Montag, 25. März 2013

Detlef im Schlaf zerrissen

Ich liege schlafend in meinem Bett und rede mit einem Zettel. Genauer genommen sogar mit einer ganzen Zettelwirtschaft, die von einer Heftklammer zusammengehalten wird. Die Zettel sind aus Papier und Papier ist geduldig. Geduldig genug, um nicht nur meinen Dialog, sondern auch seine Funktion als Informationsträger fromm zu ertragen. Ich taufe den Zettelkram "Detlef", weil der Name das Elend für mich einen Moment lang erträglicher macht.

Und ich? Ich bin eine PRM. Nicht zu verwechseln mit RPM, was so viel wie "revolutions per minute", also Umdrehungen pro Minute, bedeutet. In einem drehfreudigen Tennis- oder Basketballrollstuhl würde ich davon zwangsläufig mehr schaffen, ich schätze mal 50 pro Minute, als in meinem möglichst geradeaus rollenden Alltagsstuhl. Aber das ist ja gar nicht das Thema. Es geht nicht um RPM, sondern um PRM. Spucken muss ich trotzdem irgendwie bei beidem.

PRM hat auch mit Rollstühlen zu tun, oft zumindest. PRM sind "people with reduced mobility", also mobilitätseingeschränkte Menschen. Und in ihrer Mobilität eingeschränkt sind in erster Linie Menschen mit Behinderungen. Wir erinnern uns: Die UN spricht von einer Behinderung, wenn Menschen beispielsweise körperliche Beeinträchtigungen haben, die in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren die volle und wirksame Teilhabe dieser Menschen, gleichberechtigt mit anderen an der Gesellschaft, behindern können.

Das heißt: Es braucht eine körperliche Beeinträchtigung und Barrieren, die sich miteinander so beknackt verzahnen, dass der behinderte Mensch nicht mehr (voll, wirksam oder gleichberechtigt) teilhaben kann. Teilhaben am gesellschaftlichen Leben.

Detlef steht für ein Unternehmen, das Mobilität verkauft. Detlefs Anspruch, Marktführer für die Mobilität von Menschen sein zu wollen, müsste sein Antrieb sein, alle Barrieren bestmöglich aus dem Weg zu räumen, zu kompensieren und künftig zu vermeiden. Damit nicht Detlef derjenige ist, der etwas in die Welt stellt, das mit beispielsweise körperlichen Beeinträchtigungen eines Kunden in Wechselwirkung treten könnte. Was ja peinlich wäre, denn dann könnte dieser Mensch an der von Detlef verkauften Ware, nämlich der Mobilität, nicht voll, wirksam oder gleichberechtigt teilhaben.

Die Mobilität seiner Kunden einzuschränken, wäre mit Sicherheit ein kontraproduktiver Ansatz. Noch kontraproduktiver wäre es aus meiner Sicht, sich mobilitätseingeschränkte Menschen als Zielgruppe zu setzen, damit spezifische Bedürfnisse zu generieren und die strategische Ausrichtung des Unternehmens daran zu orientieren.

Umso erstaunlicher klingt dieser Satz: "Mobilitätseingeschränkte Menschen stellen für unser Unternehmen eine bedeutende Zielgruppe dar. Ihre spezifischen Bedürfnisse werden bei der strategischen Ausrichtung, der Produktentwicklung und der Implementierung von Service jetzt und in Zukunft grundsätzlich berücksichtigt."

Okay. Nicht jeder PR-Berater ist sein Geld wert und mitunter kann nicht jeder so gut schreiben wie er redet. Oder nicht so gut reden wie er denkt. Manchmal kann aber auch ein PR-Berater nichts mehr ausrichten.

Dann nämlich, wenn Detlefs Fundament schief ist. Und sein Fundament ist in meinen Augen schief, wenn er über die technische Spezifikation für die Interoperabilität bezüglich eingeschränkt mobiler Personen öffentlich referiert und mir im Traum dieses fiktive Interview gibt:

Socke: "Hallo Detlef. Du verkaufst im großen Stil Mobilität. Und du hast erklärt, eine deiner Zielgruppen seien Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?"

Detlef: "Hallo Socke. Ich befördere mobilitätseingeschränkte Menschen gemäß meiner Bedingungen für besondere Personengruppen und habe einen Leitfaden entwickelt, in dem definiert ist, welche Hilfsmittel erlaubt und wie diese zu erkennen sind. In letzter Zeit häufen sich die Anfragen von Mitarbeitern und behinderten Kunden. Es herrscht Unklarheit darüber."

Socke: "Habe ich das gerade richtig verstanden? Du hast eigene Bedingungen für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt werden, geschaffen? Und du kategorisierst die Hilfsmittel, die sie benutzen, um Barrieren zu überwinden? Und du entscheidest anhand der Hilfsmittel, ob sie deine Dienstleistung in Anspruch nehmen dürfen?"

Detlef: "Bei der Betrachtung einzelner Hilfsmittel hinsichtlich ihrer Beförderungsfähigkeit müssen die genannten Kriterien immer erfüllt sein um eine Beförderung zu gewährleisten. Die Gestaltung meiner Verkehrsmittel erfordert eine restriktive Auslegung."

Socke: "In meinen Augen ist ein Hilfsmittel dafür da, um Barrieren zu überwinden. Oder?"

Detlef: "Hilfsmittel werden nach dem Sozialgesetzbuch (§§ 33, 34 SGB V) als Geräte definiert, die korrigierend, stützend, ausgleichend oder stützend auf die Haltungs- und Bewegungsorgane wirken oder deren einzelne Funktionen ersetzen. Alle folgenden Angaben beruhen auf einer stichprobenartigen Untersuchung des Angebots an Hilfsmitteln."

Socke: "Das stimmt doch gar nicht. In den genannten Paragrafen des Sozialgesetzbuchs wird das Wort 'Geräte' nicht einmal erwähnt. Im Gegenteil, dort steht, dass Hilfsmittel eine Behinderung ausgleichen sollen. Und wir erinnern uns nochmal: Zu einer Behinderung gehört auch immer eine Barriere. Muss ich davon ausgehen, dass ich als behinderter Mensch zwar bei dir als Kunde herzlich willkommen bin, mein Rollstuhl, mit dem ich mich fortbewege, aber nicht automatisch dabei sein darf?"

Detlef: "Der Rollstuhl ist ein weit verbreitetes orthopädisches Hilfsmittel, das schwerbehinderten Menschen ein mobiles Leben ermöglicht. Hinsichtlich der Beförderung stellen die muskelkraftgetriebenen Rollstühle die geringsten Probleme dar."

Socke: "Probleme? Ist das nicht ein sehr hartes Wort? Ein Problem wäre für mich eine Aufgabe, deren Lösung mit Schwierigkeiten verbunden ist, ein Hindernis, das überwunden oder umgangen werden muss, um von einer unbefriedigenden Ausgangssituation in eine befriedigende Zielsituation zu gelangen. Gibt es für dich unlösbare Aufgaben in Bezug auf Hilfsmittel?"

Detlef: "Die Mitnahme eines übergroßen, nicht zusammenklappbaren Rollators muss im Einzelfall, unter Umständen auch erst vor Ort, untersagt werden."

Socke: "Untersagt?! Da kann derjenige sich dann aber freuen, wenn er auch ein kurzes Stück mit Stöcken laufen kann!"

Detlef: "Die Mitnahme von Gehstöcken und Gehstützen durch ältere, kranke oder behinderte Menschen bereitet im Grundsatz keine Probleme. Sie sind platzsparend und leicht verstaubar. Besondere Vorsicht in Bezug auf sichere Verstauung ist bei Gehstöcken mit drei oder mehr Stützbeinen geboten."

Socke: "Dann sollte also jeder Kunde, der Hilfsmittel mitnehmen will, vorher explizit um Erlaubnis fragen? Das ist ja ... Wie gehst du denn damit um, wenn jetzt eine Rollstuhlfahrerin beispielsweise ganz spontan bei dir vorbei kommt?"

Detlef: "Nicht angemeldete Kunden teilen den Mitarbeitern das Gesamtgewicht von Rollstuhl und zu befördernder Person sowie die Länge und Breite des Rollstuhls mit."

Socke: "Achso. Die weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich bin verwirrt. Neue Idee: Wie denkst du darüber, dass jemand mit einem Hilfsmittel ankommt, das nicht offiziell von den Krankenkassen bezahlt wird, ihm selbst aber hilft? Also ich denke beispielsweise an denjenigen, der nur wenig laufen kann und schnell ermüdet und sich beispielsweise auf eigene Rechnung einen Segway besorgt. Gehört das aus deiner Sicht auch zu den Hilfsmitteln?"

Detlef: "Zu den Hilfsmitteln gehören unter anderem Segways."

Socke: "Da bist du ja sehr modern, wenn du da über den Tellerrand schaust und Segways als Hilfsmittel anerkennst! Das finde ich nun wiederum klasse!"

Detlef: "Segways sind nicht als Hilfsmittel anerkannt."

Socke: "Äh, wie jetzt? Sie gehören zu den Hilfsmitteln und sind gleichzeitig nicht als solche anerkannt? Wie passt denn das jetzt zusammen? Das ist ja ungefähr so, als wenn deine 'Bedingungen', wie du sie nennst, regeln, dass Rollstühle und andere Hilfsmittel, die unentgeltlich befördert werden, kostenlos befördert werden. Oder?"

Detlef: "Meine Bedingungen regeln, dass Rollstühle und andere Hilfsmittel, die unentgeltlich befördert werden, kostenlos befördert werden, wenn der schwerbehinderte Kunde einen Ausweis vorweisen kann."

Socke: "Achso. Dann danke ich dir für das Gespräch. Obwohl: Eine letzte Frage hätte ich noch. Wann denkst du darüber nach, das alles mal zu reformieren?"

Detlef: "Mein Programm liegt als überarbeitete Fassung vom März 2012 vor und beinhaltet alle Maßnahmenplanungen bis zum 31.12.2015."

Oh nein. Jetzt habe ich Detlef im Schlaf zerrissen. Und bin aufgewacht. So ein komischer Traum. So ein rein fiktives Interview, das niemals stattgefunden hat. So viele Sätze, die niemand gesagt hat. Wenngleich ich schon mehrmals gehört habe, dass man im Traum oft Erlebtes irgendwie verarbeitet. Was habe ich denn in den letzten Tagen erlebt?

Ich denke, ich müsste nochmal nachschauen, ob ich im Internet nicht die kursiv gedruckten Passagen irgendwo wiederfinde und dann auch weiß, wohin ich den Detlef stecken muss. Irgendwas mit Mobilität. Da fällt mir ein: Ich wollte meine Bahntickets für das Oster-Trainingslager noch ausdrucken!

Freitag, 22. März 2013

Zwieback an Butterkeks

Was für eine Woche! Aber sie liegt hinter mir. Zum Glück. Meine Unterarme sehen aus wie die einer Drogenabhängigen, mein Bauch ist komplett lila-blau-braun gestreift, die Zellstoff-Industrie ist kurz davor, mir die goldene Kundenkarte auszustellen und ich habe endlich mal wieder gebadet und mehr als nur Zwieback an Butterkeks, Tee und püriertes Gemüse gefuttert. Mehr müsste ich eigentlich nicht schreiben, denn eigentlich ist alles bereits erklärt. Eigentlich.

Uneigentlich habe ich noch ein paar unappetitliche Details auf Lager, die ich nicht für mich behalten möchte. Teilhabe wird bei mir bekanntlich groß geschrieben.

So kann ich nicht verschweigen, dass das ganze Drama mit einem so lauten Knall begann, dass Marie, die neben mir saß, um mit mir gemeinsam am PC etwas für die Uni vorzubereiten, erschrocken zusammenzuckte und mich fragend anguckte. Anschließend musste ich mich komplett ausziehen, duschen, meine Klamotten waschen und kam auch erstmal fast zwei Stunden nicht mehr vom Klo runter. Allerdings lerne ich ja dazu und habe dieses Mal gleich Maries Mutter gefragt, ob sie vorbei kommen und mich vorsorglich an eine Infusion hängen kann, damit das nicht wieder so dramatisch wird wie beim letzten Mal.

Auf diese Art war das Chaos dieses Mal wesentlich besser beherrschbar. Ich habe insgesamt fünf Tage an der Nadel gehangen, sollte am Anfang gar nicht aus dem Bett aufstehen, musste natürlich Thrombosespritzen kriegen und habe, nachdem man den Darm zunächst 48 Stunden ohne Nahrung völlig in Ruhe gelassen hatte, dann die klassischen Mittel gegen Durchfall (Loperamid) und für heftigere Versionen (Codein) bekommen. Und da das nun mal wieder überhaupt nichts brachte, gab es am Tag fünf mal wieder Opiumtinktur. So widerlich das Zeug auch schmeckte, so schön habe ich danach geschlafen. Und siehe da: Es dauerte 10 Minuten, da hörte der Lärm in meinem Bauch auf, weitere 10, dann bin ich eingeschlafen - und rund fünf Stunden, bis sich mein Darm das nächste Mal zu Wort meldete. Nach zwei weiteren Boli hat er sich wieder berappelt und benimmt sich seitdem ohne jedes Medikament als wäre nie irgendwas gewesen. Schon paradox.

Natürlich ist diese Therapie nicht zu empfehlen, wenn man nicht so massive Probleme hat. Es gibt auch genügend Querschnitte, die nicht so umgehauen werden, wenn sie sich einen Virus einfangen oder was falsches essen. Entsprechend in Aufregung war auch die Apothekerin, die für dieses kleine Fläschchen extra ein besonderes (Betäubungsmittel-) Rezept brauchte, dann das einzeln beim Großhandel bestellen musste, dann das nicht über den Boten liefern lassen wollte, sondern es persönlich bis an mein Bett brachte und dann noch fast in Ohnmacht fiel, als sie merkte, dass in dem orangenen Umkarton ein Prüfzertifikat beilag, das sie abheften musste und beinahe übersehen hatte.

Nun hoffe ich, dass das tatsächlich überstanden ist. Am meisten freue ich mich, dass ich (oder meinetwegen auch Maries Mutter) das dieses Mal auch ohne Krankenhaus in den Griff bekommen habe (oder hat). Und Cathleen? Kauft für mich ein und bringt mir die Sachen mit einer unheimlich liebevollen Begrüßung in mein Zimmer: "Na du alte Kackbratze?"

Donnerstag, 14. März 2013

Geputzt und geblasen


Hab mein Objektiv geputzt. Und den Staub von meinem Sensor geblasen. Und schon zeigt sich der Himmel wieder von seiner schönsten Seite.

(Und bevor jemand was zum Rauschen sagt: Ich habe ganz bewusst Extremeinstellungen ausprobiert, um zu sehen, wann das los geht. Leider habe ich bei der ganzen Ausprobiererei vergessen, den schönen Himmel auch mit normaler Lichtempfindlichkeit zu fotografieren, so dass ich leider nur auf das Bild zurückgreifen kann.)

Mittwoch, 13. März 2013

Ente und Smash Prank

Es gibt Tage, an denen schäme ich mich für meine Behinderung. Genauer gesagt für die damit verbundene Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu der sich Mitglieder zählen, die mich immer wieder verstehen lassen, warum es eine weit verbreitete Meinung gibt, alle behinderten Menschen seien mies drauf, undankbar und verbittert. Was ich heute im Supermarkt erlebt habe, hat selbst mir die Sprache verschlagen.

Ich parkte in einem Parkhaus, ergatterte dort sogar noch einen freien Behindertenparkplatz, und rollte zu den Aufzügen. Neun an der Zahl. Vor mir wartete ein Mann um die 50, Rollstuhlfahrer, wurde von seiner Frau begleitet. Er saß in einem ziemlich monströsen Elektrorollstuhl. Ein Aufzug hielt, allerdings war der rappelvoll, da wir im 2. OG standen und die Kabine vorher schon im 4. und 3. OG gehalten hatte. Bei neun Kabinen lässt man den also schnellstmöglich weiterfahren und wartet auf den nächsten. Denke ich.

So denkt nicht jeder. Der Rollstuhlfahrer fängt an rumzupöbeln. Er sagt wörtlich: "Ey, ihr faulen Säcke, müsst ihr Fahrstuhl fahren oder könnt ihr auch zu Fuß laufen? Ich kann es mir nicht aussuchen und ihr blockiert meinen Weg." - Mit der Wirkung, dass etliche Leute fast panisch die Flucht ergriffen. Teilweise nur bis in den Vorraum, um auf einen anderen Aufzug zu warten. Mir fiel vor Fassungslosigkeit alles aus dem Gesicht.

Es waren jedenfalls genügend Leute ausgestiegen, dass er in die Kabine hinein fahren und wenden konnte. Nun sah er mich und brüllte: "Hey, hier ist noch Platz für dich, komm her!" - Ohne nachzudenken rief ich zurück: "Ich kenne dich nicht und ich will dich auch nicht kennen." - Er hielt den Aufzug mit der Tür-Öffnen-Taste fest und wiederholte seine Aufforderung. Ich sagte: "Vielen Dank! Ich möchte nicht."

Als er weg war, guckten mich etliche der umstehenden Leute an. Man, war mir das peinlich. Aber es soll noch besser kommen. Im Laden, der eigentlich groß genug ist, um sich nicht über den Weg zu rollen, traf ich den Typen wieder. Und zwar in einer Ecke, in der diese Plastik-Frischhaltedosen und Töpfe und ähnliches in den Regalen stehen. Seine Frau schirmte ihn auffällig ab und während ich mich zügig bewegte, um nicht noch einmal irgendein Wort mit ihm wechseln zu müssen, stöhnte er demonstrativ rum, als wenn er gerade Gewichte stemmt.

Er stemmte allerdings etwas anderes, denn als ich um die Ecke bog, konnte ich im Augenwinkel sehen, dass er auf die vordere Kante seines Stuhls vorgerutscht war und eine Ente zwischen den Beinen klemmen hatte.


Genau. Später hatte ich den Typen dann neben mir an der Kasse, zum Glück in einer anderen Warteschlange. Hinten am Rollstuhl war seine Ente befestigt, halbvoll, Gefäß beschlagen ... also mal ganz ehrlich: Kann ich von einem behinderten Menschen nicht ein Mindestmaß an Anstand erwarten? Dazu gehört auch, dass man seinen Dödel nicht im Supermarkt in die Hand nimmt und in mitgebrachte Gefäße harnt. Und diese anschließend noch für alle sichtbar mit sich herumträgt. Und nein, so dringend muss keiner und sonst gibt es andere Hilfsmittel.

Apropos Supermarkt: Wozu ich sehr große Lust hätte, wäre zusammen mit einer weiteren Rollifahrerin oder einem weiteren Rollifahrer einen Smash Prank zu machen. Keine Idee? Ich bis gestern auch noch nicht. Aber es gibt Leute, die haben zwei Kanister Getränke bei sich, meistens einmal Saft und einmal Milch, und rutschen aus. Tun zumindest so. Schlagen also lang hin und die beiden Kanister werden so in die Luft geworfen, dass sie dabei auf jeden Fall mitten in der Szene kaputt gehen und ihren Inhalt freisetzen. Und dann versuchen die Akteure wieder aufzustehen, rutschen dabei aber theatralisch auf dem nassen schmierigen Untergrund aus.

Ich hätte größte Lust, einmal so derbe rumzuferkeln. Mich in einem Moment, in dem keiner guckt, aus dem Stuhl fallen zu lassen und in meiner unmittelbaren Nähe platzen zwei Kanister und die Sauerei ist perfekt. Ich wäre auf die Blicke derer gespannt, die ihren Augen nicht trauen und auf die Blicke derer, die im falschen Moment hinsehen und daher merken, dass das alles gestellt ist.

Aber vor allem die ausgelaufene Milch wieder wegmachen zu müssen, darauf hätte ich keine Lust. Ich spiele weder mit Lebensmitteln noch mit der Gesundheit anderer, denn da kann sich ja auch mal jemand so erschrecken oder vielleicht selbst in der Nässe ausrutschen, dass das ernsthafte Konsequenzen hat. Und so bleibt es wohl dabei, dass wir im nächsten Sommer uns am Strand mit Kleckermatsch bewerfen. Während andere etwas getan haben, was lange schon kein Streich mehr ist:

Dienstag, 12. März 2013

So wie du bist

Habe ich zu viel Traffic oder was? Ich muss tagelang offline schreiben, weil immer, wenn ich einen neuen Beitrag einstellen will, ich eine Meldung über einen Internal Server Error bekomme. Aber inzwischen scheint es ja wieder zu funktionieren. Oder etwa nicht!? *fauch*

Ja. Wir waren endlich im Kino. Und haben den Gold-Film geschaut. Maria, Marie, Cathleen, Sofie, Frank, Jana und ich sowie ein Freund von Cathleen, eine Freundin von Sofie, eine Assistenin von Maria und die Eltern von Marie. An der Kasse gab es einen kurzen Stau, aber die sieben Rollis waren am Ende nicht das Problem. Allerdings stand eine ältere Frau draußen im Schneegestöber und keifte von hinten: "Können die Behinderten da vorne vielleicht mal ein kleines Stück weiter gehen? Ich kriege einen kalten Hintern!"

Eine Frau, die nicht zu uns gehörte, drehte sich empört um. "Nicht aufregen! Wo haben Sie denn Ihre Tabletten?" - "Was für Tabletten?" - "Nicht dass Sie mir hier vor lauter Aufregung noch aus dem Anzug springen!" - Maries Mutter musterte die beiden Streithähne unauffällig von der Seite und murmelte sich ein "Was geht denn hier ab?" in ihren nicht vorhandenen Bart.

In einem Programmkino kommt man zum Glück um die sonst üblichen 37 Trailer und 84 überwiegend saudummen Werbeclips einschließlich der 11, mit denen für noch freie Werbeplätze geworben wird, herum. Auch geht nicht noch drei Mal das große Licht wieder an, weil der Eismann, drei alberne Kartoffelchips-Bunnys mit Hasenohren auf dem Kopf oder die Trink-doch-noch-ne-Cola-bei-drei-Grad-Gang in ihren einteiligen Bodysuits und umgeschnallten Bauchladen lautstark nervend in den Saal einfällt, ihren Spruch aufsagt und erst wieder abzittert, wenn sie dem ohnehin schon geschröpften Zuschauer noch durchschnittlich fünf Euro fünfzig aus dem Kreuz geleiert hat.

Nein, zack, plötzlich waren wir mittendrin im Geschehen. Ich will den Inhalt des Films nicht vorweg nehmen, aber wenn ich nach meiner Meinung gefragt werden würde, sage ich: Es ist nicht mein Geschmack. Ich weiß, erst meckert Jule darüber, dass sie den Film nirgendwo sehen kann, nun kommt sie endlich rein, ist es wieder nicht richtig. Aber ich möchte ehrlich sein: Das einzige, was ich interessant fand, waren die Lebensumstände des blinden Läufers aus Afrika und ein paar Szenen vom Einzug der Mannschaften in das Olympiastadion. Und ein paar bekannte Bilder aus meinem Krankenhaus, in dem einige Innenaufnahmen gemacht wurden.

Aber insbesondere die deutsche Athletin, die Schwimmerin Kirsten Bruhn aus Neumünster, wirkte auf mich im Film derbe unsympathisch. Sie war über den gesamten Film so extrem emotional, dass es mich nach fünf Minuten nervte. Ich finde, sie macht einen extrem schlechten Eindruck auf Menschen mit einer frischen Behinderung, die zu der Annahme kommen müssen, nach 20 Jahren bist du -überspitzt gesagt- immernoch ständig am Flennen, wenn dich einer fragt, warum du im Rollstuhl sitzt. Gleiches gilt für den Vater des dritten Athleten, der auf mich den Eindruck vermittelte, er hat noch immer nicht verkraftet, dass sein Sohn eine angeborene Behinderung hat. In der Beziehung war mir die Mutter des akfrikanischen Läufers irgendwie noch am liebsten, die betonte, dass ihr Sohn trotz seiner Behinderung von ihr genauso geohrfeigt wird wie ihre anderen nicht behinderten Kinder. Uff.

Die für mich schönste Szene des Abends spielte sich nach dem Abspann ab. Nach der Vorstellung fragte Marie ihren Papa, ob er ihren Rolli wieder zu ihrem Sitz in Reichweite schieben könnte. Stattdessen schnappte er sich blitzartig Marie mit einem Arm um ihren Rücken, mit dem anderen unter ihren Kniekehlen, warf sie hoch, gab ihr einen Kuss und meinte: "Mir ist es sehr recht, dass du deine Möglichkeiten von vornherein meistens richtig einschätzt." - Marie runzelte die Stirn und er fügte hinzu: "Naja, du musst nicht mehr können als du denkst. Ich liebe dich so wie du bist."

Freitag, 8. März 2013

Ich werde gesucht

Es ist schon etwas Zeit vergangen, seit ich mir das letzte Mal meine Suchstatistik angesehen habe. Und noch mehr, seit ich mich mit den gelösten und ungelösten Fragen, mit denen die Suchmaschinen Leserinnen und Leser auf oder über meinen Blog spülen, eingehender beschäftigt habe. Das will ich heute mal wieder nachholen und greife aus den einhundert häufigsten Suchanfragen diejenigen raus, die vielleicht noch eine Antwort brauchen. Vielleicht.

Jule: Ganze 12.202 Leute haben eine Jule gesucht und mich so gefunden!

Feste Zahnspange: Brauche ich zum Glück nicht.

Stinkesocke Blog Jule Steuern: Hast du gefunden, was du gesucht hast? Da fällt mir ein, was ich demnächst noch machen muss. Ich hasse diese Bürokratie. Oder meintest du etwa "fernsteuern"?!?

Beide Beine amputiert: Soll vorkommen. Was dann immer etwas schräg aussieht, finde ich, wenn diejenige oder derjenige in einem Rolli sitzt, dessen Hersteller darauf keine Antwort weiß und auf jeden Fall einen Fußbügel braucht. Gut, es gibt einige Leute, die sich mit Prothesen in den Stuhl setzen, um zwischendurch aufstehen zu können, und die sich dann selbst dann nicht ohne Prothesen in den Stuhl setzen, wenn sie an dem Tag nicht zwischendrin aufstehen werden, rein wegen des Gewichts und des damit verlagerten Schwerpunkts. Für diejenigen macht der Fußbügel zwischen den Vorderrädern des Stuhls ja Sinn. Aber es gibt eben auch Leute, die ständig ohne Prothesen Rolli fahren und wo es den Rolli dann eben modellabhängig nicht ohne Fußbügel oder Fußplatte gibt, weil der Stuhl sonst zu instabil wird. Sieht dann immer etwas lustig aus, und ich kenne ein junges Mädel, das sich ein paar Turnschuhe in Größe 30 auf der Fußplatte befestigt hat. Leer natürlich. Sie meint, dass seitdem die Leute auf der Straße nicht mehr sie, sondern nur noch ihre Schuhe anstarren...

Blogger aus Schwerin: Kenn ich keine.

Hintergrundbilder Hamburger Hafen: Guckst du hier, klaust du aber nicht!

Jule Blog Hamburg: Richtig!

Jule Blog Köln: Falsch!

Jule stinkt: Auch falsch!

Jule Stinkesocke Bekloppte: Nein. Ich bin ganz lieb und die meisten Leute um mich herum auch.

Leggings Regen nass Freundin: Leggings werden im Regen nass, auch die von meiner Freundin. So etwa?

Oberschenkel amputierte Frau vom Mann: Wie war das Leben noch eindeutig, als man nicht alles getrennt schrieb, was zusammen gehörte? Diese Schlagzeile auf der Titelseite eines großen Boulevardblattes würde mich über die Frage nachdenken lassen, ob der Arzt, der siamesische Zwillinge unterschiedlichen Geschlechts erfolgreich trennte, bei der anstehenden Heirat nicht den Namen seiner Frau annehmen sollte. Oder ist dieser Ober Schenkel vielleicht gar kein Doktor, sondern Gastwirt?

Sklaven beim Urologen gequält: Nee. Aber kennst du den? Vor einem Pissoir steht ein Mann und pinkelt vierstrahlig...

Hintergrundbilder Männerkörper: Das wäre vielleicht eine Idee für einen Relaunch, nur würde dann vermutlich diskutiert werden, warum ich ausgerechnet Menschen mit Behinderung oder ausgerechnet keine Menschen mit Behinderung dort eingeklebt habe. Da ich mich nicht entscheiden kann, bleibe ich lieber erstmal bei einer schönen Landschaft und wundere mich derweil, warum mit diesen Suchworten immerhin über 300 Leute auf meiner Seite gelandet sind.

Brauche Glück fürs Abi: Viel Glück!

Analtampon rausballern: Nimm einfach den Rückholfaden.

Arschi: Selber Arschi!

Barfuß Schnee laufen Rollstuhlfahrer: Ja. Äh. Nein.

Dauerkatheter legen: So etwas verwende ich nicht, daher mach dir nicht die Mühe und suche in meinem Blog nach einer Anleitung. Du wirst nämlich keine finden.

DDR Schilder: Hab ich nicht, aber die Ampelmännchen finde ich lustig.

Eingekackt: Duschen?

Frau schiebt sich Dildo: Du musst nur einmal das Wort "Dildo" erwähnen, schon landen die ganzen Ferkel hier. Ich wäre für eine Variable in den Kopfdaten jeder Webseite, die einer Suchmaschine sagt, ob man mit diesen Wörten gelistet sein möchte oder nicht. Genauso wie man mit "noindex" oder "nofollow" oder "noimage" darum bitten kann, dass die Seite gar nicht aufgenommen, deren Links nicht verfolgt oder deren Bilder nicht archiviert werden, müsste man mit adult="nosmut" erreichen können, dass Leute, die gezielt nach Inhalten für Erwachsene suchen, meine Seite nicht unter ihren Treffern haben...

geile Muschis lecken: adult = "nosmut"

Gipsbein: Nee. Rollstuhl.

Hautverletzung: Im gelähmten Bereich wegen der meistens schlechten Heilung nicht gut.

Ich liebe dich: Oh wie schön! Wie heißt du und wie ist deine Mailadresse?

Ich bin so traurig: Och, wieso das denn? Was ist passiert?

Ich knall mir ein rein für den Ballspielverein: Nimm noch mal eine von den bunten Pillen.

Ja ich bin süß aber voll psycho: Meinst du, die zweite Feststellung verhilft der ersten zu besonderer Glaubwürdigkeit?

Juckreiz Oberschenkel Innenseite nach Pinkeln: Waschen?

Lass den Kopf nicht hängen: Nee nee, mach ich nicht.

Lustige WC-Schilder: Ich finde, das Schild "Bitte im Sitzen pinkeln" hat auf dem Behinderten-WC einen besonderen Charme.

Mädchen turnen Spagat Pups: Soll vorkommen.

Onanieren im Rollstuhl: Kleiner Tipp: Leg dich aufs Bett. Geht einfacher.

Papphefter: sind umweltschonender als Plastikhefter.

Rasierter Scham: Inzwischen ja.

Saliromanie: Laut Wikipedia das Verspüren sexueller Erregung beim Beschmutzen und Besudeln anderer Personen und Objekte, im weiteren Sinne auch die Lust, in voller Kleidung baden zu gehen. Ah ja. Also wenn das so ist, bekenne ich mich mal als praktizierende Saliromanin (Terminus korrekt?), denn auch wenn ich gerne völlig nackt bade, finde ich, dass schwimmen mit Alltags- oder Sportbekleidung auch einen gewissen Reiz haben kann. Ich kenne auch genügend Jungs, die das absolut toll finden, wenn ein paar Mädels nach dem Training bekleidet in den See springen statt zu duschen. Für einen meiner bisher wenigen Partner hatte das auch eine sexuelle Komponente. Allerdings wäre das für mich etwas ausgefallenes oder ausgeflipptes, nichts, was ich regelmäßig tun müsste. Und was das Beschmutzen angeht: In gewisser Weise fände ich das schon reizvoll, sich dreckig zu machen. Jetzt nicht gleich Schlammcatchen, aber sich am Strand gegenseitig mit Kleckermatsch zu bewerfen, finde ich schon ganz lustig. Aber sexuelle Erregung? Nee ... sagen wir mal: Es hat seinen Reiz. Finde ich.

Schlafparty: Mit oder ohne Musik?

Windelparty: Bei so einer Veranstaltung war ich wirklich mal. Gehörte zu einer Jugendfreizeit und war sehr lustig.

Ich bin ich selbst: Ich auch!

Stinkesocke Zeichen: Du meinst, ich sollte mir mal ein Logo zulegen?

Mausi unerwiderte Gefühle was tun: Oh Mausi, da musst du durch. Am Anfang ist es schwer, aber mit der Zeit lässt der Schmerz nach und früher oder später wird es einen anderen Menschen geben, der deine Gefühle erwidern wird.

Rollstuhl vollpissen schlimm: Schlimm nicht, aber ich würde ihn danach gründlich sauber machen, damit dir demnächst nicht alle Hunde hinterherlaufen.

Voyeurismus: Ich behaupte mal ins Blaue hinein, das ist eher was für Männer, oder? Also ich muss das nicht unbedingt sehen.

WC sauber halten: Bietet sich an.

Hier spielt die Musik: Richtig!

Dank Jule: You are welcome!

Mittwoch, 6. März 2013

Es frühlingt!

Was für ein vielversprechender Himmel morgens um 9 Uhr über Hamburg!


Es gab gestern bereits das erste Freilufttraining dieser Saison. Eine mehr oder weniger ausgedehnte Runde auf unserer Sommer-Trainingsstrecke sollte den Staub von den Rahmen und den Flugrost von den Bremsscheiben unserer Bikes entfernen. Es waren erstaunlich viele Leute da und in der Sonne war es echt schön. Allerdings verschwand die gegen halb sechs hinter dem Horizont und dann wurde es schlagartig kalt. Der See, in dem wir immer trainieren, hat fast über die komplette Länge und über mindestens die halbe Breite noch eine geschlossene Eisdecke. Aber nach diesem Himmel heute morgen bin ich vorsichtig optimistisch, dass wir in zwei Monaten schon wieder im Neo draußen schwimmen können.

Die ersten Sonnenstrahlen lockten neben uns natürlich auch wieder jede Menge andere blasse Gestalten an die Frühjahrsluft. Und während wir uns schon wunderten, woher der ganze Winterspeck gekommen ist und froh über unsere Thermokleidung und die eine oder andere Tasse heißen Tee waren, naschten auf der anderen Seite der Straße die ersten Wahnsinnigen im T-Shirt schon das eine oder andere kühle Eis. Nein, nicht das vom See.

Und dann war da noch die kleine Luisa. Geschätzte zehn Jahre alt, Spasti, fröhlich-frech und vorlaut, begleitete sie ihre Eltern zu einem völlig langweiligen Ausflug an die Elbe. Während die Eltern auf der Bank saßen und (immerhin nicht im T-Shirt) sich die Sonne auf das Gesicht scheinen ließen, flitzte Luisa wie ein kleiner Wirbelwind in unsere Richtung und musste uns erstmal stolz ihren völlig bunten und mega coolen Kinderrolli mit schrill blinkenden Skaterrollen als vordere Lenkräder zeigen. "Wow, das blinkt ja sogar, wenn du abends ins Bett gehst." - "Nee, das blinkt den ganzen Tag, und das braucht keine Batterien, cool oder?"

Sie guckte fasziniert auf unsere Rennbikes und auf die ersten, die sich bereits wieder in ihre Alltagsstühle umsetzten. Sie deutete auf mein Bike: "Wie geht das?" - Nachdem ich ihr das einigermaßen erklärt hatte, sagte sie: "Wie alt muss ich sein, damit ich das auch machen darf?" - "Hm. So vierzehn vielleicht?" - "Vierzehn? Das ist ja noch voll lange! Können wir nicht 'zwölf' sagen und ich streng mich dafür richtig an?"

"Du kannst ja mit zwölf mal vorbei kommen und schnuppern." - "Schnuppern?" - "Ja, ausprobieren. Ausprobieren, wie gut es klappt. Vielleicht klappt es bei dir ja schon mit zwölf oder dreizehn." - "Wann hast du damit angefangen?" - "Mit sechzehn." - "Erst? Warst du vorher noch zu klein oder hast du nicht nicht richtig angestrengt?" - "Ich hatte mit fünfzehn erst meinen Unfall und saß vorher nicht im Rolli." - "Ich hab meinen ersten Rolli schon mit vier gekriegt! Aber der hier ist viel schöner. Wieso hattest du denn einen Unfall?" - "Ich bin über die Straße gegangen und dann kam ein Auto und hat mich angefahren." - "Echt? Hast du nicht nach links und rechts geguckt?" - "Doch, das war an einer Ampel und ich hatte grün, aber eine Frau hat nicht angehalten mit ihrem Auto und dann hat es gescheppert." - "Hat die Frau Strafe gekriegt dafür?" - "Ja." - "Auweia. Kannst du jetzt gar nicht mehr laufen?" - "Nee." - "Ich kann laufen, willst du mal sehen?"

Ich nickte. Der kleine Wirbelwind machte die Bremsen fest, rutschte mit dem Po an die vordere Kante des Rollstuhls, stellte sich auf seine Füße, hielt sich am Rolli fest und hatte irgendwann genug Stabilität, um völlig wackelig und angespannt wie ein Flitzebogen, x-beinig und mit weit ausgestreckten und stabilisierenden Armen in einer irren Geschwindigkeit eine Runde um mich und mein Bike zu drehen. Ich sah sie schon auf der Erde liegen, aber es klappte. "Oh, da hast du aber fleißig für trainiert, oder?" - "Andrea will immer, dass ich noch viel mehr trainiere, aber ich hab meistens keinen Bock, wenn ich ehrlich bin. Ich muss jetzt wieder zu meinen Eltern. Vielleicht treffen wir uns ja mal wieder hier." - "Genau! Und melde dich, wenn du zwölf bist!"

Cathleen grinste mich an: "Jule generiert schon mal den Nachwuchs." - "So neugierig, wie sie ist, probiert sie bestimmt noch zwanzig andere Sportarten aus."

Samstag, 2. März 2013

Raclette in der WG, Durchfall im Ring

Gestern gab es endlich den lang ersehnten Raclette-Abend in unserer WG. Es waren nicht alle, aber sehr viele Leute da, wir hatten einen großen Tisch aufgebaut und es war sehr harmonisch und nett. Auch sehr lustig und endlich wurde mir mal wieder deutlich, warum ich hier wohne. Auch wenn ich vielleicht vor meinem Lebensende noch mindestens eine andere Wohnform ausprobieren möchte, so bin ich im Moment sehr froh, meine Leute um mich herum zu haben.

Nach dem ausgedehnten Essen haben haben unsere technikbegeisterten Jungs noch den Beamer aufgebaut, um ein wenig Fernsehen an die Wand zu werfen. Während ein paar Leute bereits ins Bett gingen oder rollten und andere noch um die Häuser ziehen wollten, wickelten Cathleen und ich uns in jeweils eine Wolldecke ein, lümmelten uns auf das Sofa und ließen uns berieseln.

Kurz nach Mitternacht wurden wir in den Schellfischposten gebeamt, eine die älteste Seemannskneipe in Hamburg-Altona, unweit des legendären Fischmarkts. Wir waren zuletzt 2012 eher zufällig an einem warmen Sommertag dort, allerdings nur draußen, haben bei schönem Wetter auf den Hafen geguckt und haben uns eine Cola ins System gekippt. Eine Rollifahrerin aus Österreich, die uns in Hamburg besucht hatte, wollte unbedingt ein Fischbrötchen probieren.

Im Fernsehen talkt dort regelmäßig Ina Müller, so auch gestern. Warum ich die Sendung so gerne sehe? Kann ich auch nicht sagen, mir gefällt sie einfach. Mir gefallen Ina Müllers Humor, ihre Schlagfertigkeit und ihre freche Klappe. Und dass sie sich so wenig mit gesellschaftlichen Themen, sondern viel mehr mit den Leuten selbst beschäftigt. Gestern jedenfalls waren die Talkgäste der Boxer Axel Schulz und Keinohrhasen-Anna Nora Tschirner, und inzwischen weiß daher fast unsere ganze WG, ob Axel Schulz schonmal Durchfall im Boxring hatte, ob Ina und Nora gerne nackt in ihren Wohnungen herum laufen und noch viele andere mindestens ebenso wichtige Dinge.

Und was das tollste ist: Mit dem meteorologischen Frühlingsbeginn steigen die Temperaturen in Hamburg um 20 Grad (von -5 auf +15 in der nächsten Woche). Damit können wir endlich wieder draußen trainieren! Und ich habe mich bereits dabei erwischt, nach dem sonnenärmsten Winter meines Lebens den Reifen meines Handbikes aufzupumpen! Yeah! Sorry, ich bin gerade völlig aufgekratzt!