mit dem Fuß in der Tür, nämlich während er ohne Jacke im Schneegestöber friert, nachdem er dich sicher im Auto verstaut hat. Du musst dich also entscheiden, ob dein sofortiger Gesprächsbedarf wichtiger ist als seine Gesundheit. Und die einzige Nachfrage, die du wagst, nämlich die nach den Pornos, beantwortet er ausweichend." - "Du würdest mir also abraten?", fragte ich.

Maries Mutter antwortete: "Nein, so pauschal nicht. Du musst dir aber im Klaren sein, worauf du dich da einlässt. Auf einen Typen, der nicht genug Arsch in der Hose hat, um dich gerade heraus zu fragen, ob du mit ihm vögeln willst, der dich als Abenteuer, vielleicht sogar als Spielzeug sieht, mit dem er Spaß haben kann, und der seine Verantwortung vermutlich auch künftig in erheblichen Teilen auf dich abwälzen wird. Das klingt erstmal negativ und nervig, und von einer Partnerschaft mit ihm würde ich dir in der Tat abraten - auch wenn ich glaube, dass Erfahrungen nützlicher sind als gute Ratschläge. Aber wenn du dich stark genug fühlst, um hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen für das, was er im Bett mit dir macht, dann kann das der beste Sex deines Lebens werden."

"Du meinst..." - "Genau. Das Spiel mit den gezinkten Karten ist nur so lange ungerecht, wie einer von dem Zink nichts weiß."

Ich glaube, ich habe verstanden. Wie gesagt, sehr spannend. Ich kenne ihn übrigens seit mehreren Jahren. Nicht aus der Behinderten-Szene. Woher, das verrate ich vielleicht später mal. Womit klar ist, dass es weiter geht. Wie, das weiß ich noch nicht. Und wo schon nach einem Namen gefragt wurde: Sebastian.

Samstag, 27. Dezember 2014

Ein unmoralisches Angebot

Ich weiß, dass einige Menschen meinen Blog lesen. Ich weiß auch, dass einige Freundinnen und Freunde mal häufiger, mal seltener hier reinschauen. Oft höre ich: "Worüber du so alles schreibst! Und was die Leute so alles lesen! Und dass das beides offensichtlich so gut zusammenpasst! Das hätte ich nie gedacht." - Wie ich einst zum Bloggen gekommen bin, erzähle ich dann hin und wieder, manchmal aber inzwischen auch nicht mehr.

Die meisten Menschen, die ich persönlich kenne und die nebenbei auch meinen Blog kennen, kritisieren, dass ich zu ausführlich schreibe. Die Texte seien zu lang und meine Meinung sei ihnen zu facettenreich und zu kompliziert zu verstehen. Vielleicht liegt das an meiner Weiblichkeit. Frauen sind ja allgemein schwer zu verstehen, gerade von Männern.

Auf meine Weiblichkeit hat es gerade auch jemand abgesehen, den ich aus Hamburg kenne. Er kennt mich, er kennt meinen Blog, und hat aktuell von meiner beendeten Jörn-Beziehung erfahren. Aus meinem Blog. Und von dem, was ich mit Jörn vorhatte. Sein Statement, für das er mich unbedingt zu einem leckeren Kartoffel-Auflauf eingeladen hat und das er mir quasi erst nach dem Essen, nachdem er mir ins Auto geholfen hatte: "Wenn wir dabei Freunde bleiben können, kannst du das bei mir auch haben."

Meinen fragenden Blick beantwortete er so: "Ganz einfach: Ich schätze unsere Freundschaft und möchte sie nicht gefährden. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir miteinander auch auf anderer Ebene großen Spaß haben könnten. Ungezwungen. Sieh es als unmoralisches Angebot. Es liegt jetzt an dir, ob du ab sofort nichts mehr mit mir zu tun haben willst, alles so bleibt wie es ist oder wir mal zusammen in die Sauna gehen. Vielleicht ja schon in der nächsten Woche. Ich bin nicht verliebt in dich und ich kann mir auch keine Beziehung mit dir vorstellen. Dafür sind wir zu verschieden und ich habe schon mehrmals schmerzhaft erfahren müssen, dass die von mir beanspruchten Freiheiten jeder ernsthaften Partnerschaft im Weg stehen."

"Was für Freiheiten sind das?", fragte ich, um einfach mal eine Frage zu stellen und ein wenig Zeit für ein bis zwei klare Gedanken zu dem doch recht überraschenden unmoralischen Angebot zu gewinnen. Während ich im Auto saß und er in der halb geöffneten Beifahrertür lehnte. Ohne Jacke im eisigen Wind; nachdem er meinen Rollstuhl auf dem Beifahrersitz sicher untergebracht hatte. Er antwortete: "Die Pornosammlung auf meinem PC zum Beispiel. Die mochte bisher noch keine Partnerin." - "Hm. Ich glaube, dass viele Männer Pornos auf ihrem PC haben. Davon mal abgesehen, dass ich mir mit dir auch keine Partnerschaft vorstellen kann, und zwar einfach aus dem Gefühl heraus, wüsste ich jetzt hierbei nicht, wo genau das Problem liegen soll. Sind das spezielle Pornos?"

Er antwortete: "Es sind keine verbotenen oder perversen Sachen. Also nichts mit Kindern oder Tieren oder sowas." - "Aber dennoch ungewöhnliche?" - "Was ist schon gewöhnlich? Bei Pornos geht es darum, schnell zur Sache zu kommen und Druck abzubauen. Wenn ich unterhalten werden will, gucke ich einen Spielfilm. Also muss im Porno niemand am Ende heiraten, ich wäre ohnehin vorher fertig. Und bei meinen Partnerinnen war bisher oft das Problem, dass ich ihnen zu wenig romantisch war. Ich brauche keine 200 Teelichter um das Bett und keine fünf Duftkerzen daneben - die einen erzeugen unnötige Wärme, die anderen unnötigen Gestank. Außerdem muss man ständig aufpassen, dass die Bettdecke nicht Feuer fängt." - "Banause", lachte ich. - "Gar nicht! Würde meine Freundin mich bitten, ihr eine herzförmige Trockenbauwand mit roter Hintergrundbeleuchtung und integriertem Flachbildfernseher ins Schlafzimmer zu bauen und die Decke als Sternenhimmel mit 75 Mini-Lämpchen abzuhängen, würde ich mich drei Tage lang mit nichts anderem beschäftigen und ihr ein perfekt verkabelt und verspachteltes Liebesnest bauen. Meinetwegen auch mit Wasserbett und Fußbodenheizung. Allerdings würde ich ihr auch zeigen wollen, dass die roten LEDs bei Bedarf auch lila oder türkis blinken können, und dann wäre wieder alles dahin."

Ich musste grinsen und fragte weiter, wollte es noch einmal hören: "Und was willst du jetzt von mir?" - "Wie gesagt: Ich mache dir ein unmoralisches Angebot. Für eine Beziehung bist du mir zu jung. Immerhin sind es zehn Jahre. Oder elf? Egal, deine Ansichten sind mir zu jugendlich. Aber ich finde dich sexy. Dich und deinen Körper." - "Meinen Körper? Sexy? Im Rollstuhl?" - "Ja, wieso? Hast du Komplexe oder was?" - "Ähm, nein, ich unterstelle sie nur oft unbewusst anderen Menschen." - "Ich merke das schon. Überleg es dir. Ruf mich an, wenn du zu Ende überlegt hast. Und fahr vorsichtig, es könnte glatt sein! Tschüss!"

Zack, war die Tür zu. Als er an seinem Hauseingang war, winkte er nochmal. Und jetzt sitzt er vor seinem PC und liest, was ich über ihn geschrieben habe.

Freitag, 26. Dezember 2014

Honig im Kopf

Manche Menschen schwärmen für den nuschelnden Tilman. Manche konnten kaum erwarten, bis sein neuer Film in die Kinos kam. Ausgerechnet am ersten Weihnachtstag, am Fest der Liebe und der Familien, läuft "Honig im Kopf" an. Wenn das mal kein Zufall ist...

Ich selbst bin weder pro noch contra Schweiger. Beim Tatort geht er mir regelmäßig auf den Keks, kürzlich bei Inas Nacht fand ich ihn zu hochnäsig, was vielleicht an seiner akuten Erkältung gelegen hat - in seinen Kinofilmen ist mir manches zu übertrieben, manches zu einfach durchschaubar und zu konstruiert. Aber "Wo ist Fred?" hat mir sehr gut gefallen, nicht zuletzt wegen der einschlägigen Thematik, und auch Zweiohrküken und Kokowääh fand ich durchaus sehenswert.

Etwas schade ist, dass der Film in Hamburg in den Abendvorstellungen der großen Kinos aktuell nur in Sälen gespielt wird, die für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar sind. So haben Marie und ich uns zusammen mit Maries Eltern, die den Streifen auch sehen wollten, in einen für den Andrang viel zu kleinen Kinosaal gesetzt und versucht, uns berieseln lassen.

Berieselt hat allerdings nur die Werbung. Sobald der Film startete, ging es zur Sache. Mehr als drei Sekunden durfte der Blick nicht in die Popcorntüte wandern, sonst lief man Gefahr, irgendeine Pointe zu verpassen. Was nicht gerade entspannend ist; aber immerhin war auch niemand eingeschlafen. Der Streifen enthielt den üblichen Klamauk, die Handlung war mir teilweise zu stark konstruiert. Damit meine ich weniger die Darstellung der Krankheit "Alzheimer", sondern mehr die viel zu lässigen und oft für mich persönlich nicht realistischen Reaktionen aus der Umwelt.

Wie schon in den letzten Streifen durften natürlich auch diesmal Pinkelszenen und gecrashte Oberklassefahrzeuge sowie das Feuer in der Küche nicht fehlen. Wenn man das aber als schweigertypisch abhaken konnte, bleibt etwas sehr, sehr schönes übrig: Ein wunderbarer Film über eine fiese und weit verbreitete Krankheit, über die Fachleute viel forschen, die aus dem Alltag aber lieber verdrängt wird. Und nachdem ich täglich selbst erlebe, vor welche Herausforderungen ich als Rollstuhlfahrerin meine Mitmenschen oft nur durch meine bloße Anwesenheit stelle, möchte ich gar nicht darüber nachdenken, wie schwierig doch Begegnungen zwischen sich für normal haltenden Menschen und jenen sein können, in deren Köpfen die Gedanken so zäh "wie durch Honig fließen".

Dieter Hallervorden, der in diesem Film den an Alzheimer erkrankten Opa spielt, läuft zur Höchstform auf. Eine so glaubwürdige Vorstellung hätte ich ihm, ehrlich gesagt, nicht zugetraut. Was vielleicht daran liegen könnte, dass ich den Fernseher eher selten einschalte und wenn, dann meistens, um Entspannung zu suchen. Entspannend fand ich dabei Didis Witze allerdings nie, eher habe ich immer ziemlich zeitnah ein anderes Programm gewählt. So war er mir bisher mehr als alberner Komiker und weniger als großartiger Filmschauspieler bekannt. Begeistert hat mich auch Emma, die 11jährige Schweiger-Tochter.

Trotz der mit sehr viel Humor verfeinerten ernsthaften Handlung finde ich den Film sehr gelungen und bereue nicht, ihn mir am heutigen zweiten Weihnachtstag angesehen zu haben. Für einen familienfreundlichen Unterhaltungsfilm bekommt er von mir als Mensch mit - derzeit zum Glück nur körperlichen - Beeinträchtigungen viereinhalb Sterne. Ich kann nur hoffen, dass der Streifen die öffentliche Debatte über den gesellschaftlichen Umgang mit beeinträchtigten Menschen weiter anfeuert, und dass wir alle uns darauf besinnen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschens kein Qualitätsmerkmal ist.

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Gekartoffelt und gekäst

Maries Eltern waren heute zu einem Sektfrühstück eingeladen, Marie und ich durften ausschlafen und anschließend mit dem Hund eine Stunde am Deich spazieren gehen. Insofern fing der Tag besser an als er danach weiterging. Wir freuten uns schon auf gemeinsames Raclette mit zwei Freundinnen. Als endlich alle sechs am Tisch saßen, gab es ein eher leises Knacken in dem Gerät, anschließend wurde es dunkel im Raum. Irgendeine Sicherung in der Hausinstallation war rausgesprungen. Maries Vater probierte das noch ein zweites Mal in seinem Bastelkeller mit ähnlichem Ausgang. Eine der beiden Bekannten meinte dann: "Meine Eltern haben fast das gleiche Gerät zu Hause. Wir könnten es schnell holen."

Gesagt, getan. Die beiden Freundinnen waren mit Fahrrädern gekommen, die Eltern wohnten aber rund fünfzehn Kilometer entfernt. Maries Papa wollte nach dem Sektfrühstück nicht mehr fahren, also war ich dran. Da die Freundinnen erst noch fragten, wie denn das mit dem Rollstuhl ginge, entschied sich kurzerhand Maries Papa, mit mir mitzufahren. So konnte bei den Eltern der Freundin schnell jemand aus dem Auto springen und das Gerät rausholen.

Ich hatte ja schon immer den Verdacht, dass Maries Papa selbst auch einen Magneten mit sich führt, der meinen Idiotenmagneten zumindest ablenkt. Wenn auch nur sehr schwach. Ich fuhr mit rund 35 km/h auf eine Ampelkreuzung zu. Die Straße war hier in meine Richtung dreispurig. Jeweils eine Rechts- und Linksabbiegerspur und eine für Geradeaus. Ich wollte mich auf die Linksabbiegerspur einordnen, und da man dabei ja einen Schulterblick macht, guckte ich für einen Moment nicht nach vorne. Genau in dieser Sekunde kam eine Frau in einem Kleinstwagen aus einer rund 200 Meter vor der Kreuzung von rechts einmündenden Stopp-Straße geschossen. Ohne zu blinken, vermutlich ohne zu gucken und ganz sicher ohne an der Haltelinie zu stoppen. Aufmerksam wurde ich auf sie zuallererst durch die City-Notbremsfunktion an meinem Fahrzeug, die unvermittelt auslöste, dann durch ein "Vorsicht!" von Maries Vater, der vergeblich auf das nicht vorhandene Bremspedal auf der Beifahrerseite steigen wollte. Mein Glück war, dass auf der entgegenkommenden Spur niemand fuhr, so dass ich mit einem beherzten Dreh am Lenkrad eine Kollision gerade noch verhindern konnte.

Die erste Reaktion von Maries Vater, der sich bei dem Manöver den Kopf gestoßen hatte: "Alter Schwede, hast du Reflexe. Ich wäre der jetzt ganz geschmeidig in die Tür gekachelt." - "Das war die Elektronik. City-Notbremsfunktion nennt sich das. Die bremst noch bevor die Schrecksekunde vorbei ist." - "Egal, jetzt weißt du, wieso ich nach einem Sekt nicht mehr Auto fahre." - "Sag mir mal lieber, was die geraucht hat", meinte ich und wunderte mich darüber, dass die Dame ohne offenbar von der Situation Notiz genommen zu haben, weiterfuhr und sich inzwischen nicht mehr ganz links, sondern mittig (in der Geradeausspur) vor der roten Ampel eingeordnet hatte. Maries Vater sagte: "Die hatte zu Weihnachten acht Flaschen Melissengeist - da bleibt eben Restalkohol."

Als wir neben ihr an der Ampel standen, wagte ich einen Blick nach rechts. Das Auto war völlig von innen beschlagen, nur die Seitenscheibe war einmal unten gewesen und in der Frontscheibe war eine pizzateller-große Fläche freigewischt. "Sie kocht sich gerade einen Tee", blödelte ich. Maries Vater schüttelte nur den Kopf. Die Ampel sprang auf grün, ich fuhr los, da kein Gegenverkehr kam, konnte ich sofort abbiegen. Ich guckte zur Sicherheit noch einmal links über die Schulter, ob noch vielleicht ein Radfahrer ohne Licht gegen die Fahrtrichtung über den Fußgängerüberweg geprescht kommt, und als ich wieder nach vorne gucke, sehe ich im Augenwinkel die Scheinwerfer eines Autos im rechten Außenspiegel. Reflexartig weiche ich nach links aus und komme gerade noch rechtzeitig vor einem Linienbus zum Stehen, der gerade an seiner roten Ampel wartet. Tatsächlich war die Frau in dem beschlagenen Auto ebenfalls links abgebogen - von der Geradeausspur, quasi in zweiter Reihe. Da es eigentlich nur eine (meine) Linksabbiegerspur gab, mussten wir uns am Ende eine Fahrspur teilen. Und die hatte Madam bereits durch ihr Rechts-beim-Abbiegen-Überhol-Mavöver voll in ihrem Beschlag. Sie blieb neben mir kurz stehen und zeigte mir eine Scheibenwischer-Geste. Ich habe vermutlich aus der Wäsche geguckt wie eine Kuh wenn es donnert.

Der Busfahrer nahm die Hände vor sein Gesicht und schüttelte ebenfalls den Kopf, lehnte sich extra weit nach vorne, um der Frau in dem beschlagenen Auto noch hinterher gucken zu können. Ich seufzte einmal tief und ordnete mich wieder in den fließenden Verkehr ein. An der nächsten Kreuzungsampel hatten wir sie wieder eingeholt. Maries Vater sagte: "Bleib bloß dahinter, sie biegt bestimmt gleich aus der linken Spur nach rechts ab." - Wäre es nicht so gefährlich, könnte man glatt darüber lachen: Er sollte recht haben. Kaum über die Kreuzung, zog sie ohne zu blinken und ohne zu gucken nach rechts in meine Spur und bremste scharf. Da wir versetzt fuhren, war das nicht weiter kritisch, außer dass ich eben auch scharf bremsen musste. Dann bog sie nach rechts auf eine Tankstelle ab. "Fahr mal hinterher", meinte Maries Vater.

"Und dann?", fragte ich. Er sagte: "Ich will mal sehen, ob die besoffen ist. Falls ja, rufe ich eben meine Kollegen an. Bevor sie heute noch einen vom Fahrrad holt oder vielleicht ein Kind totfährt." - Madam fuhr allerdings nicht zum Tanken, sondern gleich wieder zur Ausfahrt. Vielleicht fühlte sie sich verfolgt. Ich blieb neben einer Zapfsäule stehen und sagte: "So. Ich werde jetzt mein Glück nicht weiter strapazieren und du hast heute dienstfrei. Diesel ein Euro sieben. Machst du kurz voll? Und dann holen wir den Raclette-Grill. Nicht, dass die Trulla uns gleich noch reinknallt und ihr Anwalt später vor Gericht die Frage stellt, warum wir nicht schon vor drei Kilometern die Polizei gerufen haben." - "Da hast du recht." - "Siehste..."

Am Ende gab doch noch ein tolles Raclette-Essen. Ich fühle mich nun völlig genudelt gekartoffelt und gekäst, bin mit Marie, den Eltern und den Gästen noch eine große Runde durch Felder und Wiesen bei strahlend blauem Himmel und eiskaltem Wind gedreht, wir mit (Vorspann-) Handbikes, die restlichen Leutis auf Fahrrädern und der Hund auf vier Pfoten. Endlich kann ich mich mal ein wenig entspannen!

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Owie lacht!

Was wäre bloß eine Arztpraxis ohne Notfallsprechstunde am Heiligabend? Marie und ich durften Maries Mutter in ihrer Praxis unterstützen. Ihr ausdrückliches Ziel war es, bis zum frühen Nachmittag wieder abschließen zu können. Die Mitarbeiterin schlug vor, ein Schild an die Tür zu hängen: "Heute nur Notfälle!" - Maries Mutter meinte, dass das eher diejenigen zum Umkehren bringt, die wirklich gesundheitliche Probleme haben. Die anderen fühlen sich dadurch eher noch bestätigt. Sie sollte Recht behalten.

Um 7.40 Uhr, zwanzig Minuten vor dem Aufschließen, saßen bereits vier Patienten in ihren Autos, teilweise in Begleitung, teilweise alleine. "Wer noch selbst Auto fahren kann, riskiert entweder fahrlässig seinen Lappen oder ist kein Notfall", philosophierte Maries Mutter.

Ein Mann um die 40 kam mit einem Migräne-Anfall. Er besuche seine Eltern in Hamburg, habe seine Medikamente nicht mitgenommen, da er seit einem halben Jahr keinen Anfall gehabt hatte. Seine Eltern sind bei Maries Mutter in Behandlung. Ausgerechnet zu Weihnachten ging das los. Ihm war wirklich anzusehen, dass es ihm nicht gut ging. Er bekam seine Notfallmedizin verordnet und machte sich auf den Weg zur Notdienst-Apotheke.

Ein anderer Mann in etwa gleichem Alter hatte sich einen Nerv in der Schulter eingeklemmt und höllische Schmerzen. Da konnte Maries Mutter gut helfen. Eine junge Frau kam mit ihrem kleinen Kind, das sich beim Toben eine stark blutende Wunde am Unterarm zugezogen hatte. Auch das war eher Routine. Eine ältere Frau, um die 70, hatte seit dem Vorabend Probleme mit einem implantierten Herzschrittmacher. Sie habe das Gefühl, mehrmals kurzzeitig bewusstlos gewesen zu sein. Sie wollte "ein paar starke Wachmacher auf Rezept" - und bekam natürlich eine Einweisung ins Krankenhaus. Einem älteren Mann war es sichtlich unangenehm, dass seine Frau ihre Zuckertabletten verloren hätte. Es sei sowieso der letzte Blister gewesen und der sei nun weg. Für diese Leute war es wichtig, heute einen Arzt anzutreffen.

Aber es gab natürlich auch wieder den üblichen Wahnsinn. Ein junger Mann mit einer entzündeten Haarwurzel wollte etwas zum Abschwellen, damit seine Freundin nicht denke, er sei unhygienisch. Ein anderer junger Mann wollte ein Antibiotikum. Er habe seit Wochenbeginn eine Erkältung, letzte Nacht im Zug aus Berlin Fieber bekommen. Eine junge Frau wollte die "Pille danach", sozusagen vorweg, falls über Weihnachten etwas unvorhergesehenes passiert. Ein Vater kam mit seiner Tochter, die angeblich beim Zähneputzen das Wasser samt einer erbsengroßen Menge Zahnpasta runtergeschluckt und nun Bauchweh habe. Der Unfall war allerdings schon gestern abend gegen 18 Uhr passiert.

Und ein Mann Mitte 30, vorher noch nie in der Praxis gewesen, wollte wissen, ob heute viel los sei - falls nicht, würde er sich nämlich gerne eine kleine Warze an der Brust entfernen lassen, dazu habe er sonst immer keine Zeit, weil er arbeitete. Nein, nicht seine Brustwarze. Es handelte sich um ein stecknadelkopfgroßes Fibrom. Als Maries Mutter ihm dann erzählte, dass sie auch Termine vor und nach seiner Arbeit hätte und das eine privatärztliche Leistung sei, wurde er laut und flog am Ende raus.

Kurz vor Schluss kam noch eine alte Frau, weit über 90, zum Blutdruckmessen. Sie ist dement und wohnt bei ihrer Tochter und dem Schwiegersohn. Als diese sie alleine ließen, um die Enkelkinder vom Flughafen abzuholen, hat sie sich auf den Weg zum Arzt gemacht. Nachdem alles kontrolliert war, holte die von mir angerufene Tochter sie wieder ab. Sie kamen gerade durch die Tür, als das Telefon klingelte - und damit blieb ihnen zum Glück jede Aufregung erspart. "Das war das erste Mal, dass sie aus dem Haus gegangen ist", meinte die Tochter. Die alte Dame antwortete: "Ich kann doch wohl noch alleine zum Arzt gehen, schließlich hatte ich einen Termin! Meine Tochter stellt mich immer dümmer dar als ich bin." - "Das ist bestimmt keine Absicht", beschwichtigte Maries Mutter, "ich glaube, Ihre Tochter macht sich einfach Sorgen um Sie und möchte, dass es Ihnen gut geht!"

Es gelang, um halb vier Feierabend zu machen. Um sechs Uhr abends gingen Marie und ich mit Maries Eltern in einen Gottesdienst, anschließend gab es zu Hause eine kleine Bescherung (am meisten bekam der Hund, und dem gefiel am besten das Geschenkpapier) und einen wunderschön entspannten Abend. Würstchen und Kartoffelsalat als klassisches Hamburger Heilig-Abend-Mahl - anschließend wurde getanzt und gesungen. Unsere zwei Gitarristinnen haben das mal wieder toll hinbekommen. Der weiße Neger Wumbaba war heute zwar nicht vor Ort, dafür hatte Gottes Sohn Owie aber endlich mal wieder gelacht (Insider: "Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn Owie lacht lieb aus deinem göttlichen Mund, ..."). Am schönsten von uns allen sang der Hund, wobei er aus meiner Sicht für seine Lautstärke noch nicht textsicher genug war. Aber das sah Marie ganz anders. Sie sprach von Multilingualität. Auf ihren Füßen sitzend, den Kopf im Nacken, erfuhren wir, dass "A-huuuu-hu-huuuuu-jajaja-njam-njam" - alles klar?

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Dienstag, 23. Dezember 2014

Spontanes Training

Der Norden hat mich wieder. Endlich. Wie habe ich sie vermisst, die Stadt, von der viele Hamburgerinnen und Hamburger behaupten, sie sei die schönste der Welt. Auch das norddeutsche Wetter habe ich vermisst. Die Niederschlagsmenge würde zwar für locker zwei Meter Neuschnee reichen, die Windstärke für einen weiteren Meter Schneeverwehungen, nur für einen weißen Heiligabend hat irgendwer den Thermostat falsch eingestellt: Bei deutlich zweistelligen Werten könnte man beinahe über eine Kugel Eis auf die Hand nachdenken.

Lisa fragte ungefähr ein halbes Dutzend Mal, ob wir noch eine Runde mit dem Handbike trainieren wollen. Zuerst hatte ich das für einen Scherz gehalten, denn die Regentropfen flogen zeitweise waagerecht. Aber es war ernst gemeint. Warm genug war es, und so trafen wir uns tatsächlich noch zu einer moderaten Einheit auf dem Elbdeich. Lisa fiel uns buchstäblich um den Hals, drückte Marie und mir einen dicken Kuss auf die Wange und erzählte uns mindestens drei Mal, wie sehr sie uns vermisst hätte. "Die Leute sind aktuell alle so träge", ließ sie uns wissen.

Und sie hätte Frust angestaut, den sie durch ein wenig körperliche Bewegung loswerden wollte. Frust darüber, dass ihr Chef sie zum Jahresende gekündigt hat - wegen ihrer Behinderung. Bevor nun eine Diskussion beginnt, dass man Menschen mit Behinderung nicht wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigung kündigen dürfe, fasse ich das Drama kurz zusammen: Sie soll geklaut haben. Irgendetwas geringwertiges, womit sie zudem wegen ihrer Behinderung gar nichts anfangen kann. Sie sagt, das sei an den Haaren herbeigezogen. Wirklicher Grund war, dass ihr Chef vor kurzer Zeit erkannt hatte, dass das Arbeitsamt nicht für Lisas Gehalt aufkommt. Auch nicht teilweise. Darauf hatte der Chef aber spekuliert, als er eine junge Frau mit Behinderung eingestellt hatte. Es hätte sogar für zwei bis drei Jahre funktionieren können, wenn der Arbeitsvertrag nicht befristet geschlossen worden wäre.

Wie dem auch sei - sie arbeitet, um nicht vom Unterhalt der Eltern abhängig zu sein. Sie ist stolz auf ihre Unabhängigkeit. Der angebliche Diebstahl passt überhaupt nicht. Und ich kann es verstehen, dass sie sich darüber aufregt. Es regt ja sogar mich auf, wenn ich nur zuhöre. Gemeinsames Schimpfen über das ganze System tat ihrer Seele gut. "Am liebsten hätte ich an dem Tag alles kurz und klein gehauen und mich mit allen Leuten, die mir über den Weg gelaufen sind, geprügelt", meinte sie und fügte hinzu: "Wunder dich nicht, wenn ich gleich absichtlich mittig durch die tiefsten Pfützen fahre. Ich brauche das heute."

So gesellte sich zu Marie und einer Stinkesocke, die aussahen wie zwei begossene Pudel, ein kleines Erdferkel, das sichtlichen Spaß daran hatte, dreckig zu werden. Marie und ich mussten sie am Ende mit vereinten Kräften davon abhalten, direkt in den See zu springen. Nach zwei Stunden Training wäre das gerade noch sieben Grad warme Wasser eine absolute Herausforderung für jeden Kreislauf. Mit ungewissem Ausgang. "Ich mache dir einen anderen Vorschlag", sagte Marie. "Wir duschen jetzt warm und anschließend kommst du mit zu mir und wir machen zu dritt einen Sauna-Abend bei uns im Garten."

Schön war es. Auch wenn mir Sauna bei Schneegestöber besser gefällt als bei zweistelligen Außentemperaturen, die Gartensauna war definitiv auch etwas, was ich in den letzten Wochen vermisst hatte.

Montag, 22. Dezember 2014

Vier Mann, vier Ecken

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Das wusste schon Matthias Claudius, und der fuhr mit Sicherheit nicht im ICE. Ich dachte mir, im Laufe der Jahre würden sich die Dinge so langsam verändern, vielleicht sogar verbessern. Aber ich bin wohl zu ungeduldig.

Spontaner ist sie geworden, die Deutsche Bahn. Während ich früher oft die Auskunft erhielt, Rollstuhlfahrer dürften nicht mitfahren, wenn sie nicht mindestens 48 Stunden vor Abfahrt angemeldet seien, hat man inzwischen sogar ausnahmsweise die Möglichkeit, die örtlichen Mitarbeiter großer Bahnhöfe spontan anzurufen, um sie um Einstiegshilfe zu bitten. Ganz ohne telefonische Voranmeldung zu reisen, ist aber nach wie vor nicht empfehlenswert: Es ist noch gar nicht so lange her, als mir eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn sagte, ich müsse auf dem Bahnsteig stehen bleiben, weil ich nicht vorgemeldet sei. Sie nehme nur Reisende im Rollstuhl mit, wenn diese angemeldet wären. Vier junge Männer, die kurzfristig von ihren Sitzen aufsprangen und getreu dem Motto "Vier Mann, vier Ecken" die Stinkesocke über die Schwelle trugen, ließen die Dame mit der roten Mütze recht schattig darstehen.

Was aber auch passieren kann, und da erinnere ich mich an meine letzte Reise, dass ich mich ordnungsgemäß angemeldet habe, aber niemand am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Nun muss man dazu sagen, dass sich als Treffpunkt nur selten "vor der Zugtür" vereinbaren lässt. Oft erwartet der Servicedienst der Deutschen Bahn, der Rollstuhlfahrer oder die Rollstuhlfahrerin möge sich zwanzig Minuten vor Abfahrt des Zuges an einem Service Point einfinden. Um ihm oder ihr dann dort zu sagen: "Sind Sie Frau Stinkesocke? Alles klar, dann treffen wir uns in zwanzig Minuten vor der Tür zu Wagen neun! Fahren Sie schonmal vor!" - In diesem Fall stand ich am Service Point, allerdings alleine. Nach zehn Minuten entschied ich mich, doch zum Zug zu fahren und die Aufsicht auf dem Bahnsteig anzusprechen. Kreisch: "Das müssen Sie anmelden!" - "Hab ich, ich komme gerade vom Service Point, da waren wir vor zehn Minuten verabredet, aber Ihr Kollege ist nicht erschienen!" - "Warum kommen Sie denn erst jetzt? Wie soll ich in den verbleibenden zehn Minuten einen Kollegen finden, der die Rampe bedienen kann?"

Schlurfenden Ganges kam der Herr für die Rampe dann doch noch rechtzeitig. Er habe mich am Service Point gesucht, ich sei nicht dort gewesen. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Übrigens kam der Zug zwanzig Minuten verspätet, da er verzögert bereit gestellt worden war. Und in umgekehrter Wagenreihenfolge. Was natürlich immer besonders lustig ist, da die mehrere Meter breite, fahrbare Rampe am halben Zug entlang durch die Ströme sich neu orientierender Reisender hindurch geschoben werden muss. Aber immerhin blieb das Gleis dasselbe, so dass mir hektische Wechsel auf andere Bahnsteige erspart blieben.

Im Zug ging das Chaos weiter: "Müssen Sie in den nächsten Stunden auf die Toilette? Denn die einzige Behindertentoilette ist gesperrt. Wir könnten Sie an der nächsten Station raussetzen, Sie warten dort eine Stunde auf den nächsten Zug - oder Sie müssen ein paar Stunden anhalten." - "Kann man da denn nur nicht spülen oder ist der Raum unbenutzbar?" - Ich wollte der Zugbegleiterin jetzt nicht erklären, wie Einmalkatheter mit Beutel funktionieren (grundsätzlich sollte jeder, der sich bei voller Blase kurzzeitig einen Katheter zur Blasenentleerung durch die Harnröhre schieben kann, entsprechendes Equipment bei jeder Bahnfahrt notfallmäßig im Rucksack haben), bekam aber dennoch gleich die passende Antwort: "Wenn Sie es genau wissen wollen: Jemand hat seine Wurst gleichmäßig über die Brille verteilt. Und ich mache das nicht weg." - Das war doch mal eine Ansage. Und das ausgerechnet auf dem Behindertenklo. "Das muss irgendein Behinderter gewesen sein", befand ich, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Eine Rollstuhlfahrerin, die es sich bereits auf dem anderen der beiden vorgesehenen Plätze gemütlich gemacht hatte, konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. "Das habe ich mir auch schon gedacht", meinte sie. Die Zugbegleiterin schüttelte verstört den Kopf und schritt davon.

Am Ende bekam ich die Präsidenten-Suite zum Kathetern. Die Zugbegleiterin räumte ihr Büro, ich durfte mich auf ihren Stuhl setzen, Rollstuhl raus, Tür zu, Hose runter, Beine breit, Schlauch rein, Schlauch raus, Hose hoch - fertig. Jetzt nur auf ein intaktes Rücklaufventil hoffen und den Beutel draußen im Restmüll entsorgen. Und hoffen, dass er unter dem Gewicht des übrigen Mülls nicht platzt.

Die Verspätung baute sich auf insgesamt vierzig Minuten auf, da wir aufgrund der ersten Verspätung uns nun hinter einem langsam fahrenden Güterzug befanden. Gerade hatten wir den überholt, da musste jemand vom Rettungsdienst aus dem Zug geholt werden, wofür der Zug noch einmal außerplanmäßig an einem Wald- und Wiesenbahnsteig hielt. Einige Reisende nutzten diesen Aufenthalt als Rauchpause, sehr zum Ärgernis der Zugbegleiterin, denn die musste erstmal von Wagen 1 zu Wagen 11 laufen, um die Leute wieder in den Zug zu scheuchen. Das "Bitte steigen Sie ein, wir wollen weiterfahren!" über die Lautsprecheranlage reichte nicht.

Und muss ich noch erwähnen, dass an meinem Zielbahnhof die bestellte Ausstiegshilfe nicht bereit stand? Worauf der Zug beinahe mit mir weiter gefahren wäre, allerdings ist die Stinkesocke ja inzwischen so routiniert und dreist zugleich, dass sie sich mit ihrem Stuhl so in die offene Tür stellt, dass diese nicht mehr ohne Besuch der Zugbegleiterin zufällt. Man lernt eben dazu. "Vier Mann, vier Ecken" half auch hier. Was wäre ich bloß ohne die vielen starken und hilfsbereiten Männer, die regelmäßig Zug fahren?

Dienstag, 16. Dezember 2014

Amt und Sexualität

Ich bin kein Sex-Nerd. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Prostituierte aufgesucht, auch keinen Callboy gecallt. Ich hatte eher unfreiwillig und zuletzt zum Glück eher wenig mit Menschen zu tun, für die Behinderung ein Fetisch ist. Ich bekleide kein öffentliches Amt. Aber eins habe ich mit einem städtischen Behindertenbeauftragten aus Rheinland-Pfalz dann doch noch gemeinsam: Ich schreibe öffentlich über (meine) Sexualität. Nicht allzu häufig, sondern eher hin und wieder, aber bei Bedarf auch ausführlich und im Detail.

Warum ich das tue, ist schnell beantwortet: Ich glaube, dass es Menschen interessiert. Und das erkenne ich nicht zuletzt an der viel zu häufig gestellten Frage von Freunden, Bekannten und Fremden, ob ich trotz oder mit meiner körperlichen Einschränkung ein halbwegs befriedigendes Sexualleben hätte. Ja, richtig gelesen, solche Fragen werden mir teilweise im Aufzug zwischen U-Bahn-Tunnel und Straßenebene von wildfremden Menschen gestellt. Und das nicht selten.

Kurzum: Es gibt Menschen, denen juckt niemals das Fell, wenn ihr Arm gerade über Wochen eingegipst ist. Aber wehe, wenn es doch mal juckt. Eine Kollegin hat mir erzählt: Lineale, Stifte und Schals bleiben regelmäßig in Gipsverbänden hängen. Manchen Menschen ist das peinlich, anderen weniger. Und genauso gibt es Menschen, die kaum sexuelle Bedürfnisse haben. Aber eben eine deutliche Mehrheit, die den Reproduktionstrieb regelmäßig befriedigt. Und sei es alleine. Manchen Menschen ist das peinlich, anderen weniger.

Fakt ist doch wohl, dass jeder Mensch entscheiden kann, ob er einen Beitrag über Sexualität lesen möchte. Zumindest ist das in meinem Blog so. Soll heißen: In diesem Beitrag geht es auch um Sexualität, wer es nicht lesen will, scrollt weiter zum Nächsten. Beitrag. Wenn ich über Sexualität schreibe, entsteht das, wie bereits erwähnt, meistens aus der Motivation heraus, andere Menschen an meinen Wünschen, Bedürfnissen, Gedanken und an meinem in meiner Situation erworbenen Kenntnis- und Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen. Mit dem Wissen, dass Sexualität, und insbesondere jene von Menschen mit Beeinträchtigungen, über lange Zeit tabuisiert wurde. In der Hoffnung und dem Ziel, Ängste zu nehmen und Offenheit zu produzieren. Und in dem Glauben, dass Offenheit uns allen gut tut.

Ich kenne inzwischen viele Menschen mit Behinderungen, einige auch sehr eng, und mit vielen habe ich auch bereits über Sexualität gesprochen. Wenn mich jemand um einen zusammenfassenden Vergleich bittet, würde ich in den Raum stellen, dass die Sexualität von Menschen mit und ohne körperliche Beeinträchtigung sich jeweils nicht unterscheidet. Manchmal gibt es die eine oder andere Herausforderung bei der technischen Umsetzung. Und Menschen mit Behinderung habe ich häufig wesentlich offener und ehrlicher erlebt, was aber daran liegen kann, dass ich selbst sofort als Mensch mit Behinderung erkennbar bin und sich damit eine Berührungsangst reduziert.

Ich habe mir gerade vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn mir aufgrund dieser meiner Einstellung zu und diesem meinem Umgang mit Sexualität nun Türen aktiv verschlossen werden würden. Wenn ich beispielsweise meinen späteren Beruf, ein öffentliches Amt nicht (mehr) ausüben dürfte. Oder wenn ich deshalb nicht mehr bloggen dürfte. Ich glaube, ich wäre schon sehr enttäuscht von unserer Gesellschaft. Weil ich eigentlich von ihr ein anderes Bild habe.

Dem eingangs erwähnten Behindertenbeauftragten einer rheinland-pfälzischen Stadt mit immerhin über 100.000 Einwohnern scheint es, Medienberichten zufolge, gerade so zu ergehen. Seine Wiederwahl wurde einfach von der Tagesordnung genommen, nachdem eine Partei zuvor noch "Beratungsbedarf" habe. Der jetzige Amtsinhaber habe diese Information erst während der entsprechenden Veranstaltung erhalten - und beraten werde nur in seiner Abwesenheit. Zum Beispiel sei sein Stellvertreter auf inoffiziellem Weg um eine Kandidatur gebeten worden. Dabei wurde der zu offene Umgang des Amtsinhabers mit dem Thema "Behinderung und Sexualität" als Grund für dieses Ansinnen genannt. Weil das nichts brachte, sollen nun die Behindertenverbände der Stadt angeschrieben werden, um andere Personen für das Amt vorzuschlagen.

Ich muss erwähnen, dass ich mit keiner der beiden "Parteien" (nicht im politischen Sinn) gesprochen habe, sondern meine Informationen ausschließlich aus verschiedenen Presseartikeln und Veröffentlichungen auf Webseiten von Politikern zusammengetragen habe. Kopfschüttelnd. Was mich maßlos stört, ist der undurchsichtige Weg, auf dem Leute in ein Amt kommen (oder aus einem Amt gedrängt werden), die, laut offizieller Webseite der Stadt, die Interessen der behinderten Einwohner der Stadt vertreten. Damit meine ich weniger, dass diese Person nicht direkt von allen betoffenen Bürgerinnen und Bürgern gewählt wird. Sondern vielmehr, dass offenbar die Ausübung eines Amtes selbst nur solange von gewählten Regierungsvertretern ertragen wird, wie sie in ihrem Sinne erfolgt.

Die Berichterstattung erweckt den Eindruck, als gebe es keine offizielle Möglichkeit, den sexuell aktiven Behindertenbeauftragten aus dem Amt zu heben. Wenn das so ist, dann bleibt wohl nur eins: Einfach weiterscrollen, wenn er wieder über Themen schreibt, die man selbst noch nicht ertragen kann. Oder einfach nicht lesen möchte. Das mache ich übrigens bei vielen parteipolitischen Texten auch so.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Eine besondere Party

Unter einer "ruhigen Adventszeit" stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor. Nämlich, dass es nicht in meinem Tagebuch sehr ruhig ist, weil ich vor lauter Terminen kaum noch zum Schreiben komme. Die Uni stresst mich zurzeit wirklich. Es vergeht aktuell kein Tag, an dem nicht irgendeine wichtige Arbeit abgeliefert, vorgetragen oder geschrieben wird. Alles ist sehr lernintensiv und vieles auch sehr tiefgründig. Bisher ist noch alles irgendwie gut gelaufen, aber ich sehne mir wirklich das Weihnachtsfest herbei, um mal wieder etwas durchschnaufen zu können.

Zoey musste so lange zum Glück nicht warten. Wir haben in der Nacht zu gestern unsere erste Übernachtung hinbekommen, hauptsächlich mit dem Ziel, dass sie lernen sollte, wie man alleine abführt. Ja lecker, aber nötig. Ihr Problem: Wegen ihrer Querschnittlähmung kann sie es bislang nicht alleine, bisher hat die Mutter den Enddarm im Liegen ausgeräumt, während Zoey fern gesehen hat. Das kann natürlich nicht ewig so weitergehen und vor allem muss das eigentlich nicht sein. Dass jemand manuell nachhelfen muss, sollte eher die Ausnahme sein. Sie hatte mir einen sehr langen Brief geschrieben, in dem es über mehrere Seiten darum ging, wie sehr sie diese Situation belastet, zumal die Sache an sich natürlich auch für ihre Mutter nicht angenehm ist, wobei diese aber, nach Zoeys Empfinden, zudem noch sehr dominant auftrete und sich kaum in die Situation der Tochter hinein versetzen könne. Mir persönlich wäre es insbesondere während der Pubertät schon zu viel, dass bei der Aktion überhaupt noch jemand anderes im Raum anwesend ist.

Was mir auffiel, war, dass Zoey in Anwesenheit ihrer Mutter meistens nur oberflächlich zuhörte und mit den Gedanken oft woanders zu sein schien. Das war, als wir uns unterhielten, überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil, es wirkte, als könne sie überhaupt nicht genügend Input bekommen. Ich vermute, dass sie einfach durch die ständige Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Mutter unterfordert war.

Sie sollte in meinem Bett schlafen, ich ging so lange zu Marie. Um 5.30 Uhr war der ausgemachte Termin, wobei mich wunderte, dass der zu Hause wohl selten eingehalten wurde. Und für einen gelähmten Darm ist es Gift, die Abführzeiten ständig zu wechseln. Wichtig war, dass sie bis 5.30 Uhr im Bett blieb und erst dann aufstand. Dann zum Klo, pinkeln, einen großen Becher warmen Tee trinken, wieder hinlegen, Zellstoff drunter, einige Stücke Küchenkrepp abreißen und bereit legen, Handschuhe an.

"Willkommen zur Kackparty", freute sich Zoey und wirkte irgendwie gar nicht distanziert sondern fröhlich. Ich bat sie, sich auf die linke Seite zu legen, aus anatomischen Gründen, und erfuhr, dass die Mutter das zu Hause immer machte, indem Zoey auf der rechten Seite lag. "Andersrum geht das nicht, das Bett steht an der Wand." - Das ist ungefähr so hinderlich, als würde man einem Kind zum Sprechenlernen eine Kartoffel in den Mund stecken. Das linke Bein anzuwinkeln macht auch Sinn. Ich führte ihre Hände, sowohl die linke als auch die rechte nacheinander in die richtigen Positionen. "Nicht wehtun", war der einzige Moment, in dem ich neu um Vertrauen werben musste. "Zoey, du wirst das gleich alles selbst machen, ich lege deine Hände nur an die richtigen Stellen."

Zunächst musste der Enddarm so weit ausgeräumt werden, dass Platz für ein Mikro-Klistier war. Das klappte auf Anhieb, wenngleich Zoey sehr zögerlich und übervorsichtig war, fast schon zittrig. Marie saß vor Zoeys Kopf in ihrem Rollstuhl. Auf Zoeys ausdrücklichen Wunsch sollte sie mit dabei sein, als seelische Unterstützung. Sie guckte sich die Kliestierverpackung an und sagte: "Da solltest du, wenn alles funktioniert, mal probieren, ob nicht ein weniger heftiges es auch tut."

Sie machte auf Anhieb alles richtig. Nun galt es abzuwarten, bis die Wirkung vorbei war. "Ich merke das immer an meinem Herzschlag. Sobald der wieder ruhiger wird, kann es losgehen." - Nach zwanzig Minuten ging das schon von alleine los. Zoeys Kommentar: "Scheiß die Wand an, wieso explodiert das denn fast? Das ist ja geil. Macht meine Mutter da immer nur die Hälfte rein oder was?" - Ich antwortete, konnte mich vor Lachen kaum senkrecht halten: "Erstens der heiße Tee, zweitens liegst du auf der linken Seite. Und drittens kannst du froh sein, dass hier keine Wand ist. Das hätte durchaus Potential gehabt. Du solltest also wirklich sehen, dass du das nicht mehr im Liegen, sondern auf dem Klo machst, und dann demnächst auch mal ein schwächeres Mittel nehmen. Vielleicht reicht ein pflanzliches. Aber erstmal musst du jetzt lernen, wie du deinen Enddarm leer bekommst, wenn es auf dem Klo nicht funktionieren sollte. Erstmal wartest du, was von alleine passiert. Und zum Schluss machst du das weiter, was du vorhin schon angefangen hast. Bis nichts mehr kommt."

"Das ist ja easy", befand Zoey. Und fügte hinzu: "Und mit einem Handschuh auch nicht eklig. Hätte ich das gewusst, hätte ich meine Mutter schon vor drei Jahren raus geschickt. Und wieso pinkel ich jetzt?" - "Das ist ein Reflex, der bei einigen Leuten auftritt, wenn der Enddarm leer ist. Deswegen legst du ja genügend Zellstoff drunter. Du kannst das also künftig alleine. Wichtig ist nur, dass du das regelmäßig spätestens jeden zweiten Tag, am besten zur gleichen Zeit, machst, und dass du nichts anderes als deinen Zeigefinger dort reinsteckst. Da kann man nämlich ganz viel verletzen. Und dann würde ich es künftig auf dem Klo probieren. Höchstwahrscheinlich wirst du nach ein paar Wochen ohne Zurhilfename deiner Finger auskommen."

Nun bin ich mal gespannt. Mittags sagte Marie: "Stell dir mal vor, Zoey ist zwölf, kommt nach Hause und erzählt ihrer Mama ganz stolz: 'Muddi, ich kann jetzt alleine kacken!'" - Bei der Gelegenheit musste ich an eine Kollegin vom Sport denken, die mir erzählt hat, dass ihre Mutter sie früher immer bat, sie solle unterwegs 'ich möchte singen' sagen, um ihr Bedürfnis alltagstauglich zu umschreiben. Was eines Tages in der S-Bahn dazu geführt habe, dass eine ältere Frau geantwortet hat: "Das ist aber schön, singst du uns was vor?"

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Ein roter Fleck

Das war doch mal ein überwiegend lustiger Praktikumstag! Endlich hatte ich mal richtig viel Spaß bei meiner praktischen Arbeit, die ich in diesem Semester einmal wöchentlich in der Chirurgie ableisten muss und die mir die nötigen Erfahrungen vermitteln soll. Der Hauptgrund dafür war wohl eine Ärztin, an deren Fersen ich mich heften sollte. Ich kann kaum beschreiben, warum sie mir so sehr gefiel. Es war vermutlich ihre direkte und unvoreingenommene Art, vielleicht aber auch ihr deutlich wahrnehmbarer Gefallen an ihrer Arbeit. Sie bat mir gleich das "Du" an, was erfahrungsgemäß nicht selten, aber auch nicht selbstverständlich ist, und während ich sonst oft das Gefühl hatte, ich oder zumindest mein Rollstuhl stört eher als dass wir willkommen sind, kam es mir hier so vor, als könnte sie es nicht abwarten, mit mir zusammen den ersten Patienten aufzurufen. Um sich dann völlig entspannt an die Wand zu lehnen und zu sagen: "So, Jule, dein Job. Auf gehts!"

Von großartigen Notfällen blieb ich am heutigen Tag weitestgehend verschont. Saisonal häufiger vorkommende Verletzungen, nämlich solche, die in irgendeinem Zusammenhang mit Nadelbäumen stehen, waren aber wieder dabei. Eine junge Frau war beim Schmücken ihrer zimmerhohen Tanne vom Drehstuhl gefallen, auf dem sie nicht saß, sondern stand, mit der Folge einer distalen Radiusfraktur links. Auf Deutsch: Sie hat sich den Unterarm, genauer gesagt die Speiche, in der Nähe des Handgelenks durchgebrochen. Oder kurz: Zitter, wackel, polter, bumms, knack, autsch. Zum Glück waren die Knochenteile nicht gegeneinander verschoben, so dass ein einfacher Gips ausreichte. Ganz anders hatte ein älterer Mann mit seinem Weihnachtsbaum zu kämpfen, als er sich mit einer Axt ins Schienbein hackte. Allerdings bekam ich den nicht selbst zu sehen, sondern seine Geschichte in einer Pause brühwarm erzählt.

Brühwarm bis brühheiß war es auch bei einer anderen Patientin zugegangen. "Für euch liegt in der Vier eine 18jährige Rollstuhlfahrerin mit Verbrennungstrauma. 'Verbrennungstrauma' sagt die Mutter. Am linken Oberschenkel ist eine erbsengroße rötliche nicht nässende Hautverfärbung. Die Patientin selbst sieht es sehr entspannt, die Mutter tigert daneben auf und ab und ist außer sich." - Meine auch nach Stunden noch immer völlig von diesem Tag begeisterte Anleiterin rieb sich die Hände, grinste mich an und sagte: "Au ja, geil. Jule, das wird dein Durchbruch."

Wir kamen durch die Tür und noch bevor wir einen Namen sagen konnten, kam die Mutter auf uns zugestürmt: "Meine Tochter hat sich verletzt. Ausgerechnet im gelähmten Bereich. Sie wissen bestimmt, dass das bei Querschnittlähmungen sehr gefährlich sein kann. Ich bin mit ihr sofort ins Krankenhaus gefahren. Sofort! Leider hat sie dafür noch immer nicht den nötigen Blick, sie sieht das immer zu locker. Sie hat schon drei Mal fast ein halbes Jahr mit einer Druckstelle im Krankenhaus gelegen und eigentlich soll sie jetzt im Frühjahr Abitur machen. Sowas kommt auch immer kurz vor Weihnachten."

Ich ließ die Mutter stehen, rollte zu der Patientin, die, unten nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der Liege lag, gab ihr die Hand. Zeigte auf die rötlich verfärbte Stelle am Bein und sagte: "Na? Der Fleck hier? Was hast du da gemacht?" - "Beim Sex in der Dusche gegen das heiße Rohr gekommen. Also das an der Wand.", sagte sie und grinste schelmisch. Jetzt bloß nicht meine Anleiterin angucken, sonst weiß ich nicht, ob ich noch ernst bleiben kann. Die Mutter fauchte lautstark dazwischen: "Ich habe dir gesagt, du sollst diesen Mist nicht erzählen!" - Ich drehte mich um: "Okay. Die Verletzung ist da, wir können sie nicht mehr rückgängig machen. Es ist niemandem geholfen, wenn Sie jetzt so aufdrehen. Also versuchen Sie mal bitte, sich ein wenig zu entspannen, damit wir in Ruhe und mit Bedacht eine Lösung finden, die Ihrer Tochter hilft. Am Besten wäre es vermutlich, wenn Sie sich mal für einen Moment draußen in den Wartebereich setzen."

Hatte ich das wirklich gerade gesagt? In Erwartung eines Donnerwetters zog ich schon mal vorsorglich den Kopf ein. Aber im Gegenteil: Die Mutter guckte mich halb böse, halb genervt an und ging zur Tür. Mit dem Griff in der Hand blieb sie einen Moment stehen, drehte sich zu mir und maulte: "Sie hat noch nicht mal einen Freund. Geschweige denn Sex in der Dusche." - Dann schob sie die Tür auf, schob sie hinter sich wieder zu und stampfte davon. Ich wandte mich wieder der Patientin zu. Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzte sich mein Blick dabei mit dem meiner Anleiterin. Das reichte, um alle nötigen Gedanken auszutauschen. Ich fragte: "So, jetzt mal Klartext. Was hat das mit der Stelle auf sich?" - Sie antwortete: "Nix, keine Ahnung. Irgendwo gestoßen, irgendwo hängen geblieben, irgendeine Falte in der Hose gehabt, die zu lange auf dieselbe Stelle gedrückt hat, was weiß ich. Das tut aber nicht mal weh, ich würde das merken. Das ist einfach etwas gerötet und morgen wieder weg. Meine Mutter hat das zufällig gesehen und darauf bestanden, sofort mit mir ins Krankenhaus zu fahren."

Ich wollte sie beinahe fragen, ob sie noch einen Bruder hat, der Jörn heißt. Aber den Witz hätte außer mir niemand verstanden. Also ließ ich meine Anleiterin auch noch einmal mit einem Auflichtmikroskop auf die Stelle schauen, die sagte nur: "So, Feierabend, Hose zu, ab nach Hause. Klären Sie das mit Ihrer Mutter oder sollen wir ein Pflaster drüber machen?" - Sie sagte: "Bloß kein Pflaster, nicht, dass sich daraus noch eine Druckstelle entwickelt." - Ich seufzte und sagte: "Ich schreibe kurz einen Zweizeiler für den Hausarzt, vielleicht redest du kurz mit der Mutter draußen?" - Meine Anleiterin antwortete: "Nee, ich schreibe, du redest mit der Mutter."

Ich rollte mit der Patientin aus dem Untersuchungsraum, die Mutter bestand zunächst darauf, dass ein Dermatologe hinzu gerufen wird, stürmte dann noch einmal zu meiner Anleiterin hinein und wurde erneut laut. Die sagte aber nur: "Jetzt ist es genug. Freuen Sie sich, dass die Verletzung Ihrer Tochter nicht schwerwiegender ist und kommen Sie mal wieder runter." - Als die beiden draußen waren, sagte ich leise: "Was sie wohl macht, wenn ihre Tochter mal wirklich was hat." - "Das will ich mir lieber nicht vorstellen."

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Nicht der Richtige

Er ist nicht der Richtige. Das muss ich leider so zusammenfassen und der Kennenlernphase ein Ende setzen. Wenn es jemand über zwei Monate nicht über sein Herz bringt, sich klar zu positionieren, ist das zwar ein gangbarer Weg, aber keiner, den ich mitgehen möchte. Es ist gar nicht so sehr das Verhältnis zu seiner Mutter, das ausschlaggebend war, sondern der dahinter stehende Ansatz, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Klar, es kann mitunter sehr reizvoll sein, einen eher zurückhaltenden bis devoten Partner zu haben. Was mich aber nervt, ist, wenn die Unterwürfigkeit so weit geht, dass die eigene Meinung selbst bei den wichtigsten Entscheidungen nicht mehr erkennbar wird.

Ich kann ja verstehen, dass jemand mit seiner Mutter nicht über alles reden möchte. Auch dann, wenn man (noch) bei seiner Mutter wohnt. Aber ich erwarte von jedem Menschen, der älter als 14 ist, dass er sich einen Umgang aneignet, mit dem sowohl Mutter als auch Sohn leben können. Wenn ein Sohn seine Autonomie völlig aufgibt, um jedem Problem vor seiner Entstehung bereits aus dem Weg gegangen zu sein, ist es für die außerfamiliäre Umwelt einfach zu schwierig, einen adäquaten Zugang zu diesem Mutter-Sohn-System zu bekommen.

Seine abschließende Reaktion, es sei nicht so schlimm, er könne damit leben, wenn wir hin und wieder mal gemeinsam ein Schnitzel essen würden, mag einen großen Schmerz überspielt haben, mag aber auch von der auf mich befremdlich wirkenden Gleichgültigkeit durchsetzt sein. Ich hätte mir eben schon etwas vorstellen können, nur hat es leider - mal wieder - nicht gepasst. Schwierig das.