Dienstag, 10. September 2013

Zu einfach

Ich fahre ja nach wie vor gerne und oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Weil es einfach schneller geht und für mich billiger ist. Aber manchmal kann einem auch die Lust daran vergehen.

Nach jahrelangem Umbau hängt seit wenigen Monaten wenigstens schon mal die Uhr an einem zentralen Bahnhof, über den ich regelmäßig fahre, wenn ich zur ambulanten Therapie ins Krankenhaus, einschließlich meiner Psychologin, muss. Die Deckenleuchten sind noch nicht alle montiert, die Aufzüge haben inzwischen aber schon alle ihre Kinderkrankheiten gehabt. Der eine stand nach einem mehrmonatigen Umbau mehrere Monate wegen eines defekten Bauteils still, der andere war auch in meinem Blog schon mehrmals Thema.

Man benötigt grundsätzlich zwei Aufzüge. Einer führt von der Straßenebene oder vom Busbahnhof auf eine Verteilerebene, ein weiterer zum S- oder Fernbahngleis. Nun ist der zur Verteilerebene schon wieder seit einer Woche defekt, nachdem er letzten Monat schon drei Wochen außer Betrieb war. Grund diesmal: Die Notrufeinrichtung ist defekt. Ohne Notrufeinrichtung darf der Aufzug nicht fahren, das Ersatzteil werde erst Ende September geliefert.

Unterdessen lässt sich der Aufzug zum Gleis von unten nicht rufen. Licht brennt in der Kabine auch nicht. Der Zustand hält auch schon seit einem halben Jahr an, mehrmals habe ich mich schon bei der zugehörigen Kundenhotline beschwert. Meine letzte erhaltene Antwort: "Der Aufzug ist gestern kontrolliert worden, Sie müssen vielleicht etwas fester auf den Knopf drücken." - Argh.

Und wenn man dann spontan den Nahverkehrszug vom anderen Gleis nehmen will, wird einem der Einstieg mit der Rampe verweigert. Grund: "Sie sind nicht vorgemeldet."

Aber immerhin gibt es eine Lösung, so die Mitarbeiterin des Kundendialogs der Bahn. Die sehe so aus:

1. Sie steigen in den Bus einer bestimmten Linie (fährt alle 10 Minuten) und fahren eine Station weiter. (Fahrtzeit: 3 Minuten.)
2. Dann fahren Sie zur nächsten Kreuzung, überqueren die Straße und rollen auf der anderen Straßenseite einmal um den kompletten Bahnhof herum. Weg: Rund 600 Meter. Für Leute, die nicht ortskundig sind, eine ziemliche Herausforderung.
3. Sie befahren die Verteilerebene des Bahnhofs über eine fest installierte Rampe.
4. Sie fahren mit einem anderen Aufzug auf ein Nachbargleis, durch das sonst keine Bahnen fahren.
5. Sie klingeln oben an der Notrufsäule und bitten die Servicekraft, den Fahrdienstleiter zu veranlassen, eine der nächsten S-Bahnen durch das gesperrte Gleis zu leiten.
6. Abwarten.

Nun ist es tatsächlich so, dass der Fahrdienstleiter in der Regel sehr kooperativ einen der nächsten Züge umleitet. Allerdings gibt es dabei etwas zu beachten: Durch das Gleis können nur S-Bahn-Züge geleitet werden, die den Bahnhof durchfahren, keine, die in dem Bahnhof wenden. Und die Mehrzahl der Züge endet dort und fährt anschließend wieder zurück. Außerdem müsse der Zug noch mindestens 10 Minuten entfernt sein, damit die anderen Fahrgäste sich auf die Umstellung vorbereiten können und der Zug nicht zunächst falsch in der automatischen Ansage angekündigt wird. Im ungünstigsten Fall steht man also 34 Minuten auf dem Bahnsteig, bis das klappt. Dazu kommt noch der Umweg mit dem Bus, so dass mich das Theater ruhig mal eine geschlagene Stunde mehr Zeit kosten kann.

Was mir nicht in den Kopf will: Die Notrufeinrichtung dürfte doch nicht viel anders aufgebaut sein als ein besseres Seniorentelefon mit Handsender. Und sie wird auch nicht die einzige dieser Art in Deutschland sein. Warum kann man diese Bauteile nicht irgendwo in Deutschland so vorrätig halten, dass man es mit einem Paketdienst innerhalb von 48 Stunden versendet hat? Wenn ich mir eine Porno-DVD bestelle, klappt das doch auch bis zum nächsten Morgen um 10. Aber vielleicht mache ich mir das auch zu einfach.

Montag, 9. September 2013

Die drei aus Berlin

Typisch Großstadt: Da gurkt ein 61jähriger Rollstuhlfahrer mit seinem Elektromobil durch sein Wohnviertel, als ein schwarzer Mondeo mit Berliner Kennzeichen anhält, zwei Frauen, um die 30 Jahre alt, aussteigen und ihn nach dem Weg fragen. Der Fahrer bleibt im Auto. Als der Rollstuhlfahrer den beiden erklärt, dass sie mit einer Straßenkarte aus Hannover nicht weit kommen und ihnen ohne Karte beschreibt, wie sie zu ihrem Ziel gelangen, beginnen die beiden Frauen, dem Rollstuhlfahrer eine Hand- und eine Halskette zu entreißen.

Der Mann wurde inzwischen von der Boulevardpresse zu Hause besucht, in Großaufnahme abgelichtet und als der wohl härteste Rollstuhlfahrer Hamburgs beschrieben. Weil er oft mit Hanteln im Fitness-Studio trainiert, konnte er mit einer Hand seine Kette festhalten und mit der anderen eine der beiden Frauen umstoßen. Am Ende sind die drei mit einem wertlosen Kettenanhänger getürmt. Einen zweiten Angriff hätten sie sich nicht getraut.

Ich bin, ehrlich gesagt, sehr irritiert. Da fahren drei Personen mit einem nicht gerade unauffälligen Fahrzeug in die äußerste Ecke einer Wohnsiedlung, aus der man mit dem Auto so gut wie überhaupt nicht fliehen kann, um 700 Meter von einer Polizeidienststelle entfernt einen Raub zu begehen? Das bedeutet, da verabreden sich drei Leute, einem Rollstuhlfahrer eine halbwegs wertlose Kette wegzureißen? Am hellichten Tag, vor den Fenstern etlicher Menschen? Bereiten das noch vor, indem sie eine falsche Straßenkarte mitnehmen? Und dann bleibt ausgerechnet der Mann im Auto sitzen? Und die beiden Frauen kommen nicht auf die Idee, den gelähmten Menschen aus seinem Stuhl zu holen oder ihn mitsamt dem Gefährt umzukippen? Sondern lassen sich von ihm zu Boden werfen? Und hauen dann sofort ab? Und niemand hat was gesehen? Und vom Kennzeichen fällt einem nur noch ein, dass es aus Berlin war?

Ich hoffe nicht, jemals in so eine Situation zu kommen. Und wenn es so war, wie es beschrieben ist, ist es schlimm. Aber wenn nicht, dann ist es fast noch schlimmer. Finde ich.

Sonntag, 8. September 2013

Trainingscamp in Niedersachsen

Am letzten Wochenende war ich endlich mal wieder auf einem Trainings-Camp. Nachdem die letzten beiden Termine gecancelt worden waren, weil mal wieder kurzfristig alle möglichen Leute wieder abgesagt haben, fand dieser Termin nun tatsächlich mal statt. Veranstalter war ein befreundeter Verein aus Niedersachsen, das Angebot richtete sich nicht nur an Triathleten, sondern ausdrücklich auch an Paratriathleten. Der Schwerpunkt war auf das Schwimmen gesetzt.

Am Freitag war die Anreise, nach Möglichkeit sollten wir um 11 Uhr auf der Matte stehen. Berufstätige durften auch später anreisen. So standen Marie und ich kurz vor 11 Uhr nach knapp dreistündiger Autofahrt in einem Büro eines Sportzentrums. Nachdem wir dort alle möglichen Anmeldeunterlagen und einen sechsseitigen Belegungsvertrag ausfüllen mussten ("Wünschen Sie sich täglich eine kostenlose Probepackung Sportlernahrung auf Ihr Zimmer?", "Wünschen Sie eine Ernährungsberatung während Ihres Aufenthaltes?", ...) und dann noch mit allen möglichen Flyern und bunten Handzetteln versorgt wurden ("Die Entspannungsmassage kann auch morgens vor dem Frühstück auf Ihrem Zimmer stattfinden", "Bitte werfen Sie keine Papiertücher in die WC-Becken", "Bitte verzichten Sie auf die Einnahme von Mahlzeiten im Nassbereich der Schwimmhalle", "Die Verwendung von Haft- und Sprühklebern in der Sporthalle ist untersagt, zuwider Handelnde zahlen eine Vertragsstrafe von 500 €", "Die Mitnahme von Speisen und Getränken aus der Sportlerkantine stellen wir als Lunchpakete in Rechnung."), bezogen wir unser Zimmer.

Nach und nach rollten einige bekannte und unbekannte Gesichter über den Flur, bevor wir gemeinsam zum Mittagessen in einen Raum aufbrachen, an dessen Tür "Speisesaal" klebte, der aber nach den Worten von Nils, einem zu Fuß gehenden Teilnehmer Mitte 30 aus Schleswig-Holstein, eher an eine Fressbude erinnere. In der Salatbar bewiesen zwei auffallend blinkende digitale Ziffern, die gemeinsam eine "16" ergaben, dass irgendwas mit der Kühlung nicht ganz in Ordnung war, einen Tresen weiter wurde die Hauptmahlzeit in einem Wasserbad heiß gehalten. Laut Beschriftung sollte es sich um Kaisergemüse handeln, laut Nils waren es "Blähbohnen, Knallerbsen und Futtermöhren", wobei ich ihm bei den Futtermöhren sofort zustimmen musste. Als famoses Zartgemüse aus der taschengroßen Weißblechdose konnte das auf keinen Fall durchgehen und der Mais, der ebenfalls als Bestandteil namentlich auf dem Schildchen benannt war, war vermutlich bei der legendären Gemüseparade in die falsche Richtung abgebogen.

Das Schnitzel war nach Art des Hauses, was, laut Sternchen-Fußnote in Acht-Punkt-Schrift "Geschnetzeltes, überwiegend aus der Schweine-Oberschale, in Flüssigpanade (Mehl, Bio-Eier, Semmel, Gewürze) eingelegt und anschließend von Hand schonend goldbraun gebraten" bedeutete. Am besten war der Hinweis: "Enthält Gluten, kann Spuren von Senf enthalten." - Nils meinte, es handele sich um Fleischabfälle, die mit Eierpanade zusammengeklebt worden seien. Es hätte seinen Grund, warum dort "Geschnetzeltes, überwiegend aus der Schweine-Oberschale" stünde und nicht "Schweineschnitzel aus der Oberschale" oder wenigstens "Geschnetzeltes vom Schwein, überwiegend aus der Oberschale". Somit sei, laut Nils, der Hinweis auf die Senfkörner eher als Zynismus zu verstehen, und der Wellensittich sei vor seiner Weiterverarbeitung hoffentlich gerupft worden. Ich kann so etwas zwar immer nur schlecht beurteilen, aber selbst aus dem Blickwinkel einer Nachwuchssportlerin, die notfalls auch auf einer Turnmatte übernachtet, den Kopf auf einem Pullover oder Handtuch, war mir das alles nicht ganz geheuer. Um den Nachtisch in ein Schüsselchen füllen zu können, musste man mit einem Esslöffel in einem großen Eimer herumrühren - entsprechend sah der Esslöffel, den vor mir schon 50 andere Leute in der Hand hatten, und der immer wieder auf einen Teller gelegt wurde, aus.

Als eine Küchenmitarbeiterin um die Ecke bog, fragte Nils, warum die Karotten denn so groß wie Telefonzellen seien müssten und ob es irgendwo noch die angekündigte Kartoffel zu finden gäbe. Die Frau zuckte mit den Schultern. "Wenigstens eine vernünftige Kelle für den Nachtisch sollte bei einem Neun-Euro-Sechzig-Mittag drin sein, finden Sie nicht?!" - Marie und ich rollten ohne zu essen wieder raus, auf zum nächsten Supermarkt, uns erstmal mit ein paar Keksen und Getränken eindecken. Übrigens waren die folgenden zwei Mittagessen auch nicht besser. Insbesondere dass an allen drei Tagen immer Brechbohnen zwangsläufig im Gemüse verschnibbelt waren, nervte nicht nur mich, die davon ständig pupsen muss und das deswegen gar nicht erst auf ihren Teller füllt, sondern auch mindestens einen anderen Teilnehmer, der eine Lebensmittelallergie hatte und überhaupt keine grünen Bohnen vertrug.

Bei einem Abendessen, das ebenfalls 9,60 € kostet, hatte ich mehr erwartet als Brot und Brötchen mit drei Wurst- und einer Käsesorte. Dazu Mineralwasser und Tee. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden: Ich finde es völlig ausreichend, zur Abendmahlzeit Brot zu essen. Aber dann reicht auch ein Preis von 2,50 €. Marie und ich hatten aber keinen Bock, uns darüber zu beschweren - und alle anderen schien das nicht genug zu stören. Möglicherweise mussten die ihre Teilnahme auch nicht selbst bezahlen und wussten daher nicht, was das kostet. Oder wir sind inzwischen zu verwöhnt.

Wie immer, wenn man ausgiebig über das Essen meckert, war alles andere toll. Das Zimmer mit einem Kingsize-Bett und einem riesigen Fernseher und einer barrierefreien Dusche, nachts schön dunkel und sehr ruhig gelegen, war klasse. Das Schwimmbad war gut, lediglich stank es mehr nach Chlor als die Halle, in der wir sonst trainieren und teilweise waren für meinen Geschmack auch zu viele Leute drin. Aber die Trainerin war gut. Insgesamt hatten wir sechs Einheiten im Wasser, davon vier Ausdauereinheiten mit jeweis 3.000 bis 4.000 Metern und zwei Technikeinheiten. Wir waren auf dem Zug- und auf dem Rollergometer.

Am ersten Abend hatten Marie und ich noch eine Begegnung mit einem 17jährigen Fußgänger aus Schleswig-Holstein, der dort mit einer Schwimmgruppe war. Wir saßen mit einigen Leuten um einen Tisch und spielten Kakerlakenpoker. Da das Sofa sehr bequem war, hatten sich Marie und ich umgesetzt. Unsere Rollstühle hatte jemand aus Platzgründen an den Nachbartisch geschoben. Besagter 17jähriger setzte sich neben mich und fragte, ob er mal zuschauen könnte, kam immer dichter. Ich glaube, er fand mich nett, allerdings nur solange, bis er merkte, was mit mir los war. Als nämlich mein Handy klingelte und ich denjenigen, der am nähsten an meinem Rolli dran war, bat, ob er mir das mal eben rübergeben könnte, guckte mich der 17jährige entsetzt an und fragte mich: "Ist das dein Rollstuhl?"

Später erzählte mir dann ein anderer Rollstuhlfahrer, dass er auf ein Gespräch der Schleswig-Holsteiner aufmerksam wurde, das die im Umkleideraum führten. "Das kann auch nur ... passieren, dass er sich ausgerechnet zu einer Behinderten aufs Sofa setzt und die auch noch angräbt." - Tja. Was soll man dazu sagen?

Der Samstagabend stand ganz im Zeichen einer Bierstaffel. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainingscamps bildeten Mannschaften, bunt gemischt durch die Vereine, und traten gegeneinander an. Aufgabe: Eine halbe Schwimmnudel als "Staffelholz" durch die 50-Meter-Bahn treiben, drüben rausklettern, am Tisch einen Drittelliter Bier auf Ex runterkippen, möglichst ohne sich dabei die Hälfte über den Badeanzug zu kleckern, zum Beckenrand zurück gehen oder krabbeln, die Nudel, die nicht mit aus dem Wasser genommen werden durfte und im glücklichsten Fall noch in derselben Bahn war, einsammeln und zurück schwimmen. Drüben die Nudel übergeben.

Meine Mannschaft machte den ersten Platz und gewann eine alte Luftpumpe. Die Mannschaft von Marie machte den letzten Platz. Es lag aber nicht an Marie...

Insgesamt gab es drei Durchgänge. Immerhin waren wir pro Staffel 12 Leute, so dass man erst beim dritten Durchgang das Gefühl hatte, gleich kotzen zu müssen. Zum Glück blieb es allseits bei diesem Gefühl. Marie und ich waren nach dem Tag so fertig, dass wir gleich ins Bett verschwunden sind. Und, wie man sich denken kann, war die zweite Nacht nicht annähernd so entspannt wie die erste. Ich glaube, alleine ich war vier Mal auf dem Klo.

Montag, 2. September 2013

Auf der Alm

Es ist nass, es ist kalt, der Sommer ist für ein paar Tage vorbei. Sogar die Heizung geht schon wieder.

In unserem Haus zumindest. In anderen Häusern vielleicht nicht. Und so fahre ich heute auf dem Weg nach Hause an der Erdgeschosswohnung eines anderen Hauses vorbei und kann im Vorbeirollen durch ein geschlossenes Fenster gucken. Drinnen hängt ein dünner, grauer Vorhang vor dem Fenster. Zugezogen. Dahinter hängt ein Flachbild-Fernseher an der Decke. In Betrieb. Es läuft eine DVD. Der Titel wird eingeblendet. Es ist eine aus der Abteilung, in die man erst ab 18 Jahren darf...

Nein, kein Horrorfilm. Irgendwas mit den Glocken, die nicht nur auf der Alm läuten. Oder so. Erwischt!

Ich musste einen Moment lang vor dem Fenster stehen bleiben. Obwohl es gerade regnete. Und dabei einen Moment lang schmunzeln. Solche Filme machen mich nun so gar nicht an. Aber ich finde es faszinierend, dass die tatsächlich jemand guckt. In diesem Fall ist es ein älterer Herr, der mich immer freundlich grüßt, wenn er mich sieht. Ob ich ihm mal stecken sollte, dass man durch seinen Vorhang hindurchgucken kann?