Montag, 31. März 2014

Ein Tag beim Arzt

Ein letzter freier Tag, bevor die Uni wieder los geht. Leider dauert es noch, bis ich verbindlich weiß, ob ich den schriftlichen Teil bestanden habe. Das wird zentral ausgewertet und man lässt sich Zeit... Allerdings kenne ich ja meine Antworten und habe sie bereits vergleichen können, und danach sieht es sehr gut aus. Zwei Fragen, bei denen ich überhaupt nicht wusste, was ich ankreuzen sollte, und geraten habe, werden wohl rausgenommen, weil die Aufgabenstellung falsch war. Bei der einen waren in einer Zeichnung Dinge gemalt, die es an der Stelle gar nicht gibt. Also ungefähr so wie: "Kann der Mensch bei Schnupfen auch durch die zweite Nase einatmen?"

Es ging zwar um das Knie und nicht um die Nase, aber das hier zu erklären, würde Absätze füllen. Von daher erzähle ich lieber etwas spannenderes: Marie und ich durften am letzten Freitag erneut bei Maries Mutter in der Praxis helfen, da dort zur Zeit fast alle Mitarbeiterinnen krank sind. Eine hat ihre Erkältung fast überstanden und arbeitet bereits wieder, aber eine Person alleine schafft das nicht. Hinzu kommt, dass zwei Praxen in dem Stadtteil zur Zeit wegen Krankheit oder Urlaub geschlossen sind. Ab 8.00 Uhr ist die Praxis geöffnet, ab 9.00 Uhr ist Sprechzeit - und um 8.00 Uhr standen und saßen bereits über 20 Leute vor der Tür. Marie rief mich um 8.15 Uhr an, ob ich zum Helfen kommen könne - ihre Mama und sie drehen jetzt schon am Rad.

Als ich um kurz vor 9 Uhr dort auftauchte, standen die Leute bis draußen. Die Mitarbeiterin an der Anmeldung meinte schon zu allen, die nichts wirklich dringendes hatten: "Kommen Sie bitte gegen 14 Uhr wieder." - Unser erster Job: Alles, was irgendwie mit Labor zu tun hatte. Einige kamen zur Kontrolle des Blutdrucks, einige zur Kontrolle des Blutzuckers, bei anderen sollte Blut abgenommen werden. Einige sollten vor Ort in einen Becher pinkeln, damit der Urin mit einem Teststreifen kontrolliert werden konnte. Alles unspektakuläre Dinge, die aber unheimlich zeitaufwändig sind, gerade wenn die Patientinnen und Patienten nicht mehr so gut zu Fuß sind und Minuten brauchen, bis sie vom Wartezimmer ins Labor gegangen sind. Alle streckten bereitwillig ihre Arme aus oder hielten mir oder Marie ihr Ohr hin, das war echt toll. Jedes Mal, wenn Maries Mutter hin und her rannte, steckte sie einmal kurz den Kopf um die Ecke.

Einen älteren Herren, der von uns Blut abgenommen bekam, traf sie draußen auf dem Gang. Das kurze Gespräch bekamen wir mit, auf plattdeutsch. Er ist schon in den hohen Achtzigern, mit weißem Oberhemd, Jacket, Krawatte, polierten Schuhen, und spricht Maries Mutter zwar immer mit "Frau Doktor" an, duzt sie dabei aber. Sie duzt dann natürlich auch. Er sagte zu ihr: "Da hast du dir aber zwei Perlen an Bord geholt. Deine Kleine ist ja schon so erwachsen, ich weiß noch genau, wie sie mit der Schultüte in der Hand in der Zeitung war. Wann steigt sie fest bei dir mit ein?" - "Das dauert noch zehn, zwölf Jahre." - "Was? Bis dahin lieg ich schon unter der Erde." - "Ach Quatsch, bei unser guten Pflege wirst du 100 Jahre alt." - "Wenn ich die beiden Hübschen sehe, fühl ich mich gleich 10 Jahre jünger. Muss nur aufpassen, dass mein Herz nicht aus dem Takt kommt." - "Das lass mal deine Frau nicht hören." - "Die ist sowieso böse mit mir. Hab letzten Freitag beim Stammtisch ein bißchen zu tief ins Glas geschaut." - "Bring ihr doch mal paar Blümchen mit nach Hause." - "Davon haben wir doch den ganzen Garten voll." - "Stammtisch ist auch jeden Monat. Lass dir mal einen Tipp geben von einer Frau." - "Meinst du wirklich?" - "Hilft immer, wenn sie von Herzen kommen. Oder du führst sie am Wochenende mal zum Essen aus. Soll schönes Wetter werden, da kann man vielleicht schon draußen sitzen." - "Aber..." - "Aber verzeiht dir nicht. Nun gib dir mal einen Ruck und schenk ihr ein wenig von deinem Herzen. Glück ist die beste Medizin und nach paar Tagen Streit ist doch auch mal wieder gut auf deine alten Tage. Nutzt die Zeit, die ihr zusammen habt, für schöne Dinge."

Marie und ich guckten uns an. Marie nickte kurz und machte eine Miene a la "wo sie recht hat, hat sie recht", bevor der nächste Patient zum Blutabnehmen rein kam. Als wir den Laborstau abgearbeitet hatten, bat uns Maries Mutter, uns in einem der beiden Sprechzimmer zu zweit breit zu machen und alle Patientinnen und Patienten anzunehmen, die mit Erkältungskrankheiten im Wartezimmer saßen. Wir sollten dann die Anamnese abfragen, also seit wann welche Auffälligkeiten und Symptome da sind, was schon gemacht wurde, nach Fieber und Allergien (Penicillin?) fragen, Blutdruck messen und dann in Hals und Ohren schauen sowie die Lunge abhören und die Lymphknoten im Kopf- und Halsbereich abtasten. Maries Mutter behandelte in der Zwischenzeit im anderen Sprechzimmer einen weiteren Patienten, kam aber bei jedem unserer Patienten später dazu und ließ sich von uns kurz beschreiben, was wir festgestellt hatten und hörte selbst auch nochmal die Lunge ab. Da Maries Mutter nicht darauf warten musste, was der Patient erzählte, bis er sich ausgezogen hatte etc., ging das natürlich wesentlich schneller. Und, bevor das wieder jemand fragt, natürlich wurden die Patienten von der Mitarbeiterin darauf hingewiesen, dass wir nur Studentinnen sind. "Sie können, wenn Sie wollen, jetzt zu unseren Praktikantinnen rein, die nehmen heute alle Erkältungen an, tippen schonmal alles in den Computer und hören Sie schonmal ab, die Frau Doktor kommt dann später dazu. Sie können aber auch warten, bis Sie direkt bei Frau Doktor dran sind. Das dauert dann aber etwas, da sind noch Leute vor Ihnen. Wollen Sie warten?"

Alle, die gefragt wurden, wollten zu uns. Wir haben uns mit Mundschutz und immer neuen Handschuhen hoffentlich alle Erreger vom Hals gehalten. Die Arbeitsweise klappte recht gut. Einige Leute erzählen ja endlos: "Vor zwei Wochen hab ich dreimal hinter einander geniest, aber ich dachte, das wäre Heuschnupfen, dann zitterte plötzlich mein Augenlid, aber das hat wohl damit nichts zu tun. Vorletzte Woche bin ich noch joggen gewesen, da taten mir meine Beine schon so weh, das war bestimmt ein Vorbote. Dann hab ich mir Holunderblütentee gekocht und ein wenig von dem Akazienhonig reingerührt, aber dann hat es mich plötzlich erwischt. Und dann bin ich mal früh ins Bett und dachte, hoffentlich ist es dann vorbei, aber nächsten Morgen bin ich mit Halsweh aufgewacht." Und so weiter. Immer, wenn wir am richtigen Zeitpunkt angekommen waren, gaben wir Maries Mutter einen kurzen Pieps über das Computernetzwerk und kurz danach, wenn sie mit ihrem Patienten fertig war, kam sie zu uns rein. Wir sollten immer schon sagen, was wir machen würden, und eigentlich war das recht überschaubar. Maries Mutter meinte, dass wir ihr eine sehr große Hilfe seien. Unser Problem ist nur, dass wir kaum Erfahrungen mit Krankheiten haben, also erstmal nur wissen, wie ein gesunder Körper funktioniert und bisher natürlich kaum Kontakt zu kranken Menschen hatten.

Dennoch war eine Patientin dazwischen, in den Siebzigern, konnte ohne Hilfsmittel gehen, wenn auch etwas verlangsamt, bei der merkte ich sofort, dass sie nicht nur eine Erkältung hatte. Sie meinte, sie habe seit Beginn der Erkältung sehr große Schwierigkeiten, Luft zu holen, sie habe bestimmt eine Bronchitis. Laut Kartei war sie seit Jahren nicht beim Arzt gewesen, wohl immer gesund. Sie sah irgendwie schon so komisch aus, blass und irgendwie wirkte ihr Gesicht leicht geschwollen. Sie meinte, es gehe ihr seit drei, vier Tagen sehr schlecht, sie schlafe im Sitzen, weil sie im Liegen ständig husten müsse, scheiß Reizhusten, meinte sie. Sie habe Kräuterbonbons dagegen gelutscht. Als ich ihre Lunge abhörte, hörte man irgendwie ... nichts. Ob sie mal husten könnte, fragte ich sie. Sie verneinte das. Marie hatte schon ihre Mama angepiepst, die in dem Moment reinkam. Marie erzählte ihrer Mutter kurz, was die Patientin beschrieben hatte. Nahm ihr Stethoskop, drückte es ihr auf den Rücken, ich drückte meins daneben, wesentlich weiter unten, als ich zuletzt versucht hatte, was zu hören. Man hörte nichts. Maries Mutter sagte laut: "Mal richtig tief ein- und ausatmen, Frau [...]. Nicht nur so auf Sparflamme."

Holla, die Waldfee. Was für ein Lärm. Das gluckerte und brodelte in ihrer Lunge, dann hustete sie etwas und hatte den ganzen Mund voll Sekret. "Nicht runterschlucken, Frau [...], spucken Sie das mal hier in die Schale." - Sie fing an zu würgen. Maries Mutter: "Das hört sich nicht gut an, Frau [...], gar nicht gut. Da kann ich hier auch nichts für Sie tun. Ich mache Ihnen eine Einweisung fertig für das Krankenhaus." - Sie wollte diskutieren. - "Nein, das nützt jetzt alles nichts, Sie müssen ins Krankenhaus. Sie haben die ganze Lunge voller Wasser. Wenn wir da jetzt nichts machen, ersticken Sie bald. Das muss jetzt erstmal untersucht werden und wahrscheinlich müssen Sie danach Tabletten nehmen, wenn Sie wieder zu Hause sind." - Sie wollte diskutieren, ob sie sofort ins Krankenhaus müsse oder vielleicht Montag hinfahren könnte. - "Sie müssen da jetzt hin, sofort, bis Montag überleben Sie das nicht. Ich rufe Ihren Mann an, Frau [...], machen Sie sich keine Sorgen. Das findet sich alles und vielleicht sind Sie nächste Woche schon wieder zu Hause. Bleiben Sie mal hier sitzen, ich komme gleich wieder."

Zeigte auf mich und sagte nur: "Mitkommen." - Ich rollte mit Maries Mutter nach draußen. Sie ging ans Telefon und wählte die 112. "77jährige Patientin, weiblich, mit fulminantem Lungenödem, noch ansprechbar", sagte sie dem Disponenten und reichte das Telefon an ihre Mitarbeiterin weiter. Bei "noch ansprechbar" schwante mir Böses. Und wie ja jeder weiß, ziehe ich solche Dinge magisch an. Maries Mutter legte mir einen Notfallkoffer auf den Schoß und schleppte ein mobiles Sauerstoffgerät sowie ein tragbares EKG-Gerät ab. Sie legte der Patientin einen Zugang in die Handvene, klebte das EKG auf. Sie bekam Sauerstoff unter die Nase und kam auf eine Sättigung von 94%.

Kurz danach war der Rettungdienst vor Ort. Die beiden Sanitäter waren anfangs noch recht lustig drauf. Die Frau setzte sich auf die Trage, wurde hochgehoben. "Oberkörper bleibt immer oben", sagte Maries Mutter zu den beiden. Kaum war sie auf der Trage, wurde sie von einer Sekunde auf die nächste bewusstlos, der Puls ging zunächst auf 45, dann auf < 24 runter - mit entsprechend begleitetem Lärm durch die angeschlossenen Geräte, anders als bei unserem Praktikum auf der gastroenterologischen Station. Schaum lief ihr aus dem Mund. "Intubieren, absaugen, und falls mal jemand Zeit für eine Herzdruckmassage hätte", sah man Maries Mutter das "P" in den Augen stehen. Marie und ich guckten uns an. Dass das von einer Sekunde auf die nächste so umkippen kann, hätten wir nicht vermutet. Wir hielten uns im Hintergrund. Ich kürze es ab: Es gelang Maries Mutter, massenweise Sekret aus der Lunge abzusaugen. Nach 3 x 30 Herzdruckmassagen und entsprechenden Medikamenten über die Vene schlug das Herz sofort wieder regelmäßig mit einem Puls von etwa 70. Als sie nach fast 20 Minuten soweit stabil und versorgt war, dass sie abtransportiert werden konnte, traf auch endlich mal der Notarzt ein.

Das Sprechzimmer sah aus wie ein Saustall von dem ganzen Verpackungsmüll und Zellstoff und so weiter. Maries Mutter sah aus wie aus dem Wasser gezogen. Schweiß lief ihr in Strömen durch das Gesicht, ihr Hemd war zwischen den Brüsten und unter den Armen großzügig durchtränkt. Sie setzte sich auf einen Stuhl, ihre Hände zitterten. Marie nahm sie in den Arm. "Hast du gut gemacht, Mami. Ich bin so stolz auf dich." - "Was für eine Scheiße. Mensch, war das nun nötig? Hätte sie nicht mal einen Tag eher kommen können? Warum warten die immer alle bis zur letzten Sekunde?"

Als wir ins Wartezimmer kamen, war dort Totenstille. Mindestens zwei Dutzend Augen guckten uns fragend an. Maries Mutter sagte laut: "Sie wird es überleben."

Allgemeines seufzen. Was allerdings jetzt noch kommt, zieht einem die Schuhe aus. Maries Mutter hatte kurz geduscht und sich frische Sachen angezogen, bevor die nächste Patientin aufgerufen wurde. Wir sollten an der Anmeldung helfen. Plötzlich kam Maries Mutter raus, stapfte ins Wartezimmer, ging einen etwa 25jährigen Mann an. "Haben Sie hier gerade erzählt, dass es ein Fehler der beiden Praktikantinnen gewesen wäre, der dazu geführt hat, dass die Frau mit dem Notarzt weggebracht werden musste?" - Marie und ich guckten uns mal wieder an und glaubten, unseren Ohren nicht zu trauen. - "Haben Sie oder haben Sie nicht?" - Der Mann stammelte: "Ich habe gesagt, dass es so aussieht, als wenn." - "Raus. Sofort." - "War ja klar, dass Sie sie in Schutz nehmen. Dürfen Sie mich überhaupt ablehnen?" - "Raus! Sie sind wohl schief gewickelt. Und kaum als Notfall hier reingekommen. Lassen Sie sich hier nicht wieder blicken." - Erneut starrten alle möglichen Leute erschrocken durch den Raum. Als er draußen war, sagte Maries Mutter: "Die Patientin war seit Tagen in einem lebensbedrohlichen Zustand. Meine Leute haben das sofort erkannt und mich gerufen. Dadurch konnte der Patientin geholfen werden. Sie hat hier, bevor sie umgekippt ist, keinerlei Medikamente bekommen. Damit liegt auch kein Behandlungsfehler vor, wie der Wichtigtuer hier behaupten wollte." - Sagenhaft. Aber wie schon gesagt und bereits bekannt, ich ziehe sowas an.

Donnerstag, 27. März 2014

Service und andere Krankheiten

Dokumentationen im Fernsehen gucke ich eher selten. Das liegt hauptsächlich an meinen Fernsehgewohnheiten: Eher sehr selten, und wenn, dann meistens abends, vom Bett aus, kurz vor dem Einschlafen. da möchte ich dann meistens mich nicht mehr großartig konzentrieren und über -meistens verdächtig mundgerecht präsentierte- Fakten und Beobachtungen nachdenken.

Kürzlich blieb ich aber dennoch an einer Dokumentation über eine Verlagerung der Umsätze vom Einzel- zum Versandhandel hängen. Immer mehr Leute bestellen online und lassen sich die Ware nach Hause liefern. Verschiedene Gründe und Motivationen wurden genannt, und ich hatte den Eindruck, die Reportage war bei der Bewertung dieser Gründe und Motivationen nicht neutral, sondern pro Versandhandel. Nicht nur, weil auf den Aspekt des persönlichen Service vor Ort (im Einzelhandel) überhaupt nicht eingegangen wurde. Und der ist es überwiegend, der mich hin und wieder dazu veranlasst, trotz etwas höherer Preise vor Ort zu kaufen.

Was mich beim Versandhandel am meisten stört, ist das Drama, das entsteht, wenn niemand zu Hause ist, um das Paket anzunehmen. Eine Möglichkeit ist, dass Nachbarn das Paket annehmen. Was aber, wenn sie ein Paket annehmen, bei dem ich die Annahme verweigert hätte? Beispielsweise, weil es schon aus dem Karton tropft, selbiger in Fetzen hängt oder ähnliches. Transportschaden? Pech gehabt, weil nicht sofort reklamiert. Und was ist, wenn die Firma nicht liefern kann? Dann bin ich im Zweifelsfall erstmal wochenlang an die Bestellung gebunden. Natürlich könnte ich es inzwischen woanders kaufen bzw. bestellen und dann versuchen, von meinem Rückgaberecht Gebrauch zu machen. Was aber auch wieder umständlich wird, wenn ein Nachbar das (zweite) Paket annimmt.

Kurzum: Am liebsten mag ich es so: Einen Artikel aussuchen, einen freundlichen Verkäufer anflirten, damit er das nicht nur etwas billiger macht, sondern mir den Karton auch gegen ein kleines Trinkgeld ins Auto lädt, sofern das Ding größer ist als mein Schoß. Zu Hause einfach auspacken, einschalten, fertig.

So war ich in der letzten Woche unterwegs und suchte: Ein DVI-Kabel, ein analoges Antennenkabel und eine Packung CD-Rohlinge. Marie brauchte für ihre Oma eine neue Mikrowelle (nachdem bei dem 20 Jahre alten Gerät angeblich Funken aus dem Gerät sprühten) und Maria braucht einen neuen Kühlschrank und hätte gerne in ihrer Wohnküche, die zum Zimmer gehört, einen eigenen Geschirrspüler. Sie hat nun über ein halbes Jahr den Anteil, den sie von ihrem Arbeitslohn behalten darf, zusammengespart und wollte, wenn sie den Kühlschrank vor Ort findet, den Geschirrspüler gleich mitbestellen und zusammen anliefern und anschließen lassen.

Insgesamt kamen also drei süße Mädels in den Laden gerollt und wollten mehrere hundert Euro loswerden. Im ersten Laden (drei standen zur Auswahl, alle drei gehören zu großen Ketten mit Filialen in ganz Deutschland, zwei von ihnen haben in den großen Tageszeitungen oft seitenweise Anzeigen oder dicke Beilagen) rollten wir zuerst zu den Mikrowellen. Zwanzig Mal stand das gleiche Modell in den Regalen, von einer Noname-Firma für 49 Euro. Am Ende des Regals gab es dann noch drei andere Modelle. Eins davon entsprach den Kriterien, die Maries Oma vorgegeben hat: Drehknopf, einfach zu bedienen, kein Schnickschnack, leicht zu reinigen, Markenprodukt, bis 100 Euro. "Ja, da haben wir leider nur noch den Aussteller, der Hersteller will seit Wochen nicht liefern, die nächste Ware kommt erst am 21. April." - "Bekommen wir den Aussteller denn etwas günstiger? Immerhin haben daran ja schon etliche Leute rumgefummelt und zerkratzt ist er auch schon etwas." - "Auf 95 kann ich noch runtergehen, aber mehr nicht, das ist schon ein günstiges Angebot. Ja und Geschirrspüler und Kühlschränke liefern wir nur bis zur Bordsteinkante." - Und tschüss.

Laden zwei. Maria sagte: "Vielleicht sollte ich mal meine Jacke aufmachen, damit man meine Rundungen etwas besser sieht." - Allgemeines Gelächter. Ein junger Verkäufer, in meinem Alter, wollte wissen, ob Marie einen Geschirrspüler überhaupt selbst bedienen könnte. Nachdem wir das geklärt hatten: "Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie pro Artikel nicht die angeschlagenen 20 Euro, sondern 70 Euro Liefergebühren zahlen. Dafür nehmen wir das Altgerät aber kostenlos zur Entsorgung mit." - "Wie jetzt? Warum 70 Euro, hier steht 20." - "Wegen der Entfernung." - "Wir wohnen keine fünf Minuten Autofahrt von dieser Filiale weg. Was meinen Sie mit Entfernung?" - "Ja, ähm, wir liefern über die Spedition [XY] aus [einer anderen Stadt]. Und für die zählt als Ausgangspunkt immer der Sitz unserer Hauptfiliale in Hamburg. Und dieses hier ist nur eine Zweigstelle. Und..." - "Sie brauchen gar nicht weiterreden, schönen Tag noch."

Laden drei. Marie zu Maria: "Pack deine Titten wieder ein. Das führt nur dazu, dass die denken, wir sind völlig beknackt." - Nachdem wir 15 Minuten herumstanden und mindestens sechs Verkäufer eilig an uns vorbei rannten, rollte ich zur Information, mit der Frage, ob uns vielleicht jemand bei den Mikrowellen bedienen könnte. Die Dame brachte mich sehr freundlich zu einem Verkäufer, der allerdings noch drei Kunden vor uns hatte. Nach weiteren 10 Minuten waren wir dran. "Für diese Mikrowelle hier", sagte Marie und zeigte auf die einzige, die einen Drehknopf hatte und zudem das gleiche Modell war wie in dem ersten Elektronikladen, "interessiere ich mich. Mich wundert aber der Preis: 149 Euro. Drüben, bei [XY] gibt es die für 99 Euro. Ist das nicht ein wenig viel Unterschied?" - "Natürlich bekommen Sie die bei uns auch für 99 Euro, wenn es die bei [XY] tatsächlich für 99 Euro gibt. Steht ja auch vorne an unserer Servicetafel. Ich rufe da mal eben an."

Der Verkäufer holte ein Notizbuch aus der einen Tasche, nahm sein schnurloses Telefon aus der anderen, suchte eine Nummer raus, wählte und sprach: "Hallo Jürgen, die Mikrowelle 12345ABC von XY, hast du die da? Und was kostet sie bei dir? 129 Euro, okay. Danke! Ja, leg dich wieder hin!" - Und dann zu uns: "Also, sie kostet da nicht 99 Euro, sondern 129, kann es sein, dass Sie sich auf dem Preisschild verguckt haben? 129 erscheint mir auch plausibler." - Marie antwortete: "Nein, wir haben mit ihm ja noch gesprochen, er wollte uns sogar noch bis auf 95 Euro Nachlass geben. Also hat er sich wohl eben vertan." - "Ich habe ihm ja die korrekte Bezeichnung mit Nummer durchgegeben, aber machen Sie sich nichts draus, das versuchen alle Kunden, die den Preis drücken wollen. Ich bin Ihnen nicht böse deswegen." - "Wie bitte?", fragte Marie.

Ich hatte inzwischen auf der Webseite des anderen Unternehmens gesucht und die Mikrowelle dort mit 99 Euro gefunden. Ich konfrontierte den Verkäufer damit. Antwort: "Tja, dann hat mir der Verkäufer wohl einen falschen Preis genannt. Aber das habe ich schon öfter erlebt, immerhin will er Sie ja auch nicht verlieren als Kunden." - "Wieso? Wir sind doch schon raus aus dem Laden." - "Ja, aber er denkt vielleicht, Sie kommen zurück. Dann entschuldigt er sich, das sei im Stress passiert, er hatte gerade noch drei Kunden an der Backe, aber jetzt mache er Ihnen einen Superpreis und sie können das Ding gleich bei ihm mitnehmen."

Das konnte ja nicht passen, denn er hatte die Mikrowelle ja gar nicht da. Was wir unserem jetzigen Verkäufer natürlich nicht erzählt haben. Er sagte: "Also 124 Euro könnte ich Ihnen als Angebot machen, aber das ist das letzte Wort." - Nein. Schönen Tag noch. Ein vertrauensvolles Verhältnis lässt sich so nicht aufbauen. Ich guckte nach dem analogen Antennenkabel: 49 Euro für 15 Meter. 15 Meter brauche ich nicht, aber 5 Meter war nicht da und alles darunter wäre zu kurz. Ansonsten gab es nur noch welche, bei denen der Anschluss nicht passte. Eine Verkäuferin, die gerade daneben stand, meinte: "Da sind die Stecker vergoldet, deswegen ist das so teuer." - Ja nee, ist klar. Und tschüss.

"Okay. Den halben Nachmittag unterwegs gewesen, nichts erreicht. Lasst uns auf dem Weg nach Hause noch einmal in das erste Einkaufscenter gehen, ein Eis essen und auf dem Rückweg den Jürgen ansprechen, warum er da für einen Quatsch am Telefon erzählt. Ich will jetzt wissen, ob er wirklich drei Kunden an der Backe hatte." - Ergebnis: Das Eis schmeckte gut und Jürgen sagte: "Hier hat nie einer angerufen." - Ohne Worte.

Also bestellen wir nun doch per Internet. Spaßeshalber habe ich das vergoldete Antennenkabel mal bei einer Preisvergleichsseite eingegeben: Bei 16,90 Euro inklusive Versand geht es los. Ja, sorry, dann darf sich wirklich niemand wundern, wenn die Leute zunehmend im Versandhandel bestellen. Das ist kein Service-Defizit, das ist Abzocke.

Als mangelhaften Service würde ich eher beschreiben, wenn ich Ende Januar ein millionenfach verkauftes Auto bekommen soll, die Auslieferung sich aber inzwischen bis Mitte April verzögert. Es ist noch nicht mal bei der Stelle (im Werk) angekommen, die den behindertengerechten Umbau vornehmen soll. Und wer jetzt denkt, dass das Autohaus mal selbständig bei mir anruft und mich auf dem Laufenden hält, täuscht sich. Wenn ich nicht immer wieder nachfrage, bekomme ich keine Infos. Und oft ist der Verkäufer gerade nicht zu sprechen, hat sein Telefon auf die Zentrale umgestellt. Und zurückrufen? Fehlanzeige. "Hoffentlich gewährt man dir anständigen Rabatt", sagte kürzlich ein Kumpel von mir. Ja, tun sie, aber wegen meiner Behinderung. Und was nützt mir Rabatt? Ich möchte das Auto. Mein letztes habe ich storniert, nachdem der Händler trotz zweier großzügiger Nachfristen innerhalb eines Jahres nach Liefertermin kein fertiges Auto präsentieren konnte. Ein Drama.

Und um diesem Meckerpost noch einen draufzusetzen: Abends haben wir uns eine Pizza liefern lassen. Ich mag dieses "Pizza aus dem Karton fressen" eher nicht so gerne, aber wenn etliche andere Leute aus der WG bestellen, bestelle ich mir, vielleicht einmal pro Quartal, auch so einen Fraß. Möglichst mit viel Gemüse. Ich habe mal ein Foto gemacht von einer Pizza mit Salami und Schinken, exakt so, wie sie sich meinem Mitbewohner beim ersten Öffnen des Kartons präsentiert hat. Lauwarm und ...


... jeder Hund würde sich sofort abwenden. "Haben die mit dem Karton Frisbee gespielt?", war die erste Frage des Mitbewohners, der sie bestellt hatte. Die anderen waren nicht wärmer und sahen nicht besser aus. In diesem Sinne: Prost Mahlzeit!

Freitag, 21. März 2014

Noch Fragen?!

Einmal pro Jahr muss es sein. Zuletzt war es im Juli 2013 soweit, aber der Wunsch nach einer Wiederholung erreichte uns bereits mehrmals. Und insbesondere, wenn in Kommentarfeldern völlig aus dem Zusammenhang gerissene Fragen auftauchen und sich die E-Mails mit allen möglichen Fragen häufen, wird es allerhöchste Eisenbahn. Wofür?

Für eine neue Frage- und Suchmaschinenrunde! Letztes Jahr gab es eine Fragerunde und anschließend ein Suchmaschinen-Spiel ... in diesem Jahr haben Sally und ich uns geeinigt, das in einer Aktion zusammenzufassen. Das bedeutet:

Ihr, also unsere Leserinnen und Leser, dürft uns mal wieder all jene Fragen stellen, die euch so auf der Seele brennen. Sobald 100 Fragen zusammengekommen sind, werden wir sie beantworten, sofern sie uns nicht zu weit gehen. Da wir beide alle Fragen beantworten, stellt die Fragen nach Möglichkeit so allgemein, dass wir beide darauf eine Antwort geben können - und ich bin mir sicher, dass Marie und D. dieses Mal auch wieder Lust haben werden! Und falls ihr selbst bloggt und mitmachen möchtet oder einen Blogger kennt, der Lust darauf hat, die Fragen auch zu beantworten und das Ergebnis auf seinem Blog zu verlinken, meldet euch bitte bei uns!

Eure Fragen könnt ihr als Kommentar entweder hier unter diesem Beitrag oder bei Sally unter dem gleichen Beitrag stellen. Entweder als konkrete Frage oder, manchmal besser, als Stichwort zum Brainstorming.

Wir sind gespannt!

Bullshit-Bingo

Das Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo funktioniert wie folgt: Bei allen in Frage kommenden Alltagssituationen auf das Auftauchen obiger Sätze warten und von der Liste streichen. Bei einer gefüllten Reihe, Spalte oder Diagonalen "Bingo" rufen. - Wie lange ich denn bräuchte, bis ich alle 25 Felder durchgestrichen habe, wurde ich kürzlich über Twitter gefragt, nachdem eine Blogger-Kollegin dieses Spielchen veröffentlicht hatte.

Die Frage ist deshalb nicht spannend, weil ich bereits im Juni 2012 in meinem Blog "50 Sätze" gepostet habe. "Fünfzig Sätze, mit denen ich als Rollstuhlfahrerin in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen mehr als einmal konfrontiert wurde."

Und von den 25 Bingo-Feldern sind genau 21 (nahezu) wortwörtlich (grün) oder inhaltlich (blau) in meinen "50 Sätzen" enthalten. Nach knapp 2 Jahren rufe ich daher zwar nicht mehr andauernd "Bingo", fühle mich aber nach wie vor darin bestätigt, dass andere Menschen aus der Blogger-Szene genau dieselben Wahrnehmungen in ihrem alltäglichen Leben haben und ganz offensichtlich mit haargenau denselben Sätzen konfrontiert werden wie ich.

Physikum - schriftliche Prüfung

Ich habe es überstanden. Das Ergebnis habe ich noch nicht, es ist also theoretisch denkbar, dass ich in einem halben Jahr noch einmal ran muss, aber für den Moment kann ich das Thema vor allem in meinem Kopf weit zur Seite schieben. Ich rede von schreibe über den ersten Teil der ärztlichen Prüfung, früher offiziell Physikum genannt, heute inoffiziell noch immer. Den mündlichen Teil hatte ich in der vorletzten Woche schon hinter mich gebracht, der schriftliche Teil war zu Beginn dieser Woche dran. Zwei Tage zu jeweils vier Stunden, pro Tag 160 Multiple-Choice-Fragen aus insgesamt vier Fächern. Es handelt sich dabei um eine Zwischenprüfung nach Ende des 4. Semesters. Sie schließt den Teil des Studiums ab, in dem man lernt, wie der Körper funktioniert, wenn er gesund ist. In weiteren mindestens 9 Semestern (Mindeststudienzeit) kann man nach Bestehen des Physikums lernen, welche Krankheiten es gibt und wie man sie behandelt.

Im Moment glaube ich fest daran, dass ich diese Zwischenprüfung bestanden habe. Der mündliche Teil ist bestanden, denn ansonsten hätte ich vor dem schriftlichen Teil schriftlich erklären müssen, ob ich trotz Nichtbestehen des mündlichen Teils den schriftlichen Teil ablegen möchte. Das hätte beispielsweise dann Sinn gemacht, wenn man den mündlichen Teil einfach ein halbes Jahr später noch einmal machen möchte. Die Erfahrung zeigt aber wohl, dass etliche Leute, die den mündlichen Teil nicht bestehen, hinwerfen. Immerhin gab es wohl auch dieses Mal diverse Leute, die mit unter 10% korrekten Antworten sang- und klanglos abgesoffen sind. Wenn ich durchschnittlich mehr als 9 von 10 Fragen falsch habe, würde ich mir, glaube ich, auch Gedanken mache, ob das Studium für mich das richtige ist. Es sei denn, ich kann mir erklären, warum ich die mündliche Prüfung schlicht verkackt habe, gleichwohl aber die schriftliche bestehen werde.

Ich habe mich mit Marie und anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen ausgetauscht, und ich habe ein sehr gutes Gefühl. Bei einer Frage weiß ich jetzt schon, dass ich mit einem falschen Wert multipliziert habe, zwei oder drei Fragen habe ich nicht gewusst, da habe ich irgendwas angekreuzt (immerhin um 20% besser, als nichts anzukreuzen), bei zehn oder zwölf Fragen war ich mir unsicher und habe ... naja "geraten" wäre der falsche Ausdruck, aber ich war froh, nur Kreuze setzen und weder Lösungsweg noch Begründung abliefern zu müssen. Einige davon sind aber richtig gewesen, wie ich hinterher festgestellt habe. Also ich habe ein sehr gutes Gefühl und ich war auch bereits mit einem sehr guten Gefühl in die Prüfung gegangen. Auch wenn ich dafür bereits ausgiebig belächelt wurde.

Ich muss aber auch sagen, dass ich so derbe unter Strom stand, dass ich mich erst heute wieder einigermaßen ansprechbar fühle. Ich habe von den letzten 48 Stunden mindestens 35 im Bett verbracht und nur geschlafen. So aufgeregt wie am ersten Prüfungstag war ich schon lange nicht mehr. Mein Herz raste so sehr, dass ich schon Angst hatte, mein Kreislauf würde schlapp machen. Hat er aber nicht. Ich bin an beiden Tagen mit dem Taxi zur Prüfung gefahren. Selbst Auto fahren wollte ich nicht, dafür war ich zu aufgekratzt, Bus und Bahn wollte ich mir auch nicht antun.

Am Mittwochabend bekam ich von Ronja noch eine Ganzkörper-Entspannungs-Massage - statt Physiotherapie. Ich bin auf der Liege fast eingeschlafen. Heute morgen hatte ich meine erste vernünftige Mahlzeit nach vier Tagen Appetitlosigkeit. Doch, ich habe in den vier Tagen was gegessen, aber es schmeckte mir nicht. Im Gegensatz zu heute morgen.

Montag, 10. März 2014

Noch eine andere Idee

Ich hatte es ja bereits angedeutet: Wenn ich verhindern möchte, dass bei der aktuellen Zins- und Inflationslage meine Entschädigung, die ich wegen meines unverschuldeten Unfalls einst bekommen habe, immer mehr an Kaufkraft verliert, muss ich sie anders anlegen. Darauf bin ich nun schon mehrmals hingewiesen worden, und zwar nicht nur von meinem Bankberater, der vielleicht noch selbst ein Interesse an neuen oder anderen Abschlüssen haben könnte. Das weiß eigentlich auch jeder inzwischen - die Frage ist nur, wo man sein Geld vernünftig anlegt. Irgendwelche spekulativen Geschäfte, bei denen man sehr schnell sehr viel Geld verlieren kann, kommen für mich überhaupt nicht in Frage.

Es gab daher in der letzten Woche die Überlegung, in Wohneigentum zu investieren, und es gab auch bereits eine etwas konkretere Idee, die sich aber inzwischen wieder zerschlagen hat. Die Übernahme eines Grundstücks mit einem begonnenen Bau aus einer Versteigerung nach Tod des Eigentümers kommt nicht in Frage, da der Rohbau Schrott ist und abgerissen werden müsste. Die Bauarbeiten wurden im Oktober eingestellt und das Ding hat erhebliche Frostschäden erlitten, sagte zumindest ein Freund von Maries Vater, der sich das vor Ort angeguckt hat und das beurteilen kann. Im Gegensatz zu mir.

Aber, und das ist absolut lustig, ich ziehe ja immer alle möglichen Leute an. Viele Idioten, aber anscheinend auch Nicht-Idioten. Während also Marie und Maries Papa und dieser besagte befreundete Fachmann und ich dort standen und die beiden Männer über den Zustand des halben Rohbaus fachsimpelten, kam in Hausschuhen ein alter Mann mit weißen Haaren in brauner Cordhose mit Hosenträgern und Holzfällerhemd aus dem Gebäude auf der gegenüber liegenden Straßenseite angeschlurft und stellte sich dazu. Grüßte mit "Moin moin", fragte, ob die beiden das Grundstück kaufen wollen. Maries Vater gab ihm die Hand und sagte: "Eher nicht, das sieht nicht so toll aus, was die hier gemacht haben." - "Nö, das muss wieder abgerissen werden, das haben sie ja alles vergammeln lassen. Ein Schandfleck hier vor meiner Haustür, bald 50 Jahre wohnen wir hier, ich habe schon überlegt, ob ich das aufkaufe, den Schrott wegmache und dann wieder verkaufe. Teuer kann es ja nicht sein, gerade wenn man der Bank erklärt, dass das alles Schrott ist. Aber die Nerven habe ich nicht mehr. So gucke ich dann auf der anderen Seite aus dem Fenster und hoffe, dass sich hier schnell jemand findet, der das Grundstück kauft."

"Wie ärgerlich", antwortete Maries Vater. "Wir suchen eigentlich was für die beiden jungen Damen, die wollen bauen, da wäre das Grundstück eigentlich gut geeignet." - Marie und ich guckten uns an. Wir wollen bauen? Davon wussten wir ja noch gar nichts. Aber es ist spannend, wer sich so alles Gedanken um die sinnvolle Anlage meines Geldes macht und Maries Vater wird schon wissen, warum er das dem alten Mann so erzählt. Und tatsächlich: "Nee, das ist kein Schnäppchen hier, da handeln Sie sich nur Ärger mit ein. Da lassen Sie mal die Finger von! Obwohl ich die beiden Hübschen ja gerne als Nachbarn haben würde, so ist das ja nicht!" - Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: "Spaß muss sein, ja? Meine Frau und ich haben schon goldene Hochzeit gefeiert, also bitte nicht falsch verstehen." - "Ich fühl mich geschmeichelt", antwortete ich.

"Fragen Sie doch mal dahinten bei ... nach. Der will schon seit Jahren verkaufen und kommt nie in Schwung. Vielleicht lässt er sich ja von ihrem Wimpernaufschlag hinreißen. Da hätten Sie wirklich ein tolles Grundstück. Große, ebene Fläche, sehr reizvoll." - Maries Vater fragte nach: "Darf man da denn überhaupt bauen?" - "Das ist als Bauland verkauft worden, damals. Er hat sogar richtig Ärger gekriegt, weil er es nicht bebaut hat. Musste Strafe zahlen, und nicht zu knapp. Irgendwann haben sie ihn dann aber in Ruhe gelassen. Er hat das damals nur gekauft, weil er eine große Fläche für seine Schafe und Ziegen haben wollte. Die hat er aber schon lange nicht mehr. Soll ich den mal anrufen? Ich kenn den noch von früher. Ich ruf den gleich mal an. Kommen Sie doch kurz mit rein. Ach nee, Sie kommen die Stufen ja nicht hoch. Dann kommen Sie doch alle mit auf die Rückseite zur Terrasse."

Er schlurfte vorweg, die Karawane hinterher. Ein Schäferhund stand an der Grundstücksgrenze und beobachtete alles genau. Herrchen streichelte ihm im Vorbeigehen über den Kopf und sagte: "Ist gut, Dicker, Opa bringt Besuch mit." - Das war das este Mal, dass ich jemanden über 70 das Wort "Dicker" in den Mund nehmen hörte. Sonst ist "Digger", "Alder" und so weiter ja eher Jugendslang - furchtbar, wie ich finde. Seine Frau, ebenfalls weiße Haare, mit bunter Kittelschürze, guckte erstaunt. "Wen schleppst du denn da an?" - "Muddi such doch mal das Telefon raus, ich will Erwin eben anrufen." - "Was willst du denn von Erwin?" - "Hier die suchen ein Baugrundstück. Erwin hat doch immernoch seinen Acker da. Wo die ganzen toten Bäume draufstehen. Vielleicht verkauft er den ja endlich. Die beiden Männer suchen was für ihre Töchter hier. Ich wollt den mal eben anrufen." - "Wenn der sich mal nicht gerade hingelegt hat." - "Denn steht er eben wieder auf, sowas hat man ja nicht alle Tage."

Maries Vater sagte: "Wir wollen keine Umstände machen, wir können auch später nochmal vorbei kommen." - "Nö nööö, nu lassen Sie mal, Erwin und ich kennen uns nun auch schon 50 Jahre, ich hab ihm damals geholfen, als er sein Haus gebaut hat. Das kriegen wir schon hin. Möchten Sie was trinken?" - Ein schnurloses Telefon wurde weitergereicht und tutete schon. Der alte Mann ging ran: "Moin Erwin, hier ist ..., du hör mal: Ich hab hier gerade zwei Männer in der Bude stehen, die wollten sich das Grundstück von dem alten ... angucken, das ist aber nichts für die. Die suchen Bauland für ihre beiden Töchter und die Töchter sitzen beide im Rollstuhl. Ich hab gedacht, wir können uns doch mal deinen Acker angucken eben, oder? Steht der noch zum Verkauf? Im Prinzip ja, siehste. Dann kommen wir mal eben rum oder machst du gerade ein Nickerchen? Mutter kommt auch mit, die hat noch frische Eier für dich. Ja bis gleich. Ende."

Und so machten wir uns auf den Weg. Der Hund blieb zu Hause und bewachte den Hof, alle anderen trotteten oder rollten rund 500 Meter weiter zu Erwin, der schon aufgeregt am Straßenrand stand. Ich könnte jetzt noch stundenlang erzählen, aber ich kürze es mal ab: Zwischenzeitlich hatte das Grundstück schonmal jemand gekauft, der dort ein Verwaltungsgebäude für eine Spedition bauen wollte, das hatte das Bezirksamt aber untersagt, weil Gewerbe im Wohngebiet nicht erlaubt ist, und entsprechend sei der Kaufvertrag anulliert worden.

"Das ist das gute Stück", sagte Erwin, der mit Gummistiefeln am Straßenrand stand und gerade eine handvoll herum wedelnde Zeitungsseiten eingesammelt hatte. Anhand der Aussage war schon deutlich, dass man mit ihm durchaus ins Geschäft kommen könnte. Nach einigem Hin und Her fragte Maries Vater: "Und was wollen Sie für das Prachtstück haben?" - Und da mischte sich der alte Mann mit der Cordhose ein: "Nu überleg dir das gut, die Chance kommt so schnell nicht wieder. Für die beiden Hübschen hier musst du eigentlich noch was dazu geben, wenn sie sich zu dir in die Nähe trauen." - "Na du bereitest mir ja gleich den richtigen Einstieg. Also so 50 bis 70 Braune wollte ich da schon noch für haben." - "Bist du verrückt, 70 Braune, das sind junge Frauen, woher sollen die das denn nehmen?" - "Der letzte wollte mir 100 geben." - "Der war ja aber auch nicht ganz beieinander, der hatte hier schon ein großes Schild stehen, bevor er überhaupt gefragt hatte, ob er hier graben darf. Das war ein Vollidiot! Die hättest du auch nie bekommen, der hätte nämlich nach einem halben Jahr Konkurs angemeldet, so einer war das nämlich." - "Ach ihr kanntet euch? Du bist vielleicht ein Schnacker. Ja pass auf, wir machen 50 Braune. Die Hälfte wenn ihr anfangt und die andere Hälfte sagen wir in 10 Jahren. Wenn ich dann schon unter der Erde bin, habt ihr Glück gehabt. Sonst krieg ich nochmal was für mein Auskommen."

Maries Vater antwortete: "Nee wenn, dann schaffen wir gleich entspannte Verhältnisse. Also fünfzigtausend Euro wollen Sie haben?" - "Euro doch nicht - Mark! Euro ist zu viel. Die Hälfte in Euro. Also 25." - Der alte Mann mit der Cordhose mischte sich wieder ein: "Das ist ein fairer Preis, Erwin. Das reicht auch, um mich mal zum Bierchen einzuladen, schließlich hab ich den Leuten überhaupt erst von deinem Acker erzählt." - "Ja du bist der Beste."

Ich verrate Erwin natürlich nicht, dass die Bank für das andere Grundstück 192 T€ hätte haben wollen. Allerdings mit dem angefangenen Bau, der Preis ist aber nicht zu halten. Und dabei ist Erwins Acker eigentlich viel schöner. Für 25 T€ ist das ein Schnäppchen, selbst für 50 oder 60 T€ wäre es noch okay gewesen. Aktuell haben sich Frank und Maries Papa nun folgendes angedacht und mit dem Architekten besprochen, der auch bereits unsere WG realisiert hatte: Es soll ein Wohnhaus gebaut werden, in dem unten zwei große Wohnungen und oben vier kleinere Wohnungen Platz finden. Komplett barrierefrei, mit Tiefgarage und Aufzug. Das Grundstück hat rund 500 m², die Grundfläche des Hauses wurde mit rund 300 m² angesetzt. In die Wohnungen unten könnten Marie und ich einziehen, wenn wir das denn wollten, die vier Wohnungen oben an jeweils einen Single-Haushalt mit Rollstuhl vermieten. Die vier Wohnungen oben werden öffentlich gefördert, die unten nicht. Die unten könnten natürlich auch an andere Interessenten vermietet werden. Ich habe von solchen Planungen natürlich keine Ahnung. Also ich kann das schon nachvollziehen, aber ich würde niemals auf solche Ideen kommen. Aber insbesondere Frank vertraue ich da und Maries Papa natürlich mindestens genauso.

Das zuständige Bezirksamt würde, vorausgesetzt, eine andere Stelle stimmt dem ganzen "Projekt" noch zu und alles andere passt auch, grundsätzlich eine Baugenehmigung erteilen. Das wurde Frank bereits so in Aussicht gestellt. Der Architekt rechnet die Baukosten auf rund 1,35 Mio Euro. Es würde öffentliche Fördergelder geben für den Bau, nämlich rund 170 T€, dazu einen zinsgünstigen Kredit bis maximal rund 780 T€. Der Eigenanteil, der selbst finanziert werden muss, liegt bei rund 250 T€. Über die nächsten 30 Jahre würden die vier Wohnungen, die vermietet werden, mit jeweils 91 T€ subventioniert werden. Gleichzeitig müssten rund 100 T€ für den Kredit gezahlt werden (Zinsen und Bearbeitungsgebühr).

Am Ende sieht es im optimalen Fall so aus, dass nach 30jähriger Laufzeit die gleiche Summe herauskommt, als hätte man den Eigenanteil von 250 T€ mit 4,3% verzinst. Plus ein komplett bezahltes Wohnhaus mit 6 Parteien. Im ungünstigsten Fall ist das Geld weg und das Haus eingestürzt. Alles dazwischen ist möglich. Damit es im schlimmsten Fall bei diesem Eigenanteil bleibt (und nicht noch jemand auf den Rest meines Privatvermögens zugreifen kann), ist es auch wichtig, dass nicht ich direkt der "Veranstalter" bin, sondern dass eine Firma gegründet wird, die mit ihren Einlagen haftet und ich die Einlagen bereit stelle, zumindest zu einem großen Teil. Ich bin gespannt, wie es weitergeht - als nächstes müssen sich die Investitionsbank und das Bezirksamt positionieren, ob sie für das Ding grünes Licht geben würden. Falls ja - ich glaube, ich würde zuschlagen. Zumindest klingt es sehr verlockend.

Physikum - mündliche Prüfung

Es gibt einen ersten Teilerfolg zu vermelden: Ich habe nach gefühlter viel zu langer Wartezeit heute endlich die Mitteilung bekommen, dass ich für den schriftlichen Teil des Physikums zugelassen bin! Das heißt: Ich habe den mündlichen Teil bestanden! Ick freu mir!!!

Im Medizinstudium gibt es nach vier Semestern eine Zwischenprüfung, früher offiziell "Physikum" genannt, heute inoffiziell auch noch so, die sich in einen mündlichen und einen schriftlichen Teil gliedert. Der mündliche Teil ist in Hamburg vor dem schriftlichen - und sah so aus, dass ich, zusammen mit noch zwei Kommilitonen über 210 Minuten geprüft wurde. Jeder ist etwa eine Stunde lang dran, zwischendrin gab es zwei Mal eine Viertelstunde Klo- und Trinkpause, und ich empfand es als blanken Horror.

Zum Anmelden muss man ja sowieso schon jede Menge Dokumente vorlegen, an dem Tag mussten wir dann noch eine Stunde vor dem eigentlichen Termin vor Ort sein, die Personalausweise wurden kontrolliert, die Handys mussten abgeschaltet werden, es gab ein Vorgespräch, in dem man uns erklärte, was auf uns zukommen würde und in dem wir gefragt wurden, ob es uns gut ginge und wir uns den Anforderungen der Prüfung gewachsen fühlen. Und dann sollten wir einmal bei uns gegenseitig Blutdruck messen...

Und danach war ich natürlich als Erste dran, ob es an meinem Nachnamen liegt, dessen Anfangsbuchstabe ziemlich früh im Alphabet dran kommt, oder an meinem immerwährenden "Glück" bei solchen Dingen, lasse ich mal offen. Es waren insgesamt sechs Leute plus wir drei im Raum. Ein Prof führte fast ausschließlich das ganze Gespräch und ich muss sagen: Es war kein Zuckerschlecken. Er war sehr freundlich, hat auch überhaupt keinen Druck aufgebaut, aber es war nie genug und er wollte alles genau wissen. Immer, wenn ich auf eine Frage geantwortet habe, kam noch eine weitere Nachfrage. Und immer, wenn man die Nachfrage beantworten konnte, kam noch eine weitere Nachfrage. Er kam sozusagen von einem Detail ins nächste und hat sich am Ende so in dem ganzen Kram verfahren, dass er, zusammenfassend betrachtet, alle drei Schwerpunkte behandelt hatte und auch eine rote Linie erkennbar war - aber eben erst bei nachträglicher Betrachtung. In dem Moment habe ich immer wieder gedacht: Was für ein konfuses Gespräch!

Es begann in etwa so: "Zur Einstimmung habe ich erstmal eine lustige Frage: Wo befindet sich der kleinste Knochen des menschlichen Skeletts?" - Das war ja noch einfach und das könnte wohl auch jeder Zweite beantworten, der nicht Medizin studiert. Nachdem wir uns nun ausgetauscht hatten, dass der im Ohr sitzt und Steigbügel heißt, wollte er wissen, ob ich wüsste, warum er so heißt. Ich antwortete, dass seine Form namensgebend war, und er fing zu diskutieren an, ob ich mir da sicher sei. Schließlich hätte der Steigbügel ja auch was mit dem Gleichgewichtssinn zu tun und den wiederum bräuchte man auch beim Reiten. Da lief das eigentliche Prüfungsgespräch aber gerade erst eine Minute lang. Ich habe es mit etwas Charme versucht und geantwortet: "Deswegen haben den auch nur Leute, die regelmäßig auf dem Pferd sitzen."

Das fand er wohl ganz gut. Er fragte nach: "Ist das so?" - Ich antwortete: "Nein, ist es nicht, aber er hat auch nichts mit dem Gleichgewicht zu tun." - Worauf er dann fragte: "Wie funktioniert das eigentlich, das Gleichgewicht?" - Naja, und so weiter. Vom Ohr kamen wir dann zum Gehirn, vom Gehirn über Herz und Lunge zu den Verdauungsorganen und dort dann ließ er sich dann bis ins gefühlt letzte chemische Detail die Verwertung von Fruchtzucker erklären, um dann über die in der Bauchspeicheldrüse produzierten Hormone mit einem Sprung zur Schilddrüse zu gelangen und ... bevor wir dort noch tiefer einsteigen konnten, war meine Zeit rum.

Die anderen beiden Kommilitonen hatten beide deutliche Lücken, und ließen sich auch wiederholt in die Fangfragen des Prüfers verstricken, und obwohl ich dachte, ich wäre schon fertig, wurde ich dann immer nochmal gefragt. "Wissen Sie es? Erklären Sie das bitte mal Ihrem Kollegen." - Peinlich. Aber ich werde sicherlich nicht aus Empathie sagen, dass ich es nicht weiß. Er hatte ja die gleichen Möglichkeiten, sich vorzubereiten, und wenn er seine Schwerpunkte anders gesetzt hat, sind das eben meine Punkte.

Ob es am Ende gereicht hat, wollte man uns vor Ort nicht sagen. Heute habe ich Bescheid bekommen: Ich bin zum schriftlichen Teil zugelassen. Damit weiß ich zumindest, dass der mündliche Teil bestanden ist. Die Note erfahre ich hoffentlich auch noch. Die anderen beiden haben es allerdings nicht geschafft. Was mich ehrlich gesagt sehr überrascht hat, denn etliche Fragen haben sie beantworten können. Insofern hoffe ich mal, dass ich nicht nur so "gerade eben" bestanden habe. Aber die Hauptsache ist: Ich bin durch. Durch den mündlichen Teil. Schriftliche Arbeiten liegen mir mehr, von daher bin ich zuversichtlich, auch das zu schaffen. Nächste Woche ist es soweit: Ich bin schon tierisch aufgeregt.

Sonntag, 2. März 2014

Schweden, Zinsen, Eigentum

Heute, am 30. Februar ... siehste, wenn ich meinen Eintrag so beginne, sind gleich alle Leserinnen und Leser hellwach. Nee, ich habe nichts geraucht, alle Pillen richtig dosiert und auch nicht zu tief in das Kapitel "kaufmännische Zinsrechnung" geschaut, das, laut einem unserer Profs, tatsächlich in meiner in den nächsten Wochen anstehenden Zwischenprüfung abgefragt werden könnte.

Kleiner Einschub: Wofür muss eine Ärztin kaufmännische Zinsrechnung können? Ganz einfach. Wenn ich frühestens Ende 2018 mit meinem Medizinstudium fertig sein sollte, verdienen Hausärzte, sofern die aktuelle Entwicklung so weiter geht, nur noch so wenig, dass sie für die Berechnung ihres Überlebenskredits keine Arzthelferin mehr fragen können, denn die können sie sich dann schon lange nicht mehr leisten. Hausärztliche Versorgung auf dem Land oder sogar in ländlichen Gebieten innerhalb des Bundeslandes Hamburg ist kaum noch attraktiv. In dem Bezirk, in dem Maries Mutter ihre Praxis hat, liegt der "Versorgungsgrad", also der Anteil von hausärztlich tätigen Medizinern pro einer bestimmten Anzahl von Einwohnern, bei unter 50. Angestrebt wird normalerweise ein Grad von 100, das bedeutet im Fall von Maries Mutter: Sie versorgt mehr als doppelt so viele Patienten als ihr eigentlich zuzumuten ist.

Eigentlich müsste sie sich freuen? Weit gefehlt. Ein Hausarzt sollte pro Tag bis zu 50 Patienten sinnvoll behandeln können, so war es vor Jahren, als man in der gesetzlichen Krankenversicherung kürzen und deckeln wollte, berechnet worden. Da chronisch kranke Menschen öfter zum Arzt gehen, manche sterbenden Menschen sogar täglich einen Hausarzt brauchen, ging man mal davon aus, dass pro Tag durchschnittlich etwa 15 Patienten zum ersten Mal in diesem Quartal kommen, bis zu 35 waren in diesem Quartal schon einmal da. So kommt ein durchschnittlicher Hamburger Hausarzt auf etwa 700 bis 800 verschiedene Patienten pro Quartal. Pro Patient bekommt Maries Mutter durchschnittlich etwa 32 bis 35 Euro, so dass sie im Idealfall zwischen 8.000 und 9.000 € monatlich mit ihrer Praxis erwirtschaftet. Auf den ersten Blick viel Geld, wenn man vergisst, dass davon auch die Angestellten und die laufenden Kosten bezahlt werden müssen.

Nun leben in dem ländlichen Gebiet, in dem ihre Praxis liegt, sehr viele Menschen, die nur selten zum Arzt gehen. So dass es gute Chancen gibt, dass von den etwa 2.800 Patienten, für die sie statistisch zuständig ist, tatsächlich auch mal 1.200 bis 1.500 im Quartal in ihre Praxis kommen. Statt der statistisch berechneten 700 bis 800. Ist auch so. Allerdings: Wer jetzt denkt, es gibt dafür auch doppelt so viel Geld, irrt. Maries Mutter kann als Kassenärztin pro Quartal nicht mehr Geld verdienen, als ein durchschnittlicher Hausarzt durchschnittlich verdienen würde. Und das sind nunmal diese 8.000 bis 9.000 €. Nun könnte man sagen: "Macht doch nichts. Sie ist mit dem Herzen Ärztin, dann arbeitet sie halt zum halben Preis." - Tatsächlich denkt sie auch so, nur verbrauchen doppelt so viele Patienten natürlich auch mehr Personal, Material und nicht zuletzt Medikamente, für die sie auch nur ein bestimmtes Budget hat, das sie trotzdem nicht überschreiten darf. Kurzum: Rein von ihrer Tätigkeit als Kassenärztin rentiert sich die Praxis nicht. Aus ihrer kassenärztlichen Tätigkeit bleiben ihr monatlich zwischen 1.500 und 2.000 € netto übrig. Es handelt sich also, obwohl hierfür die meiste Zeit beansprucht wird, nur um ein "kleines Zubrot".

Nun war das aber ein großer Einschub. Zinsrechnung. Kaufmännische. Und der 30. Februar. Den es 1712 tatsächlich mal gegeben hat. In Schweden und (dem damals abhängigen) Finnland gab es 1712 einen zweiten Schalttag, weil man 1700 den 29. Februar hat ausfallen lassen und nun der Zeitrechnung einen Tag hinterher war. Am 1. März 1712 war dann in Schweden wieder alles so wie drum herum - wer hätte das gewusst? Dafür hätte Günther Jauch sicherlich eine Million Euro springen lassen!

Apropos Million: Zu Beginn dieses Jahres hat mir mein Finanzberater (nein, nicht der von der Bank) empfohlen, ein Teil meines Geldes in Wohneigentum zu investieren. Auch wenn ich es nicht selbst bewohnen sollte, solle ich bedenken, dass bei den derzeitigen Zinsen, die auf Spareinlagen gezahlt werden, mein Geld immer mehr seines Wertes verliert. Er hat mir dazu geraten, mich nach einer Eigentumswohnung umzusehen und diese gegebenenfalls zu vermieten. Wovon ich allerdings Abstand genommen habe, weil ich mich derzeit voll auf meine Prüfung konzentriere und nicht auf Wohnungssuche. Zumal ich eigentlich aus meiner WG auch nicht ausziehen möchte.

Allerdings gibt es zur Zeit unweit von dort, wo Marie wohnt, also noch im Hamburger Stadtgebiet, aber mit kilometerweitem Blick in die grüne Natur, ein Objekt samt Grundstück, das nach dem Tod des Käufers (gleichzeitig Bauherrn) zwangsversteigert wird. Mehrere Leute haben mich unabhängig voneinander bereits darauf aufmerksam gemacht, unter anderem Maries Eltern. Derzeit ist seit November Baustopp, fertig ist bisher das Untergeschoss (Rohbau) und ein Teil des Erdgeschosses. Das Grundstück und der Grundriss des Hauses sind so groß, dass es sich lohnen würde, nochmal neu zu planen und statt einer Luxusvilla ein Haus mit insgesamt fünf Wohnungen in drei Stockwerken (EG, 1. Etage, Dachgeschoss) zu bauen. Ich weiß, es hört sich verrückt an. Aber Frank, der sich das mit angesehen hat, sagte mir: "An deiner Stelle würde ich sofort zugreifen. So eine Chance bekommst du nie wieder." - Tatsächlich habe ich ihn gebeten, Details auszuarbeiten und konkrete Vorgespräche mit dem Bezirksamt zu führen, ob eine abweichende Baugenehmigung überhaupt erteilt werden würde. Als Idee sollen fünf barrierefreie Wohnungen entstehen, von denen ich in eine, maximal zwei investieren würde (je nach Zuschuss). Es müsste sich also noch mindestens ein weiterer Investor finden (nachdem ein weiterer bereits ernsthaftes Interesse angemeldet hat). Ich bin total aufgeregt und kann das eigentlich gar nicht gebrauchen. Daher verdränge ich es auch ganz schnell wieder.

So ist mein Leben im Moment. Viel los, wenig Zeit. Aber bloggen ... na klar, das mache ich trotzdem. Oder gerade deswegen.