Freitag, 31. Oktober 2014

Das Gute im Menschen

Wie es wieder funktioniert! Immer wieder die gleiche Masche, immer wieder die gleichen Leute, die darauf reinfallen und sich instrumentalisieren lassen. Ich begreife es nicht.

Alles Reden nützt nichts. Schon Martin Luther hatte Gutes im Sinn, als er empfahl, nicht alles zu glauben, was man hört, und nicht alles zu sagen, was man weiß. Ich weiß nicht, wie egoistisch und wie abgebrüht man sein muss, um Gerüchte über jemanden zu verbreiten, die geeignet sind, mal eben ganz großen Schaden anzurichten: Ein Kommilitone soll Geld unterschlagen haben. Öffentliches Geld, das ihm zu Forschungszwecken bewilligt wurde. So ein Vorwurf kann schlimmstenfalls eine ganze Karriere kaputt machen.

Es zog ganz große Kreise, und um Ermittlungen nicht zu gefährden, wurde mit ihm nicht gesprochen. Der Eine glaubt, was zu wissen, der Zweite glaubt, was gehört zu haben, der Dritte will sich wichtig machen, der Vierte sein Ego polieren und der Fünfte sich für irgendetwas rächen. Der Sechste dachte, er lästert nur und dichtet noch etwas dazu - und schon steht sie da: Eine öffentliche Meinung über einen Menschen, über den es normalerweise nichts Schlechtes zu reden gäbe.

Wie froh kann man doch sein, wenn es Menschen gibt, die schlechter sind. Wenn für eine gewisse Zeit die eigene dunkle Seite im Schatten des Bösewichtes leuchtet. Wenn man jemanden angrinsen kann, weil man zu schwach ist für ein Lächeln. Am Ende galt für den jungen Mann die Unschuldsvermutung nicht mehr. Er musste beweisen, dass er nichts Unrechtes getan hatte. Und siehe da: Den einzigen Fehler, den er gemacht hatte, war eine Fehlkalkulation bei den benötigten Mitteln. Der Fehler ist aber mehreren Personen, die eigentlich auf solche Fehler hin kontrollieren sollen, nicht aufgefallen. Solche Fehler können passieren. Und sie passieren auch immer wieder. Anstatt einmal mit ihm zu reden, wurde gleich das Schlimmste vermutet.

Fakt ist, dass die zu viel bewilligten Mittel niemals abgerufen wurden. Vielmehr hat der Kommilitone bereits vor Monaten ordnungsgemäß die Planung korrigiert. Und das hatte er schriftlich. Das ist inzwischen auch offiziell mit ausdrücklichem Bedauern bestätigt und verkündet worden.

Ich habe bereits als kleines Kind von meinem Großvater gelernt: "Glaube immer zuerst an das Gute im Menschen."

Es fällt manchmal schwer, denn das Schlechte scheint manchmal näher zu liegen. Aber in Wirklichkeit sagt eine solche Haltung in erster Linie etwas über die eigenen Vorstellungen und Erwartungen aus. Völlige Arglosigkeit hilft mit Sicherheit nicht, und ein gesundes Misstrauen sollten alle Menschen hegen. Ein gesundes Misstrauen muss sich aber auch immer gegen die eigenen Gedanken richten. Insbesondere gegen die, die anderen Menschen schaden könnten.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Unbequeme Freunde

Ich hatte gestern erneut Kontakt mit Gerd. Jenem 51 Jahre alten Patienten, der vor einigen Wochen einen schweren Verkehrsunfall hatte, und der letzte Woche völlig desorientiert war. Ich bin im Rahmen einer schriftlichen Hausarbeit von meinem Professor darauf hingewiesen worden, dass zwingend auch einige allgemeine Befunde mit erhoben und aufgeschrieben werden müssen. Er wurde beinahe etwas böse: "Das haben Sie ja nun schon etliche Male gemacht und wissen es daher. Warum werden Sie da jetzt nachlässig?"

"Ich bin da keineswegs nachlässig", widersprach ich und sagte, dass ich jüngst in meinem Praktikum gelernt hätte, dass jene Beobachtungen, die ich keiner chirurgischen Diagnose zuordnen konnte, nichts in der Chirurgie zu suchen hätten. Da hatte ich ja was gesagt. Ich beschrieb die Verwirrtheit des Patienten, sagte, dass ich es für ein Delir (Durchgangssyndrom) halten würde, mir aber gesagt wurde, dass mich das nicht zu interessieren hätte. Das sei Aufgabe des Psychiaters, nicht des Chirurgen. Ich wusste, dass ich damit provoziere. Ich wusste aber auch, dass ich es nicht hinnehmen werde, dass mich ein anleitender Arzt erst fünf Minuten mit einem desorientierten Patienten rumlabern und dann dumm stehen lässt.

Ich bekomme meine Informationen, wenn ich sie denn für das Studium brauche, im Zweifel auch anderswo. Aber kann ich mir denn sicher sein, dass der Patient die Behandlung bekommt, die er braucht? Ein Delir, das zwei Wochen nach dem Koma noch besteht, bedarf einer Behandlung, so habe ich es gelernt. Wenn das inzwischen überholt ist oder es Ausnahmen gibt, dann möchte ich das auch lernen! Ansonsten interessiert mich wenigstens, ob er behandelt wird.

Ich bin seit heute auf einer anderen chirurgischen Station. In einem anderen Krankenhaus. Offiziell, weil es Probleme wegen des Rollstuhls im OP gibt. Kapazitätsprobleme. Man bedauert das. Die Patientenakte von Gerd durfte ich nicht noch einmal einsehen. Aber verabschiedet habe ich mich von ihm, er war übrigens völlig wach und orientiert. Und ich habe auch seine Tochter kennenlernen dürfen, die sich bei mir bedankt hat.

Wie gesagt, seit heute findet mein Praktikumstag auf einer anderen chirurgischen Station statt. Mein Professor hat mich noch einmal zur Seite genommen: "Das hat keine disziplinarischen Gründe, dass Sie jetzt woanders sind. Sachlich haben Sie alles richtig gemacht. Ich rate Ihnen nur ... nein, ich rate Ihnen nichts. Sie gehen manchmal einen schwierigen, unbequemen Weg. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen häufig die schwierigen Wege gehen. Damit werden Sie sich nicht immer nur Freunde machen."

Ich antwortete: "Das ist mir bewusst. Ich bin mir aber sicher, dass nicht alle Menschen einen großen Bogen um mich machen werden. Es gibt Menschen, die mögen unbequeme Freunde." - Streckt er mir doch die Hand aus...

Dienstag, 28. Oktober 2014

Manchmal

Manchmal, aber nur manchmal, kann ich nicht mehr schlafen und blättere mich durch alte Blogeinträge. Finde Rechtschreibfehler, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie mache. Spüre meine damalige Stimmung und hätte wiederum nie gedacht, dass ich so drauf sein kann. Lese, was ich so erlebe, und frage mich, ob ich ein bewegtes Leben habe. Muss grinsen, schaue in den Himmel und frage den, der da oben irgendwo wohnt: "Sag mal bitte, habe ich irgendwann mal zu laut geäußert, mir wäre langweilig?"

Dann frage ich mich, ob ich alles richtig mache. Und erinnere mich an eine Vorlesung aus dem Bereich der Psychiatrie, in der ein Patient vorgestellt wurde, der seine Armbanduhr zu Rate gezogen hat, sobald er eine Antwort brauchte. Er fragte dann laut: "Mache ich alles richtig?" - Dann blickte er einmal auf den Sekundenzeiger. Stand dieser gerade auf einer ungeraden Zahl (1, 3, ... 59), hieß das "Ja!", stand er auf einer geraden Zahl (0, 2, ... 58), hieß das "Nein." - Ich weiß jetzt nicht, welche Regel gilt, wenn der Zeiger gerade umspringt. Vermutlich gab es dafür auch eine Lösung. Bei mir ist es gerade 4 Uhr 27 und exakt 1 Sekunde. Es ist aber keine Armbanduhr und ich habe vorher nicht laut gefragt, also zählt das nicht.

Bevor das Formen annimmt, die ich nicht mehr erklären kann, gebe ich mir die Antwort selbst: Ich mache nicht alles richtig. Aber auch nicht alles falsch. Ich rolle meinen Weg. Einen Weg. Mal mehr, mal weniger planvoll; mal mehr, mal weniger spontan. Meine Richtung kenne ich, mein Lebensziel nicht. Mein Wunsch: Ich möchte glücklich sein und niemals einsam. Ob ich das weiterhin schaffe? Ich lasse mich überraschen.

Montag, 27. Oktober 2014

Hin und wieder Koma

Eigentlich fahre ich ja immer in der zweiten Klasse im Zug. Allerdings sind in manchen ICE-Zügen die Sitzplätze für Menschen mit Behinderung am Ende des Wagen 9 lokalisiert. Wagen 9 ist eigentlich ein Erste-Klasse-Wagen. Da das Kleinkindabteil genau daneben liegt, relativiert sich die sonst bessere Ruhe der 1. Klasse oft sofort wieder, aber die Sitze sind wenigstens etwas bequemer. Und man bekommt Tageszeitungen angeboten. Manchmal. In diesem Fall stieg ein Reisender aus und fragte mich, ob ich seine Zeitung haben wollte. Ich bejahte und stolperte über einen Artikel, der meine Augen größer werden ließ.

In London soll ein inzwischen 47jähriger Mann eine hohe Querschnittlähmung vorgetäuscht haben. Er falle zudem regelmäßig ins Koma. Der Schwindel sei aufgeflogen, als die Polizei ihn beim Einkaufen erwischte. Ohne Rollstuhl, ohne die angeblich nötige Beatmung. Der Grund für das ganze Manöver: Angeblich habe er seine Nachbarn um 50.000 Euro betrogen. Als das aufflog und er vor Gericht musste, ließ er sich einfallen, so die Tageszeitung weiter, dass er ab sofort ein wenig pflegebedürftig sei, so dass die Gerichtsverhandlung gegen ihn über die angeblich ergaunerten 50.000 Euro mehrmals verschoben wurde.

Was mich wundert, ist, dass offenbar niemand seinen Unfall mit dem Garagentor, der zu der schweren Beeinträchtigung geführt haben soll, untersucht hat. So eine hohe Querschnittlähmung macht doch eine lange Krankenhausbehandlung nötig. Wie kommt da jemand an ein entsprechendes ärztliches Attest zur Vorlage bei Gericht? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich will es auch gar nicht wissen. Nur ich denke mir: Wenn man schon so viel unternimmt, dass einem ein Gericht (vorerst) Glauben schenkt (oder schenken muss), wieso lässt man sich dann beim Einkaufen auf zwei Beinen filmen?

Was mich bei der Sache am meisten aufregt, sind die erheblichen Mittel aus Sozial- und Krankenfürsorge, die ihm in den letzten Jahren zugeflossen sind. Ich möchte mich auf das dünne Eis wagen und anhand verschiedener Erzählungen von Freunden und auch aufgrund einer persönlichen Begegnung vor etwa vier Jahren eine Haltung einnehmen, die möglicherweise im ersten Moment befremdet. Nämlich: Meiner Meinung nach muss jeder selbst entscheiden, ob er zu Fuß, auf einem Fahrrad oder im Rollstuhl durch die Weltgeschichte eiert. Genauso wie es mir egal ist, ob jemand rosafarbene oder schwarze Unterhosen trägt, sich die Nippel piercen lässt oder ein dichtes Fell am Rücken hat. Ich habe zwar meine persönlichen Präferenzen und würde selbst bei Bekannten ein zweites Mal hinschauen, aber letztlich ist es eine völlig private Entscheidung, wie sich jemand aus dem Haus wagt und wie sich jemand fortbewegt.

Sie ist es allerspätestens in dem Moment nicht mehr, wo (zu Lasten anderer) getäuscht und Sozialhilfe bezogen wird. Soll heißen: Kauf dir privat deinen Rolli, cruise damit durch die Stadt, triff dich mit Gleichgesinnten, aber spiel mit offenen Karten. Und rechne damit, dass diejenigen nicht so eng mit dir befreundet sein wollen, die sich nicht (mehr) aussuchen können, ob sie mal eben aufstehen wollen, wenn es am Strand ein wenig zu sandig wird. Und akzeptiere, dass eben genau diese Menschen sehr sauer werden, wenn du diejenigen Leistungen, die dafür bestimmt sind, ein Leben mit so extremen Beeinträchtigungen wie einem Halsquerschnitt oder einem Wachkoma zu ermöglichen, für dich ungerechtfertigt in Anspruch nimmst.

Auch wenn es den Staat vermutlich nicht aus dem finanziellen Gleichgewicht bringt, seine Pflegeleistungen grundlos gezahlt und vermutlich auf Nimmerwiedersehen verloren zu haben - es ist eine riesige Sauerei. Es ist so schon schwer genug, als betroffener Mensch an die vorgesehenen Leistungen zu kommen. Wenn ich sehe, welcher Aufriss mitnichten veranstaltet wird, bevor irgendwas bewilligt wird, wäre ich doch glatt dafür, solche mutmaßlichen Betrüger als Strafe für mindestens fünf Jahre zu einer sozialen Tätigkeit zu verdonnern, in der sie ihr "Wissen" für wirklich betroffene Menschen einsetzen können.

Samstag, 25. Oktober 2014

So ein Tag

Heute war mal wieder so ein Tag von der besonderen Sorte. Eigentlich ging es gestern schon los, als ich vor dem Aufzug im Bahnhof stand und ein Reisender, Rentenalter, mit rollendem Aktenkoffer, polierten Lackschuhen und schwarzem Schirm mich ungefragt dumm von der Seite zulaberte: "Ich hatte mal eine Bekannte im Rollstuhl, die konnte auch nichts alleine." - Leider hatte ich meine Stöpsel nicht im Ohr. Taub stellen? Der Typ gaffte mich von der Seite an. Ich spürte seinen Blick. Die Kabinentür des Aufzugs öffnete sich. Ich dachte mir so: 'Wenn der mich jetzt anfasst, um mich dort hinein zu schieben, fängt er sich eine. Nein, Jule, beruhige dich, das kannst du nicht machen.' - Ich deutete auf die Tür: "Bitteschön, ich warte noch." - "Nicht mit?" - "Ich warte. Und das kann ich sogar schon alleine." - "Nun sei mal nicht gleich so zickig, du weißt doch wohl genau, wie das gemeint war. Also mach hier keinen Zirkus und steig ein." - Ich drehte mich weg, nahm mein Handy in die Hand und checkte meine Mails. Er sagte: "Na dann eben nicht, dann musst du eben in deinem Selbstmitleid ertrinken."

'Mein Selbstmitleid, wie du es nennst, krieg ich schneller runter als du in den Aufzug kommst. Und bevor die Tür zu ist, schmeiß ich dir noch die leere Flasche hinterher', dachte ich mir leise. Ich sah vor meinem inneren Auge meine Psychotherapeutin sich grinsend die Hände reiben. Der Aufzug kam von oben wieder runter, ein Mann stand drin, blieb beim Aussteigen in der Tür stehen. "Warten Sie, ich halte Ihnen die Tür auf!" - Ich erwiderte: "Wenn Sie in der Tür stehen, komme ich aber nicht an Ihnen vorbei. Kommen Sie einfach raus, das geht schon." - "Meinen Sie?" - "Ja." - Er kam nach draußen, um direkt vor der Kabinentür, sich halb um die Ecke wickelnd, stehen zu bleiben und einen ausgestreckten Arm in die Lichtschranke zu halten. Dabei musste ich mit meinem Kopf unter seinem langen Mantel hindurchtauchen. "Geht es so?" - "Ja, danke", seufzte ich.

Heute morgen habe ich das Einkaufen übernommen. Auf meiner Liste standen jene Reste, die Maries Mutter gestern nicht bekommen hatte. Ich fuhr mit dem Auto, alle Behindertenparkplätze waren belegt. Eine Frau stand an der geöffneten Tür eines Fahrzeugs, das auf einem solchen Parkplatz stand. Ich öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite: "Entschuldigung, fahren Sie weg?" - "Das ist ein Behindertenparkplatz!" - "Ja genau, fahren Sie weg?" - "Ich habe gesagt: Das ist ein Behindertenparkplatz!" - Okay. Ich nahm meinen Parkausweis in die Hand, hielt ihr den sichtbar hin und versuchte es ein drittes Mal: "Schauen Sie mal bitte. Fahren Sie weg?" - Ich bekam zum dritten Mal die Antwort: "Das ist ein Behindertenparkplatz!" - Ich gab auf. Ich fuhr auf die andere Seite einer Hauptstraße, durch das dortige Wohngebiet. Dort waren auch zwei Behindertenplätze. Beide waren belegt, beide von Autos, in denen kein Ausweis auslag. Ein "normaler" Parkplatz wurde gerade frei. Ich stellte mich rückwärts in die Parklücke. Rückwärts, weil der Parkplatz am rechten Rand eines Fünferblocks war und ich so die Garantie hatte, dass bei der Rückkehr nicht jemand neben der Fahrertür stehen würde. Ausweis in die Windschutzscheibe - ansonsten hätte ich ein Ticket lösen müssen.

Als ich wieder zurück kam, auf dem Schoß eine große Klappkiste mit dem Einkauf, hatte doch tatsächlich jemand auf dem Gehweg neben meiner Fahrertür geparkt. Sich quasi so zwischen Fahrradständer und Blumenbeet gequetscht, dass alle Fußgänger über die Fahrbahn laufen mussten und ich selbst dann nicht mehr ins Auto gekommen wäre, wenn ich ohne Rollstuhl unterwegs gewesen wäre. Man hatte, um in die Lücke zu gelangen, sogar meinen Außenspiegel angeklappt. 'Immerhin nicht abgefahren', dachte ich mir. Ich verstaute meinen Korb im Kofferraum. Ich rollte um die Fahrzeuge herum und sah an meinem Scheibenwischer einen Zettel. Nee, oder? Doch angeditscht? Nein, eine Knolle. Parken ohne Parkschein, Sie erhalten demnächst Post. Unglaublich. Allerdings, der Uhrzeit nach konnte die Überwachungskraft noch nicht weit weg sein. Ich rollte in eine Position mit besserer Übersicht und sah eine weiße Mütze in einiger Entfernung. Auf in den Kampf.

"Entschuldigung, ich habe hier gerade einen Zettel an meinem Scheibenwischer entdeckt. Kann es sein, dass Sie etwas übersehen haben? In meiner Windschutzscheibe liegt eine Ausnahmegenehmigung aus, dass ich keinen Parkschein lösen muss." - "Was?!", erwiderte der Mann entsetzt. - "Na, ich bin Rollstuhlfahrerin, wie Sie sehen, und ich habe eine Ausnahmegenehmigung, dass ich an Parkscheinautomaten ohne Gebühr und ohne zeitliche Begrenzung parken darf." - "Die lag nicht aus." - "Aber sicher lag die aus!", sagte ich mit meinem hübschesten Lächeln. - "Die haben Sie eben hingelegt." - "Also hören Sie mal, die Unterstellung ist aber jetzt ein wenig frech, finden Sie nicht? Denken Sie, ich hab das nötig?" - "Denken Sie, ich habe es nötig, falsche Tickets auszustellen? Sehen Sie. Aber Sie bekommen ja noch eine Anhörung, da können Sie das ja aufschreiben." - "Kommen Sie doch bitte einmal mit zurück. Dann werden Sie sehen, dass ich den da gar nicht nachträglich reingelegt haben kann. Ich bin nämlich komplett eingeparkt worden und kriege keine Tür mehr auf." - Er guckte mich mit prüfendem Blick an und sagte dann: "Ich komme da gleich hin. Ich schreibe den hier noch kurz zu Ende."

Zwei Minuten später standen wir vor meinem Auto. Es war offensichtlich, dass ich höchstens durch den Kofferraum hätte einsteigen können. Und dass ich das nicht gemacht habe, glaubte er mir endlich. Er guckte in die Windschutzscheibe: "Ach da liegt ja der Ausweis! Den müssen Sie ein wenig deutlicher nach oben schieben, so sieht man den kaum, vor allem, wenn der hier so dicht dran steht und man gar nicht dazwischen kommt! Geben Sie her, ich buche das aus, die Sache hat sich für Sie erledigt." - "Könnten Sie einen Abschlepper bestellen?" - "Für den da?" - "Ja, ich komme nicht mehr in mein Auto. Und das liegt nicht daran, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Da würde niemand mehr reinkommen." - "Naja, da müsste ich ein paar Fotos machen. Moment." - Er funkte seine Zentrale an. Der Mann mit der weißen Mütze verschwand, der Abschlepper kam relativ schnell, aber dann: "Das tut mir leid, junge Frau. Wenn ich den wegziehe, ballert der dabei gegen Ihr Auto. Die Vorderräder sind voll eingeschlagen, da müssten wir einen Kran holen. Ich könnte aber den anderen hier wegziehen und umsetzen. Dann müssten Sie das allerdings bezahlen." - "Kosten?" - "Bei Ihnen würde ich einen Sonderpreis machen, 79 Euro." - "Interessant, kommt aber sowieso nicht in die Tüte." - "Wieso?" - "Na, ich erteile Ihnen ja keine Aufträge, fremde Autos umzusetzen. Oder?" - "Ja, dann kommt der Kollege mit dem Kran, das kann aber ein bis zwei Stunden dauern." - "Dann rufe ich jetzt bei der Polizei an und erkläre denen, dass der Auftrag erst in zwei Stunden erledigt werden kann, ob sie eventuell einen anderen Abschleppunternehmer schicken. Es ist kalt, es fängt an zu regnen..."

Nach zehn Minuten war der Kollege (vom selben Unternehmen) mit dem Kran da. Geht doch. Kaum war das Auto angebunden, kam dessen Besitzer an. "Halt, was machen Sie da mit meinem Auto?" - "Wir haben einen Abschleppauftrag von der Stadt. Sie stehen hier auf dem Gehweg und alle Fußgänger müssen über die Fahrbahn." - "Aber da schleppt man doch nicht gleich ab!" - "Das müssen Sie mit der Stadt klären. Wir haben den Auftrag." - "Okay, was kostet es?" - Der Sonderpreis war hier gleich doppelt so hoch, immerhin hatte man nicht nur die Anfahrt, sondern auch noch Vorbereitungen zum Abschleppen getroffen. Wahnsinn.

Als ich endlich wieder bei Marie zu Hause ankam, stellte ich fest, dass ein eigentlich noch drei Wochen haltbares Lebensmittel bereits verdorben war. Ich ärgerte mich darüber, dass ich das im Supermarkt nicht gesehen hatte, obwohl ich eigentlich sehr genau hinschaue. Und dann hatte ich noch ein wichtiges Teil vergessen, obwohl ich mir sicher war, es im Einkaufskorb gehabt zu haben. Vielleicht war es an der Kasse auf dem Laufband in einen anderen Einkauf gerutscht, denn auf dem Bon stand es nicht. Und wenn jetzt noch jemand behauptet, meine Bauchschmerzen wären psychogen, gibt es Kloppe...

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Affen und Stachelbären

Dass er mittwochs seit einiger Zeit gerne abends bei uns an der Tür klingelt, ist kein Geheimnis mehr, auch wenn einige wenige Leserinnen und Leser das Thema gerne ausgespart hätten. Für die einen sind es zu viele Informationen, für die anderen zu wenig. So ist das Leben. Nur ist es so, dass ich in erster Linie für mich selbst schreibe. Was keineswegs heißt, dass ich mich nicht über meine (vielen) Leserinnen und Leser und ihre vielen ernst gemeinten Kommentare freue, ganz im Gegenteil: Ich freue mich! Was aber heißt, dass ich es in Bezug auf "Beitrags- und Gestaltungswünsche" in meinem Blog handhabe wie ein Supermarkt: Bei Laktose-Intoleranz einfach mal die Milch links liegen lassen!

Jörn hielt mir demonstrativ einen Laborbefund entgegen, als ich die Tür öffnete. Drei Sekunden dachte ich, er wollte von mir eine Übersetzung irgendwelcher Zahlen, dann guckte ich in sein Gesicht und sah ein verschmitztes Grinsen. Jetzt begriff ich: Das Suchtest-Ergebnis auf HIV-Antikörper. Ich verzog keine Miene. Die Tür in einer Hand drehte ich mich halb um und rief: "Marie, kommst du mal bitte?" - Marie kam angerollt. Noch bevor sie ihn sehen konnte, sagte ich: "Hier ist ein Mann vor der Tür, der möchte uns Blut verkaufen." - "Blut?", fragte Marie mit großen Augen, guckte vorsichtig um die Ecke. Als sie Jörn sah, wie er mit seinem Zettel vor der Tür stand, sagte sie: "Aha?! Wir kaufen nichts an der Tür."

Als ich die Tür wieder schließen wollte, stellte er einen Fuß in die Tür und sagte: "Ich bin ein hartnäckiger Vertreter." - Im gleichen Moment ging beim Nachbarn gegenüber die Tür auf. Bevor der jetzt denkt, das Theater sei echt, zog ich Jörn in die Wohnung und schloss die Tür, nahm ihm den Zettel aus der Hand und studierte das Ding aufmerksam. "Was? Wieso hast du Würmer?" - Marie guckte mich schon wieder mit großen Augen an. Das wäre wohl der erste Befundbericht, bei dem das Labor nach HIV-Antikörpern gesucht und Würmer gefunden hat. Ich hielt ihr den Zettel hin und tippte mit meinem Zeigefinger auf eine beliebige Stelle des Papiers. Marie sagte entsetzt: "Igitt. Maden?" - Ich schüttelte den Kopf: "Spulwürmer würde ich denken." - Jörn fragte völlig panisch: "Scheiße, woher hab ich die denn? Und was kann man da machen? Antibiotikum?"

Ich sagte: "Wesentlich einfacher. Du kommst jetzt jeden Mittwoch einmal zu uns und bringst einen Apfel und eine Banane mit." - "Und dann?" - "Essen. Drei Wochen lang. Erst den Apfel, dann die Banane. Die Reihenfolge ist wichtig. Und in der vierten Woche bringst du einen Apfel und einen Hammer mit." - "Häh?" - "Ja, da isst du den Apfel und dann warten wir einen Moment. Dann kommt der Wurm aus dem Mund und fragt nach der Banane und dann - zack! Einmal mit dem Hammer drüber." - "Oarr, ihr seid so doof."

Stolze 25 Euro habe ihn der Test gekostet. Bei einer sozialen Einrichtung. Sein Hausarzt habe ihm den Tipp gegeben, das nicht bei ihm machen zu lassen, da er es sonst in die Krankenakte eintragen müsse und auch die Krankenkasse davon erfahre, dass ein Aidstest in Auftrag gegeben wurde. Das könne sich negativ auswirken, wenn beispielsweise eine Lebensversicherung abgeschlossen werden solle und die Versicherungsgesellschaft anfrage, ob chronische Krankheiten bestünden oder kürzlich ein HIV-Test in Auftrag gegeben wurde. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn es stimmt, fände ich das sehr bedenklich.

Jörn sagte: "Woher bekommt man Spulwürmer?" - Marie sagte: "Wenn du einen Affen knutschst. Affen haben hin und wieder Spulwürmer. Und Bären glaube ich auch." - "Gummibären auch?", fragte Jörn. Ich erwiderte: "Und Waldbären. Und Brombären. Und Stachelbären."

Marie blödelte weiter: "Apropos Gummibären: Jörn, kannst du dir Jule in einem hautengen Latex-Catsuit vorstellen?" - Nachdem Marie genau weiß, wie genervt ich nach zahlreichen Anfragen einschlägiger Fetischisten bin, verwunderte nur Jörn meine Reaktion: "Wir prügeln uns gleich!" - Jörn fragte: "Magst du sowas nicht?" - "Nein!", giftete ich zurück und Jörn zog den Kopf ein. Die Frage, worauf ich denn "stehe", blieb mir glücklicherweise erspart.

Nachdem nun alle drei voneinander wissen, dass wir uns bei einem potentiellen Flüssigkeitsaustausch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit unerwünschten Viren gegenseitig infizieren würden, gingen wir direkt ins Bett in die Küche, um zusammen noch ein Brot zu essen. Also jeder eins. Auf meine Frage, ob Jörn zu Hause noch immer erzähle, dass er Regale aufbaue, bekam ich keine schlüssige Antwort. Ich sehe es schon kommen, dass eines Tages die Mutter vor unserer Tür steht und uns sowie die ganzen Regale kennenlernen möchte.

Es ist irgendwie lustig: Nachdem die ganzen "technischen" Voraussetzungen geklärt sind, läuft nichts. Nach dem Abendessen haben wir uns in der Küche ein paar Fotos auf dem Laptop angeschaut, dann ist er wieder nach Hause gefahren, nachdem seine Mutter ihm mindestens fünf SMS geschrieben und gefragt hat, wie lange er noch unterwegs sei. Einerseits will ich ja durchaus mal ein wenig mehr von ihm, andererseits will ich auch nichts überstürzen. Und es muss vor allem passen. Richtiger Moment und so. Es bleibt spannend.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Eine Rheinfahrt mit Tanz

Als kleine Entschädigung für den gestrigen hektischen Praktikumstag durfte ich heute noch einmal ins Krankenhaus. Allerdings nur zu einem speziellen Patienten. Ich nenne ihn mal Gerd. Gerd ist 51 Jahre alt, ist allem Anschein nach vor zwei Monaten mit seinem Auto gegen einen Kleinlaster gedonnert, als er als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs war. Er soll nachts bei Regen im Baustellenbereich für seine Richtung eine dritte Spur aufgemacht haben, an einer Stelle, wo laut Polizei nur zwei Spuren pro Richtung eingerichtet waren. So erzählt es die Schwester. Gerd ist Familienvater, war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, ist seit 25 Jahren verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Beide Kinder besuchen den Vater täglich, beide können sich das überhaupt nicht erklären und erzählen ständig, sie seien regelmäßig mit dem Papa Auto gefahren, auch lange Strecken. Er sei stets vorbildlich gefahren, sie hätten im Auto geschlafen während der Fahrt - sie seien geschockt.

Gerd war lebensgefährlich verletzt eingeliefert worden, lag mehrere Wochen im künstlichen Koma. Aktuell wird er, obwohl er seit zwei Wochen wieder wach ist, noch immer intensivmedizinisch betreut. Er ist ansprechbar und ich habe ihn bislang immer in jeder Hinsicht orientiert erlebt, als ich zusammen mit einem Chirurgen zwei, drei Mal nach seiner Unterschenkelfraktur geschaut hatte. Er redete ganz normal, fragte nach den nächsten Therapieschritten, gab über alles mögliche Auskunft.

Heute sah ich ihn wieder, wieder zusammen mit einem Arzt. Der Arzt begrüßte ihn, Gerd gab eine sehr zögerliche Antwort und begann sofort, den Arzt verbal anzugehen. Wer er sei, ständig kämen hier fremde Leute ins Zimmer, er solle ihn in Ruhe lassen. Irgendwie wirkte Gerd aber auch verängstigt. Ich guckte den Arzt an, der nickte mir zu, ich versuchte mein Glück. "Hallo Herr ..., wir kennen uns doch aus der letzten Woche. Ich wollte mal nach Ihnen schauen, wir haben uns doch so nett unterhalten." - "Ah, gut, dass Sie kommen. Ich erinnere mich an Sie, oder genauer gesagt an Ihren Rollstuhl. Im Moment kann ich mir kaum Gesichter merken. Aber an Ihren Rollstuhl erinnere ich mich." - "Das ist doch okay. Ich sage Ihnen auch gerne nochmal meinen Namen." - Er wiederholte meinen Namen, griff nach meiner Hand, umklammerte fest mein Handgelenk und zog mich zu sich heran. "Können Sie was für sich behalten?", fragte er mich.

"Na klar", flüsterte ich zurück. Er sagte: "Gut. Ich will Ihnen mal was erklären. Ich bin nämlich verschleppt worden. Und ich werde abhauen. Später. Ich habe mich mit ein paar Freunden verabredet, wir werden eine Schifffahrt auf dem Rhein machen. Wir haben zu viert zwei Kabinen, ich hoffe, dass ich mit Georg zusammen in eine Kabine komme, die anderen beiden sind mir zu anstrengend. Die Frauen bleiben zu Hause. Können Sie mir Geld leihen? Irgendwie habe ich mein ganzes Geld verloren. Ich überweise es Ihnen nächste Woche zurück."

Für zwei Sekunden war ich sprachlos, dann sagte ich: "Klar. Wieviel brauchen Sie?" - "Na so 100 Euro sollten es schon sein. Wir wollen ja vielleicht auch mal tanzen gehen." - "Wenn Sie meine Hand loslassen, kann ich mal in mein Portmonee schauen, denn, oh, wie ich vermutet habe, es sind nur Münzen drin. Aber ich könnte sonst gleich was am Automaten ziehen. Meinen Sie denn, dass Sie beim Tanzen was bezahlen müssen oder haben Sie nicht sogar 'all inclusive' gebucht? Meine Eltern waren vor paar Wochen auf dem Rhein, da war Tanzen mit drin." - "Die hatten ein anderes Unternehmen. Wir haben bei einer ungarischen Firma gebucht, das war ein Geheimtipp. Aber leider ist da Tanzen nicht mit drin. Haben Sie die 100 Euro?"

Ich wiederholte: "Wie gesagt, ich habe gerade nur Münzen und müsste zum Automaten und da was ziehen." - "Wollen Sie mich verarschen? Sie kommen hier her und haben nur Münzen im Portmonee? Wovon bezahlen Sie denn Ihre Miete?" - "Die wird abgebucht. Ich brauche kaum Bargeld, ich zahle meistens mit Karte. Aber es ist ja kein Problem, um die Ecke ist ein Geldautomat." - "Der hat doch bestimmt schon geschlossen. Sind Sie echt so knapp bei Kasse, dass Sie keine Scheine dabei haben? Ich fasse es nicht, wie lange kennen wir uns schon? Zwei Jahre, drei? Und ich dachte immer, Sie kämen einigermaßen über die Runden." - "Es ist halt alles nicht mehr so einfach wie früher, die Zeiten ändern sich." - "Ja, schlimme Zeiten, darum will ich ja auch weg hier." - "Und das Wetter? Ist auch nicht mehr das, was es früher mal war, oder? So früh schon so dunkel, es wird Winter." - "Nein, es soll morgen nochmal warm werden, haben sie in den Nachrichten gesagt." - "Oh, das ist schön, dann könnte ich morgen ja vielleicht nochmal grillen mit ein paar Freunden. Ich muss dann auch mal weiter, noch ein paar Sachen einkaufen." - "Ach, können Sie mir Margarine mitbringen?" - "Einen Becher oder mehr?" - "Nö, so zwei oder drei, falls meine Frau was backen will. Schauen Sie mal, ob da was im Angebot ist." - "Mach ich."

Kaum war ich mit dem Arzt wieder auf dem Flur und die Tür war hinter uns zu, sagte er: "Das gibt ein dickes Sternchen." - Ich fragte: "Was ist mit dem Mann?" - "Okay, kein Sternchen. Wonach sieht es aus?" - "Delir, Psychosyndrom. Aber warum?" - "Überlegen Sie mal." - "Postoperativ möchte ich eigentlich ausschließen nach sechs bis acht Wochen. Künstliches Koma ist auch seit zwei Wochen vorbei. Ich habe gelernt, sowas geht nach zwei Tagen los und ist entweder nach zwei Tagen wieder vorbei oder muss medikamentös behandelt werden. Die letzten Male war er aber vollkommen orientiert. Wie passt das alles zusammen?" - "Keine Ahnung." - "Was sagt denn der Psychiater dazu?" - "Falsche Frage." - "Wieso falsche Frage?" - "Ich Chirurg, Sie Studentin. Psychiatrie ist nicht meine Baustelle." - "Sie wollten doch aber gerade Sternchen verteilen, wie lautet denn nun die richtige Antwort?" - "Nicht zu viel nachfragen. Müssen Sie noch lernen."

"Als Studentin...", fing ich einen Satz an, kam aber nicht weiter, da Chirurgus sich durch das Treppenhaus abseilte. Und mich dumm stehen ließ. Stinkesocke möchte wieder mal die Welt retten. Ich erinnere mich noch an die Alpträume, die ich nach meinem Koma gehabt habe. Ich weiß, dass das eine sehr schlimme Zeit war, in die sich Menschen, die das nicht selbst miterlebt haben, kaum hineinversetzen können. Ich weiß nur nicht, ob ich das zu eng oder die behandelnden Ärzte das zu locker sehen. Einerseits widerstrebt es mir, das einfach so abzuhaken, andererseits möchte ich nicht als diejenige gelten, die alles dramatisiert. Ich bin mal wieder hin- und hergerissen.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Handarbeit

Früher gehörte zum Medizinstudium angeblich noch nicht so viel Praxis wie heute. Dennoch könnte es viel mehr sein. Okay, mein Praktisches Jahr kommt ja noch, aber ich persönlich habe das Gefühl, ich lerne mehr, wenn ich Theorie und Praxis gleichzeitig vermittelt bekomme, statt erst die komplette Theorie zu büffeln und später alles verknüpfen zu müssen. Aber das ist keine Kritik am System, zumal es unter Garantie auch 100 gute Gründe gibt, warum das Studium genau so und nicht anders aufgebaut ist. Ich erfahre aber auch, dass unterschiedliche Hochschulen sich im Rahmen der Möglichkeiten unterschiedlich für einen frühzeitigen höheren Praxisanteil engagieren.

In diesem Semester erfreue ich mich an einem persönlichen praktischen Schwerpunkt in der Chirurgie. In einem Lehrkrankenhaus, also einem Krankenhaus, das selbst nicht zur Universität gehört, aber aufgrund eines Vertrages mit der Uni ihre Studenten ausbilden darf. Sägen, Bohren, Hämmern, Schrauben, Kleben, Stricken, Häkeln, Nähen und Basteln - die ganze Welt der Handarbeit, live und in Farbe. Ich darf inzwischen auch schonmal den Tupfer festhalten ... nein, das wäre jetzt ungerecht. Ich lerne täglich dazu, vor allem bei der Erkenntnis, dass Personal sehr knapp sein kann.

Meine Wirkungsstätte ist zur Zeit eine Aufnahme. Stinkesocke wird abgehärtet für das spätere Leben. Chirurgische Notfälle sind natürlich nochmal was ganz anderes als internistische. Wenn da ein Motorradfahrer mit offener Schädelfraktur und frisch amputiertem Bein eingeliefert wird, vergesse ich schon mal gerne für fünf bis sechs Sekunden das Atmen. Nicht, dass ich damit zurzeit allzu viel zu tun hätte, aber der Anblick ist schon schaudrig.

Nicht oft passiert es, aber manchmal kommt es dennoch vor, dass die Aufnahme an ihre erste Kapazitätsgrenze stößt. Unglücksfälle und einzelne Schwerverletzte werden vorher angekündigt, die Verteilung solcher personalintensiven Notfälle auf unterschiedliche Kliniken in der Regel gesteuert. Aber wenn es einen Unfall mit vielen Verletzten gibt oder zeitgleich zwei oder drei heftige Ereignisse passieren, kann es schonmal sein, dass der Bär steppt. So war es heute. Normalerweise können gleichzeitig vier Notfälle in dem Krankenhaus direkt behandelt werden, davon maximal zwei Schwerverletzte zur gleichen Zeit. Mit "Notfälle" sind hier diejenigen gemeint, die nicht warten können. Für ambulante Patienten, die selbst in die Notaufnahme kommen, gibt es natürlich weitere Kapazitäten - oder sie müssen eben warten.

Die Rettungsleitstelle kündigte einen Verkehrsunfall mit mehreren Schwerverletzten an und schickte zwei Schwerstverletzte sowie einen Leichtverletzten zu uns. Der Hintergrunddienst (Bereitschaft, Sationsärzte) war bereits alarmiert, da bereits zwei Schockräume mit als akut lebensbedrohlich eingestuften Patienten belegt waren. Es wurde die Aufnahme bis auf weiteres bei der Leitstelle abgemeldet, so dass nach den drei zu erwartenden Patienten keine weiteren Notfälle eingeliefert werden. Wie gesagt, das kommt nicht oft vor, aber es ist wohl auch nicht sooo ungewöhnlich.

Mit dem Taxi kam dann eine Frau um die 75, ihren Mann im Schlepptau. Er habe sich beim Heimwerken verletzt. Schwer verletzt, wie sich schnell herausstellte. Keine Minute später, die drei Verletzten des Verkehrsunfalls waren vermutlich noch gar nicht auf dem Weg, kamen drei Männer mit lautem Gebrüll reingestolpert. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Einer hatte eine Bauchverletzung durch einen Messerstich, einer der anderen beiden war erheblich an den Händen verletzt und der dritte war der Fahrer. Was genau los war, wusste niemand, aber man sei schonmal ins Krankenhaus gefahren. Der Mann mit der Bauchverletzung war leichenblass, schweißnasses Gesicht, hatte die Arme über die Schultern seiner Kumpel gelegt und wurde mehr geschleift als dass er noch selbst ging. Auf dem Fußboden gab es eine nicht unerhebliche Blutspur. Und dann ging es rund.

Der Mann kam gleich in den nächsten Schockraum und natürlich wurde die Polizei gerufen. Mehr Sorge machte aber der Versorgungsengpass. Der Chefarzt ordnete eine höhere Alarmstufe nach einem Notfallplan an, was zwei wesentliche Folgen hatte: Dienstfreie Mitarbeiter wurden über den Pförtner angerufen und in die Klinik beordert, und der normale Aufnahmebetrieb wurde eingestellt. Das heißt: Alle rund 30 Patienten, die sich im Wartebereich stapelten, mussten die Aufnahme verlassen und wurden, sofern es eher Kleinigkeiten waren, entweder gebeten, eine Notfallpraxis aufzusuchen oder zum Hausarzt zu gehen. Wer nicht weggeschickt wurde, sollte in einem Aufenthaltsraum warten, der zu diesem Zweck extra geräumt wurde. Ich sollte mit zwei Mitarbeiterinnen mitgehen und bei der Versorgung der verbliebenen Patienten helfen. Ein Behandlungsraum neben einer Station wurde dafür zweckentfremdet, nach zwanzig Minuten kam eine Ärztin, die eigentlich dienstfrei hatte.

Ich will nicht behaupten, dass ich in diesem Behandlungsraum heute irgendwas Chirurgisches lernen konnte. Die Patientinnen und Patienten wurden im Galopp durch die Behandlung geführt, alle waren froh, wenn ich nicht nerve und mich im Hintergrund aufhalte. Was ich aber gelernt habe: So eine Maßnahme hat auf Menschen eine sehr emotionale Wirkung. Weniger auf mich, mehr auf die Leute, die wegen eines eingewachsenen Fußnagels die 112 wählen. Von den ehemals rund 30 Patienten verblieben ganze acht, die wirklich dringend Hilfe brauchten. Der Rest checkte nach einem kurzen Gespräch, ob wirklich ein Notfall vorliege, wieder aus. Ich will nicht behaupten, dass ich Menschen nicht ernst nehme, wenn sie gesundheitliche Probleme haben. Aber wenn jemand in eine Notaufnahme kommt, weil er sich beim Briefe schreiben am Papier geschnitten hat, dann ist irgendwas falsch. Ich weiß nur noch nicht, was.

Marie erzählte mir heute von einer Patientin, die als Notfall kam, weil sie wissen wollte, ob in ihrem Bauch ein Junge oder ein Mädchen wächst. Nachdem die Ärztin drei Mal gefragt hat, ob die Patientin irgendwelche akuten Probleme hätte, kam heraus, dass die junge Dame noch nicht mal einen Schwangerschaftstest gemacht hatte. Ihre Regel war nach sexueller Aktivität lediglich überfällig. Seit zwei Tagen...

Sonntag, 19. Oktober 2014

Wie einst die Inklusion entstand

Ich habe heute schon wieder dazugelernt. Ich weiß, man lernt täglich dazu. Manchmal nur ein wenig, manchmal auch ein wenig mehr, wie zuletzt bei den Nebenwirkungen von Midazolam. Der Brocken ist noch nicht mal seit einer Woche in meinem Kopf, da kommt schon ein neuer, noch größerer Brocken durch die Pipeline. Langsam wird es selbst mir unheimlich.

Ich habe dazugelernt, wie in Deutschland der Begriff "Inklusion" entstanden ist!

Und zwar nicht im Soziologie-Kurs. Da kam Inklusion tatsächlich dran, allerdings war der Kurs schon im vorklinischen Teil des Studiums, und der liegt schon etwas länger zurück. Nein, beim Stöbern im Internet stolperte ich über ein aktuelles Interview mit einem hochrangigen Funktionär des deutschen Behindertensports. Aber der Reihe nach.

Ich hatte bis eben geglaubt, Inklusion und Exklusion sind zwei zentrale Begriffe aus der Soziologie, mit denen beschrieben wird, wie Menschen zusammenleben. In einer bedeutenden wissenschaftlichen Theorie aus den 1990er-Jahren gliedert sich das gesellschaftliche Zusammenleben in diverse, von einander abgegrenzte Bereiche. Menschen sind kein eigener Baustein dieser Bereiche, sondern nehmen je nach individuellen Bedürfnissen an ihnen teil. Diese Teilnahme an einem dieser Bereiche nennt man "Inklusion". Eine wesentliche Aussage dieser Theorie ist, dass eine "Inklusion" in einen Bereich nur möglich ist, wenn die Teilhabe an einem anderen Bereich aufgegeben wird (Exklusion).

Unser Proff hatte das mal ganz oberflächlich beschrieben mit den Worten: "Sie können nicht im Operationssaal mal eben Ihre Posaune rausholen und während einer Gallenstein-OP ein Liedchen blasen. Raus aus der Medizin, rein in die Musik! Und beim anschließenden Gottesdienst nehmen Sie die Tröte lieber auch nicht in die Hand, es sei denn, Sie sind gefragtes Mitglied des Orchesters und wollen die Veranstaltung musikalisch untermalen. Dann sind Sie aber eben vorwiegend aus musikalischen Gründen dort, nicht so sehr aus religiösen. Ansonsten: Raus aus der Musik, rein in die Religion!"

In der neueren soziologischen Forschung und insbesondere in der aktuellen Politik und der Sozialarbeit wird der Begriff "Inklusion" zunehmend verwendet, um vollständige gesellschaftliche Teilhabe, also gelungene gesellschaftliche Solidarität zu beschreiben. Diese neue Verwendung steht im deutlichen Widerspruch zu der ursprünglichen Theorie, nach der eine Inklusion einer einzelnen Person in alle (Teil-) Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ja eben überhaupt nicht möglich ist. Auf jeden Fall nicht zeitgleich.

In aktuellen Forschungen versucht man, herauszufinden, warum Menschen unterschiedliche Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Bezug auf Menschen mit Beeinträchtigungen spricht man in der Politik seit 2009 von einer Behinderung, wenn das Wechselspiel von Barrieren der Umwelt und einer persönlichen Beeinträchtigung die gesellschaftliche Teilhabe erschwert oder (in Bereichen) unmöglich macht. Das müssen ausdrücklich nicht immer nur bauliche Barrieren sein.

Die Forderung nach der Inklusion aller Menschen (genauer eigentlich nach der Möglichkeit der Inklusion aller Menschen) bedeutet für mich auch, Barrieren abzubauen, die der Möglichkeit der Inklusion eines Menschen in einen gesellschaftlichen Bereich im Wege stehen. Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention zur gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen am Leben in der Gesellschaft und die sich aus der Unterzeichnung Deutschlands ergebende politische Forderung nach der Möglichkeit der Inklusion der Menschen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ist aber eindeutig mehr, als als (privilegiertes) Mitglied einer Gesellschaft einem Menschen "Zutritt zum Club" zu verschaffen. Ich verschließe mich dabei jedoch keineswegs der Ansicht, zur Inklusion gehöre auch das Einladen, das Zugänglichmachen eines gesellschaftlichen Bereichs durch die bereits dort Teilnehmenden.

Wenn der Inhalt der UN-Konvention in der gesellschaftspolitischen Debatte jedoch zunehmend auf das Wort "Inklusion" subsumiert wird, muss Inklusion mehr sein, als der Bau von Aufzügen und allenfalls halbherzige Versuche, ein Schulsystem neu zu ordnen. Ich bekomme zumehmend den Eindruck, wesentliche Grundsätze wie Selbstbestimmung, Nichtdifferenzierung, Nichtdiskriminierung sind oftmals gar nicht so recht verstanden oder zumindest nicht verinnerlicht worden. Ich habe auch den Eindruck, sie kommen nur sehr schleppend in der Gesellschaft an und fallen auch in der täglichen Debatte und im täglichen Leben zunehmend wieder hinten runter.

Vielleicht verstehe ich ja das Papier grundlegend und permanent falsch - was ich natürlich auch niemals ausschließen kann - und meine Sichtweise ist Asche. Aber wenn, wie gesagt, das ganze Papier auf den Begriff "Inklusion" subsumiert wird, dann muss "Inklusion" auch zwingend die Selbstbestimmung durch den einzelnen Menschen beinhalten. Und damit gehört zur "Inklusion" immer zwingend etwas, was nur der einzelne beeinträchtigte Mensch selbst, also aus eigenem Willen und eigenem Antrieb, veranstalten kann. Entsprechend ist das Beseitigen einer Stufe dann zwar ein wesentlicher und wichtiger Beitrag, der Inklusion möglich macht - Inklusion betreibt der Stufenbeseitiger damit aber eben noch nicht. Und erst recht dann nicht, wenn er stattdessen eine Horde Rollstuhlfahrer in einen Kinosaal trägt. Das ist zwar nett, aber allenfalls Integration. Inklusion ist, wenn die Tür aufgeht und der Rollstuhlfahrer kurz vor seinem Platz noch einmal umdreht, weil noch Werbung läuft und er das meist dreieckig geformte Maismehl-Salzgebäck mit Käsesoße vergessen hat.

Ich sage nicht, dass ich die Dienste eines Menschen, der mich in den Saal trägt, nicht schätze. Aber ich möchte selbst entscheiden, ob ich getragen werden möchte (oder lieber zu Hause bleibe), ich möchte rechtzeitig wissen, dass mich jemand auf den Arm nimmt, und ich möchte schon gar nicht, dass das jemand "Inklusion" nennt. Schon gar nicht dann, wenn eben "Inklusion" stellvertretend für alle Bemühungen steht, die gesellschaftlichen Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen umzusetzen. Und es geht eben auch nicht, dass ein "Träger" mit seinen freundlichen Diensten möglicherweise noch für ein inklusives Kino wirbt und vielleicht noch öffentliche Zuschüsse abgreift.

Das Beispiel mit dem Träger war in Bezug auf die öffentlichen Zuschüsse natürlich überspitzt. Aber ich glaube, dafür umso deutlicher. Zurück zu dem, was ich heute dazugelernt habe: Wie in Deutschland der (sozialpolitische) Begriff "Inklusion" entstanden ist. Nämlich durch ein Missverständnis.

"Damals, als die UN-Behindertenrechtskonvention das Licht der Welt erblickte, war in der Originalversion von 'inclusion' die Rede. Das Problem in Deutschland war, dass dieses Wort hier keine Entsprechung hatte. Man sagte bis dato 'Integration' [oder] auch 'Teilhabe'. 'Integration' ist im englischsprachigen Raum aber für das Migrationsthema reserviert. Also hat man im Deutschen einfach das 'c' durch ein 'k' ersetzt und den Begriff 'Inklusion' geboren, der angeblich für eine neue Philosophie steht und ein etwas weiterreichendes Ziel meint als 'Integration'."

Aha. Hm. Da haben wir in unserer Sprache einen neuen Begriff für eine alte Sache erschaffen, weil in einer anderen Sprache unser Begriff etwas anderes bedeutete. Kommt sowas häufiger vor?

Ich habe keine Ahnung. Ehrlich. Aber wie sich der Begriff durchgesetzt hat, das weiß ich nun auch, das habe ich nämlich heute auch gleich dazu gelernt: "Die UN-Behindertenrechtskonvention hat in Deutschland ja Gesetzescharakter, dem kann sich der [Behindertensport] natürlich nicht entziehen."

Nochmal: Hm. Da kommt ein Gesetzestext daher und ändert die sprachlichen Gewohnheiten! Das finde ich faszinierend. Eine Gesellschaft, in der viele Menschen Raub und Einbruchdiebstahl nicht auseinander halten können, gewöhnt sich innerhalb von fünf Jahren komplett an einen neuen Begriff, den ein gesetzesähnlicher Text aufgrund eines Missverständnisses vorgibt! Könnte das was mit dem sensiblen Thema "Behinderung" an sich zu tun haben?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir die erste deutsche (bis heute verbindliche) Fassung der UN-Konvention mal angesehen. In dem Text kommt nicht ein einziges Mal das Wort "Inklusion" oder "inklusiv" vor. Jetzt bin ich doch ein wenig verwirrt und auch überfragt. Ich gebe auf, packe alle Texte zur Seite und werde mich jetzt bei wolkenlosem Himmel und 17 Grad noch etwas sportlich betätigen und zusammen mit Marie noch eine große Runde mit dem Handbike drehen. Einfach nicht so viel nachdenken, sondern "machen".

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Kein Schrank und zwei Löwen

"Meinst du, wir sollten für heute Abend vielleicht noch ein Regal kaufen?", fragte mich Marie und spielte dabei eindeutig auf Jörn an. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: "Meinst du, er kommt heute nochmal?" - "Könnte sein. Vermutlich wieder in unserem Badezimmer, wie letzte und vorletzte Woche. Und dann geht er schlafen." - Ich grinste und sagte: "Ich finde, wir sollten ihn mal drauf ansprechen." - "Beide?" fragte Marie. "Immerhin hat er letzte Woche eine Hand auf meine Hüfte gelegt." - "Echt?! Krass!" - "Auf deine bestimmt auch, nur du merkst das ja nicht." - "Oarrr Marie, du bist so fies! Willst du was von ihm?" - "Eine Partnerschaft auf jeden Fall nicht. Dafür ist er mir auf die Dauer zu anstrengend. Glaube ich." - "Nee, eine Partnerschaft kann ich mir irgendwie auch nicht so richtig vorstellen. Aber ich glaube, das weiß er auch. Also Spaß? Nichts Ernstes, so wie ich es zuletzt eigentlich wollte?" - Marie sagte: "Ich glaube, er genießt es einfach, Hahn im Korb zu sein und seine vermutlich allerersten Erfahrungen zu machen. Mit 20 kann man sich auch schonmal dranwagen. Und ich glaube, er wird heute wieder an der Tür bimmeln und seiner Mutter was vom Schränke aufbauen erzählen."

Seine Sache. Es kam wie vorhergesagt. Es klingelte an der Tür, ich ließ ihn rein. Wir hatten eine selbst belegte Pizza im Ofen und während wir mampften und small talkten, nutzte ich den Überraschungsmoment aus, um von meiner eigenen Unsicherheit abzulenken und fragte ihn direkt: "Sag mal, findest du das eigentlich ideal, wenn du uns jetzt jedes Mal über eine Stunde heiß machst und dann plötzlich abhaust und schlafen gehst? Beziehungsweise dich vorher nochmal zehn Minuten heimlich im Bad einschließt?" - Er verschluckte sich fast. Und wurde dunkelrot. Marie setzte noch einen drauf, grinste in sich hinein und murmelte leise: "Erwischt!"

Er war total verunsichert, wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwie süß. Er sollte sich aber nicht unwohl fühlen, darum löste ich die Situation schnellstmöglich wieder auf: "Bleib doch bei uns. Nächstes Mal." - Jörn war allerdings völlig aus der Fassung gefallen. Er sagte nichts mehr, aß nichts mehr und guckte mit leerem Blick in die Gegend. Oh nein, was hatte ich da angestellt? Konnte ich ahnen, dass das jetzt für ihn so eine große Sache war? Ich fragte ihn: "Ist dir das jetzt peinlich oder was? Habe ich dich verletzt?" - Er guckte mich an und kämpfte offensichtlich mit den Tränen. Er sagte: "Nein, nein, alles gut. Ich wusste nur nicht... ich hatte gedacht..."

Marie sagte: "Es merkt niemand? Na komm, für wie naiv hältst du uns? Sowas rieche ich doch zehn Meter gegen den Wind!" - Ich verkniff mir ein Lachen über die gewollt oder ungewollt plastische Darstellung, denn ich wollte Jörn nicht noch weiter verunsichern. Ich sagte: "Du musst dich wohlfühlen. Hier soll nichts passieren, was du nicht möchtest. Aber ich würde mir wünschen, dass du ein wenig mehr zu dir selbst stehst."

Jörn sagte: "Ich bin gerade so verunsichert. Ihr seid beide irgendwie so völlig anders. So unkompliziert. So lieb. So stark. So toll. So brav, aber gleichzeitig eben auch ein wenig ungezogen." - Ich runzelte meine Stirn. Er redete einfach weiter. "So verständnisvoll. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, ich bin so glücklich bei euch. Obwohl wir uns kaum kennen und auch ohne dass wir viel miteinander reden. Als Jule mir den Bauch gestreichelt hat, war ich wie elektrisiert. Anschließend habe ich mir gewünscht, sie würde ... da unten." - Er flüsterte fast. "Und dann hat sie es einfach so getan, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das war so schön. Ihr seid so lieb zu mir."

Ich hielt es für fair, ihm zu sagen: "Ich will ganz ehrlich sein, Jörn. Ich glaube nicht, dass aus uns eine partnerschaftliche Beziehung werden kann. Ich glaube, dass wir ein bißchen Spaß haben können. Schränke aufbauen, vielleicht mal Fahrrad und Handbike fahren, zusammen was kochen, wir könnten vielleicht auch mal gemeinsam in die Therme oder so - und ansonsten halt mal den einen oder anderen Videoabend. Mit Massage oder ohne, am Bauch, am Rücken oder bei Lust und Bedarf auch ein büschen dazwüschen. Aber viel mehr wird nicht daraus werden, das glaube ich nicht."

Er stützte sein Kinn auf seine Hand, überlegte einen Moment und antwortete dann: "Vielleicht ist das so auch am besten. Wir kennen uns, wie gesagt, kaum. Für eine Partnerschaft müsste man sich ja erstmal richtig gut kennen. Spaß finde ich gut. Als Mann sowieso. Und sollte sich aus dem Spaß doch noch mehr ergeben, können wir ja nochmal neu darüber nachdenken. Zumindest müssen wir uns dann nichts vormachen, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass wir partnerschaftlich nicht zusammenpassen." - "Das würde ich auch nicht tun", erwiderte ich. Jörn fragte: "Sag mal, Jule, hast du eigentlich einen Freund?" - Ich musste innerlich grinsen und schüttelte den Kopf. Er guckte Marie an: "Du?" - Marie grinste und schüttelte ebenfalls den Kopf. Jörn sagte: "Ich auch nicht."

Ach. Er hatte sich wieder gefangen. Inzwischen saß ihm der Schalk im Nacken. Er grinste und fragte mich: "Und wohin soll ich nun deiner Meinung nach nun beim nächsten Mal kommen?" - Ich überlegte einen Moment, wie ernst das gemeint sein könnte und erwiderte dann: "Keine Ahnung, von mir aus in die Bettdecke. Ist Maries." - Marie: "Hallo?! Benehmt euch mal, ja? Ich will erstmal einen Aids-Test sehen, bevor hier irgendjemand mein Bett besudelt." - Jörn fragte: "Führungszeugnis auch?" - "Ja. Und das Bonusheft vom Zahnarzt. Aber mal im Ernst: Aidstest fände ich nicht so verkehrt."

Ich auch nicht. Was mich ein wenig nachdenklich macht: Vor Jahren bin ich gefragt worden, ob ich mir einen Dreier vorstellen könnte. Damals habe ich kategorisch "Nein" gesagt. Inzwischen würde ich nicht kategorisch "Ja" sagen, ich will nichts von Marie. Ich weiß auch nicht, ob es mit Jörn jemals zu mehr kommen wird als ein bißchen rumfummeln unter der Bettdecke. Aber irgendwie möchte ich dennoch gerade nicht ausschließen, dass Marie und ich zu zweit auch dann ein gutes Team sein könnten, wenn es darum geht, jemanden ein wenig zu verwöhnen. Wie gesagt, ohne dabei was von Marie zu wollen. Vielleicht nimmt mir das auch im Moment nur meine Angst, wegen meiner Behinderung nicht attraktiv oder nicht leistungsfähig genug zu sein, ich weiß es nicht. Und ich möchte auch gar nicht so intensiv darüber nachdenken. Sondern lieber spielerisch die Welt entdecken...

Es gibt den erheblich überwiegenden Teil der Menschheit, bei dem möchte ich nicht in der Nähe sein, wenn mehr läuft als Händchen halten und knutschen. Weder mit mir in der Zeugenrolle noch umgekehrt. Bei ganz wenigen Leuten wäre es mir egal, wenn sie es mitbekommen würden oder wenn ich es mitbekommen würde. Marie wäre eine von diesen wenigen Leuten. Ich glaube allerdings, dass funktioniert nur, wenn man sich nicht in Konkurrenz sieht. Wie, wenn zwei Löwinnen von einem Stück Fleisch essen und beide sich von vornherein einig sind, dass niemand dem anderen etwas wegfuttert.

Wir haben uns heute abend nach dem Essen wieder voneinander verabschiedet. Es hat sich einfach so ergeben. Ohne Schrank, ohne Video. Alle waren glücklich. Zum Abschied hat er uns beiden einen Kuss auf die Wange gegeben. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Wurmfortsatz und Scheißegal

Es gibt so Vorlesungen, die gibt es gar nicht. Möchte man denken. Während da vorne jemand über die Entzündung des Wurmfortsatzes, im Volksmund auch "Blinddarmentzündung" genannt, obwohl sich eigentlich nicht der komplette Blinddarm, sondern nur der Wurmfortsatz entzündet, ... also während da vorne jemand referiert, bin ich kurz vor dem Einschlafen. Ich muss mich enorm zusammenreißen, damit meine Augen nicht zufallen. Und während ich so dem monotonen Dialog zuhöre, sagt der Dozent: "Manche Behinderte erfühlen die Diskriminierung mit ihrem Wurmfortsatz. Und nun lass den sich mal entzünden."

Wat is los?!?

Ich war plötzlich wieder hellwach. Hatte er mich einschlafen sehen und deshalb einen Spruch gemacht? Wollte er mich ärgern? Obwohl ... warum sollte er das tun wollen? Ich überlegte hin und her, was er mit diesem Unsinn gemeint haben könnte. Und kam zu keiner Lösung. Es fragte auch niemand nach. Ich auch nicht. Albern. Es kamen noch mehr Sprüche, zum Beispiel, dass die Entzündung häufiger mal durch ein Hamsterhaar verursacht wird, auch wenn in der Familie des Patienten weder Hamster gehalten noch gegessen werden. Und wenn, dann nur ohne Fell. Gegessen. Gehalten mit Fell. Oder dass es Menschen gibt, die zwei Mal im Leben eine Blinddarmentzündung bekommen. Manche auch drei Mal. Der Wurmfortsatz entzünde sich in der Regel aber nur einmal, werde dann entweder vor Durchbruch und Sepsis operativ entfernt oder danach. Anstrengend.

Richtig lustig wurde es dann aber zwei Stunden später. Ich sollte zusammen mit zwei Kommilitonen und dem Chefarzt zu einem Patienten auf der Chirurgie, der am Nachmittag operiert werden sollte. Hin und wieder gibt es mal entweder seltene oder lehrbuchhafte Erkrankungen oder Verletzungen. Die Patienten werden dann gefragt, ob der Arzt mit zwei oder drei Studenten noch einmal wiederkommen dürfe, bevor es in den OP gehe und fast alle Patienten sind damit einverstanden. Dieser Patient, rund 70 Jahre alt, war auch damit einverstanden. Als ich durch die Tür rollte, flippte er allerdings völlig aus: "Nein, also, nein, nein, wirklich nicht. Bist du Studentin oder Patientin?", fragte er mich. Ich antwortete: "Meinen Sie mich?" - "Ja wen denn sonst!"

Und zum Chefarzt meinte er: "Finden Sie das vertrauenserweckend, mir vor einer Operation schon mal den Kontakt zu Behinderten zu verschaffen?" - Der Chefarzt fragte: "Wie meinen Sie das? Das verstehe ich nicht." - "Nomen est omen, schonmal was davon gehört? Es mag ja sein, dass sie Studentin ist, aber sehen will ich solche Kreatur direkt vor der Operation nun nicht noch aus der Nähe! Am Ende träume ich während des Eingriffs noch davon." - "Solche Kreatur?", fragte ich mit ungläubigem Blick. Er antwortete: "Nimm es mir nicht übel, aber das ist mir nicht recht. Als ich jung war, hat man Leute wie dich noch zu Seife verarbeitet. Das mag heute anders sein, aber allzu intensiven Kontakt möchte ich trotzdem nicht zu Menschen wie dir."

Ich rollte nach draußen auf den Flur. Die beiden Kommilitonen kamen direkt mit. Der Chefarzt blieb kurz im Zimmer, kam nach einer halben Minute hinterher. Als die Tür hinter ihm geschlossen war, fragte ich halbwegs irritiert: "Muss ich mir das gefallen lassen?" - "Sie müssen nicht. Wenn Sie gegen den Mann vorgehen wollen, haben Sie drei Zeugen. Allerdings befürchte ich, dass dabei nichts rauskommt. Der Mann hat bereits seine Prämedikation bekommen und ein halbwegs cleverer Anwalt wird sich auf die Nebenwirkungen von Midazolam berufen. Mit anderen Worten: Der steht unter Drogen und ist mindestens vermindert schuldfähig, wenn nicht sogar schuldunfähig. Haken Sie es ab, lächeln Sie einmal müde, zeigen Sie ihm meinetwegen auch den inneren Stinkefinger - und dann ist gut."

Krass. Bisher waren meine Erfahrungen mit der berühmten Scheiß-Egal-Tablette eigentlich nur, dass die Patienten benommen und kuschelig waren. Dass es auch anders geht, war mir bekannt, aber dass das so deutlich und zielgerichtet auftreten kann, war mir neu. Aber das ist ja das Spannende an so einem Studium. Man lernt täglich was Neues dazu.

Montag, 13. Oktober 2014

Abbaden 2014

Das Wintersemester ist in vollem Gange. Und dabei waren am Wochenende draußen noch über 20 Grad. Und falls das für einen goldenen Oktober (zumindest im Norden) nicht ungewöhnlich erscheint, so ließ mich ein Blick auf die Wassertemperatur der Ostsee staunen. 17 Grad laut Anzeigetafel. Und als Cathleen meinte, das sei ein Marketing-Gag, rief sie die Seite des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie auf und erhielt Bestätigung. Tatsächlich waren außer uns (Marie, Cathleen, Lisa und ich), die bei wenig Wellen und wenig Wind und strahlendem Sonnenschein noch rund eine Stunde im Neo draußen trainierten, noch einige andere Leute im Wasser. Und nicht nur einmal kurz mit den Füßen oder bis zur Hüfte, sondern komplett. Drin. Zuerst merkt man zu kaltes Wasser ja an den Fingern (und an den Füßen, sofern man an den Füßen was merkt), aber es war wirklich angenehm. Wir hatten mit mehreren Kannen heißem Tee vorgesorgt, um uns vorher vorzuwärmen und hinterher schnell wieder aufwärmen zu können, falls es doch zu kalt werden würde, aber mir war anschließend eher nach einem kühlen Wasser als nach einem warmen Tee.

Als wir uns abtrockneten, kamen einige Spaziergänger zu ihren Autos zurück. "Ihr seid ja harte Kerle", ließ uns ein älterer Mann wissen. Und seine Frau fügte hinzu, dass sie Lisas Badeanzug toll fände, was Lisa natürlich ein breites Lächeln ins Gesicht zauberte. Auf dem Rückweg hielten wir an einem Burger-Laden an. Nein, keine Kette, sondern selbstgemachte Dinger, die auch 10 Mal so viel kosten wie die Pappe aus der Systemgastronomie, dafür aber auch gefühlt 100 Mal leckerer schmeckten.

Es war das erste Mal, dass wir Lisa in kleiner Runde außerhalb des offiziellen Trainings mit an die Ostsee nahmen. Leider ausgerechnet zu einem inoffiziellen Abbaden, denn an den nächsten Wochenenden werden wir nicht die Zeit haben, im Meer zu schwimmen, und danach wird es zu kalt sein. Aber Lisa hat es gefallen: "Ich hab euch lieb", ließ sie uns wissen. Und das zauberte mir natürlich ein Lächeln ins Gesicht.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Barrierefrei zum Arzt

Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, sollen in den nächten Jahren erwachsene Menschen mit kognitiven oder mehrfachen Einschränkungen eine bessere ärztliche Behandlung in Deutschland bekommen. Konkret ist vorgesehen, mit einer Finanzspritze von 50 Millionen Euro eine eine ärztliche Versorgung dieser Menschen in eigens eingerichteten medizinischen Behandlungszentren aufzubauen. Die von erwachsenen Menschen mit Behinderungen speziell benötigten Gesundheitsleistungen sollen "an einem Ort und mit vertretbarem Aufwand aus einem Guss" erbracht werden. Darüber hinaus würden Ärzte bevorzugt zugelassen, die sich verpflichten, ihre Praxis barrierefrei einrichten.

Im Kinder- und Jugendbereich gibt es bereits ein flächendeckendes Netz von so genannten "sozialpädiatrischen Zentren". Irgendwann werden diese jungen Menschen aber zu alt, um zum Kinderarzt zu gehen. Oftmals fallen sie dann in ein Loch, so die Bundesregierung.

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut genug aus, um mir ein abschließendes Urteil bilden zu können. Grundsätzlich begrüße ich natürlich alles, was getan wird, um Barrieren und damit Behinderungen abzubauen. Allerdings finde ich, es sollte generell keine neue Praxis mehr zugelassen werden, die nicht barrierefrei ist. Ob man dem Arzt, der die Zulassung beantragt, diese Kosten aufbrummt oder ob man sie aus einem entsprechenden staatlichen Programm nimmt, will ich nicht entscheiden müssen. Auf jeden Fall werden bei staatlichen Zuschüssen auch die privat versicherten Patienten an den Kosten beteiligt.

Wie gesagt, ich bin nicht tief genug im Thema, um mitreden zu können. Ich hoffe lediglich, dass dieses Angebot ein ehrlich gemeintes Angebot ist. Ehrlich insofern, als dass nicht das eigentliche Ziel ist, die Therapiekosten von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen dadurch mittel- bis langfristig zu senken, dass Therapieformen standardisiert werden. Standardisiert wurden in den letzten Jahren zum Beispiel die Rollstuhlversorgungen bei erwachsenen Menschen. Für einen Aktivrollstuhl, der zwischen 2.500 und 4.000 Euro kostet, zahlen die meisten Krankenkassen nur noch eine Pauschale, die nicht mal den Anschaffungspreis des günstigsten Modells deckt. Was die meisten Aktivrollstuhlfahrer können, dürfte Menschen mit kognitiven Einschränkungen in den Fängen eines standardisierten Versorgungsprogramms schwer fallen: Entweder massiv draufzahlen oder argumentieren, warum man vom Standard abweicht. Ich hoffe, dass es nicht so kommen wird.

Samstag, 11. Oktober 2014

Ein Goldstück

Ich bin aufgeregt! Unsere Baufirma möchte sich gerne eine Zusatzprämie verdienen und bietet an, unser Bauobjekt bereits am 2. Januar (statt bisher am 29. Januar) schlüsselfertig zu übergeben. Bereits das Richtfest war gut 14 Tage früher als eigentlich geplant. Zum Glück halte ich mich da fast völlig raus und vertraue auf Menschen mit Erfahrungen, die raten, von solchen Deals die Finger zu lassen. Es ist ein Vertrag geschlossen, den wir beide einhalten. Es wird nicht mittendrin neu verhandelt. Wenn die Firma freiwillig früher die vereinbarte Leistung abliefert und/oder sie besonders gut abliefert, wird man sich sicherlich erkenntlich zeigen. Aber vertraglich bleibt alles beim Alten.

Wenn ich bedenke, wie lange es auf öffentlichen Bahnhöfen teilweise dauert, bis ein Aufzug eingebaut oder erneuert wird, wundert es schon, dass so etwas im privaten Bereich auch mal in drei Wochen geht. Okay, ein völliger Neubau ist etwas anderes als ein Austausch in einem uralten Bahnhof, zudem, wenn beim Austauschobjekt keine alten Bauzeichnungen mehr voliegen und beim Umbau Überraschungen eintreten. Aber dennoch: Drei Wochen gegen teilweise über ein Jahr ist schon bemerkenswert. Das heißt konkret: Der Aufzug ist bereits drin. Noch nicht abgenommen, darf also noch nicht betrieben werden. An den Außentüren fehlt noch jeweils eine Blende und am Bedientableau muss noch etwas ausgetauscht werden. Aber er ist drin und funktioniert. Und sieht sehr gut aus.

Bei den eingebauten Fenstern stimmt auch etwas noch nicht, denn es sind im ersten und zweiten Stock zwar bodentiefe Fenster vereinbart worden, allerdings dürfen die nicht auf ganzer Höhe zu öffnen sein. Das heißt konkret: Es war vereinbart, dass die mittig geteilt sind, unten ist es fest, oben geht es zu öffnen. Das Problem wurde gerade vor Ort besprochen, als ich da vorbei kam. Fensterfirma: "Aber so ist es doch viel schöner!" - Unglaublich, seit wann interessiert der persönliche Geschmack des Fensterfirma-Mitarbeiters? Zum Glück muss ich mich mit solchem Mist nicht rumärgern. In Bad und Küche haben sie das Glas vertauscht, also ist in der Küche jetzt undurchsichtiges Milchglas drin und ins Bad kann man von draußen reingucken und beim Duschen spannern. Aber das ist wohl nur eine Kleinigkeit.

Drollig war auch die Diskussion um die Notwendigkeit einer Gegensprechanlage mit Kamera. Wenn jemand bimmelt, kann man drinnen sehen, was sich gerade vor der Haustür abspielt. Ob das wirklich so sein soll, hatte die Firma gefragt. Immerhin könnte man doch in allen Wohnungen aus mindestens einem Fenster den Haustürbereich einsehen. Aber egal, das sind Kleinigkeiten, überwiegend ist alles in Ordnung und sieht bereits sehr gut aus. Auch der übliche Baustellen-Diebstahl hält sich in Grenzen. Bisher vermissen wir lediglich eine Fensterbank und eine Badewanne. Allerdings haben wir auch jemanden, der sehr genau aufpasst: Jener Nachbar mit dem Ehrenplatz beim Richtfest hat schon drei Mal die Polizei gerufen, weil sich nachts Leute mit Taschenlampen auf dem Baugrundstück herumtrieben.

Seit heute steht auch fest, mit welchen fünf Mietern wir einen Mietvertrag abschließen wollen. Mietbeginn wird der 1. Februar sein. Die Schlüsselübergabe wird einige Tage vorher bereits sein können, sofern die Baufirma tatsächlich vorher fertig wird und alle Abnahmen vernünftig über die Bühne gehen. Es gab ja vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis und auch unter einigen Kommentatoren meines Blogs arge Bedenken, ob überhaupt ausreichend Interesse besteht. Ich sage nur: Angespannter Hamburger Wohnungsmarkt. Vier Wohnungen sind mit öffentlichen Mitteln gefördert, auf die vier Wohnungen gab es über zwanzig Bewerbungen. Barrierefreier Wohnraum, den das Land mit öffentlichen Mitteln fördert, darf in Hamburg nur mit Zustimmung der Behörden vermietet werden. Das bedeutet: Jede freie Wohnung wird an das Amt gemeldet und das Amt stellt mehreren Menschen eine Bescheinigung aus, mit der sie sich auf eine bestimmte Wohnung bewerben dürfen. Um so einen Bescheid zu bekommen, muss man bei der Behörde nachweisen, dass man von Obdachlosigkeit bedroht ist oder ähnliche schwerwiegende Gründe vorliegen.

Wir haben uns mit den Menschen, die wir anhand der Bewerbungsunterlagen in die engere Auswahl gezogen hatten, persönlich in einem Cafè in der Hamburger City getroffen. Wir hatten uns aus den über zwanzig Bewerbern insgesamt zehn ausgesucht und nacheinander in das Cafè eingeladen. Es war eine sehr anstrengende weil sehr emotionale Erfahrung. Emotional, obwohl wir, bevor wir nicht alle zehn Bewerberinnen und Bewerber gesehen hatten, keine Zu- oder Absage gemacht haben.

Standardmäßig haben wir einen Einkommensnachweis, eine Selbstauskunft und eine Bescheinigung des aktuellen Vermieters verlangt. Und im persönlichen Gespräch gefragt, warum jemand umziehen möchte. Kam dabei heraus, dass jemand unter sehr großem Druck stand, haben wir auch gefragt, ob der Druck so groß ist, dass er deshalb in eine eher ländliche Gegend zieht. Mehr Verunsicherung musste aber nicht sein, darauf hatten wir uns im Vorfeld geeinigt.

Eine Wohnung geht an eine 24jährige Frau, die sich vor rund einem Jahr bei einem Sturz eine komplette Querschnittlähmung unterhalb des 3. Brustwirbels zugezogen hat. Sie hat zum 1. Oktober einen neuen Arbeitsplatz gefunden, wohnt aber nach wie vor in einer Wohnung, die sie sich vor ihrem Unfall mit ihrem Exfreund angemietet hatte und die nicht barrierefrei ist. Jeden Morgen wird sie von einem Behinderten-Fahrdienst aus dem 4. Stock zu ihrem Auto getragen, jeden Abend wieder nach oben. Sie war bestens auf das Gespräch vorbereitet, hatte Fotos von ihrer jetzigen Wohnsituation dabei. So etwas ist natürlich sehr spannend, weil es den Eindruck vermittelt, wie jemand lebt. Sauber, aufgeräumt, geschmackvoll eingerichtet. Sie wirkte sehr aufgeschlossen, erzählte davon, dass sie die weitläufige Natur lieben würde und sich darauf freue, endlich handbiken zu können, ohne immer erst lange aus der Stadt fahren zu müssen.

Eine Wohnung geht an eine 20jährige Frau, die eine angeborene körperliche Beeinträchtigung (Zerebralparese) hat. Einschließlich einer für die Umwelt deutlich wahrnehmbaren Sprachstörung. Insbesondere "s", "t", "ch" und "sch" machen ihr erhebliche Schwierigkeiten. Dadurch denken die meisten Leute, sie sei bescheuert, sagte sie. "Beide neue Wohnung brau ä wege fricke Luff keine Sorge ham." - Sie war sehr locker drauf: "Ä hab keine Kartoffeln immunn. Dahör senur so an." - Für längere Strecken habe sie einen Rollstuhl. Sie habe bereits einen Führerschein, aber noch kein Auto. Nach ihrem Realschulabschluss macht sie aktuell eine Ausbildung in der öffentlichen Verwaltung. Sie hat bis Sommer im Internat gewohnt, stehe nun auf der Straße und sei übergangsweise bei ihren Pflegeeltern untergekommen, wo sie wohnte, bis sie 15 war. Diese seien inzwischen umgezogen, die neue Wohnung ist nicht mehr barrierefrei, sie krabbelt jeden Morgen 25 Stufen runter und abends wieder rauf. Es ist ein wenig risikoreich: Erstes eigenes Geld, noch dazu nur Ausbildungsgehalt. Erste eigene Wohnung, verlockend, ständig Party zu feiern. Aber sie soll eine Chance bekommen und sie machte einen sehr reifen und vernünftigen Eindruck. Die ehemalige Pflegemutter begleitete sie zu dem Termin und signalisierte, dass sie hilfsbereit zur Seite stünde, wenn es wider Erwarten Probleme geben sollte.

Eine Wohnung geht an eine allein erziehende Mutter mit einem 4jährigen Jungen, der das Down-Syndrom hat. Er saß total lieb die ganze Zeit bei Mama auf dem Schoß und interessierte sich für ihr Handy. Sie habe sich von ihrem Partner getrennt, sie leben aktuell noch in einer Wohnung, wollen dort aber so schnell wie möglich raus. Er habe bereits eine neue Frau, die ihn dort auch besuche, mehr wolle sie nicht ausführen, es sei unerträglich für sie. Sie lebe von Hartz IV, allerdings brachte sie eine Bescheinigung mit, dass die Mietkosten der neuen Wohnung vollständig vom Amt übernommen werden. Ich fragte, ob eine Zweizimmerwohnung nicht zu klein sei. Sie antwortete: "Mein Sohn bekommt ein Zimmer. Mir reicht ein Zimmer mit Küchenzeile und Schreibecke. Und einem Schrankbett. Meine Mutter wohnt fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt, es wäre wirklich ideal. Ich habe so betteln müssen, diesen Schein für dieses Haus zu bekommen, bitte schicken Sie mich nicht weg."

Eine Wohnung geht an einen allein stehenden Mann, 75 Jahre alt, Beamter im Ruhestand. Er wohne zur Miete im dritten Stock, seine Frau sei vor mehreren Jahren an Krebs verstorben, er habe über 40 Jahre lang bei Wind und Wetter für den Staat geschuftet, sein Rücken sei kaputt und er brauche inzwischen einen Gehwagen und möchte sich für draußen einen E-Scooter anschaffen. Die jetzige Wohnung sei zu groß, es gebe keinen Aufzug, er käme kaum noch raus und nun hätten seine Kinder gesagt, sie würden böse werden, wenn er sich nicht auf die Socken mache. Veränderungen würden von Jahr zu Jahr schwieriger und bevor er in ein paar Jahren ins Heim muss, weil er die Treppe nicht mehr rauf und runter kommt, würde er sich lieber jetzt nochmal komplett neu sortieren wollen. Er fühle sich sonst noch jung. Ob das Haus einen DSL-Anschluss habe, sein Sohn habe ihm gerade erst einen neuen PC geschenkt. Mit Internet. Auf die Frage, ob ihn junge Menschen und Kinder im Haus stören würden, antwortete er: "Leben in der Bude ist genau das richtige für mich. Ich habe selbst Kinder und Enkelkinder. Und in dem Haus, in dem ich jetzt wohne, sind auch Familien mit Kindern."

Und die fünfte Wohnung? Tja, eigentlich war das nicht geplant, aber wir werden eine der beiden nicht geförderten Wohnungen im Erdgeschoss erstmal vermieten. An einen aktuell 40jährigen allein stehenden Mann im Rollstuhl, den ich seit einigen Jahren kenne. Er hat vor einiger Zeit von seiner Partnerin getrennt und ist in der ehemals gemeinsamen Wohnung unglücklich. Sie liegt mitten an einer Bundesstraße, er findet dort keine Ruhe, die Nachbarn seien unmöglich, werfen Essen aus dem Fenster und zünden im Flur die Papierkörbe an. Er lebt seit jeher sehr zurückgezogen, ist aber sehr nett und ruhig. Er verdient eigenes Geld in Teilzeitarbeit an einem Heimarbeitsplatz, ergänzend kommt das Sozialamt für die Mietkosten auf. Eine größere Wohnung als üblich ist nötig, da er teilweise auch nachts Pflege und Assistenz benötigt.

In die sechste Wohnung werden Marie und ich zusammen einziehen. Jeder wird ein großes Zimmer haben, ein gemeinsames Zimmer mit Küche sowie ein großes Bad mit Badewanne und Dusche sowie ein separates Rolliklo sind mehr als ausreichend. Und bisher ist nicht absehbar, dass wir uns nicht mehr verstehen. Sollten wir uns wirklich mal streiten, können wir uns auch in der Wohnung aus dem Weg gehen. Und im schlimmsten Fall könnte Marie auch nochmal eine Nacht oder zwei bei ihren Eltern schlafen. Wir werden die Wohnung zum Februar parallel auch beziehen, werden allerdings bis mindestens zum Ende des Sommersemesters (Juli 2015) noch am jetzigen Studienort weiter studieren.

Wir haben die vier Bewerberinnen und Bewerber am Abend unseres Gesprächstags angerufen und ihnen erzählt, dass die Wahl auf sie gefallen ist. Der ältere Mann sagte, er freue sich, damit hätte er nicht gerechnet. Die anderen drei brachen entweder in Freudentränen oder in emotionales Geschrei aus. Ich sei ein Goldstück, meinte die allein erziehende Mutter. Sie irrt. Ich bin eine Stinkesocke. Hab ich aber nicht erzählt. Wir haben allen angeboten, dass sie, sofern Ein- und Umbauten vorgenommen werden müssen, die Firmen auch bereits in der Bauphase nach Absprache in das Objekt können. Haltegriffe in Bädern und ähnliches kann ruhig im richtigen Moment geplant und eingebaut werden.

Und die, die es nochmal woanders probieren müssen? Eine junge Frau, ey voll krass ich schwör, hatte sechs Handyverträge in der Selbstauskunft. "Sechs Handys? Das sind vier mehr als ich habe, und ich dachte immer, ich hätte viele", meinte mein "Kollege". - "Isch brauch die alle wegen meiner Exboys. Wenn die mir aufn Sack gehn, schalt ich einfach eins aus, weissu?" - Eine junge Frau wirkte völlig verplant und bekam ständig durcheinander, auf welche Wohnung sie sich gerade bewirbt. Ein junger Mann im Rollstuhl war mir zu cool, er meinte, er würde die Wohnung bekommen, das hätte das Amt ihm schon bestätigt und was der Scheiß mit einem Bewerbergespräch solle. Ein anderer junger Student im Rollstuhl war völlig bekifft und wollte sich die Kaution sparen, indem er auf dem Bau hilft. Eine Frau um die 30 kannte ich schon vom Sport und da hatte sie zuletzt bei mir keinen guten Eindruck hinterlassen. Daran änderte sich auch bei diesem Gespräch nichts. Und ein junger Mann wäre noch mit in die Auswahl gekommen, allerdings hatte er nur 800 Euro brutto aus Gelegenheitsjobs und ein Leasingauto - wie auch immer er das angestellt hatte, mir war das zu unsicher.

Wie gesagt, ich bin aufgeregt. Irgendwie bin ich nun ein Stückweit dafür verantwortlich, dass die Leute ab dem 1. Februar nicht auf der Straße pennen müssen. Sie kündigen ihre Wohnungen. Sie freuen sich. Ziemlicher Druck. Aber es wird schon schiefgehen.

Freitag, 10. Oktober 2014

Kein neuer Schrank

Die Uni hat mich wieder. Und das bedeutet: Auch ohne in Kneipen kellnern zu müssen, um meinen Lebensunterhalt während des Studiums zu finanzieren, bin ich restlos ausgebucht. Es reicht hin und wieder noch zum Bloggen und zum Schlafen, aber ansonsten: Schwimmen musste ausfallen. Eine Vorlesung liegt parallel, es gibt eine gute Chance, hier in den nächsten vier Wochen noch einmal zu tauschen, so dass ich mein Schwimmtraining nicht komplett neu planen muss, aber in dieser Woche musste es wegen der parallelen Vorlesung ausfallen.

Als ich nach Hause kam und gerade die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, kam Marie nach Hause, die nach ihrem letzten Kurs noch schnell für uns ein paar Teile aus dem Supermarkt entführt hatte. Und kaum war das alles im Kühlschrank verstaut, klopfte jemand an die Tür. Ein Nachbar? Alle Leute, die uns besuchen wollten, würden ja draußen auf die Klingel drücken und nicht bereits im Hausflur stehen. Ich öffnete und draußen stand mit einem breiten Grinsen: Jörn.

Ob wir was klären müssten, wollte er wissen. Er hätte uns beim Schwimmen vermisst und hoffe nun, dass wir nicht seinetwegen nicht gekommen seien. Ich erklärte ihm die Situation mit dem Studium. Er fragte, ob es noch einen weiteren Schrank aufzubauen gäbe. Ich antworte: "Das nicht, aber du kannst auch so reinkommen." - "Prima", antwortete er. Er hätte sich ansonsten jetzt daran gemacht, den neuen Katalog einer bekannten schwedischen Möbelhauskette auf günstige Einrichtungsgegenstände mit möglichst umfangreicher Bauanleitung zu durchforsten.

"Schnitzel mit Pommes und Cola gibt es heute nicht", meinte Marie. "Aber wenn du Nudelauflauf magst, darfst du gerne einen Teller mitessen. Ist allerdings erst in rund einer Stunde fertig." - Er ging in die Küche, guckte durch das Fenster in der Backofentür und entschied sich, zu bleiben. Er fragte: "Kann ich nicht doch noch irgendwas anbringen? Oder zusammenbauen? Oder was helfen? Irgendwas schweres aus dem Keller holen? Kurz Getränkekisten einkaufen? Fenster putzen?" - "Du kannst dich auch einfach zu uns setzen und uns Gesellschaft leisten. Möchtest du was trinken?", antwortete Marie. Was war denn mit dem los? Hatte er was ausgefressen?

Seine Mutter, erzählte er uns, hätte nach der Übernachtung bei uns die ganze letzte Woche jeden Tag mehrmals gefragt, wie es bei uns war. Ob wir nett wären, ob er uns helfen konnte. "Voll nervig", fand er. Das kann ich mir natürlich vorstellen, dass so etwas sehr nervig sein kann. Ich hätte meiner Mutter, wenn sie so drauf wäre, irgendwann gesagt, dass sie nervt. Ob er das nicht gemacht hat, ob sie das ignoriert hat, ob er nichts erzählt hat und deswegen die Neugier der Mutter so überspannt hatte, konnte ich kaum herausfinden. Er redete zwar, aber richtig klare Informationen kamen nicht wirklich aus ihm heraus. Und zudem fragte ich mich, aus welcher Motivation heraus die Mutter so nachdrücklich auftrat.

"Sagt mal", fragte er irgendwann mehr oder weniger drucksend, "die zweite Hälfte des Films habe ich letzte Woche nicht mehr mitbekommen. Ich war irgendwann so müde, dass ich schlafen musste." - "Jaja", fuhr Marie dazwischen und grinste. - "Nein, wirklich! Ich wollte fragen, ob es eine Chance gibt, dass wir uns irgendwann nochmal die zweite Hälfte gemeinsam ansehen. Wenn es jetzt nicht ganz doof war für euch." - "Wieso doof?" - "Keine Ahnung, könnte ja sein."

Wir futterten den Nudelauflauf. Die Auflaufform ist eigentlich relativ groß. Wir essen daran locker vier Tage, so dass wir meistens vier Portionen einfrieren. Jörn schaufelte sich zwei Mal den Teller voll, so dass am Ende noch ein kleiner Rest für den nächsten Tag übrig blieb. Marie und ich freuten uns, dass es ihm offensichtlich so gut schmeckte. Nach dem Essen wollte Jörn mit uns ein paar Kilometer Fahrrad, also Handbike zu fahren. Das Wetter war gut, direkt nach dem Essen mache ich sowas zwar eigentlich nicht, aber wenn er sein Fahrrad und uns ein paar Kilometer durch die frische Luft schicken wollte ... warum nicht?!

Als wir wieder zurück waren, fragte Jörn, ob er bei uns schlafen könnte. Marie stand schräg hinter ihm. Ich guckte an ihm vorbei in ihr Gesicht. Sie zuckte mit den Schultern und machte eine Ich-hab-nix-dagegen-Miene. Ich fragte: "Was sagt denn deine Mutter dazu?" - "Ich würde ihr vielleicht sagen, dass ich noch einen Schrank aufbaue." - "Das machst dann aber du. Ich möchte mit ihr nicht noch einmal telefonieren." - Marie sagte: "Warum sagst du ihr nicht einfach die Wahrheit? Irgendwann kommt sie mal bei uns an und stellt fest, dass wir keine fünfzig Schränke in der Bude haben und dann fragt sie doch erst recht, was du hier gemacht hast. Ist das so schlimm, wenn du woanders übernachten möchtest?" - "Du kennst meine Mutter nicht. Sie hört nicht wieder auf zu fragen." - Ich fragte: "Könnte das einfach damit zusammen hängen, dass du ihr auch nichts erzählst? Ich meine, ich kann das ja verstehen, aber warum legst du dir nicht einfach drei Sätze zurecht und sagst dann, dass es mehr nicht zu erzählen gibt?" - "Das ist leider komplizierter", antwortete er. Okay, seine Sache.

Er ging zum Telefonieren in ein anderes Zimmer und schloss hinter sich die Tür. "Sehr geheimnisvoll, oder?", fragte Marie. Ich hob mit einem gleichgültigen Blick meine Achseln. In eine Mutter-Kind-Beziehung möchte ich mich nicht ohne Not einmischen, schon gar nicht in eine komplizierte, und die schien kompliziert zu sein. Als er wieder aus dem Zimmer kam, fragte er: "Und gucken wir vorher noch einen Augenblick fern?" - Sehr zielstrebig, würde ich sagen. Und leicht zu durchschauen. Wenngleich der Weg nicht der direkte war. Er wirkte auf mich wie ein Hund, der einen anstupste, um gekrault zu werden. Und da ich Hunde liebe...

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Fremde Hände

Ich kann mich wundern. Zu staunen und sich wundern zu können, ist wichtig für die seelische Gesundheit. Sagt man, und zitiert dabei manches Mal den berühmten Einstein falsch. Macht in diesem Fall aber nichts, denn auch falsche Zitate können passen... Oder werden nochmal passend gemacht. Ich jedenfalls kann mich manchmal nur noch wundern. Und ob das für die seelische Gesundheit gut ist, sagt Einstein nicht. Und fragen kann ich ihn auch nicht mehr.

Da liegen drei Leute in einem Bett und gucken fern. Alle sind 20 Jahre alt oder älter, alle relativ unerfahren, insbesondere in puncto Sexualität. Eine Person wird von einer anderen befummelt. Vorsichtig, allmählich, mit Augenkontakt und den eindeutigen Signalen, dass es gefällt und okay ist. Irgendwann verschwindet die befummelte Person ins Bad, kommt danach kurz zurück und geht schlafen. Am nächsten Morgen verabschiedet sie sich mit den Worten: "Können wir gerne nochmal machen."

Ein eindeutiger Fall von Kindesmissbrauch, so die Einschätzung einer Leserin, die mir inzwischen diverse (nicht veröffentlichte) Kommentare und auch diverse Mails geschrieben hat. Und empört ist. Und ein riesiges Fass aufmacht, ihre Mails an einen riesigen Verteiler sendet und fremde Menschen motiviert, mir ebenfalls Mails zu schreiben. Etliche von ihnen lesen gar nicht erst, nur halb oder nur die reißerische Mail, und beklagen anschließend ebenfalls einen Kindesmissbrauch.

Um das ganz klar zu stellen: Ich habe nichts gegen Menschen mit anderen Meinungen. Verschiedene Meinungen sind interessant. Sie auszutauschen ist wichtig, um den eigenen Standpunkt zu bestimmen, falls nötig zu verändern und zu festigen. Wir alle wissen, dass wir alle ständig dazu lernen. Insbesondere in Bereichen, in denen wir keine oder nur wenige Erfahrungen sammeln durften. Zu einem Meinungsaustausch gehört, dass man Ansichten, Moral- und Wertevorstellungen als solche kennzeichnet. Dass man argumentiert und begründet. Und weitere Meinungen zulässt. Und die Gesprächspartner ernst und wichtig nimmt. Auf Augenhöhe.

Ich habe etwas gegen Hetze. Gegen mutwilliges Verdrehen von Tatsachen, nur um Stunk zu machen, Aufmerksamkeit zu erregen und sich in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist langweilig und nervig und ich frage mich, welche Persönlichkeiten hinter solchem Aktionismus stecken. Was diese Menschen den ganzen Tag zu tun haben, um sowas anzuzetteln. Ob sie das für sich brauchen. Was es ihnen gibt. Zumal es nicht das erste Mal ist, sondern in letzter Zeit ständig wieder vorkommt. Vielleicht bringt eine gewisse "Berühmtheit" im Netz es mit sich, vielleicht haben einzelne Leserinnen und Leser auch zu wenig Hobbys.

Noch einmal: Ich meine damit nicht diejenigen, die einen (begründeten) Kommentar hinterlassen haben. Diese Kommentare habe ich veröffentlicht, die habe ich mir durchgelesen. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass es Leserinnen und Leser gibt, denen mein Verhalten seltsam vorkam, die aus dargelegten Gründen anders gehandelt hätten. Das kritisiere ich nicht, im Gegenteil, es hilft mir, meinen Standpunkt und meine Handlungen zu überprüfen. Ob ich das am Ende genauso sehe, ob es möglicherweise Ungenauigkeiten in meiner Erzählung gab, ob ich vielleicht Stimmungen nicht ausreichend transportiert habe oder ob ich schlicht akzeptiere, dass es Menschen mit anderen Meinungen gibt, ist völlig offen.

Aber ansonsten habe ich nichts Verbotenes gemacht und sehe in dem, was ich getan habe, auch nichts Verwerfliches. Auch nichts, wofür ich mich rechtfertigen müsste. Das "Kind" war 20 und damit alleine in der Lage, "Nein" zu sagen. Auch muss ich mit Niemandem einen schriftlichen Vertrag schließen, bevor ich mit ihm oder mit ihr ins Bett gehe. Ich kann ein "Ja" auch in den Augen ablesen und ich habe das "Ja" in den Augen abgelesen. Ich habe zu keiner Zeit die Absicht, andere Menschen auszunutzen, mich über sie lustig zu machen oder herablassend zu sein. Und damit ist zum schrägen Vogel alles gesagt.

Noch nicht alles gesagt ist zu meinem künftigen Umgang mit Kommentaren. Seit einiger Zeit moderiere ich diese ja bekanntermaßen. "Moderieren" heißt nicht, dass ich sie inhaltlich verändere, sondern dass ich entscheide, ob ich sie unter meinem Beitrag in meinem Blog veröffentliche. Nötig war das einst geworden, als mein Blog in einem Fetisch-Board verlinkt worden war. Diese Szene liest zwar noch immer mit, postet hin und wieder (vor allem bei Fragerunden) auch nochmal was, aber es ist insgesamt sehr ruhig geworden. Jeden ernst gemeinte Kommentar habe ich bisher veröffentlicht, unabhängig davon, ob die Verfasserin oder der Verfasser meiner Meinung war. Bisher habe ich mir alle Kommentare durchgelesen und mich mit ihnen irgendwie auseinandergesetzt. Bei einigen, wo ich unsicher war, ob da möglicherweise verbotene Äußerungen stattfinden, habe ich vorher bei meinem Advocado angefragt.

Ab sofort wird es allerdings so sein, dass ich diese "Aufgabe" in fremde Hände gebe. Hände, in die ich sehr viel Vertrauen habe. Man kann es nennen wie man will. Für mich ist es eine Art Luxus, um mich wieder mehr auf die angenehmen Seiten des Bloggens konzentrieren zu können. Selbstverständlich lese ich noch meine Kommentare - sofern sie halt veröffentlicht wurden. Ich habe nie gedacht, dass das eines Tages mal nötig sein wird. Ich habe aber auch nie damit gerechnet, dass meine Seiten über drei Millionen Mal aufgerufen werden würde.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Das Gold von morgen

Früher, lange vor meinem Unfall, wäre es unvorstellbar für mich gewesen: Fremde Menschen ansprechen. Egal, ob sie gleichalt, älter oder jünger waren - fremde Menschen waren da, aber ich war froh, wenn ich mit ihnen nichts zu tun hatte. Es war das Unbekannte, das Unvorhergesehene, das mir Angst machte. Wenn ich den Busfahrer nach einem Fahrschein fragen sollte, war das kein großes Problem. Der saß in seiner Ecke und wechselte Geld gegen Fahrkarte. Das hatte ich bei meiner Mutter oft genug gesehen. Das habe ich irgendwann auch selbst gemacht. Das konnte ich einordnen. Genauso wie Bezahlen an der Supermarktkasse oder das Eintauschen von ein paar Cent gegen ein Rosinenbrötchen beim Bäcker. Aber wehe, wenn mich ein fremder Mann oder eine fremde Frau ansprachen und ich nicht wusste, was passiert. Dann klopfte mein Herz bis zu den Ohren.

Inzwischen ist das völlig anders. Ich lege zwar nach wie vor keinen großen Wert auf Gespräche mit fremden Menschen in der Öffentlichkeit, aber ich bitte um Hilfe, antworte auf die unsinnigen und die weniger unsinnigen Fragen zu meiner Beeinträchtigung, höre mir Geschichten an über Nachbarn, die auch nicht laufen können, und kann mich auch durchsetzen, wenn es sein muss. Und ich bin dabei völlig entspannt. Ich bilde mir sogar ein, inzwischen die Mimik und Gestik meiner Mitmenschen so gut lesen zu können, dass ich schon vor einem verbalen Dialog weiß, was gleich kommt. Also welche Story gleich an mich herangetragen wird oder ob derjenige mir hilft, wenn ich frage. Man sagt, dass viele Menschen, die wegen einer Behinderung häufig auf fremde Hilfe angewiesen sind, mit der Zeit ein solches Gespür entwickeln. Insbesondere Menschen, die seit Geburt oder frühem Kindesalter körperlich, psychisch oder kognitiv eingeschränkt sind, haben häufig eine ausgesprochen feinfühlige Wahrnehmung der Gefühle in ihrer Umwelt.

Ich weiß nicht, ob es damit zusammen hängt oder ob ich einfach nur im richtigen Moment die richtige Frage gestellt habe. Ein Mädchen, geschätzt um die 12 Jahre alt, stand heute am frühen Morgen an einer Bushaltestelle. Oder genauer gesagt daneben. Sie guckte mit verkniffenem Gesicht in die Gegend, so, als hätte sie Schmerzen. Sie zappelte von einem Bein auf das andere, und ich dachte einen Moment lang, sie muss dringend auf die Toilette. Sie biß sich hin und wieder auf die Unterlippe, guckte suchend in die Straße, als würde sie auf irgendwen oder irgendwas warten. Vielleicht nur auf den Bus? So wie ich.

Hinter dem Haus ist ein Garagenhof. Mit einem Gebüsch. Sollte ich ihr anbieten, dass sie sich schnell ins Gebüsch hockt und ich davor stehen bleibe und aufpasse? Ich guckte ihr ins Gesicht. Ich rollte direkt zu ihr. Sie sah mich nicht. Sie war damit beschäftigt, zu suchen. In der Ferne. Sie war endlos aufgeregt. Und nein, sie musste nicht aufs Klo, da war irgendwas anderes los. Ich sprach sie an: "Alles in Ordnung bei dir?" - Sie guckte mich an: "Hm? Jaja, alles in Ordnung." - Ich schaute ihr noch einmal ins Gesicht. Nein, da stimmte was nicht. Ich fragte noch einmal: "Bist du dir sicher? Brauchst du Hilfe?" - "Ich habe mein Portmonee mit meinem Fahrschein zu Hause vergessen und ich wollte den Busfahrer fragen, ob er mich ausnahmsweise umsonst mitnimmt. Der davor hat schon 'Nein' gesagt, ich muss aber eigentlich dringend in die Schule, weil wir gleich eine Arbeit schreiben. Und zu Fuß geht nicht, das ist viel zu weit. Und nach Hause zurück geht auch nicht, meine Mutter ist schon zur Arbeit." - "Was kostet denn eine Fahrkarte?" - "Zwei Euro zwanzig." - Dann musste sie durch mehrere Zonen, also einmal quer durch die Stadt. Ich gab ihr fünf Euro. "Für die Hinfahrt und die Rückfahrt heute mittag, okay?"

Man konnte augenblicklich die Anspannung aus ihrem Gesicht weichen sehen. Sie bedankte sich. Hoffentlich würde sie es noch schaffen, sich bis zur Arbeit wieder zu entspannen. Kaum war ich in der Uni, sprach mich ein Prof an. Sehr direkt: "Sag mal Jule, können Sie wohl mal mit einer Patientin von mir reden? Wir mussten ihr wegen Knochenkrebs das linke Bein oberhalb des Knies amputieren. Sie ist gerade in der Anschluss-Reha und nun wegen einer Komplikation wieder hier." - "Das kann ich machen, aber warum ich?" - Er guckte auf meinen Rollstuhl und sagte dann: "Die Fragen, die sie hat, kann ich nicht beantworten. Zumindest nicht glaubhaft. Trauen Sie sich das zu?"

Ich verstand. Marie und ich besuchten sie noch am selben Nachmittag. Die Frau war Mitte 30. Ich will nicht sagen, dass ihr der Lebensmut fehlte. Aber sie war überfordert, alles, was sie anfinge, ging schief, meinte sie. Sie habe das Gefühl, sie sei im Leben noch nie so weit unten gewesen. Überfordert, kopflos, kalt, unter Druck, erfolglos, von einem Tag auf den nächsten lebend. Die Umwelt habe nur die Ratschläge aus der Apotheken-Umschau und den Abreißkalendern für sie, nach dem Motto: "Augen zu und durch." - Sie meint, es stimme ja auch, sie müsse sich einfach der Situation stellen und sei zuversichtlich, schnell wieder Halt zu finden. Sie bekomme überall Hilfe und irgendwie schaffen die anderen es auch. Sie sei ja nicht die einzige auf der Welt mit einem Bein, auch wenn sie im Moment nicht wisse, ob man mit einem Bein noch eine Frau sei. Sie wolle aber auch nicht einfach nur so ein 08/15-Leben beginnen, jetzt, wo alles besser sei als Krankenhaus.

Sie deutete auf meinen Rollstuhl. "Wie schafft man das? Wie geht man damit um?" - Marie antwortete für mich, bevor ich was sagen konnte: "Gehört dir die Gitarre da auf dem Bett? Mir fallen spontan die Zeilen ein aus einem Lied, das ich aktuell sehr mag. Eine kaum bekannte Sängerin aus Berlin sagt: 'Das Leben hat ne Eisenfaust. Weich du den harten Schlägen aus, Scheuklappen auf, Blick geradeaus. Blaues Auge? Brille auf." - Sie guckte etwas skeptisch. Marie fuhr fort: "Bau dir nen Bagger aus Geduld, leg Fantasie ins Katapult, dein Segel in den Gegenwind. Du spielst auf Zeit und Zeit gewinnt."

Sie fragte: "Ist das so einfach?" - Marie antwortete: "Der Refrain lautet: 'Wenn dich das Leben wieder niederstreckt und du liegst mit dem Gesicht im Dreck, fang an zu graben. Denn dort ist es verborgen, genau da findest du das Gold von morgen." - Ich bin ja sonst nicht so musiktherapeutisch veranlagt. Und gesungenes Wort hört sich noch immer anders an als gesprochenes oder geschriebenes. Ich weiß nicht, wie Marie das macht, aber sie findet regelmäßig solche tollen Lieder. Ich empfehle selten eins, aber das hier ... sollte man gehört haben.

Auf Deutsch: Nicht aufgeben, sondern die Situation akzeptieren. Lernen, dass man auch da was findet, wo man es gerade nach einem tiefen Fall nicht vermutet: Nämlich im Dreck. Wenn man mal etwas länger wühlt. Und dass man dort auch was findet, was einen wieder nach oben bringt. Der Blick auf das, was man nicht hat oder nicht kann, macht auf Dauer nicht glücklich. Und langfristig muss man lernen, nicht bei jeder Welle umzukippen.

Wen es interessiert: Für einen ersten Eindruck gibt es auf Youtube ein offizielles Video als Akustik-Version am Flügel. Die Studio-Version mit Orchester gefällt mir persönlich sehr viel besser.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Aufzüge und Angoraziegen

Rollstuhlnutzende sollten sich nicht vor Aufzügen fürchten. Und nicht klaustrophobisch sein. Behaupte ich mal kühn.

Ich muss nicht lange einleiten. Es ruckte und schaukelte kräftig, die Kabine kam rund 50 Zentimeter unter dem oberen Haltepunkt zum Stehen, das Licht ging aus, die Notbeleuchtung an - und ich stand drin. Ein gläserner Aufzug, draußen schien die Sonne, die Aussicht war schön. Ich hatte es lange nicht mehr. Und irgendwie war Murphy nicht zur Stelle, so dass mir dieser unnütze Ballast ausnahmsweise mal nicht zum ungünstigsten Zeitpunkt in den Tagesablauf stolperte. Sondern auf dem Weg nach Hause, satt, Blase leer, Handyakku voll.

Der Aufzug wurde von einem Verkehrsbetrieb betrieben. Ich drückte den Notrufknopf. Eine Stimme brüllte mich an: "Zum Auslösen des Notrufs bitte länger drücken! For an emergency call press the button longer." - Ich zuckte zusammen und zog den Kopf ein. Na dann, presste ich den Button longer. Und siehe da: Trotz Stromausfall baute sich eine Telefonverbindung auf. Nach einer halben Minute Pullermusik (da das ganze Bedientableau im Takt mitschepperte und der hinter dem Metall verborgene Ein-Watt-Lautsprecher selbiges mitvibrieren ließ, konnte ich nicht ausmachen, welche Band da gerade spielte) meldete sich eine sexy Männerstimme: "Hua, steckt da wer in der Kabine fest?"

Ich antwortete: "Ja." - "Hallo!! Steckt da jemand in der Kabine fest?" - "Ja!" - Knack, tut, aufgelegt. Und nun? Ein "Hilfe ist unterwegs" hätte für mehr Klarheit gesorgt. Ich presste den Button even longer und hörte mir noch einmal für gefühlte zwei Minuten Musik an. Inzwischen besang Rihanna ihre Diamonds. "When you hold me, I'm alive. We're like diamonds in the sky." - Wie passend. Dann meldete sich dieselbe Stimme noch einmal: "Steckt da wer in der Kabine fest?" - "Ja, ich stecke fest." - "Stecken Sie fest oder nicht?" - "Ich stecke fest und brauche Hilfe!" - "Stecken Sie fest?" - "Jahaaa! Himmel, Arsch und Zwirn." - "Stecken Sie fest?" - "Die Kabine steckt fest, rund einen halben Meter unter dem oberen Haltepunkt. Das Licht ist aus und ich würde gerne wieder raus." - "Wieviele Personen sind eingeschlossen?" - "Eine Person." - "Bitte wiederholen!" - "Eine Person ist eingeschlossen." - "Eine Person?" - "Ja!" - "Bitte wiederholen!" - "Eine Person ist eingeschlossen." - "Ich schicke jemanden vorbei, das kann aber einen Moment dauern, der ist am anderen Ende der Stadt. Es kann aber nichts passieren, bleiben Sie ruhig." - Knack, tut, aus.

Aha. Soweit ich weiß, muss eine eingewiesene Person nach zwanzig Minuten vor Ort sein. Nach einer halben Stunde drückte ich erneut auf den Knopf. Wieder even longer, so dass mir die Ansage vom Chip erspart blieb. Ja, man sei bemüht und unterwegs. Aber es sei voll auf den Straßen. Man gebe bereits Vollgas.

Nach einer weiteren halben Stunde fragte ich noch einmal nach. Hans Hartz überbrückte die Wartezeit. Die weißen Tauben seien müde. Das würde ich sofort unterschreiben. Der Auftrag davor habe sich verzögert, man sei nun aber unterwegs zu mir. Hatte die sexy Stimme aus dem Lautsprecher mich also kackfrech angelogen? Nix Verkehr, der war noch gar nicht losgefahren! Eine ausgeprägte Pöbelei war ob der schlechten Verbindung kaum möglich. Die Sonne ging langsam unter, einige Leute winkten mir im Vorbeigehen zu und fragten, ob Hilfe käme. Bei den ersten Personen bejahte ich das noch, später sagte ich, dass ich mir inzwischen nicht mehr sicher sei. Vielleicht sollte ich mal die Augen verdrehen und einen eukalyptischen Anfall vortäuschen? Nein, das könnte teuer werden.

Nach zwei weiteren halben Stunden und zwei weiteren Nachfragen wählte ich per Handy die Notrufnummer der Feuerwehr und erklärte dem Disponenten, dass ich seit nunmehr zwei Stunden in einer Aufzugskabine steckte und noch keine zuständige Person vor Ort entdecken könne. Die Antwort war kurz und knackig: "Wir kommen dorthin."

Es vergingen rund 10 Minuten, da sah ich ein großes rotes Feuerwehrauto vorfahren. Sechs Mann stiegen aus, holten mehrere Werkzeugkisten hervor und stiefelten zu mir. Ein Mann kam zur Tür, die knapp einen halben Meter über mir war, öffnete sie mit einem Dreikantschlüssel, schob sie zur Seite. "Ganz kleinen Moment noch. Mein Kollege öffnet jetzt mal unten einen Schaltschrank und prüft, ob dort alle Sicherungen drin sind. Vielleicht lässt sich das Problem ganz schnell lösen." - Einen Moment später war klar: Nix ging mehr. Die äußere Tür wurde mit einem Keil offen gehalten, weil sie sonst ständig zugefallen wäre, anschließend versuchten die Männer mehrmals vergeblich, die innere Tür zu öffnen. Irgendwas hatte sich angeblich verzogen. Am Ende wurde die Kabinentür aus den Halterungen geschraubt. Zwei Leute kamen zu mir in die Kabine. "Wir werden Sie auf dem Arm nehmen und dann zu zwei Kollegen rausreichen. Anschließend kommt der Rollstuhl hinterher."

Gesagt, getan. Kaum war ich draußen, kam der Mann von der Wartungsfirma. Der wollte sich noch mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr anlegen, warum man die Kabinentür entfernt hatte, aber nachdem der ankündigte, dass man einen Bericht schreiben und dem Ordnungsamt zuleiten werde, wurde es ganz still. Anschließend trug man mich noch die Treppen nach unten, ich bedankte mich und machte mich auf den Weg nach Hause. Kurz danach überholte mich das Feuerwehrauto, aus einem Fenster winkte noch jemand - und ich war froh, nun endlich wieder frei zu sein. Kalt war es zuletzt.

Und wie gesagt, klaustrophobisch sollte man nicht sein. Das ist die korrekte Bezeichnung für Raumangst, die gerne mit Platzangst (Agoraphobie) verwechselt wird. Genauso wie Angorakaninchen und Angoraziegen, die damit aber überhaupt nichts zu tun haben, die aber auch häufiger mal verwechselt werden. Zumindest wenn die Frage auftaucht, von welchem der beiden Tiere die Wolle kommt.