Dienstag, 30. Juli 2013

Zwei Tage Ostsee

Nach einem sonnigen, fast schon tropischen Wochenende komme ich braun gebrannt vom Strand zurück. Als ich gestern abend in meinem Bett lag, spürte ich noch immer die Wellenbewegungen des Meeres in mir ... es war absolut fantastisch. Nachdem ja eigentlich eine Freizeit geplant war und nachdem ja eigentlich fast zwei Dutzend Leute zu diesem alternativen Wochenende mitfahren wollten, war es am Ende mit Maries Eltern wie immer sehr entspannt. Wir hatten zwei große Luftmatratzen für das Wasser dabei und bei schräg auflandigem Wind und Wellen, die auch fünfzig Meter vor dem Strand bereits teilweise Schaumkronen trugen, klopfte mein Meerjungfrauenherz natürlich deutlich schneller. Außerdem sind Marie und ich ein paar Mal mit einem Kajak gefahren, das man sich dort für vier Euro pro Stunde mieten konnte. Wir waren an unserem Strandabschnitt vielleicht fünfzig bis einhundert Leute, mussten vom Parkplatz keine hundert Meter zum Wasser rollen und hatten für meinen Geschmack perfekte Bedingungen.

Mit den Rollstühlen konnte man über einen befestigten Weg aus Holzbohlen fahren, das letzte Stück zum Wasser krabbelten wir durch den Sand, nachdem wir die Stühle am Ende des Holzweges abgestellt hatten. Selbstverständlich so, dass sie niemanden störten. Ein wenig traurig, dass es mit der Kinder- und Jugendfreizeit nicht geklappt hatte, war ich zwar, allerdings hatten wir plötzlich, am Nachmittag des ersten Tages, eine Jugendgruppe aus vierzehn- bis fünfzehnjährigen Leichtathletinnen und Leichtathleten um uns herum, die ebenfalls ein Sommerwochenende am Strand verbringen wollten. Sie schliefen in einem Mannschaftszelt auf einem nahe gelegenen Campingplatz und kamen plötzlich mit der Frage auf uns zu, ob wir beim Beachvolleyball mitmachen wollten. Zuerst verneinten wir das, dann meinte aber einer der Trainer: "Wir haben uns überlegt, wir könnten das doch alle im Sitzen machen. Ist mal was anderes, also quasi Sitzvolleyball."

So haben Marie und ich bestimmt zwei Stunden lang mit den Jugendlichen eine Art Beach-Sitzvolleyball gespielt, was sehr gut klappte und uns etliche Dutzend Zuschauer, die am Rand standen und begeistert mitfieberten, Punkte zählten und immer wieder klatschten, bescherte. Zwei ältere, braungebrannte Männer rannten jedes Mal dem Ball hinterher, wenn er aus dem Spielfeld ging und weiter wegflog, einige völlig fremde Leute und auch etliche Kinder und Jugendliche, die mit der Gruppe nichts zu tun hatten, ließen sich reihum immer mal wieder einwechseln. Natürlich ist Sitzvolleyball günstig für Menschen, denen untere Gliedmaße fehlen, aber man kann es natürlich auch als nicht behinderter oder querschnittgelähmter Mensch spielen.

Am Abend wollten wir grillen. Maries Papa hatte für unser Abendessen einen Campinggrill mitgenommen. Den er allerdings im Auto lassen konnte, da uns diese Jugendgruppe spontan angeboten hat, unser Fleisch und unsere Würstchen mit auf deren großen Grill zu legen. Die Gruppe hatte Tische und Bänke am Strand aufgestellt und einen großen Schwenkgrill aufgebaut. Bevor es losgehen konnte, kam jemand vom Ortsamt, der sich das alles anschaute, eine Genehmigung sehen wollte, dann aber viel Spaß wünschte und weiter fuhr. Bald darauf saßen wir also zwischen der ganzen Horde auf den Bänken und wurden gegrillt begrillt. Maries Eltern unterhielten sich mit einem Trainer sehr intensiv, wir wurden von einigen Jugendlichen ausgefragt, wie wir das früher mit dem Schulsport gemacht hätten, ob man mit Querschnittlähmung gut schwimmen kann und wie es überhaupt dazu gekommen sei, dass wir im Rollstuhl säßen ...

... und plötzlich, ich wurde ja gerade erst in der letzten Online-Fragerunde ergebnislos nach meinem letzten peinlichen Erlebnis befragt, kippte diese Bank, auf der wir saßen, im Sand leicht nach hinten weg. Sie kippte nicht um, aber es reichte aus, um einen kleinen Schreck zu bekommen. Und eine Spastik im Bein. Ich trat mit meiner rechten Fußspitze dem etwa 14jährigen Mädchen, das mit gegenüber saß, vor das Schienbein. Sie war völlig perplex, und in dem Moment, in dem ich mich entschuldigte, schaute sie unter den Tisch. Eher, um den Tritt einer Querschnittgelähmten einzuordnen, weniger, um das zu sehen zu wollen, was sie dabei sah: Ich pinkelte auch gerade in meine Shorts. Nein, das war selbstverständlich nicht beabsichtigt, nicht vorher angekündigt, hochnotpeinlich und beim Essen natürlich noch einen Funken ekliger als ohnehin schon. Zumal es auch nicht drei bis acht Tropfen oder ein kleiner Schwall, sondern eher drei Gläser Alsterwasser (so heißt in Hamburg das Radler, also ein Gemisch aus Bier und Zitronenlimo) waren. Tja, Jule, schlecht disponiert! Ich hoffte vergeblich, dass das unentdeckt im Sand versickern würde. Das Mädchen guckte mich entgeistert an und bevor ich irgendetwas sagen konnte, schrie sie bereits los: "Igitt, das ist ja voll eklig, guckt mal!" - Woraufhin natürlich alle unter den Tisch gucken mussten und kreischend von ihren Bänken aufsprangen und erstmal wegrannten. Marie saß rechts neben mir und murmelte: "Einfach nicht drauf reagieren. In dem Alter ist vieles 'iiih.' Die kommen schon wieder zurück und dann kannst du es ihnen ja erklären."

Mir rollten die Tränen über die Wangen, ohne dass ich es überhaupt beeinflussen konnte. Ich kaute auf dem plötzlich fad schmeckenden Fladenbrot herum, das immer mehr um Mund zu werden schien legte mein Besteck neben den Teller und hoffte, ich dürfte aufwachen und alles wäre sofort vorbei. Einen Moment später stellte jemand seinen Teller und sein Glas neben mir auf dem Tisch ab. Schob mit einer Fußbewegung trockenen Sand über die versickerte Pfütze und setzte sich links neben mir auf das Ende der Bank. Es war Maries Mutter. "Rutsch mal ein Stück", bat sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Sie wiederholte: "Rutsch mal ein Stück!" - Ich sagte: "Das geht nicht, da ist die Bank nass."

"Das ist eine Holzbank, die nimmt keine Feuchtigkeit auf. Jetzt rutsch doch mal bitte." - Marie und ich rutschten ein Stück nach rechts. Nach Essen war mir nicht mehr zumute. Maries Mutter sagte: "Ich geh nachher mit dir noch eine Runde schwimmen, okay? Bitte denke mal kurz über eine Sache nach: Müsste Marie das peinlich sein, wenn ihr das passiert? Genau wie du für Marie empfinden würdest, empfinden Marie und ich für dich: Es ist alles gut, es gibt keinen Grund, aus dem du dich verstecken müsstest."

Ich schluckte mehrmals, durch meine tränenden Augen konnte ich kaum noch was erkennen. Maries Mutter gab mir einen Kuss auf meinen linken Oberarm. Die anderen Kinder waren an den anderen Tischen zusammengerückt und aßen dort weiter. An unserem Tisch saßen wir nur noch zu dritt. Ich beruhigte mich wieder und aß auch irgendwann weiter. Inzwischen war es mir eher peinlich, überhaupt geweint zu haben. Es vergingen etwa zehn Minuten, dann kam das Mädchen, das ich versehentlich getreten hatte, auf mich zu, setzte sich wieder auf den alten Platz und sagte: "Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Das war unfair von mir. Ich habe nicht gewusst, dass auch deine Blase gelähmt ist und dass sowas ganz plötzlich passieren kann." - "Ist schon okay." - "Darf ich mich wieder hier hinsetzen?" - "Klar." - "Meine Freunde auch?" - "Sicher."

Es schien ein eindeutiges Gespräch mit einem der Betreuer gegeben zu haben. Das Mädchen guckte zum anderen Tisch rüber und sagte zu ihren Freundinnen, die vorher bei uns am Tisch gesessen haben: "Ihr dürft!" - Wie auf Kommando kamen sie alle wieder. Es herrschte eine angespannte Stimmung. Bis ein Mädchen fragte: "Wieso ist dir das denn passiert? Du hättest mir doch Bescheid sagen können, dass du aufs Klo musst, ich hätte dir auch deinen Rollstuhl geholt und hätte dich durch den Sand geschoben. Hast du dich nicht getraut?"

Marie sagte: "Das hat gar nichts mit 'trauen' zu tun. Das Problem ist, wenn du dringend müsst, merkst du das. Es drückt, du wirst ganz hibbelig und irgendwann tut es auch weh. Wenn man aber querschnittgelähmt ist, drückt nichts. Und man wird auch nicht hibbelig. Und dann kann das passieren, dass man das nicht merkt, dass man dringend aufs Klo muss. Und irgendwann läuft es in die Hose." - "Ist dir sowas auch schon passiert?" - Marie nickte. Und fragte: "Dir etwa nicht? Das passiert doch jedem mal, ob querschnittgelähmt oder nicht."

In den Köpfen dieser Mädchen hatte sich etwas bewegt, das war eindeutig zu erkennen. Und von diesem nervenden Zwischenfall abgesehen, war es ein toller Abend. Gegen Mitternacht, die ganzen Jugendlichen waren bereits zurück auf ihrem Zeltplatz, war die Ostsee spiegelglatt. Es war ziemlich dunkel, nur der Holzweg war beleuchtet. Zeit für ein sehr gefühlsintensives und in dem wohl temperierten Meerwasser absolut herrliches Mitternachtsschwimmen. Nackt.

Und für einen schönen zweiten Strandtag.

Montag, 29. Juli 2013

Snaptrash

Es wird immer schlimmer. Der Trend war schon lange zu erkennen, aber bisher sind wir davon einigermaßen verschont geblieben. In diesem Sommer ist die Seuche auch über uns hereingebrochen und hat einen wahrscheinlich nicht mehr zu reparierenden Schaden angerichtet. Gemeint ist ein immer mehr dominierender Lifestyle, der sich aus cooler Unverbindlichkeit, umwerfender Unzuverlässigkeit, kopflos-giftigem Egoismus mit einer Spur Überheblichkeit und einer Prise Kaltschnäuzigkeit definiert, sich mit einer scheinbar feuerfesten Immunität aus souverän gefühlsloser Logik verteidigt und notfalls auch keine Scheu hat, sich mit unfairer Unehrlichkeit und verleugneter Ignoranz zu verteidigen.

Gemeint ist damit keineswegs, dass es Menschen gibt, die nicht wissen, was ein Kalender oder eine Uhr ist, und die ständig ihre Termine und Aufgaben verschusseln. Gemeint sind auch nicht die chronischen Zuspätkommer oder diejenigen, die sich immer mehr vornehmen als sie eigentlich schaffen können und dadurch wiederholt Verabredungen absagen. Gemeint sind ganz klar diejenigen Menschen, die sich vordergründig immer, aber hintergründig nie verbindlich festlegen, die sich immer alle Optionen bis zur letzten Minute offen halten, um sich am Ende das für sie Beste herauszupicken, die keine Verantwortung übernehmen und sich vor jeder Aufgabe bis zum Aschermittwoch drücken. Die aber auch weder Klartext reden noch "Nein" sagen können, sondern die hoffen, berechnen und kalkulieren, um nach Schließen des letzten Schotts im richtigen Raum zu sein. Und die dann, wenn sie es geschafft haben, cool bis hämisch grinsen; und wenn sie es nicht geschafft haben, sofort in eine Opferrolle schlüpfen.

Einer meiner Professoren hat dieses Phänomen mal als "Snaptrash" bezeichnet. Menschen unter 25 Jahren seien derzeit am meisten von dieser unrühmlichen Termin-Schnäppchenjagd betroffen. Und inzwischen versteht ihn, glaube ich, niemand so gut wie ich.

Ich gehörte auch in diesem Jahr wieder zu einem Viererteam, das eine Sommerfreizeit an der Ostsee organisiert hatte. Für maximal 30 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, hauptsächlich mit Behinderungen und hauptsächlich aus Familien, die nicht verreisen können. Wie schon seit vielen Jahren unterstützt sowohl die Stadt aus einem Fördertopf als auch ein mittelständisches Unternehmen aus dem Hamburger Umland diese insgesamt rund 10.000 Euro teure Maßnahme, damit wirklich niemand zu Hause bleiben muss. Die "Betreuerinnen" und "Betreuer" verzichten auf jede Vergütung (müssen allerdings auch nichts bezahlen), und wer finanziell leistungsfähig ist, muss 300 € zahlen. Wer nicht, bekommt (gestaffelt nach Einkommen) bis zu 262 € Zuschüsse. Jahrelang war diese Sommerfreizeit ein toller Erfolg.

Für dieses Jahr hatten wir die Unterkunft bereits im März 2012 gebucht und am 31. Mai 2013 endete die Anmeldefrist innerhalb des Vereins, um sich bei dieser Freizeit anzumelden. Insgesamt lagen dreißig Anmeldungen vor und weitere elf waren auf der Warteliste. Und wie immer: Bis zum Anmeldeschluss hatten nur acht ihre Teilnahmegebühr bezahlt. Zwei weitere hatten die nötigen Zuschüssanträge ausgefüllt und ihren Anteil überwiesen, insgesamt waren also gerade mal zehn Anträge komplett. Also haben wir am 1. Juni die verbliebenen 20 Leute angeschrieben, was von ihnen noch fehlt und dass ihre Anmeldung in einer Woche storniert wird, wenn nicht gezahlt oder alternativ der Antrag auf Unterstützung ausgefüllt wird. Daraufhin hat noch eine Mutter sich telefonisch entschuldigt, die Überweisung habe aus ihr unerklärlichen Gründen nicht geklappt. Damit waren elf Personen verbindlich angemeldet, neunzehn Anmeldungen wurden storniert und die elf auf der Warteliste rückten nach.

Die neunzehn stornierten Leute bekamen Post, dass sie sich nun auf die acht noch freien Plätze erneut bewerben könnten. Wie immer gilt der Teilnehmer als gesetzt, der zuerst alles komplett eingereicht und bezahlt hat. Gleichzeitig fand noch ein Planungs- und Infotreffen statt, zu dem alle Teilnehmer und die Interessierten eingeladen waren. Es wurde natürlich gleich auf der Einladung dazu fett darauf hingewiesen, dass wir bei diesem Treffen kein Bargeld annehmen können (und wollen), und alle Zahlungen über das Vereinskonto laufen müssen. Von den 41 gesetzten oder interessierten Teilnehmern waren gerade mal zehn da, vier davon hatten 300 Euro dabei (und wollten nicht verstehen, warum wir nun kein Bargeld annehmen), zwei andere pöbelten rum, weil sie angeblich zu Unrecht wieder aus der Liste gestrichen wurden und das Procedere nicht schlüssig sei. "Gleich hier die Anmeldung nochmal ausfüllen und morgen das Geld überweisen, dann ist doch alles in Butter", meinte meine Kollegin. Und die anderen Leute wollten lediglich in Erfahrung bringen, ob es für sie Sonderregeln geben könnte: Ich möchte im Einzelzimmer schlafen, darf ich auch drei Tage später an- und zwei Tage früher abreisen, darf ich zwischendurch einen Tag nach Hause, dürfen meine Eltern mich zum Grillabend besuchen und mitessen, ...

In den darauf folgenden Tagen ging natürlich keine weitere Anmeldung ein. Von den elf nachgerückten zahlten zwei, fünf reichten einen Zuschussantrag ein. In den folgenden Tagen sagten dann noch sechs wieder ab, weil sie doch lieber mit den Eltern verreisen, zu Omas Geburtstag oder die Zeit im Garten verbringen wollten. Davon einige, für die die Stadt und der private Sponsor die Kosten (bis auf 38 €) übernommen hatten. Klar, dass diese Familien dann eine Rechnung über 250 Euro Stornogebühren bekommen haben, wie vorher schriftlich vereinbart. Schließlich müssen wir für das leer bleibende Bett in der Unterkunft zahlen. Auch dagegen wurde natürlich erstmal wieder Krach geschlagen, angeblich sei das schlecht erklärt gewesen.

Am Ende haben wir die komplette Veranstaltung abgesagt, denn von den zuletzt zwölf verbliebenen Leuten wurden dann noch vier weitere kurzfristig abgeworben. Sie wollten dann lieber an einer anderen, alternativen Minifreizeit teilnehmen, die die Eltern eines der Teilnehmer organisiert hatten, der kurz zuvor wegen des Geburtstags seiner Oma bei uns wieder abgesagt hatte. Die vier bekamen dann auch nochmal je eine Rechnung über 250 € Stornogebühren, und die verbliebenen acht, die natürlich unglaublich traurig waren, bekamen ihre 300 € wieder erstattet. Die noch nicht abgerufenen Gelder der Stadt wurden wieder freigegeben und dem Sponsor mussten wir mitteilen, dass dieses Jahr die Freizeit mangels Interesse ausfällt - woraufhin er uns erzählte, dass ihn in der letzten Zeit drei Leute angerufen haben; einer wollte, dass er auch noch die 38 € Eigenanteil übernimmt, einer wollte zu seinen 300 € einen direkten Zuschuss von ihm und ein Elternteil wollte wissen, ob er nicht die alternative Freizeit mit den üblichen 1.500 €, die er sonst an unseren Verein zahlt, lieber direkt unterstützen könnte.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings eine Mutter, die in einem Werbevertrieb arbeitet und für ein Anzeigenblatt eine Werbeanzeige verkaufen wollte - und dafür auch bei diesem Unternehmen anrief und sich bis zum Chef durchstellen ließ. Für einen Freundschaftspreis von 500 € könne man eine ganze Seite in einem Anzeigenblatt zur Verfügung stellen für einen Fototext über diese Freizeit, in dem das unterstützende mittelständische Unternehmen mehrmals erwähnt werde... Der Sponsor signalisierte bereits, dass er im kommenden Jahr für unsere Freizeit eher nicht mehr zur Verfügung steht, sondern lieber andere tolle Projekte unterstützen wird.

In den Tagen nach der Absage bekamen wir jeder Menge Kritik zu hören, und zwar in erster Linie von denjenigen, die Stornogebühren zu zahlen hatten. Danach sei das ganze Procedere nicht verständlich beschrieben worden, Zahlungen nicht angekommen, weil ein Zahlendreher in der Überweisung war, Mails nicht angekommen, mit denen man die Anmeldung schon vor Anmeldeschluss angeblich selbst storniert hatte - und überhaupt sind ja alle so arm und unser Verein so unsozial hart. Außerdem sei diese Organisationsform nicht mehr zeitgemäß: Heutzutage müsse man spontan sein.

Was solls. Marie und ich haben uns für zwei Tage am Ostseestrand verabredet und alle interessierten Leute spontan zwei Tage vorher eingeladen. Fast zwanzig hatten Lust. Könnt ihr für uns Grillfleisch mit einkaufen? Ich geb euch das Geld vor Ort wieder. Hast du noch einen Platz frei im Auto? Kannst du mich vor Ort kurz vom Bahnhof abholen? Darf ich meine Freundin mitbringen?

Mitgefahren sind am Ende nur Maries Eltern - spontan...

Mittwoch, 24. Juli 2013

Flotter Dreier

Mit genau 223 Suchbegriffen wurden wir seit der Eröffnung unseres diesjährigen Suchmaschinen-Spielchens konfrontiert. Und nicht nur ich, sondern wie versprochen auch Sally und wie nicht angekündigt auch Marie haben sich durchgeschlagen. Ich wünsche gute Unterhaltung... (um die Ergebnisse zu lesen, einfach auf die Links in den letzten beiden Sätzen klicken!)

Freitag, 19. Juli 2013

Erdbeeren und Gangsterblick

Unser Training wurde wegen der Affenhitze von den Abend- in die frühen Morgenstunden verlegt. Als ich Marie fragte, ob wir an dem frei gewordenen Abend mit dem Handbike zum Badesee fahren wollen, meinte sie: "Ich würde gerne meine Omi mal wieder besuchen. Und am liebsten würde ich dich mitnehmen. Ich habe ihr schon so viel von dir erzählt und sie hat mich so oft schon gefragt, ob ich dich nicht mal mitbringen möchte. Sie möchte dich so gerne mal kennenlernen."

Kurz und knapp: Auf den 120 Kilometern zu war zum Glück trotz des Ferienreiseverkehrs und entsprechend gut gefüllter Autobahnen kein Stau, so dass wir in etwas mehr als einer Stunde vor Ort waren. Die Oma war sehr nett und hat sich riesig gefreut. Sie ist körperlich nicht mehr so ganz fit, kann nicht mehr so schnell laufen. Vor einiger Zeit ist der dazu gehörige Opa verstorben, der aber zuletzt auch sehr krank war.

Einen Computer hat die Oma zwar nicht, aber einen DVD-Rekorder und einen hochwertigen und großen Fernseher, so dass Marie ihr immer alle möglichen Videoclips auf DVD brennt. Kurze Musikclips, lustige Sachen, Dokumentationen, Musiksendungen ... alles das, was man nicht hat, wenn man nicht auf das Internet zugreifen kann. Oder manchmal auch Musikclips, die sie toll findet und die sie sich live im Konzert angesehen hat oder ähnliches. Dazu meistens viele Fotos, die sie vom Handy oder von der Digitalkamera hochlädt und sich dann über einen Fotoversand zuschicken lässt. Die Oma hat sich jedenfalls sehr gefreut: "Da habe ich ja wieder wochenlang dran zu gucken!"

"Seit ihr hungrig? Ich hau euch sonst ein paar Eier in die Pfanne!" - "Omi, bleib sitzen! Wir hatten bei Mama Mittagessen, alles ist gut." - "Ganz bestimmt? Nicht, dass ihr mir mit hungrigem Bauch da sitzt. Aber vielleicht kann ich Euch mit ein paar frischen Erdbeeren was Gutes tun? Frisch zubereitet, von den Nachbarn aus dem Schrebergarten, einen ganzen Korb voll, so viel kann ich gar nicht alleine essen!"

"Omi, was hältst du davon, wenn wir beide später kurz für dich einkaufen gehen, Mama sagte, du brauchst noch ein paar schwere Sachen, und danach essen wir zu dritt zu Abend?" - "Nun ruht euch erstmal ein wenig aus. Die Fahrt war bestimmt anstrengend, ist viel los auf der Autobahn? Bei der Wärme will ich euch gar nicht so schnell wieder losschicken." - "Das hat ja auch noch Zeit. Die Läden haben ja bis 20 Uhr auf und wir fahren schnell mit dem Auto hin. Wir können dich auch mitnehmen, wenn du das möchtest."

Naja, die Oma hatte viel zu erzählen, von dem Besuch, den sie in den letzten Wochen bekommen hat, von den Nachbarn, die nett zu ihr sind, von ihrem letzten Urlaub mit ihrem Mann (einschließlich einem ganzen beschrifteten Album voller Urlaubsbilder), und von Marie. Stolze Oma.

Gegen 18.30 Uhr sind wir dann zum Einkaufen gefahren. Marie meinte, sie würde einige Artikel gerne in einem Drogeriemarkt eine Straße weiter kaufen, da sie dort erheblich billiger seien. Also stellten wir das Auto auf dem Supermarktparkplatz ab und machten uns per Rolli auf den Weg zur Drogerie. Der kürzeste Weg führte über einen Spielplatz, an dessen Enden befanden sich so genannte Fahrradsperren, also solche hüfthohen Bügel, die Radfahrer zwingen sollen, abzusteigen. Auf diesen Bügeln turnten vier Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 herum. Wir fragten sie, ob sie uns bitte durchlassen.

"Nö", war die Antwort. "Nehmt gefälligst einen anderen Weg."

Marie antwortete: "Och kommt. Lasst uns mal bitte durch, ihr könnt gleich weiterturnen."

"Das kostet fünfzig Euro. Für fünzfig Euro gehen wir hier weg."

Marie guckte mich an. "Ganz schön geschäftstüchtig, oder?" - "Aber hallo", antwortete ich.

"Habt ihr fünfzig Euro?", fragte das älteste der Mädchen. Marie antwortete: "Nein, haben wir nicht. Und jetzt würden wir gerne mal durch."

Das älteste Mädchen forderte ihre jüngste Freundin auf: "Guck mal nach, was die im Rucksack haben. Da ist bestimmt irgendwo Geld."

Während ich mich ein wenig an das Mobbing in meiner Schule erinnerte und schon überlegte, wo ich eigentlich mein Pfefferspray hatte, schließlich weiß man ja nie, was noch passiert, fuhr Marie einfach auf die Mädchen zu. Zwei sprangen zur Seite, der dritten fuhr sie gegen das Schienbein. "Ich hab dich gewarnt. Geh zur Seite, sonst tut es weh." - Das Mädchen setzte den Gangsterblick auf. Ich hoffte nur, dass sie nicht noch irgendein Messer aus der Tasche ziehen würde. Auf der Rücktour nahmen wir einen anderen Weg. Unglaublich, auf welche Ideen die Gören kommen.

Maries Oma hatte in der Zwischenzeit reichlich Brote gemacht und vor allem drei große Schalen klein geschnittene Erdbeeren auf den Tisch gestellt. Und sich riesig gefreut, dass sie wieder genug Mineralwasser, Waschpulver und andere schwere Sachen im Haus hatte.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Wer suchet...

Auf vielfachen Wunsch starten Sally und Jule auch in diesem Jahr noch einmal das Suchmaschinen-Spielchen. Und das geht so: Einfach auf einer der beiden Seiten einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, und zwar in Form einer Suchanfrage, wie man sie auch in eine Suchmaschine eintippen würde. Wir beide, also sowohl Sally als auch Jule, beantworten diese Frage. Machen also ein Brainstorming zu den von unseren Lesern hinterlassenen Stichworten. Alles klar? Auf gehts!

Geburtstagsparty

Es war eine total seltsame Einladung. Von einem Mann. Zu einem Rendezvous. An seinem Geburtstag. An seinem 96. Geburtstag.

Die Rede ist nicht von Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela, der wird heute "erst" 95. Und der lädt mich auch nicht zu seinem Geburtstag ein. Ich wünsche mir dennoch, dass er wieder völlig gesund wird. Nein, ich rede schreibe über einen Menschen, den ich vor einer Woche zufällig in der U-Bahn getroffen habe; mit dem ich ins Gespräch gekommen bin und der mich zu seinem gestrigen 96. Geburtstag eingeladen hat. "Ich zeige Ihnen die Alster von einer Seite, wie Sie sie noch nie gesehen haben", sagte er.

Ich war sehr gespannt, ob er überhaupt auftauchen würde. Aber er tauchte auf. Zur verabredeten Zeit am Fähranleger Jungfernstieg, um mit der Stinkesocke eine Fahrt durch die Alsterkanäle zu machen. Ich hatte mich trotz der Hitze etwas aufgebrezelt und hatte ihm auch einen Topfkuchen gebacken. Und er hatte tatsächlich zwei Gläser und eine Piccolo-Flasche Sekt dabei. Dass wir eine Alsterrundfahrt machen, hatte er zwar vorher nicht verraten, ich konnte es mir aber denken.

Obwohl ich Hamburgerin bin, habe ich so etwas noch nie zuvor gemacht. Auf der Elbe, ja, aber auf der Alster? Nein, und schon gar nicht durch die Alsterkanäle. Spannend, vor allem hätte ich nicht vermutet, unter welcher Armut einige Hamburgerinnen und Hamburger leiden müssen. Die Alsterkanäle sind zeitweise von pompösen Villen mit riesigen Grundstücken gesäumt.

Aber noch interessanter waren die Geschichten des Geburtstagskindes. Ich habe zwei Stunden lang fast nur zugehört. Und mir erzählen lassen von einem Leben, das nach einem Weltkrieg begann, durch eine Kindheit und Jugend im Nazi-Deutschland geprägt wurde, seine besten Jahre an einen weiteren Weltkrieg mit einer Flucht aus Pommern, einem das ganze weitere Leben belastende Trauma der Dresdner Bombennacht, einhergehend mit dem Verlust fast aller Familienangehörigen, verloren hatte. Und dass er erst Anfang der 60er-Jahre, als er bereits Mitte 40 war, zu einem halbwegs geordneten Alltag zurückgefunden hatte. Dass er mal Buchbinder gelernt hat, später in einer Werft und ganz zuletzt im Finanzamt gearbeitet hat. Dass er früher als Taxifahrer das nötige Kleingeld hinzuverdient hat und dass er ein großer Fußballfan war.

Und dass er eine Schwäche hat für junge, schöne Frauen. Eine habe ihn vor etwa 10 Jahren beinahe um sein ganzes Erspartes gebracht. Zum Glück habe er ihre krumme Tour noch rechtzeitig bemerkt, so dass sich der Schaden in Grenzen hielt. Ein aufmerksamer Mitarbeiter der Bank habe sich über eine Vollmacht hinweg gesetzt und zunächst mit ihm telefoniert, als sie ihm das Konto leerräumen wollte. Von einem anderen Konto habe sie aber bereits Geld abgehoben und das habe er auch in einem späteren Verfahren nicht zurück bekommen, da er nicht beweisen konnte, dass sie es nicht nehmen durfte. So etwas zu hören, macht mich immer wieder traurig. Wie können Menschen nur so egoistisch und kalt sein?

Ich glaube, er hat einfach niemanden zum Quatschen. Oder vielleicht auch einfach nicht genug Leute zum Reden. Eine so lange Lebensgeschichte will oft und lange erzählt werden. Er hat mich zum Abschied umarmt und mir auf die Schulter geklopft. Ob wir uns noch einmal sehen werden, weiß ich nicht. Er könnte mich per Post erreichen, wenn er das wollte. Ich glaube, ihm hat es gut getan. Dass ihm jemand einen Topfkuchen backt, und dass ihm jemand zwei Stunden lang aufmerksam zuhört. Und mit ihm einen Sekt trinkt - ich glaube, ich war noch nie so breit nach einem halben Glas Sekt wie gestern. Muss an der Wärme liegen. Abends ging es wieder - nach mindestens drei Litern Wasser und Tee und einem halbwegs auf Zimmertemperatur abgekühlten Kopf. Aber schön war es. Und sehr interessant.

Dienstag, 16. Juli 2013

Fragen und Antworten IV

Ganze 90 Fragen habt ihr mir anlässlich der Fragerunde 2013 gestellt. Und ganze 90 Antworten habe ich gegeben. Nämlich auf dieser bereits bekannten Seite, allerdings muss man etwas runterscrollen, es sind die Antworten 201 bis 290.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Allerhöchste Zeit

Es gab ein Fahrzeug, das eignete sich nur sehr schlecht für Menschen mit Behinderungen. Nicht aus technischen Gründen, im Gegenteil, Platz und Funktionalität gab es genug, so dass das Auto eigentlich optimal war, insbesondere für Menschen, die im Elektrorollstuhl fahren.

Nein, das Problem war die Namensgebung und die damit verbundene schwierige Vermarktung an eben diese Zielgruppe. Die Rede ist von dem T4, wer nicht weiß, was das ist, möge bitte eine entsprechende Bildersuche bemühen. Nebenbei bemerkt: Inzwischen gibt es den T6.

Aber zurück zum T4: Die Abkürzung "T4" steht in erster Linie für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dort befand sich während des Zweiten Weltkriegs die Bürozentrale für die koordinierte Ermordung behinderter Menschen im Deutschen Reich. Mit der Absicht, im Sinne einer "Rassenhygiene" und einer Höherzüchtung der "arischen Rasse" unwertes Leben zu vernichten, wurden, von hier gesteuert, "Erb- und Geisteskranke, Behinderte und sozial Unerwünschte" systematisch ermordet. Die Entscheidungen hierzu wurden nach Aktenlage von als Gutachtern eingesetzten Ärzten gefällt.

Im Jahr 1939 wurde zunächst mit der Tötung von mindestens 5.000 erbkranken und kognitiv oder körperlich beeinträchtigten Säuglingen und Kindern begonnen. Bis 1941 folgte die Ermordung von etwa 70.000 Bewohnern von Heil- und Pflegeanstalten sowie Heimen für Menschen mit Behinderung. Die betroffenen Bewohner der Einrichtungen wurden einzeln begutachtet und in eine von deutschlandweit vier Tötungsanstalten verlegt. Natürlich hat niemand vorher den Zweck der Verlegung erwähnt - offiziell wurden immer Umstrukturierungen oder die unterschiedlichen Auslastungen der Einrichtungen als Gründe vorgeschoben. Der Weg dorthin wurde verschleiert, indem die jeweiligen Menschen zunächst kurzfristig in meist staatliche psychiatrische Krankenhäuser stationär aufgenommen wurden.

Der Weitertransport zu den Tötungsanstalten erfolgte kapazitätsabhängig. Die Ermordung geschah durch Vergasung (Einsperren von bis zu 75 Personen in einem luftdichten "Duschraum" und 20-minütige Begasung mit giftigem Kohlenmonoxid) sowie durch Vergiftung, gezielter Unterernährung und Unterkühlung sowie Misshandlungen und Hinrichtungen. Die Leichen wurden im Regelfall in den anstaltseigenen Krematorien verbrannt, in an die Anstalten angeschlossenen Standesämtern wurden Todesurkunden mit erfundenen Krankengeschichten für natürliche Todesursachen ausgestellt. Zur weiteren Verschleierung gab es in jeder Anstalt ein Kurierdienstauto eigens für die Aktenverschiebungen zwischen den Anstalten und die Aufgabe der Post beim Postamt in anderen Städten. Den Kostenträgern wurden unterdessen Rechnungen für Quartier, Kost und Pflege über Wochen und Monate ausgestellt, obwohl die Personen sofort bei ihrer Ankunft getötet wurden. Die Angehörigen bekamen in der Regel Urnen aus der in den Unterlagen genannten Anstalt zugesandt.

1941 stoppte Hitler die zentrale Ermordung von Menschen mit Behinderungen zunächst, nachdem hauptsächlich Kirchenvertreter und ein Vormundschaftsrichter ahnten, was hier vor sich ging und protestierten. Weitere Menschen mit Behinderungen wurden aber dennoch in den nächsten Jahren in Behindertenheimen dezentral getötet, durch Verhungernlassen oder durch die Gabe tödliche Dosen bestimmter Medikamente. Jüngste Schätzungen gehen von insgesamt über 300.000 Opfern aus.

Am letzten Montag, über 70 Jahre nach diesen Greueltaten, begann mit einer offiziellen Kranzniederlegung der Bau eines Gedenk- und Informationsorts für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde an jenem Ort, wo damals das Haus Tiergartenstraße 4 stand. Die Bundesregierung hat dafür eine halbe Million Euro bereitgestellt. Sehr froh bin ich, dass wir endlich so weit sind und endlich auch die Ermordung von behinderten Menschen im Deutschen Reich explizit aufarbeiten können. Sehr erstaunt war ich, dass ich persönlich zu dieser Veranstaltung eingeladen wurde. Leider konnte ich das zeitlich nicht unterbringen.

Da ich aber glaube, dass viele Menschen sich das Geschehene nicht vorstellen können und über diese abscheulichen Taten zuvor noch nie etwas gelesen oder gehört haben (ich habe das Thema "Euthanasie" beispielsweise in der Schule nie gehabt, obwohl der Völkermord an über 6 Millionen Menschen mehrmals thematisiert wurde), finde ich es besonders wichtig, dass sich alle Menschen mit diesem Thema konfrontieren. Es muss einfach für alle Menschen unvorstellbar bleiben, dass eine staatliche Instanz Menschen aussortiert und tötet, zum Beispiel weil sie eine körperliche, seelische oder kognitive Einschränkung haben. Aus diesem Grund halte ich dieses Projekt für besonders wichtig. Es ist allerhöchste Zeit, dass das Unrecht, das diesen Menschen widerfahren ist, auch endlich beim Namen genannt werden kann - und künftig die Augen und die Herzen noch weiter öffnet für ein gleichberechtigtes Miteinander.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Etwas verschätzt

Warum es am Montagabend mal wieder ein Gyrosbaguette gab, muss inzwischen allen Menschen, die mich kennen, klar sein. Fünf Jahre (hey, eine runde Zahl!) ist es jetzt her.

Dieses Mal war schönstes Sommerwetter in Hamburg, abends um 22 Uhr konnte man noch im T-Shirt draußen umher fahren. Viel hat sich nicht verändert in Wandsbek Gartenstadt - der Heli stand bereits zur Nachtruhe vor seinem Hangar.

Ich habe in diesem Jahr zum ersten Mal nicht geweint. Ja, ein mulmiges Gefühl war da, ein sehr nachdenkliches, aber irgendwie war es in diesem Jahr nicht so emotional wie sonst. Das kann viele Gründe haben und ich möchte das gar nicht bewerten. Vielleicht hatte ich dieses Mal auch einfach nur noch genug Glückshormone vom Wochenende im Blut.

Bis zu dem Moment, in dem sich ein alter Mann in der U-Bahn in meiner Nähe auf einen Sitz setzte. Er war sehr ordentlich gekleidet, sogar mit Krawatte und polierten schwarzen Schuhen. Ich schätzte ihn auf etwa 80 Jahre. Er deutete auf meine Beine oder meinen Rollstuhl und sprach mich an: "Darf ich fragen, wie das passiert ist?"

Ich antwortete: "Verkehrsunfall. Ich bin von einem Auto angefahren worden."

Der Mann war sichtlich mitgenommen. Er sagte: "Wie schrecklich. Wie lange sitzen Sie schon im Rollstuhl?"

Ich musste schlucken. Und antwortete: "Der Unfall war heute genau vor fünf Jahren."

Der Mann sagte: "Dann waren Sie damals noch ein Kind."

Ich antwortete: "Ja, ich war auf dem Schulweg, als eine Autofahrerin mich erfasst hat. Auf einem Fußgängerüberweg."

Der Mann fragte weiter: "Hatten Sie grün?"

Ich antwortete: "Ja. Ich selbst erinnere mich nicht mehr, aber es gibt Zeugen, die sagen, dass ich grün hatte. Die Unfallfahrerin ist daraufhin rechtskräftig verurteilt worden, sie trägt die volle Schuld an dem Unfall."

Der Mann fing an zu erzählen: "Wissen Sie, auch wenn das vielleicht etwas zynisch klingt, aber zumindest konnten Sie das Kapitel beenden. Ich habe 1975 meine beiden Töchter verloren. Sie wollten in den Urlaub fahren und sind nie zurück gekommen. Achtundzwanzig Jahre lang haben meine Frau und ich auf sie gewartet. Dann bekamen wir Gewissheit, man hatte DNA-fähiges Material aus ungeklären Kriminalfällen mit neuen Methoden untersucht. Wie und warum meine Töchter starben, konnte uns bis heute niemand sagen. Kurz nachdem wir wussten, dass sie tot sind, starb meine Frau. Heute auf den Tag genau vor 10 Jahren."

Jetzt konnte ich meine Tränen doch nicht mehr zurück halten. An jedem anderen Tag hätte mich das vielleicht sehr mitgerissen, aber so ...

Ich versuchte, mich zusammen zu reißen und stellte ihm eine ablenkende Frage: "Verraten Sie mir, wie alt Sie sind? Ich weiß, dass das etwas ungehörig ist, aber als Sie 1975 erwähnten, haben Sie mich neugierig gemacht." - "Wie alt schätzen Sie mich denn?"

Ich dachte an 80 bis 85, wollte etwas schmeicheln und sagte: "Ich hoffe, es ist keine Beleidigung, wenn ich 80 sage."

Er antwortete: "Das Alter kann mich nicht mehr beleidigen. Ich werde in diesem Monat 96 Jahre alt. Wenn der da oben es so will."

Da habe ich mich wohl etwas verschätzt. Der gute Mann lud mich zu seinem Geburtstag ein. Er sagte: "In meine Wohnung kommen Sie nicht. Da müssen Sie eine Treppe rauf. Aber wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen die Alster von einer Seite, wie Sie sie noch nie gesehen haben. Und bringe eine kleine Flasche Sekt und zwei Gläser mit. Werden Sie da sein?"

Dienstag, 9. Juli 2013

Fragerunde 2013

Es ist schon wieder viel zu lange her. Ein Jahr, um genau zu sein. Die Rede ist von der letzten Fragerunde, damals zusammen mit meinem Lieblings-Pottspasti und damals im Stil von Suchmaschinen-Anfragen.

Ich eröffne eine neue. Heute. Nachdem ich schon einige Fragen per Mail bekommen habe und einige Beschwerden, wann denn endlich die nächste Fragerunde kommt, rufe ich heute dazu auf: Fragt. Alles, was ihr wissen wollt. Egal was. Am besten als Kommentar. Ich werde vielleicht nicht alles beantworten, aber fast alles. Wie immer.

Montag, 8. Juli 2013

Cellulite, Dixiklo und Blumenstrauß

Endlich mal wieder ein Triathlon. Entsprechend aufgeregt war ich, als wir an dem vom Ausrichter reservierten Hotel ankamen. Das Hotel war eigentlich eine Jugendherberge, was nicht schlimm ist, nur frage ich mich, warum man dann in der Anmeldebestätigung ausdrücklich "Hotel" schreibt. Die Adresse stimmte jedenfalls und ein Zimmer bekamen wir auch.

Dass das Zweibettzimmer nur ein Etagenbett hatte, fiel der jungen Dame an der Schlüsselausgabe zwar auf, machen konnte sie da aber nichts und der Herbergsleiter war nicht da. Zum Abendessen gab es Natriumglutamat mit Nudeln in Bolognese-Soße, dazu Instantbrause und einen gemischten Salat. Unsere Konkurrentin aus Great Britain, die bei uns mit am Tisch saß, beschrieb seinen Geschmack mit: "That's not me and that's not you. But I do hardly taste a hint of lemon!"

Nach dem Abendessen kam Tatjana zu uns auf das Zimmer. Der obere Teil des Bettes war senkrecht an die Wand geklappt und sollte mit einem Schlüssel in die waagerechte Lage gebracht werden. Außerdem hätte noch ein Gitter installiert werden müssen, damit man nachts nicht rausfällt, das war aber nirgendwo zu finden und die überforderte junge Dame vom Empfang konnte uns da auch nicht helfen. "Ich würde sagen, wir klappen das wieder nach oben und ihr schmust heute nacht ein bißchen, oder?" - Auf jeden Fall.

Zuerst dachte ich, es wäre Aufregung, inzwischen hatte ich aber diese komische Mahlzeit im Verdacht. Wer gerade frühstückt, liest besser nicht weiter. Zwei Stunden nach dem Abendessen wurde mir zuerst ziemlich übel, nach einer halben Stunde an der frischen Luft war das aber schlagartig vorbei. Dafür hatte ich dann aber ein anderes Problem, nämlich einen heftigen Blähbauch, der nicht wenig weh tat. Ich legte mich früh hin, mit angewinkelten Beinen auf der Seite war es erträglich. Ich bat Marie, im Haus nach einer Wärmflasche zu fragen. Süß, wie sie immer ist, ist sie, nachdem im Haus niemand eine hatte, zum Bahnhof gefahren und hat dort eine für mich gekauft. Der Aufwand wäre gar nicht nötig gewesen, aber sie hat nicht mal gefragt.

"Ist das denn überhaupt okay, wenn ich mich noch zu dir ins Bett lege? So groß ist das Bett ja nicht." - "Natürlich, solange du dich nicht auf meinen Bauch legst, ist alles gut." - "Ich mach mich ganz klein und leg mich hinter dich." - "Hoffentlich pups ich dich dann nicht an." - "Wenn dadurch deine Bauchschmerzen weg gehen, machst du das bitte! Nimm jetzt hier bloß nicht noch falsche Rücksicht."

Wir haben sogar geschlafen und am nächsten Morgen fühlten wir uns beide fit. Während ich noch überlegte, ob es warm genug werden würde, um nur im Schwimmanzug (Badeanzug) zu radeln und zu rennen, hatte Lisa sich schon für den kurzen Einteiler entschieden. "Dann sieht man meine Cellulite nicht so", meinte sie und posierte barfuß, sich an der Tür festhaltend und dabei wackelig stehend. Vermutlich nicht wissend, was das ist, hatte sie das irgendwo aufgeschnappt und trug damit außerordentlich zur allgemeinen Erheiterung bei. Vermutlich wusste sie auch nicht, warum wir so amüsiert waren, aber das ist eben Lisa: Sie lacht dann einfach mit und freut sich, einen Witz gemacht zu haben.

Ein halbes Brötchen, einen Tee, mehr bekam ich nicht runter. Marie und ich hatten uns für Schwimmanzug plus Neo entschieden, den Neo deshalb, weil er außer der Wärme ja noch viele andere Vorteile bietet. So viele, dass das Ausziehen nach dem Schwimmen nicht ins Gewicht fällt. Im Paratriathlon darf fast immer mit Neo geschwommen werden.

Der Weg zum Start war nicht weit, Tatjana durfte mit dem Bus bis direkt in die Startzone fahren, musste ihn aber sofort wieder wegbringen. Uns half das sehr. Als sie vom Parkplatz wieder da war, begann der übliche kontrollierte Abfüll-Marathon, damit alle ausreichend hydriert sind und genug Energiereserven haben. Was nicht so klasse war, waren die Anzahl der rollstuhlgerechten Toiletten. Es gab ohnehin nur Dixiklos und für Rollifahrer gerade mal zwei. Das hätte normalerweise gereicht, nur war eins mit einem Vorhängeschloss, zu dem niemand den Schlüssel hatte, gesichert und das zweite wurde auch von allen anderen (sprich: Fußgängern) benutzt (schließlich ist es schön groß) und war bereits zwei Stunden vor unserem Start vollgekotzt.

Was zur Folge hatte, dass die meisten Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer es sich auf dem Rasen bequem gemacht hatten. Ja, bitte keine Verurteilung. Immerhin waren genug Flaschen da, um bei Bedarf mit Seewasser nachspülen zu können. Dann endlich konnten wir uns kurz einfahren, anschließend Neo anziehen und ab auf den Steg. Während die Fußgänger vom Strand aus starteten, hatten wir einen Schwimmponton für uns alleine. Noch bevor Marie ihre üblichen Witze über die Zombies im See machen konnte, ging es los.

Die Planung war etwas ungünstig, da wir mit Fußgängern einer anderen Distanz zusammen starteten und uns die Fußgänger beim Schwimmen einmal überholen mussten, während wir am Ende die Fußgänger mit unseren Bikes nochmal passierten. Üblich ist das nicht. Jedenfalls bekamen sowohl Marie als auch ich bei diesem Überholmanöver im Wasser einige Füße ins Gesicht gekickt. Was beim Fußgängertriathlon wohl üblich ist, fand ich befremdlich, da man ohne Beinschlag ja doch etwas instabiler im Wasser liegt. Aber außer dass es unangenehm war, ist nichts passiert.

Der erste Transfer einschließlich Entkleiden klappte gut, unter den für mich magischen 70 Sekunden, die mit dem Rennbike zurückzulegende Strecke war auch relativ entspannt. Es waren insgesamt drei Runden zu fahren, was sehr gut war, da mein Getränkevorrat bei der Wärme ständig leer war und ich so die Chance hatte, ihn auffüllen zu lassen. Das kostete zwar ein paar Sekunden, aber trotzdem besser als zu dehydrieren.

Die Strecke mit dem Rennrolli war nicht ganz so klasse, weil man sich einmal über einen Bordstein helfen lassen musste und der Helfer das vorher anscheinend noch nie probiert hatte. Später wusste er, wie das ging, aber die erste, und das war bis dahin noch ich, hatte ihre liebe Not mit ihm. "Wo kann ich anfassen? Wie soll ich das machen?"

Am Ende hatte ich 34 Sekunden Vorsprung vor Marie, war aber leider langsamer als die Britin, die sich am Abend noch über den Salat beschwert hatte. Alle anderen, gegen die wir direkt angetreten waren, belegten die Plätze 4 bis 8, einmal DNF (nicht angekommen). Das soll aber nicht darüber täuschen, dass ich für die offiziellen Zeiten viel zu langsam bin. Hätte die Elite-Konkurrenz teilgenommen, wäre ich wohl auf Platz 12 von 18 gelandet. Aber so gab es wenigstens einen Blumenstrauß.

Samstag, 6. Juli 2013

Wumms im Bauch

Wenn ich als Rollstuhlfahrerin mit einem ICE fahren möchte, sollte ich das mindestens 48 Stunden vorher bei der Mobilitätshotline der Bahn anmelden. Der übliche Dialog zwischen der Dame auf der anderen Seite der Telefonleitung und mir: "... habe ich soweit aufgenommen. Wann werden Sie vor Ort sein?" - "Ich schlage vor, ich stehe bei Ankunft des Zuges auf dem Bahnsteig auf Höhe der Eingangstür zum Wagen 9." - "Oh nein, das ist viel zu spät. Treffen ist mindestens 20 Minuten vorher und dann am besten am Service-Point in der Wandelhalle." - "Meinen Sie, ich finde alleine nicht das richtige Gleis?" - "Ich muss das hier so eintragen, sonst wird die Anfrage abgelehnt. Und das wollen wir ja vermeiden, nicht? Also 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Service-Point."

Also stehen Marie und ich 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Service-Point. Wer nicht da ist, ist der Bahn-Mitarbeiter. Nachdem wir 10 Minuten gewartet haben und uns gerade auf den Weg zum Bahnsteig machen wollen, taucht er plötzlich auf. "Sind Sie Frau ... und Frau ...? Brauchen Sie Hilfe, soll ich Sie schieben?" - "Nein, danke." - "Dann treffen wir uns in 10 Minuten auf Höhe des Wagens 9?" - "Wäre für uns okay." - "Dann bis gleich. Ich nehme mal meine Mütze ab, sonst sprechen mich auf dem Weg dorthin noch so viele Leute unterwegs an und das wäre doch blöd, wenn ich zu spät komme. Ich nehme die Treppe und Sie fahren Aufzug, ja?" - "Sie können auch mit uns im Aufzug fahren." - "Nein, danke, ich kann ja laufen. Aber ich muss meine Mütze abnehmen, sonst komme ich vor lauter Auskünften nicht mehr rechtzeitig zum Zug."

Seine Sorgen möchte ich nicht haben. Im Zug angekommen trafen wir auf den Chef des Zugteams. Ein auffallend groß gewachsener Mann schätzungsweise Mitte 40, blond, erinnerte mich ein wenig an Hape Kerkeling, nicht nur vom Aussehen. Auf unseren (reservierten) Plätzen saßen zwei Frauen, geschätzt 65 Jahre alt, und unterhielten sich angeregt. Ungezogenerweise unterbrach ich die Unterhaltung: "Entschuldigung, ich glaube, wir haben eine Reservierung für die Plätze, auf denen Sie sitzen." - Die Frauen redeten einfach weiter und straften mich im Reden nur mit einem Blick, der so viel bedeuten sollte wie: "Was willst du halbe Portion denn?"

Drei Sätze später grätschte ich erneut rein: "Hallo? Könnten wir das mal bitte klären?" - Diesmal bekam ich eine Antwort. Eine patzige: "Da gibt es nichts zu klären. Wir sitzen hier, Sie können sich jawohl einen anderen Platz suchen." - "Enschuldigung, Sie sitzen auf den Rollstuhlplätzen. Und das sind die einzigen in diesem Zug. Würden Sie sich bitte woanders hinsetzen? Wir haben hier reserviert." - Keine Antwort, sie setzten einfach ihre Unterhaltung fort. Marie und ich guckten uns blöd an. Schräg dahinter stand ein junger Mann, die Arme verschränkt, das Schauspiel aus sicherer Entfernung betrachtend. Hilfloser Gesichtsausdruck. Marie rollte zu Hape und bat ihn um Hilfe.

Hape machte kurzen Prozess: "Einen schönen guten Morgen, die Damen. Ihre Fahrkarten und Ihre Platzreservierungen hätte ich gerne mal gesehen, bitte. Oh, wenn Sie mir da bitte folgen wollen, Sie haben ein Ticket zweiter Klasse und Sie haben sich gerade ein bißchen in die erste Klasse verirrt. Sind das Ihre Gepäckstücke hier? Soll ich Ihnen kurz tragen helfen?"

Und tschüss. Der Zug fuhr los, kurz danach seine Stimme aus dem Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen. Wundern Sie sich bitte nicht, wir halten in Harbung noch einmal kurz an. Irgendwie hat die Lok nicht genug Wumms im Bauch. Früher hätte man einfach ein paar Kohlen nachgelegt, heute müssen wir anhalten und die Elektronik neustarten."

Gelächter im ganzen Wagen. Leider brachte der außerplanmäßige Zwischenhalt nicht den gewünschten Erfolg. Wir waren gerade wieder losgefahren, als erneut eine Durchsage kam: "Verehrte Fahrgäste, der Reset unserer Antriebseinheit hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten zur Verfügung standen. Bevor das noch schlimmer wird, haben wir uns entschieden, mit verminderter Leistung weiterzufahren. Für Ihre Anschlusszüge lege ich bei den Kolleginnen und Kollegen jede Menge gute Worte ein, aber keine Hand ins Feuer. Garantieren kann ich nur, dass Sie heute trotz Überlänge keinen Aufpreis zahlen müssen, wir sind ja hier schließlich nicht im Kino. Bitte kommen Sie jetzt bloß nicht alle einzeln zu mir gelaufen, ich sage Ihnen rechtzeitig vor jedem Halt Bescheid, welche Züge wo auf Sie warten. Ich wünsche Ihnen trotz allem eine angenehme Reise."

Und das war nicht der letzte Spruch. Kurz vor Göttingen: "Liebe Muttis und liebe Papis, ich brauche einen kleinen Moment Ihrer Aufmerksamkeit. Auf meinem Schoß sitzt ein kleiner Junge, der zwar seinen Namen nicht weiß, dafür hat er aber jede Menge andere tolle Sachen zu erzählen. Sag mal 'Hallo' ins Telefon." - Eine Kinderstimme krähte: "Hallo Mama! Wo bist du?" - Wieder gröhlte der ganze Wagen. Und dann: "Liebe Mama, auch wenn Sie Ihr Kind noch nicht vermissen, falls Sie diese Stimme kennen, holen Sie den kleinen Ausreißer bitte in Wagen 9 bei mir ab! So, sag mal 'Tschüss' bevor wir auflegen! Nee? Nagut. Der kleine Spielzeug-ICE ist gerade spannender."

Und rund zwei Stunden später noch einen: "Verehrte Fahrgäste, die Abfahrt des Zuges verzögert sich noch auf unbestimmte Zeit. Bedanken Sie sich bei dem Herrn, der die letzte Tür blockiert und halb Kassel schnell noch in den Zug lässt."

Das war doch mal ein lustiger Mitarbeiter. Vermutlich findet das Unternehmen das nicht lustig, schließlich hat er auch keine einzige Ansage auf Englisch wiederholt, aber Marie und mir hat es Spaß gemacht. Und die Zugfahrt zum Triathlon war sehr viel angenehmer als die Fahrt mit dem Auto. Tatjana stand nämlich unter anderem mit unseren Sportgeräten stundenlang im Stau. Ohne Klimaanlage... Was wären wir ohne sie?

Mittwoch, 3. Juli 2013

Falsche Leute

Irgendwie lerne ich immer die falschen Leute kennen. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe dabei kein glückliches Händchen.

Die Rede ist von jemandem, der wirklich und ernsthaft Interesse an einer Partnerschaft mit mir hat. Und mit dem ich mir gleichzeitig auch etwas vorstellen kann. Vielleicht sind meine Ansprüche einfach unerfüllbar. Ich weiß es nicht.

Es hatte alles so toll angefangen. Ich hatte endlich mal wieder eine Verabredung mit einem knackigen Kerl, zwar sechs Jahre älter als ich, aber das muss ja nichts heißen. Ich kenne ihn aus der Uni, er studiert nicht Medizin. Er meinte, er wäre ebenfalls Triathlet und ob wir nicht mal zusammen trainieren wollen. Nach zwei, drei Terminen zusammen mit Marie fragte er mich, ob wir uns nicht mal zu zweit treffen wollen.

Marie war schon klar, dass es in die Richtung ging. Ich habe ihr natürlich ehrlich gesagt, dass er sich mit mir alleine treffen möchte. Sie antwortete, dass sie sich schon gedacht habe, dass er was von mir wollte, jenseits des Trainings. Bis dahin hat noch alles so gut gepasst, Marie hat mir sogar noch viel Glück gewünscht. Er war so toll, so stark, so nett, er sah gut aus, war sehr einfühlsam (und damit meine ich nicht mitleidig, sondern damit meine ich, dass er mich einfach so gesehen hat, wie ich bin, mit meiner Behinderung, aber eben nicht mit ihr im Vordergrund) und dann stellt sich am Ende heraus, dass es ihm nur um das eine ging. Und dass er von einer Sekunde auf die nächste alle seine positiven Eigenschaften vergessen konnte.

Wir sind zusammen im See geschwommen, trotz relativ kalter Wassertemperatur ohne Neo, und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, kam von ihm: "Ich habe eine ganz schöne Erektion. Das kann nur an dir liegen."

Ein wenig kam ich mir vor wie in einem Déjà-vu. Und zuerst habe ich das noch mit Humor genommen und geantwortet: "Na, du gehst ja ganz schon ran."

Aber dann sagte er: "Du kannst froh sein, dass das Wasser so kalt ist, das relativiert vieles. Sonst wäre ich schon vor 10 Minuten über dich hergefallen. Nimmst du eigentlich die Pille?"

Hätte er es anders angestellt, ich kann nicht mal ausschließen, dass ich mich nicht zu irgendwas hinreißen lassen hätte. Aber so plump? Da bin ich froh, dass ich das rechtzeitig gemerkt habe.

Ich habe geantwortet: "Nee." - Woraufhin er meinte: "Als angehende Ärztin müsstest du doch problemlos an die 'Pille danach' kommen, oder?"

Meine Antwort: "Vielleicht findest du erstmal heraus, ob ich das überhaupt möchte?"

"Die Chance bekommst du nie wieder." - Und nein, es war kein Scherz. Er meinte es ernst und fand sich toll. Ich bin dann raus aus dem Wasser und bekam eine Badehose präsentiert, die viel zu klein war. Zwischenzeitlich bekam ich es ernsthaft mit der Angst zu tun, ob er das alles noch im Griff hat. Als ich hinterher Marie anrief, um ihr zu erzählen, was los war, habe ich erst mal bitterlich geweint. Anschließend habe ich mich von Cathleen auch noch trösten und ein bißchen den Nacken kraulen lassen. Und nun inzwischen habe ich die Kröte runtergeschluckt. Ich weiß, nicht alle Männer sind so. Irgendwann treffe ich den Prinzen schon noch.

Montag, 1. Juli 2013

Etwas anstrengend

Ich erinnere mich noch sehr genau an die Zeit, in der wirklich jeden Tag unterschiedliche Leute mindestens eine Frage zu meiner Blasenlähmung gepostet haben. Seit ein Link aus einem Fetischforum, in dem mein Blog verlinkt wurde, entfernt ist, und die aufdringlichsten Leute, die mir regelmäßig eklige Bilder gemailt haben, Post bekommen haben, ist es zu dem Thema angenehm ruhig.

Aber dafür gibt es eine andere, wenn auch verhältnismäßig kleine Last. Grundsätzlich zu jedem Posting, das ich schreibe, kommen mindestens drei Trolle aus ihrem Sumpf und posten dummes Zeug. Leider so offensichtlich behindertenfeindlich und hohl, dass ich mich frage, ob sie nicht merken, dass ich ihre Beiträge bereits an der ersten Zeile erkenne und gelöscht sind, bevor sie überhaupt veröffentlicht werden.

Hinzu kommen noch die automatischen Spam-Kommentare, die auf andere Seiten verweisen sollen. Zu 95% auf Englisch. Immer nach dem Motto: "Einen tollen Blog hast du da, hier ist meiner: Link." - Auch das veröffentliche ich nicht, es wird sogar von alleine schon in den Spam-Ordner gelegt. Der muss nur von Zeit zu Zeit mal geleert werden.

Ich will nicht behaupten, dass mich das großartig stört. Immerhin greift der Spamfilter recht zuverlässig und die Trolle posten fast immer von zu Hause und sind daher anhand ihres IP-Bereichs relativ eindeutig zu identifizieren. Etwas anstrengend ist lediglich, dass ich keine Antwort darauf finde, welchen Sinn solche erfolglosen Aktionen machen. Aber es wäre wohl der falsche Ort, um mir über das Phänomen des Trollens ernsthafte Gedanken zu machen.