Dienstag, 31. Dezember 2013

Guten Rutsch 2013

Zehn Stunden Sonne, angenehme 24 Grad, etwas Wind, links von mir weißer Sand, rechts von mir weißer Sand, warmes Meer, kein Lärm, entspannte Leute, keine Böller - ich glaube, ich habe noch nie einen so entspannten Silvestertag erlebt!

Mir tut es sehr gut, mal für ein paar Tage nur Leute in meiner Nähe zu haben, die mich nicht irgendwie nerven oder ärgern. Gerade in letzter Zeit hatte ich öfter mit nicht altersentsprechendem Verhalten meiner Mitmenschen zu tun, und ich habe mir, mit etwas Abstand zu den Ereignissen des zweiten Weihnachtstages, als Vorsatz für das neue Jahr vorgenommen, auf solche Dinge künftig etwas egoistischer zu reagieren.

Ich muss in diesem Jahr noch ein wenig schwere Kost verdauen, denn fehlen darf der zweite Weihnachtstag in meinem Blog nicht: Marie hatte einige Leute vom Sport (gruppenübergreifend) zum Weihnachts-Brunch eingeladen. Unter anderem war ein Sportkollege dabei, der kein Rollstuhlfahrer ist. Er legt immer sehr, sehr schüchternes Verhalten an den Tag. Ich möchte gar nicht wissen, ob es dazu vielleicht sogar eine Diagnose gibt, da ich den Menschen sehe: Einen Mann Anfang 20, auffallend lange Haare, die er stets offen trägt, eher groß, recht athletisch gebaut. Er fällt mir regelmäßig durch eine große Hilfsbereitschaft auf. Ich kenne ihn nur vom Rennbike-Training, er trainiert auf dem Rennrad in einer parallel stattfindenden Fußgängergruppe, Marie hatte ihn zum Weihnachtsbrunch eingeladen, weil sie ihn nett findet.

Und zwei Leute "vor Ort wieder ausgeladen", um genau zu sein: Ein Pärchen durfte gehen. Oder fahren, denn die beiden sitzen im Rollstuhl. Sie trainieren nicht mit uns, sondern sind uns (oder mehr Marie) aus der "Rolliszene" bekannt. Und können auch nett sein. Marie hat den beiden kurzerhand beim Essen die Teller aus der Hand genommen und sie aufgefordert, die Party auf direktem Wege zu verlassen. Ich hatte das erst nicht richtig mitbekommen, aber was sie mir nachher erzählte, ... wie gesagt, ich bin froh über den Abstand, den ich im Moment nach Hamburg habe.

Hauptsächlich der männliche Teil des Paares hat wohl keine Gelegenheit ausgelassen, um über diesen jungen Mann abzulästern. Dieser junge Mann verhält sich halt ein wenig auffällig, gerade wenn unbekannte Leute da sind. Er kommt immer schon sehr früh, ich vermute, um zu vermeiden, dass er auf andere Leute zur Begrüßung zugehen muss. Wenn dann doch schon jemand da ist, dann läuft er ein paar Mal im Sichtbereich dieser Gruppe auf und ab und traut sich nicht, sich den anderen Leuten zuzuwenden und sie zu begrüßen. Ich kenne das schon vom Sport, ich mache dann immer kurzen Prozess, rolle auf ihn zu und rede dabei schon mit ihm, mache ihm deutlich, dass ich ihn gesehen habe und mich über seine Anwesenheit freue: "Hallo XY, schön, dass du da bist, bist du gut durchgekommen?" - Dann gebe ich ihm die Hand und danach ist alles gut. Dann kommt er mit, setzt sich neben mich oder stellt sich zu einer bereits bestehenden Gruppe dazu oder ähnliches. Es braucht halt diesen einen Anschub, und ganz ehrlich: So oft, wie ich mal einen Schubs bei einer Stufe brauche, wo ist das Problem, den jungen Mann an seiner "Grenzlinie" abzuholen?

Ich sehe darin jedenfalls kein Problem. Nicht nur, weil ich als Rollstuhlfahrerin hin und wieder mal Hilfe brauche. Sondern auch sonst. Genauso, wie man ihm sagen muss: "Nimm dir auch was zu essen! Das Buffet ist für alle da!" - Er fragt auch nicht, wo das Klo ist, sondern ob er es benutzen darf. Besagtes Pärchen (oder vielmehr der männliche Part des Pärchens) sah wohl, wie dieser junge Mann sich nicht traute, rein zu kommen oder zu klingeln, und meinte dann: "Wollen wir ihn mal zwei, drei Stunden vor der Tür rumtickern lassen? Mal sehen, wann er Hunger hat und doch noch klingelt."

Auf ein scharfes "das finde ich jetzt gerade überhaupt nicht witzig - Jule kannst du ihm mal die Tür aufmachen?" von Marie kam dann, so erzählte sie mir später: "Okay, therapeutischer Ansatz. Wir zählen, wie oft er da draußen im Kreis rennt und je angefangenes Dutzend muss er einmal klingeln, und für jedes Mal Klingeln darf er sich eins von diesen süßen kleinen Fruchtstückchen von der Platte nehmen."

Es soll Leute geben, die sowas nach ihrem 5. Bier am frühen Morgen lustig finden. Entsprechend gab es wohl Gelächter, und auf Maries bösen Blick fing der weibliche Teil des Pärchens an, zu beschwichtigen: "Jetzt mal im Ernst, dass dem so ein kleiner Ziehfaden aus der Mütze hängt, kann doch niemand abstreiten. Er ist ja ganz nett und das ist auch überhaupt nicht böse gemeint, aber der Haschi ist doch offensichtlich."

Daraufhin hat Marie erst ihr und dann ihm, selbst noch halb kauend, den Teller vom Schoß genommen und dann gesagt: "Es gibt immer mal so Momente, da muss man als Gastgeberin Entscheidungen treffen. Dieses ist so ein Moment und ich habe mich entschieden, meine Einladungslite zu überdenken und ohne euch beide weiter zu feiern."

Reaktion von ihm: "Okay?! Wenn du meinst, dass deine Reaktion angemessen ist, ... bitte. Ich finde, du machst dich gerade ein bißchen lächerlich, aber es ist deine Party und dein Haus. Ich wünsche euch jedenfalls viel Spaß, die Stimmung anschließend wieder über den Nullpunkt zu heben."

Marie ließ sich zu einer weiteren Antwort provozieren: "Es ist nicht mein Haus, sondern das meiner Eltern, und ihr könnt beide froh sein, dass sie das nicht gehört haben." - Während die beiden sich betont langsam die Jacken überzogen, machten sie noch weitere 20 Sprüche, anschließend verschwanden sie und keine zwei Stunden später war in einem sozialen Netzwerk unter einem Foto zu lesen: "Spontan ein bißchen Weihnachten feiern mit ... und ... und ... und ... und ... an der Elbe bei wunderschönem Wetter und drei Thermoskannen Glühwein."

Nun denn, wir hatten keinerlei Probleme, die Party ohne Glühwein wieder in einen positiven Stimmungsbereich zu schieben. Irgendwie hatte niemand mehr Lust, über dieses Thema weiter zu diskutieren. Dennoch dauerte es nicht lange, bis der junge Mann mitbekommen hatte, was da los war. Seine Reaktion: "Hätte ich das gewusst, wäre ich gar nicht erst gekommen." - Maries Antwort: "Gut, dass du es nicht gewusst hast. Dass ich die beiden an die Luft gesetzt habe, hat weniger was mit dir zu tun. Gerade in meinem Zuhause dulde ich keine Ausgrenzung. Und gerade wegen meiner Behinderung bin ich da sehr sensibel."

Am Abend verblieben noch ganz wenige Leute, vier insgesamt, zu einer gemeinsamen Sauna-Nacht. Der war wiederum richtig nett und eine tolle Einstimmung auf die wärmende Sonne in Dubai.

Für mich war das der letzte Beitrag in meinem Blog im Jahr 2013. Es war mein fünftes Blog-Jahr. Und wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Es ist aber gerade nicht am schönsten, sondern es gibt noch viele, viele Dinge, die schöner sein könnten. Darum mache ich weiter und schreibe weiterhin über mein Leben und alles, was mich so bewegt. Ich freue mich über die vielen Leserinnen und Leser, die mir und meinem Blog auch im Jahr 2014 treu bleiben wollen und wünsche allen einen guten Rutsch und ein glückliches neues Jahr!

Sonntag, 29. Dezember 2013

Eine Woche Urlaub

Der Winter ist in Norddeutschland derzeit -zum Glück des rollenden Volkes- kein richtiger Winter. Von ein paar Hagelkörnern und etwas Schneegriesel im Zusammenhang mit dem Sturmflut-Orkan am Anfang dieses Monats abgesehen, hatten wir in Hamburg in der letzten Woche Temperaturen deutlich über 10 Grad. Plus.

Als Maries Eltern ihren Winterurlaub gebucht haben, hätten sie nicht damit gerechnet, dass es am Strand von Dubai im Dezember kälter sein könnte als am Strand von Scharbeutz. Marie fliegt sowieso gerne mit in den Familienurlaub, ich wurde zum zweiten Mal gefragt. Nach den Erlebnissen im letzten Jahr warte ich mit der Antwort höchstens aus Bescheidenheit länger als zwei Sekunden.

Man sollte vielleicht dazu sagen, dass es in den Vereinigten Arabischen Emiraten einige Menschen gibt, die viel Geld haben, und die zur Behandlung schwerwiegender chronischer Krankheiten nach Deutschland kommen. Es ist nicht unüblich, dass diese sich auf der Privatstation einer angesehenen Klinik ein Zimmer mieten und sich dort vom Chefarzt behandeln lassen - koste es, was es wolle. Teilweise schließen Kliniken zu solchen Anlässen sogar kurzfristige Arbeitsverträge mit allen möglichen fachlich versierten Leuten aus dem örtlichen und überörtlichen Dunstkreis, stellen also nur für den einen Patienten ein optimales Team zusammen. Wenn sich so etwas wirtschaftlich rechnet, kann ich mir vorstellen, welche Summen dabei fließen. Nicht selten kommen die betroffenen Menschen regelmäßig wieder nach Deutschland, bringen teilweise sogar Freunde und Familie mit.

Nicht selten ergeben sich dadurch aber auch persönliche Kontakte. Und so kann es dann passieren, dass man sich eine Woche lang ein 200 m² großes Haus in einer Ferienanlage leisten kann, das sonst für eine Woche mal eben 8.500 € kostet. Pro Person, versteht sich. Mir wäre dieser Luxus so viel Geld nicht wert, mir reicht auch eine Luftmatratze in einer Turnhalle. Aber: Ich verzichte natürlich nicht darauf, wenn ich ihn nutzen darf. Und nachdem ich es im letzten Jahr schon sehr luxuriös fand, als wir "lediglich" eine Hotelsuite hatten, habe nicht schlecht gestaunt, als ich vor Ort realisierte, wo wir eine Woche lang wohnen werden. Nein, Marie und ihre Eltern würden so viel Geld ebenfalls nicht ausgeben. Maries Mutter stellte schon auf dem Flug klar, dass sie eingeladen worden sind und ein wohlhabender Patient die Unterbringung über Vitamin B eingefädelt hat. Trotzdem: Alleine der Flug wird pro Person schon vierstellig und ich bin ehrlich gesagt (nicht nur deshalb) sehr gerührt, dass sie mich dabei haben möchten und mich dazu einladen.

Diese Ferienanlage ist ins Meer hinein gebaut und steht teilweise auf Stelzen, was dazu führt, dass Marie und ich in unserem Overwater-Schlafzimmer eine Glasplatte im Fußboden haben, durch die man die Fische beobachten kann. Falls gerade welche vorbei kommen. Zieht man die Vorhänge auf, hat man gute Chancen, eine zu hohe Welle schon aus 10 Kilometern Entfernung zu erkennen. Und dass zu diesem Haus auch eine riesige Strandterrasse und privater Pool direkt vor den beiden Schlafzimmern gehört, wir uns zu viert eine eigene Jacuzzi teilen, kostenlos zwei Fitness-Center mit täglich einem Ganzkörper-Massage-Termin nutzen dürfen, grenzt schon an Wahnsinn.

Der Hammer ist eine 10.000 m² große Poolanlage, die aus drei großen Abschnitten besteht und die nicht nur einen eigenen Sandstrand, sondern auch verschiedene ins Wasser eingelassene Massageliegen hat. Hin und wieder schwimmt ein ferngesteuertes Schiff vorbei, auf dem Cocktails oder Obstgläser stehen. Man stellt einfach sein leeres Glas drauf und nimmt sich ein neues Glas runter. Nein, ich träume nicht und es ist auch keine Märchenstunde. Cool ist auch die Swim-Up-Bar, an der man sich bequem auf einen im Wasser verankerten Stuhl setzen kann. Die Theke ist gleichzeitig der Abschluss des Beckens, so dass die Bedienung auf der anderen Seite der Theke im Trockenen läuft und alles serviert, was man haben möchte. Man selbst sitzt bis zum Bauch im Wasser und wenn man ausgetrunken oder aufgefuttert hat, schwimmt man einfach weiter. Bis wir wieder zurück nach Deutschland fliegen, wachsen Marie und mir vermutlich noch Schwimmflossen.

Um ins Meer zu kommen, muss man nur aus der Terrassentür und dann über den Strand. Am ersten Tag sind Marie und ich gekrabbelt, am zweiten Tag hatte man von unserer Terrasse bis drei Meter vor das Wasser ineinander verhakte Plastikplatten verlegt. Keine Ahnung, ob das Hotelpersonal das nachts gemacht hat, sie lagen da jedenfalls plötzlich. Für Silvester sind wir zu einem Galadinner eingeladen - es wird das erste in meinem Leben.

Leider hat an den ersten beiden Tagen das Wetter absolut nicht mitgespielt. Als wir ankamen, regnete es bei 11 Grad. Man muss dazu wissen, dass die durchschnittliche Nachttemperatur im Dezember bei 15 Grad liegt und die durchschnittliche Tagestemperatur bei 26 Grad. Und es gibt statistisch einen einzigen Regentag im Monat. Den hatten wir ausgerechnet erwischt. Entsprechend kühlte auch das Meer von 26 schlagartig auf 23 Grad ab. Seit heute knallt aber wieder die Sonne und bei 24 Grad Lufttemperatur und relativ trockener Luft ist es sehr angenehm. Ohne Lichtschutzfaktor 50+ geht gar nichts. Dass man außerhalb der Hotelanlage sich komplett bedecken muss (im Bikini an den öffentlichen Strand oder im Top und kurzer Hose auf öffentlichen Straßen ist ein absolutes No-Go und kann zur Verhaftung führen), ist gar nicht so schlimm...

Auch wenn es hier absolut faszinierend ist und ich gerne gefragt werde, ob ich noch einmal mitfliege - ich bleibe trotzdem mit allen vier Rädern auf dem Boden. Mein nächster Urlaub wird wieder einer mit Schlafsack und Campingkocher...

Dienstag, 24. Dezember 2013

Frohe Weihnachten 2013

Ich hatte in diesem Jahr das Glück, mir meine Zeit so einteilen zu können, dass ich nicht am Heiligabend noch in irgendwelche Läden und Geschäfte musste. Lebensmittel hatte ich bereits in der letzten Woche eingekauft und alle Weihnachtsgeschenke waren auch schon da. Und obwohl ich in diesem Jahr absolut nichts über das Internet bestellt hatte, klingelte mich heute morgen ein gelber Paketdienst aus dem Bett. "Ich bringe die Weihnachtsgeschenke", meinte er und hatte zwei große Kartons auf seiner Karre. Für mich waren sie nicht, sondern für Cathleen, die aber nicht zu Hause war. Eine Pampersbestellung von Anfang Dezember, nach einem Lieferengpass wurde sie ausgerechnet am Heiligmorgen ausgeliefert. Natürlich habe ich dem Paketfahrer nicht gesagt, worum es sich handelt. Er meinte nur: "Aber schön gerecht aufteilen, nä? Und nicht alles auf einmal auffuttern!" - Okay. Möchte jemand eine Windel haben? Ich weiß allerdings nicht, wie sie schmeckt.

Wenn ich auch schon alle Geschenke besorgt hatte: Eingepackt hatte ich sie noch nicht. Also ran. Marie und ich schenken uns gegenseitig einen Badeanzug. Wenn man regelmäßig trainiert, braucht man ja ständig neue. Das ist zwar ein bißchen albern, aber wir mögen halt albern. Ich hatte nun im Kaufhaus einen erwischt, den sie gerne trägt, Etiketten waren noch alle dran, Klebestreifen im Schritt auch, keine Ziehfäden, kein Schmutz, kein Chlorgeruch - gekauft. In dem Moment, in dem ich heute das Preisschild abschneiden will, sehe ich, dass auf dem Preisschild eine andere Größe steht als auf dem eingenähten Etikett. Und beim genaueren Hinsehen merke ich: Der ist falsch ausgezeichnet und entsprechend hing der auch falsch. Argh!!!

Also doch am Heiligabend morgens nochmal in die Stadt, Geschenke umtauschen. Die Kassiererin hat sich mehrmals entschuldigt, so etwas passiere nur sehr selten. Wenn, dann natürlich bei mir... Ich bekam ihn in die richtige Größe getauscht, nichts wie raus. Wenn das mal so einfach wäre: Direkt vor dem Kaufhaus war eine Menschentraube versammelt und an Durchkommen nicht zu denken. Ich tippte einige Leute an, aber die waren irgendwie alle in Weihnachtsgedanken. Plötzlich fängt fünf, sechs Leute neben mir eine Frau zu singen an, in einer Tonlage und in einer ohrenbetäubenden Lautstärke, so dass sich mir sofort alle Nackenhaare aufstellten. Etliche umstehende Leute guckten dumm aus der Wäsche und suchten Distanz zu ihr, im ersten Moment dachte ich ernsthaft, mit ihr stimmte irgendwas nicht. "TochtäherrZieh On frohohohoheue Dich, jahahahauchzeLautJeruhuhusalem!!!"

Am anderen Ende der Menschentraube fuhr ein junger Mann mit Sonnenbrille und Mütze fort: "Siehihihihieh Dein König kohohommt zu dir." - Und plötzlich sangen noch wesentlich mehr Leute mit. Ein Flashmob. Und die Stinkesocke mitten drin. Zum zweiten Mal in meinem Leben, vor einem halben Jahr gab es einen in einer Einkaufspassage, den ich aber nur draußen gehört habe, ins Getümmel wollte ich mich dann nicht stürzen, sondern habe abgewartet, bis der Spuk zu Ende war. Heute handelte es sich um einen Chor aus der benachbarten Kirche. Okay, es war ganz gut gelungen, singen konnten sie auch, das Solo am Anfang war sehr irritierend, vermutlich, weil es so unerwartet kam. So schnell wie es losging war es auch wieder vorbei und dann konnte ich endlich nach Hause. Der Busfahrer hatte einen kleinen Weihnachts-Elch auf seiner Kasse sitzen, ein kleines Kind an Mamas Hand fragte alle drei Minuten, ob der Weihnachtsmann schon da gewesen sei, wenn sie zu Hause ankämen - und mir gegenüber in der ersten Sitzreihe hinter der Mitteltür saßen zwei Jungs, geschätzte 16 Jahre alt, die meinten, Weihnachten sei voll nervig. Sie hätten ihre Playstation 4 schon bekommen, als Papa sein Weihnachtsgeld aufs Konto überwiesen bekommen hatte, also Anfang des Monats, und nun müssten sie heute mit Oma und Opa in die Kirche. Hoffentlich sei das schnell vorbei.

Tja, ich bin zwar etwas älter, aber ich freue mich schon. Auf die Kirche. Ich werde heute abend dort sein, in welcher, verrate ich allerdings nicht. Vorher werde ich noch mit all jenen aus unserer WG, die am Heiligabend nicht zu ihrer Familie fahren (oder keine mehr haben), einen schönen Abend im Gruppenraum, diesmal mit Tannenbaum, verbringen, mit anschließendem Kirchenbesuch. Morgen bin ich bei Marie eingeladen zum Mittagessen und am zweiten Weihnachtstag steigt bei Marie eine Sauna-Garten-Party mit ganz vielen netten Leuten.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern ein paar schöne Festtage. Genießt die Ruhe, ob mit Familie, ob mit Freunden oder alleine. Selbst wenn du keinen Menschen hast, der heute oder morgen mit dir zusammen sein möchte, geht das Leben spätestens am Freitag wieder seinen alten Trott. Und bis dahin ist genug Zeit, zum Beispiel um noch einmal in meinen ganzen Texten der letzten fünf Jahre zu stöbern! Oder um andere Dinge zu schaffen, die man sonst nicht schafft! In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Sonntag, 22. Dezember 2013

Der Pfeil ist geil

Es ist vorbei. Marie und ich haben gestern unser vorbereitendes Praktikum für das nächste Semester geschafft. Alles bestens. Die Professorin war sehr zufrieden mit uns, was will man mehr?

Auf dem Weg nach Hause fuhren wir mit der S-Bahn. "Verehrte Fahrgäste, dieser Zug hält wegen eines Polizei-Einsatzes nicht am Bahnhof Sternschanze." - Nanu? Ach ja, die City wurde ja zum Gefahrengebiet erklärt, weil ein paar Demos angemeldet waren und einige Teilnehmer zu Gewalt aufgerufen haben sollen. Nachdem wir wohlbehalten zu Hause angekommen sind, spricht man in den Nachrichten von den schwersten Ausschreitungen seit Jahren. Immer wieder hauen sich Menschen in unserer Stadt die Köpfe ein und ich bekomme mehr und mehr den Verdacht, es wäre irgendwann billiger, wesentlich mehr Kohle für Deeskalation auszugeben. Das sagt übrigens auch Marias Assistenz, die sich geweigert hat, Flaschen für sie auf die Polizei zu werfen...

Ich bin nur wenig politisch aktiv, wenngleich ich mir schon zu etlichen Dingen eine Meinung bilde. Aber wenn ich sehe, dass linksautonome Demonstranten den Staat bekämpfen, in (von) dem sie leben, läuft hier was falsch. Wenn ich sehe, und das war auf Videos zu sehen, welche Angriffsflächen die Polizei den Chaoten bietet, die eben nicht friedlich demonstrieren wollen, habe ich den Eindruck, hier läuft genauso viel falsch. Wenn ich sehe, dass einige Leute nicht dorthin fahren, um für eine Sache zu demonstrieren, sondern um des Krawalls wegen Krawall zu machen, läuft erst recht was falsch. Und wenn Leute, die für eine Sache demonstrieren, nicht friedlich demonstrieren, sondern nur provozieren, gewälttätig werden, Flaschen, Knallkörper und Steine schmeißen, läuft hier auch was falsch. Und wenn man dann die einschlägigen Medien liest, die nur die Sichtweise der Polizei darstellen, läuft hier noch mehr falsch. Wenn ich sehe, dass ein 20 Jahre existierendes Stadtteil- und Kulturzentrum an einen Investor verkauft wird, der dort Profit machen will, ... genau, auch dann läuft was gehörig falsch. Genauso wie in der Politik etwas falsch läuft, wenn Probleme wie derzeit eben die Rote Flora, die Esso-Häuser, die Lampedusaflüchtlinge nicht gelöst, sondern nur vertagt oder aus sicherer Entfernung betrachtet werden. Es läuft was falsch, wenn sich die Bürger in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen können. Und so langsam ist eine Schmerzgrenze erreicht. Deeskalation wäre ein richter Ansatz. Menschen ernst nehmen. Herrje!

Stattdessen denken Leute sich so einen Unsinn aus, wie man europäische Banküberweisungen vereinheitlicht. Die Betonung liegt dabei auf "europäisch". Kann mir mal einer sagen, wieviele Banküberweisungen von Privatleuten über die Landesgrenzen hinweg getätigt werden? Bei mir sind es aktuell weniger als 5%. Komme ich auf die Idee, beim Telefonieren mit meiner Freundin die 004940 vorweg zu wählen? Nein, denn die acht- bis zehnstellige Anschlussnummer in Großstädten reicht mir schon völlig. Demnächst gibt es hierbei auch noch eine zweistellige Prüfzahl, die zwischen Vorwahl und Anschlussnummer eingefügt werden muss, um zu verhindern, dass sich ein Besoffener nachts um halb vier an der falschen Stelle ein Taxi ordert?! Ich habe mich mit dem neuen Bank-Account-System nie beschäftigt, aber ich bin mir sicher, es hätte eine gute und vor allem kundenfreundliche Alternative zu IBAN, dem Schrecklichen, gegeben!

Und wo ich schon beim Rummotzen bin: Die Bahn, habe ich gerade erfahren, hat endlich eine fahrzeuggebundene Rampe an ihren Fernverkehrszügen eingeführt. Öffentlich angekündigt hatte die Bahn das schon 2008, nun, fast sechs Jahre später, gehen bundesweit die ersten vier ICE-Züge damit auf die Schiene! Eigentlich sollten bis 2011 schon 16 Züge unterwegs sein, aber es hapert mal wieder an allen möglichen Ecken. Zulassungsprobleme, Streitigkeiten zwischen der Bahn und den Herstellern - ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass bis 2020 bereits sämtliche IC-Züge mit diesem System ausgerüstet sein sollen und bis 2025 auch sämtliche ICE-Züge. Aber noch etwas anderes fällt auf: Die neuen ICEs haben nur 2 bis 3 Rollstuhlplätze. Ja, richtig, gelesen - die Flotte, die ab 2025 eingesetzt wird und dann vermutlich bis mindestens 2045 auf den Schienen rollt, ist mitunter mit weniger Stellplätzen geplant als heutige ICEs. Bei einer immer älter werdenden Gesellschaft. Die Bahn macht mobil, die Bahn kommt.

Apropos "Kommen": Gestern war Welt-Orgasmus-Tag. Juchu! Leider habe ich morgens nicht genug Zeit gehabt und abends war ich zu kaputt, um das zu feiern. Aber ich bin mir sicher, es hat genügend Einladungen mit Hinweis auf das Thema gegeben. Ich fühle mich so frei, ein ferkeliges Bildchen zu posten, gesehen auf einem Hamburger Volksfest. In diesem Sinne: Der Pfeil ist geil!

Freitag, 20. Dezember 2013

Punktion und Schubkarre

Manche Menschen stechen Eier an, damit sie nicht platzen. Hühnereier, wohl gemerkt. Manche sagen: Das ist alles Humbug, die platzen genauso häufig und genauso selten, wenn man sie nicht anpiekst.

So ähnlich auseinander gehen die Meinungen zum Blutabnehmen: An einigen Unis benötigt der Nachwuchs einen Punktionsschein, bevor er in Eigenregie Blut abnehmen darf, bei anderen offenbar nicht. Eine einheitliche Regelung gebe es nicht, meinte unser Proff; ich habe es nicht recherchiert, sondern mir sagen lassen, dass es in Hamburg Usus ist, dass jede Studentin und jeder Student spätestens im ersten Praxissemester eine (ärztliche) Bescheinigung vorlegen muss, dass sie oder er punktieren kann.

Wehe dem, der nur an Apfelsinen oder am hochschuleigenen Plastikmodell übt und denkt, er könne das anschließend auch am Menschen. Und so haben Marie und ich kürzlich Maries Mutter zum Blutspendetag begleitet und ihr nicht nur gefühlte 753 Mal beim Punktieren der Armvene zugeschaut, sondern durften zum Ende hin erstmalig auch selbst ran. Maries Mutter sagte: "Beim Blutspenden triffst du am ehesten Leute, die das mitmachen."

Wir wurden immer vorgestellt als "Studentinnen, die das können, das auch schon paar Mal gemacht haben, die aber noch Übung und Routine brauchen, damit es auch im Notfall automatisiert klappt." - Und Maries Mutter hatte Recht: Niemand hat es abgelehnt, dass wir selbst Hand anlegen durften. Ich fasse es zusammen: Alle Aufregung war unnötig. Es hat kein einziges Mal eine Schweinerei gegeben und ich habe mich nur ein einziges Mal verstochen. Bei einem älteren Herrn, der aber meinte, dass es oft einen zweiten Anlauf bei ihm bräuchte. Einmal hatte jemand nach dem Ziehen der Kanüle nicht lange genug drauf gedrückt, so dass es plötzlich heftig wieder zu bluten anfing, aber das war ja nicht meine Schuld.

Maries Mutter und auch die Patienten hatten eine Engelsgeduld. Ist der Stauschlauch nicht zu locker und nicht zu fest? Welche Vene ist geeignet? Handelt es sich wirklich um eine Vene und nicht um eine Arterie? Und so weiter, und so fort. Beim ersten Patienten hatte ich Schweißperlen auf der Stirn, beim zwanzigsten war ich total happy, dass es doch nicht soooo schwierig ist. Ich fand den Handrücken sogar fast noch einfacher als die Armbeuge. Jetzt fehlen nur noch Routine und Erfahrung.

Gestern abend war ich bei Marie in der Sauna und im Pool, habe anschließend bei ihr geschlafen, denn heute morgen sollten zwei sehr "spannende" Patienten zur Kontrolle kommen. Eine 24jährige zum Ultraschall, die eine künstliche Herzklappe hat, und eine heute 16jährige, die vor acht Jahren ein neues Herz (Spenderherz) bekommen hat. Insbesondere einen so jungen Menschen mit erfolgreich transplantiertem Herzen sieht man nicht alle Tage. Der Tag des Herzens sollte aber definitiv anders beginnen: Als wir beim Frühstück saßen, bekam Maries Mutter einen Anruf von einem Pflegedienst. Eine alte Frau, über 95 Jahre alt, bettlägerig, habe über 800 Zucker und wolle nicht ins Krankenhaus. Sie habe Angst, dass es ihre letzte Station sein wird und dass sie sich etwas wegholt, was ihr den Rest gibt. Dabei freue sie sich doch so auf den Besuch ihrer Kinder und Enkel zu Weihnachten. "Ich komme dorthin, jetzt, vor meiner Sprechstunde."

Ich frage mich nicht, wie eine vom Pflegedienst betreute bettlägerige Frau auf einen solchen Zuckerwert kommen kann. "Ich schaffe es wahrscheinlich nicht ganz pünktlich, ihr könnt ja solange den Helferinnen helfen." - Drei sollten eigentlich kommen, eine hatte sich bereits am Anfang der Woche krank gemeldet. Von den verbleibenden zweien rief dann noch eine kurz vor Dienstbeginn an, der kleine Sohn habe Fieber und Erbrechen, sie könne nicht kommen. Die vierte MFA war in Urlaub ... das konnte ja lustig werden. Und das wurde es auch.

"Immer Ruhe bewahren, dann dauert das halt heute etwas länger", sagte Marie zu der völlig genervten Helferin, die gerade im August erst ihre Ausbildung fertig hatte und übernommen worden war. "Bis meine Mutter wieder da ist, nehme ich, wenn Sie das möchten, das Telefon an und pflege die Warteliste, dann können Sie sich schon um die Laborpatienten kümmern. Jule kann zwar inzwischen noch besser punktieren als ich, aber das lassen wir mal, solange meine Mutter nicht dabei ist oder zumindest davon weiß. Jule könnte aber die ganzen Leute übernehmen, bei denen erstmal Blutdruck und Blutzucker gemessen werden muss. Okay?" - Man merkte, dass Marie nicht zum ersten Mal aushalf. Der erste Schwung, der vor dem Aufschließen vor der Tür wartete, war gerade drinnen, als eine alte Frau mit Kopftuch, Schürze und Gummistiefeln reingelaufen kam. "Ich brauch mal eben ganz schnell die Frau Doktor, ich hab meinen Mann draußen auffer Schubkarre liegen, dem gehts gar nicht gut."

Auf der Schubkarre?! Na klar, ihr Bauernhof liegt rund einen Kilometer entfernt... Die Helferin wetzte mit nach draußen. "Bringen Sie ihn mit rein, ich halte die Türen auf." - "Die Karre kommt aus dem Stall, die ist voller Mist und Gülle." - "Kommen Sie rein hier, wir wischen hinterher durch. Nun machen Sie schon."

Der Mann, geschätzt um die 80, bekleidet mit Holzfällerhemd, Weste, Cordhose mit Hosenträgern, Gummistiefeln, weißes Haar, Hände so groß wie zwei Zelte, sah elendig aus. Aschgraue Gesichtsfarbe, schweißbedeckte Stirn, lag zusammengekauert in der Karre, die Knie hingen zwischen den Griffen. Schmerzen habe er, so flüstert er fast, so etwas habe er sein Leben lang noch nicht gehabt. Als wenn ihm der Teufel den Oberkörper zuschnüre. Tränen standen ihm in den Augen. Marie rollte nach draußen, sollte ihre Mutter anrufen. Und vorher den Notarzt. Die Schwester fragte: "Liegen Sie so einigermaßen bequem? Dann würde ich Sie gerne kurz so liegen lassen. Wir tun ihnen noch was hinter den Kopf, dass das bequemer ist. Frau Doktor ist gerade unterwegs, wird aber jeden Moment zurück sein. Wir rufen Sie gerade an, damit sie uns schonmal sagen kann, was wir Ihnen gegen die Schmerzen geben können. Ich mache Ihnen jetzt ein EKG dran und meine Kollegin legt Ihnen unterdessen einen Venenzugang."

Die Kollegin war ich. Hatte Marie nicht gerade noch erzählt, wie toll das geklappt hat? Jetzt bloß nicht patzen. Ich kam mit meinem Rollstuhl an der Schubkarre nicht vorbei, die Helferin warf mir alles, was ich benötigte, von der Arbeitsplatte gegenüber zu. Die Frau setzte sich auf einen Stuhl, stützte ihren Kopf mit einer Hand auf und weinte. Der alte Mann ließ alles mit sich machen. Die Helferin klemmte ihm ein Pulsoxymeter an den Finger. Der Puls war bei 90, die Sauerstoffsättigung bei 94%. Fast unauffällige Werte. Die Helferin schnitt das Hemd auf, rasierte radikal ein paar Büschel Haare von der Brust, klebte Elektroden auf. Ich merkte, wie mir der Schweiß von den Achseln durch den BH lief. "Jetzt bloß nicht patzen", dachte ich nochmals. Stach zu und ... die saß. Auf Anhieb.

Marie kam wieder zur Tür, hatte den Koffer mit dem Defibrillator auf dem Schoß und stellte ihn neben der Frau auf die Erde. Ich hoffte nur, dass uns das erspart bleiben würde. Einen Moment später kam Marie mit dem nächsten Notfallkoffer wieder. Legte ihn vor der Tür auf einen Stuhl und warf mir als erstes das Nitrospray zu. "Anweisung von Mama: Bereitlegen. Eine Kautablette ASS 250 mg soll er jetzt sofort in den Mund stecken. Und wir sollen 5 mg Morphin aufziehen und bereitlegen."

Inzwischen war das erste EKG geschrieben. Ich kannte das bisher nur aus dem Lehrbuch, aber die ST-Hebung in den Ableitungen II, III und aVF war eben auch wie aus dem Lehrbuch. Normalerweise sieht man im EKG zuerst die (Erregungs-) Aktion des Sinusknotens, also des Taktgebers des Herzens, in Form einer kleinen Kuppel in positiver Richtung. Dann passiert einen Moment nix, dann gibt es eine kleine negative Zacke, dann die große positive, den eigentlichen "Herzschlag", dann wieder eine kleine negative, dann eigentlich wieder eine Zeitlang nichts, dann noch einmal kuppelförmig die Rückbildung der Erregung. Bei einigen Leuten gibt es danach noch eine kleinere, weitere kuppelförmige Hebung; das kann normal sein, kann aber auch an einer schlechten Elektrolytversorgung (Kaliummangel etc.) liegen.

Bei diesem EKG gab es, wie gesagt, lehrbuchmäßig, eine weitere Kuppel zwischen der zweiten kleinen negativen Zacke und der Hebung, die die Erregungsrückbildung kennzeichnet. Das gibt es nur, wenn das Herz selbst nicht genug Sauerstoff bekommt und zusammen mit den übrigen Symptomen ist die Diagnose damit eindeutig: Akuter Herzinfarkt. Jetzt sollte nur eins nicht passieren: Dass sich hier jemand weiter aufregt. Insofern sagte ich nur: "Die Frau Doktor wird sofort hier sein und dann kommen Sie sofort als erster dran, ja? Es dauert nur noch einen kleinen Moment."

Eine andere Patientin kam an die Tür. "Warum geht es hier nicht weiter?" - Marie antwortete: "Setzen Sie sich bitte wieder hin, Sie müssen sich einen Moment gedulden." - "Ich hatte aber schon vor über 15 Minuten einen Termin und ich bin Privatpatientin und muss zur Arbeit." - "Ich kann es jetzt nicht ändern. Entweder warten Sie oder Sie kommen einen anderen Tag wieder." - "Dann machen wir einen anderen Termin?" - "Ja, rufen Sie bitte an." - "Nee können wir gleich einen neuen Termin machen?" - "Sie sehen doch, dass das jetzt nicht geht."

In dem Moment kam Maries Mutter durch die Tür. Die Frau wollte gleich auf sie einreden, Maries Mutter machte kurzen Prozess: "So, alle die hier jetzt nichts zu suchen haben: Weg! Und auch jetzt nicht die Durchgänge blockieren, wir brauchen hier Platz. Herr ..., guten Morgen, Sie kriegen jetzt Hilfe. Was machen Sie denn für Sachen? Das war gut, dass Sie gleich gekommen sind, Sie bekommen jetzt erstmal was gegen die Schmerzen, okay? Sie schauen gar nicht gut aus, Sie haben bestimmt starke Schmerzen. Es ist gleich vorbei, ja? Noch ein paar Sekunden tapfer sein. Hat er ASS bekommen? Nitro auch schon? Dann kommt Nitro jetzt unter die Zunge. Und dann auch mal Diazepam aufziehen."

Während Maries Mutter mit ihrem Stethoskop das Herz und die Halsvenen abhörte, betete ich, dass meine Kanüle richtig liegt. Dann kamen zwei rot gekleidete Männer schwer bepackt rein. Die beiden waren relativ fit und merkten sofort, was hier los war. Maries Mutter sagte: "Gebt her euer Gerödel, ich stöpsel euch alles um und ihr holt bitte schonmal zügig die Trage, damit er bereits im Auto liegt, wenn der Arzt kommt. Welcher kommt?" - "Christoph 29, ist auch schon zu hören."

Christoph 29? Das ist der Hubschrauber, mit dem ich vor 5 Jahren selbst geflogen bin. Ob die Notärztin wohl heute Dienst haben würde, die mich damals betreut hatte? Hatte sie nicht. Der Mann hat überlebt. Die kritischen Tage nach dem Infarkt ... mit etwas Glück übersteht er sie auch. Ich wünsche es ihm. Und seiner Frau. Und die Nummer mit der Schubkarre? Maries Mutter sagte: "Das sind alte Menschen, die noch immer ihre Tiere und ihre Ländereien haben. Die rufen keinen Doktor nach Hause. Die wollen keine Umstände machen. Die rufen höchstens mal den Tierarzt, wenn es einer Kuh schlecht geht. Wenn die hier vor der Tür stehen, dann kannst du davon ausgehen, dass der Baum brennt. Zu allem Überfluss haben Sie mich auf der ... Straße eben auch noch geblitzt. Mit über 100 statt erlaubter 60 - da kommt dann also auch nochmal toller Schreibkram auf mich zu." - Auf schnurgerader Straße, weit und breit keine Häuser, niemand unterwegs, auf dem Weg zum Herzinfarkt, wird das wohl eingestellt.

Morgen haben wir unseren Praktikumstag. Und ich wette, dass wieder 50% der Leute an einem Samstag im Krankenhaus sind, die wegen irgendwelchen Problemen kommen, die eigentlich gar nicht dorthin gehören. Eigentlich. So unterschiedlich kann das in Hamburg sein. Und die beiden anderen Herzpatientinnen? War spannend. Aber der Eintrag ist bereits lang genug...

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Trucks und Hupen

Jetzt, im Winter, haben wir überwiegend Schwimmtraining. Obwohl ... ganz richtig ist das nicht. Es finden auch Einheiten im Rennrolli oder mit dem Rennbike statt, nur leider kollidieren diese Termine mit denen unserer Samstagspraktika, die wir derzeit ableisten müssen. Selbstverständlich haben Marie und ich uns deshalb bei unserer Trainerin Tatjana und bei Kristina, einer Teamkollegin, abgemeldet. Im Januar, soweit es unser Zwischenprüfungsstress zulässt, sind wir wieder dabei.

Für die Trainerin war das kein Problem, nur die Teamkollegin, mit der wir uns mal sehr gut verstanden haben, sieht darin eine Chance, einen besseren Platz innerhalb unserer Trainingsgruppe einzunehmen. Was eigentlich völliger Unsinn ist, denn mir war bis eben nicht bekannt, dass es gute und schlechte Plätze gibt. Aber Kristina fährt zur Zeit auf einen neuen männlichen Teamkollegen ab, der so derbe baggert, dass es einfach nur nervt. "Früher habe ich alles flachgelegt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Seit ich eine feste Partnerin habe, ist an der Bettkante Schluss."

Also ein Spiel? Das könnte ja in einem gewissen Rahmen sogar noch ganz reizvoll sein. Nur mag ich solche Aufschneider nicht besonders gerne und lasse ihn regelmäßig stehen, wenn er Bemerkungen über meine Oberweite macht. "Wie laut können deine Hüpen tüten? Äh, Hupen tuten? Nicht laut genug für einen großen Truck, wenn ich das richtig sehe. Macht aber nichts, mein Truck fährt manchmal auch ohne den großen Auflieger!"

Bei Marie macht er ähnliche Sprüche, und einmal hat sie relativ schlagfertig gekontert: "Ach weißt du, du bemühst dich immer wieder so charmant. Aber ich stehe weder auf Trucks noch auf deinen Möbelwagen, mein Herz schlägt für Sportflitzer, und in mein Bett kommen nur Männer, die wissen, dass Titten keine Geräusche machen."

Darauf konnte er nicht mehr rausgeben und seitdem sind Marie und ich bei ihm abgeschrieben. Anscheinend sogar völlig. Direkt konnte er es uns bisher nicht sagen, nur irgendwie scheint er nicht damit gerechnet zu haben, dass bei seinen ständigen Versuchen, uns auszugrenzen, nicht alle mitspielen. Insgesamt drei noch recht junge Kolleginnen haben Marie und mich angerufen und erzählt, was da vor sich geht. Dass er darauf besteht, Termine so zu legen, dass wir nicht daran teilnehmen können. Und ähnliches. Was mich am meisten enttäuscht, ist, dass Kristina da mitmacht und neuerdings nur noch schlecht über uns redet; offenbar, um, wie gesagt, einen besseren Stand im Team zu haben. Was ich sehr bedauerlich finde, denn damit entwickelt sie sich zu einer absoluten Lästerschwester. Und mit solchen Lästerschwestern wird früher oder später niemand eine tiefergründige Freundschaft eingehen wollen - er oder sie muss ja immer damit rechnen, dass sich dieses Verhalten irgendwann mal gegen ihn selbst richtet.

Daher kann ich nur hoffen, dass Kristina ihre Lektion bald lernt und wir wieder zu einem vernünftigen Miteinander finden. Ohne Lästereien, ohne Ausgrenzung und vor allem ohne Trucks und Hupen.

Montag, 16. Dezember 2013

Defekte Dose und ein Pupsplan

Kann man mir vorwerfen. Muss man aber nicht. Denn ich vergesse sie nicht. Die vielen Menschen, die sich normal benehmen gegenüber den vielen Menschen, die nicht normal sind. Setzt man voraus, dass es den "normalen" Menschen nicht gibt, ist eigentlich schon alles gesagt. Jeder benimmmt sich einzigartig gegenüber anderen Menschen, von denen jeder einzigartig ist. Klar, dass mir dabei vor allem die auffallenden Menschen auffallen. Und dass ich über sie schreibe. Immer wieder.

So wie über den Netzwerktechniker mit der feinen Nase. Er kommt in unsere WG, soll einen Netzwerkfehler beheben. Das halbe Haus hat kein Internet, die Physio- und Ergopraxis unter unserem Wohnprojekt ist auch betroffen. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Fehler außerhalb des Hauses handelt, aber das hatte der Internetanbieter zuvor ausgeschlossen. Bis zum Hausanschluss funktioniere alles. Wie sich später herausstellte, war die Hausanschlussdose selbst defekt, aber ... der Reihe nach.

Dieser Netzwerktechniker kam also in unsere WG, ging direkt zum Büro (wobei mir "Büro" ein wenig zu offiziell klingt, eigentlich ist es ein hübsch eingerichteter Raum, in dem der ganze Papierkram erledigt wird und in dem die Assistenz- und Pflegekräfte sich aufhalten können), traf auf Sofie und mich und fragte, ob wir ihn zum Chef bringen könnten. Der Chef sei nicht da, sagte Sofie, sie wisse aber Bescheid und schließe ihm den Raum auf, in dem die ganze Technik untergebracht ist. Er fragt: "Ist das hier ein Behindertenheim?"

"Eine Wohngemeinschaft", antwortete Sofie.

"Worin liegt der Unterschied?", wollte der Techniker wissen.

Sofie antwortete: "Mit einem Behindertenheim verbinde ich eine Einrichtung, in der Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf ein fest strukturiertes Tages- oder Wohnprogramm angeboten wird. Bei uns mieten sich Menschen ein barrierefreies Appartment und organisieren gemeinsam, dass sie benötigte Hilfen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in angemessenem Umfang erhalten."

"Ist das nicht dasselbe?", fragte der Techniker weiter.

"Keineswegs", antwortete Sofie. "Im ersten Fall gibt es ein starres Angebot aus Zimmer, Essen und Pflege, in das man sich einfügen kann, im zweiten Fall gibt es eine Wohnmöglichkeit und den Rest organisiert sich jeder selbst."

"Da würde ich doch aber die erste Möglichkeit vorziehen. Die Pflege brauche ich doch, wenn ich irgendwann mal so senil bin, dass ich jemanden haben muss, der mir den Hintern abputzt, nachdem ich ein Ei gelegt habe, sowieso. Dann ist es doch besser, ich kann auf den roten Klingelknopf drücken, als wenn ich erst noch im Internet drei Stellenanzeigen aufgeben muss und mich dann hinterher noch mit dem Finanzamt rumschlage, weil ich vergessen habe, für die 400-Euro-Kraft die Pauschalen an die Knappschaft zu überweisen."

Sofie antwortete: "So hat jeder seine Präferenzen. Mir wäre es zum Beispiel wichtiger, dass ich nicht um halb sieben schon ins Bett muss, weil die Schicht in den Feierabend geht." - "Och, wenn man morgens um sechs geweckt wird, geht man abends auch früh schlafen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aber eines fällt trotzdem angenehm auf: Bei Euch stinkt es nicht so extrem wie in manchen Einrichtungen. Ich komme ja viel rum, und in manchen Heimen stinkt das, als wenn die alle die Hosen voll haben", befand der Techniker.

Sofie versuchte einen neuen Aufschlag: "Das kann aber auch daran liegen, dass krankheitsbedingte Ausfälle beim Personal oder vielleicht nur die Bohnen beim Mittagessen den Abführplan der Einrichtung durcheinander gebracht haben. Wenn dann bei dem einen oder anderen Kacken erst morgen früh um neun auf der Tagesordnung steht, kann es zu solchen Kollateralschäden kommen."

Aber der Techniker konnte Sofies Einstellung zum selbstbestimmten Leben nicht nachvollziehen. Er antwortete: "Ich sehe schon, Sie kennen sich mit solchen Dingen viel besser aus als ich. Wollen Sie das mal als Beruf machen? Ist ja auf jeden Fall toll, wenn es einfache Möglichkeiten gibt, die Behinderten besser unterzubringen. Und es ist natürlich besser, wenn alles schön sauber ist und nicht stinkt. Dass man dafür Pläne erstellen muss, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber es leuchtet ein, dass es auch Regeln gibt, wenn so viele spezielle Leute unter einem Dach wohnen."

Sofie gab endgültig auf. Eine Bewohnerin mit frühkindlicher Hirnschädigung, körperlich sehr stark eingeschränkt, hat in einem Vierteljahr voraussichtlich ihr Abitur in der Tasche, hatte die letzten Worte mitgehört und krähte: "Für unsere frische Luft hier sorgt die 'Zentrale Anweisung zur strukturierten Methanabgabe in Wohnräumen der Behindertenhilfe', in Bewohnerkreisen auch 'Pupsplan' genannt."

Bevor sie weiterreden konnte, sagte der Techniker: "So viele Einzelheiten möchte ich das gar nicht wissen. Ich sehe, es ist alles gut strukturiert und dann kümmere ich mich mal darum, dass das Internet wieder funktioniert."

Immerhin hatte er es in weniger als zehn Minuten geschafft, den Fehler zu finden. Die Anschlussdose, die eigentlich der Netzbetreiber in Ordnung zu halten hatte, war defekt. Er tauschte sie, schrieb eine umfangreichen Text in die Rechnung und mit etwas Glück bekommt Frank die Kosten vom Netzanbieter wieder.

Als der Techniker weg war, fragte Sofie: "Sagt mal, hat die Anstaltsleitung eigentlich ein Mitbestimmungsrecht, wenn ein neuer Pupsplan aufgestellt wird?" - Schallendes Gelächter. Und jene Abiturientin in spe fügte hinzu: "Ich pupse am liebsten abends im Bett. Dann wird es schneller warm unter der Decke."

Sonntag, 15. Dezember 2013

Wohlfühlsauna

Ich bin weder krank noch gestorben. Nur leider habe ich im Moment sehr wenig Zeit, um mich intensiv mit dem Fehler zu beschäftigen, der immer wieder verhindert, dass ich Beiträge posten kann. Verschiedene Dinge, die mir von verschiedenen Leserinnen und Lesern empfohlen worden waren, haben leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Aber ich probiere weiter. Meistens klappt es ja sonntags abends. Ich bin zuversichtlich, nachdem ich in der letzten Woche unterwegs war und diese Chance verpasst hatte.

Heute war ich zwar auch unterwegs, aber nicht so lange. Ich war mit Steffi erneut in der Sauna. Es war erneut sehr schön und sehr entspannt, wir waren beide sehr happy und auch eine längere Zeitlang ziemlich albern. Nicht übermütig, aber dennoch so, dass ein älterer Mann, geschätzt um die 70, uns ansprach. Er hielt uns die Tür zu einem Bistro auf, dann sagte er: "Wissen Sie, warum ich hierhin immer wieder gerne komme?"

Ich verneinte und er sagte dann: "Weil Sie hier sind."

Ich guckte Steffi an, Steffi runzelte kaum sichtbar die Stirn und ich überlegte, ob ich antworten und somit nachfragen sollte. Ich entschloss mich, das zu tun: "Aber wir sind nur sehr selten hier und wenn ich das richtig sehe, kennen wir uns gar nicht."

Er antwortete: "Ich meinte damit auch nicht Sie persönlich, sondern 'Sie' im Sinne von behinderten Menschen. Wenn hier behinderte Menschen kommen und sich wohlfühlen, dann gibt es mir das Gefühl, dass auch ich als alter Mann hier willkommen bin. Ich meine damit, dass ich weiß, dass behinderte Menschen eher ausgeschlossen werdem als alte Menschen. Und wenn sich behinderte Menschen wohl fühlen, darf auch ich mich wohlfühlen."

Steffi bedankte sich für das Aufhalten der Tür und fuhr davon. Und ich? Ich muss jetzt damit leben, eine Rechtfertigung für einen alten Mann zu sein, sich in der Sauna wohlzufühlen...

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Doch keine behinderten Parkplätze

Manchmal kann, manchmal muss es auch recht schnell gehen. Laut Geschäftsordnung der Hamburger Bürgerschaft muss eine so genannte "Kleine Anfrage", also eine auf wenige Punkte begrenzte Fragestellung eines Parlamentsabgeordneten an die ausführende Behörde, innerhalb von 8 Tagen beantwortet werden. Und entsprechend schnell konnte auch die Frage geklärt werden, warum es in Hamburg nicht möglich sein soll, bei einer Veranstaltung, zu der viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer erwartet werden, die öffentliche Parkraumsituation an die kurzfristig veränderten Bedürfnisse anzupassen. Also auf Deutsch: Kurzzeitig ein paar mehr Behindertenparkplätze zu schaffen, sofern der Platz das zulässt. Auf "herkömmlichen" Parkplätzen können die Autos von beispielsweise Rollstuhlfahrern zwar auch stehen, nur brauchen die ja in der Regel mehr Platz zum Ein- und Aussteigen, so dass sie aufgeschmissen sind, wenn inzwischen jemand auf wenige Zentimeter an das Auto herangefahren ist. Dann müssten die Rollstuhlfahrer halt im Regen warten, bis der Nachbar wiederkommt. Falls er heute nochmal wiederkommt. Oder eben durch den Kofferraum reinkrabbeln...

Ergebnis: Die Möglichkeit, so etwas temporär einzurichten, gibt die Straßenverkehrsordnung in Verbindung mit den dazugehörigen Vorschriften sehr wohl und auch sehr eindeutig her. Es war anscheinend lediglich ein Problem des örtlich zuständigen Beamten, der das nicht wusste und wohl auch bei seinen Vorgesetzten nachgefragt hatte, nur letzlich dann eine andere und eigene Meinung dazu hatte. Nämlich die, dass man Rollstuhlfahrer damit bevorzugt.

Insoweit muss ich meinen Beitrag vom 28.11.13 korrigieren: Nicht die Stadt hat damit ein Problem, sondern lediglich ein einzelner Beamter, der die Stadt falsch vertreten hat. Bleibt abschließend zu hoffen, dass es nächstes Mal besser klappt.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Alea iacta est

Ich habe mich entschieden. Und bestellt. Ich bedanke mich bei allen, die mir ihre Meinungen geschrieben haben und mir Tipps gegeben haben.

Ich würde übrigens nicht von mir behaupten, dass ich ein Luxusproblem habe. Wie es behauptet wurde. Ich finde die Forderung, die mehrmals gestellt wurde, ich möge die Zuschüsse, die ich von derjenigen, die mich plattgefahren hat (bzw. ihrer Versicherung) bekomme, um den durch meine Querschnittlähmung bedingten Mehraufwand auszugleichen und mir eine größere Mobilität zu verschaffen, zurückzuzahlen, um so anderen Menschen diese Förderung zu ermöglichen, auch nicht wirklich nachvollziehbar. Als wenn auch nur ein bedürftiger Mensch ein Auto bezahlt bekäme, wenn ich das täte. Auch kann ich die Rechnungen, die teilweise aufgestellt wurden, nicht so nachvollziehen. Und ich kaufe auch kein Auto, weil ich so solidarisch und altruistisch bin und künftig Personen befördern möchte. In erster Linie sollen meine Sportgeräte ins Auto passen und ich möchte das Auto im Sommer dafür nutzen können, hinten auf einer Matratze zu pennen. Wenn dann noch weitere Leute reinpassen, lasse ich sie natürlich nicht stehen.

Meine beiden Sportgeräte passen nicht in den Touran, nicht in den Sharan und nicht in den Caddy. Damit bleibt nur noch ein Bus. Das Thema ist also für mich entschieden. Ich brauche ein Auto mit Automatikgetriebe und Standheizung. Erstes steht im Führerschein, zweites muss sein, weil ich nicht kratzen und sonst im Winter nicht alleine fahren kann. Mit Blick darauf, dass der Umbau teuer ist und ich das Auto einige Jahre fahren möchte, dürfte ein Gebrauchter höchstens zwei, drei Jahre alt sein. Der aktuelle Gebrauchtwagenmarkt hat allerdings nichts Vernünftiges in diesem Bereich: Entweder haben die schon 100.000 km gelaufen oder sie kosten genauso viel wie ich für einen Neuwagen ausgeben müsste, wenn man die Rabatte, die Volkswagen Menschen mit Behinderungen einräumt, abzieht. Selbst wenn da noch 5.000 € Unterschied sind - bei einem Auto, das ich 10 Jahre fahren möchte, investiere ich die gerne und weiß dann wenigstens genau, wieviele Unfälle das Ding schon hatte und über welche Pisten es geprügelt wurde.

Der Touran, den ich mit Sofie zusammen angeschafft habe, und den ich erstmal finanziert habe, steht mir ab 2014 nicht mehr zur Verfügung. Sofie hat eine Stelle angenommen, bei der sie täglich mit dem Auto fahren muss und hat das Auto bis Jahresende bezahlt. Zumindest den aktuellen Zeitwert, auf den wir uns geeinigt haben.

Wenn ich nun alle Autofahrten mit dem Bus mache und im Jahr auf 20.000 bis 30.000 Kilometer komme, zahle ich in den nächsten Jahren dafür einschließlich Reparaturen, Sprit und Versicherung rund 90.000 €. Merke: Stinkesocke hat den Führerschein noch nicht so lange und fährt daher in der Versicherung noch bei über 40%.

Fahre ich allerdings nur 5.000 Kilometer mit dem Bus und die verbleibenden Kilometer mit einem kleineren Fahrzeug, kostet mich der Spaß, wenn ich davon ausgehe, dass der Bus nach 10 Jahren mit 50.000 Kilometern noch einen Restwert von mindestens 10.000 € hat, gerade mal rund 75.000 € - einschließlich der Anschaffungskosten für das zweite Auto.

Entsprechend habe ich einen Transporter und einen Golf bestellt und beide zu einem guten Preis angeboten bekommen. Der Golf soll bereits in der 3. KW geliefert werden, der T5 erst im Juni 2014. Das wäre fast gerade noch rechtzeitig zur neuen Triathlon-Saison. Fast.

Montag, 9. Dezember 2013

Kurzentschlossen

Ganze vier Tage vorher hatten sie es erfahren, mich um halb elf abends endlich erreicht und dann gerade im letzten Moment noch zwei verbilligte Bahntickets gekauft. Emma und Paula haben in dr letzten Woche von einer Kollegin zwei Karten für das Musical "Der König der Löwen" abgestaubt. Besagte Kollegin hatte sich von ihrem Lover getrennt und wollte eigentlich mit ihm einen schönen Abend verbringen - nun hatte sie die beiden Karten im Wert von über 300 € für rund 50 € an Emma verscherbelt.

Was zur Folge hatte, dass ich endlich mal die schimmeligen Käsebrote unter meinem Bett herauskramen musste. Schließlich wollte ich ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen, wenn die beiden neben mir auf einer aufblasbaren 140er-Gästematratze zwei Nächte lang schnorchelten.

Und während Marie und ich uns am Praktikumssamstag mindestens zehn Mal die Frage stellen lassen mussten, ob viele Leute von Sturmtief Xaver verletzt worden sind, kämpften meine beiden Halbschwestern noch mit den zahlreichen Bahnverspätungen anlässlich des Orkans. Sie hatten aber einen so frühen Zug gebucht, dass sie es mit über dreistündiger Verspätung gerade so eben noch geschafft haben.

Apropos Praktikum: Kuriositäten gibt es ja immer. Platz 3 auf der Liste vom letzten Samstag erhielt von uns eine Frau, die Schnapp-Atmung bekam, als sie zwei Rollifahrerinnen erblickte. Sie schnappte vier Mal, drehte sich auf dem Absatz um und rannte zum Aufnahmetresen, weil sie allen Ernstes uns für Patienten hielt, die ihre Krankenakte von irgendeinem Stapel genommen hätten. Platz 2 bekam eine Frau um die 80, die sich ihr Stofftaschentuch mit einer Sicherheitsnadel und einem Faden am Gürtel ihrer Hose befestigt hatte. Auf Nachfrage meinte sie, sie würde es sonst immer verlieren. Der Faden war so lang, dass das Taschentuch ohne Öffnen der Sicherheitsnadel bis zur Nase kam. Und Platz 1 gaben wir einem jungen Knirps, 6 Jahre alt, der völlig alleine in die Aufnahme spaziert kam und seine Mama suchte. Seine Mama wollte zur "Apputeke" und "Medozin" holen, weil Papa "im Bett liegt und keucht". Jetzt war ihm das aber alleine mit dem keuchenden Papa zu Hause zu langweilig geworden. Zum Glück konnte der Ausreißer die Handynummer seiner Mutter auswendig aufsagen. Jule und Marie, die beiden rollenden Kindergärtnerinnen, klemmten sich also hinter das Telefon und baten eine völlig perplexe Muddi in die Notaufnahme. Und während wir warteten und mit ihm Quatsch machten (Handschuhe aufblasen und anmalen), wollte er unbedingt eine Brause trinken - und musste uns anschließend vorführen, dass die Melodie von "Oh Tannenbaum" auch rülpsen kann...

Am späten Abend wartete ich an den Landungsbrücken, um meine beiden Halbschwestern abzuholen. Sie waren sehr begeistert vom Musical, hatten supertolle Plätze gehabt und meinten, dass sich dieser Kurztrip trotz stressiger Bahnfahrt schon jetzt gelohnt hätte. Wir fuhren zum Hauptbahnhof, um ihre Taschen aus dem Schließfach zu holen, anschließend zu mir nach Hause. So viel, wie wir uns zu erzählen hatten, wurde es eine sehr kurze Nacht. Allerdings konnten wir am Sonntag ja ausschlafen.

Abends verabredeten wir uns mit Marie und Cathleen, uns mal so richtig durchschütteln zu lassen. Für den Hamburger Dom, das größte Volksfest des Nordens, kann es mir nicht zu kalt sein. Dicke Strumpfhose, Thermohose, Wollsocken, Stiefel, dicke Jacke, Handschuhe, Schal, Mütze, ... Emma fragte, ob das nicht etwas übertrieben sei, immerhin hätten wir Temperaturen über Null und bei ihnen da unten gäbe es auch schonmal minus 20. Ich antwortete: "Den nasskalten Wind in Hamburg darf man nicht unterschätzen. Bei minus 3 und nasser Luft frierst du hier mehr als bei minus 20 und trockener Luft bei euch."

Emma, Paula und die jungen Leute zum Mitreisen, die an den einzelnen Fahrgeschäften herumturnen, die Chips einsammeln und einmal am Bügel rütteln, waren sehr hilfsbereit, so dass wir nicht nur den "Avenger", eine Überkopfschaukel, bei der sich die Gondeln auch noch um die eigene Achse drehen und bei der man mit bis zu 120 km/h durch die Luft rauscht, sondern auch das "Artistico", die höchste Schwingschaukel Europas, bei der sich die Sitze auch noch im Kreis drehen. Der "Sky Fall", bei dem man einen freien Fall aus 80 Metern Höhe erlebt, durfte auch nicht fehlen. Cathleens einziger Kommentar: "Ist mir schlecht."

Anschließend teilten sich die vier Chaotinnen auf zwei Autos beim Autoscooter auf und versuchten, möglichst viele gut aussehende Jungs anzubumsen. Cathleen wollte in der Zeit lieber mit einer Freundin, die sie kurz zuvor getroffen hatte, noch einmal in den Sky Fall. Der Frontalzusammenprall zwischen dem Bayerncar und dem von Marie und mir gelenkten tat etwas weh, ansonsten war es eine Mordsgaudi. Etliche Jungs versuchten, uns anzuschieben, und als ich dann unser Auto durch eine geschickte Drehung im Lenkrad plötzlich rückwärts fahren ließ, fing Marie zu kreischen an. Zuerst wichen noch einige Leute uns aus, dann krachten wir rückwärts in eine Traube von Leuten, die sich ohnehin schon hoffnungslos verkeilt hatte. Maries einziger Kommentar: "Gut, dass ich mir vorhin noch eine Windel angezogen habe." - Zum Glück hat das bei dem Lärm niemand gehört.

Da Emma und Paula am heutigen Morgen früh wieder nach Hause mussten, schließlich hatten sie sich nur heute freinehmen können, und Cathleen, Marie und ich heute auch volles Programm hatten, verzichteten wir auf eine Partynacht und rollten um kurz vor Mitternacht brav wieder nach Hause. Trotzdem fand ich es toll, die beiden in diesem Jahr noch einmal gesehen zu haben!

Freitag, 6. Dezember 2013

Zimtschnecke

Es macht mich zunehmend aggressiv. Wenn Menschen mich anfassen. Wenn dann ein einfaches "Nein" nicht reicht. Wenn Freundlichkeit, Höflichkeit und Bestimmtheit nicht reichen und Unfreundlichkeit zu Diskussionen führt. Es ist seit Jahren dasselbe Problem, mit dem ich nicht alleine bin, und das mich irgendwann platzen lässt. Wenn das so weiter geht, kommt irgendwann der Tag, an dem ich mich körperlich zur Wehr setze und zur Backpfeife oder ähnlichem aushole. Ich habe das Gefühl, es wird immer seltener, dafür aber immer schlimmer.

Eigentlich bin ich sehr entspannt. Auch wenn Menschen mich anrempeln und ich fast aus dem Stuhl kippe. Was ich aber überhaupt nicht leiden kann, ist, wenn fremde Menschen mich einfach so anfassen. Und gerade heute gab es wieder so einen Fall: Ich stehe an der Kasse des Supermarktes, habe meine wenigen Artikel auf das Laufband gelegt und warte. Der Mann, geschätzt Mitte 40, Schmierlappen, steht hinter mir und schließt bis auf wenige Zentimeter auf, lehnt sich mit dem Gesäß gegen eine Stange und mit der Hüfte gegen meine Schulter. Ich fahre wenige Zentimeter vor, um den Kontakt wieder zu unterbrechen, der Mann rückt auf. Ich drehe mich um und gucke ihm einmal ins Gesicht. Es kommt zum kurzen Blickkontakt. Ich drehe mich wieder zurück, er lehnt sich wieder gegen mich.

Ich drehe mich erneut um und sage: "Lassen Sie das bitte! Lehnen Sie sich woanders an." - Drehe mich wieder um und rolle noch einige Zentimeter vor.

"Warum sitzt du im Rollstuhl?", will er wissen. Ich reagiere nicht. Er tippt mir auf die Schulter. Ich reagiere erneut nicht. Er tippt mir nochmal auf die Schulter. Ich drehe mich noch einmal um, sage zu ihm, etwas lauter: "Sie sollen aufhören, mich anzufassen! Ich möchte das nicht!"

Es geht ein Stück vorwärts und nun sehe ich in einem Fenster gegenüber in einem Spiegelbild, dass er sich über mich beugt und mir von senkrecht oben auf den Kopf schaut. Will er wissen, ob ich Läuse habe? Ich drehe mich noch einmal um. Leider nicht schnell genug, er dreht sich im gleichen Moment bereits weg und guckt von mir weg. Da ich ihn nicht ansprechen will, drehe ich mich wieder zurück, dieses Mal aber nur zur Hälfte, um ihn halb im Auge zu haben. Als es etwas weiter geht und ich ihm zum Aufrücken wieder den Rücken zudrehen muss, weil ich ja nun seitlich nicht fahren kann, merke ich, wie mir einer in meinen Haaren herumfummelt und versucht, mein Zopfgummi rauszuziehen. Unglaublich, das würde sich bei nicht behinderten Menschen kaum jemand erlauben. Ich drehe mich erneut um und brülle ihn an: "Ich möchte von Ihnen nicht angefasst werden!"

Keine der umstehenden Personen unternimmt etwas. Ich bitte die drei Halbstarken vor mir: "Darf ich mal bitte durch?" - "Nö, wir warten auch." - "Ich möchte nur raus, weil der Typ hinter mir mich anfasst und in meinen Haaren herumfummelt." - Gibt es niemanden, der mir auf diese deutlichen Worte hilft? Nein. Der Halbstarke sagt: "Kann ich verstehen, du bist ja auch eine kleine niedliche Zimtschnecke. Was hattest du eigentlich heute morgen in deinen Lackstiefeln?" - 'Zimtschnecke' hat mich neulich schonmal so ein Idiot genannt. "Lässt du mich jetzt durch oder soll ich dir über deine Lackstiefel fahren?" - "Jetzt entspann dich mal, Süße, und rauch noch einen Joint."

Den Kassierer interessiert das alles nicht, die anderen Menschen auch nicht. Ich drehe mich so, dass ich rückwärts fahre und den Mann hinter mir ständig im Blick habe. Nun fängt der Zimtschnecken-Typ an, in meinem Zopf herumzuspielen und sich meine Haare um seinen Finger zu drehen. Es war wenige Sekunden davor, dass ich eine Packung Milch vom Laufband genommen und sie ihm beim Umdrehen mit voller Wucht ins Gesicht geworfen hätte, als die drei an der Reihe waren und nach einem Ausweis gefragt wurden, weil sie Alkohol kaufen wollten.

In dem Moment kam ich an ihnen vorbei, habe meine drei Teile auf dem Laufband liegen gelassen und bin auf kürzestem Wege nach draußen. Inzwischen habe ich mich wieder etwas beruhigt. Und Haare gewaschen. Echt widerlich.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Wer ist schon perfekt?

Während draußen schon die ersten Windböen toben und Hamburg sich auf eine sehr schwere Sturmflut vorbereitet, stellt der Schweizer Verein "Pro Infirmis" mal wieder einen neuen Videoclip ins Netz. Mit bemerkenswerter Ruhe kommt er daher und löst, wenige Tage nach seiner Veröffentlichung, einen Klicksturm, eher einen Klick-Orkan aus. Wie schon beim letzten Mal, als ein Mensch sich in ein niedliches Bärenkostüm zwängt und in eine Fußgängerzone stellt. Er geht mit offenen Armen auf die Menschen zu und kurz darauf wollen ihn alle knuddeln und mit ihm fotografiert werden. Am Ende, als das ganze Spektakel vorüber ist, nimmt der Bär seinen Kopf ab und fragt: "Müssen wir uns verkleiden, um uns näher zu kommen?" - Erst jetzt wird sichtbar, dass der Mensch in dem Kostüm eine Behinderung, in diesem Fall Trisomie 21, hat.

Im aktuellen Spot anlässlich des gestrigen internationalen Tags der Menschen mit Behinderungen wurden die Schaufensterpuppen in teuren Modegeschäften in der Züricher Bahnhofstraße ausgetauscht. Die perfekt aussehenden Puppen wurden durch Abbilder von fünf berühmten Menschen mit Behinderungen, denen Gliedmaße fehlen, die kleinwüchsig sind oder deren Körperproportionen besonders sind, ersetzt, professionell gestylt und bekleidet und dann einen Tag lang im Schaufenster gezeigt. Was den Clip so sehenswert macht, sind gar nicht mal die Reaktionen der Menschen, die auch eher in den Hintergrund treten, sondern die Offenheit der mitwirkenden Menschen mit Behinderung gegenüber sich selbst, ihre Identifizierung, ihre Zustimmung zu ihrem Körper und dem professionell geschaffenen Abbild. Ganz besonders stark finde ich die Momente, in denen die Miss Handicap 2010, Jasmin Rechsteiner, ihre Puppe umarmt oder der Leichtathlet Urs Kolly der Puppe seine Prothese anzieht. Die Kampagne läuft unter dem Titel "Wer ist schon perfekt?" und ist aus meiner Sicht absolut gelungen.

Das Video gibt es übrigens hier zu sehen: