Montag, 28. Oktober 2013

Atomlocken

Jaja, sollen mich ruhig alle meine Probleme für lächerlich erklären. Sie haben mich in der letzten Nacht stundenlang verfolgt! Ich rede schreibe von übergroßen Erdnussflips.

Ja, ich bin heute schon genug ausgelacht worden. Das ist aber weniger witzig. Ich hatte in der letzten Nacht einen Alptraum, der mich völlig durchgeschwitzt und total verstört hat aufwachen lassen.

Ich hatte vor dem Einschlafen überlegt, dass ich auf jeden Fall noch in den Supermarkt muss, um Süßigkeiten für Halloween zu kaufen. Und irgendwann muss ich im Süßwarenregal mal etwas gesehen haben, was ich in meinen letzten Traum eingebaut habe. Ich war in einem Chemielabor in meiner Uni und musste einen Nachweis über einen Krankheitserreger erbringen. Plötzlich war ich alleine in diesem Labor und obwohl davon vorher nie die Rede war, galt der Krankheitserreger als nachgewiesen, wenn Erdnussflips anschwellen. So ein Schwachsinn! Aber diese Dinger vermehrten sich dann auch noch und ich hatte größte Angst, mich mit irgendeinem Scheiß zu infizieren. Radioaktiv sollten sich auch noch sein. Ich bin in Panik durch dieses Labor getobt, überall waren diese komischen mutierten Erdnüsse, und ich kam nicht raus. Ich weiß nicht, was ich alles ausprobiert habe, aber es ließ sich kein Fenster und keine Tür öffnen. Mein Handy war leer - unglaublich.

Ich habe Ängste ausgestanden, mich im Bett gewältzt, wie üblich bei Alpträumen alles vollgepinkelt, laut geschrien ... und wurde erst wach, als jemand an meine Tür wummerte. Meine erste Handlung war ein Blick unter das Bett: Nein, keine Erdnussflips.

Als ich dann tatsächlich vor dem Supermarktregal stand, wusste ich, wovon ich geträumt hatte. Es waren zwar keine Flips, sondern überdimensionierte Locken. Angst habe ich jetzt vor denen aber trotzdem:

Sonntag, 27. Oktober 2013

Über eine Quotenbehinderte

Wir betreiben nicht dieselbe Sportart, aber wir betreiben beide Rollstuhlsport. Laufen Rollen uns dabei auch üblicherweise nicht über den Weg, höchstens mal bei einer Versammlung. Oder wenn wir eher zufällig dazu verdonnert werden, einen Termin wahrzunehmen, bei dem es um sportpolitische Themen geht und bei dem wir unsere Vereine oder zumindest unsere Sportarten vertreten sollen.

Ich habe Stefanie bisher immer völlig anders eingeschätzt. Asche auf mein Haupt, dass ich mich einerseits so verschätzen konnte, andererseits überhaupt geschätzt habe. Aber leider ist es bei mir manchmal so: Ich bekomme einen ersten Eindruck, einen zweiten, einen dritten - und dann male ich mir ein Bild, von dem ich dann später merke, dass es gar nicht stimmt. Ich habe Stefanie bisher als junge Frau gesehen, die mit allen vier Rädern fest im Leben steht, nicht weiß, wie sie die ganzen Verabredungen mit Freundinnen und Freunden in ihrem Terminkalender unterbringen soll, einen guten Job hat, einen tollen Mann, eine gemütliche und unbefangene Familie, ein schönes Haus im Grünen ... irgendwie so.

Sie ist absolut hübsch. Würde mir jemand ein Foto von ihrem Gesicht zeigen und behaupten, sie sei ein erfolgreiches, teures Model, würde ich das sofort glauben. Sie wirkt absolut ruhig und gefasst, sagt klar, was sie denkt und was sie fühlt, lacht sehr gerne, macht insgesamt einen absolut sympathischen ersten Eindruck. Ohne es übertreiben zu wollen, sie wirkt automatisch auch etwas majestätisch. Allerdings nicht im Sinne von herrschaftlich, theatralisch, pompös, sondern eher beeindruckend im Sinne von berühmt, imponierend, souverän, würdevoll. Alleine durch ihr Aussehen, ihren Kleidungsstil, ihre Bescheidenheit, ihre Zurückhaltung.

Zurückblickend hätte ich große Lust gehabt, sie näher kennen zu lernen. Ich habe aber nie von mir aus den Kontakt gesucht. Ich habe gedacht, die Antwort würde lauten: "Du bist zu jung, du bist zu albern, wir haben keine Gemeinsamkeiten. Für Smalltalk bei einem zufälligen Treffen reicht es, ansonsten habe ich genügend Freunde, die jetzt schon wegen meines viel zu vollen Terminkalenders viel zu kurz kommen. Aber nett, dass du gefragt hast." - Wer hat darauf schon Bock?

Bis ich vor einigen Tagen eine Mail bekam: "Ich habe erfahren, dass du im Krankenhaus liegst. Leider habe ich deine Handynummer nicht. Ich hätte gerne mal mit dir gequatscht. Wenn du magst und deine Zeit es erlaubt, ruf mich doch einfach mal an. Liebe Grüße aus [einem Nobelstadtteil Hamburgs] und gute Besserung für dich! Werd schnell wieder fit!"

Ich war einigermaßen überrascht und habe ihr eine SMS zurück geschrieben, mich für die netten Wünsche bedankt. Und quasi bevor die SMS fertig gesendet war, rief sie mich an. Und begann das Gespräch mit: "Hallo Jule, ich habe immer einen Anlass gesucht, dich mal anzurufen, aber er war nie wichtig genug. Heute ist der Anlass zwar ein blöder, aber ich habe mich durchgerungen, dir zu schreiben. Wenn du das jetzt doof findest, sag das einfach, dann leg ich einfach wieder auf und werde dich nicht weiter nerven."

Ich war so perplex, dass ich erstmal gar nichts gesagt habe. Bis ich dann ein "nein, ich freue mich, ich bin nur gerade etwas überrascht und durcheinander" über die Lippen brachte. Sie wollte wissen, ob ich noch im Krankenhaus sei und als ich das verneinte, was ich den ganzen Tag so machen würde. Ich sprach kurz über mein Studium und über meinen Sport, erzählte irgendwann, dass ich letztes Wochenende in der Sauna war - da sagt sie: "Ich bin früher auch gerne in die Sauna gegangen. Mit meinen Eltern. Aber da konnte ich noch laufen."

Sie meinte, sie würde es eines Tages gerne mal ausprobieren, ob das auch mit dem Rollstuhl geht. Ich sagte: "Warum sollte das nicht gehen?" - Und ohne dass wir lange überlegt haben, waren wir verabredet. Wir kennen uns überhaupt nicht und gehen zusammen in die Sauna. Verstanden habe ich das selbst nicht. Aber es war ein wunderschöner Tag. Wir haben über neun Stunden lang über alles mögliche geredet und uns gegenseitig fast die gesamte Lebensgeschichte erzählt.

Und dabei hat sie mir auch erzählt, dass sie einen beschissenen Job hat, bei dem sie als "Quotenbehinderte" zur Vermeidung der Ausgleichsabgabe nur gemobbt und ausgegrenzt wird (Betriebsweihnachtsfeier im Restaurant mit Stufen, man geht einfach davon aus, dass sie nicht dabei ist und sagt ihr das auch so ins Gesicht), dass sie aber nichts anderes findet. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung, kann aber wegen ihrer Behinderung nur mit den beiden kleinen Fingern am Computer schreiben, da sie keine Handfunktion hat. Mit Stift und Papier kann sie überhaupt nichts anfangen.

Sie war fünf Jahre mit einem Mann zusammen, der sie allerdings mit einer zweiten Frau betrogen hat und ihr nicht sagen konnte, dass er auch jemanden zum Vorzeigen brauche und sie diese Rolle nicht übernehmen könnte. Sie sagte, sie verstehe heute nicht, wie sie sich so in einem Menschen täuschen konnte. Die Eltern haben sie bis zuletzt überreden wollen, trotzdem mit dem Typen zusammen zu bleiben, weil sie es als ausgeschlossen sahen, dass ihre Tochter jemals einen neuen Mann finden würde. Ihre Behinderung schreitet unaufhaltsam fort - wer liebt schon jemanden, der eines Tages pflegebedürftig sein wird, wenn diese Liebe nicht schon vorher bestanden hat? Also besser jemanden, der unehrlich ist, als gar keinen. Stefanie war da anderer Ansicht und hat den Typen in die Wüste geschickt. Und damit das Verhältnis zu den Eltern auch neu überdenken müssen.

Und zum Thema "Wohnen im Nobelstadtteil": Sie wohnt tatsächlich in Ecke, in der überwiegend große Villen stehen. Aber es gibt dort auch sozialen Wohnungsbau und ihr Gehalt reicht für eine nicht barrierefreie Einzimmerwohnung. "Nicht barrierefrei" in dem Sinne, dass sie zwar ohne Stufe rein und raus kommt, alleine sich aber nichts kochen kann, nicht mal alleine die Haustür aufschließen kann.

Als ich dann auch noch erfuhr, dass sie zwar zwei, drei sehr enge Freundinnen von früher hätte, diese aber inzwischen alle verheiratet seien und Familie hätten, so dass sie zwar regelmäßig telefonieren und sich auch mal zum Kaffeetrinken treffen, mehr aber nicht mehr drin wäre, habe ich wirklich gezweifelt, wie ich mich so verschätzt haben könnte. Als ihr zum Geburtstag zwar fünf, sechs Leute gratuliert haben, ihre Feier am Samstagabend aber trotz zahlreicher Einladungen spontan und unfreiwillig im kleinen Kreis stattfand (sie hat den Imbissbudenbesitzer an der nächsten Straßenecke zu einer Currywurst eingeladen, ihm aber nicht erzählen mögen, warum) und sie mir erzählte, dass Weihnachten am schlimmsten sei, weil sie dort drei Tage alleine sei und sich dann am 27. anhören müsse, wie toll alle anderen gefeiert hätten, habe ich wirklich geschluckt. Ich weiß, dass es Tiefstapler gibt, und ich weiß, dass ich sie völlig falsch eingeschätzt hatte - aber ich bin mir absolut sicher, dass das absolut ehrlich war. Und ich fürchte, dass sie zunächst so "majestätisch" wirkt, macht es ihr nicht einfacher.

Wir hatten ein absolut offenes Gespräch, auch über viele andere, positive, auch intime Themen und ich habe ihr selbstverständlich auch von meinem ersten Eindruck erzählt. Sie sagte, dass sie das schon ganz oft gehört hat und sie aber nicht weiß, woran das liegt und wie sie das ändern kann. Ich hatte die Vermutung geäußert, dass sie ein wenig zu schüchtern ist. Denn wenn man mit ihr eine halbe Stunde zusammen ist und frei von der Leber weg quatschen kann, kommt eine völlig andere Stefanie zum Vorschein. Als Friedrich Ludwig Schröder 1786 das Drama "Stille Wasser sind tief" geschrieben hatte, hätte er vermutlich nicht für möglich gehalten, 225 Jahre später damit in meinem Blog zusammen mit Stefanie in einer Zeile zu stehen. Nur soviel: Sie hat es faustdick hinter den Ohren und ich glaube, wir werden sehr viel Spaß zusammen haben! Es war ein absolut wertvoller Tag und einen so schönen, langen und anspruchsvollen Dialog hatte ich davor bisher nur in sehr engen und intensiven Freundschaften.

Freitag, 25. Oktober 2013

Behinderter Busparkplatz

Noch ein Foto: Hamburgs vermutlich größter Behindertenparkplatz befindet sich in der alten Tiefgarage unter dem ehemaligen Postamt Altona. Er ist so groß wie drei Wohnzimmer und erlaubt dem schwer, schwerst, allerschwerst behinderten Benutzer, sein Auto so hinzustellen wie er es (nicht) braucht:


Ich vermute, es ist ein Busparkplatz. Falls mal ein ganzer Bus voller voller allerschwerst behinderter Benutzer dort parken will.

Apropos Bus: Seit knapp zwei Jahren steht ja der Ersatz meines geliebten Vianos aus. Bestellt war er schon, nur liefern konnte keiner. Es gab Probleme bei einem Zulieferer, der ein Steuergerät baut, das für den behinderungsbedingten Umbau nötig ist. Inzwischen ist dieser Zulieferer verkauft worden, nachdem dessen Mutterunternehmen in die Insolvenz ging und inzwischen wiederum von einer aggressiv expandierenden Firma geschluckt wurde. Kurzum: Ich bin inzwischen mit anwaltlicher Hilfe vom Kaufvertrag zurückgetreten.

Dadurch habe ich ja aber trotzdem kein Auto. Zwar kann ich mich mit Sofie sehr gut verständigen, dass wir den 2012 angeschafften Touran beide nutzen und sie dafür nur den halben Preis zahlt, aber spätestens, wenn ich meinen Rennrolli und mein Handbike mitnehmen will, ist das Auto zu klein. Geschweige denn, dass ich dann noch jemanden im Auto mitfahren lassen kann.

Jetzt bekam ich den Tipp, bei Volkswagen zu bestellen, und zwar nicht den vermeintlich überteuerten Multivan, der ja überall in den Vordergrund geschoben wird, sondern einen Transporter. Damit verbindet man zwar in erster Linie eine Blechkiste, aber es gibt ihn eben auch in bunt, mit Einzelsitzen, Teppichverkleidung, Klimaanlage, Standheizung, Navi-Radio, Freisprecheinrichtung, elektrischen Fensterheber, elektrischen Seitentüren, abgedunkelten Scheiben, Lederlenkrad, Tempomat, Leichtmetallfelgen, Sitzheizung. 179 PS Diesel mit 7-Gang-Automatik, 191 km/h Spitze, Verbrauch kombiniert rund 7 Liter. Mit behindertemgerechten Umbau, Überführung und Zulassung auf den Cent genau 48.000 €.

Und damit 5 große Kröten teurer als der Viano. Fakt ist, dass das nicht noch ein Jahr so weiter geht. Von dem logistischen Problem, dass ich meine Sportausrüstung ständig anderen Leuten (meistens dem bereits überfüllten Vereinstransporter) auf die Augen drücken muss, bis hin zum finanziellen Problem, dass die Versicherung, die für meinen Gesundheitsschaden aufkommen muss, zu dem Auto einst Zuschüsse gezahlt hat und sie nun zurückfordert, wenn ich nicht bis Ende des Jahres tätig werde und Ersatz beschaffe. Zur Zeit liegen die Kröten von damals auf meinem Konto und werden dort bei der momentanen Zinsentwicklung eher weniger als mehr.

Ich würde sofort zuschlagen, bin mir aber noch nicht ganz schlüssig, ob das Modell nicht etwas zu gewagt ist. Nicht von der Größe, die soll es schon sein. Aber ist der Tipp mit dem Transporter wirklich so gut?

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Raterunde 2013

Es ist mal wieder an der Zeit, ein paar Paar neue Fotos einzukleben. Zu einem absolut spannenden Thema: Toiletten!

Ja, nu, da müssen ja alle mal hin. Hin und wieder regelmäßig. Manchmal etwas länger, manchmal etwas zu spät. Apropos zu spät: Wer als Rollstuhlfahrer auf diese Toilette möchte, kann nur hoffen, dass die Vorbenutzerin oder der Vorbenutzer kein Spielkalb war. Wenn ich auch nicht weiß, wozu es die Funktion "Gesamtes Toilettenbecken um einen Meter anheben" gibt, eins weiß ich sicher: Neun von zehn Höschen sind nass (und zwar nicht vor Lachen), bis man den Knopf gefunden hat, mit dem man den Topf in einer Geschwindigkeit von gefühlten 5 Millimetern pro Sekunde gluckernd abwärts bewegt. Wer mir erklären kann, was sich der Erfinder dabei gedacht hat (und kommt mir jetzt bitte nicht mit 'Rollstuhlfahrern das Stehpinkeln erleichtern'), gewinnt eine Rolle samtweiches Klopapier, meinetwegen auch eine Probierpackung Windeln. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (Tipp: Es ist keine Aufstehhilfe, denn das Becken bewegt sich nicht, sobald jemand drauf sitzt.)


Da gefällt mir doch schon wesentlich besser, was in den Mitarbeiter-WCs meines Krankenhauses, in dem ich bald Praktikum machen muss, an den Spiegeln klebt. "Der WC-Wissenstest: Was hängt an der Wand und schützt vor Brechdurchfall?"


Ich gebe einen Tipp: Das sollten nicht nur Mediziner, medizinisches und Pflegepersonal wissen, sondern eigentlich jede Frau, jeder Mann und jedes Kind. Ich habe allerdings zu kompliziert gedacht, bevor mir die Auflösung gesagt wurde und ich mir ein Grinsen über dieses gelungene Rätsel nicht verkneifen konnte. (Wer einen Tipp abgeben möchte, darf gerne die Kommentarfunktion benutzen, muss aber damit rechnen, dass ich die Lösung erst in ein paar Tagen verrate und entsprechend die richtigen Antworten auch erst in ein paar Tagen freischalte.)

Montag, 21. Oktober 2013

Keine Kirschen

Ich habe weiche Lippen. Auch ohne spezielle Lippenpflege. Ich brauche keine Produkte, die meine Lippen süchtig machen und austrocknen. Gerade jetzt, zu Beginn des Winters, wird man ständig angequatscht. In Fußgängerzonen, in Einkaufscentren, in Apotheken: Überall wollen sie ihre Wintercremes loswerden. Und besonders, wenn ein Lippenpflegestift dann auch noch nach Pfefferminze schmeckt, rollen sich bei mir alle 10 Fußnägel hoch.

Ich weiß, dass Marie solche Stifte auch nicht benutzt. Nicht zuletzt, weil der Kuss, den ich mir ihr hatte, nicht nach Kirsch-ChapStick schmeckte.

Wir hatten auch keinen Drink in der Hand, ich habe keinen Freund, dem ich das erklären müsste, und ich weiß auch ihren Namen. Insofern unterscheide ich mich etwas von Katheryn Hudson. Es hat sich aber, und da gibt es durchaus Gemeinsamkeiten zu dem Song der Kalifornierin mit dem Künstlernamen Katy Perry, richtig, falsch und ungezogen zugleich angefühlt. Und peinlich, weil wir beide nackt waren, uns Maries Mutter dabei ungeplant gesehen hat und einigermaßen irritiert war. So irritiert, dass sie sich spätabends noch ein klärendes Gespräch wünschte.

Marie lässt mich auf der sexuellen Ebene völlig kalt. Ich glaube, das ist die Voraussetzung dafür, um mit jemandem ins Bett zu krabbeln, ohne mit ihm Sex zu haben oder auch nur haben zu wollen. Marie hat, genauso wie Cathleen, bereits diverse Male mit mir zusammen in einem Bett übernachtet. Weil es mir oder ihr schlecht ging, weil kein Platz da war, weil uns kalt war, weil wir zusammen in einem Bett ferngesehen haben und es anschließend für einen von uns zu aufwändig war, noch unter der warmen Decke heraus in ein kaltes Bett zu kriechen. Wir können eng zusammen liegen, diese Nähe ist für mich okay. Sie riecht gut, sie schnarcht nicht - alles okay. Anders herum oder mit Cathleen ist es genau dasselbe.

Zur Begrüßung sagen wir "Hallo", treffen wir uns beim Sport, kann es sein, dass wir uns, genauso wie mit den anderen, nur einmal abklatschen. Meistens umarmen wir uns einmal zur Begrüßung und zum Abschied. Wenn ich sie sehr vermisst oder lange nicht gesehen habe oder wenn mir gerade danach ist, küssen wir uns auch mal flüchtig auf die Wange. Ich weiß, dass andere Menschen da anders sind, und vor meinem Unfall war ich in dieser Hinsicht auch komplett anders. Ich weiß aber auch, dass ich damit heute auch nicht außergewöhnlich bin.

Wir waren gestern abend im Pool, haben, endlich nach langer Zeit, drei Saunagänge eingeschoben, und kamen in endlosen Gesprächen mal wieder auf das Thema "Jungs". Und, um es kurz zu machen, irgendwann stellte Marie die Frage, ob ich meine, dass ich gut küssen könnte. Und nach einigem Gerede, wie man denn überhaupt gut küsst, ob Jungs gut küssen können und vier bis fünf schüchternen Küsschen auf den Mund haben wir es tatsächlich ausprobiert. Und festgestellt, dass wir beide gut küssen können. Das war alles und bereits beendet, als Maries Mutter auftauchte und uns ein Tablett mit Obst brachte. Ananasstücke, geschnittenen Apfel, ... alles mögliche. Aber keine Kirschen.

Sie hat es uns auf Anhieb geglaubt. Und es war sehr gut, dass sie uns gleich darauf angesprochen hat. Denn zunächst so richtig einordnen konnte ich ihre Irritation nicht. Und Marie auch nicht, bis zu ihrer Frage: "Was wäre so schlimm daran, wenn ich mit Jule zusammen wäre?" - Worauf Maries Mutter antwortete: "Dass du es mir nicht erzählt hättest, sondern mich bewusst in dem Glauben lässt, ihr wäret beste Freunde."

Sonntag, 20. Oktober 2013

Wie ein Pinguin

Ohne Wasser fühle ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Das Gefühl ist aus Sicht des Verstandes natürlich nicht korrekt. Im Gegensatz zum Fisch kann ich nur am Land atmen, dafür im Wasser überhaupt nicht. Ich lege keine Eier und ich kann auch nicht mit dem Schwanz wackeln. Meine Augen gucken auch ohne Fischbrille in dieselbe Richtung und selbst ohne Kühlung rieche ich nicht nach Trimethylamin.

Mein Verstand schlägt meinem Gefühl also vor, ich sollte mich doch eher wie ein Pinguin fühlen. Bei näherer Betrachtung mag das etwas passender sein. Fliegen kann ich nicht, aufrecht gehen auch nicht (ich wäre damit wohl ein besonders tollpatschiger Pinguin, der nur noch auf dem Bauch umher rutscht), ich bin einigermaßen zutraulich, manchmal frech und eine weiße Weste habe ich auch. Okay, okay, die Flecken sind nicht ganz rausgegangen...

Ich will das nicht weiter vertiefen. Schließlich legen Pinguine auch Eier und ich möchte nicht in der nächsten Woche von meinen Freundinnen und Freunden lauter besonders schöne Steine geschenkt bekommen. Ob Stinkesocke, Fisch oder Pinguin: Ich brauchte eine Einleitung. Um auszudrücken, wie sehr mir das Wasser fehlt. Es fehlt mir so sehr, dass ich meinen Doc so lange genervt habe, bis er nach einem anfänglichen "Kommt gar nicht in die Tüte, Sie haben wohl einen Knall" irgendwann sagte: "Dann gehen Sie schwimmen. Aber dann besorgen Sie sich vorher vernünftige wasserdichte Pflaster und kleben die beiden Stellen ab, die jetzt noch nicht wieder richtig verheilt sind."

Gesagt, getan. Wir waren mit vier Leuten in der Ostsee. Ja, richtig. Total verrückt, hat aber irre viel Spaß gemacht. Knapp vierzig Minuten, Wasser 13 Grad, Luft 7 Grad, Wellen mit Schaumkronen und mindestens 100 Spaziergänger, die ihren Augen nicht trauten und fragten, wofür wir trainieren. Insbesondere, wenn das Wasser wärmer ist als die Luft, ist es schon ein lustiges Gefühl. Etwas Hardcore war es nur, das Gesicht ins Wasser zu packen, aber nach 5 Minuten war auch das okay.

Um uns herum auf dem Parkplatz waren auch mindestens 40 Surfer, die das tolle Wetter ausnutzen wollten und sich entsprechend umzogen. Das hat niemanden interessiert. Auch die rund 20 Leute mit ihren Pferden, die am Strand reiten wollten, haben lediglich mir wehmütige Aufmerksamkeit abgefordert. Aber dass sich in der Nähe der Behindertenparkplätze auch Rollstuhlfahrer in ihre Neos zwängten, war mal wieder eine absolute Attraktion. Die Leute blieben stehen und der Wind trug den einen oder anderen Satzbaustein zu uns herüber: "Ob die wohl auch surfen?" - "Es gibt ja alles für Behinderte, die können ja sogar Fallschirmspringen!" - "Und Auto fahren und Wasserski!" - "Neulich hab ich sogar einen mit einem Fahrrad gesehen!"

Wir sollten Eintritt verlangen und Autogramme verteilen. Am besten gefiel mir selbst eine Sportkollegin aus einem anderen Team, die mit einer Pudelmütze ins Wasser ging.

Ohne Wasser fühle ich mich nicht wohl. Und ohne diesen Spaß und diese Verrücktheiten auch nicht. Ich bin froh, das ausleben zu können und zu dürfen.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Ein neues Semester

"Das fängt ja gut an.", kommentierte Marie ihren ersten Tag des neuen Semesters. Dass Vorlesungen in Anatomie künftig auf Englisch gehalten werden sollen, weil die neue Dozentin darauf Bock hat, ist eine Sache. Dass sie dabei so nuschelt, dass niemand ein Wort versteht, ist eine andere (Sache). Dass sie aber nicht in der Lage war, mit einem Kommilitonen, der zweisprachig aufwuchs, weil dessen Eltern aus Amerika nach Deutschland kamen, als er drei Jahre alt war, eine Fachfrage auf Englisch zu klären und sich da einen abgestottert hat, war unsere Rettung. Ich habe ja nichts gegen Vorlesungen auf Englisch, aber es sollte für jemanden, der Englisch als Muttersprache hat, schon möglich sein, dem Inhalt irgendwie zu folgen. Wenn selbst er zunächst vier Mal, zunächst sehr freundlich, darum bittet, sie möge etwas lauter und auch etwas deutlicher sprechen, bei ihm käme das akustisch nicht an, und sie ihn anpampt, er möge doch sein Englisch aufbessern, leider sei der Einsteigerkurs für die Erstsemester gerade vorbei, aber es gebe sich mit Sicherheit noch die eine oder andere Möglichkeit an der Volkshochschule, dann halte ich die Areale für relativ deutlich abgesteckt. Wuff.

Wir müssen in diesem Semester unter anderem ein Vorbereitungspraktikum "Einführung in die klinische Medizin" belegen. Vorgesehen sind sieben Termine jeweils samstags, was mir irgendwie so gar nicht passt. Marie und ich starteten aber noch vor dem Mittagessen einen schnellen Zugriff. Als wir nämlich sahen, dass eine absolut begehrte Internistin auch auf der Liste derer stand, die Praktikanten betreuen, wollten wir keine Sekunde warten. Und wir haben es geschafft: Wir sind fest bei ihr eingeplant. Diejenigen, die erst zum Mittagessen waren, gingen bereits leer aus. Wie war das mit dem frühen Vogel?

Nicht ganz so schön, und insofern hatte Marie mit ihrem Das-fängt-ja-gut-an-Kommentar schon deutlich vorgegriffen, war der Weg zurück. Wir mussten beide dringend aufs Klo, es gab ein Rolli-WC in einem Gang im gleichen Stockwerk, in dem auch die Internistin ihr Zimmer hatte, und eins im Erdgeschoss. Mit Ching, Chang, Chong bekam ich das WC auf derselben Etage, während ich Marie ins Erdgeschoss schickte. Als ich zehn Minuten später im Erdgeschoss vor dem Rolli-WC stand, war das offen und niemand war drin. Ich guckte mich um, fand Marie nirgendwo. Ich schrieb ihr eine SMS, bekam aber keine Antwort. Ich war gerade auf dem Weg nach draußen, als ich mich über einen schrillen Piepton wunderte, den ich nun schon mehrmals gehört hatte und den ich nicht zuordnen konnte. Das wird doch nicht etwa...

Doch. Marie steckte in dem anderen der beiden Aufzüge fest. Der Aufzug war, wie sich später herausstellte, zunächst nach oben gefahren, weil dort wohl auch jemand gedrückt hatte, hatte dabei allerdings irgendwas verkehrt gemacht. Jedenfalls ging die innere Tür auf, ohne die äußere mitzunehmen. Marie meinte, danach polterte die innere Tür noch ein paar Mal auf und zu, dann war Feierabend. Handyempfang war nicht, aber wenigstens funktionierte die Alarmklingel.

Ich dachte zuerst, vielleicht steckt die Kabine ja noch in dem Stockwerk, in dem wir losgefahren sind, und fuhr mit dem anderen Aufzug dorthin. Prompt lief mir die Internistin über den Weg. Sie wollte eigentlich gerade in das Treppenhaus neben den beiden Aufzugstüren. "Na, noch was vergessen?", fragte sie mich. Ich antwortete: "Ja, Marie. Ich glaube, sie steckt im Aufzug fest. Wir haben uns getrennt, weil wir beide aufs Klo müssen. Ich oben, sie unten, hatten wir ausgemacht. Unten ist sie nicht, auf SMS antwortet sie nicht, dafür drückt hier aber jemand ständig den Alarmknopf."

Wie auf Kommando piepte es wieder schrill. Die Ärztin wummerte mit der flachen Hand gegen die Blechtür und brüllte: "Hallo?!" - Und fügte dann leise hinzu: "Jemand ze Hage?"

Oben piepte es gleich wieder und in der Kabine polterte auch jemand herum. Die Ärztin nahm ihr Telefon aus dem Kittel und ließ sich mit dem Aufzugstechniker verbinden. "Hier steckt jemand im Aufzug. Was für eine Nummer? Oben links an der Tür ist keine Nummer. Was? Nein, ich brauch keine neue Brille." - Kopfschüttelnd steckte sie ihr Telefon wieder weg und meinte, sie würde noch einen Moment warten, ob wirklich jemand kommt. Wir fuhren mit dem anderen Aufzug in das Stockwerk, wo die andere Kabine festhing. Nach 10 Minuten rief sie das zweite Mal an. Der Dialog war köstlich: "Ich habe Ihnen doch eben schon gesagt, dass hier keine Nummer an der Aufzugstür steht. Ich habe Ihnen gesagt, in welchem Haus. Das müsste doch reichen, das Gebäude ist ausgeschildert. Kommen Sie jetzt oder soll ich die Feuerwehr rufen?"

Nach drei Minuten hatte der Techniker uns gefunden. Er öffnete mit einem Dreikantschlüssel die äußere Kabinentür. Drinnen stand Marie, die auch erstmal einen Anschiss bekam: "Was hast du denn mit dem Aufzug gemacht? Von alleine passiert das nicht, dass die Türen sich verhaken." - Marie antwortete: "Ich habe nur auf 'E' gedrückt." - "Dann wäre hier ja nicht die Tür ausgehakt. Da muss ja schon jemand mit brachialer Gewalt nachgeholfen haben."

Die Ärztin sagte: "So, Marie, kommen Sie bitte? Wir haben noch was anderes vor." - Zum Glück hatte er nicht gesehen, dass Maries Rolli bereits tropfte. Ein weiterer blöder Kommentar hätte noch gefehlt. Die Ärztin meinte, als wir in dem anderen Aufzug nach unten standen: "Wollen Sie eben kurz auf der Station duschen? Ich organisiere Ihnen eine trockene Hose. Ich hätte weiß, grün oder blau im Angebot."

Marie wurde dunkelrot und guckte unauffällig an sich herunter. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Marie funkelte mich an. Die Ärztin schleuste Marie auf einer Station ins Patientenbad. Eine Schwester kam vorbei: "Ich habe hier eine Studentin im Rollstuhl, die hat sich bei mir im Praktikum was über die Hose gekippt und muss kurz duschen. Kann sie aber alleine. Habt ihr noch eine weiße Hose und ein weißes weibliches Hemd in S für sie?" - Der Weg nach Hause war gerettet...

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Ich habe fertig

Ich glaube, das kam bisher noch nie vor: Dass ich die Kommentarfunktion unter einem Beitrag (Liliputaner Action) ausschalten musste, weil ich keinen Bock mehr hatte, zu diskutieren. Aber einmal ist ja bekanntlich immer das erste Mal. Ganz ehrlich? Ich freue mich über viele Leser meines Blogs. Ich freue mich auch über verschiedene Meinungen. Und auch darüber, dass meine Leser nicht nur nicken oder leise weiter klicken, wenn sie anderer Meinung sind.

Ich halte mich für jemanden, der sich gerade zum Themenkomplex "Menschen mit Behinderung" sehr viele Gedanken macht, auch über den ersten Tellerrand hinaus. Ich bilde mir bestimmt nicht leichtfertig eine Meinung. Es gibt mit Sicherheit auch noch sehr viele Aspekte, die ich selbst nicht hergeleitet habe, wenn ich mir eine Meinung bilde und diese zum Besten gebe. Weil mir Wissen, Erfahrung oder Urteilsvermögen fehlte - oder aus welchen Gründen auch immer. Aber dass ich vorschnell Menschen (vor)verurteile, lasse ich mir nicht nachsagen. Und dass ich eine Nazibraut sei, die ihr rechtes Gedankengut unter ihren Lesern zu multiplizieren sucht, ebenfalls nicht. Ich möchte auch nicht öffentlich als perverser Korinthenkacker betitelt werden, auch nicht von registrierten Usern, die ihren Namen angeben, und die Behauptung, ich selbst würde Menschen wegen ihrer Behinderung diskriminieren und daher eine Doppelmoral an den Tag legen, wenn ich ein Ende der Diskriminierung von behinderten Menschen fordere, lasse ich ebenfalls nicht so stehen.

Noch einmal: Ich habe absolut nichts gegen einen sachlichen Austausch von Argumenten. Es darf gerne jede Leserin und jeder Leser anderer Meinung sein als ich. Und das gerne auch mit deutlichen Worten vertreten. Ich wünsche mir in diesem Zusammenhang auch eine zweite, dritte, vierte und fünfte Chance, wenn ich meine Ansichten neu ordnen und meine Meinung neu bilden muss. Weil ich nachträglich erkenne, auf dem Holzweg zu sein. Aber Leserinnen und Leser, die diese Diskussion auf einer persönlichen Ebene austragen wollen, suchen sich künftig bitte einen anderen Platz dafür. Und nehmen am besten gleich jene Trolle mit, die hierher kommen, um Stunk zu machen. Ich greife einmal wild in meinen Spam-Ordner: "Querschnittsgelähmt und Brandnarben - die Chancen auf einen Kerl sinken ins Bodenlose."

In diesem Sinne: Ich habe fertig.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Voll sexy

Bevor mich morgen die Uni wiedersieht und ich zum Endspurt zur ersten Zwischenprüfung (Mitte März 2014) aufbreche, haben wir das letzte freie Wochenende noch einmal genutzt, um mit insgesamt acht Rollifahrern und vier Fußgängern die Reeperbahn unsicher zu machen. Es war ein total lustiger Abend, ausnahmsweise mal ohne größere komische Zwischenfälle. Okay, Simone, die an diesem Wochenende bei Cathleen zu Besuch ist und dort schläft, ist mitten auf dem Hans-Albers-Platz an einer hochstehenden Gehwegplatte hängen geblieben und hat sich unsanft auf die Nase gelegt, mitten in ein paar Glasscherben, aber sie hat sich glücklicherweise nicht verletzt.

In einer Diskothek wurden wir von einem etwas merkwürdigen Typen, etwa 40 Jahre alt, zum Bier eingeladen. Er drückte einfach allen, die im Rollstuhl saßen, eine Flasche Holsten in die Hand und wollte dann von den Frauen wissen, ob sie ihre Tage bekommen, obwohl sie im Rollstuhl sitzen. Irgendwann hat mich das schon mal einer in einer Kneipe gefragt. Die Frage, ob ich noch Sex haben kann, ist auf der Reeperbahn auch sehr beliebt. Ich glaube, er war einfach breit. Und mit mir fing draußen jemand zu diskutieren an, ob es nicht cool wäre, eine Disko nur für Rollstuhlfahrer zu bauen - ich habe ihm dann geantwortet, dass ich diese Ausgrenzung nicht toll fände. Besser fände ich eine Diskothek, die komplett barrierefrei ist, aber wo alle reindürfen. Also auch Fußgänger. Er meinte dann, dass das eine schlechte Idee sei, denn die meisten Fußgänger könnten ja gar nicht im Rollstuhl fahren...

Marie bekam von einem auch leicht angetrunkenen Mann in ihrem Alter in einer Kneipe plötzlich einen Kuss auf die Wange. Sie war völlig perplex - einfach so im Vorbeigehen. Er meinte dann zu ihr: "Du bewegst dich voll sexy in deinem Stuhl!" - Fand ich auch. Allerdings habe ich mich auch sexy bewegt und keinen Kuss bekommen. Macht nix. Ich kann auch ohne Kuss einschlafen - jetzt.

Freitag, 11. Oktober 2013

Liliputaner Action

Irgendjemand aus dem Raum Freiburg hat seine ganze Clique motiviert, mir Mails zu schreiben. Zumindest steht dort einer der Server, über den mir Mails gesendet werden. Aus Hannover kam ein zweiter Schwung. Der Inhalt: Man sage "Spasti" nicht. Rund 30 Mal dieselbe Grütze. Böse Stinkesocke!

Naja, grundsätzlich fährt man mit dem Verbot, laut "Spasti" zu sagen, auch ganz gut. Und alle, die nicht begreifen, warum man das nicht sagt, auch und schon gar nicht als Schimpfwort, sollten sich wohl auch einfach an dieses Verbot halten. So bestehen gute Chancen, dass deine Mudda dir nicht den Lutscher wegnimmt.

Meinen Lieblingsspasti rede ich in Mails übrigens tatsächlich mit "Hi Spasti" an. Sie unterschreibt sogar mit diesem Spitznamen. Genau, ein Spitzname. Nicht Schnucki, Schwänli, Bärli oder Schokopupsi, sondern Spasti. Ich nenne Menschen beim Spitznamen, wenn ich sie lieb habe.

Wenn also schon kein abgrundtiefer Hass aus mir bricht, während mir dieses Wort über die Lippen gleitet, möchte ich die Frage stellen, ob man jemandem so einen Spitznamen geben darf. Und meinen Kritikern recht geben, die ausführen, dass man niemanden auf seine Behinderung reduzieren sollte. Da bin ich völlig derselben Meinung. Und ich finde, gerade wenn ein Mensch mit einer Behinderung von einem anderen Menschen mit Behinderung "Spasti" genannt wird, schreit diese gewollte sanfte Provokation förmlich danach, diesen Menschen eben gerade nicht über seine Behinderung zu definieren. Oder sie betont unauffällig zu verleugnen. "Du Spast" würde ich allerdings niemals zu jemandem sagen - klingt schließlich weder liebevoll noch niedlich.

Ist es immer okay, wenn der oder die Betroffene einwilligt?

Natürlich nicht. Krassestes Beispiel: Wenn sich zwei duellieren wollen und schriftlich vereinbaren, dass der überleben möge, der seine Waffe zuerst abfeuert, kann der Sieger sich einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Sicherheit nicht entziehen. Zumindest in Deutschland nicht. Hoffe ich doch.

Ähnlich ist es beim Zwergenweitwurf. Was? Ja, sowas gibt es. Ist verboten, das vorweg. Aber es gab mal ein paar kleinwüchsige Menschen, die sich im Rahmen eines Stunts durch die Luft werfen ließen. Wer am weitesten warf, bekam einen Gewinn. Es wurde argumentiert: Dazu gehören zwei. Einer, der wirft, und einer, der sich werfen lässt.

Falsch. Dazu gehören noch mehr. Nämlich mindestens alle kleinwüchsigen Menschen. Denn hier wird nicht irgendwer geworfen, sondern jemand, der wegen einer Behinderung besonders einfach zu werfen ist. Es werden nicht Paul oder Peter fair in einem Spiel besiegt, sondern es werden kleinwüchsige Menschen als Zwerge durch die Gegend geschleudert. Kleinwüchsige Menschen werden bei diesem Spiel auf ihre Behinderung reduziert. Es wird grober Unfug veranstaltet, der sich mit der Menschenwürde nicht vereinbaren lässt. Menschen sind mehr als Wurfgeschosse.

Ich sehe das so: Als Mensch und Mitglied der Gesellschaft habe ich auch einen erheblichen Teil (zum Inklusionsprozess) zum Miteinander beizutragen, um nicht wegen meiner Einzigartigkeit gruppiert und diskriminiert zu werden. Dazu gehört, dass ich meine Würde genauso achte wie die anderer Menschen. Und dazu gehört, dass ich mich nicht diskriminieren lasse oder gar zur Diskriminierung meiner Person aufrufe.

"Liliputaner Action: Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen", so lautete die schon mehrmals stattgefundene Aktion einer Cuxhavener Diskothek. Ein kleinwüchsiger Mensch musste gefangen werden - wer das schaffte, bekam einen Fernseher. Es klingt zwar unglaublich, aber es stimmt. Und der kleinwüchsige Mensch hat mitgemacht. Er müsse schließlich irgendwie seine Familie durchbringen. Traurige Berühmtheit bekam die Aktion, als der kleinwüchsige Mensch stürzte und sich schwer verletzte. Nicht bei der "Liliputaner Action" selbst, aber ...

Ich vermute, dieser Mensch ist sehr einfach gestrickt. Vielleicht ist er nicht das hellste Licht im Leuchter, vielleicht hat er auch nicht alle Tassen im Schrank. Der Verletzte hat überhaupt nicht bestritten, die Aktion freiwillig mitgemacht, sogar vorgeschlagen zu haben. Ich bin bekanntlich gegen jede Bevormundung und gegen jede Form intensiver Kontrolle und Überwachung. Ich möchte zuerst an die Fähigkeiten jedes Einzelnen glauben können. Aber ganz offensichtlich gibt es nicht nur mindestens einen Menschen, der sich für Geld verspotten lässt und damit jede Würde mit Füßen tritt, für die andere unermüdlich kämpfen; sondern auch noch ganz viele, die für einen Flachbildfernseher sämtlichen Verstand garagieren. Braucht es also tatsächlich jemanden, der den Leuten die Lutscher wegnimmt, weil sie mit zuviel Freiheit im Hirn nicht umgehen können?

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Julius möchte skaten

Ich habe gestern etwas gemacht, was ich sonst eher nicht so oft mache: Öffentlich um Geld bitten. Nee, ich hab mich nicht verzockt. Aber der Wunsch, den da jemand hat, möge sich doch am besten bitte auf ganz viele Schultern verteilen, finde ich. Meine beiden hatten schon was getragen. Aber das reichte noch nicht ganz.

Es geht um Julius. Julius ist 17, geht noch zur Schule, ist seit einer Frühgeburt Spasti und begeisterter Chairskater. Chairskating ist ein Extremsport, bei dem ein Rollstuhlfahrer skatet. Also durch die Halfpipe rauscht und ähnliches macht. Sieht gefährlich aus, ist es mitunter auch; wie bei allen Sportarten sollte man natürlich seine Grenzen kennen. Julius hat den Sport für sich selbst entdeckt, aber er schleppt auch alle möglichen Freunde mit und zeigt ihnen, wie das geht und wird dabei selbst immer besser.

Chairskaten kann man nicht mit dem Stuhl, den man von der Krankenkasse bekommt. Das wäre ungefähr so, als würde ich nach Feierabend mit einem Dienstwagen am Autorennen teilnehmen wollen. Er ist weder darauf ausgelegt noch sieht es toll aus, wenn man später mit einem verschrammelten Ding zum Kunden fährt. Und ich möchte mal die Eltern sehen, denen es egal ist, wenn Sohnemann nicht zur Schule kann, weil der Rolli beim Skaten kaputt gegangen ist.

Also muss ein Skatestuhl her. Extra dafür gebaut, ultrastabil, unkaputtbar. Für Workshops kann man den leihen, aber es ist wie beim Windsurfen: Da kann man Brett und Neo auch leihen. Wenn die Surfschule geöffnet hat und das passende Gerät und vor allem der passende Neo vorhanden ist. Und man genug Geld hat, was man als Schüler in der Regel nicht hat.

Julius ist heiß auf diesen Sport. So ein spezieller, maßangefertigter Skate-Stuhl kostet aber eine Menge Geld und wird natürlich von den Krankenkassen nicht übernommen. Die Familie hat auch nicht so viel Geld, aber mit vereinten Kräften (ein Griff in Julius Spardose, ein Griff in Papas Spardose und eine öffentliche Spendenaktion über eine Crowdfunding-Plattform) war das zu schaffen.

Knapp über 1.000 € hatte Julius selbst schon gesammelt. Als ich gestern mittag darum bat, ob nicht der eine oder die andere, dem oder der es nicht weh tut, noch 10 € dazu tun möge, waren noch 500 € der angesetzten Gesamtsumme offen. Keine 12 Stunden später waren die 500 € zusammen, so dass es jetzt losgehen kann!

Alle Achtung, ich wusste ja, dass tolle Leute unter meinen Leserinnen und Lesern sind, aber von dem schnellen Ergebnis war selbst ich sehr angenehm überrascht. Ich habe Julius gestern abend noch geschrieben, er möge doch mal auf seine Projektseite gucken - da war die Endsumme noch nicht erreicht. Ich bekam sofort eine Antwort und ich habe den Eindruck, er hat sich sehr gefreut. Und ganz süß fand ich seinen abschließenden Satz: "Falls du Lust hast, können wir dann ja mal eine Runde gemeinsam skaten (ich zeig dir wie es geht)!"

Nee, Julius, davor hätte ich viel zu viel Schiss... Ich würde ja gerne mal Mäuschen sein und sein Gesicht sehen, wenn er heute morgen aufwacht, auf die Seite klickt und sieht, dass sein Stuhl finanziert ist! Er hat mir jedenfalls gestern versprochen, sobald der Stuhl da ist, bekomme ich Fotos gemailt. Die werde ich dann natürlich auch hier reinstellen - aber schon heute bedanke ich mich bei allen, die was dazu beigetragen haben, dass Julius nun seinen Skatechair bekommt: Danke!

Ein Video zu dem Sport kann man sich übrigens hier bei Spiegel Online ansehen. In dem Video ist Julius auch zu sehen. Und auf dem Foto unten ist er der vordere von den beiden, in dem grünen Rolli. Und wer sich seine Crowdfunding-Seite noch einmal ansehen will (das Ziel ist inzwischen erreicht), kann das mit einem Klick auf diesen Link tun.


Von der Autorin zuletzt am 11.10.13 um 5:59 Uhr editiert.

Straffer Blick

Das ist es, was ich jetzt unbedingt brauche. Einen straffen Blick.

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Großer Schub

Ich kann auch was Schönes erzählen. Zum Beispiel, dass mich Marie jeden Tag im Krankenhaus besucht hat. Und Cathleen mindestens jeden zweiten. Auch Maria ist zwei Mal vorbei gekommen. Maries Mama und auch der Papa waren ein paar Mal da. So viele Zeitschriften wie in den zwei Wochen habe ich seit mindestens fünf Jahren nicht mehr gesehen. So viele Blumen wie in den zwei Wochen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht bekommen. Und trotzdem waren die Wochen scheiße. Zwar nicht ganz so scheiße wie sie gewesen wären, hätte mich niemand besucht, aber schön geht anders.

Einige Tage vor meiner Entlassung kam Marie abends vorbei. "Kann ich bei dir fernsehen?", fragte sie mich. "Papa will Fußball gucken."

Das war der Abend, an dem es mit meiner Stimmung allmählich wieder bergauf ging. Ich zog die Schublade meines Nachtschranks auf, holte ein Schlüsselbund heraus und hielt es Marie hin, ohne eine Miene zu verziehen. "Du weißt ja, wie mein Fernseher funktioniert." - Und für einen Moment überlegte sie, ob ich sie wirklich missverstanden habe. Aber damit muss sie halt rechnen, wenn sie mir so einen Unsinn erzählt. Als wenn ich nicht wüsste, dass es bei ihr zu Hause mehr als einen Fernseher gibt und als wenn ich nicht merken würde, dass sie mich ablenken will. Ein paar Sekunden dauerte es, bis sie mich angrinste und sagte: "So langsam wirst du wieder die alte."

Der Rest des Abends hatte überhaupt keinen Krankenhaus-Charme. Wir haben uns zu zweit ins Bett gelegt, Pizza aus dem Karton gespeist gefressen, Schwachsinn im Fernsehen geguckt, ohne Ende gequatscht ... und plötzlich kam die Nachtschwester rein. Blieb wie angewurzelt in der Tür stehen, guckte einen Moment und sagte dann grinsend: "Och wie niedlich. Braucht ihr noch was zur Nacht?"

Ich schüttelte den Kopf.

Sie sagte: "Einen Tee zur Nacht? Oder zwei?"

Am Ende schob die Schwester ein zweites Bett für Marie rein. Mit den Worten: "Wenn es morgen früh Ärger gibt, müssen Sie ein Zustellbett für Angehörige nachlösen."

Es gab keinen Ärger. Sondern am nächsten Morgen sogar ein Frühstück ans Bett für Marie. Die Aktion war natürlich mehr erlebnisorientiert als komfortabel. Maries Mutter meinte dazu, wir haben gehörig einen an der Mütze. Aber es war spaßig und ich würde sagen, die Aktion hat, auch wenn es nur eine Nacht war, meiner Genesung einen großen Schub gegeben. Ich habe der Nachtschwester bei meiner Entlassung eine kleine Aufmerksamkeit ins Fach legen lassen. Ich hoffe, sie ist angekommen.

Zurück in den Kindergarten

Ich habe es versprochen: Ich schreibe über meine Zeit in der Klinik.

Also. Als ich kackend im Bett lag, ...

Achso. Niveau? Sorry. Ist verbrannt. Lag bei mir sowieso immer nur knapp unter der Haut. Appetit? Wird ohnehin zu hoch bewertet, verursacht nur Gefäßkrankheiten. Und Alterszucker. Ich habe drei Kilo abgenommen. In zwei Wochen. Wehe dem, der mir dazu gratuliert. Aber ich habe mir vorhin mit Marie eine Tafel Schoki gerecht geteilt. Sie zwei Stücke, ich den Rest.

Ich schweife vom Thema ab. Wir waren beim Kacken. Ja, ich kann es mir nicht verkneifen, denn dann könnte ich das mit Abstand krasseste Erlebnis aus den zwei Wochen nicht erzählen. Und ich möchte doch meine auffällige Zurückhaltung beim Schreiben der letzten Wochen durch einen Paukenschlag wettmachen. Jetzt.

Also, ich lag kackend im Bett.

Warum? Nun, ich durfte nicht aufstehen. Und wer einen Querschnitt auf eine Blechpfanne setzt, möchte allenfalls eine weitere Fallpauschale auslösen. Ich fass mich kurz: Nackt ausziehen, Decke weg, auf die Seite rollen, die Schwester ein halbes Dutzend Zellstoffunterlagen im Bett verteilen lassen, zurückrollen, kerzengerade auf die Seite legen, Miniklistier in den Po geben lassen, Zellstoff drüber, Decke drüber, Fenster auf, 20 Minuten warten, Knie seitlich liegend unter das Kinn ziehen und sich wünschen, dass man pressen könnte. Nach 30 bis 40 Minuten die Schwester nicht um ihren Job beneiden und hoffen, dass alles das raus ist, was nicht mehr drin sein soll.

Diese Minuten können lang sein. Vor allem, weil ich mir jede Minute wünsche, niemand möge reinkommen. Irgendwelche Kommilitonen vielleicht: "Hey Jule, lass dich knuddeln!"

Mitten in diesen langen Minuten ertönen vom Balkon vor dem Fenster Geräusche. Der Balkon ist durchgängig, man kann also vom Zimmer 1 bis zum Zimmer 13 entlang laufen. Oder auch rollen. Ich glaube, so würde man heute nicht mehr bauen, aber das Haus steht nun einmal. Die Geräusche, die vom Balkon durch das weit geöffnete Fenster drangen, erinnerten mich an ein pupsendes Pferd. Oder an ein Kleinkind, das versucht, ebensolche Geräusche mittels auf den Unterarm aufgesetzten Mund zu kreieren. Galt das mir? Falls ja, konnte das eigentlich nur die Schwester sein. Und der hatte ich eigentlich mehr Niveau zugerechnet als mir.

Nein, es war ein Pflegeschüler, der mich wohl toll fand. Und der auf diesem Weg wohl versucht hatte, mir näher zu kommen. Er stand plötzlich grinsend im Fenster. Und sagte dann lachend: "Na? Machste Kacki?"

Ich konnte mich ja kaum bewegen, aber für einen Stinkefinger reichte es. Das musste sein und es tut mir auch nicht Leid. Wäre ich besser drauf gewesen, hätte ich vielleicht noch eine passende Bemerkung herausgeben können, aber so wünschte ich mir nur, er möge einfach verschwinden. Nachdem ich ihm keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt habe, fügte er eine zweite Frage an: "Oder Pischi? Oder beides?"

Ich machte ihn an: "Mensch verpiss dich! Ich komm doch auch nicht gaffen, wenn du auf Klo sitzt!"

Woraufhin er lachend sagte: "Sitzen? Also Kacki? Hey komm, war nur ein Spaß. Ich wollte dich aufmuntern. Der Versuch ist wohl in die Hose gegangen. Oder doch ins Bett? Komm, Frieden?"

"Kannst du jetzt bitte gehen? Oder muss ich dich noch drei Mal bitten?", sagte ich. Seine Antwort: "Du bist schlecht drauf, oder?"

Nachdem ich ihn einen Moment ignoriert hatte, verschwand er leise murmelnd. Für immer. Ich habe ihn danach kein einziges Mal mehr gesehen. Ich vermute, es war sein letzter Tag auf der Station. Oder er musste zurück in den Kindergarten.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Malediven

Am liebsten würde ich darüber schreiben, dass ich einen tollen Mann kennengelernt habe, mit dem ich mich drei Wochen lang vergnügt habe. Wir sind spontan zusammen verreist, er hat mich zu einem Tauchurlaub auf die Malediven mitgenommen, er ist ein total knackiger Typ, intelligent, witzig, charmant, gut aussehend, athletisch ... und er trägt die kleine Stinkesocke auf Händen. Zumindest dort, wo sie nicht hinrollen kann. Wir haben von morgens bis abends Spaß und nachts erst recht. Er ist gut im Bett, experimentierfreudig, ungehemmt.

Er freut sich, wenn andere Menschen erfolgreich sind und ist selbst erfolgreich in einem gemeinnützigen Job. Er weiß, dass er intelligent ist. Er ist sogar so intelligent, dass er weiß, dass er vieles nicht weiß. Er versteht Liebe als Freiheit, als Bereicherung. Kann über sich selbst lachen, seine eigene Meinung auch mal überdenken. Und vor allem: Er hat eine eigene Meinung. Er findet nicht alles gut an mir. Und er liebt mich.

Am liebsten würde ich darüber schreiben, dass auf den Malediven so viel Sand, Strand, bunte Fische und Funklöcher waren, dass ich drei Wochen nicht schreiben konnte. Und dass mein toller Lover mich jetzt krault, während ich endlich darüber aufkläre, was los war.

Aber das Leben richtet sich bekanntlich nicht nach dem, was man am liebsten hätte. Eine gewisse Lebenskunst besteht wohl darin, wenn man das, was man gerade bekommt, als das sehen kann, was man gerade gerne hätte. Das gelingt mir sehr oft, aber wenn ich jetzt schreibe, dass zwei Wochen Krankenhaus toll waren, würde ich es mir selbst nicht mal glauben.

Daher schreibe ich einfach, wie verdammt scheiße es war. Trotz Einzelzimmer. Trotz täglichen Besuchs. Trotz vieler Freunde, die vorbei gekommen sind. Trotz Fernsehen, trotz überwiegend netter Schwestern, trotz allem. Es war einfach nur scheiße. So viel geheult wie in den letzten zwei Wochen habe ich mindestens fünf Jahre nicht mehr. Ich bin nur sehr froh darüber, seit Freitagnachmittag wieder zu Hause zu sein. Ich habe fast 24 Stunden nur geschlafen und fühle mich jetzt wieder so fit, dass ich mein Studium wieder aufnehmen kann.

Was passiert war? Ich sage nur: Spasti und Wasserkocher. Nein, nein, nein und nochmals nein, ich bin ihr nicht böse. Es war keine Absicht, keine Unachtsamkeit, es war noch nicht mal steuerbar. Sie hat sich erschrocken, hat das das Ding umgeworfen, ich stand in der Nähe. Es ist einfach passiert und ich bin froh, dass das kochende Wasser nicht direkt in meine Richtung gespritzt und dass der Deckel drauf geblieben ist. Und dass ich gerade einen Teller auf dem Schoß hatte, so dass das kochende Wasser nur einen Arm und Teile meines Oberkörpers verbrüht hat.

Die Situation selbst war gar nicht mal so heftig, ich habe mich eher erschrocken als dass es weh tat. Meine Mitbewohnerin, die den Wasserkocher umgeworfen hat, war in dem Moment mehr in Panik als ich. Sie war so aufgeregt, dass sie kein vernünftiges Wort zusammen bekam. Von unten kam eine Krankenschwester zu mir, die darauf bestand, dass ich das im Krankenhaus ansehen und versorgen lasse. Sie hat einen Krankenwagen bestellt und damit nahm das eigentliche Drama seinen Lauf. Die Rettungsleitstelle schickte die Polizei mit, wahrscheinlich weil ein Unfall mit einem Wasserkocher in einer WG auch mal auf böse Absichten zurückzuführen sein könnte. Oder weil gerade Langeweile herrschte. Die Polizei fragte den Spasti und sie gab natürlich, lieb und brav wie sie ist, zu Protokoll, dass sie das Ding umgefeuert hatte.

Dem Rettungssanitäter war das Zusammenwirken von Brandverletzung und Querschnitt nicht geheuer, so dass er den Notarzt nachorderte. Das kann ich einerseits verstehen, aus medizinischer Sicht, denn die Verbrühung war schon großflächig und großflächige Verbrühungen können sehr schnell mal zu einem Schock führen. Und gerade wenn dann der Patient noch eine Kreislaufregulationsstörung hat, da sich die Gefäße in den unteren Gliedmaßen durch die Querschnittlähmung nicht so zusammenziehen können wie das bei einem Menschen ohne Querschnittlähmung der Fall ist, kann das schnell mal entgleiten. Aber es war unnötig. Und dann ist es besonders aufregend, wenn der nähste Notarzt im Einsatz ist und der Rettungshubschrauber starten muss, um einen Doc einzufliegen. Ja, so läuft das in Hamburg. Und dafür dann noch gefühlte hundert weitere Streifenwagen nötig sind, um den Landeplatz zu sichern und eine Straße zu sperren. Einschließlich drei Millionen schaulustige Leute.

Nein, ich bin nicht mit dem Heli geflogen und nein, es war auch nicht die Notärztin, die ich schon kannte. Aber sie begleitete mich ins Krankenhaus und ich musste auch drei Tage auf die Intensivstation, allerdings war ich die ganze Zeit wach und es gab keinerlei Probleme. Richtig aus der Bahn geworfen hat mich die Ankündigung eines Pflegers, dass der verbrühte Bereich auch das gelähmte Areal betrifft und es durchaus sein könnte, dass mein Aufenthalt in Monaten besser bemessbar sei als in Wochen. Am Ende war aber alles halb so wild: Der richtig kritische Bereich, also die Beine, haben nur Spritzer abbekommen und die sind durch die Jeans so abgehalten worden, dass man da nichts machen musste. Die heftigen Verbrennungen (zweiten Grades, schön mit Brandblasen) waren im Bereich des rechten Armes, des rechten vorderen Rumpfes und ein Fleck noch am Rumpf hinten rechts. Das war der, von dem man die meisten Probleme erwartete und da ist jetzt auch noch ein Verband drüber, aber das heilt.

Da das gleich vernünftig versorgt wurde (die Brandblasen konnten steril abgewischt werden und mussten nicht chirurgisch entfernt werden) und die Dermis (also die zweite Hautschicht) nur teilweise und nur geringfügig betroffen war, wird das ohne großartige Narbenbildung abheilen. Im Grunde ist also nicht viel passiert - aber zu viel Langeweile ist ja auch ungesund, habe ich mir sagen lassen. Die hatte ich im Krankenhaus gewiss nicht, aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.