Sonntag, 27. Juli 2014

Kreislauf

Ich habe mir so lange den Sommer gewünscht, aber inzwischen wäre ich für ein wenig Abkühlung zwischendurch mal dankbar. Zwei Tage, dann kann es wieder warm werden. Im Moment spielt mein Kreislauf total verrückt. Das geht jetzt schon seit drei Tagen so. Sobald ich mich aus der liegenden in die sitzende Position aufrichte, fühlt es sich an, als hätte ich einen Sprint hinter mir. Ich bin völlig erschöpft, alles beginnt, sich zu drehen und mir wird übel.

Maries Mama und Marie helfen mir im Moment, inzwischen habe ich auch schon einen venösen Zugang bekommen und bekomme jede Menge Flüssigkeit. Das Problem scheint einfach die Kreislaufregulation zu sein, die bei der Wärme nicht gut funktioniert. Ich hoffe einfach, dass es in den nächsten Tagen sich einfach wieder normalisiert. Im Moment könnte ich nur noch schlafen, muss ständig gähnen.

Samstag, 19. Juli 2014

Täterstrategien

Hinweis: Dieser Beitrag beschäftigt sich sehr intensiv mit sexualisierter Gewalt und Täterstrategien.

Es ist noch nicht lange her, als ich einigermaßen verstört aus einem Seminar kam, dessen Thema "sexualisierte Gewalt" war. Ich schreibe nicht oft über Inhalte meines Studiums, weil ich denke, dass der meiste fachliche Kram eher nicht interessiert. Aber dieses Seminar hat mich aufgewühlt. Nicht, weil ich nicht wusste, dass es sexualisierte Gewalt gibt. Natürlich wusste ich das. Ich wusste auch die eine oder andere statistische Zahl - es bleibt nicht aus, sich während eines Medizinstudiums mit dieser Thematik eingehend zu beschäftigten. Auch wenn ich am liebsten nichts davon hören und lesen würde. Denn eigentlich möchte ich unvoreingenommen meine ersten eigenen sexuellen Erfahrungen sammeln (und ich würde behaupten, es sind noch immer erste Erfahrungen, die ich jetzt sammeln würde), ohne dabei zu assoziieren, dass es Menschen gibt, die Sexualität, die eigentlich schön sein soll und die ich eigentlich als schön empfinden möchte, für ihre Macht (-spiele) missbrauchen. Diese Assoziation finde ich persönlich schlimmer als mir die ganzen Geschlechtskrankheiten anschauen zu müssen, bevor ich mit jemandem ins Bett gehe. Dennoch ist gerade das Thema "sexualisierte Gewalt" wichtiger als falsche eigene Assoziationen rund um Sexualität - und überhaupt wichtiger denn je. Und so erschreckend.

Ich kenne aus dem Norden einen inzwischen etwas über 40 Jahre alten Menschen, männlich, dessen mehrjährige Partnerin Opfer sexualisierter Gewalt war. Erst nach deren Trennung, während einer anschließenden Freundschaft, hat sie ihm erzählt, was ihr als Kind widerfahren ist. Die Freundschaft besteht inzwischen auch nicht mehr. Geblieben ist aber sein Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Er berät und begleitet als studierter Wissenschaftler auf sozialpsychiatrischer Ebene straffällig gewordene Täter oder jene Menschen, die befürchten, Täter werden zu können. Das heißt: Er versucht mit seinen Möglichkeiten (im Rahmen eines anerkannten Beratungsprogramms) auf Menschen einzuwirken, damit sie keine sexuellen Übergriffe auf andere Menschen verüben.

Kennengelernt haben Marie und ich diesen Mann auf einer Feier von Maries Mutter. Maries Mutter und er kennen sich privat seit der Kindheit, Marie und ich haben uns auf besagter Feier sehr intensiv und nett unterhalten, weniger über seine Arbeit, sondern mehr über alles mögliche andere. Ich fand ihn sehr klug, er vertrat spannende Ansichten. Als ich kürzlich bei Marie zu Hause zum Essen eingeladen war und anschließend am Tisch von meinem Seminar und vor allem meiner Seminararbeit erzählte, sagte Maries Mutter: "Ruf doch den [...] mal an und frag, ob du dich mit ihm treffen kannst und ob er dich beraten kann. Er kann dir bestimmt helfen, die richtigen Quellen zu finden und die wichtigen Punkte herauszuarbeiten. Und ihr kennt euch doch schon von der Feier aus dem letzten Jahr."

Gesagt, getan. Wir trafen uns gestern in der Beratungsstelle, in der er arbeitet, und weil das Wetter schön war, lud er uns auf ein Eis ein. Draußen, in der Nähe, an einem Badesee. Er erzählte uns mehr als ich wissen wollte. Hatte viele Zahlen im Kopf, kannte Quellen, ich konnte manchmal gar nicht so schnell mitschreiben, wie er erzählte. Das meiste waren statistische Details, Studienergebnisse. Es war spannend und erschreckend, widerlich zugleich. Nein, es ging nicht um einzelne Täter oder Taten, es ging um wissenschaftliche Ergebnisse. Und die waren mir in der Form nicht bekannt - und ich möchte sie hier auch nicht diskutieren oder auf Details eingehen. Er war nett, rücksichtsvoll: "Wir hören auf oder fahren ein anderes Mal fort, wenn du Zeit brauchst, um das zu sortieren. Unser Gespräch soll dich nicht belasten."

Wir waren bereits mittendrin in einem Experiment, ohne es zu wissen. Als ich die Frage stellte, und natürlich hatte ich auch bereits während meines Seminars jede Menge Antworten auf diese Frage bekommen, wollte aber seine Antwort hören auf die Frage, nämlich warum und vor allem wie es Täter immer wieder schaffen, Taten zu begehen, und damit meine ich nicht jene gewalttätigen Menschen, die sich "mal eben" ein wehrloses Kind von der Straße schnappen, sondern die vielen (deutlich überwiegenden) Fälle, die es in Familien, in Arbeitsverhältnissen oder unter eigentlich lieben Menschen gibt, bekam ich eine überraschend klare Antwort: "So wie ich gerade."

"Wie meinst du das?" - "So wie ich das sage. So, wie wir ein Eis zusammen essen, während ihr mit dem Wunsch zu mir gekommen seid, etwas über das Thema zu erfahren, so missbraucht ein Täter seine Opfer. Das Eis wollte ich. Ihr habt nur zugestimmt. Es ist aber keineswegs üblich, dass ich mit meinen Studentinnen oder Praktikantinnen Eis essen gehe." - "Naja, machst du das denn mit den anderen Leuten, die sich auf wissenschaftlicher Ebene für deine Arbeit interessieren, auch?" - "Nein. Mit denen gehe ich meistens nur einen Kaffee trinken. Dann komme ich mal aus meinem Büro ... aber wir kennen uns ja von deiner Mutter und haben uns ja da schon gut unterhalten." - "Ja, deshalb dachte ich..." - "Täter suchen sich ihre Opfer auch gezielt aus. Und haben meistens ein gutes Verhältnis zu den Eltern. Warum geht ein zwanzig Jahre älterer Mann mit zwei jungen Frauen Eis essen?" - Mir wurde mulmig.

"Unser Prof ist letztes Jahr auch mal mit uns einen Kaffee trinken gegangen, als wir eine Arbeit besprechen wollten. Wenn man so will, kann man in alles etwas reininterpretieren." - "Genau. Und genau diese Unsicherheit nutzen Täter. Testen ihre Grenzen aus, überschreiten Grenzen, erzeugen Missverständnisse, manipulieren ihre Opfer. Ihr beiden, Marie und du, ihr müsst keine Angst haben, ich wäre mit euch auch ein Eis essen gegangen, wenn es um Rechnungswesen oder Informatik gegangen wäre. Ihr könnt euch zudem wehren. Ihr seid erwachsen. Auch wenn ihr im Rollstuhl sitzt, wenn ich euch dumm komme, habt ihr ein Handy, könnt um Hilfe rufen oder einfach wegfahren. Kann das auch ein Kind, dessen Aufmerksamkeit mit einer tollen Geschichte gefesselt wird? Und das gar nicht bemerkt, wie rundherum die Gäste aufstehen und nach Hause gehen, weil es immer später wird? 'Jetzt hast du die Zeit vergessen, die Mama macht sich bestimmt schon Sorgen, komm, ich bring dich schnell nach Hause.' - Täter schaffen Abhängigkeitsverhältnisse. Sofern sie nicht ohnehin schon bestehen. Und nutzen sie für ihre Zwecke." - "Das Kind hat doch auch ein Handy. Und kann die Mama anrufen." - "Die Mama wird schimpfen. Lass uns lieber schnell nach Hause gehen und dann rede ich erstmal mit der Mama. Dann schimpft sie mit mir und nicht mit dir. Ich werde sagen, dass ich die Zeit verpasst habe und nicht du."

"Na komm, so naiv ist doch kein Kind. Zumindest keins, das draußen ohne Mama rumlaufen darf. Ich kenne genügend Kinder, die dann einfach die Mama anrufen, wenn sie Hilfe brauchen oder was ausgefressen haben." - "Und ich kenne genügend Männer, die es so oft probieren, bis sie so ein 'naives' Kind an der Angel haben. Das vielleicht keinen so tollen Draht zur Mama hat. Oder wo sich die Mama nicht immer gerne stören lässt wegen jeder vermeintlichen Kleinigkeit." - "Ich glaube dir das, du hast die Erfahrung. Aber das überzeugt mich nicht. Ich habe auch einen guten Draht zu Kindern. Wir beide eigentlich. Wir sind ständig diejenigen, die auf Freizeiten oder beim Sport eine Horde Kinder um uns herum haben. Und dennoch, wenn ich vorschlagen würde, wir machen jetzt Doktorspielchen, ... wie erkläre ich das hinterher den Eltern, wenn das Kind zu Hause mehr oder weniger begeistert davon erzählt?"

Auch darauf gab es eine Antwort. Ich werde hier keine Gebrauchsanweisung schreiben. Aber es war so einfach wie erschreckend zugleich. Und dann kam ein Angebot, das Marie und ich angenommen haben. Ob wir bereit seien für einen Versuch. Waren wir. Wenn wir morgen (also heute) ihm einen Grill mit an den Badesee bringen, mit Kohle und Anzünder, mit einem marinierten Schweineschnitzel, rund 250 Gramm, dazu eine Packung Würstchen, ein wenig selbst gemachten Kartoffelsalat und vielleicht ein Baguettebrot, dazu eine gekühlte Cola und natürlich jene Dinge, die wir gerne essen und trinken würden, dann mache er mit uns einen Versuch, für den man ihn sonst teuer entlohnen müsste. Ich fand diese Einladung zum Baden irgendwie charmant und wusste nicht mal mehr, ob das überhaupt mit unserem wissenschaftlichen Interesse zu tun hatte, oder ob er als Single einfach nur mal mit zwei jungen Frauen baden gehen wollte. Marie sagte: "Wenn es jetzt darum geht, ob wir den Kram dort mit hinbringen und heute abend für dich nochmal einkaufen gehen, dann hast du gewonnen. Das würden wir aber auch so machen, wenn du einfach nett fragst, ob wir morgen zusammen baden gehen und am See grillen. Wir würden uns auch noch einen Salat schnibbeln, wenn du möchtest. Das machen wir aber mit anderen Freunden auch und das beweist nichts." - Er lächelte nur.

Um halb vier waren wir verabredet. Er war bereits da, am Badesee, aus der Steckdose in seinem Auto hing ein Kabel, daran ein Mini-Kompressor, der eine Palmeninsel aufblies. Das Ding hatte mehrere Luftkammern, zwei aufblasbare Plastikpalmen standen senkrecht in die Luft. Sie waren Teil eines großen Rings, ich schätze mit zwei Metern Durchmesser, in deren Mitte ein weißes dünnes Netz gespannt war. Auf dieses Netz konnte man sich drauflegen und dadurch das Wasser sehen, sofernd die Insel schwamm. Ein Popup-Strandiglu hatte er auch schon aufgestellt. Wir kamen mit unserem Grill und unserer Kühlbox dazu ... dann konnte die Party ja beginnen. Marie fragte: "Was hast du denn mit der schwimmenden Oase vor? Ist das nicht ein wenig übertrieben?" - "Wenn ich schonmal baden gehe, dann mit allen Raffinessen."

Ehrlich gesagt freute ich mich schon ein wenig, auch mal auf so einem Ding zu liegen und über den See zu treiben. Ich würde mir selbst so ein Teil nie kaufen, aber heute würde ich ja niemandem erklären müssen, wieso ich auf so einem Kitsch-Ding auf dem Wasser treibe. Es dauerte keine dreißig Minuten, da waren wir drei im Wasser und hatten eine Mordsgaudi mit diesem Spielzeug. Wir haben dermaßen ausgelassen herumgealbert, uns gegenseitig nassgespritzt und uns gegenseitig von dieser Palmeninsel heruntergestoßen, dass die anderen Badegäste gedacht haben müssen, wir hätten was eingenommen. Ich hatte selten so einen Spaß, vor allem mit einem eher unbekannten wesentlich älteren Mann. Der gar nicht mal schlecht aussah in Badeshorts. Der ganze wissenschaftliche Zweck war in weiter Ferne und ich beschloss, ihn einfach nicht danach zu fragen. Vermutlich wollte er wirklich mal zwischen dem ganzen erschreckenden Alltag eine Runde Spaß haben - und die sollte er nun auch bekommen. Er schaffte es, sich so auf dieses Netz fallen zu lassen, dass die andere Person (Marie oder ich) im hohen Bogen hochflogen und ins Wasser rauschten. Da wir uns mit den Beinen nicht hochdrücken konnten, zog er uns meistens hoch. "Ich habe keine Erfahrung mit Querschnitten, sagt mir einfach, wie ich das machen soll und ob es okay ist, wenn wir so ausgelassen sind." - Alles war okay. Warum sollte man mit Behinderung nicht ausgelassen sein dürfen? Er war so nett, so reizend und zuvorkommend.

Irgendwann waren wir kaputt. Erschöpft. Wir trieben zu dritt über das Wasser, er paddelte mit uns auf ein Schlauchboot zu, in dem zwei Mädchen saßen. Ich schätze, sie waren zwölf und vierzehn. Die beiden Wasserfahrzeuge kollidierten, unser vierzigjähriger Mann knickte eine der beiden Palmen um, so dass sie auf das eine Mädchen kippte und sich mit einem lauten "Plong" wieder aufstellte. Die beiden Mädchen guckten sich an, dann fingen sie an zu lachen. Wie bei den Teletubbies wiederholte sich das Spielchen noch zwei, drei Mal. Jedes Mal kippte die Palme, jedes Mal stellte sie sich mit einem "Plong" wieder auf, jedes Mal gackerten die Mädchen. Er sprang auf diesem Ring herum, so dass Marie und ich ein paar Mal hochflogen und dann ins Wasser fielen. Die Mädchen kamen aus dem Lachen kaum noch heraus. Die Palmen-Insel war leer, wir drei schwammen im Wasser. "Was meint ihr, ob die Mädchen schwimmen können?", fragte er mich. "Ich wette, deren Schlauchboot kippt gleich um, nachdem es mit der Insel kollidiert ist."

"Könnt ihr ruhig machen", sagte das ältere Mädchen. "Wir können schwimmen", fügte das jüngere hinzu. Ich kürze es an dieser Stelle ab: Es dauerte keine zehn Minuten, da waren sechs bis acht Kinder im Alter zwischen 6 und 16 auf der Palmeninsel, hüpften wild darauf herum, brachten sie zum Kentern, waren ausgelassen. Marie und ich waren inmitten dieser Wasserschlacht, schafften es inzwischen selbst auf die Insel, wurden andauernd wieder ins Wasser katapultiert und vergaßen dabei nicht nur unsere körperliche Einschränkung, sondern übersahen auch, dass unser vierzigjähriger Mann inzwischen längst neben seinem Iglu saß und den Grill herrichtete. Als wir Blickkontakt hatten, meinte er: "Mir war kalt, ich lass schonmal die Kohle vorglühen, wenn ihr so in dreißig Minuten rauskommt, können wir vielleicht zusammen essen?"

Marie und ich wollten ihn da nicht alleine sitzen lassen. Ziemlich kaputt waren wir auch, völlig nass - wir beschlossen, rauszugehen. Wir schwammen erstmal ohne die Insel zum Strand, krabbelten auf dem Po sitzend raus. Die Kinder waren weiterhin mit der Insel beschäftigt. Sie hatten vermutlich gar nicht mitbekommen, dass wir eine Querschnittlähmung haben. Das machte mich für einen kurzen Moment nachdenklich. Ich setzte mich in die Sonne, ließ mich trocknen und träumte vor mich hin. Auf dem Wasser planschten die Kinder mit der Insel. Einige der Eltern standen am Rand, machten Fotos. Sprachen den Mann an: "Da haben Sie aber ein tolles Teil, wo gibt es denn sowas?" - "Das gab es mal bei [...], eigentlich kitschig, aber dann doch wieder schön." - "Ich hoffe, es ist okay, wenn die Kinder noch damit spielen." - "Jaja, klar, dafür ist es ja da. Solange sie es nachher mit rausbringen, ist alles gut."

Das Fleisch lag auf dem Grill, die Kinder brachten die Insel aus dem Wasser. "Stellt sie einfach dahinten hin, nur nicht so nah an den Grill, falls da Funken fliegen." - Die beiden Mädchen kamen zu uns hin und sagten zu dem Mann: "Das hat total Spaß gemacht. Vielen Dank." - "Wollt ihr ein Würstchen? Fragt Eure Eltern mal, ob ihr ein Würstchen dürft", sagte er. Wir fanden sowohl die Kinder als auch ihn unheimlich nett. Die beiden kamen wieder, holten sich ein Würstchen mit Ketchup ab. Setzten sich zu uns auf die Decke und erzählten alles mögliche. Die Mutter kam noch dazu, fragte, ob die beiden sich bedankt hätten und nahm ihre Kinder mit. "Wir wollen nach Hause", ließ sie uns wissen. Inzwischen hatte uns die jüngere erzählt, wo sie wohnt. Auf die ganz subtile Frage unseres Begleiters, ob sie Urlaubsgäste seien oder in Hamburg wohnten. Und falls ja, in welchem Stadtteil. "Oh, ich komme auch aus Eppendorf. Ich wohne in der Martinistraße, da beim Krankenhaus in der Nähe." - "Wir wohnen ein Stück weiter, in der [...]straße Nummer 2."

Als wir wieder alleine waren, die anderen Leute waren schon fast alle weg, und die Reste des Essens vor uns auf den Tellern sahen, meinte er: "Das waren ein paar total schöne Stunden. Ich habe lange nichts mehr privat unternommen, das sollte ich öfter machen. Ich hoffe, euch hat es auch Spaß gemacht." - "Sehr", antworteten wir beide, fast wie aus einem Mund. Er fügte hinzu: "Ich möchte aber auch noch auf den offiziellen Teil zurückkommen. Ich wohne natürlich nicht in der Martinistraße. Aber ich weiß jetzt, wo die Kinder wohnen und stehe morgen dort wieder vor der Tür. Um sie dann irgendwo mal ganz zufällig wieder zu treffen. Als der liebe Onkel mit der tollen Palmeninsel. In der Zwischenzeit mache ich ganz viele tolle Fotos von ihnen, ihr Haus wird ab sofort von mir observiert. Und bei nächster Gelegenheit berühre ich sie wieder unsittlich. Aus Versehen natürlich."

"Was meinst du damit?" - "Na, ich habe sie heute unsittlich berührt, ohne dass ihr was davon mitbekommen habt. Beim Spielen auf der Insel." - "Nicht wirklich. Das sagst du hoffentlich jetzt so." - "Nein, nicht wirklich. Erinnere dich, ob ich jemals zusammen mit den Kindern auf der Insel war." - "Nein, warst du nicht. Du bist rausgegangen, bevor die beiden Mädchen zum ersten Mal auf die Insel geklettert sind. Und inzwischen verstehe ich auch den Grund." - "Genau aus diesem Grund. Deutlich bevor euer Spielchen mit den Kindern losging. Bevor die ganzen anderen Kinder dazu kamen. Bevor ihr euch alle angefasst habt. Immer und immer wieder. Wie gesagt, ich weiß, warum ich vorher rausgegangen bin. Ich habe euch einen Versuch angekündigt und habe im entscheidenden Moment die Kurve gekratzt. Als Pädophiler hätte ich vielleicht mitgespielt. Als Kinderschänder, als Täter, hätte ich die Kinder womöglich angefasst. Und eben auf keinen Fall von vornherein klare Verhältnisse geschaffen. Genauso wie vielleicht am Arbeitsplatz, in der Therapie, überall."

"Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil ich mit fremden Kindern auf einer Palmen-Hüpf-Insel gespielt habe?" - "Nein, Jule. Ich müsste es auch nicht, weil ich keine Kinder anfasse. Aber ich muss eben als Mann sehr schnell damit rechnen, dass man mir das mal vorwirft. Gerade, wenn ich Hüpfburgen mit zum Schwimmen nehme und Kinder anspreche. Der beste Schutz gegen einen falschen Vedacht ist, einfach nicht mit fremden Kindern zu spielen und immer klare Verhältnisse zu schaffen. Die Palmen-Insel ist am Ende, wo wir vom Spielen wieder zurück zum Arbeiten kommen, kein Spielzeug mehr sondern ein Teil eines Versuchs. Ich habe die Voraussetzungen für euch geschaffen, ihr habt selbst erlebt, wie einfach ein Stück Kinderfleisch, wie die Szene sagt, zu bekommen ist. Wie einfach man es berührt."

Marie guckte sichtlich mitgenommen. Die ausgelassene Stimmung, die Freude, alles war schlagartig verflogen. "Das ist total krass", sagte sie. Er antwortete: "Marie, du darfst jetzt zwei Dinge nicht vermischen: Wir haben auf dem See herumgealbert, ihr habt mit den Kindern gespielt, ausschließlich, weil wir herumalbern und spielen wollten. Es gab zu keinem Zeitpunkt den Gedanken, jemanden manipulieren, beherrschen oder missbrauchen zu wollen. Erst in der nachträglichen Auswertung erkläre ich Euch, dass ich als Täter die Palmeninsel auch aus anderen Gründen mitgebracht haben könnte. Das ist mir sehr wichtig, denn ich möchte selbstverständlich niemanden manipulieren, schon gar nicht unbeteiligte, die nicht damit rechnen und die nicht wissen, was wir hier tun. Wir haben gespielt, nichts anderes. Und anhand der nachschauenden Betrachtung eures Spiels, unter Einbeziehung einer möglichen Täterstrategie, ziehen wir neue Schlüsse."

"Es gibt aber noch einen Teil 2", sagte der Mann. Und fuhr fort: "Da habe ich euch manipuliert und bin von eurem Einverständnis ausgegangen. Könnt ihr euch mal umziehen?" - Ich grinste. "Kannst du mal aufhören mit uns zu spielen? Ich habe heute einen eindringlichen Beweis von dir bekommen und ich bin dir sehr dankbar, denn du hast mir wirklich die Augen geöffnet. Aber so langsam möchte ich wieder in meine beschützte Welt zurück." - "Ich habe euch angefasst." - "Okay, wo? Im Schritt?" - "Würdet ihr es merken?" - "Nein und ja." - "Nein, nicht im Schritt. Zieht euch mal bitte um. Ich gehe inzwischen mal zum Auto und pack die Insel weg." - "Ich habe jetzt keine Hemmungen, mich auszuziehen, ich geh auch in die Sauna. Du musst dich jetzt nicht verkrümeln." - "Dann mach dich doch schonmal obenrum frei und guck mal genau, was da passiert."

Ich streifte die Träger von meinem Badeanzug, einem Sportbadeanzug mit gekreuztem Rücken, nach unten. An meinem Bauch klebte eine durchsichtige, inzwischen zerknitterte Folie, ähnlich jener Klebefolien, die als Hygieneschutz in fabrikneue Badeanzüge geklebt werden. Halb so groß wie ein Smartphone. "Ich war hier, wo warst du?!", stand dort in pinken Lettern. "Das ist so ein elektrostatisches Ding, was an Fensterscheiben heften bleibt, und was man normalerweise seiner Verabredung irgendwo ans Auto pappt, wenn er dich versetzt hat. Bei dem ganzen Geschubse habe ich dir das von hinten in deinen Badeanzug getan, direkt am Bauch. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich mit meiner Hand da drin war. Bei Marie übrigens auch."

Ich habe es nicht gemerkt. Ich war erschrocken. Wirklich erschrocken. Nein, natürlich nehme ich es ihm nicht übel. Ich hätte es ihm auch nicht übel genommen, wenn er mir das Ding noch ganz woanders hingeklebt hätte. Ich bin ihm dankbar. Er hat mir in wirklich guter Arbeit den Blick auf ein Thema ermöglicht, das ich sonst nie so intensiv aufgenommen hätte wie durch diesen praktischen Versuch. Ich glaube, es war eins der lehrreichsten Wochenenden in meinem Studium. Und dringend nötig, um Täterstrategien wirklich zu verstehen und nicht nur zu lesen. Und damit auch ein Kapitel zu verstehen, das ich am liebsten niemals aufgeschlagen hätte.

Wir haben uns nett voneinander verabschiedet. "Ich würde deine Arbeit gerne lesen", sagte er zum Abschied. "Und unser Versuch ist damit beendet, okay? Ihr seid total nett und ich manipuliere euch hier so derb, dass ich inzwischen ein total schlechtes Gewissen haben muss und auch habe. Und das meine ich jetzt ehrlich." - Wir haben uns zum Abschied sehr intensiv umarmt und ich habe mich mehrmals aufrichtig bei ihm bedankt. Und ich freue mich darauf, ihn spätestens in ein paar Wochen bei einer Geburtstagsfeier wiederzusehen.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Fotos aus Hamburg

Ich sollte öfter mal Fotos posten. Sagen meine Leserinnen und Leser. Ich tue mich oft schwer damit, denn eigentlich sollen hier lieber Texte stehen als Bilder. Aber uneigentlich gibt es manchmal Schönheiten, die ich nicht in Worte fassen kann. Hamburg beispielsweise ist so eine Schönheit. Und weil ich gerade in Hamburg bin und erneut beschlossen habe, dass Hamburg meine schönste Stadt ist und bleibt, gibt es heute drei schöne Bilder aus Hamburg.

Nummer 1 zeigt einen wunderschönen Sonnenuntergang im Osten Hamburgs. Wir sitzen musizierend an einem See und glauben, dass morgen ein schöner Tag wird. Und wer genau hinschaut, sieht direkt neben den Windrädern zwei Heißluftballons am Horizont:

Nummer 2 zeigt einen brennenden Sommerhimmel, einen Sonnenuntergang nach einem heißen Tag, und wer auch hier genau hinschaut, findet über dem rechten Giebelrand auf Höhe der untergehenden Sonne ein Flugzeug im Landeanflug auf Fuhlsbüttel:

Nummer 3 zeigt zwei Störche, die nicht weit von Maries Elternhaus in sicherer Höhe auf ihrem Nest stehen und sich gerade für das Foto extra fein geputzt haben.

Und nein, Hamburg ist tatsächlich so schön. Das sind keine Tricks, kein Filter, keine Nachbearbeitung, kein Photoshop oder andere Geschichten. Die Bilder sind mir so vor die Linse gekommen. Und ja, in Hamburg gibt es Störche. Jede Menge sogar (an dem Tag, während einer Handbiketour, haben wir insgesamt acht gezählt).

Dienstag, 15. Juli 2014

Die dritte Million

Kaum bin ich wieder aus dem Trainingslager zurück und kaum hat Deutschland den vierten Fußballstern, habe ich auch einen neuen Stern. Den dritten. Meine dritte Million. Am 10.07.14 war es soweit. Und gleichzeitig habe ich noch einen halben Stern dazu bekommen: Den 500. Follower bei Twitter. Wenn das kein Grund zum Feiern ist...

Ich bedanke mich bei meinen Leserinnen und Lesern, den treuen und den nicht ganz so treuen; bei denen, die mich, wenn ich viel schreibe, gerne lesen, und bei denen, die mich, wenn ich wenig schreibe, auch gerne lesen. Und bei denen, die mir insgesamt schon über 8.000 schöne Kommentare geschrieben haben. Die an mich denken, die mich aufmuntern, die mich zum Nachdenken bringen ... überhaupt.

Über 750 Beiträge habe ich inzwischen gepostet, und auch wenn es seit einiger Zeit immer etwas hakt, bis mal wieder ein paar neue Beiträge kommen (aus verschiedenen Gründen, auf die ich im Moment nicht näher eingehen möchte, hakt es): Es kommen immer mal wieder ein paar neue Beiträge. Und ich hoffe, dass sie in der nächsten Zeit häufiger, regelmäßiger kommen.

Übrigens ist das am häufigsten gesuchte Wort, das Leser auf meinen Blog bringt (etwas Statistik muss ja auch immer sein), aktuell "Stinkesocke". Das ist insofern besonders, als dass bis zuletzt immer gezielt nach "Jule Stinkesocke" gesucht wurde, kaum nach "Stinkesocke" einzeln. Was will uns das sagen?!

Prost, Leute!

Montag, 14. Juli 2014

Goldene Sterne und Liebesbasar

Wir sind zurück. Meine Haut ist etwas brauner, das Trainingslager ist vorbei, ich habe ein großes Schlafdefizit, hatte mir eine saubere und kühle Dusche am gestrigen Nachmittag selten sehnlicher gewünscht und Deutschland ist Weltmeister. Hurra. Der vierte goldene Stern ist da.

Ich muss gestehen: Ich habe das Fußballspiel nicht mal von Anfang an gesehen. Das lag aber eher daran, dass es zu lange dauerte, bis wir uns nach der Rückfahrt nach Hamburg voneinander trennen konnten. Kurz nachdem ich einschaltete, fiel dann auch endlich ein Tor...

Ich machte mir nichts aus Fußball. Okay, wir dürfen uns Weltmeister nennen. Ich akzeptiere, dass viele Leute das toll finden. Ich akzeptiere auch den Hype, der darum entsteht. Aber mich selbst kratzt das alles nicht sonderlich. Mir geht es im Fußball viel zu sehr ums Geld und viel zu wenig um den Sport.

Der letzte Tag im Trainingslager war ebenfalls toll. Meinetwegen hätte das noch mehrere Tage so weitergehen dürfen, aber irgendwann muss auch die schönste Trainingsfreizeit mal vorbei sein. Besser hätte es, und da waren sich am Ende alle einig, in der Halle auch nicht sein können. Wie ich inzwischen erfahren habe, sind am letzten Wochenende viele Leute in der Ostsee ertrunken. Wir gehörten nicht dazu, wenngleich auch in unserer Nähe zwei Leute gestorben sind. Allerdings kamen hier Kreislaufprobleme dazu. Leichtsinn gab es eher in der Lübecker Bucht und in Mecklenburg-Vorpommern, wo wohl auch über das ganze Wochenende hinweg ein Badeverbot bestand (rote Fahnen). Das war bei uns nicht der Fall.

Und eine eher sonderbare Begegnung hatte ich noch heute kurz nach dem Mittagessen. Ein Teilnehmer, Rollstuhlfahrer, erst relativ kurz dabei, um die 20 Jahre alt, sprach mich an, als ich vom Klo wiederkam. Er hatte den Moment abgepasst und fragte, ob er mich mal was fragen dürfe. Super schüchtern erzählte er mir, dass er noch nie eine Freundin hatte und in diesem Moment bestimmt alles falsch mache, was man irgendwie falsch machen könnte. Aber er habe fast alle Leute aus der Gruppe gefragt (außer Cathleen und Marie, weil er wüsste, dass ich mit denen eng befreundet sei), und alle hätten ihm gesagt: "Du findest es nur raus, wenn du fragst."

Ich ahnte, was kommen würde, aber ich wusste auch, dass er so gar nicht mein Typ ist. Ich will überhaupt nichts negatives suchen, finden oder schreiben. Er ist einfach nicht mein Typ. Die Chemie stimmt nicht. Kein Kribbeln im Bauch. Und bevor er sich mit bereits knallrotem Gesicht noch länger quält, habe ich ihm geantwortet: "Du machst alles richtig. Ich fühle mich auch sehr geschmeichelt über das, was du mir sagen möchtest. Und ich habe Respekt vor deinem Mut, ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde, jemanden so offen anzusprechen. Aber ...", ließ ich einen Satz unvollständig im Raum stehen.

"Brauchst nicht weiter reden. Sagst du mir, woran es liegt? An meiner Behinderung?" - "Quatsch. Ich möchte mein Herz entscheiden lassen, ob es jemanden toll findet. Und mein Herz macht bei dir einfach keine Sprünge." - "Und meinst du, es gibt Chancen, dass es nochmal springt?" - Ich schüttelte den Kopf. "Sorry."

"Und kuscheln?" - "Oah, Junge. Bis eben war noch alles gut. Aber jetzt fühle ich mich gerade ein wenig wie auf einem Liebesbasar. Liebe und Zuneigung sind doch keine Verhandlungssachen." - "Och, manchmal schon." - "Wie meinst du denn das?" - "Naja, manche Leute verhandeln ja auch über Liebe." - "Ich würde sagen, die verhandeln über Sex, aber du willst mir jetzt nicht etwa Geld anbieten, oder?" - "Würdest du denn welches annehmen?" - "Das ist jetzt nicht dein Ernst." - "Nein, ist es auch nicht. Och Mensch, ich hatte so toll angefangen. Ich bin einfach verknallt in dich." - "Das ist sehr charmant, ich kann auch nachempfinden, wie du dich fühlst. Aber ich kann dir da leider nichts anderes sagen." - "Darf ich dich einmal umarmen?" - "Nein, bitte nicht." - "Menno. Krieg ich ein Foto von dir?" - "Versuch einfach, mit einem 'Nein' umzugehen, okay?"

Ich hätte es für mich behalten, wenn er nicht hinterher, bei der Abschlussrunde, noch breit in die Runde posaunt hätte, dass ich ihn abblitzen lassen hätte. "Jule ist voll die eingebildete Kuh, die heftigste Ansprüche an ihren Partner stellt. Am Ende ist sie doch lesbisch", meinte er. Ich antwortete: "Das musste jetzt noch sein?" - "Siehste, doch lesbisch. Habt ihr schön fickificki gemacht bei euch im Zelt?" - Woraufhin Cathleen seinen Kopf in ihren Arm nahm und sagte: "Hey, du wirst eine Freundin finden. Aber Jule ist halt nicht die richtige für dich. Wenn du sie fragst, musst du ihre ehrliche Antwort auch akzeptieren." - "Ach, lass dein pädagogisches Gehabe sein! Die anderen haben mir doch geraten, sie zu fragen. Ihr könnt mich alle mal." - Seufz.

Sonntag, 13. Juli 2014

HA74N, Pesto und Marshmallows

Ich sollte Recht behalten. Die Ostsee benimmt sich, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Als wäre über Nacht jemand mit einem Bügeleisen über sie hinweg gegangen. Am Himmel einige Schönwetterwolken und selbst Elsa guckt frisch frisiert aus der Wäsche (wie kann man eine so nette Möwe, die nur unsere Brötchen klauen will, HA74N taufen?):


Okay, aufmerksamen Betrachtern wird aufgefallen sein, dass es bei mir mehrere Elsas gibt. Macht aber nix.

Nach einer kilometerlangen Rennbikefahrt auf dem Deich und unzähligem "Oh geil guck mal!" von vorbei radelnden Urlaubern, gab es mittags Spaghetti mit selbst gemachtem Pesto (ich hätte gerne noch was von der grünen Suspensionssalbe). Am Nachmittag wehte keine gelbe (und auch keine rote) Fahne mehr. Der Wind war deutlich schwächer geworden, so dass wir zunächst eine Stunde Training im Neo hatten (und dieses Mal waren wirklich alle im Wasser) und anschließend ohne Neo mit Luftmatratzen und einem geliehenen Schlauchboot das Meer unsicher machten.

Zu unserem abendlichen Lagerfeuer auf einer extra dafür vorgesehenen Feuerstelle gesellten sich auch jede Menge andere Kinder und Jugendliche, die auf dem Campingplatz Urlaub machten, und brachten ihre Würstchen und Marshmallows mit. Da waren mindestens fünfzehn Leute, die nicht zu unserer Schwimmgruppe gehörten. Zwei Teilnehmerinnen packten dann noch ihre Gitarren aus (ich wünschte, ich hätte die Zeit, das zu lernen) - die Stimmung war schon toll. Wir waren alle mit unseren Rollstühlen von hinten an die die Feuerstelle umschließenden Holzbänke (gegen Wegrollen gesicherte halbierte Baumstämme) gerollt und hatten uns dorthin umgesetzt und uns quasi an die leeren Stühle angelehnt. Wenn nicht gesungen wurde, wurde erzählt. Drei Geschwister und eine Freundin, alle zwischen 6 und 8 Jahre alt, quetschten sich zwischen Marie und mich und hörten die ganze Zeit gespannt zu. Einmal kam der Vater vorbei, fragte ob alles gut sei, und verschwand wieder. Die vier Mädchen saßen mehrere Stunden bei uns und haben kaum ein Wort gesagt. Als es dunkel wurde, legte eins der Mädchen plötzlich ihren Kopf gegen mich. Total süß!

Um 23 Uhr war Nachtruhe, wir mussten in die Zelte. Die vier Mädchen wurden von ihren Eltern abgeholt, die Mutter erzählte, dass sie mit ihrem Mann einen total schönen Abend zu zweit hatte und sie nicht glauben konnte, dass die vier über Stunden hier sitzen bleiben würden. Sie hätte mehrmals aus der Ferne nachgeschaut. "Ihr habt denen bestimmt was in den Rotwein gemischt", sagte der Papa grinsend. Worauf die Älteste ansprang: "Wein durften wir gar nicht trinken, Papa. Wir sind ja noch Kinder und für Kinder ist Alkohol giftig." - Siehste?!

Samstag, 12. Juli 2014

Adler und Möwen

Keine Campingliegen, keine Feldbetten, sondern Holzpaletten mit aufblasbaren Luft-Schaumstoff-Rollmatratzen und Schlafsäcken. Die Paletten und Matratzen sowie die persönlichen Schlafsäcke (sofern man es geschafft hatte, kurzfristig jemanden damit in Hamburg zum Hauptbahnhof zu schicken) brachte Maries Papa gestern abend aus Hamburg mit einem Lkw. Dieses Paletten-Zeug hatten wir schon öfter mal bei Freizeiten in Gebrauch. Allerdings gab es zunächst noch Probleme mit dem Aufbau der Zelte. Es waren einfach zu wenig Fußgänger vor Ort, die mal mit anfassen konnten. Leider war es trotz der späten Stunde noch etwas arg windig. Mit Hilfe des Zeltplatzbetreibers und seinen von ihm dazu gebetenen Kumpeln der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr standen um halb zehn dann doch noch fünf Mannschaftszelte (zu je 23 Quadratmeter, ich habe allerdings nicht nachgemessen) aus dem Bestand einer Hamburger Hilfsorganisation, die uns die Dinger immer mal wieder günstig vermietet.

Der Tag begann heute mit zwei ernüchternden Feststellungen: Dass auflandiger Wind herrscht und dass die örtliche Badeaufsicht eine gelbe Fahne in den Wind gehängt hatte. Aus Gründen.


Und nachdem unsere Camping-Nachbarn meinten, das würde lediglich bedeuten, dass man sich eincremen soll, weil die Ozon-Belastung zu hoch sei (was hat Ozon mit Sonnencreme zu tun und seit wann wird am Strand davor gewarnt?), waren die Behinderten des Lesens kundig und wussten, dass die Damen und Herren aus der Baywatch-Fraktion uns damit signalisieren wollten, dass nicht nur ein Lifeguard on Duty, sondern auch noch das Baden saugefährlich sein würde. "Badeverbot für ungeübte Schwimmer, Kinder und ältere Menschen", stand auf einem extra verteilten Flyer, auf dem auch die Baderegeln (Unterwasser-Fondue verboten u.a.) abgedruckt waren.

"Das mit dem Ozon liegt daran, dass bei den Temperaturen so viele Leute ihre Kühlschränke offen stehen lassen", meinte selbiger Campingnachbar bierernst. Und dass Rollstuhlfahrer in der Ostsee sowieso nicht baden dürften, das sei viel zu gefährlich. Stünde auch überall auf den Blechschildern. Früher hieß es, so ein alter Hase unter unseren Teilnehmern, tatsächlich noch "Badeverbot für Kinder, Alte und Behinderte", doch inzwischen weiß man wohl, dass nicht jeder, der behindert wird, automatisch gleich schlechter schwimmt. "Baden und Schwimmen gefährlich" finde ich mal gelungen:


Und gleich daneben war ein Schild angebracht, das unseren Camping-Nachbarn vermutlich erst recht irritiert hätte. "Schätzungsweise hätte selbiger 'Steinmolen' für Energie spendende Maulwürfe gehalten, die sich zwischen Steinen verstecken, und denen regelmäßig eine Spannung anliegt, die eine komplette S-Bahn zum Summen bringen könnte", frotzelte ein Schwimmkollege herum, der sich noch immer nicht über den Unsinn mit den offenen Kühlschränken beruhigt hatte.


Ein Blick auf das Meer bestätigte, die gelbe Fahne hängt nicht ohne Grund da:


Ein Blick in den Himmel verriet, es gibt fliegende Fische. Und andere See-Ungeheuer:


Selbst Elsa standen die Haare zu Berge (anklicken!):


Nein, wir waren nicht nur zum Fotos schießen da. Und nein, das war nicht meine Spiegelreflex-Kamera, die nehme ich weder zum Schwimmen noch zum Strand mit. Wir mussten warten. Auf zwei Seekajaks, die von einem rund 15 Kilometer entfernten Wassersportverein kommen sollten, und die eine unserer Trainerinnen über Vitamin B (ihre Schwester ist dort Mitglied) organisiert hatte. Uns besuchte ein uniformierter Mensch von der DLRG, riet uns zu einheitlichen Badekappen in Leuchtfarben, versorgte Tatjana, eine andere unserer Trainerinnen (die wiederum Mitglied in der DLRG ist), mit einem wasserdichten Handfunkgerät. Sie musste sich ihre Funknummer auf dem Handrücken notieren und sich vor den Ohren des uniformierten Menschen mit dem Ding irgendwo anmelden und wurde dann in den nächsten zwanzig Minuten prompt noch fünf oder sechs Mal vom anderen Ende mit allen möglichen Fragen angesprochen. Als Anspielung darauf fragte dann einer unserer älteren Teilnehmer, ob ihm der "Adler Null-Acht-Fuffzehn Siebenundvierzig-Elf Anton" mal den Reißverschluss vom Neo schließen könnte.

Dann endlich konnten wir mal anfangen. Sehr zur Verwunderung etlicher Badegäste, die nicht sahen, dass hinter der Düne Rollstühle standen und somit nicht unbedingt verstanden, warum lauter schwarz gekleidete Leute nacheinander oder im Pulk auf dem Hosenboden sitzend durch den Sand rutschten. Das Wasser war herrlich warm, fast schon zu warm, um im Neo zu schwimmen. Die ersten zwanzig Meter, wo es noch relativ flach war, musste ich relativ schnell überwinden und mich bei jeder Welle gut abstützen, um nicht umzufallen. Spätestens mit der zweiten Welle war ich von oben bis unten komplett nass. Als ich dann endlich so tief im Wasser war, dass ich schwimmen konnte, war es ein absolut geiles Erlebnis. Es herrschte Windstärke 5, in Böen bis 7, der Wind war in einem ungefähren Winkel von 45 Grad auflandig.

Die Wellen selbst waren eher weniger die Herausforderung, ich musste mich nur beim Atmen darauf einstellen, dass ich nicht bei jedem vierten oder sechsten Zug, sondern notfalls bei jedem zweiten Zug versuche, Luft zu holen. Im Schwimmbad kann ich mich halt darauf verlassen, dass der Mund, wenn ich ihn an die Wasseroberfläche drehe, aus dem Wasser ragt, in einer großen Welle ist das mitunter nicht der Fall. Darauf mussten wir individuell reagieren und durften nicht panisch werden, wenn das nicht wie geplant beim zweiten, sondern eben erst beim vierten oder sechsten Armzug klappt. Entsprechend ruhig und kräftig mussten wir eben auch schwimmen, um mit der Atemluft lange auszukommen. Das hat einigen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern anfangs große Probleme gemacht. Viele waren wegen der unbekannten Situation eher aufgeregt und hektisch. Atmen ist ja ohnehin schon mit die schwierigste Aufgabe beim Kraulschwimmen, dann auch noch individuell auf die Umwelt reagieren zu müssen, hat einige Leute anfangs echt überfordert. Der Trick dabei war die so genannte Drittel-Atmung, die ein wenig Übung erfordert: Es wird pro Doppelschwimmzug immer nur ein Drittel ausgeatmet, allerdings wird versucht, nach jedem Doppelschwimmzug einzuatmen. Gelingt das nicht, weil das Gesicht nicht aus dem Wasser kommt, wird nicht eingeatmet, sondern beim nächsten Doppelschwimmzug das zweite Drittel ausgeatmet. Nach dem zweiten Doppelschwimmzug kommt noch ein Versuch einzuatmen, notfalls habe ich noch das dritte Drittel. Spätestens nach dem dritten Doppelschwimmzug sollte ich aber atmen können, sonst muss ich unterbrechen und komplett auftauchen. Ich habe selten das dritte Drittel gebraucht. Wichtig ist, aufzupassen, dabei nicht zu hyperventilieren. Ich kannte diese Technik schon und habe mich schnell wieder darauf einstellen können. Wichtig ist nur, dass alle ihren Rhythmus finden, nach einigen Minuten ist dieser Drittel-Kram hinfällig, er dient einfach nur dazu, überhaupt mal irgendwie zu beginnen.

Weitaus herausfordernder aber war die Unterströmung, also das, was passiert, wenn die Welle bricht und zurück läuft. An einigen Stellen war diese Strömung so stark, dass es die Leute umgerissen und vom Strand weggesaugt hat. Allerdings muss man dazu sagen, dass viele Menschen sich im Wasser bewegen wie Pinguine an Land und auch nicht nachdenken. Tippeln auf Zehenspitzen, weil das Wasser so kalt spritzt. Und geraten sofort in Panik, sobald mal irgendwas passiert, womit sie nicht rechnen. Und weil sie nicht vorbereitet sind, rechnen sie eben auch mit nichts. Solange ich nicht in der Nähe von irgendwelchen Buhnen oder Molen schwimme, gegen die mich Wellen oder Strömung werfen könnten, soll mich die Strömung doch hin und her schaukeln. Das gehört nunmal zur Ostsee. Strudel gibt es an den Ostseestränden eher nicht und solange mein Kopf aus dem Wasser guckt und ich Luft bekomme, ist doch alles gut. Einige Badegäste haben ein Geschrei veranstaltet, weil sie auf dem Hosenboden gelandet und auf diesem einige Meter wieder ins Meer zurück gerutscht sind, meine Güte. Einem älteren Herrn habe ich noch geholfen, der versuchte fast direkt neben mir panisch, mit den Händen sich im etwa ein Meter tiefen Wasser am Grund abzustützen. Anstatt einfach zu schwimmen und den Kopf aus dem Wasser zu nehmen. Unglaublich! Und wenn die Strömung an einer Stelle zu stark ist, so dass man aus eigener Kraft nicht an den Strand zurück kommt, probiert man es halt mal zehn oder zwanzig Meter weiter links oder rechts. Schwimmt flach auf den Wellen mit und setzt sich zum Schluss auf den Po, Blick in Richtung Meer und dann lässt man sich mit jeder Welle einen Meter weiter in Richtung Strand schieben und stemmt zwischendurch, wenn das Wasser zurückläuft, Füße und Hände in den Meeresgrund. Sofern man die Beine kontrollieren kann und man nicht aufpassen muss, dass einem die Knie nicht ins Gesicht schlagen.

Zugegebenermaßen: Das waren verschärfte Bedingungen. Die DLRG hatte an dem Tag in einer Tour zu tun. Nicht mit uns, sondern mit Leuten, die achtlos ins Wasser gingen. Ich begreife nicht, wieso man sich das nicht erstmal aus sicherer Entfernung anschaut. Die Leute beobachtet, vorsichtig mal bis zur Wasserkante geht und sich dann überlegt, ob man sich das zutraut. Und sobald die ersten Zweifel kommen: Sein lassen. Es gab bei uns auch Leute, die sich das nicht zugetraut haben. Die waren für unser Mittagessen und die Getränkeversorgung auf See zuständig. Die Trainingseinheit dauerte über drei Stunden (mir kam es allerdings vor wie eine), ich habe in der Zeit gefühlte drei Liter Seewasser getrunken und dazu zwei komplette Trinkflaschen mit Wasser-Iso-Mix an unserem (zweiten) Verpflegungs-Kajak, um zwischendurch mal irgendeinen vernünftigen Geschmack in den Mund zu bekommen. Inzwischen waren meine Hände schrumpelig, ich hatte trotz des vielen Wassers im Bauch mächtigen Hunger. Von unseren Leuten brauchte niemand Hilfe beim Herausklettern aus dem Wasser. Drei, vier Leute, die das schon kannten, machten das vor - der Rest orientierte sich daran und fertig.

Weil ich lange kein Foto-Posting mehr gemacht habe, gibt es noch zwei Bilder, von aus der Perspektive der Trainerin - direkt nachdem wir aus dem Wasser waren.


Einmal quer durch den Sand zu unseren Rollis - und wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Welche Wassermengen ich aufgenommen haben musste, wurde mir deutlich, als wir endlich auf der Bank saßen, unsere Neos von außen gegenseitig grob vom Sand befreiten und sie ausziehen wollten. Ich musste plötzlich so schnell und so dringend aufs Klo, dass ich gar nicht mehr zu überlegen brauchte, wie ich das jetzt am besten anstellen könnte. Ich versuchte noch, meine Füße irgendwie auf dem Rasen und nicht auf den Steinplatten zu halten, die zu aller Begeisterung auch noch abschüssig waren, aber es hatte keinen Zweck. "Jule ist undicht, Jule ist undicht!", krähte eine 12jährige Teilnehmerin begeistert. Marie, die auf dem Rasen saß und sich mit einem Handtuch bearbeitete, murmelte: "So kann man auch mit kleinen Sachen Kindern eine Freude machen." - Ich antwortete dem Küken: "Komm her, wir kuscheln!" - "Iiiiih, geh weg!", krähte sie weiter. - "Ich kann nicht gehen", frotzelte ich. "Ich bin behindert." - "Ach echt? Sag bloß."

"Ganz schön kiebig, die halbe Portion", alberte Cathleen, die direkt neben mir saß, bewusst laut und streckte der übermütigten und vom Meeresschaukeln vermutlich gut mit Adrenalin angereicherten Zwölfjährigen die Zunge raus. Ich fügte hinzu: "Stimmt, irgendwas überlege ich mir noch für sie. Mal sehen, wieviel Meerwasser sie beim nächsten Training trinken wird." - "Gar nicht!" - "Abwarten", sagte ich. Lisa fühlte sich ebenfalls auf den Plan gerufen: "Zeig mal! Haha, ich brauche meine Kamera, ich will Fotos! Schnell, wer kann Fotos von Jule machen?!" - "Nix da", versuchte ich mich zu wehren und war froh, dass niemand auf die Idee kommen würde, mir sandigen Fingern irgendwelche technischen Geräte anzufassen. Geschweige denn, sie am Strand dabei zu haben. "Ich setz mich gleich bei dir auf den Schoß."

Ehrlich gesagt war ich eher froh, dass mich die Salzwassermengen in Verbindung mit dem Geschaukel nicht zum Kotzen gebracht haben. Und die abführende Wirkung von Salzwasser im Darm sollte man auch nicht unterschätzen. Aber diesbezüglich hat mein Körper sich gut benommen.

Zum Abend hin ließ der Wind glücklicherweise etwas nach, so dass wir beim Lagerfeuer und Grillen einen wunderschönen Sonnenuntergang sahen. Leider hatte ich nur eine Handy-Kamera dabei. Dennoch:


Und als ich gegen halb drei noch zum gefühlten zwanzigsten Mal pinkeln war, hatte ich diesen Blick auf den fast vollen Mond:


Ich glaube, wir werden morgen gutes Wetter haben.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Eine Chance für ein Orga-Talent

Ich gehörte in diesem Jahr zwar nicht zum Orga-Team, da ich es zeitlich nicht geschafft hätte und ja auch in der Vorbereitungszeit nicht in Hamburg vor Ort war. Aber bevor ich bis Drei zählen konnte, hatte es mich wieder voll erwischt. Ich fuhr mit einem Kumpel (der allerdings gehörte zum Orga-Team, genauer gesagt hatte er den Hut auf) aus dem Sportverein zu einem Trainings-Camp im Schwimmen. Aus Hamburg und (näherer bis ferner) Umgebung sollten insgesamt 26 Sportlerinnen und Sportler kommen, einige davon zum ersten Mal. Marie und Cathleen waren auch dabei, allerdings reisten die beiden wegen vorheriger privater Termine getrennt von mir mit der Bahn an. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren (gerade so) volljährig, einige aber auch noch 14 oder 15 Jahre alt. Die Veranstaltung sollte in einem Bundesland stattfinden, für das früher galt: "Folge dem Kompass solange nach Osten, bis du wieder im Westen bist."

Wir waren rund zwei Stunden vor dem offiziellen Beginn vor Ort und was wir dann erlebten, hat mir wirklich die Sprache verschlagen. Geplant war, wie auch schon in den letzten drei Jahren, in einer Sportlerunterkunft (ähnlich einer Jugendherberge oder einem Sportinternat) zu schlafen und einige Häuser weiter in einer Schwimmhalle zu trainieren. Die letzten Male hatte es mehr oder weniger gut geklappt, ein paar kleinere Improvisationen waren immer nötig. Dieses Mal allerdings hatte man unser Kommen gar nicht auf dem Schirm. Derjenige aus dem Vorstand, der uns die Reservierung schriftlich bestätigt hatte (zuletzt vor zwei Wochen), war in Urlaub, die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin, die man irgendwie erreichen konnte, wusste von nichts. Sie kümmerte sich aber und rief das Vorstandsmitglied auf dem Handy in seinem Urlaub an - und erreichte ihn auch.

"Ja, nö, ich weiß auch nicht, ich habe schon in den letzten beiden Tagen versucht, der Gruppe abzusagen, aber unter der Handynummer, die mir bekannt war, ging niemand dran." - Absoluter Unsinn, denn die einzige Handynummer, die ausgetauscht wurde, war ständig besetzt und zeigte keinerlei Anrufe in Abwesenheit. Lange Rede, kurzer Sinn: Alles Diskutieren half nichts. Weder die Halle noch das Quartier standen zur Verfügung, sondern waren anderweitig belegt. Die Frage, ob man uns dann wenigstens mit einer anderen Halle weiterhelfen könne oder einem Kompromiss bei den Belegungszeiten (eine Übernachtungsmöglichkeit fänden wir vielleicht noch in einer Jugendherberge), wurde kurzerhand abgewimmelt: Das Vorstandsmitglied erklärte der hauptamtlichen Mitarbeiterin, sie solle solche Bemühungen unterlassen, es sei ohnehin nichts anderes frei und dafür werde sie nicht bezahlt. Ihr seien damit die Hände gebunden. Das Vorstandsmitglied selbst war für uns allerdings nicht zu sprechen.

So eine Kackdreistigkeit habe ich lange nicht erlebt. Nach und nach trudelten die Leute ein. Immerhin war es früh am Tag und gutes Wetter, so dass wir uns zu einer gemeinsamen Besprechung draußen verabredeten. Der Kumpel informierte zuerst die anderen Trainer und Betreuer von der Neuigkeit. Allgemeine Fassungslosigkeit machte sich breit. Eine Trainerin schlug vor, wir sollten mit allen zwanzig Leuten in die Geschäftsstelle rollen und diese komplett verwüsten. Natürlich war das nicht wirklich ernst gemeint, es zeigt vielmehr die allgemeine Empörung und Ratlosigkeit. Es war schlicht ein Super-GAU, nicht zuletzt, weil etliche Leute sich auf das Camp schon seit Monaten gefreut haben. Einige Eltern, die mitgereist waren, haben für sich Hotelzimmer gebucht. Und so weiter, und so fort.

Unser Orga-Chef wäre aber nicht Orga-Chef, wenn er kein organisatorisches Geschick hätte. Bisher waren nur die Trainer und Betreuer informiert, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer warteten artig auf einer Wiese unter Bäumen und tauschten Gummibärchen und Frotzeleien aus. Wir bekamen die Ansage: "Niemand quatscht. Ich werde diese Information an die Teilnehmer selbst verkünden. Und bis dahin überlegen wir gemeinsam, was wir alternativ machen können. Wenn wir jetzt die Leute wieder nach Hause schicken, haben wir nicht nur Dutzende traurige bis heulende Gesichter, sondern auch noch einen kaum zu behebenden Image-Schaden. Einige werden so gefrustet sein, dass sie austreten, andere werden nie wieder in so ein Camp mitwollen - wir müssen derbst vorsichtig sein und sollten mit der Absage des Camps gleich eine Alternative präsentieren, nicht zuletzt, um zu beweisen, dass wir nicht die Deppen sind, die es vermasselt haben."

Und nun? Herumtelefonieren, ob noch irgendwo Zeiten in einer Schwimmhalle frei sind? Kurzfristig eine andere Übernachtungsmöglichkeit finden? "Wer die Sportinfrastruktur in Großstädten kennt, weiß, dass öffentliche Hallen in der Regel schon auf Monate, wenn nicht Jahre, im Voraus vergeben sind. Oft verwaltet dann auch noch jeder Bezirk seine Sportstätten in Eigenregie und stellt dafür eine Halbtagskraft ab, die stets einen übervollen Schreibtisch und gar kein Interesse an kurzfristigen Improvisationen hat", meinte unser Häuptling. Vielleicht sei es nicht überall so, fügte er hinzu, und mit Sicherheit gebe es in der öffentlichen Verwaltung viele engagierte Mitarbeiter - aber andere Erfahrungen habe er in seinen zwanzig Jahren Vereinsarbeit eben auch gemacht.

"Das sind doch alles Leute, die draußen schwimmen wollen. So warm, wie das ist, machen wir einfach ein Trainingslager und trainieren statt im Chlorbecken im Freiwasser. See, Fluss, ... oder vielleicht sogar Meer? Spricht was gegen ein Camp an der Ostsee?" - Jeder schaute still in die Runde, tauschte Blicke aus. Die Idee war zumindest nicht schlecht und würde mit Sicherheit auch diejenigen reizen, die sehr hohe Ansprüche an die Trainingsqualität stellen und nicht in erster Linie aus Spaßgründen mitgefahren sind. Aber wo sollten wir in der Ferienzeit drei bis vier Dutzend Leute (einschließlich mitgereiste oder nachreisende Angehörige) unterbringen, Zugang zu vernünftigen Trainingsbedingungen und vor allem ordentlichen Übernachtungsmöglichkeiten bekommen? Eine Trainerin antwortete: "Es ist Urlaubszeit. Das kriegen wir nie und nimmer so schnell auf die Beine gestellt."

Unser Orga-Chef sagte: "Ich brauche nur Leute, die das nicht wissen und es einfach versuchen. Also einfach mal aus dem Bauch raus: Ist das eine gute Idee oder kommt das nicht gut an?" - Ich antwortete: "Die Idee ist super, aber ich habe wirklich große Bedenken, ob wir das gewuppt kriegen. Wenn jetzt nämlich Leute zuerst enttäuscht sind, dann hoffnungsvoll sind, dann wieder enttäuscht werden, ist der Image-Schaden noch größer. Weil dann haben wir zwei Dinge nicht hingekriegt." - "Da hast du recht, Jule, deswegen muss der zweite Teil unbedingt klappen. Ich schlage vor, wir setzen jetzt alle Hebel in Bewegung und wir geben uns eine Stunde Zeit. Dann resümieren und entscheiden wir." - Alle nickten.

"Ich brauche ein Internet-Laptop und ein paar Leute mit Telefon. Mein Telefon hab ich im Auto, Laptop mit WLAN hat hoffentlich jemand von Euch. Wir fahren jetzt zum Bahnhof und setzen uns dort in ein Schnellrestaurant mit Internet. Wir gönnen uns eine Runde Getränke und dann will ich rauchende Köpfe sehen. Und Angehörige werden nicht eingebunden, ich will nicht, dass in der Zwischenzeit jemand sein Kind auf der Wiese anruft und die ersten nach Hause fahren, bevor wir wieder zurück sind." - Er trommelte die Horde zusammen und sagte: "Leute, es gibt wie bei jeder größeren Veranstaltung noch ein paar organisatorische Probleme. Wir müssen noch ein paar Gespräche führen und ziehen uns eine Stunde zurück. Danach geht es los - bitte beschäftigt Euch noch ein Stündchen mit Sonnen, Kartenspielen und Euren persönlichen Trainingszielen." - Keine Nachfrage, kein Nörgeln. Sehr gut.

"Als erstes brauche ich einen klimatisierten Bus für alle, die jetzt mit der Bahn angereist sind. Also für nahezu alle. Den brauche ich auch, wenn das alles hier in die Grütze geht. Irgendwie müssen die Leute dann nach Hamburg kommen. Also den organisieren wir auf jeden Fall. Hotels und Pensionen an der Ostsee kann ich vergessen, es ist Urlaubszeit. Also drei große Zelte und einen Zeltplatz. Plus jede Menge vernünftige Feldbetten, auf denen man drei Nächte pennen kann, ohne Rückenschmerzen und ohne sich wundzuliegen." - Eine Trainerin suchte sämtliche Verkehrsbetriebe raus. Es dauerte nicht lange, da kristallisierte sich aus den wenigen, die sofort 400 Kilometer fahren würden und noch einen Bus mit Rollstuhlhebebühne hatten, eins heraus: Für 600 € einschließlich Steuer und Fahrer würde man uns fahren. Andere Angebote reichten bis 2.500 € - ich kommentiere es mal nicht.

Und beim Zeltplatz hatten wir auf Anhieb Glück (man muss ja auch mal Glück haben): "Mein Mann ruft Sie gleich zurück.", sagte eine ältere Frau, die unter der Nummer eines direkt an der Ostsee gelegenen Mega-Campingplatzes an das Telefon ging. Keine fünf Minuten später reichte die für das Camping zuständige Trainerin das Handy an unseren Chef weiter. Ich saß genau daneben und konnte mithören. "Rollstuhltoiletten und barrierefreie Duschen haben wir. Platz haben wir nicht. Ist Ferienzeit. Aber wir schaffen Platz. Ich habe eine Wiese für Tagesgäste direkt neben dem einen Sanitärhaus, da müssen dann halt ein paar Leute auf andere Stellplätze umziehen. Das werden die auch machen, aber ich muss denen dafür was anbieten. Also zwei, drei Tagesmieten gratis. Sie kommen bei uns für die drei Nächte auf rund zwölfhundert Euro, für das kurzfristige Rangieren würde ich Ihnen drei- bis vierhundert Euro draufschlagen, die ich den Gästen anbieten muss, die jetzt Ihretwegen umparken. Wenn Sie das zahlen, können Sie sofort kommen."

"Zahlen wir. Wenn das fünfhundert werden, lässt sich darüber auch noch reden." - "Woher weiß ich denn, wer Sie sind und dass mich hier jetzt nicht jemand auf den Arm nimmt?" - "Haben Sie Internet?" - "Ja." - "Gehen Sie mal bitte auf die Seite vom [Sportverein], da ist eine Telefonnummer angegeben. Würde es Ihnen reichen, wenn Ihnen die Dame, die dort den Hörer abhebt, Ihnen das bestätigt?" - "Das würde mir reichen." - "Dann geben Sie mir fünf Minuten Zeit, das mit ihr zu klären. Notfalls stellt die Dame Sie auch zum Vorstand durch."

Unser Chef rief in Hamburg an. "Moin, wir müssen hier umdisponieren. Super-GAU, Unterkunft und Halle sind doppelt belegt worden, ich steh hier mit drei Dutzend Leuten unter freiem Himmel im Park und muss mir innerhalb einer Stunde ein Alternativprogramm aus den Fingern saugen. Meine Planung geht in Richtung Freiwassertraining in der Ostsee. Entsprechend ruft unter der Hotline gleich jemand vom Zeltplatz in [...] an und fragt, ob ich telefonisch einen Auftrag über im Moment 1.600 € erteilen darf. Kannst du veranlassen, dass der telefonisch über die Zentrale eine Deckungszusage bekommt?" - "Sicher. Hast du alles im Griff? Oder können wir was helfen?" - "Bekommst du auf die Schnelle vier bis sechs Zehn-Mann-Zelte organisiert und an die Ostsee gefahren? Ich habe zwar schon drei Eisen im Feuer, aber noch keinen Rückruf. Falls dir noch was einfällt, lass es mich wissen." - "Ich ruf dich in der nächsten Stunde zurück."

Eine Stunde später waren wir wieder zurück im Park. Unser Orga-Chef, durchgeschwitzt, vermutlich bis auf die Unterhose, trommelte die Leute zusammen, während im Hintergrund ein quietschgelber Reisebus im Rückwärtsgang in seine endgültige Parkposition rangierte. Wie immer begann seine Ansprache mit den Worten: "Bitte erstmal genau zuhören, Fragen merken. Alles, was sich in den nächsten fünf Minuten nicht klärt, kann hinterher noch einzeln besprochen werden."

Man habe die mehrjährige Zusammenarbeit mit dem hiesigen Schwimmverein vor rund zwei Stunden mit sofortiger Wirkung beenden müssen, nachdem dieser mit unverfrorener Gleichgültigkeit unser Trainingscamp spontan und ohne irgendeinen Hinweis gegen die Wand gefahren hätte. Halle und Herberge seien doppelt vergeben worden und für uns sei nichts mehr frei. Weil man auch nicht helfen wollte, habe er die Angelegenheit an die Juristen des Vereins weitergereicht, er sei angesichts des bisherigen Mailverkehrs und der schriftlichen Buchungsbestätigung zuversichtlich, dass die Fahrt für alle Teilnehmer relativ günstig werde. Solle heißen: Es werde wohl eine Schadenersatzforderung geben. Zum Glück sei kein Verantwortlicher vor Ort, den hätte er ob der allgemeinen Gleichgültigkeit sonst eigenhändig verhauen. Um aber wieder zur Sachlichkeit zurück zu kommen: Von außen reingedrückte Programmänderungen bieten manchmal auch ungeahnte Chancen. Das Trainings-Camp werde natürlich nicht abgesagt, wäre ja noch schöner, wenn Dritte uns einfach das verlängerte Wochenende versauen, sondern es werde nur der Ort sich ändern. Der Bus dort hinten sei für uns. Und der neue Ort hätte es in sich. Nicht ganz so steril wie die Sportunterkunft, dafür würde sich der Event- und Erlebnisfaktor aber mindestens verdoppeln. Unser Orga-Chef war bestimmt früher mal Verkäufer auf dem Hamburger Fischmarkt...

Es gebe etwas, was sonst eigentlich nur älteren und erfahrenen Schwimmerinnen und Schwimmern vorbehalten sei, einfach, weil es etwas anspruchsvoller sei als eine rundum geflieste Fünfzig-Meter-Bahn. Aber es seien genügend Trainer und Betreuer dabei, um auch denen optimal zu helfen, die noch nie im Freiwasser geschwommen und noch nie mit ihrem Rolli am Strand waren. Genau wie der [andere Verein, der für seine regelmäßigen Camps an einem großen See in Bayern deutschlandweit bekannt ist] böten wir kurzfristig als Alternativprogramm vier Tage Training unter freiem Himmel. Sozusagen als kleines Bonbon für den Ärger hier. Einschließlich Zelten auf einem rolligerechten Campingplatz. Mit Lagerfeuer und allem, was sonst noch dazu gehöre. Und es werde sich sicherlich auch die eine oder andere Stunde ergeben, in der man sich mal in den Sand legen und sonnen könne. "Ist das eine gute Nachricht oder eine gute Nachricht?", stellte unser Orga-Chef seine Teilnehmer mitten in ein einfach zu lösendes Dilemma.

Nach etlichen offenen Mündern, gerade unter den jüngeren Teilnehmern, und kurzem Schweigen hörte man als erstes ein lautes "Geil" aus der Runde, dann eine Mutter, die ermahnte: "Du sollst nicht immer 'geil' sagen." - Der Orga-Chef und ich tauschten einen Blick aus. Wenn das das derzeit größte Problem ist, waren wir gut im Rennen. Es werde einen Gepäck-Shuttle vom Hamburger Bahnhof zur Ostsee geben, für alle, die jetzt zu Hause anrufen und noch Sachen (wie Schlafsäcke) nachschicken wollen. "Es ist alles organisiert. Wir lassen unsere Sportler nicht hängen. Ich brauche aber von allen minderjährigen Teilnehmern ein Gespräch mit den Eltern. Von allen. Also gibt es gleich ein allgemeines fröhliches Handy-Weiterreichen. Gibt es jemanden, der nicht mitfahren möchte?"

Der ängstliche Blick in die Runde war unbegründet. Wer mit wem in welchem Zelt schlafe, ob auch Handbike- und Schnellfahrtraining angeboten werden könnten und wir Handbikes und Rennrollis aus Hamburg nachholen könnten, ob es okay sei, wenn die wenigen mitgereisten Eltern sich eine Unterkunft in dem 15 Kilometer entfernten größeren Ort nehmen würden. Eine Mutter am Telefon hatte Angst, dass ihre Tochter in der Ostsee untergluckern würde, eine andere, dass ihr Sohn sich auf der Toilette auf dem Campingplatz einen Harnwegsinfekt holt. "Das ist ein festes Klo mit Wasseranschluss in einem festen Haus, das wird genauso oft gereinigt wie das Schwimmhallen-WC." - Am Ende hatten wir alle Leute dabei. Auch Marie und Cathleen, die inzwischen eingetrudelt waren und ganz verdattert die ausgelassene Stimmung begutachteten, fanden die Alternative toll. War auch nicht anders zu erwarten. Ich tauschte noch einmal mit unserem Orga-Chef einen Blick: Der nickte zufrieden. Konnte er auch sein. Hut ab!

Mittwoch, 9. Juli 2014

Stinkesocke goes Stinkstiefel

Es war der letzte Tag vor den Hamburger Schulferien, und nachdem ich an meinem Studienort bereits alles erledigt hatte, was ich in diesem Semester unbedingt noch vor Ende der Vorlesungszeiten erledigt haben musste, konnte ich bereits frühzeitig nach Hamburg fahren. Geplant war, dass ich meine Sportkolleginnen und Sportkollegen auf ein Traininscamp begleite, das am ersten Ferientag beginnen sollte. Auch wenn ich an meinem neuen Studienort regelmäßig Sport mache, mein Rennbike und den Rennrolli inzwischen vor Ort habe und eine nette Schwimmgruppe gefunden habe - meine Leute vermisse ich trotzdem.

Bevor es losging, war ich in Hamburg noch mit einem Funktionär meines Sportvereins verabredet. Wir hatten in den letzten Wochen intensiven Mailverkehr, mit dem Ziel, einige gefühlte Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Seit einem Jahr versuchen neben mir noch mehrere andere Leute, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Die Leiter meiner Sportabteilung labern sich den Mund fusselig, bis zur Vorstandsebene dringt das Thema aber nie durch, sondern versandet unterwegs ungelesen.

Nun habe ich mehrmals sehr intensiv und hartnäckig gefühlte 25 dumme Fragen gestellt und damit wohl für einigen Wirbel gesorgt. Zwar gehöre ich nicht zu jenen Menschen, denen so etwas Spaß macht, aber sehr wohl zu jenen, die gegen gefühlte Ungerechtigkeiten kämpfen - und nicht nur gegen jene, von denen sie selbst betroffen sind, sondern auch gegen jene, von denen andere betroffen sind, die vielleicht nicht so kämpfen können. Und sei es aus Gründen, dass sie wegen ihrer körperlichen Einschränkungen kaum am PC schreiben können. Immerhin gibt es, und das war ein erfreulicher Teil dieses Treffens, nach über einem halben Jahr nun endlich eine feste Zusage aus höheren Vereinskreisen, dass man sich der beanstandeten Dinge annimmt.

Eigentlich bin ich für ein Dasein als Stinkesocke zu lieb. Behaupten zumindest einige Leute. Umso ätzender finde ich es, wenn ich mich als Stinkstiefel aufführen muss, damit andere Menschen mal alle Leute gleichermaßen ernstnehmen, auch jene, die vielleicht keine große Lobby oder allzu freche Klappe haben haben. Aber wenn es sich lohnt ... *stink*

Dienstag, 8. Juli 2014

Das sechste Gyrosbaguette

Zum sechsten Mal jährt sich mein Verkehrsunfall, der den Verlauf meines Lebens entscheidend geprägt hat.

Gyrosbaguette ist ein Stichwort, das nicht fehlen darf. Sollte ich eines Tages beschließen, mich nur noch vegetarisch oder gar vegan zu ernähren: Einmal im Jahr müsste ich eine Ausnahme machen. Und ja, einmal im Jahr muss ich nach wie vor nach Wandsbek-Gartenstadt, um zu schauen, ob der Heli dort noch steht. Er stand. Er wurde gerade betankt. Ein Mann stand mit einer Videokamera am Zaun und filmte. Als er mich sah, grüßte er.

"Na, was meinst du, starten die heute nochmal?" - "Ich weiß es nicht. Vielleicht?" - "Ich glaube ja. So warm wie es ist, kippen bestimmt noch Leute um, die einen Arzt brauchen. Interessierst du dich für Technik?" - "Geht so." - "Bist du hier stationär?" - "Nein, ich schaue nur mal nach dem Hubschrauber."

Mir war nicht nach dieser Art von Unterhaltung, von daher rollte ich weiter. Ob ich einfach mal zu der Wache fahre und unauffällig gucke, ob "meine" Ärztin Dienst schiebt? Gesagt, getan. Und tatsächlich: Auf den ersten Blick war ich mir nicht sicher, auf den zweiten schon. Sie saß an einem Tisch und schrieb. Ein Mann saß daneben auf einem Stuhl, eher lässig, und gestikulierte in der Gegend herum, als ob er eine lustige Geschichte erzählte. Die Ärztin blickte hin und wieder zu ihm hin. Als ich weiter rollte, sah ich, dass noch ein weiterer Mann im Raum war. Sollte ich dort hinein und einfach mal grüßen?

Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als der Mann, der wild gestikulierte, mich entdeckte und wohl irgendwas sagte. Die Ärztin blickte in meine Richtung. Kniff etwas die Augen zusammen und musterte mich. Ich winkte schüchtern. Sie kam nach draußen. "Sie sind doch ...", sagte sie und gab mir die Hand.

"Genau", schluckte ich. "Die bin ich. Mein Jahrestag. Ich wollte mal 'Hallo' sagen und schauen, wie es Euch geht." - "Das ist aber nett. Wie lange ist es jetzt her?" - "Sechs Jahre." - "Sechs Jahre. Wie die Zeit vergeht. Gut sehen Sie aus. Erwachsen, so vitale Hautfarbe, klasse. Kommen Sie einen Moment zu uns rein?" - "Gern."

Ich wurde vorgestellt: "Das ist Jule. Polytrauma nach Schulwegsunfall. Wurde vom Auto angefahren. Sie war damals 15." - "Das wissen Sie noch? Ich meine, wie alt ich war?" - "Es gibt Einsätze, die man nicht vergisst. Diesen beispielsweise werde ich nie vergessen. Einsätze mit Kindern, Jugendlichen und überhaupt sehr jungen Menschen sind immer sehr emotional. Dass jemand einen solchen Unfall überlebt, kommt auch eher selten vor. Dass er sich bei dem Ärzteteam bedankt, losen Kontakt hält, ist auch selten. Sie sind einer meiner besonderen Fälle, wenn ich das so sagen darf, und Sie werden mir in Erinnerung bleiben."

Der anwesende Pilot deutete auf meinen Rollstuhl. "Querschnittlähmung?" - "Zum Glück eine relativ niedrige", nickte ich. - Der Pilot sagte: "Das ist trotzdem ätzend. Aber Sie glauben nicht, wieviele frische Querschnitte wir fliegen. Reitunfälle, Badeunfälle, Autounfälle."

Die Ärztin sagte: "Jule ist mit ungeheurer Wucht angefahren worden. Sie konnte froh sein, dass sie in einem Stück geblieben ist, ihr Kopf verhältnismäßig wenig abgekriegt hat und dass sie ein gutes Herz und einen sportlichen Allgemeinzustand hatte. Ich war froh, als ich Sie im Krankenhaus hatte. Als ich Sie auf der Straße liegen sah, war meine Prognose, dass Sie die Klinik nicht lebend erreichen werden." - "Ich weiß."

"Anderes Thema", schlug die Ärztin vor. "Was machen Sie beruflich? Haben Sie schon Pläne?" - "Ich studiere Medizin." - "Nein." - "Doch." - "Wie geil ist das denn? Das finde ich ja nun mal richtig klasse. Hier in Hamburg?" - "Nee, in [...], ich habe gerade mein erstes klinisches Semester hinter mir, bin sehr glücklich damit, auch wenn es schon sehr anstrengend ist und man als Rollifahrerin sehr oft improvisieren und sehr flexibel sein muss." - "Wahnsinn, das finde ich richtig toll." - "Ich habe eine Freundin kennengelernt, die auch im Rolli sitzt und mit mir zusammen studiert, ihre Mutter ist auch Ärztin und unterstützt uns ideell ..."

Wie es leider so ist, piepte in dem Moment ein Alarm. Der Pilot sprang auf, ich wurde mit vielen Worten rausgebeten. "Wir reden ein anderes Mal weiter! Viel Glück! Tschüss!" - Und tschüss. Weg waren sie. Unter ohrenbetäubendem Getöse und jeder Menge Wind.

Montag, 7. Juli 2014

Im Schlafanzug

Der Idiotenmagnet gehört inzwischen wohl zu mir wie ein Wahrzeichen zu einer Stadt. Vielleicht ändert sich das im Laufe der nächsten Jahre bis Jahrzehnte noch, wenn das Verständnis von "Behinderung" einen anderen Umgang mit beeinträchtigten Menschen erlaubt. Wünschenswert wäre es. Dann bliebe es mir vielleicht erspart, dass mich am Geldautomaten ein Mann um die 60 anspricht, ob ich nicht froh sei, in der heutigen Zeit zu leben, in der Behinderte auch ein Lebensrecht hätten.

Ein weiterer Magnet hat sich in den letzten Monaten herausgebildet. Ich nenne ihn mal den Blaulicht-Magneten. Vielleicht finden meine Leserinnen und Leser noch eine bessere Bezeichnung für das Phänomen, dass ich zur Zeit mindestens einmal pro Monat für jemanden einen Rettungswagen bestelle oder sogar noch umfangreicher Erste Hilfe leiste. Oder alternativ den Trachtenverein Blauweiß Hamburg (oder das Pendant meines derzeitigen Studienortes) anrufe, weil direkt vor mir jemand ein Auto aufbricht (wie letzte Woche Dienstag), jemanden auf offener Straße verprügelt (wie letzten Samstag) oder auf der Autobahn seinen kompletten Werkzeugkasten verteilt, der zusammen mit einem Winkelschleifer vom Anhänger rutscht, weil eine Klappe nicht geschlossen ist.

Man muss dazu erwähnen, dass ein guter Freund von mir mich diesbezüglich noch übertrifft. Sein Büro liegt an einer vierspurigen innerorts verlaufenden Bundesstraße. Ringsherum sind viele große Kaufhäuser, ein Einkaufszentrum, zwei große Krankenhäuser mit Maximalversorgung (also 24 Stunden Notaufnahme), eine große Polizeiwache, eine Feuerwache, eine lange Fußgängerzone, mehrere Supermärkte - kurzum: Jede Menge Leben. Wenn man dort einen Nachmittag über drei Stunden im Büro steht, fahren draußen mindestens zehn Fahrzeuge mit Sirene vorbei, mindestens einmal pro Tag kracht es auf irgendeiner der umliegenden Kreuzungen oder zahlreichen Fahrbahnverschwenkungen. Laut Statistik gab es auf dem einen Kilometer (800 Meter westlich und 200 Meter östlich) vor dem Büro im Jahr 2013 insgesamt 119 polizeilich aufgenommene Unfälle mit 234 beteiligten Personen. Nicht registriert sind natürlich Bagatell-Schäden, bei denen niemand die Polizei gerufen hat. Dieser Freund erzählt, dass er einmal pro Woche die Polizei oder den Rettungsdienst ruft, weil irgendwas los ist. Ob Fahrradfahrer, die über sich öffnende Autotüren stürzen oder Passanten mit Kreislaufproblemen - irgendwas ist immer. Die traurigen Highlights seien zwei Streithähne gewesen, die sich gegenseitig direkt vor seiner Tür mit Kraftstoff übergossen hätten. Erst ist der eine mit einem offenen Reservekanister auf den anderen zugelaufen und hat seine Kleidung damit bespritzt, dann hat ihm der andere das Ding aus der Hand genommen und ihm den Kraftstoff ins Gesicht geschüttet. Festnahmen auf offener Straße und wilde Verfolgungsjagden mit der Polizei seien an der Tagesordnung - seine Bürotür hat inzwischen einen Summer, den er nur noch betätigt, wenn er weiß, wer vor der Tür steht.

Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht. Dennoch endete meine Nacht heute um 5.05 Uhr, als es bei mir an der Tür Sturm klingelte. Eine Neunjährige aus dem Haus nebenan hat mich kürzlich bei einem Nachbarschaftsgrillen auf der Straße kennen gelernt und mich gefragt, ob ich noch zur Schule gehe. Ich habe ihr erzählt, dass ich studiere, was ich studiere, und meinte dann: "Das ist praktisch! Wenn du damit fertig bist, kann ich immer zu dir kommen, wenn ich mal krank bin, und muss nicht immer zu meinem Arzt, da muss man immer so weit mit dem Bus fahren und da wartet man immer so lange."

Dieses Mädel stand heute morgen im Schlafanzug vor meiner Tür: "Jule, Jule, bitte komm schnell, der Papa liegt in seinem Bett und schnauft ganz komisch. Er wacht nicht mehr auf, auch nicht wenn ich rufe!" - Ja, schon wieder. Gegen jede Statistik. Ich rollte mit nach drüben. Nach Herz oder Kreislauf sah es nicht aus, nach Atembeschwerden auch nicht, ich vermutete ein Stoffwechselproblem als Ursache für eine offensichtliche Bewusstlosigkeit. Der Rettungswagen kam, der Notarzt auch, ich kümmerte mich solange um das Mädchen. Das Mädchen durfte ins Krankenhaus mitfahren. Eingeliefert wurde er arztbegleitet mit Musik. Welches Problem er hatte, habe ich nicht erfahren, ich werde aber später mal fragen, was los war. Damit hat eine Woche gleich mal wieder dramatisch begonnen. Und damit gibt es gute Chancen, dass der Rest der Woche entspannter verläuft.

Sonntag, 6. Juli 2014

Ostsee bei 20 Grad


Na, wer wird neidisch? Ich auf jeden Fall, wenn ich an das schöne Wochenende zurückdenke. An der Ostsee. Ich brauche den Wind, das Wasser, die Wellen, die Weite - und den Frieden.

Marie war mit, Maries Eltern waren mit, vor Ort haben wir noch eine Freundin / Kollegin von Maries Mutter getroffen, die wiederum mit ihrer Tochter (in Maries und meinem Alter) am Strand war. Wir haben tolle Spiele gespielt (wie Wikinger-Schach, Strandboccia, Zoff im Zoo, Phase 10, Elfer raus, Uno), haben gegrillt, gezeltet, uns gesonnt, waren zusammengefasst mindestens vier Stunden im Meer, es war absolut herrlich.

Schade, dass es immer so schnell vorbei ist. Aber bestimmt gibt es noch das eine oder andere tolle Wochenende in diesem Sommer.

Freitag, 4. Juli 2014

Nicht ganz so einfach wie Eier legen

Eine Ausbildung in Erster Hilfe, drei Monate Pflegepraktikum, acht Praktika, drei Seminare, zwei Kurse, vierzehn Klausuren, 320 schriftliche Prüfungsfragen in 8 Stunden, 3 Stunden praktische Prüfung - wer das schafft, hat das erste Staatsexamen im Rahmen seines Medizinstudiums geschafft. Regeldauer: Zwei bis zweieinhalb Jahre.

Danach weitere 34 Kurse in 22 Haupt- und 12 Querschnittsbereichen, mit 34 prüfungsrelevante Klausuren, die mindestens mit "ausreichend" bestanden werden müssen, dazu ein viermonatiges Praktikum (Famulatur) im Krankenhaus (zwei bis drei Monate) und in einer Arztpraxis (ein bis zwei Monate), 320 schriftliche Prüfungsfragen und Fallstudien in 15 Stunden - wer das schafft, hat das zweite Staatsexamen im Rahmen seines Medizinstudiums geschafft. Regeldauer: Drei bis vier Jahre.

Anschließend jeweils ein Quartal Praktikum in der Chirurgie, in der Inneren Medizin und in der Allgemeinmedizin, danach eine weitere praktische Prüfung - wer das schafft, hat das dritte Staatsexamen im Rahmen seines Medizinstudiums geschafft. Regeldauer: Ein Jahr.

Wer das dritte Staatsexamen geschafft hat, darf eine Zulassung als Arzt beantragen und Menschen eigenverantwortlich behandeln.

Einen Doktortitel hat er damit noch nicht. Hierfür wäre eine separate wissenschaftliche Arbeit erforderlich, die mindestens ein weiteres Jahr dauert.

Als Vertragsarzt der Krankenkassen niederlassen darf er sich damit auch noch nicht, hierfür müsste er sich noch mindestens 5 Jahre in einem Fachbereich (zum Beispiel Allgemeinmedizin) weiterbilden.

Warum führe ich das aus? Ganz einfach: Ich möchte mir vor Augen halten, welcher Aufwand nötig ist, bevor jemand einen Menschen medizinisch behandeln darf. Ich bin der Meinung, dass dieser Aufwand absolut gerechtfertigt ist, denn ich möchte darauf vertrauen können, dass jemand, der mich behandelt, auf einem hohen Niveau agiert und weiß, was er da tut. Meine körperliche Unversehrtheit und mein Leben sind mir so wichtig, dass ich mich hierauf verlassen können möchte. Wobei ich natürlich weiß, dass es auch unter Ärzten den einen oder anderen gibt, dessen Behandlung ich trotz seiner Approbation ablehnen würde, aber das ist ein anderes Thema.

Worauf ich hinaus will: Ich würde es mir nicht zutrauen, auch nicht nach fünf Semestern Medizinstudium, einen Patienten zu behandeln. Ich glaube zu wissen, wie ein gesunder Körper funktioniert. Ich glaube, erkennen zu können, wenn irgendwo etwas ungewöhnlich ist. Ich könnte raten, was es ist, und in vielen Fällen wiederholt sich das und ich rate richtig. Aber: Anhand von Erläuterungen des Patienten gezielte Hinweise zu suchen, alle Krankheiten zu kennen, die für die Probleme des Patienten irgendeine Relevanz haben könnten, vernünftige Bilder und andere Untersuchungsergebnisse zu bekommen und richtig zu interpretieren - da würde ich zum jetzigen Zeitpunkt niemals auf die Idee kommen, dass ich das ganz alleine hinbekäme. Nicht nur aus ethischen Gründen.

Schon beim Legen einer Magensonde zur künstlichen Ernährung kann man jemanden umbringen. Davon abgesehen, dass es ziemlich widerlich ist, sowas durch die Nase geschoben zu bekommen, kann man im Bereich des Kehlkopfes und des Rachens durchaus einen Hirnnerv (den 10.) so reizen, dass es ernste Komplikationen gibt. Der Vagus (so heißt der 10. Hirnnerv) ist der größte Nerv des Parasympatikus, also des Teils des Nervensystems, der die unwillkürliche Steuerung unserer Körpervorgänge verantwortet, und ist damit auch für die Regulation der Herzfrequenz verantwortlich. Durch eine übermäßige Reizung des Vagus beim Einführen einer Sonde über die Nase durch den Rachenraum kann man also durchaus den Herzschlag so verlangsamen, dass der Patient bewusstlos wird. Ganz zu schweigen davon, dass auch die Gefahr besteht, die Sonde in die Lunge zu legen oder Gefäße zu verletzen, die dann plötzlich bluten. Kurzum: Magensonde legen ist nicht ganz so einfach wie Eier legen. Entsprechend sollte nicht jedes Huhn eine Magensonde legen. Und entsprechend möchte ich mich als Patient vorher davon überzeugen, dass mein Gegenüber das beherrscht. Weil er es gelernt hat, vielleicht im Rahmen einer Pflegeausbildung, vielleicht als Angehöriger eines schwer kranken Menschens. Vielleicht im Rahmen seiner ärztlichen Ausbildung.

Ich stelle mir nun nicht mal vor, dass ich mein minderjähriges Kind einem Arzt anvertraue, von dessen Fähigkeiten ich überzeugt bin. Es reicht mir schon, wenn ich mich dabei täusche. Ganz schlimm wird es aber meines Erachtens, wenn ein solcher Arzt tatsächlich an schwer erkrankten Kindern verschiedene Behandlungen vornimmt (wie das Legen einer Magensonde), ihnen Medikamente spritzt (wo es weniger um handwerkliches Geschick, sondern um Wissen über Dosierungen, Nebenwirkungen und Komplikationen geht) und sie betreut. Von einem Arzt, der mich verantwortlich im Zustand schwerster Krankheit betreut, erwarte ich, dass er in besonderem Maße mit der Behandlung schwer- oder gar sterbenskranker Menschen vertraut ist. Und noch einmal mehr Erwartungen habe ich an ihn, wenn der Patient mein Kind wäre.

In Hannover hat ein 31jähriger Professor Dr. Marcel Roenike seine Umwelt genarrt. Er habe mit Ach und Krach den Realschulabschluss geschafft, nun im fünfstelligen Bereich Spendengelder eingesammelt, über 30.000 € mit den Krankenkassen für die Behandlung kranker Kinder abgerechnet, einen gemeinnützigen Verein gegründet und als dessen Vorstand alles mögliche angestellt, um ein Kinderhospiz zu eröffnen. Inzwischen hat ihn das Landgericht Hannover zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig, da die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel eingelegt hat. Der Gerichtspsychiater bescheinigte dem falschen Arzt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, entstanden durch eine von Gewalt geprägte Kindheit, in der der Mann keine Zuwendung und keine Förderung erfahren habe.

Ich frage mich in solchen Momenten, wo ich die Zeitung lese und meine Augen immer größer werden, warum solche Menschen in unserer Gesellschaft keinen angemessenen Platz finden. Wenn es jemand schafft, zehntausende Euro Spendengelder einzusammeln, ist er bestimmt in der Lage, sich für andere soziale Projekte einzusetzen. Allerdings müsste er sich darauf einlassen, dass er nicht der Chef ist. Denn jemand, der sich um soziale Belange anderer Menschen kümmert, muss als allererstes die anderen Menschen respektieren und anerkennen. Das tut niemand, der sich Vertrauen dadurch aufbaut, dass er mit falschen Approbationsurkunden darüber hinweg täuscht, genau zu wissen, was er gerade tut. Wie zum Beispiel Medikamente spritzen und Magensonden legen. Übrigens soll er seinen beiden Vorstandskollegen aus dem Hospizverein auch Magensonden gelegt haben ... ich hoffe, dass es dem Mann gelingt, eines Tages seine Fähigkeiten sinnvoll für die Gesellschaft einsetzen zu können.

Dienstag, 1. Juli 2014

Psychokram und hübsche Wolken

Jeder kennt sie, niemand erlebt sie gerne, aber es gibt sie immer wieder: Die Tage, die morgens schon verbraucht sind. So einer war heute. Bei mir.

Ich musste wegen meines Praktikumstages früh aufstehen, bin noch vor Mitternacht entsprechend früh ins Bett, als mich eine Kommilitonin anrief. Ich nenne sie mal Regina. Mein Handy war lautlos, da ich aber noch nicht schlief, sah ich es leuchten. Da war es etwa 22.20 Uhr. Irgendwie ahnte ich, es würde irgendetwas wichtiges sein. Und ich merkte schon bei den ersten beiden Sätzen, dass mit Regina irgendwas nicht stimmte. Sie bat mich um Hilfe. Sie sei in einer Klinik, rund 25 Kilometer von meiner Wohnung entfernt, nachdem ein Mann ... und weiter sprach sie nicht, sondern fing an zu heulen.

Ich muss dazu sagen: Ich kannte Regina kaum. Wir haben im Rahmen einer Gruppenarbeit vielleicht 10 oder 15 Stunden zusammen gearbeitet, wir haben uns mehrmals über persönliche Dinge unterhalten, wir sind einmal zusammen Essen gegangen, sie hat mir sehr viel von sich erzählt (umgekehrt eher weniger) und ich weiß von ihr, dass sie jede Menge Probleme hat, vor allem familiäre und finanzielle. Sie ist bereits Anfang 30, hat aber eben wegen dieser Problem noch lange keinen Studien-Abschluss.

Ob ich sie abholen könnte. Sie möchte einfach nicht alleine durch die Dunkelheit mit dem Bus. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, flehte sie mich an. Ich sagte ihr: "Eine gute Stunde wird es aber dauern, bis ich da bin." - Das sei kein Problem.

Während ich mich anzog, ging mir alles mögliche durch den Kopf. Und ich weiß nicht warum, aber irgendwas sagte mir: 'Fahr da nicht alleine hin!' Mein Bauch vermutlich. Mein Kopf sagte: 'Fahr da gar nicht hin!' - Ich hätte mich am liebsten gedrückt. Aber wenn jemand Hilfe braucht... Ich rief eine andere Kommilitonin an und erreichte sie - bei ihrem Freund auf dem Sofa. Sie und ihr Freund sind frisch verliebt, haben zusammen gekocht. Ich erzählte ihr von dem Anruf und dass ich zu dieser Klinik fahren wollte. "Ich komme mit", sagte die Kommilitonin, sehr zur Verärgerung ihres Freundes, der sich wohl schon lange auf diesen gemeinsamen Abend mit ihr gefreut und ihn sich bestimmt anders vorgestellt hatte. Sie meinte, sie packt noch eine Jogginghose und ein Sweatshirt ein, man wisse ja nie. Ich wusste, dass die Kommilitonin und Regina etwa genauso eng miteinander bekannt sind wie Regina und ich.

Das Navi führte uns, niemand von uns sagte mehr als drei Sätze. Dann haben wir es nicht gleich gefunden, sind an der Einfahrt erst vorbei gefahren, mussten wenden. Und als wir endlich auf dem Parkplatz standen, hatte Regina eine derart schlechte Laune und einen derart vorwurfsvollen Ton aufgelegt, dass ich fast Angst bekam. Sie machte in erster Linie meine Beifahrerin, dann aber auch mich an, warum sich nun noch andere Leute in ihr Privatleben einmischen würden, und dass es doch toll sei, wenn man sich gemeinsam über sie lustig machen könne. Ich habe einmal versucht, mit Regina zu reden und ihr zu erklären, dass die zweite Person mitgekommen ist, weil wir uns Sorgen um sie machen. Nur deshalb sind wir hier - und nicht, um über sie zu lachen.

Regina meinte, sie wisse nicht, ob sie mir als Freundin überhaupt vertrauen könne. Normalerweise würde ich ihr den Stinkefinger zeigen und Adieu sagen, nur wenn sie wirklich gerade irgendein traumatisches Erlebnis gehabt hat, tickt ja nichts normal. Andererseits: Wenn sie so unnormal tickt, wohin sollte ich dann mit ihr? Sie nach Hause bringen? Und dort alleine lassen? Konnte ich das verantworten? Regina sagte: "Entweder, du fährst mich jetzt ohne ein Wort zu mir nach Hause, oder ich rufe mir ein Taxi."

Ich sagte: "Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, wenn ich du alleine zu Hause bist." - Regina antwortete: "Also willst du mir nicht helfen, dann vergiss es einfach. Danke, dass du mich hier eine Stunde stehen lassen hast, ich hätte schon zu Hause sein können." - "Hättest du", murmelte ich. - Sie antwortete: "Dein letztes Wort? Du nimmst mich nicht mit?" - "Richtig. So würde ich dich nicht mitnehmen wollen." - "Dann noch einen schönen Abend, und unsere Freundschaft kannst du dir in die Haare schmieren." - "Okay, tschüss."

Ich rollte in die Klinik, hauptsächlich, um einmal die Toilette zu benuten. Die Klinik hatte keine Notaufnahme, nur eine Notdienstschwester, die mir auf dem Gang über den Weg lief und mich gleich fragte, wohin ich wollte. Ich fragte, ob ich einmal die Toilette benutzen könne und erzählte ihr, dass ich gekommen war, um Regina abzuholen. Nun würde sie aber wohl mit dem Taxi nach Hause fahren. Die Schwester sagte: "Das ist wohl auch das Beste." - Ich antwortete: "Ich mache mir Sorgen um sie! Müsste man sich nicht um sie kümmern?" - "Theoretisch schon, aber wenn sie sich nicht helfen lassen will, können wir niemanden zwingen." - "Naja, nach so einem Ereignis ... bräuchte sie da nicht vielleicht ein umfassendes Hilfsangebot?" - "Von welchem Ereignis sprechen Sie?" - "Sie hat mir am Telefon erzählt, ein Mann habe sie missbraucht." - "Aha. Dazu kann ich nichts sagen." - "Nein, müssen Sie auch nicht. Sie hat es mir erzählt." - "Sagen wir mal so: Bei solchen akuten Dingen würden wir niemanden einfach so gehen lassen." - "Wollen Sie damit sagen, das stimmt nicht, was sie erzählt?" - "Das haben Sie gesagt, nicht ich. Ich darf mit Ihnen nicht über die persönlichen Verhältnisse Ihrer Freundin sprechen."

Das ist jawohl eindeutig. Eigentlich. Ich frage mich noch, wem ich hier glauben soll. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das noch aufklärt. Mit Verlaub, irgendwie habe ich das Gefühl, es sind gerade zu viele Psychos in meinem Leben. Vielleicht lag es aber auch einfach nur am Luftdruck. Der soll ja in der letzten Nacht außergewöhnlich stark gestiegen sein. Von um zwei bis um fünf habe ich dann mal geschlafen, beim Praktikum ging es ähnlich merkwürdig weiter. Heute morgen in der inneren Aufnahme wurden auch fast nur komische Leute angespült.

Gleich Nummer 2 sitzt um Zwanzig nach Acht auf der Liege, schaukelt mit den Beinen, ein Hosenbein aufgekrempelt, das andere nicht, hat Stöpsel im Ohr, die er erst rausnimmt, nachdem ich ihn anticke. Er sagt: "Ich brauche dringend diese Kautabletten, dass ich nicht so oft rülpsen muss, wenn ich Brause trinke." - "Ähm, was?" - "Ja, dringend!" - "Sie sind in einer Notaufnahme!" - "Ja, ist ein Notfall! Die Tabletten sind alle." - "Mein Kollege kümmert sich um Sie."

Nummer 3 hat Schmerzen in der Nierengegend. Pinkelt auf Aufforderung blutigen Urin in den Becher. Ich frage ihn nach Fieber und so weiter, und dann, ob ich ein Ultraschall von seinen Nieren machen kann. Er antwortet: "Ja und nein." - "Wie meinen Sie das?" - "Ich habe nur noch eine Niere." - Nachdem ich aus dem Bild nicht schlau werde, hole ich einen Arzt dazu. Der veranlasst eine Röntgenaufnahme. Gefunden wird: Eine Harnleiterschiene, also ein Schlauch, der mit einem Endoskop mal in den Harnleiter (zwischen Blase und Niere) eingebracht worden ist, vermutlich wegen Nierensteinen. Diese Harnleiterschiene ist an den Enden wie ein Schweineschwanz gedreht, damit sie nicht rausrutscht. Und laut Patient liegt sie schon seit mehreren Jahren - soll aber eigentlich nur maximal wenige Wochen liegen. Mahlzeit. Er sagt: "Die hat nie Probleme gemacht." - "Bis heute", meinte der Doc. Vermutlich ist das inzwischen alles eine Einheit.

Nummer 4 ist ein Ehepaar, er war mir schon aufgefallen, weil er seine Frau mit einer weinroten E-Klasse-Limousine bis direkt vor den Eingang gefahren und das Auto mit laufendem Motor und Auspuff in Richtung Eingang stehen gelassen hatte. Sie spricht mich sofort an: "Oh nein, Rollstuhl ist ja nichts. So jung, wie sie noch sind! Blase kaputt, Darm kaputt, funktioniert denn wenigstens noch der Sex?" - Wer mich so begrüßt, muss mit solcher Antwort rechnen: "Vorführen muss ich es jetzt aber nicht, nein?!"

Ein anderer, späterer Patient, er sprach nur gebrochen Deutsch, beschrieb sein Problem so: "Ich habe starke Regelschmerzen." - "Hier steht, Sie sind männlich?" - "Nee, im Kopf!" - "Sie meinen, Sie haben regelmäßig Kopfschmerzen?" - "Nee, nur heute." - "Also Kopfschmerzen." - "Nein Regelschmerzen. Stark. Hier oben." - Der Doc klärte auf: Könnte es eine Wetterfühligkeit sein? - "Ja, habe ich manchmal, dass Kopf schmerzt wenn Gewitter naht."

Und kurz vor der Frühstückspause war da dann noch das Kind, das zu viel pupst. Vor allem beim Frühstück, was Mama nicht so klasse findet. Und vor allem, wenn es am verlängerten Wochenende bei Papa war. Denn Papa brät gerne Bratkartoffeln mit Zwiebeln. Ich schreibe alles über diesen absoluten Notfall brav auf und frage: "Wann hat Ihre Tochter zuletzt abgeführt?" - "Lulu, hast du heute morgen bei Papa einen Stinker gemacht?" - Was sagt die kleine Lulu: "Nein zwei."

Um kurz vor Mittag kam noch einer, der glaubte, er habe MS. Er war ganz aufgeregt. Er hat irgendeine Apotheken-Zeitung gelesen und befunden, dass alle Symptome, die dort beschrieben waren, manchmal auch auf ihn zuträfen. Ob er denn aktuelle Beschwerden hätte, wollte ich wissen. Nö, im Moment nicht. Aber er habe alles das, was da steht, schon mal gehabt. Einschließlich zitternde Oberlider. Vor allem links, wo das Herz sitze. Da ich das nicht offiziell bewerten darf, schreibe ich auch das alles brav auf.

Und manchmal bin ich einfach nur froh, wenn ich mich danach wieder mit einfachen Dingen beschäftigen darf. Wie "auf den Bus warten" oder "Hübsche Wolken am Himmel zählen". Oder sowas.