Dienstag, 30. April 2013

Nebelschwaden, Dunkelheit

Nebelschwaden, Dunkelheit. Stille. Eine Bundesstraße am Stadtrand von Hamburg. Es ist Nacht, kurz nach zwei Uhr. Ein Auto liegt im Graben oder vielmehr in einem dicken Strauchwerk, die Fahrertür ist offen, die Airbags auch, ein junger Mann liegt regungslos mit dem Kopf auf dem Gras, die Beine hängen noch halb im Fahrzeug. Der Motor ist zwar aus, aber die Rücklichter leuchten. Der Beginn eines Horrorfilms? Oder nur eine langweilige Episode einer Low-Budget-Serie im privaten Fernsehen und gleich kommt erstmal Werbung?

Weder noch. Realität. Aber eine andere Frage ist noch nicht beantwortet: Ist da wirklich ein Unfall passiert oder ist das eine gestellte Szene und gleich kommen irgendwelche Chaoten aus den Hecken und überfallen uns, nehmen uns das Auto, unsere Handys, unser Geld weg, vergewaltigen uns vielleicht noch?

Am Auto ist ein Ratzeburger Kennzeichen befestigt, im Innenraum ist all möglicher Krempel durch die Gegend geflogen. Wenn es eine Falle ist, ist sie wirklich fies. Marie sitzt neben mir, ich wähle über die Freisprecheinrichtung die 110. Nicht die 112, denn ich will unbedingt die Polizei dran haben. Es meldet sich die Notrufzentrale einer von Hamburg rund 25 Kilometer entfernten niedersächsischen Kleinstadt. Ich bin so aufgeregt, dass ich kaum ein Wort rausbringe. Ich erzähle dem Beamten, was ich sehe und dass ich mir nicht sicher bin, ob das möglicherweise eine Falle ist. Irgendwas ist mir nicht geheuer, ich kann aber nicht sagen, was es ist. Ich erzähle ihm, dass wir beide Rollstuhlfahrer sind. Er möchte meine Personalien und das Kennzeichen des Fahrzeugs, mit dem wir unterwegs sind. Er sagt, Hilfe sei zu uns unterwegs. Es sei unsere freie Entscheidung, ob wir uns zutrauen, dort zu helfen. Er biete uns an, dass wir die Telefonleitung bestehen lassen und das Handy mit rausnehmen. So könne er mithören. Auf jeden Fall sollten wir vor Ort bleiben, notfalls im verschlossenen Fahrzeug.

Wir entscheiden uns, auszusteigen. Versuchen, mit den Rollstühlen uns einen Weg durch die Sträucher zu bahnen. Nach einigen Minuten sind wir zu dem Verletzten durchgedrungen. Er hat die Augen zu, atmet aber und sein Herz rast. Ist der bewusstlos? Seine Augenlider flattern. Ich spreche ihn an, keine Reaktion. Marie setzt einen Schmerzreiz, er erschrickt, öffnet die Augen aber trotzdem nicht. Wir gucken uns an, irgendwas ist hier wirklich nicht normal. Wir können den Mann unmöglich aus dem Auto heben, da wir mit den Rollstühlen nicht mal sicheren Stand haben. Also können wir nur auf die Rettungskräfte warten.

Marie und ich schaukeln uns wieder auf die Fahrbahn zurück, ich nehme mein Handy vom Schoß, berichte dem Beamten auf der andern Seite von meinem Beobachtungen. Marie baut das Warndreieck zusammen und rollt damit los. Aus der anderen Richtung kommt ein weißer Passat Kombi älteren Baujahres, Hamburger Kennzeichen. Drei Männer steigen aus, alle haben einen ausländischen Akzent. "Was ist mit dem?", fragt mich einer. Und bittet seinen Kumpel, einen Rettungswagen zu rufen. Ich antworte, dass ich das bereits getan habe. "Wenn der atmet, lassen wir den so liegen, nicht dass wir noch was kaputt machen", sagt ein anderer. Inzwischen sind 15 Minuten vergangen.

Es dauert noch weitere 10 Minuten, bis als allererstes die Polizei eintrifft. 25 Minuten nach dem Notruf. Die Beamten kümmern sich um den Typen, ziehen ihn aus dem Fahrzeug, legen ihn in stabile Seitenlage. Dann, innerhalb der nächsten fünf Minuten, treffen zwei weitere Streifenwagen und der Rettungsdienst ein. Wie wir zwischenzeitlich erfahren, stecke die örtliche Polizei in einem anderen Einsatz fest, so dass die Kollegen aus einem anderen Landkreis anrücken mussten. Laut Onlinekarte sind sie fast 50 Kilometer zum Einsatzort unterwegs gewesen. Wären wir überfallen worden, wären die Täter über alle Berge.

Plötzlich war auch ein Typ mit einem Fotoapparat vor Ort, machte jede Menge Fotos von dem Unfallauto, dann wollte er mit uns sprechen. Er sei Reporter einer im Landkreis erscheinenden Tageszeitung und fand es faszinierend, dass wir als Rollstuhlfahrerinnen erste Hilfe geleistet haben. Und dass wir Auto fahren. Hätten wir ihm erzählt, dass wir obendrein noch Medizin studieren, hätte er vermutlich mehrere Flicflacs auf der nächtlichen Straße gemacht, obwohl wir aus unserem Medizinstudium nun so gar nichts anwenden konnten, weil wir bisher überwiegend theoretische Kenntnisse vermittelt bekommen haben. Wir haben also jedes Interview dankend abgelehnt und danach auch vergeblich nach einem neutralen Artikel in der Zeitung gesucht.

Gestern nun, rund 14 Tage später, rief mich die Polizei an: Es gebe Ungereimtheiten zum Unfallhergang und man wolle mir einen Anhörungsbogen zuschicken. Ich habe allerdings gleich gesagt, dass ich nicht viel mehr sagen kann als ohnehin schon bekannt ist. So wie es aussieht, wird wohl wegen Versicherungsbetrug ermittelt und der Fahrer steht im Verdacht, das Auto absichtlich in die Hecke gelenkt zu haben. Erster Kommentar von Maries Vater: "Was erlebt ihr denn wieder für Sachen?!" - Tja, wie war das mit dem Magneten?

Samstag, 27. April 2013

Rollstuhlschwimmen

Na super. Ein Sportrollstuhl, egal für welche Sportart, ist teuer. Oft müssen mindestens 5.000 € auf den Tisch gelegt werden und in aller Regel zahlt die Krankenkasse so etwas nicht. Oft sind sie sehr robust gebaut, allerdings nicht darauf ausgelegt, um damit zu tauchen. Daher kann man wohl von einem wirtschaftlichen Totalschaden ausgehen, und zwar an drei Basketballrollstühlen, die unbekannte Knalltüten gestern nacht in einen Tümpel geworfen haben, nachdem sie sie aus einer Sporthalle entwendeten.

Ähnlich wie beim Triathlon hat man auch beim Rollstuhlbasketball in aller Regel kaum Möglichkeiten, die immer sperriger werdenden Sportrollstühle mit nach Hause zu nehmen. Als freut man sich, wenn sie in der Sporthalle gelagert werden können - bis sie jemand so toll findet, dass er damit eine Spritztour macht und sie anschließend versenkt. So geschehen im ostfriesischen Leer. Unglaublich, aber leider wahr.

Wir hatten zwar in Hamburg auch schon etliche kuriose Begebenheiten, von verhinderten Partnerinnen, die unsere Stühle im Regen auf eine Wiese geschoben haben, von Schülern, die damit durch die Stadt gecruist sind bis hin zu Diebstählen, um die Dinger dann im Internet zu verticken (wobei die Diebe dann oft vergessen, dass es sich um Einzelanfertigungen nach Maß handelt, die niemand kaufen will) - aber am Ende einen Schaden von fast 20.000 €, den hatten wir noch nicht. Ich war sehr verärgert, als mir ein Freund ein entsprechendes Foto der geschrotteten Teile schickte und drücke die Daumen, dass die Täter gefasst werden und genug Geld haben.

Mittwoch, 24. April 2013

Besser aufgehoben

Es waren mal wieder ein paar turbulente Tage, ein weiteres Wochenend-Trainingslager liegt hinter uns, von dem es ganz viel zu erzählen gäbe, von dem ich auch gerne erzählen würde; nur muss ich aus zeitlichen Gründen mal wieder Prioritäten setzen. Und bevor ich aufschreibe, dass man zwar Vollverpflegung vor Ort hatte, allerdings die Getränke vergessen und veranstalterseitig kurzfristig dann nur noch Limonaden organisieren konnte, schreibe ich lieber über etwas schönes. Oder zumindest über den schönen Teil eines weiteren unschönen Erlebnisses.

Gestern war ich bei Maries Familie zum Abendessen eingeladen. Während Marie noch duschen wollte, fragte mich ihre Mutter, ob ich kurz mitkommen möchte, sie wollte noch mehrere Teile in einem Supermarkt einkaufen. Bevor ich da 20 Minuten rumsitze, dachte ich mir, könnte ich mich nützlich machen und fuhr kurzerhand mit. Der Supermarkt war nur fünf Minuten zu Fuß entfernt und es handelte sich um einen einzelnen Händler, einen größeren Familienbetrieb, der einer Einkaufsgenossenschaft angeschlossen ist. Die Tochter des Inhabers hat das Down-Syndrom und arbeitet in dem Geschäft mit. Normalerweise kaufe ich dort nicht ein, allerdings bin ich mit Marie schon ein paar Mal dort gewesen, daher war mir das bekannt. Diese Mitarbeiterin läuft in einem weißen Kittel durch die Gegend und ist in erster Linie damit beschäftigt, achtlos in die Regale gefeuerte oder an der Kasse liegen gebliebene Artikel wieder an ihren Platz zu bringen. Neulich hat sie die Tiefkühltruhe aufgefüllt, ein anderes Mal ging sie mit einer alten Frau durch den Laden und schob den Einkaufswagen dieser Frau.

Gestern nun stand ich an der Kasse an, Maries Mutter hatte noch ein Teil vergessen und ging zu den Joghurts zurück, und diese Frau stand hinter dem Kassentisch neben der eigentlichen Kassiererin und half einer alten Frau, ihre Einkäufe in dem Korb ihres Gehwagens und einem mitgebrachten Rucksack zu verstauen. Plötzlich, und ich will betonen, dass es Menschen gibt, die einen stärkeren Idiotenmagneten haben als ich, beginnt der direkt dahinter stehende Mann zu motzen: "Hätte ich das gewusst, hätte ich die andere Kasse genommen."

Niemand reagiert. Schließlich gibt es Leute, die motzen über alles. Als er dann nach einigen Momenten allerdings den nächsten Satz ausspricht, passiert etwas, was ich vorher noch nie so erlebt hatte. Er sagt: "Alter, wer hat der bloß den Job gegeben? Noch langsamer und die schläft ein." - Dabei ist sie eigentlich gar nicht langsam. Zwischen dem Motzkopf und mir steht noch eine ältere Frau, geschätzt weit über 70, hat ein paar Teile auf das Laufband gestellt. Sie antwortet, und darüber war ich echt überrascht: "Das ist nicht fair! Diese Frau ist ein Mensch wie du und ich. Sie hat die gleichen Rechte wie du und ich, auch das Recht zu arbeiten und Geld zu verdienen."

Im selben Moment kommt Maries Mutter dazu, fasst mir von hinten auf die Schulter. Der Mann antwortet der alten Dame: "Jaja, es gibt Werkstätten für Behinderte, da wäre sie doch wohl besser aufgehoben."

Ich will was sagen, bringe aber keinen Ton raus. Die Frau mit Down-Syndrom reagiert überhaupt nicht, packt weiter ein, seufzt eher genervt als betroffen. In dem Moment sagt Maries Mutter: "Inzwischen ist unsere Gesellschaft so weit, dass sie nicht mehr die Menschen mit Behinderungen ausgrenzt, sondern Leute wie Sie." - Die ältere Frau dreht sich um und sagt zu Maries Mutter: "Und das ist gut so." - Der Mann holt Luft, aber Maries Mutter redet weiter: "Ich hoffe, dass der da oben sich an Sie erinnert, wenn Sie eines Tages an seiner Tür klopfen."

An der anderen Kasse dreht sich ein Mann um die 30 um, sagt: "Du Arsch kannst von Glück reden, dass das nicht meine Tochter ist, sonst würde ich dich jetzt aus dem Laden prügeln." Und zu der Frau: "Lassen Sie sich von so einem bloß nicht den Tag verderben."

Woraufhin die Frau antwortet: "Ach was, die meisten Menschen sind nett zu mir. Das sind nur ganz wenige, und die machen das, weil ich das Down-Syndrom habe. Die Menschen suchen immer einen Grund. Deswegen sitze ich auch nicht an der Kasse, da meckern auch immer welche, obwohl man nichts dafür kann, wenn mal die Kasse nicht geht."

Der eklige Typ packte wortlos seinen Einkauf in die Tasche. Die Kassiererin hat nicht ein Wort dazu gesagt. Ich weiß noch immer nicht, warum, aber mich erschüttern solche Vorfälle nach wie vor und immer wieder. Es passt einfach nicht in meine Vorstellungen, dass Menschen so arschig und gemein sein können. Dass allerdings ausgerechnet eine weit über 70jährige Frau so argumentiert, habe ich noch nicht oft erlebt und das hat mich auch sehr gerührt. Leider habe ich bislang eher öfter erlebt, dass ältere Menschen große Berührungsängste haben, aus den schon oft diskutierten Gründen. Umso schöner fand ich diese Reaktion.

Mittwoch, 17. April 2013

In eigener Sache

Ich weiß ja, der eine oder andere meint es gut. Ich fühle mich auch meistens sehr geschmeichelt.

Aber ich muss trotzdem dazu mal was sagen und mache etwas, was ich eigentlich nicht mache und was auch nicht dazu passt, einen Blog für sich selbst zu schreiben: Ich wende mich an meine Leserinnen und an meine Leser.

Was meint ihr, warum in meinem (Pflicht-) Impressum nicht meine private Anschrift steht, sondern der Sitz eines Blogvereins? Weil ich nicht von mir unbekannten Menschen einfach so besucht werden möchte. Und weil ich keine Pakete bekommen möchte.

Wenn ich glaube, einen neuen Vibrator zu brauchen, bestelle ich mir einen. Oder gehe rolle auf der Reeperbahn in eins der nicht so schmuddeligen Geschäfte.

Wenn ich neue Unterwäsche brauche, gehe ich shoppen. Und auch T-Shirts mit Sprüchen gegen die Diskriminierung behinderter Menschen sind eine tolle Idee, aber ich hätte diese Artikel schon selbst bestellt, wenn ich sie tragen möchte.

Ich weiß, ihr wollt mir mit Socken, Kuscheltieren, Süßigkeiten, Diddl-Mäusen, Schlüsselanhängern und vielem anderen mehr eine Freude machen. Ich fühle mich, wie gesagt, auch ziemlich geschmeichelt.

Aber, und jetzt kommt das große Aber: Dieser Verein, der dort in meinem Impressum genannt ist, wird im Ehrenamt geführt. Die Leute, die da was tun, haben alle einen regulären Job. Haben alle eine Behinderung. Und ich fühle mich unwohl, wenn diese Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag eine Benachrichtigungskarte im Vereinsbriefkasten finden, dass sie am nächsten Werktag mit dem Rollstuhl einige Kilometer zum Postamt gurken mögen, sich dort eine halbe Stunde anstellen, um dann eine Tüte Gummibärchen abzuholen, die noch nicht mal für sie selbst bestimmt ist.

Das ist jetzt in den letzten drei Monaten mehrmals (mehr als ein Dutzend) vorgekommen und ich fühle mich damit nicht wohl. Auch wenn das meistens total lieb gemeint ist und sich bisher noch niemand aus dem Verein beschwert hat. Bitte lasst es trotzdem sein. Ich danke für Euer Verständnis!

Montag, 15. April 2013

Federball und Nasenspülung

Schade, nun ist der März vorbei. Und niemand aus unserem Wohnprojekt hat es geschafft, einer großen Krankenkasse ein neues Mitglied zu empfehlen. Dabei hat man uns doch in Aussicht gestellt, bei Vorschlag eines neuen Mitglieds eine tolle Prämie zu bekommen. Wir hatten es eigentlich auf das Strand-Federball-Set abgesehen.

Nein, stimmt nicht. Eigentlich wollten wir im März unbedingt noch jemanden vorschlagen, weil wir dann sogar noch eine Nasenspülkanne umsonst dazu bekommen hätten.

Sonntag, 14. April 2013

Viel interpretiert, nicht überzeugt

Aus irgendeinem Grund wird immer sehr viel interpretiert. Ich möchte mir über den Grund, vielleicht sind es auch mehrere, gar keine Gedanken machen.

Ich wundere mich, was man (man!) aus meinem gestrigen Post alles herauslesen und kommentieren kann. Auch per Mail. Nicht, dass ich mir keine Kommentare wünsche. Im Gegenteil. Nur habe ich mindestens die Hälfte von dem, was dort kommentiert oder per Mail geantwortet wurde, gar nicht gesagt und schon gar nicht geschrieben.

Ich lasse mich dazu hinreißen, ein zweites Mal auf ein Thema (näher) einzugehen. Anlässlich einer Überarbeitung der Straßenverkehrsordnung ist bei der Suche nach einem geschlechtsneutralen Begriff für Rollstuhlfahrer "Fahrende von Rollstühlen" herausgekommen. In meiner Auseinandersetzung mit dem Thema bin ich sehr bewusst nicht darauf eingegangen, dass ein Rollstuhlfahrer auch alleine oder trotz schwerer Gehbehinderung gerade zu Fuß unterwegs sein, geschoben werden oder mehrere Rollstühle besitzen, einen anderen Willen als sein möglicherweise motorbetriebenes Gefährt haben oder vielleicht auch noch mit angezogenen Bremsen am Straßenrand stehen kann.

Ja, Sprache kann vieles verändern und vor allem vieles bewusst machen. So finde ich es wichtig, richtig, zum respektvollen Umgang miteinander und zum guten Ton untereinander gehörig, meine lieben Leserinnen und meine lieben Leser anzusprechen. Trotzdem bleibe ich dabei: Gestern kamen 1.319 Leser auf meine Seite. Davon waren einige männlich und einige weiblich, einige von ihnen fühlten sich dem anderen oder gar keinem Geschlecht zugehörig, wieder andere fühlten sich auf den nicht mehr nur Männern vorbehalteten Schlips getreten und fühlen sich aktuell nicht angesprochen, obwohl sie gestern auch hierher geklickt haben.

Ich bin nach wie vor (soll heißen: Ich war es auch schon vorgestern) sehr dafür, beispielsweise in Anreden beide Geschlechter anzusprechen. Ich bin ebenfalls sehr dafür, eine Bloggerin auch als solche anzusprechen und nicht (weiblicher) Blogger zu sagen. Aber wenn es darum geht, Leute zu zählen, muss ich nicht jedes Mal betont haben, dass diese Leute verschiedene Geschlechter haben. Diese Haltung kann meinetwegen politisch unkorrekt sein, sie entspricht trotzdem meiner Überzeugung.

Für mich sind Studenten jene Menschen, die an Hochschulen studieren. Für mich sind männliche Studenten diejenigen, die nicht nur versehentlich in den Raum abbiegen, in dem die Pissoirs hängen, und Studentinnen diejenigen, die in den Raum abbiegen, in dem Hygienetüten an den Wänden hängen, minus die Spanner. Plus ein paar Rollstuhlfahrerinnen, die sich aus technischen Gründen mit den männlichen Rollstuhlfahrern eine Toilette in der Uni teilen. Rollstuhlfahrer sind übrigens in meinem Sprachgebrauch jene Menschen, die im Rollstuhl fahren.

Ich bin der Meinung, dass es richtig und wichtig ist, Frauen als Frauen anzusprechen und Männer als Männer. Ich bin aber auch der Meinung, dass es für die Gleichstellung von Frau und Mann eher hinderlich ist, ständig zu betonen, dass man sich als Frau nicht angesprochen fühlt, wenn eine männliche Form für die Bezeichnung einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe verwendet wird, und damit dazu aufzufordern, aktiv zu differenzieren, wo ich nun wirklich eine Frau oder mehrere Frauen ausschließen möchte. Sicherlich, um ein Umdenken in Gange zu setzen, mag das gut gewesen sein, aber inzwischen würde ich eher die Frage in den Raum stellen wollen, ob es nicht sinnvoller wäre, einfach eine Selbstverständlichkeit vorzuleben.

Wie gesagt, ich lese allgemeine (nicht persönliche!) Texte, in denen es um Gruppen geht (nicht bei einer einzelnen Person!) immer geschlechtsneutral, auch wenn das grammatikalische Maskulinum verwendet wurde. Der Idiot, der unter Hinweis auf eine männliche Formulierung unpersönlicher Texte ernsthaft behaupten will, Frauen seien nicht angesprochen, soll sich doch bitte selbst die Blöße geben - dabei muss ich ihm nicht helfen. Vielmehr kann ich mich als Frau doch freuen, dass ich die weibliche Form eines Substantives nicht mit Männern teilen oder durch ein hinzugefügtes Wort (männliche Studenten) betonen muss, dass wirklich nur die männlichen gemeint sind. Bei weiblichen Studentinnen ist das 'weibliche' entbehrlich.

Vielleicht setze ich mein persönliches Verständnis aber auch ungerechtfertigt als Selbstverständnis voraus. Aber wäre es dann nicht noch mehr meine Aufgabe, andere Menschen davon zu überzeugen, anstatt mit Mitteln der Sprache neue Möglichkeiten zu schaffen, mit denen man diskriminieren kann? Aus dem gleichen Grund finde ich, und das habe ich ja auch schon mehrmals betont, Bemühungen zur Inklusion behinderter Menschen fragwürdig. In dem Moment, wo jemand nachhelfen muss, schafft man einen Sonderfall. In dem Moment, wo jemand etwas tolles lebt, schafft man etwas Selbstverständliches.

Wenngleich das eigentlich ein schöner Schlusssatz wäre, bin ich noch nicht am Ende. Denn auf eine andere Frage möchte ich auch noch eingehen. Ich sehe meine ausführlich dargestellte Haltung, in unpersönlichen Texten (und ein Gesetz ist ein unpersönlicher Text) die gebräuchliche männliche Form eines Wortes zu verwenden, nicht im Widerspruch zu meiner Forderung, von "Menschen mit Behinderungen" anstatt von "Behinderten" zu sprechen. Im Fall einer Studentengruppe, deren Mitglieder sowohl männlich als auch weiblich sein können, geht es in erster Linie darum, die (berufliche) Tätigkeit darzustellen. Wie sich die Gruppe zusammensetzt, ob aus männlichen oder weiblichen Personen, ist nachrangig. (Es sei denn, es geht in einem Text tatsächlich vorrangig um das Geschlecht, aber darum ging es mir nicht.) Studenten sind Menschen, die an einer Hochschule studieren, zusammengefasst anhand ihrer Tätigkeit in einer Gruppe. Das Genus des Wortes, das die Gruppe beschreibt, gibt in meinen Augen keinerlei Auskunft über die Geschlechterverteilung unter den Gruppenmitgliedern.

Eine Behinderung hingegen ist eine Wechselwirkung zwischen persönlicher (beispielsweise körperlicher) Beeinträchtigung und Barrieren der Umwelt. Ein Behinderter wird durch diese Wechselwirkung an seiner vollen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft behindert. Ihn bei der Wahl einer alltäglichen Bezeichnung hierauf zu reduzieren, halte ich für genauso daneben, als würde man einen Mann als Penisträger bezeichnen.

Ich bin gerne bereit, meine Ansicht zu überdenken und möglicherweise habe ich in naher oder ferner Zukunft Gespräche, Gedanken und Überlegungen, die mich meine heutige Meinung revidieren lassen. Ich verschließe mich anderen Meinungen nicht. Gleichwohl haben sie mich bisher nicht überzeugt. Und um auch noch eine letzte Frage zu beantworten: Nein, ich sehe das nicht verbissen. Aber ich bilde mir gerne eine Meinung und entsprechend diskutiere ich gerne.

Samstag, 13. April 2013

Fahrende von Rollstuhl

Die deutsche Sprache ist in vielen Bereichen sehr kompliziert, in manchen aber wiederum sehr einfach gestrickt.

So kennt man beispielsweise Hans. Hans ist ein Rollstuhlfahrer.

Man kennt auch Marie. Marie ist eine Rollstuhlfahrerin.

Man kennt auch ein Haus. Ein Haus kann kein Rollstuhlfahrer sein, weil das technisch nur schwer zu realisieren ist. Lassen wir das mal aus der Betrachtung heraus.

Wenn man nun erklären möchte, dass irgendein Rollstuhlfahrer sich rollend fortbewegt, dann ist es aus meiner Sicht völlig Banane, ob dieser beispielhafte Rollstuhlfahrer männlichen oder weiblichen Geschlechts ist. Es ist keine bestimmte Person gemeint. In diesem Fall sieht die deutsche Sprache auch in 2013 eine Wortform vor, die mit der männlichen Form deckungsgleich ist.

Gleichermaßen kann ein Mensch sowohl männlich als auch weiblich sein. Die Aussoziation, "der" Mensch ist männlich (sollte man sonst etwa von einer Menschin reden?), finde ich genauso albern wie die Annahme, "die" Clique könne nur aus weiblichen Teilnehmern bestehen.

Eine Gruppe Rollstuhlfahrer ist solange keine Gruppe männlicher Rollstuhlfahrer, wie es nicht explizit heißt: Eine Gruppe männlicher Rollstuhlfahrer.

Eine Gruppe Rollstuhlfahrer ist solange nicht auf weibliche Teilnehmer begrenzt, wie es nicht explizit heißt: Eine Gruppe Rollstuhlfahrerinnen.

Daher ist es aus meiner Sicht völlig überflüssig, durch sprachliche Konstruktionen wie "RollstuhlfahrerInnen" darauf hinzuweisen, dass beide Geschlechter gemeint sind. Solange man nicht bestimmte Personen gezielt ansprechen will, sondern mehrere, x-beliebig austauschbare Elemente einer Menge bezeichnen möchte.

"An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge den Fahrenden von Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen", sagt die seit rund zwei Wochen gültige Neufassung der Straßenverkehrsordnung im Paragrafen 26. Da ist aber jemandem ein ganz großer Wurf gelungen.

Grund für diese aus meiner Sicht absolut dämliche Formulierung soll eine europäische Vorschrift zur geschlechtsneutralen Verfassung von Gesetzestexten sein. Jetzt frage ich mich: Sind viele 'Fahrende' geschlechtsneutral, wenn ein 'Fahrender' es nicht ist? Ich verstehe schon, worauf das abzielt, aber: Wenn man sich schon zu einem derartigen Manöver hinreißen lässt, sollte man dann nicht an einer anderen Stelle ansetzen und vielleicht einfach nur einmal klar stellen, dass der Gesetzgeber davon ausgeht, dass ein Rollstuhlfahrer sowohl männlich als auch weiblich sein kann?

Konsequenterweise hätte es eigentlich heißen müssen: "An Überwegen für zu Fuß Gehende haben Führende von Fahrzeugen den Fahrenden von Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen."

Was mich dann aber wundert, ist, warum man die Wortkonstruktion "Rollstuhl", die nicht etwa eine besondere Form der Darmentleerung meint, nicht konsequenterweise aufgebrochen und formuliert hat: "An Wegen für zu Fuß Gehende über das zum Fahren Gebahnte haben in Zeugen führend Fahrende den in Stühlen Rollenden, welche den Weg über das zum Fahren Gebahnte erkennbar benutzen wollen, das Queren des zum Fahren Gebahnte zu wirmöglichen." (Er-möglichen wäre möglicherweise auch nicht ganz geschlechtsneutral...)

Vielleicht hätte, bevor das verabschiedet wurde, nochmal jemand mit einem Pfahl vom Zaun des Gartens winken sollen?

Donnerstag, 11. April 2013

Nicht erkannt

Zum ersten Mal seit meinem ersten Blogbeitrag vor über vier Jahren ist mir heute etwas passiert, was mir irgendwann ja mal passieren musste. Worauf ich schon immer gewartet habe, dass es eines Tages passieren würde. Wovon ich aber immer wieder hoffe, dass es möglichst nicht passiert.

Ich rollte vom U-Bahnsteig in die U-Bahn, stellte mich rückwärts an eine Trennwand und machte die Bremsen von meinem Rollstuhl fest. Nahm mein Handy in die Hand und las einen Text für die Uni.

Plötzlich, wir waren noch nicht mal an der nächsten Station, hockte sich neben mir eine Frau hin und guckte mich mit großen Augen an. Wie ein Hund, der um ein Leckerli bettelt. Hunde würde man ja dann konsequent ignorieren, wenn es auch schwer fällt, aber diese Frau musste mir aufgefallen sein. Ich guckte sie an, dachte mir: "Kommst du klar?" und fragte: "Kann ich Ihnen helfen?"

Sie guckte mich an und wiederholte: "Kann ich Ihnen helfen?"

Ich kam mir reichlich veralbert vor und überlegte, ob ich mich nicht gleich woanders hinstellen sollte. Dann fing sie zu lachen an und sagte: "Ach, das gleiche haben Sie mich ja auch gerade gefragt. Wie lustig! Dabei ist es für sich genommen ja schon lustig, wenn eine Rollstuhlfahrerin jemandem, der nicht im Rollstuhl sitzt, Hilfe anbietet, oder? Wie nennt ihr solche Leute noch immer? 'Fußgänger'?"

"Ja, Fußgänger ist richtig. Oder manche sagen auch Läufer."

"Ich lese manchmal einen Blog im Internet, wo eine Rollstuhlfahrerin aus ihrem Leben schreibt. Sie nennt die Leute in ihrer Umwelt auch alle 'Fußgänger'."

Mein Blutdruck ging automatisch nach oben. Mir schwante etwas, obwohl es unter Garantie noch Dutzende andere Blogs gibt, in denen Rollstuhlfahrerinnen schreiben. Aber ich antwortete trotzdem möglichst lässig: "'Fußgänger' ist halt eine geläufige Bezeichnung unter Rollstuhlfahrern." Und fragte dann: "Was für ein Blog ist das denn?"

"Ich weiß nicht, ob Sie den kennen, der nennt sich 'Stinkesocke', und darin schreibt eine junge Frau, was sie so täglich erlebt. Aus Ihrer Sicht bestimmt völlig langweilig, weil Sie täglich ähnliche Sachen erleben, aber für mich als Unbeteiligte recht spannend, weil man gar nicht vermutet, was so alles dahinter steckt. Wo es überall Barrieren gibt, wieviele Leute große Berührungsängste haben und was so eine Schicksalsfügung doch alles anstellen kann. Diese Rollstuhlfahrerin in dem Blog hat erst mit ihrem Unfall überhaupt erst angefangen zu schreiben. Die ist aber noch viel jünger als sie, erst Anfang 20."

"Achso. Okay. Das war bestimmt ein gutes Instrument für sie, um den Unfall zu verarbeiten."

"Auf jeden Fall. Man kann sich da, wie gesagt, als Unbeteiligter gar nicht so reinversetzen. Hatten Sie auch einen Unfall oder sitzen Sie seit Geburt im Rollstuhl, wenn ich fragen darf?"

"Nein, ich hatte einen Verkehrsunfall." - "Mit dem Auto oder mit dem Motorrad? Man liest ja viel von jungen Menschen, die mit dem Motorrad stürzen." - "Nein, kein Motorradunfall."

"Diese Bloggerin ist auf dem Schulweg angefahren worden. Einerseits kann sie einem ja Leid tun, sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich und wird in so frühen Jahren schon so schwer geprüft."

"Und andererseits?", fragte ich nach.

"Andererseits will sie kein Mitleid. Was mir sehr schwer fällt, was ich aber auch gut verstehen kann."

"Ich glaube, sie will nur nicht 'nur Mitleid', sondern sie will, dass Sie zwar mitfühlen, aber gleichzeitig sie nicht nur als Rollstuhlfahrerin oder als behinderte junge Frau wahrnehmen. Sondern auch als Mensch."

"Damit mögen Sie richtig liegen, und ich finde den Blog auch sehr lesenswert und dahinter steckt bestimmt auch eine sehr interessante junge Frau, aber trotzdem bleibt sie ein behinderter Mensch. Sie wird ihr Leben lang gezeichnet sein, die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich ziehen, von der Hilfe anderer abhängig sein und kein angenehmes Leben führen, auch wenn sie sich das noch so schön redet. Haben Sie Kinder? Oder wenigstens einen Mann?"

"Derzeit weder noch.", antwortete ich und hatte an dieser Stelle bereits beschlossen, sie nicht aufzuklären.

"Aber Sie wollen mal Kinder haben?", fragte sie.

"Ich weiß es noch nicht."

"Wissen Sie schon, ob Ihre Kinder auch behindert sein werden?"

"Nein, das weiß ich nicht, das weiß auch niemand. Die Schäden, die ich beim Unfall davon getragen habe, werden sich jedenfalls nicht auf mein Kind vererben, falls Sie das meinten."

"Ja, das meinte ich. Das ist ja schonmal viel wert. Haben die Ärzte Ihnen das so gesagt?"

"Ja. Sie entschuldigen bitte, dass ich noch ein wenig lesen muss. Ich muss mich vorbereiten und wollte die Zeit in der Bahn dafür nutzen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

"Ja, ich muss ohnehin die nächste Station umsteigen. Es war sehr nett, sich mit Ihnen zu unterhalten."

Sollte ich diese Frau noch einmal treffen, wird das Gespräch mit Sicherheit anders verlaufen. Nicht zuletzt, weil man sich am besten reflektieren kann, wenn man von jemandem einen Spiegel vorgehalten bekommt.

Sprach Jule und ging in sich.

Montag, 8. April 2013

Bei Geld hört die Freundschaft auf

Sollte ich die Büchse mit der Moral öffnen? Oder lieber nicht? Ich rede von der Zahlungsmoral. Ich bin gerade ein bißchen traurig.

"Bei Geld hört die Freundschaft auf", heißt ein bekannter Spruch. Ich frage mich erneut: Wie ist der Spruch zu verstehen?

Bedeutet er, dass man mit Freunden alles teilt, nur nicht sein Geld?

Oder dass das Verleihen von Geld Freundschaften gefährdet oder gar beendet?

Oder dass man, wenn man Geld verleiht, lieber auf Nummer Sicher geht und das Vertrauen, dass man in anderen Bereichen der Freundschaft hat, hier besser nicht bemüht? Also sich eine Unterschrift geben lässt?

Oder dass man in einer Freundschaft kein Geld verleiht, weil man den Nachdruck, den einige Leute brauchen, um Geld zurück zu zahlen, in einer Freundschaft nur schwer aufbauen kann?

Oder noch was anderes?

Wenn ein Freund (oder auch eine Freundin) in einer Notlage ist, darf er mich anpumpen. Es ist mir egal, ob er nur heute sein Geld vergessen hat oder ob er blank ist. Wenn wir vor der Kinokasse stehen, zahle ich für ihn mit, ohne dass wir darüber erstmal diskutieren müssen.

Wenn ich für jemanden zum Beispiel ein Geburtstagsgeschenk besorge, was wir aber mit mehreren Leuten bezahlen, lege ich das Geld erstmal aus. Oder wenn ich für eine Bahnfahrt Tickets besorge, besorge ich sie auch gleich für meine Freunde mit.

Es gibt Menschen in meinem Freundeskreis, die kaum Geld haben. Die von Grundsicherung oder noch weniger (Heimtaschengeld) leben müssen. Ich glaube, wenn man jemanden fragt, ob ich geizig bin, werden sich alle an die Stirn tippen. Mir geht es finanziell besser als einigen anderen Menschen, und es ist mir eine Freude, wenn ich die Menschen, die ich gerne mag, daran teilhaben lasse. Ich lade meine Freunde gerne ein, mal zum Kaffee, zum Eis oder auch mal ins Kino. Nicht immer, nicht ständig, aber immer mal wieder.

Was macht mich jetzt traurig? Dass der Spruch "Bei Geld hört die Freundschaft auf" irgendwie eine Wahrheit haben muss. Nein, ich meine nicht meine engsten Freunde. Wenn ich Marie Geld leihe oder für sie etwas auslege, habe ich die Kohle zurück, sobald wir uns wiedersehen. Bei Cathleen ist das nicht anders.

Ich habe heute mal eine Liste gemacht, von wem ich noch Geld bekomme. Es sind über zehn Leute und die Ausstände belaufen sich auf insgesamt 388 €. Eine Trainingspartnerin schuldet mir seit nunmehr sechs Wochen 140 € für neue Hochdruckbereifung, die ich für sie mitbestellt habe. Inzwischen habe ich nun schon drei Mal immer direkt vor dem Training eine SMS geschrieben, dass sie an das Geld denken soll. Heute gibt sie mir 50 € in die Hand und sagt: "Anzahlung, der Automat war leer."

Und als wäre diese Unverfrorenheit kaum noch zu überbieten, wollten wir nach dem Training noch einen Kakao trinken. Da sagt Nadine: "Kann mir jemand fünf Euro leihen?" - Und die besagte Trainingspartnerin antwortet: "Lass dich von Jule einladen, die hat von mir gerade 50 Euro bekommen."

Sehr nett.

Samstag, 6. April 2013

Mal wieder ein Trainingslager

Das war mal wieder eine Woche...

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: "Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen..."

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. "Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof 'Kassel-Wilhelmshöhe' mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen." - Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: "Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren." - Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. "Wollen Sie mit?" - "Gerne." - "Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?" - "Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda." - "Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?"

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. "Und was schlagen Sie jetzt vor?", fragte ich die Dame an der Rezeption.

"Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen."

Ich antwortete: "Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter." - "Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich."

Marie sagte: "Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?" - "Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und ..." - "Vergessen Sie es." - "Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen." - "Vergessen Sie es!" - "Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten." - "Wir hätten dann gerne unser Geld wieder." - "Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen." - "Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an." - "Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen..."

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: "Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen." - Womit sie recht haben dürfte.