Sonntag, 30. Juni 2013

Wildwasserbahn

Da schwimmt frau in einem der modernsten Planschbecken Hamburgs ihre 20 Bahnen zu je 25 Meter auf Zeit, als plötzlich ein Typ aus dem Jedermann-Trimm-Bereich unter der Leine in unsere Vereinsbahn getaucht kommt und ruft: "Hey, Mädchen, warte mal!"

Ich lasse mich dadurch nicht beirren und drehe weiter meine Runden. Okay, ich gebe zu, einmal gecheckt zu haben, ob mein Badeanzug noch alles verdeckt, was er verdecken soll. Tut er.

Fünfzig Meter später noch eine Ansprache. "Du bist so schnell, wart' doch mal eben!" - Weiterhin reagiere ich nicht. Aber die Stinkesocke ist ja nicht ganz so zickig wie sie gerade wirken mag, und schwimmt eine 21. Bahn, nur um den Typen zu fragen, was er will. Antwort: "Dir gehört doch der Rollstuhl dahinten, oder? Ich hab dich vorhin beobachtet, wie du ins Wasser geklettert bist."

Nein, ich antworte nicht: "Dann weißt du doch, dass mir der Rollstuhl gehört", sondern bleibe freundlich: "Ja, der gehört mir. Wieso?"

"Ich habe neulich einen Film" - oh nein - "einen Film über Querschnittgelähmte gesehen. Da wurde gesagt, dass viele von ihnen, insbesondere Männer, Probleme beim Sex haben."

Bin ich ein Mann? Möchte ich von wildfremden Menschen angesprochen werden, ob ich Probleme beim Sex habe? Kommen als nächste die Fragen nach dem erfüllten Sex, dem fehlenden Partner und der Selbstbefriedigung?

Nein. Alles nicht. Der Mann sagt: "Falls du Empfindungen hast da unten und mit dem Problem kämpfst, dass niemand dich will in deinem Rollstuhl und mit deiner Behinderung, habe ich einen Tipp für dich. Ein Kumpel von mir bietet Sexualassistenz für Behinderte. Ist sehr seriös und gar nicht teuer."

Ich war so perplex, dass ich nur kopfschüttelnd mich abgewendet und im Davonschwimmen leise ein schüchternes "Nein, vielen Dank" gemurmelt habe.

Als ich das später Tatjana erzählte, brachte sie nur ihren Standardkommentar für solche Fälle: "Auffe Fresse?!"

Und Marie: "Er steht bestimmt in der Zeit daneben und macht einen Foto von deinem Orgasmusgesicht. Damit du eine Erinnerung hast, wie bei den Fotos, die immer auf dem Jahrmarkt in der Wildwasserbahn geschossen werden." - "Was weißt du von meinem Orgasmusgesicht?" - "Nichts, aber beim nächsten Volksfest gehen wir beide in die Wildwasserbahn und machen an der entscheidenden Stelle die richtige Fratze. Abgemacht?" - "Abgemacht."

Sonntag, 23. Juni 2013

Handbikes auf der Straße

War das jetzt der Sommer oder nur ein kurzer Vorgeschmack? Während am Dienstag das Thermometer in meinem Auto eine Außentemperatur von bis zu 37°C anzeigte, haben wir in der letzten Nacht beim Training schon wieder die langen Klamotten angezogen. Dann fing es auch noch zwei Mal an zu regnen ... nee, das war nicht wirklich angenehm.

Ich hatte das zwar schon ein paar Mal berichtet, aber weil ich dazu regelmäßig E-Mails bekomme, erwähne ich das noch einmal: Wir trainieren nachts, weil wir nicht im fließenden Straßenverkehr trainieren wollen. Das ist uns zu gefährlich. Entsprechend greifen wir auf eine gesperrte Straße zurück, die wir uns mit einigen Rennradfahrern und Triathleten teilen. Weil man natürlich nicht einfach so Straßen sperren darf, muss man das genehmigen lassen und braucht eine Ausnahme- bzw. Sondernutzungsgenehmigung von der zuständigen Behörde. Diese wird uns aber kompromissweise nur für nachts und nur für bestimmte Tage erteilt. Für das Aufstellen der Straßensperren muss extra eine zertifizierte Firma beauftragt werden, die dann da ein paar Sperrgitter hinstellt und hinterher wieder wegnimmt - das alles ist ein ziemlicher Aufwand.

Früher sind wir auch häufiger auf Strecken quer durch Hamburg gefahren. Ebenfalls nachts. Diese Strecken waren nicht gesperrt, dafür fuhr aber hinter uns ein so genanntes Sicherungsfahrzeug. Auch dafür brauchten wir stets eine Genehmigung und das Fahrzeug (und der Fahrer) mussten bestimmte Auflagen erfüllen.

Vorgestern abend startete der österreichische Handbiker Manfred Putz zu einem Weltrekordversuch in Hamburg. Hauptsächlich über Landstraßen wollte er die rund 1.000 Kilometer bis nach München fahren - in rund 50 Stunden. Lediglich vier jeweils einstündige Verpflegungs- und Klopausen waren eingeplant. Begleitet wurde die Aktion von einem Technikteam und einem Kollegen aus dem Handbikesport. Er wollte mit diesem Weltrekord auf die Leistungsfähigkeit paralympischer Sportler aufmerksam machen, so schreibt er selbst auf seiner Internetseite.

Leider ist der Kollege nicht weit gekommen. Nachdem sich offenbar mehrere Autofahrer über das Verkehrshindernis auf den Landstraßen beschwert oder um seine Gesundheit gesorgt hatten, stoppte ein Streifenwagen den Handbiker bereits nach wenigen Kilometern in Niedersachsen. Da er die erforderliche Ausnahmegenehmigung nicht eingeholt hatte und auch kein ordnungsgemäßes Sicherungsfahrzeug dabei hatte, untersagten die Beamten die Weiterfahrt auf der Fahrbahn. Es stünde ihm frei, das Radwegenetz zu benutzen, aber auf Landstraßen, auf denen andere Verkehrsteilnehmer mit 100 km/h angeschossen kommen, werde nicht Handbike gefahren, wenn daneben (nicht ohne Grund) ein benutzungspflichtiger und zumutbarer Radweg vorhanden sei. Weltrekord hin oder her. Manfred Putz brach daraufhin die Veranstaltung ab: Bei Benutzung der Radwege sei das Ziel nicht zu schaffen.

Unabhängig davon, dass ein Handbikefahrer sehr schwer zu sehen ist, da er nahezu flach auf der Straße liegt und der höchste Punkt gerade mal rund 60 Zentimeter über dem Asphalt ist, besteht beim Handbiker die Gefahr des Überrolltwerdens durch einen Pkw, da der hinterste Punkt (die Hinterachse) des Handbikes unterhalb der Radnabe eines Pkw-Rads liegt. Darüber hinaus würde als erstes sein Kopf getroffen werden und nicht etwa die Beine und er könnte nicht seitlich wegkippen, wie es ein Fahrradfahrer bei einer Kollision tun könnte. Sicherlich ist jeder in erster Linie für sich selbst verantwortlich. Das gilt auch für Menschen mit Behinderungen. Nur würde die Polizei auch Menschen ohne Behinderungen von der Fahrbahn schicken, wenn daneben ein Radweg ist.

Mehrere Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine zitierten den 43jährigen dahin gehend, er fühle sich als behinderter Mensch zurückgestoßen. "Das ist Inklusion live", schrieb der Sportler laut dem Nachrichtenmagazin Focus auf der Facebookseite seines Projektes. Dazu möchte ich sagen: "Lieber Manfred, schade, dass du es nicht geschafft hast. Aber du hast es versäumt, dich vorher um die nötigen Ausnahmegenehmigungen zu kümmern. Handbikes gehören nicht auf die Landstraße. Du hast Vorbildfunktion. Starte einen zweiten Anlauf, lass dein Team vorher die nötigen Papiere zusammensammeln. Jetzt die Verantwortung dafür dem Polizisten in die Schuhe zu schieben und ihm behindertenfeindliche Motive zu unterstellen, wäre nicht nur schwach, sondern auch alles andere als förderlich für die von dir gewünschte inklusive Gesellschaft. Inklusion heißt nämlich miteinander."

Ein Bild, auf dem übrigens auch ein Radweg zu sehen ist, dazu:


(Text und Bild nachträglich ergänzt um 23.21 Uhr.)

Samstag, 15. Juni 2013

Ostsee bei 15 Grad

Wir waren heute mal wieder baden. Na gut, eigentlich trainieren. Aber irgendwie war es mehr "baden" als "trainieren". Und eine Attraktion ungeahnten Ausmaßes.

Ein gechlortes und beheiztes Schwimmbad oder ein spiegelglatter See sind zwar optimale Verhältnisse, um auf Zeit zu schwimmen, ich möchte allerdings den Wettkampf kennenlernen, wo verlässlich solche Verhältnisse herrschen. Also tut man sich einen Gefallen, wenn man eben nicht nur im spiegelglatten Wasser trainiert. Entsprechend waren wir heute an der Ostsee verabredet. Was man sich für einen Strandausflug mit Sonnenhut und Bikini eigentlich sehnlichst wünscht, wollten wir heute eben gerade nicht: Es gab nicht eine einzige Welle.

Wir waren eine recht gemischte Gruppe, insgesamt fast 15 Leute, die jüngste 14, der älteste 37, verschiedene Behinderungen, fast alle mit Rollstuhl. Da wir eine weite Strecke schwimmen wollen und die Ostsee derzeit nur 15 Grad hat, war der Neo unverzichtbar. Umso lustiger muss das ausgesehen haben, als wir vom Auto quer über die Strandpromenade in Richtung Wasser gerollt sind. Wir haben uns, um nicht so viel Sand in den Neo zu bekommen, bereits auf dem Parkplatz umgezogen und ernteten natürlich jede Menge Kommentare. Am lustigsten fand ich noch: "Oha, da kommt der schwarze Block. Gegen was protestiert ihr?"

"Gegen das kalte Wasser", meinte einer der älteren Jungs. Es bildete sich kurzfristig eine große Menschentraube, einige holten ihre Kameras raus. Nächstes Mal nehme ich mir mein T-Shirt mit dem Aufdrauk "Bitte nicht füttern!" mit. Da die Luft noch nicht so warm war (und das Wasser auch nicht), waren die meisten Urlauber und Touristen damit beschäftigt, auf der Strandpromenade zu flanieren, statt in den Strandkörben zu liegen. Entsprechend waren weder die Duschen auf dem Strand noch die anderen sanitären Einrichtungen offen, worauf wir allerdings spekuliert hatten.

Es war nicht so kalt wie befürchtet. Wir waren etwa 45 Minuten unterwegs, als plötzlich ein Schlauchboot auf uns zuhielt. Die DLRG wollte von uns wissen, ob wir im Schwimmerbereich bleiben oder ob wir Richtung Dänemark abtreiben. Was das sollte, war irgendwie nicht klar, denn wir hielten uns, wenn auch am Rand, aber innerhalb des durch Bojen gekennzeichneten Bereichs auf. Als sich der Schlauchbootfahrer und seine Kollegin davon überzeugt hatten, dass es uns gut ging, brachten sie ihr Boot wieder zurück an den Strand.

Im Anschluss an unsere Trainingseinheit haben wir zusammen gegrillt - natürlich an einer extra dafür vorgesehenen Feuerstelle. Es mag komisch klingen, dass jemand, der sich im Sand ohne Rolli kaum und mit Rolli gar nicht bewegen kann, schon riesig auf eine geplante Sommerfreizeit am Strand freut. Aber es ist so. Im warmen Sand rumkrabbeln, sich von der Sonne streicheln, wärmen und bräunen lassen, im Meer baden, die Seeluft genießen - ja, ich glaube, der Sommer ist eine meiner vier Lieblingsjahreszeiten.

Freitag, 14. Juni 2013

Scheibenwischer für Stinkesocke

Juhu! Ich habe einen Scheibenwischer geschenkt bekommen. Und dazu fast noch eine Beule.

Genau. Straßenverkehr. Nicht, dass ich mich darüber aufregen könnte. Mir geht es um ganz etwas anderes: Am kommenden Sonntag radeln in Hamburg wieder etliche Leute im Rahmen einer Sternfahrt protestierend für mehr Rechte der Drahteselnutzer. Bei uns in der Uni hat sich ein ganzer Haufen von Leuten gebildet, die einen auf den Zündschlüssel am Schlüsselbund ansprechen und sich klar, fast schon aggressiv gegen Autofahrer und mehr Rechte für Radler aussprechen.

Anstrengend. Ich habe nichts gegen Radfahrer. Mir fällt aber auf, dass viele Radfahrer mit ihren bestehenden Rechten gar nicht umgehen wollen oder können. So sind im Zuge der Neugestaltung der Schäferkampsallee beispielsweise die Radfahrer in meinen Augen recht vorbildlich bedacht worden, wie in dem Videoclip (ja, es darf wieder mit mir Auto gefahren werden) zu sehen. Der Clip dauert 60 Sekunden. In diesen 60 Sekunden habe ich es mit fünf Radfahrern zu tun und alle fünf machen irgendeinen Mist, einer begeht sogar eine Straftat.

Die Frau zwischen 5 und 8 Sekunden, die später eine ganze Zeit vor dem Auto radelt, kommt über den Gehweg angefahren. Das ist etwas schlecht zu sehen.

Bei 16 Sekunden kommt in der Einbahnstraße (Radweg nur für eine Richtung) jemand auf dem Fahrrad in falscher Richtung entgegen.

Bei 32 Sekunden kommt die nächste Frau in falscher Richtung entgegen, will auf die Fahrbahn ausweichen, aber die vor mir fahrende Radlerin möchte lieber nach links ausweichen, statt rechts zu fahren, und fährt einmal diagonal über die gesamte Fahrbahnbreite.

Das möchte ich aber nur nebenbei erwähnen, denn das Schönste kommt eigentlich noch: Der Audi-Fahrer, dessen Bremslichter ab 0:50 am linken Bildrand leuchten, legt den Rückwärtsgang ein und überlegt sich in dem Moment, als ich mit etwa 10 km/h hinter ihm vorbei rolle, zurück zu stoßen. Da ich davon ausgehen muss, dass er mich nicht gesehen hat, muss ich kurz hupen. Daraufhin überholt mich ein weiterer Radler rechts, schert wegen eines (unberechtigt) parkenden Fahrzeuges auf die Fahrbahn aus, berührt dabei noch fast das parkende Auto, schneidet mich und beleidigt mich mit einer Scheibenwischergeste.

Ich vermute, er hat das Hupen auf die vor mir fahrende Radfahrerin bezogen. Das ist aber trotzdem kein Grund für so ein Manöver.

Kurz danach kommt übrigens von oben der nächste verkehrt herum durch die Einbahnstraße. Ich will mich über diesen Scheiben wischenden Radfahrer nicht aufregen, es kratzt mich auch nicht sonderlich. Nur: Ich bin vorher durch den Stadtteil "Sternschanze" gefahren und musste in den fünf Minuten rund 20 Mal wegen irgendwelcher Falschradler anhalten, ausweichen oder auf Vorfahrt verzichten. Ich finde daher: Wenn man so derart laut (wie zur Zeit) mehr Rechte und mehr Rücksicht fordert, sollte man sich selbst auch an bestehendes Recht halten. Oder?!

Samstag, 8. Juni 2013

Lebenslang ausgeschlossen

Man muss gar nicht besonders starke gesundheitliche Einschränkungen haben, um an die finanziellen Leistungsgrenzen der gesetzlichen Pflegeversicherung zu kommen. In der Regel ist bei 1.550 €, spätestens bei 1.918 in besonderen Härtefällen (schwere Demenz, Wachkoma, Krebs im Endstadium) Schluss. Ich denke, jeder weiß, dass weder für 1.550 € noch für 1.918 € ein Platz in der vollstationären Pflege zu bekommen ist. Entsprechend muss das eigene Einkommen, Vermögen, eventuell auch das der Eltern und Kinder, eingesetzt werden.

Vorsorgen kann man mit einer privaten Zusatzversicherung. Dabei gibt es zwei Modelle: Das staatlich nicht geförderte und das staatlich geförderte. Beim ersten, dem staatlich nicht geförderten, handelt es sich um einen individuellen Pflegeversicherungsvertrag, der mit jeder privaten Versicherung abgeschlossen werden kann. Eine Gesundheitsprüfung und Risikobewertung ist in aller Regel verpflichtend, Menschen mit Vorerkrankungen sind damit ausgeschlossen.

Bei dem staatlich geförderten Modell ist eine Gesundheitsprüfung und Risikobewertung nicht zulässig, das heißt: Alle die, die auf dem freien Versicherungsmarkt keine günstigere Police bekommen, werden es hier versuchen. Wer mindestens 120 € pro Jahr einzahlt, bekommt 60 € pro Jahr staatliche Förderung dazu.

So ganz ohne Risiko-Abmilderung schließt aber bekanntlich kein privates Versicherungsunternehmen Verträge. Daher sind von diesen staatlich geförderten Verträgen kategorisch alle Menschen ausgenommen, die irgendwann in ihrem Leben schon einmal Leistungen aus der Pflegeversicherung bzw. vor 1995 Leistungen zur Pflege des Sozialhilfeträgers bekommen haben.

Mir ist schon klar, dass man einem möglichen Missbrauch irgendeinen Riegel vorschieben muss, sonst wäre es ja möglich, dass beispielsweise Maria so einen Vertrag abschließt, monatlich 60 € einzahlt und 3.000 € wieder zurückbekommt. Auch ist mir klar, dass eine Versicherung kein Risiko absichern kann, das mit hoher Wahrscheinlichkeit eintritt.

Aber ... wenn jetzt jemand als Kind beispielsweise wegen einer kognitiven Einschränkung, Entwicklungsverzögerung, vielleicht sogar auch einer körperlichen Behinderung Pflegeleistungen bekommen hat, zum Beispiel stundenweise Betreuungsleistungen, Hilfe beim Duschen, ... inzwischen aber völlig alleine zurecht kommt (sich also selbst kathetern kann, vielleicht sogar Vollzeit arbeitet, eine Familie und Kinder hat) und auf Pflege nicht mehr angewiesen ist, höchstens vielleicht hin und wieder Hilfe im Haushalt in Anspruch nimmt, die er aber selbst finanziert, weil das für Pflegestufe 1 nicht ausreicht - dann ist diese Person ein Leben lang von einem Abschluss so einer Zusatzversicherung ausgeschlossen.

Solange das für private Versicherungsverträge gilt, kann man da kaum was machen. Aber die staatliche Förderung einer Pflegevorsorge pauschal allen Menschen vorenthalten, die schon einmal pflegebedürftig waren, halte ich für eine Benachteiligung eben dieser Menschen. Ihnen wird die Chance genommen, für sich und ihre Angehörigen (Kinder, Eltern) vorzusorgen, denn auch ein fitter Rollstuhlfahrer, der seit 30 Jahren keinen Cent Pflegeleistung mehr bezogen hat, kann eines Tages mit dem Auto verunglücken - und wird auch eines Tages alt und vielleicht dement. Lebt aber vielleicht gesünder, als beispielsweise der Kettenraucher, der problemlos einen solchen Vertrag bekommt. Und wird vielleicht nie so pflegebedürftig, dass er die Leistungen in Anspruch nimmt - im Gegensatz zu jemandem mit gesicherter Horror-Diagnose, der seine Pflegebedürftigkeit schon jetzt voraussehen kann, aber trotzdem noch schnell problemlos einen solchen Vertrag abschließen kann.

Ich halte es für sinnvoll, wenn diese Ausschlussfrist nicht lebenslang gilt, sondern nur fünf Jahre. Also dass jemand von einem solchen Vertragsabschluss und der staatlichen Förderung ausgenommen wird, wenn er in den letzten fünf Jahren Leistungen aus der Pflegeversicherung in Anspruch genommen hat. Meinetwegen auch, wenn in den nächsten fünf Jahren eine Verschlechterung des bestehenden Gesundheitszustandes eintritt. Es ist kaum darstellbar, dass jemand, der fünf Jahre ohne Pflege zurecht gekommen ist, nun plötzlich so viel schlechter dran sein soll, dass ein Gutachter ihm (ohne dass eine neue Situation eingetreten ist) aufgrund dieser "alten" Behinderung künftig Leistungen bewilligt.

Derzeit läuft eine Online-Petition eines Sportkollegen beim Deutschen Bundestag, die den Gesetzgeber dazu anregen soll, über genau dieses Problem noch einmal nachzudenken. Ich halte diese Überprüfung für sinnvoll und würde mich freuen, wenn der eine oder andere ebenfalls mal über diese Problematik nachdenkt und anschließend mitzeichnet und eventuell auch verlinkt. Sollten tatsächlich 50.000 Stimmen zusammenkommen, wird diese Sache im Deutschen Bundestag in einer öffentlichen Sitzung verhandelt, bei der der Sportkollege sein Anliegen vor den Abgeordneten vortragen darf. Sollten weniger Stimmen zusammenkommen, wird der vorgetragene Sachverhalt in einer nichtöffentlichen Sitzung behandelt und ein Beschluss gefasst.

Nur die Socke

Eine weitere anstrengende Woche liegt hinter mir. Ich bin froh, wenn endlich Semesterferien sind. Und ich bei diesem schönen Wetter an den Strand fahren kann.

Ich weiß. In Deutschland und auch in anderen Ländern gibt es gerade Menschen mit ganz anderen Problemen als Sehnsucht nach Strand und Meer. Einige Sportkollegen wohnen oberhalb der Geesthachter Staustufe und haben bereits alles hochgestellt und weggebracht, was irgendwie wertvoll ist und vom Wasser gefährdet sein könnte. Ich kann sehr froh sein, dass ich nicht im Erdgeschoss wohne und die Elbe in Hamburg gerade mal 40 Zentimeter höher steigen soll. Diese Flutwelle sei in diesem Bereich, wo die Elbe sehr breit ist, ein Klacks im Vergleich zu einer Sturmflut, bei der der Wind die halbe Nordsee in die Elbe drücke. Ich wünschte mir, sie sei weiter flussaufwärts auch nur so ein "Klacks".

Gestern saß ich mit Marie auf dem Rasen auf dem Uni-Gelände. Wir aßen ein Eis. Ich träumte vor mich hin, als Marie mich plötzlich antickte und sagte: "Hör mal!"

Nicht weit von uns entfernt, hinter einer Hausecke, saßen zwei Kommilitoninnen von uns. Normalerweise wäre ich jetzt zurück in den Rolli und hätte mich spontan zu ihnen gesetzt, aber bei ihrer Unterhaltung ging es gerade um Marie und mich. Nun bin ich eigentlich niemand, der gerne andere Leute belauscht und ohne den Hinweis von Marie hätte ich das wohl gar nicht mitbekommen, aber was ich da gerade hörte, verschlug mir die Sprache. Eine der beiden meinte, Marie und ich würden stinken.

Eigentlich ist so ein Unsinn keiner Rede keines Beitrags wert. Eigentlich. Uneigentlich wurmt mich das. Sie habe im Aufzug mal neben uns gestanden und wir hätten beide dermaßen pervers gerochen, dass ihr übel geworden sei. Sie dachte dann, das wäre eine einmalige Sache gewesen und habe aus einem inneren Bedürfnis heraus an den nächsten Tagen noch ein paar mal unauffällig geschnüffelt, wenn wir in ihrer Nähe gewesen seien. Aber dabei habe sich das nur noch bestätigt.

Ganz offensichtlich wollte diese blöde Kuh über uns Gerüche ... äh ... Gerüchte in die Welt setzen, denn ich stinke nicht und Marie auch nicht. Ich war kurz davor, mich zurück in den Stuhl zu setzen, zu ihr zu fahren und ihr eine Szene zu machen. Marie flüsterte in dem Moment: "Ihr ist aber schon klar, was [die andere Kommilitonin] später über sie denkt, wenn sich diese Behauptung nicht bestätigen lässt?" - "Das ist wieder so unnötig gerade..."

Die andere Kommilitonin reagierte allerdings recht gut, wie ich fand. Sie sagte: "Das hab ich noch gar nicht gerochen. Marie war neulich mit mir in einer Arbeitsgruppe und da roch überhaupt nichts. Könnte das nicht sein, dass da irgendwas anderes gestunken hat?"

"Nein, das sind die beiden. Definitiv. Ich habe das jetzt schon paar Mal mitgekriegt. Ich meine, ich finde das ja nicht so schlimm, wenn man behindert ist, aber seit es eine Pflegeversicherung gibt, muss doch niemand mehr ungewaschen aus dem Haus, schon gar nicht zur Uni. Schließlich sollen die beiden ja später auch mal Vorbild für andere Menschen sein."

Die andere Kommilitonin sagte: "Meinst du wirklich, dass die sich nicht waschen? Ich habe das wirklich so noch nicht wahrgenommen. Und die haben doch beide immer saubere Sachen an und fettige Haare haben sie auch nicht. Also irgendwo müssen sie doch Zugang zu Wasser und Seife haben."

"Du, keine Ahnung, ich kann dir nur sagen, was ich jetzt schon mehrmals bemerkt habe."

Die andere Kommilitonin antwortete: "Ich weiß nicht, ich finde das irgendwie nicht gut, dass du das allen erzählst. Willst du nicht lieber mal mit den beiden reden, dass dir das aufgefallen ist?"

"Hab ich schon. Jule hat mir nur den Mittelfinger gezeigt. Ist aber auch klar, sowas hört man ja auch nicht gerne, gerade wenn man sowieso schon behindert ist und damit eher eine Sonderrolle hat."

Die andere Kommilitonin wechselte schlagartig das Thema. Marie meinte, das habe wohl nicht funktioniert. Aber wer weiß, wem sie das noch alles erzählt. Wir werden uns die blöde Kuh, die solchen Mist über uns erzählt, in Kürze mal zur Brust nehmen. Sicher weiß ich aber, dass sie nie mit mir gesprochen hat und ich ihr auch keinen Stinkefinger gezeigt habe.

Das erste, was Marie sagte, als sie nach Hause kam und ihre Mutter begrüßte: "Mama, stinke ich? Stinken meine Sachen oder meine Haare?" - Ergebnis: "Du stinkst nicht. Und deine Haare riechen nach Shampoo." - "Und Jule?" - "Bei Jule stinkt nur die Socke." - "Und ernsthaft?" - "Wer erzählt solchen Mist?!"

Samstag, 1. Juni 2013

Kraft für die Inklusion

Vielleicht ist der einen Leserin oder dem anderen Leser meines Blogs aufgefallen, dass ich die Liste der Empfehlungen und Verlinkungen überarbeitet habe, jene, die in der rechten Spalte neben dem Haupttext steht. Sie ist nicht vollständig, schließlich wird nicht immer übermittelt, woher meine Besucher kommen. Falls ich etwas vergessen habe, was ich lieber nicht vergessen sollte, bitte ich um einen Hinweis...

Auch das eine oder andere Printmedium hat mich in den letzten zwei, drei Jahren erwähnt. Das ist immer recht lustig, wenn ich plötzlich über die Vereinsadresse, die bei mir im Impressum angegeben ist, eine Zeitung (als Belegexemplar) weitergeleitet bekomme, mit freundlicher Empfehlung und einem Klebereiter auf der Seite, wo irgendetwas über meinen Blog steht. Meistens sind das Vereinszeitungen oder die Mitgliederzeitungen kirchlicher oder wohltätiger Organisationen, aber es war auch schon eine Parteizeitung und ein Mitgliedermagazin einer Gewerkschaft dabei.

Und es gab, gerade in den letzten Wochen, auch die eine oder andere Anfrage verschiedener Redaktionen. Mittendrin erinnere ich den außergewöhnlich langen Brief eines Redakteurs einer der auflagenstärksten Tageszeitungen Deutschlands, mit der Bitte, mich interviewen und ein, zwei Tage lang zu verschiedenen Alltagsstationen begleiten zu dürfen. Zum Sport, zur Uni, beim Autofahren, in meiner WG. Oder eine Anfrage eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders für eine Reportage im Rahmen einer Dokumentationsreihe. Mehrere Casting-Anfragen für alles mögliche, eine sogar für eine Talkrunde bei einem privaten Fernsehsender.

Und ich? Ich habe immer "Nein" gesagt. Warum? Weil ich schüchtern bin, bei einer Talkrunde oder bei irgendeinem Dreh kein Wort rauskriegen würde. Und weil ich hier über mein Leben blogge, wobei ich bestimmen möchte, was ich von mir erzähle. Und nicht zuletzt, weil ich nicht als "starke Frau" (die häufigste Anfrage) oder "Kraft für die Inklusion Behinderter" (die zweithäufigste Anfrage) gelten möchte - ich möchte überhaupt nicht öffentlich vor vielen Menschen bewertet werden. Und das passiert automatisch, wenn man einen Artikel über mich schreibt, über die starke Frau, die ihr Leben in den Griff bekommen hat.

Vielleicht habe ich mein Leben ja gar nicht im Griff? Vielleicht stehe ich zwei Meter vor dem Abgrund? Vielleicht bin ich gar nicht stark, sondern nur kämpferisch? Genau das steht eben morgen oder nächstes Jahr exklusiv in meinem Blog.

Auf jeden Fall bin ich aber keine "Kraft für die Inklusion Behinderter". Denn mein Verständnis einer inklusiven Gesellschaft ist ein gemeinsames Miteinander. Ein gemeinsames Miteinander kann immer dann nicht funktionieren, wenn auf gleicher Ebene (also auf der Ebene der Beteiligten) Bemühungen nötig sind, um dieses gemeinsame Miteinander zu erreichen. Denn jede Bemühung ist aus einem erkannten Defizit motiviert - und das weiß auch der, der diese Bemühungen erlebt.

Die einzig sinnvolle Bemühung auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft kann es sein, Barrieren abzubauen, die das gemeinsame Miteinander behindern. Also einen Rahmen zu schaffen, in dem "alles möglich" ist. Und zwar nicht, weil ein Mensch ohne Beeinträchtigungen das (offenherzig) möchte, sondern weil ein Mensch mit Beeinträchtigung das (selbstbestimmt) kann. Dass wir da nicht morgen sind, ist mir klar, darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es darum, dass ich nicht für die Inklusion behinderter Menschen kämpfe. Sondern für eine inklusive Gesellschaft, in denen alle Menschen selbstverständlich miteinander leben. Das möchte ich - nur mal so am Rande - erwähnen. Die zahlreichen Anfragen zu eben diesem Thema machen es nötig.