Mittwoch, 27. Februar 2013

Du kannst mehr als du denkst

Cool. Morgen läuft ein Kinofilm an über drei paralympische Athletinnen und Athleten, die in London bei den Paralympics dabei waren und lange Zeit bei den Vorbereitungen begleitet wurden. Er soll absolut sehenswert sein, und was ich spannend finde: Die beiden Produzenten kommen aus Hamburg, einer von ihnen war auch maßgeblich an einer großen Image-Kampagne für den Hamburger Behindertensport beteiligt.

"Gold - Du kannst mehr als du denkst" heißt der Film. Nachdem heute ein riesiger Artikel in einer Hamburger Tageszeitung über die Hamburger Premiere dieses Films zu lesen ist, zu der 1.400 Ehrengäste zu seiner Sondervorstellung in einen Lufthansa-Hangar eingeladen wurden, können meine Freunde und ich es kaum noch erwarten, den endlich auch im Kino zu sehen. Wenn schon über Sportler mit Behinderung ein Kinofilm gedreht wird, dann will und muss ich den sehen, am liebsten gleich morgen!

In Hamburg läuft er ab morgen. In vier Kinos. Nämlich im Abaton am Grindelhof, im Passage Kino in der Mönckebergstraße, im Zeisekino in Altona und in der Koralle in Volksdorf. Nur irgendwie frage ich mich gerade, ob sich der Slogan "du kannst mehr als du denkst" auch an die potentiellen Zuschauer richtet. Denn leider ist in Hamburg kein Kino dazwischen, das ... doch, wirklich wahr! Das Abaton ist nur über Treppen erreichbar, im Passagekino und im Zeise gibt es zwar Säle, die barrierefrei erreichbar sind, jedoch wird der Film leider in den anderen Sälen gezeigt, die nicht barrierefrei sind (in einem Fall sind es 20 Stufen, im anderen ist das Kino so klein, dass es keine Stellfläche für Rollis gibt) - und bei der Koralle handelt es sich um einen Lichtspielraum in einem Bürgerhaus, wo ebenfalls keine Rollstuhlplätze vorhanden sind.

Als nächste Möglichkeit käme das 35 Kilometer entfernte Lüneburg in Betracht. Leider gibt es dort auch nur einen Rolliplatz und leider ist es nicht erlaubt, dass Rollifahrer zwei, drei, vier, fünf, sechs, ... über die Stufen im Saal krabbeln und sich auf die anderen Plätze setzen und jemand die Rollis wieder rausschiebt. Im Evakuierungsfall kann man eben nicht mehr als man denkt. So kann ich mir jetzt überlegen, ob wir nacheinander alleine nach Lüneburg fahren und den Film angucken - oder ob ich vielleicht warte, bis er auf DVD rauskommt. Schade eigentlich.

Nachtrag vom 28.02.13:
Wie auch in den Kommentaren zu sehen ist, hat sich das Zeise-Kino aus Altona gemeldet und erklärt, dass der Film in drei Nachmittagsvorstellungen (14.15 Uhr) auch in dem großen, barrierefreien Kino zu sehen sein wird. Ich bedanke mich für die Reaktion - das finde ich super!

Nachtrag vom 01.03.13:
Und wie ebenfalls aus den Kommentaren zu sehen ist, hat sich auch das Passage-Kino aus der City gemeldet und erklärt, dass es den Film ebenfalls in zwei Abendvorstellungen im großen, barrierefreien Kino laufen lässt. Auch für diese Reaktion bedanke ich mich!

Sonntag, 24. Februar 2013

Gangnam Style und Tischgespräch

Es war mal wieder so weit: Maries Muddi fragte, ob wir noch einmal einen Sauna-Sonntag im Garten verbringen wollen. Sie war mit ihrem Mann am Samstagabend dran, bei Kerzenschein und Schneetreiben. So eine Frage lasse ich mir doch nicht zwei Mal stellen, Cathleen und Jana auch nicht, so waren wir für den frühen Sonntagmorgen viel zu gut drauf und auf dem Weg zum Müsli-Orangensaft-Frühstück.

Natürlich ging direkt vor uns noch die Bahnschranke zu. Neben uns in der zweiten Spur hielt ein voll krasser Dreier-BMW als Cabrio mit offenem Verdeck. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Zwei obercoole Typen mit Schirmmützen drin, die allerdings beide schon einen Hörsturz haben mussten, da sie "Gangnam Style" in der Version von PSY so laut gedreht hatten, dass ich für einen Moment lang überlegt hatte, ob der Zug schon kommt. Neben mir auf dem Beifahrersitz fing Cathleen an, die Unterarme gekreuzt herumzuschwingen und im Rhythmus ihre Mähne wild hin und her zu werfen. Als der Refrain kam, sang sie den Text mit: "Eh Sexy lady, eh eh eh eh!"

Jana fragte von hinten: "Soll ich das Fenster runtermachen und fragen, ob sie hinten noch einen Platz für dich haben?" - Cathleens einzige Antwort: "Oppan Gangnam Style!"

"Gucken sie rüber?", fragte ich Jana, die hinter mir hinter einer abgedunkelten Scheibe saß und somit die beiden beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Sie sagte: "Jepp! Der eine starrt in deine Richtung und leckt sich andauernd mit der Zunge über die Oberlippe." - "Nicht wirklich." - "Doch, guck doch hin!"

Cathleen rockte immernoch zu der in unserem Auto bei geschlossenen Fenstern und Türen und laufender Heizung deutlich wahrnehmbaren Geräuschkulisse ab und sprach im Takt mit: "Gangnam Style!"

Ich guckte rüber. Der Beifahrer zwinkerte mir zu und machte einen Kussmund. Ich tat so, als würde ich träumen und ihn gar nicht wahrnehmen. Jetzt hupte der andere noch. Cathleen sagte: "Die sind auf LSD. Jede Wette. Gangnam Style!"

Ich sagte: "Ich überlege, ob ich meinen blauen Parkausweis in die Scheibe halten sollte. Und dann mal gucken, ob er immernoch zwinkert." - Jana krümmmte sich vor Lachen bei der Vorstellung. Die Schranke öffnete sich. Der Motor des BMW heulte mehrmals auf. Wollte er damit jetzt ein Wettrennen gegen einen Touran beginnen? Bei dem Wetter? Und unabhängig davon wäre ich mir nicht mal sicher, ob meine Karre nicht sogar schneller auf 100 wäre als Gangnam Style.

Nein, wir fahren vernünftig. Als wir in Maries Straße einbogen, hielt sich ein Mann, schätzungsweise Anfang 20, an einer Birke fest und reiherte. Zweihundert Meter weiter krabbelte eine Frau mit halb zerrissener Strumpfhose auf allen Vieren durch den Schnee. Barfuß. Sah uns, wollte aufstehen, fiel aber gleich wieder um. Die Party schien etwas länger gedauert zu haben. Schnapsbuddel Nummer Drei sahen wir, als wir vor Maries Haus hielten und darüber diskutierten, ob wir wirklich in die Kälte aussteigen wollten. Man konnte den Mann sehen, wenn man schräg durch die Büsche hindurch guckte, er stand etwa fünf Häuser weiter und versuchte, die Haustür aufzuschließen, was sich schwieriger gestaltete als ihm in dem Moment lieb war. Er hibbelte von einem Bein auf das andere und presste mehrmals eine Hand in den Schritt. Dann lehnte er sich mit dem angewinkelten Arm gegen die Tür, die Stirn gegen den Arm und schaute an sich herunter. Und hibbelte nicht mehr. Cathleen grinste mich an: "Das ist aber auch fies. Nun hat er sich stundenlang gequält, und dann ist der Weg am Ende doch drei Meter zu lang."

Ich weiß, wir sind unmöglich. Aber es kommt noch schlimmer. Als wir am Frühstückstisch saßen, fragte Jana Marie: "Sag mal, warst du schon mal so breit, dass du auf allen Vieren nach Hause gekrabbelt bist?" - "Ich krabbel immer auf allen Vieren, egal ob ich breit bin oder nicht", antwortete sie schlagfertig. Wusste aber gleich, worauf Jana anspielte: "Habt ihr die Leute vom Haus Nummer .. getroffen? Die sind jeden Sonntagmorgen breit."

Cathleen sagte: "Der eine kotzte gegen die Birke, die zweite krabbelte auf allen Vieren in Strumpfhosen durch den Schnee und der dritte bewässerte seine Fußmatte." - Maries Mutter sagte: "Das ist unglaublich, die sind jeden Samstag auf irgendeiner Party und kommen Sonntagmorgen sternhagelvoll nach Hause. Ein paar Mal haben Nachbarn mich schon aus dem Bett geklingelt, aber inzwischen rufen sie gleich den Rettungsdienst. Was anderes kann ich ja auch nicht machen."

Marie fragte entsetzt: "Hat der wirklich gegen seine Haustür gepinkelt?" - Jana antwortete: "Naja, in die Hose. Und stand dabei halt auf seiner Fußmatte."

Woraufhin Marie meinte: "Sowas bescheuertes, dann würde ich mich doch schnell irgendwo hinhocken oder meinetwegen ins Gras setzen, bevor das alles in die Schuhe und über die Fußmatte läuft, das kriegst du doch nie wieder sauber!" - Maries Mutter kommentierte: "Sie hörten einen Tipp aus dem Alltag einer Blasenlähmung. Er kann die Fußmatte ja künftig unter sein Auto legen, vielleicht hilft ihm das gegen Marderbisse." - Marie antwortete: "Apropos, kennt ihr den? Stehen zwei Männer vor ihren Pissoiren, einer guckt zum anderen rüber und sieht, dass der vierstrahlig pinkelt."

Maries Mutter verdrehte die Augen. Cahtleen meinte: "Ich kenne den nicht! Erzähl!" - Marie erzählte weiter: "Wie ist denn das passiert? Der Mann antwortet: Beim Urologen, bei mir wurde eine Zystoskopie gemacht und der Assistenzarzt hatte ein paar Mal in der Vorlesung gefehlt und wusste nicht, was 'unter Sicht' bedeutet."

"Häh, was?", fragte Cathleen nach. Maries Mutter klärte auf: "Blasenspiegelung. Beim Mann wird das Endoskop immer unter Sicht vorgeschoben. Unter Sicht bedeutet, dass du gucken musst, wohin du manövrierst, damit du die Harnröhre nicht durchstichst. Und der Mann vor dem Pissoir war an der Stelle wohl etwas perforiert und hatte mehr als einen Strahl."

"Oh Scheiße, gibt es sowas wirklich?", fragte Cathleen. Maries Mutter schüttelte den Kopf. Cathleen fragte: "Was macht man denn, wenn man da durchsticht?" - "Durchstechen ist ganz schlecht, dann muss der Chirurg ran und das alles bei einer OP freilegen. Wenn du es nur verletzt, kann es reichen, über einige Tage einen Katheter reinzulegen und zu hoffen, dass das möglichst ohne Narben abheilt."

Marie fuhr fort: "Okay. Nach ein paar Tagen steht er also wieder vor einem Pissoir, neben ihm pinkelt einer sechzehnstrahlig. Er fragt wieder: Wie ist denn das passiert? Antwort: Der Urologe hat bei der Vorlesung nicht aufgepasst und wusste nicht, was 'unter Sicht' bedeutet. Drei Wochen später kommt er wieder zu einem Pissoir, steht ein Mann davor, pinkelt 64strahlig. Ist das auch bei einer Operation passiert? Antwort: Nee, mein Reißverschluss klemmt."

Tolle Gespräche am Frühstückstisch. Anschließend waren wir locker sieben oder acht Stunden mit Sauna, draußen bei Schneegestöber und eiskaltem Wind bis zum Hals eingemummelt schlafen, schwimmen, Obstsalat essen, trinken, quatschen und Seele baumeln lassen beschäftigt. Was mal wieder absolut toll war. Heute abend geht es mir schon wieder sehr viel besser. Gangnam Style!

Samstag, 23. Februar 2013

Drei Wochen konzeptioniert

Im Moment bin ich wieder in einer Phase angekommen, in der mich alle paar Stunden irgendetwas auf Hundertachtzig bringt und in der ich einmal mehr einzelnen Leuten den Laufpass gebe. Ich bin gerade mal wieder völlig von der Rolle.

Da findet heute bei mir im Sportverein eine Veranstaltung für Kinder und Jugendliche statt. In letzter Sekunde bekomme ich natürlich mal wieder eine Anfrage, ob ich vor Ort spontan helfen könnte, da -wie immer- etliche Helferinnen und Helfer spontan abgesagt hätten. Wie immer bleibt die Arbeit an den dümmsten Leuten hängen, ich weiß auch nicht, wieso ich mich immer wieder dazu breit schlagen lasse. Doch, eigentlich weiß ich es: Ich möchte den Kindern den Tag nicht vermiesen.

Egal, dieses Problem müssen andere lösen. Aber ein Problem musste durch mich gelöst werden: Mit mir an einem Tisch, an dem Kuchen und Brötchen verkauft werden, steht eine junge Frau, die nicht im Triathlon und auch nicht im Kindersport aktiv ist, wohl aber in einer anderen Sportart unseres Sportvereins. Ich kenne sie nur vom Sehen. Sie gab sich stinkig, weil auch sie kurzfristig um ihren "freien" Samstag gebracht worden ist - was ich mit einem "ich hatte heute auch was anderes vor, aber lass uns das hier vor allem für die Kinder nett über die Bühne bringen" zu beenden versuchte. Keine Lust, mir möglicherweise über Stunden dieses Gemecker anzuhören.

Sie dreht aber weiter auf und greift ausgerechnet einen bestimmten Vereinsfunktionär an, natürlich in seiner Abwesenheit, den ich auch noch besonders gerne mag, weil er mir schon sehr oft geholfen hat. Menschlich vor allem. Ich halte ihn für besonders ehrlich und aufrichtig. Ich antworte: "Entschuldige mal, du weißt selbst, wieviel Freizeit der in unseren Laden steckt, ich glaube nicht, dass das fair ist, was du hier gerade sagst."

Woraufhin sie durchblicken lässt, dass sie ihn für ein absolut falsches Ar...loch hält. Er sei dafür verantwortlich, dass ihr drei Monate Arbeitslohn vorenthalten worden seien. Er habe ihr eine 20-Stunden-Stelle versprochen, sie habe diese in gutem Glauben angenommen, und als es um die Bezahlung ging, soll er sich herausgewunden haben. Starker Tobak.

Und wie es der Zufall so will, eine halbe Stunde später taucht ausgerechnet dieser Funktionär dort auf. Und mehr aus der Wut heraus, dass ich mir sicher war, sie hat mich angelogen, als mit dem Bedürfnis danach, diesen Vorwurf zu klären (schließlich wäre der für mich ein Grund gewesen, mich künftig extrem von diesem Menschen zu distanzieren), habe ich ihn zur Seite genommen und ihn direkt gefragt, warum er sie nicht bezahlt hat. Ja, so kann ich auch sein. Und im Moment tut es mir kein bißchen Leid.

Woraufhin es ein Dreiergespräch in einem Umkleideraum gab. In dem dann ans Licht kam, dass gar nicht er ihr den Job versprochen hatte, sondern jemand zwei Ebenen tiefer, dass sie gar keinen schriftlichen Vertrag hatte, obwohl sie genau weiß, dass der Verein alle Verträge schriftlich macht, selbst mit einmaligen Helfern bei einem Event, und dass sie -und nun kommt es- auch niemals gearbeitet hat. Nach seiner Darstellung war es zwar so, dass sie für so einen Job vorgesehen war, dass auch die Gelder dafür bereit standen, dass sie sich aber nicht entschließen konnte, den Job anzunehmen, weil sie wegen einer anderen parallelen Beschäftigung sehr ungünstig besteuert worden wäre.

"Ich wusste gar nicht, dass du die Arbeit überhaupt aufgenommen hast", sagte der Funktionär zu meiner "Sportkollegin" mit den dunkelroten Wangen. - "Naja", meinte sie, "ich habe zu Beginn der Tätigkeit in meinem anderen Job drei Wochen Urlaub gehabt und war in Norwegen, und in diesen drei Wochen habe ich insgesamt sechzig Stunden konzeptioniert und mir überlegt, wie ich die Arbeit im Sportverein angehen werde."

Wie mich solche Leute nerven! Einfach mal schnell irgendwas behaupten und in den Raum stellen und andere schlecht machen. Der Funktionär meinte, er sehe das Gespräch als beendet an, sie solle ihm bis heute abend eine Mail schicken, dass sie diese Beschuldigungen nicht noch einmal öffentlich wiederholt; schickt sie ihm das nicht, leiert er ihr das über seinen Anwalt aus dem Kreuz, und das werde teuer.

Ich überlege gerade, wievielen Leute sie wohl diesen Mist bereits aufgetischt hat. Und wieviele Leute das glauben, ohne sich die zweite Seite angehört zu haben. Inzwischen bin ich auf Hundertneunzig. Diese Frau soll mir bloß nicht wieder unter die Augen treten!

Fleisch oder kein Fleisch?

Gerade meine gestern in den Raum geworfene Forderung, alles was lebe, solle aus dem Leben auch ein Lebensrecht ableiten können, hat mir so viele Mails auf den Rechner gespült, dass ich meine Gedanken dazu aufschreiben und festigen möchte.

Besonders oft wurde ich gefragt, ob ich Vegetarierin sei. Das liegt nahe, denn auch wenn es in der Diskussion mit dem Vater eindeutig um Menschen ging, habe ich sehr bewusst nicht geschrieben, dass meiner Meinung nach "alle Menschen, die leben" ein Lebensrecht haben, sondern eben "alles, was lebt".

Nein, ich bin keine Vegetarierin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zurzeit auf Fleisch verzichten würde, wenn ich von BAfÖG leben müsste.

Ich stimme den meisten Menschen, die mir Mails geschrieben haben, völlig zu, dass das Töten von Tieren in das Lebensrecht der Tiere eingreift. Daher verletzt jeder, der ein Stück Fleisch isst, dieses Recht. Klar ist wohl auch, dass dieses Lebensrecht ein von Menschen geschaffenes Recht ist und sich auch nur an Menschen richtet: Kein Tier würde sich selbst ein solches Recht auferlegen oder von einem Menschen auferlegen lassen.

Möglicherweise mit vielen Lesern meines Blogs uneinig bin ich mir aber, wie mit Situationen umgegangen wird, in denen in dieses Recht eingegriffen wird, in denen dieses Recht verletzt wird. Unter Menschen sind diese Situationen relativ klar geregelt und auch sanktioniert, Stichwort Notwehr, Stichwort lebenslange Freiheitsstrafe. Weniger als meines Erachtens erforderlich ist es für die Situationen geregelt, in denen dieses Recht entweder indirekt verletzt wird und in denen das Lebensrecht von Tieren betroffen ist.

Hier wird man meiner Meinung nach zuerst den Konflikt lösen müssen, dass die Regeln der Natur, nämlich dass Lebewesen einander fressen, sich nicht mit dem von den Menschen auferlegten Lebensrecht vereinbaren lässt. Vielmehr ist es sogar völlig paradox.

Auch wird man vorher den Konflikt lösen müssen, dass es viel zu viele Menschen auf der Welt gibt und diese in einigen Teilen sich auch noch einen völlig unverschämt, um nicht zu sagen unverfroren luxuriösen Lebensstandard, zum Nachteil anderer (Menschen, Tiere) entwickelt haben, Stichwort Sklaverei, Stichworte Massentierhaltung und Tierversuche. Die "Natur" lasse ich mal völlig außen vor.

Ich glaube, ich werde diese beiden Konflikte (und noch einige andere) nicht lösen können. Weder insgesamt für alle, noch für mich alleine. Eine Perspektive in der Argumentation zu suchen, die Evolution gehe ihren Weg, halte ich einerseits für bequem, andererseits für korrekt. Eine Rechtfertigung darin zu suchen, sich rücksichtslos zu verhalten, finde ich jedoch extrem arschig.

Ich denke, dass ich vor einem Anspruch, die Probleme der Welt alleine zu lösen, konsequenterweise nur sofort mit einem Suizid kapitulieren könnte. Der Preis, den andere für mein Weiterleben zahlen, ist sehr hoch, egal ob mit oder ohne Behinderung. Ich habe mich, egoistisch wie ich bin, dafür entschieden, weiter zu leben. Dabei aber relativ bewusst zu leben und beispielsweise kein Fleisch zu kaufen, das aus Massentierhaltung stammt und keine Kosmetik zu benutzen, bei deren Herstellung Tiere gequält wurden.

Trotzdem, und hier möchte ich nun abschließend auch noch den Aspekt beleuchten, dass es angenehmer ist, mit den viel zu vielen Menschen auf der Welt in Frieden zusammen zu leben, werde ich weiter darauf bestehen, dass jedes Leben wegen seines Lebens ein Recht am Leben hat. Und zwar nicht nur aus Egoismus. Auch wenn das letztlich dazu führt, dass noch mehr Menschen auf der Welt sind und ich täglich zum Rechtsbrecher werde - leider nicht nur, wenn ich etwa einmal pro Woche Fleisch esse.

Freitag, 22. Februar 2013

Lebensrecht

Mein Freitagabend ist schnell vorbei und wird vor dem Fernseher enden. Es dauert im Allgemeinen verdammt lange, bis meine Geduld zu Ende ist, aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die finde ich so schlimm, dass ich sie nicht ertragen möchte.

Es fand eine Party von einer Sportkollegin statt. Sie trainierte früher in meinem Verein, hat aber in etwa zu dem Zeitpunkt aufgehört, als ich mit dem Triathlontraining begonnen habe. Einige von den älteren Hasen kennen sie noch intensiver als ich. Trotzdem hat sie auch mich zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen, was ich sehr nett fand. Es waren viele Leute da, viele Rollstuhlfahrer. Die Gastgeberin selbst sitzt nicht im Rollstuhl, hat aber nach einem Autounfall beide Beine unterhalb der Knie amputiert bekommen. Sie kann im Alltag mit Prothesen laufen.

Sie wohnt noch zu Hause, studiert, soweit ich weiß. Sie hat uns nett begrüßt. Wir haben einen Moment gequatscht, dann meinte sie, wir sollten uns doch mal an dem Buffet bedienen. Das sah alles ganz lecker aus, wir setzten uns mit einem Teller an einen Tisch wo zur Hälfte Leute saßen, die wir vom Sport kannten, aber auch einige unbekannte Leute.

Nach einiger Zeit setzt sich der Vater der Gastgeberin mit an den Tisch und folgt interessiert der Unterhaltung. Ein Sportkollege wird von einem anderen Gast halb auf Smalltalk-Ebene, halb aus tatsächlichem Interesse gefragt, was für Hobbys er hat und was er beruflich macht. Er erzählt, dass er im öffentlichen Dienst arbeitet und aktuell mit seiner Frau ein Haus baut. Jemand fragt, ob es Kinder geben soll - und das ist, sollte man wissen, eine Frage, mit der man bei Rollstuhlfahrern leicht in verschiedene Fettnäpfchen treten kann.

Mein Sportkollege antwortet, dass seine Frau und er sich entschieden haben, keine eigenen Kinder in die Welt zu setzen, weil sie das Kind nicht der potentiellen Gefahr aussetzen wollen, auch seine neurologische Erkrankung, aufgrund der er im Rollstuhl sitzt, zu bekommen. Seine persönliche Entscheidung, klar und freundlich erklärt - bis dahin noch alles gut. Spätestens jetzt würde einem aber jeder davon abraten, dieses Thema unvorbereitet zu vertiefen. Und mit "unvorbereitet" meine ich, dass es Leute gibt, die sich noch nie Gedanken über dieses Thema gemacht haben. Was ja auch okay ist - ich will nun gewiss nicht darauf hinaus, dass jeder sich schonmal mit vererbbaren Erkrankungen beschäftigt haben sollte, nebst aller Überlegungen, die betroffene Eltern anstellen könnten. Ich erwarte nicht mal, dass deutsche Bürger die deutsche Geschichte kennen sollen. Aber immerhin hätte zweites mehr als einen Anlass geliefert, sich vielleicht mal dem Thema gedanklich anzunähern. Wenn also der Vater mit der These in die Diskussion einsteigt, Menschen mit vererbbarer Behinderung sollten generell keine Kinder bekommen, hätte er zumindest wissen können, dass er sich damit in unruhiges Fahrwasser begibt.

Ich drücke mich bewusst so zurückhaltend aus, weil ich eben auch jedem Menschen das Recht auf eine eigene Meinung zugestehen möchte. Seine Meinung war: "Ich finde es aber anerkennenswert, dass Sie bemüht sind, der Evolution hier zu helfen. Ich denke jedoch, dass sich die Natur hier langfristig selbst helfen wird und den Fehler insgesamt korrigiert. Man muss wissen, dass Evolution immer über einen langen Zeitraum zu betrachten ist und das Dasein von Menschen mit Behinderungen eben keinen Willen der Evolution, sondern einen kurzfristigen Wildwuchs darstellt, der sich bald von alleine korrigiert."

Der Sportkollege hat sich natürlich sofort distanziert und gesagt, dass er sich mit seiner Partnerin zusammen für sich persönlich entschieden hat, keine eigenen Kinder zu bekommen, um das durch ihn gezeugte Kind nicht dem deutlich erhöhten Risiko einer schweren neurologische Erkrankung auszusetzen. Das sei und bleibe aber seine persönliche Entscheidung.

Wenn nun dieser Vater nicht zurückrudert und seine Haltung auch nicht korrigiert, kann ich nicht länger auf dieser Party bleiben. Ich finde es unerträglich, neben einem Menschen, und dann auch noch als Vater der Gastgeberin, zu sitzen, der (dazu noch in Gegenwart Betroffner) die Ansicht vertritt, bei Menschen mit vererbbaren Erkrankungen handele es sich um einen Fehler der Evolution. Einerseits finde ich es schon sehr beschränkt, sich anzumaßen, die Evolution bewerten zu dürfen, andererseits lässt sich das keinesfalls mit meiner Sicht der Dinge auf einen Nenner bringen. Ich vertrete die Ansicht, dass alles, was lebt, eben aus der Tatsache, dass es lebt, ein Recht zum Leben hat.

Zum dritten Mal

Zum dritten Mal fünfhunderttausend. Wow.

Mein kürzester Beitrag.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Haferstich und Mauerstein

Habe ich schon mal darüber geschrieben ... ach ja. Hab ich schon. Wir trainieren ja regelmäßig in der Schwimmhalle und ich wollte nur nochmal erwähnen, dass die sanitären Anlagen für behinderte Menschen defekt sind. Und sich der Umkleideraum mal wieder nicht abschließen lässt, weil das Schloss ausgebaut wurde. Aber sonst ist alles in Ordnung, vor allem beim Eintrittspreis.

Und die Frau in unserer Bahn, die sich am Beckenrand festhielt und auf dem Rücken liegend den Kraulbeinschlag übte, störte auch nur wenig. Da wir die Bahn 1 haben, haben wir drei Beckenränder, und die Frau übte natürlich an dem, der senkrecht zur allgemeinen Schwimmrichtung liegt, soll heißen: Sie hielt sich an der Längsseite am Beckenrand fest. Zum Glück relativ mittig, so dass wir kurzerhand alle unter ihr hindurchtauchten, anstatt durch den Gegenverkehr zu schwimmen. Was sie wiederum dazu veranlasste, sich aufzuregen. Sie hätte schließlich den vollen Eintrittspreis bezahlt.

Da uns der Hafer gestochen hatte, bemühten wir uns, direkt unter der Frau auszuatmen. So ein Whirlpool ist doch angenehm, solange keiner Knoblauch oder Zwiebeln gegessen hatte. Bis sie dann irgendwann wutschnaubend das Wasser verließ und mit dem Schwimmmeister diskutierte. "Gute Frau, dieses ist ein Sportbecken. Wenn da ein Dutzend Leute schwimmen will, müssen Sie schon Rücksicht nehmen und können sich nicht quer in eine komplette Bahn legen." - "Aber ich übe auch das Schwimmen." - "Aber das können Sie doch ebenso gut an der Stirnseite des Beckens, wo es nicht stört." - "Ich möchte es aber mittig tun, ich mag die Enge an der Stirnseite nicht so." - "Und wenn Sie in das andere Becken gehen, wo kein Sport stattfindet?" - "Das ist ja nur 1,60 tief." - "Aber dieses Becken ist an der Stelle, wo sie geübt haben, auch nur 1,60 tief." - "Aber es wird zum Sprungturm hin tiefer." - "Das stimmt." - "Sehen Sie, und jetzt sagen Sie bitte den anderen, sie sollen den Unfug lassen. Na los!"

Cathleen hing inzwischen neben mir am Bahnende und lauschte der Unterhaltung, bevor sie sich mit offenem Mund zu mir drehte. Der Schwimmmeister kam auf uns zu und sagte: "Der Frau ist es unangenehm, dass Sie ständig unter ihr hindurch tauchen. Könnten Sie das bitte unterlassen?" - "Selbstverständlich", sagte Tatjana, unsere Trainerin, die im forschen Schritt hinzukam und uns gar nicht erst zu Wort kommen ließ. Ein lauter Pfiff auf zwei Fingern, dann die Ansage: "Wir wechseln bitte alle in die Bahn 6, sofort!"

Das war die öffentliche Trimmbahn. Geil. Ich konnte mir meine Freude über das dumme Gesicht des Schwimmmeisters nicht verkneifen. In der Trimmbahn schwammen etwa zehn bis fünfzehn Badegäste. Wir haben kein Problem damit, dass da plötzlich 30 Leute in der Bahn sind, wir sind organisiert... Einige der Badegäste fügten sich einfach in unsere Abläufe ein, aber viele, die eben nicht trainierten, sondern nur konsequent ein paar Bahnen schwimmen wollten, waren völlig überfordert und sammelten sich in den Ecken, wussten nicht mehr, wann sie losschwimmen sollten, weil sie sich in dem Gewusel mit ihrem reduzierten Tempo nicht durchsetzen konnten und schon gar nicht zu Wort kamen. Es dauerte keine fünf Minuten, da verließen die ersten die Bahn und beschwerten sich wiederum beim Schwimmmeister, warum es plötzlich so voll sei.

Es dauerte noch fünf Minuten, dann hatte der Schwimmmeister seinen Chef geholt, der ebenfalls Tatjana ansprach. Der platzte der Kragen: "Wir zahlen hier eine dreistellige Summe für die neunzig Minuten, da kann ich wohl erwarten, dass wir eine vernünftige Bahn bekommen." - Worauf der Chef mit der Dame, die inzwischen, immernoch mitten in der Bahn hängend, Delfinkicks ausprobierte, kurzen Prozess machte: "So, würden Sie bitte in eine andere Bahn gehen, diese Bahn ist gesperrt für Vereinsbetrieb." - "Ich habe Ihrem Kollegen doch schon erklärt..." - "Entweder Sie gehen in eine andere Bahn oder Sie fliegen raus. Jetzt ist Schluss mit dem Theater. Ich komme in fünf Minuten wieder, und wenn das dann nicht geklärt ist, setze ich Sie alle vor die Tür. Und Sie", sagte er zu Tatjana, "sehen zu, dass Ihre Leute sofort aus der Sechs verschwinden!"

Nachdem unser Schwimmtraining beendet war, schaute ich zusammen mit Cathleen noch in dem anderen Becken vorbei, neugierig wie wir sind. Dort hatte gerade eine andere Vereinsgruppe begonnen; keine Triathlon-, sondern eine reine Schwimmgruppe. Neben den üblichen Verdächtigen, die von einer Trainerin ihr Programm bekommen hatten, war eine junge Frau in meinem Alter mit Zerebralparese im Wasser, die Mutter saß in kurzer Hose, Top und Badelatschen auf einer Liege, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, die Hände verirrten sich in Richtung ihres Gesichts und man sah ihr an, dass sie emotional äußerst mitgenommen war.

"Na, erstes Mal Schwimmen heute?", sprach ich sie an. Sie war ziemlich aufgeregt: "Meine Tochter war sieben Jahre bei einer Physiotherapeutin in einer Gruppe und hat Hundepaddeln gelernt. Am Anfang waren wir froh, dass sie über Wasser bleibt, nachdem es von der Schule hieß, sie kann nicht ohne Hilfsmittel schwimmen. Die Physio hat immer gesagt: Egal wie, Hauptsache sie geht nicht unter, wenn sie mal ins Wasser fällt. Wir waren so stolz. Aber sie war sich nie richtig sicher und irgendwie haben wir immer die Worte der Schule im Kopf gehabt, dass sie es auch nie richtig lernen wird. Aber jetzt guckt doch mal! Ich würde am liebsten hinrennen und sie abknutschen. Das ist jetzt schon die zweite Bahn, die sie alleine schwimmt. Auf dem Rücken! Warum ist nur nie einer auf die Idee gekommen, sie mal auf dem Rücken schwimmen zu lassen?"

"Es braucht halt am Anfang sehr viel Vertrauen, sich rückwärts völlig fallen zu lassen in so etwas Unsicherem wie Wasser." - Die Mutter war mit ihren Gedanken ganz wo anders: "Jetzt guckt doch mal, wie toll sie das macht. Ich kann das gar nicht glauben. Wo ist mein Handy, ich muss das fotografieren und meinem Mann schicken, der glaubt mir das sonst nicht."

Mir fällt dazu nur ein Satz unseres Vereinshäuptlings ein, gerichtet an seine Trainer und Übungsleiter: "Wir müssen aufpassen, dass nicht wir es sind, die den ersten Stein legen für eine Mauer, die später mal jemanden tatsächlich behindern wird." - Hätte die Schule dieser jungen Frau mal einen Moment länger darüber nachgedacht.

Montag, 18. Februar 2013

Budgetkonferenz für Maria

Die Woche begann mit einem Gespräch über das persönliche Budget von Maria, aus dem sie ihre Pflege und Assistenz finanziert. Das zuständige Sozialamt (oder besser die dortige Sachbearbeiterin) hatte alle Beteiligten, also die Krankenkasse, die Pflegekasse, einen Amtsarzt, eine Sozialarbeiterin, einen Vertreter unseres Wohnprojekts und Maria zu einem runden Tisch eingeladen, um über "die Notwendigkeit der Weitergewährung von Leistungen nach Ablauf des Bewilligungszeitraums" zu sprechen.

Dass Frank dort mit auftaucht, war klar. Maria hatte außerdem mich gebeten, sie als Vertrauensperson zu begleiten. Die bisherigen Termine waren mir noch in schrecklicher Erinnerung. Frank war vor dem Termin schon auf 180, weil die Sozialarbeiterin vorher ein amtsärztliches Gutachten in Auftrag gegeben hatte, das allerdings nach Aktenlage erstellt wurde und Maria nicht lesen durfte. Auf mehrfache Nachfrage bekam Maria die Antwort, dass das Gutachten erst am Gesprächstermin eröffnet werde. Frank fand das unmöglich, er meinte, man muss ihr als Betroffene die Möglichkeit geben, sich auf das Gespräch vorzubereiten.

Die Leute von der Kranken- und Pflegekasse kannten wir schon von einem der letzten Male, die Sozialarbeiterin war auch dieselbe, allerdings war der Amtsarzt ein anderer. Ein Mann, geschätzte vierzig Jahre alt, nicht sehr groß, aber sehr kräftig gebaut, auf dem Kopf kaum Haare, sehr sonnengebräunt. Was mir erst später auffiel: Er hatte unter seinem Sweatshirt kein Oberhemd, dafür aber eine Krawatte. Und die war auch nur mit einem einfachen Knoten zusammengebunden. Es sah aus, als gäbe es eine Dienstvorschrift, nach der er bei Publikumsverkehr eine Krawatte umzubinden hat - und die hatte er damit erfüllt.

So standen wir mit acht Leuten in einem Treppenhausflur und warteten auf die Mitarbeiterin mit dem Schlüssel. Irgendwann kam eine Frau, geschätzte dreißig Jahre alt, mit einer Akte unter dem Arm, begrüßte uns. Sie habe Anfang des Jahres die Sachbearbeitung übernommen und freue sich, dass alle erschienen seien. Sie schloss den Raum auf, guckte vorsichtig um die Ecke. "Der ist frei, aber ich fürchte, wir müssen da erstmal aufräumen. Vier Leute mit Rollstuhl sprengt die Pläne des Architekten, der dieses Haus gebaut hat. Ich schlage vor, wir nehmen einen Tisch weg und räumen ein paar Stühle in die Ecke."

Der Mitarbeiter von der Krankenkasse zog sein Jacket aus, stopfte mit den Worten "nicht, dass ich mich hier noch stranguliere" seine Krawatte in den Kragen seines Hemdes und krabbelte unter den Tisch, um irgendwelche Verstrebungen zu lösen. Dann trugen der Arzt und der Krankenkassenmitarbeiter zwei Teile des Konferenztisches an die Seite und stapelten sie in der Ecke. So war genug Platz für alle, vor allem für Marias E-Rolli, der natürlich nicht so wendig ist wie ein handbetriebener Aktivrolli. Die neue Sachbearbeiterin stellte sich noch einmal für alle vor und meinte, es sollte jeder noch einmal kurz sagen, wer er ist und in welcher Funktion er heute hier ist.

Als das beendet war, ging die erste Frage der Sachbearbeiterin an Maria: "Wie geht es Ihnen?" - Maria antwortete kurz und knapp: "Vielen Dank, sehr gut." - Woraufhin die Frau von der Pflegekasse sagte: "Das muss ich gleich kommentieren: Mit Verlaub, das sieht man Ihnen an. Sie sehen sehr vital aus."

Die Sachbearbeiterin vom Sozialamt sagte: "Ich kenne Sie ja nicht von früher, aber insgesamt scheint es mir doch so, als wenn Sie das alles gut im Griff haben und sich in der Wohngruppe wohl fühlen. Ist das so?" - "Ja, auf jeden Fall. Kein Vergleich zu dem Pflegeheim, in dem ich vorher war. Ich komme mir vor wie ein völlig anderer Mensch."

"Schildern Sie mal ein wenig, wie Ihr Tag aussieht und wie Sie das mit der Hilfe koordinieren, bitte." - Maria schilderte.

"Sie haben ein Gutachten eingeholt, das mir seit heute vorliegt", sagte sie zur Sozialarbeiterin. "Es wäre schön, wenn wir das nächstes Mal etwas eher bekommen könnten."

Frank holte Luft, aber Maria war an dieser Stelle schneller. Auch wenn sie eher leise, langsam und verwaschen spricht, ging sie nicht unter: "Genau. Das fände ich auch schön. Ich möchte mich auch vorbereiten und mag sowas nicht als Überraschungs-Ei." - Während die bisherige Sachbearbeiterin eher ihrer Sozialarbeiterin beigestanden hätte, wurde hier schnell deutlich, wer den Hut trug: "Nächstes Mal also bitte etwas eher. Die Betroffene hat das Recht, ihr Gutachten vorher zu lesen, dem werden wir hier bitte auch gerecht", sagte sie und guckte der Sozialarbeiterin mit strengem Blick in die Augen. Die träumte eher gleichgültig vor sich hin.

Der Arzt guckte sich das Gutachten an. "Im Grunde steht da aber auch nur das drin, was wir hier auch schon gesehen haben. Ihnen geht es gut, Sie kommen zurecht. Sie haben mit den Mitteln gut gewirtschaftet, Sie sind mit Hilfsmitteln und Therapie optimal versorgt, wobei 'optimal' natürlich relativ auf ihre Behinderung zu sehen ist, aber ich wüsste nicht, was man besser machen könnte, oder fällt Ihnen noch etwas ein?"

Maria schüttelte den Kopf. Ihre langen lockigen Haare verdeckten ihre vor Aufregung knallroten Wangen. Dann sagte der Arzt: "Dann müssen wir das hier nicht künstlich aufblähen. Ich unterschreibe, dass das aus medizinischer Sicht so weiter gehen soll wie bisher, und dann würde ich gerne zu meinem nächsten Termin aufbrechen, wenn es keine Einwände gibt."

Die Sachbearbeiterin vom Sozialamt fragte in die Runde: "Wir würden die Leistung wie bisher weitergewähren, wenn die Pflege- und die Krankenkasse keine neuen Ideen haben." - "Haben wir nicht", sagte der Krankenkassenmitarbeiter, der inzwischen seine Krawatte wieder auf dem Hemdkragen geholt hatte. Die Mitarbeiterin der Pflegekasse schüttelte den Kopf.

"Dann machen wir Nägel mit Köpfen, kurz und schmerzlos. Sie bekommen von uns einen Bescheid, ich schlage vor, den Zeitraum auf zwei Jahre anzusetzen, irgendwelche Einwände?" - Allgemeines Kopfschütteln. "Sie müssen einmal im Vierteljahr wie gehabt die Belege einsenden, Sie müssen uns mitteilen, wenn sich was ändert, aber das steht alles nochmal im Bescheid. Und dann drücke ich Ihnen die Daumen, dass das alles weiter so gut klappt, bedanke mich und wünsche Ihnen einen guten Heimweg."

Halten wir fest: Es steht und fällt mit den Leuten, die den Fall bearbeiten. Sollte nicht so sein, ist aber so. Diese Sozialamts-Mitarbeiterin war wirklich auf Zack. Auf dem Handrücken trug sie den nicht völlig abgewaschenen Stempelabdruck einer St.-Pauli-Diskothek, in der sie vermutlich am Samstagabend war. Vielleicht hätten wir die bisherige Mitarbeiterin vorher auch mal dorthin schicken sollen...

Sonntag, 17. Februar 2013

Grünes Licht für Bloggerbund

Endlich ist es soweit. Fast ein Vierteljahr hat es gedauert, bis überall grüne Lampen leuchten. Ich rede schreibe von jener Vernetzung von Bloggern ... oder anders angefangen: Mir hat das Tagebuch-Schreiben, das Schreiben über mich und meine Behinderung in der bisher schwersten Phase meines Lebens sehr geholfen. Und ich bin mir sicher, anderen Menschen könnte das genauso helfen. Im einzelnen wie auch insgesamt. Also einerseits demjenigen, der gerne verstanden werden möchte und gerne etwas Anteilnahme hätte, andererseits uns allen. Also allen Menschen, sowohl mit als auch ohne Behinderung, wenn es darum geht, einander zu verstehen.

Die Idee ist denkbar einfach: Ich verlinke zu anderen lesenswerten Blogs von Menschen mit Behinderungen oder ihren Angehörigen oder Freunden. Indem ich interessierten Leserinnen und Lesern meines Blogs den Link zu einer Plattform anbiete, auf der alle diese Blogs kurz vorgestellt werden. Wer möchte, kann dann einem oder mehreren oder allen Vorstellungslinks folgen und lernt auf diese Weise neue Blogs, neue Geschichten, neue Menschen kennen. Alle Blogger, die auf dieser Plattform vorgestellt und verlinkt werden, verlinken auch zurück - zeigen also ihren Leserinnen und Lesern, die nicht über die Plattform gekommen sind, wo es andere, ebenfalls lesenswerte Blogs gibt. So profitieren am Ende alle.

Vor allem profitieren aber diejenigen, die gerade in einer schweren Phase stecken: Die möglicherweise mit dem Bloggen oder Tagebuch schreiben beginnen wollen, aber keine Internetkontakte haben und Menschen suchen, die ihnen einfach mal ein Feedback geben. Die vielleicht noch gar nicht nicht wissen, wie sie es anstellen sollen. Oder die vielleicht über den Tellerrand schauen wollen. Oder die von einer Behinderung betroffen sind und einen Wunsch haben, den sie sich selbst nicht erfüllen können - bei dem aber eine Gemeinschaft aus vielen Menschen leicht helfen könnte.

Wer also selbst eine Behinderung hat und einen Blog schreibt oder als Angehöriger bloggt oder sonst die ganze Aktion irgendwie unterstützen möchte oder einfach nur neugierig ist, der schaut sich gerne mal hier um. Ja, der neue Klecks am rechten Rand stammt genau daher und verlinkt auf diese Plattform - allerdings ist ganz am Anfang dort noch nicht allzu viel los. Das könnte sich aber bald ändern - also: Mitmachen!

Samstag, 16. Februar 2013

Übel und berühmt

Eigentlich wollte ich nur ein paar Tropfen gegen die permanente Übelkeit, lernte bei Maries Mutter aber auch gleich noch die passende Bauernweisheit dazu: "Kotzt der Bauer übern Trecker, war das Essen nicht so lecker."

Vielleicht hätte ich nicht so laut sagen sollen, dass ich so lange nicht krank war. Kaum sind Semesterferien, fange ich mir irgendein Virus ein und bin nur noch am Rumspucken. Ja, schon gut, keine Details. Nur so viel: Wenn selbst Kamillentee den Rückwärtsgang einlegt, ist irgendwas nicht normal. Vielleicht wollte er mich auch nur daran erinnern, dass ich völlig aus meinem Gedächtnis verdrängt habe, dass die letzte heftige Magen-Darm-Aktion noch gar nicht so lange her ist.

Allerdings war es dieses Mal lange nicht so extrem und auch nach einem Tag und ohne Krankenhaus wieder vorbei. Zwieback kann ja so gut schmecken, wenn man sonst nichts darf...

Nein, die Verlinkung im BILDblog habe ich in der Aufregung nicht übersehen. Wie könnte ich auch, wenn plötzlich wie aus heiterem Himmel die Besucherzahlen eine Spitze in die grafische Auswertung zeichnen? Am Tag der Verlinkung kamen über 17.000 Leute auf meine Seite. Der Zähler lief zeitweise schneller als meine Uhr...

Ja, ich bin wieder ein wenig berühmter geworden. Leider haben mich, wenn man den Statistikseiten glauben darf, auch mal wieder einige Fetischisten abonniert und auf einschlägigen Seiten verlinkt. Dieses Mal sind es aber weniger diejenigen, die gerne pinkeln oder mir gerne dabei zuschauen würden, sondern diejenigen, die auf Rollstühle oder andere technische Hilfsmittel stehen oder gerne mal gelähmte Beine berühren würden. Wie fühlen sie sich an? Tot? Kalt? Trocken? Nee, soll ichs sagen? Normal. Benehmt euch!

Aktuelles Thema Nummer Eins in der Behindertenszene: Der Paralympics-Star Oscar Pistorius soll angeblich seine Freundin erschossen haben. Ja, genau der, der auf seinen Karbonprothesen so erfolgreich war. Angeblich soll er sie für einen Einbrecher gehalten und aus Versehen erschossen haben. Heute nun will jemand rausgefunden haben, dass ihr Schädel gebrochen ist und ihr Blut an seinem Cricket-Schläger haftet. Und diesmal war es nicht die von mir kürzlich zitierte Zeitung, sondern ein Radiosender, der Oscar den Nachnamen "Pistolius" gab und gleichzeitig befand, dass es gar keinen plausiblen Grund geben dürfte, warum nicht auch behinderte Menschen zum Mörder werden könnten. Genau, ihr Deppen, das ist die Kehrseite der Inklusion: Wenn schon, dann wollen wir Behinderten jetzt auch in alle gesellschaftlichen Bereiche vordringen und in allen Statistiken berücksichtigt werden. Und sei es nur die Kriminalitätsstatistik. Kann man bitte erstmal rausfinden, was wirklich war und bis dahin, solange man also keine Ahnung hat, einfach mal ...

Apropos "Kriminalität unter Menschen mit Behinderungen" und "Berühmtheit": Die Chancen stehen sehr gut, dass ich meine Lebensgeschichte bald noch berühmter wird. Schon einige Male bin ich von Lesern darauf angesprochen worden, ob man meine Geschichte nicht mal verfilmen könnte. Nein, nein, ich komme nicht in die Kinos. Aber wohl ins Fernsehen. Wie ich heute erfuhr, finden sich Eckpunkte meiner persönlichen Geschichte in einem Fernsehfilm wieder, der um den Jahreswechsel 2013/14 im ZDF ausgestrahlt werden soll. Was genau da los ist und worum es sich handelt, darf ich vorher natürlich nicht mal in mein Tagebuch schreiben... Nur so viel: Der Film geht über 90 Minuten, es geht um eine fiktive kriminelle Handlung, und für die persönliche Geschichte einer der Hauptfiguren liefere ich (und mein Online-Tagebuch) dem Drehbuchautor jede Menge Inspirationen. Der Film wird zu einer Sendezeit ausgestrahlt, zu der üblicherweise Millionen einschalten und kostet in der Produktion eine siebenstellige Summe. Nein, ich spinne nicht. Aber ob ich das cool oder sehr cool finden soll, weiß ich noch nicht. Einerseits finde ich das sehr cool, andererseits habe ich aber auch ein bißchen Angst. Wovor, weiß ich noch gar nicht. Jedenfalls bin ich aufgeregt.

Freitag, 15. Februar 2013

Süß und bitter

Zwerge können ganz schön anstrengend sein. Müssen sie aber nicht. Weil man das nie vorher weiß, ist jener bekanntlich gut beraten, der nicht ganz alleine mit einer Kindergruppe loszieht.

In unserem Sportverein gibt es natürlich auch Nachwuchs, und damit sind nicht nur diejenigen gemeint, die frisch mit dem Auto vor einen Baum gefahren oder beim Gerüst aufbauen vom Dach gesegelt sind, sondern auch jene Kinder, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen. Entwicklungsstörungen, wie beispielsweise bei der angeborenen Querschnittlähmung, kommen ebenso vor wie Geburtskomplikationen oder Infektionen, aus denen mitunter Hirnschädigungen resultieren. Einige Kinder und Jugendliche aus unserem "Nachwuchs" brauchen sehr viel Unterstützung, andere weniger.

Gestern war für eine Gruppe, in der acht- bis 14jährige Mädchen und Jungs eher wenig eingeschränkt alle in einer Sporthalle möglichen Ball- und Bewegungsspiele machen, ein Ausflug angesagt. Normalerweise habe ich damit überhaupt nichts zu tun, nur lag ein Trainer mit Rüsselseuche flach und bat mich, ihn kurzfristig zu vertreten. Was ich gerne mache, nicht zuletzt, um die Fünf Freunde auch noch einmal im Kino anzusehen.

Es sollte ein Ausflug ohne Eltern sein. Das war eigentlich im Vorfeld geklärt, nur gibt es ja immer wieder anhängliche Muddis, die nicht loslassen können. Und so wurde ich ungewollt Zeugin eines mittelschweren Dramas, als sich nämlich eine Muddi in letzter Sekunde überlegen wollte, ihr Kind, das neben ihr abfahrbereit am Treffpunkt im S-Bahnhof stand, doch wieder mit nach Hause zu nehmen. Ganz ehrlich? Ich verstehe manche Eltern nicht. Die Ansage, dass Eltern nicht mitfahren, kam auch für sie nicht überraschend, nur habe sie gerade eben erst realisiert, was das für sie bedeute. Was es für das Kind bedeutet, hat sie nur anscheinend übersehen, denn das 12jährige Mädchen sah ihre ganzen Freundinnen und Freunde aus der Sportgruppe und sie wäre wohl gleich die einzige, die sich verabschieden müsste.

Selbstverständlich passen wir auf das Kind auf und nein, es passiert nichts schlimmes. Wir haben das im Griff, das Kind ist doch schon groß. Die Übungsleiterin, die die Gruppe auch wöchentlich betreut, nahm die Mutter zur Seite. Nichts zu machen. Offizielle Begründung: Ihr Kind sei hyperaktiv und würde die Kinovorstellung stören. Außerdem müsste es jemanden geben, der mit ihr aufs Klo geht. Und sie dürfe keine Popcorn und keine Cola, denn die machen dick. Und sie könne sich in der S-Bahn nicht richtig festhalten, sie falle um, wenn der Zug bremst und wenn keine Fußgänger dabei seien, wäre auch niemand da, der sie festhalten könnte. Und eigentlich sei "Kino" für das nächste halbe Jahr mal gestrichen worden, weil sie irgendwas an- oder ausgestellt hätte. Und da platzte der "Kollegin" der Kragen: "Und dann tauchen Sie hier allen Ernstes mit Ihrem Kind auf?! Jetzt reicht es mir aber gleich. Sie kriegen Ihr Kind fröhlich und in einem Stück heute abend zurück. Das verspreche ich Ihnen. Und jetzt verabschieden Sie sich bitte kurz und schmerzlos und machen sich und uns und vor allem Ihrer Tochter, die sich so auf den Tag gefreut hat, das Leben nicht unnötig schwer."

Das wirkte; am Ende nahm ein anderer Vater, der seinen Sohn zum S-Bahnhof gebracht hatte, die Mutter in den Arm und ging mit ihr vom Bahnsteig. Erster Satz der Tochter: "Siehste, ich bin hart geblieben und hab sie das Drama machen lassen. Normalerweise sag ich immer, sie kann mitkommen. Aber das kann ja nicht immer so weiter gehen, irgendwann muss sie ja auch mal nicht dabei sein. Sie ist schon bei jedem Schulausflug dabei, fährt bei jeder Klassenfahrt mit, irgendwann ist mal gut."

Recht so. Die Eltern waren verschwunden, los ging es in Kleingruppen mit dem Aufzug auf den Bahnsteig. Die "Kollegin" fuhr in der ersten Dreiergruppe mit, die zweite Dreiergruppe fuhr alleine, ich sollte mit dem letzten Mädel hinterher kommen. Klappte alles ohne Probleme. Das Einsteigen in den Zug war auch kein Problem, zu unser aller Freude kam ein Zug mit niedrigem Einstieg auf einer Linie, auf der sonst nur alte Züge mit hohem Einstieg fahren, wo man dann jedem einzelnen eine Hilfestellung geben muss. Aber so haben die Zwerge das ja lange genug auf einem Modell-Parcour geübt, wie ich damals auch, bevor ich das erste Mal mit der S-Bahn fuhr.

Das Mädchen, das die klammernde Mutter zu Hause gelassen hatte, fuhr schnurstraks zu einer Wand, rollte rückwärts mit beiden Rädern dagegen, machte die Bremsen fest legte einen Arm um eine senkrechte Haltestange. Das Kind kann sich nicht halten beim Bremsen?! So ein Blödsinn. Das Mädchen war erwachsener als die Mutter glaubte. Hielt sich fest, beobachtete die Leute und die Gegend, saugte alles auf wie ein Schwamm. Was für eine entspannte Gruppe! Es war zwar viel Geschnatter und Gegacker, aber keiner machte Blödsinn oder wurde anstrengend. Wären sie nicht so unerfahren, hätten sie auch alleine fahren können.

Als wir aus dem Zug ausgestiegen und mit dem Aufzug in Kleingruppen unten angekommen waren, hieß es: "Wir machen jetzt ein Schildkrötenrennen. Das kennen alle vom Sport! Wir müssen über eine ganz gefährliche Kreuzung und ihr fahrt bitte alle hintereinander her. Wie ging das noch? Alle passen auf, dass sie den Anschluss nicht verlieren und niemand quatscht. Wenn es dir zu schnell geht, rufst du laut: 'Langsamer!'. Wenn du irgendwo hängen bleibst, fahren die anderen trotzdem weiter und drum, Jule fährt als letzte und kümmert sich um alle Liegenbleiber. Alles klar? Dann los!"

Es lief vorbildlich. Es blieb niemand am Bordstein oder im Gullydeckel hängen, keiner machte Unsinn, niemand überholte, alle passten auf. Das Manöver "Schildkrötenrennen" wurde beim Sport unzähliche Male geübt, um den Knirpsen Sicherheit zu geben, wenn sie über einen Fußgängerüberweg, mit Mittelinseln, durch den Abbiegerverkehr, Busspur mittig, Grünphase zu kurz, selbständig fahren müssen. Als letztes Glied der Kette und vom Tempo her eindeutig unterfordert, hatte ich natürlich die Möglichkeiten, nach rechts und links zu blicken. Zehn Leute im Rolli, davon acht Knirpse, teilweise in Kinderrollis, sieht man auch in Hamburg nicht alle Tage. Entsprechend viele Leute blieben stehen und guckten. Allerdings sah diese Übung wohl so gut einstudiert aus, dass niemand ungefragt Hilfe angeboten hat. Sie wäre auch nicht nötig gewesen.

Im Kino klappte der Einlass ohne irgendeinen Zwischenfall. Keine dummen Fragen, kein "das sind aber zu viele Behinderte" oder ähnliches, sondern einfach nur: "Wir brauchen 10 Karten für Fünf Freunde." Häh? Ja. Achso. Der Sicherheitsdienst brachte uns mit dem Aufzug zum Popcorntresen oder zum Klo. Das Mädchen mit der klammernden Mutter stupste mich mit ausgestrecktem Finger am Arm an. "Jule, gehst du mit mir aufs Klo? Du brauchst nichts zu machen, aber Mama möchte immer, dass jemand dabei ist." - Na sicher. So gurkten wir zu zweit in die ausreichend große Behindi-Kabine, ich stellte mich mit dem Rücken zur Tür, sie fing an, sich die Schuhe auszuziehen. Erst ein Fuß auf den Schoß, Schuhband auf, Schuh aus und laut polternd fallen gelassen, dann den zweiten. Dann die Hose über den Po, über die Knie, über die Füße. Der kleine Wurm war schneller als ich. "Hältst du kurz meine Hose fest? Ich will die hier nicht in den Dreck oder ins nasse Waschbecken werfen."

Unterhose aus, aufs Klo rüber, Einmalkatheter ausgepackt, Spiegel ausgepackt, einen Fuß auf den Rolli gegenüber gelegt, den Spiegel am anderen Bein festgeklettet, Hände desinfiziert, Katheter aus der Folie genommen, Schamlippen mit zwei Fingern gespreizt, im Spiegel den Harnröhreneingang gesucht, Katheter eingeführt, ... völlig routiniert und ohne jeden Fehler, insbesondere keine falsche Reihenfolge im Bezug auf den sterilen Katheter. Während ihr Blaseninhalt durch den Katheter ablief, guckte sie mich an. "Glaubst du mir jetzt, dass ich das auch alleine kann?" - "Äh, ich habe dir das schon die ganze Zeit geglaubt."

Den Film fand ich recht spannend, allerdings für das freigegebene Alter ziemlich heftig. Nach einer halben Stunde hatte ich plötzlich einen Kopf an meiner Schulter. Das angeblich hyperaktive Mädchen, das sich weder festhalten noch selbst kathetern kann, saß dort völlig entspannt und schaute den Film.

Auch die Rückfahrt verlief ohne jeden Zwischenfall. Kein Chaos, keine dummen Kommentare, alles entspannt. Die Mutter, die bei der Hinfahrt so ein Theater gemacht hat, war inzwischen wieder ruhig. Sie freute sich wie alle anderen auf ihr Kind, nahm es in den Arm ("Mama, nicht so doll, das ist peinlich!") und ließ sich erzählen, wie der Film war.

Als ich abends im Bett lag, bekam ich eine SMS. "Hallo Jule, das war so ein schöner Tag heute. Danke für alles. Ich hab dich lieb und möchte gerne deine Freundin sein." - Wie süß. Und wie bitter zugleich.

Montag, 11. Februar 2013

Die Finsternis einer Behinderung

Er liest meinen Blog nicht. Und wenn, hat er nicht gelesen, was ich vor etwa einem Vierteljahr geschrieben habe, als ich in einer fast täglich erscheinenden Boulevardzeitung seine Worte abgedruckt sah. Damals war am Bodensee eine Werkstatt für Behinderte abgefackelt.

Klar, warum sollte er meinen Blog lesen? Es wäre vermessen, das anzunehmen oder gar zu erwarten. Nur kenne ich diverse öffentliche Stellungnahmen von Menschen mit Behinderung, die meiner recht ähnlich sind. Irgendeine müsste ihm doch ... ach vergiss es.

Heute nun richtet sich sein Brief, der wieder in jener großen Boulevardzeitung abgedruckt ist, an einen ganz bestimmten Rollstuhlfahrer. Jener hatte damals die blödsinnige Idee, über Autos zu springen, und hat sich dabei übel auf die Fresse gepackt.

"Lieber Samuel", heißt es in dem offenen Brief, "ich bewundere Sie, dass Sie auf einer Party sind und nicht in der Finsternis Ihrer Behinderung bleiben."

Ich weiß zwar nicht, ob eine Behinderung finster ist, aber zwei Dinge weiß ich sicher: Erstens gibt es viele Rollstuhlfahrer, auch E-Rollstuhl-Fahrer, die sogar tanzen können, und zweitens gibt es sogar viele Rollstuhlfahrer, die nicht nur zum Tanzen auf eine Party fahren!

Aufklärung naht: "Sie können nicht tanzen." - Und sich nicht an der Nase kratzen. Und so weiter. Weil: "Alles ist gelähmt. Was nicht gelähmt ist, sind Ihre Träume. Deshalb waren Sie im Rollstuhl auf dieser Party. Ich hoffe, dass Sie in Ihren Träumen bis zum Abwinken tanzen konnten."

Ich möchte mich schon wieder übergeben. Könnte dieser Mensch mal aufhören, seine verrückten Vorstellungen über das Volk zu gießen? Finsternis! Glaubt wirklich irgendjemand, dass ein Rollstuhlfahrer auf eine Party fährt, um davon zu träumen, wie es wäre, jetzt tanzen zu können? Wenn ich auf eine Party fahre, dann möchte ich mich vorher gut anziehen und ein bißchen aufbrezeln, dort nette Leute treffen, mich mit ihnen angeregt unterhalten, viel lachen, was Gutes essen, was trinken, vielleicht auch tolle, neue, laute Musik hören und mal den Alltagsstress hinter mir lassen.

Natürlich ziehe ich mich gut an und brezel mich ein bißchen auf. Nein, ich sehe nicht aus wie ein Tuschkasten und rieche auch nicht wie eine Parfümerie. Ich bin eher eine Freundin von Dezenz und Unaufdringlichkeit. Aber ich bin, streng genommen, "geschminkt und wohlriechend", und manchmal trage ich auch ein Kleid. Wie viele andere Menschen auf jener Party, bei der jener Briefeschreiber den Samuel getroffen hat. Samuel war allerdings nicht geschminkt, nehme ich an. Und ein Kleid trug er wohl auch nicht. Und wohlriechend war er ... ähm, wie jetzt?!

Samstag, 9. Februar 2013

Du kommst hier nicht rein

Ich habe das Gefühl, man kann es nicht oft genug erzählen. Denn es ist jedes Mal unerträglich, und immer, wenn ich denke, da bessert sich mal was, werde ich aufs Neue enttäuscht.

Gestern abend stehen Marie und ich an einer Bushaltestelle, wollen nach Hause. Es ist arschkalt, Schneetreiben, das Haltestellenhäuschen bietet nur wenig Schutz, da der eiskalte Wind selbstverständlich aus der Richtung kommt, wo die Glasscheibe fehlt. Endlich kommt der Bus, der um diese Zeit nur noch alle 30 Minuten fährt.

Im Bus sind noch lange nicht alle Sitzplätze belegt und es stehen vielleicht acht bis zehn Leute im Gang. Vier davon stehen ausgerechnet im Bereich der hinteren Tür, durch die wir hinein wollen. Der Busfahrer hält an, öffnet die hintere Tür, senkt den Bus ab. Ich balanciere die Vorderräder meines Rollis über die Schwelle. Als die Hinterräder gegen die Kante stoßen, greife ich um, um mich an den auf der Innenseite der Türen angebrachten Haltegriffe in den Bus zu ziehen. Zuerst muss ich aber die vier Leute ansprechen, die offensichtlich noch nicht gemerkt haben, dass sie im Weg stehen.

"Entschuldigung, darf ich mal durch?", ist meine Frage. Keine Reaktion. Ich frage noch einmal: "Hallo! Könnten Sie ein kleines Stück zur Seite gehen, bitte?"

Die vier Typen, alle in meinem Alter, alle Marke "Türsteher", reden weiter und ignorieren mich. Ich setze ein drittes Mal an: "Jungs!! Ihr steht in der Tür! Geht doch bitte mal ein paar Schritte weiter, damit wir einsteigen können."

Über Lautsprecher sagt der Busfahrer: "Machen Sie dahinten mal die Tür frei! Die Leute wollen ein- und aussteigen!"

Einer der vier antwortet leise: "Alter, mach die Tür zu, es wird kalt hier drin!" - Gelächter.

Normalerweise müsste man den Leuten einfach in die Hacken fahren. Nur die Gefahr, dass sie sich dann bewusst auf mich fallen lassen oder gewalttätig werden, ist mir zu groß. Also rolle ich zurück, wieder auf den Gehweg, will am Bus vorbei nach vorne zum Fahrer und den bitten, ob er uns hinten beim Einstieg helfen könnte. Was macht der? Der Fahrer schließt die Türen und fährt ab. Maries einziger Kommentar: "Oah, was für Wi...er hier wieder."

Der nächste Bus würde in einer halben Stunde kommen. Ich mache mir die Mühe, rufe über Handy die Nummer des Verkehrsunternehmens an, die in der letzten Zeile des Fahrplanaushangs abgedruckt ist. Nach dem dritten Tuten hebt jemand ab. Ich schildere dem Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung, was sich gerade ereignet hat. Er sagt mir zu, den Fahrer über Funk anzusprechen und zu fragen. Er rufe mich gleich zurück. Es tue ihm leid, dass wir nun eine halbe Stunde bei der Kälte warten müssten.

Fünf Minuten später klingelt mein Handy. Der Fahrer habe über Funk mitgeteilt, eine Beförderung der Rollstuhlfahrer sei nicht möglich gewesen, da es im Bus hierfür nicht genügend Platz gegeben hätte. Gerade am Freitagabend käme es hin und wieder vor, dass der Bus bis zur Kapazitätsgrenze ausgelastet sei. Ich antworte: "Das stimmt nicht. Im Bus waren mehrere Sitzplätze noch frei und es waren allerhöchstens acht bis zehn Stehplätze belegt."

"Da habe ich leider eine andere Information von unserem Mitarbeiter. Und der trägt auch die Verantwortung." - "Sie machen es sich zu einfach. Das ist eine Schutzbehauptung, der Bus war höchstens zu 30% ausgelastet." - "Ich muss mich auf die Angaben verlassen können, die unser Mitarbeiter macht. Und wenn der sagt, der Bus ist voll, ist der Bus voll. So einfach ist das leider."

Lohnt es, sich darüber aufzuregen? Nein. Immerhin sind wir nicht noch beschimpft und vermöbelt worden, weil wir die Typen angesprochen haben.

Würde das jemand tun? Ja. Eine ähnliche Szene hat sich vor knapp zwei Wochen in Hamburg abgespielt, Opfer wurde ein Rollstuhlfahrer, den ich flüchtig kenne. Er war in Begleitung seiner Frau, als diese ebenfalls einen anderen Fahrgast ansprach, ob er ein paar Schritte weitergehen könnte, weil er im Weg steht. Antwort: "Nur weil dein Mann behindert ist, muss ich doch nicht zur Seite gehen."

Um nicht die Abfahrt des Busses aufzuhalten, stellte sich der Rollstuhlfahrer erstmal in den Gang und diskutierte während der Fahrt weiter, ob der andere Fahrgast nun nicht doch ein Stück weiter gehen könnte, damit nicht alle über ihn drübersteigen müssten. Der hatte allerdings kein Einsehen, sondern fing an zu pöbeln, vertrat die Meinung, dass ein Elektrorollstuhl nicht in den Bus gehöre, sondern auch mit eigener Motorkraft nach Hause käme, bezeichnete den Rollstuhlfahrer als Krüppel und seine Ehefrau als Hure. Auf das Theater wurde der Sohn aufmerksam, der von der Arbeit kommend zufällig in der vorletzten Reihe des Gelenkbusses saß und sich nach vorne zu seinen Eltern durchdrängelte.

Was dann geschah, kann man nur spekulieren. Jedenfalls kam es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf der Sohn die Nervensäge ein Stück weiter geschubbst haben soll. Man muss allerdings wissen, dass der Sohn eher die Figur eines Milchbubis als die eines Bodybuilders hat. Um das nicht noch weiter eskalieren zu lassen, sei die komplette Familie an der nächsten Haltestelle ausgestiegen und die letzten zwei Kilometer zu Fuß weiter gegangen. Wurde dabei allerdings noch von der Polizei angehalten, nachdem die Nervensäge telefonisch diese verständigt und hinterher Anzeige wegen Körperverletzung erstattet hat. Also hat die Sache -neben einem Artikel in einer Hamburger Tageszeitung- auch noch ein gerichtliches Nachspiel. Unglaublich.

Freitag, 8. Februar 2013

Endlich Semesterferien

Endlich sind Semesterferien. Ich habe trotz des gerade genossenen Urlaubs nach den letzten Unitagen eine ganze Woche gebraucht, um mich mal wieder richtig auszuschlafen, vernünftig einzukaufen, mein Zimmer aufzuräumen, den letzten Krempel von der Reise in den Schrank zu packen ...

Im Moment hoffe ich einfach darauf, dass die Belastung durch das Studium sich in spätestens einem Jahr erheblich verringert. Ein Jahr lang kann ich das vielleicht noch so durchziehen, aber insgesamt überlastet mich das. Ich komme kaum noch zum Sport, kaum noch zu irgendwelchen Freizeitaktivitäten, wenn ich mich mal mit Freunden getroffen habe, dann, bis auf wenige Ausnahmen, vielleicht mal an einen Tag am Wochenende, ich komme kaum noch dazu, auf Mails zu antworten, meinen Blog zu schreiben - das geht so nicht weiter. Sogar Physiotherapie musste ich mehrmals ausfallen lassen.

Und das geht auch nur, weil ich keinerlei gesundheitliche Probleme hatte im letzten Jahr. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich vielleicht drei Tage krank im Bett mit irgendeiner Erkältung. Keinen Harnwegsinfekt, keine Hautprobleme, nix.

Nun werden einige sagen: So ist das, wenn man arbeitet oder studiert. Mag sein. Mag auch richtig sein. Nur es überlastet mich. Ich bin durchschnittlich vier Tage in der Woche bis 22 oder 23 Uhr mit irgendwelchem Uni-Kram beschäftigt, falle dann ins Bett und stehe um 6 wieder auf, weil die nächste Vorlesung um 8 beginnt. Ich habe das auch bereits mehrmals thematisiert, aber die einzige Antwort, die ich überall bekomme: "Es ist halt ein großes Pensum. Wenn Sie das nicht in vier Semestern packen, machen Sie es halt in sechs oder acht."

Tolle Idee. Bei einer Regelstudienzeit von 13 Semestern wäre ich ohnehin nicht vor 2019 fertig. Ich weiß, dass am Anfang der zeit- und arbeitsintensivste Teil des Studiums ist, trotzdem empfinde ich es als einen ziemlich belastenden Gedanken, jetzt schon bis 2021 zu verlängern ohne überhaupt an irgendeiner Zwischenstation angekommen zu sein.

Klar, im letzten Semester habe ich durch die außerplanmäßige Urlaubswoche noch zusätzlichen Stress gehabt, weil ich Abgabetermine vorziehen musste und mir in der letzten Semesterwoche noch den verpassten Stoff nacharbeiten musste. Aber das war geplant, das war besprochen, das war überschaubar und damit okay. Aber wie sehr ich insgesamt unter Strom stehe, merke ich erst durch die eine Urlaubswoche und jetzt die erste Ferienwoche.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass ich mich durch die schwierigsten ersten vier Semester durchbeißen muss und dann glücklich bin, das geschafft zu haben und den Rest mit weniger Belastung hinbekomme. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich erkennen muss, dass dieses Studium nicht das richtige für mich ist. Ich weiß es nach wie vor nicht.

Montag, 4. Februar 2013

Sauna, Sauna und ein zweiter Magnet

Weil der Pool bei Maries Eltern im Garten im Winter, gerade bei Frost, meistens leer ist und die daneben stehende Sauna aus Kostengründen innen genauso kalt wie außen ist und das Ding damit seinen Zweck verfehlt, Mädchen aber immer frieren, haben Marie, Jana (mit Schwester) und ich uns entschieden, bei einer kommerziellen Saunalandschaft im Hamburger Umland ein paar Euro zuzüglich Hochsaisonzuschlag in ein paar Liter Schweiß und einige Gigawatt Körperwärme zu verwandeln.

Nachdem ich von einem Bekannten, der meinen Blog kennt, einen großen Magneten geschenkt bekommen habe, mit den Worten: "Das ist kein Idiotenmagnet, stand zumindest nichts davon auf der Verpackung. Er soll dir helfen, auch noch andere Leute anzuziehen oder wenigstens das andere Magnetfeld so zu beeinflussen, dass die Idioten künftig an dir vorbei laufen."

Wie niedlich. Also hatte ich einen bestimmt 500 Gramm schweres Metallstück, rot lackiert, in meiner Sporttasche. Nicht, weil ich jetzt abergläubisch geworden bin, sondern eher, um meine Leute zu verwirren. Während wir am Eingang in der Schlange standen, nahm ich ihn in die Hand. Maries Kommentar, als sie ihn sah: "Was schleppst du denn da alles mit dir rum?" - "Das ist ein Magnet, sozusagen als Gegenpol zu dem fest in mir installierten Idiotenmagneten. Soll das Radar der Idioten stören, so dass sie mich nicht finden." - "Ah ja. Ich würde mal sagen: Pass lieber auf, dass das Ding nicht auf einen Schlag alle deine Karten entwertet oder so umpolt, dass mit jeder Zahlung automatisch dieselbe Summe nochmal irgendwohin gespendet wird."

Während sie ihn in der Hand drei mal herum drehte und dann ausprobierte, ob ihr Rollstuhl magnetisch ist (nein, Alu ist nicht magnetisch), meinte sie: "Du nimmst ihn aber jetzt nicht mit ins Wasser, oder?" - "Ich hab mir extra so ein kleines Täschchen in meinen Badeanzug eingenäht", blödelte ich. Marie tippte sich an die Stirn und gab das Metallstück an Jana weiter. Jana sagte: "Meine Oma hat eine ganze Matratze voll mit solchen Magneten. Hat sie auf irgendeiner Busfahrt geschossen und behauptet jetzt ständig, ihre Rückenschmerzen kommen davon oder gehen davon weg. Mit anderen Worten: Vorher war das Wetter Schuld, jetzt sind es die Magneten in ihrem Bett."

"Die 500 Euro hätte ich sonst auch genommen", blödelte Marie. Jana antwortete: "Ich möchte nicht wissen, was das Ding gekostet hat, aber ich vermute fast, das waren eher 1.500 Euro. Wir sind dran." - An der Kasse saß eine junge Auszubildende, völlig aufgeregt, eine ältere Dame saß neben ihr. Sie erklärte: "So, jetzt haben wir mal was besonderes. Wenn das schon so offensichtlich ist, dass die behindert sind, fragen Sie aktiv nach dem Behindertenausweis." - "Ob sie einen haben?" - "Ob Sie den mal sehen dürfen."

"Hallo, darf ich Ihre Behindertenausweise mal sehen?" - Wir hatten sie schon auf dem Schoß liegen. Die junge Frau an der Kasse nahm einen in die Hand. Und wurde noch aufgeregter: "Was muss ich denn damit tun?" - "Gucken, ob der gültig ist, und ob eine Begleitperson eingetragen ist. Wenn ja, bekommt die bei uns freien Eintritt." - "Wo steht denn, ob der gültig ist?" - "Nein, es steht, wie lange der gültig ist. Immer hier oben. 'Unbefristet gültig' heißt, dass der nie abläuft. Bei anderen steht dann meinetwegen '01/2013', der wäre dann heute nicht mehr gültig." - "Heißt 'unbefristet gültig', dass die nie wieder laufen können?" - "Sowas dürfen Sie nicht fragen, das geht Sie nichts an. Sie prüfen nur, welche Voraussetzungen erfüllt sind." - "Aber das schockiert mich gerade voll! Die sind kaum älter als ich und wieso müssen die so einen Ausweis haben, wo sowas drauf steht, warum kann man nicht einfach so hilfsbereit und nett zu denen sein?"

Och wie rührig. Die ältere Frau sagte: "Ich übernehme das mal eben. Wollen Sie mit Sauna oder ohne?" - "Mit, bitte." - "Sie kennen sich bei uns aus?" - "Ja, vielen Dank!"

Die Umkleide war für drei Leute etwas eng, aber das kann ja auch ganz lustig sein. Immer, wenn jemand seinen Rollstuhl bewegen wollte, mussten die anderen auch ihre Position wechseln. "Wie bei Tetris", meinte Marie. Dann gab es einen Raum mit Dusche und Klo und Automatiktür, über der jedoch das rote Licht brannte: "Besetzt." - Also standen wir zu viert in Badesachen vor dieser Tür und froren. Nach 10 Minuten versuchte Janas Schwester, durch die Milchglasscheibe etwas zu erkennen. "Ist da überhaupt einer drinnen? Nicht, dass der vom Klo gefallen ist und Hilfe braucht. Immerhin brannte das rote Licht schon, als wir mit dem Umziehen begonnen haben."

Jana deutete auf das Schlüsselloch, in dem der Zylinder fehlte. Janas Schwester hockte sich davor und guckte durch. Und fiel fast rückwärts um, drehte sich weg mit unterdrücktem Lachen. Jana, Marie und ich guckten sie fragend an. "Da sitzt einer unter der Dusche und holt sich einen runter." - "Nein!", riefen Jana und ich entsetzt wie aus einem Mund. Marie grinste verschmitzt und rollte in Richtung Tür, guckte auch kurz durchs Schlüsselloch. "Doch, stimmt wirklich", meinte sie. "Typ mit einer blauen Badehose. Guck selbst!" - "Ich will es nicht sehen", meinte Jana. Janas Schwester wummerte gegen die Tür und rief: "So, abziehen, Hände waschen, rauskommen. Hier warten schon vier Leute." - "Bin gleich fertig!", rief jemand aus dem Raum zurück. - "Nee, jetzt, Sie hatten Zeit genug", antwortete Janas Schwester.

"Jetzt hast du ihm seinen Orgasmus ruiniert", meinte Marie. Janas Schwester sagte: "Wenn das in einer halben Stunde nicht geklappt hat, wird das jetzt auch nichts mehr." - "Er war so kurz davor." - "Oah, könnt ihr mal das Thema wechseln? Ihr seid so widerlich."

Im selben Moment ging die Tür auf. Ein Typ, geschätzt Mitte 50, natürlich ohne jede sichtbare Behinderung, kam aus der Behindertendusche. Und grinste ausgerechnet mich an. Ich guckte schnell woanders hin. Nach dem Duschen gingen wir in das Trainingsbecken, wir wollten vor dem ersten Saunagang unbedingt noch eine halbe Stunde schwimmen. Leider war es nur so voll und so unkoordiniert, dass es wenig Spaß machte. Zwei Schwerzkekse mussten diagonal durch das Becken schwimmen und kamen ständig allen in die Quere, wurden zuerst zwei Mal von der Schwimmeisterin ermahnt, dann bat sie zwei Leute, je eine Leine mit auf die andere Seite zu nehmen. Aber selbst die abgetrennten Bahnen brachten keine Entspannung. Die Leute schwammen einfach irgendwie, kreuz und quer durch die Bahn, linksherum gegen den Strom oder legten sich auf die Trennleine und machten mit ihren Beinen Fontänen.

Und dann war plötzlich der Typ aus dem Behindertenklo direkt neben mir in der Bahn und grinste mich schon wieder an. Wir vier entschieden uns kurzerhand, das Schwimmen zu beenden und mit dem ersten Saunagang zu beginnen. Dort war es dann wesentlich entspannter: Es gab eine große 95-Grad-Sauna, in die man ebenerdig hinein gelangte und wo auch locker die Rollstühle an der Seite stehen bleiben konnten. Das war sehr schön, vor allem bei der draußen herrschenden Kälte samt Schneetreiben. Was ich ein wenig schräg fand, war, dass drei Leute mit Badeklamotten in der Sauna waren, zwei Frauen im Bikini und ein Mädchen im Badeanzug. Das Mädchen im Badeanzug sprang dann auch noch hinterher, wie von innen durch die Fenster sichtbar, ohne zu duschen in den kalten Pool. Ein Typ, geschätzte 50 Jahre alt und mindestens 150 Kilogramm schwer, kam mit einem Wikingerhut in die Sauna und blieb mit den beiden Hörnern erstmal am Türrahmen hängen. Jetzt nur niemand anderen angucken, sonst hätte ich losgeprustet.

Anschließend legten wir uns in den Ruheraum. Ich wäre fast eingepennt, als Marie mich antickte und durch ein diskretes Nicken in Richtung Glastür deutete. "Dein Stalker", meinte sie. Tatsächlich stand der Typ aus dem Klo schon wieder grinsend da und beobachtete uns. Wir einigten uns auf den nächsten Saunagang und verließen geschlossen den Ruheraum. Im Rausfahren sagte Marie zu dem Typen: "Hast du irgendein Problem?" - Seine Antwort: "Problem nicht, nur einen großen Zauberstab!"

Da uns der Typ auf dem Weg zur Shitau-Meditationssauna nicht folgte, warteten wir noch einmal ab. Bei der nächsten Gelegenheit würden wir das Schwimmbadpersonal ansprechen. Aber, um es vorweg zu nehmen, die Gelegenheit kam nicht mehr. So entspannten wir uns bei Klimperklängen in der 75-Grad-Shitau-Sauna, ein riesiger Raum, der auf einem Hügel lag und von dem aus man über etliche verschneite Felder gucken konnte.

Beim dritten Saunagang nahmen wir noch eine Erlebnisaufguss-Serie mit Ananas-Minze-Aroma mit, in deren Pause, die man draußen verbringen musste, noch ein kostenloser Obstsalat serviert wurde. Der war sogar sehr lecker. Allerdings waren wir geschätzte 50 bis 60 Leute in dem dafür dann doch zu kleinen Raum. Alle konnten nur sitzen. Als wir die Schlange vor der Tür sahen, hatten wir uns unsere Teilnahme schon abgeschminkt, aber eine junge Frau mit blauen Haaren und jeder Menge Tatoos, die das Manöver leitete, hatte das voll im Griff. Eine Viertelstunde vor dem Aufguss wird die Sauna geräumt, alle müssen draußen vor der Tür warten. Damit wird verhindert, dass die Laute reihenweise kollabieren, weil sie sich aus Kapazitätsgründen schon eine halbe Stunde vorher in die Sauna setzen. Und dann meinte sie: "So. Als erstes lassen wir jetzt die drei Rollis in die Sauna. Und alle anderen warten bitte, bis die drei sich auf die Bank gesetzt haben und die Stühle sicher an der Seite verstaut sind." - So kamen wir doch noch in den Genuss des Aufgusses und konnten uns ohne dass zwei Dutzend Leute helfen wollen, im Weg stehen, über einen drüber klettern, während man sich umsetzt oder ähnliches, auf unsere Plätze setzen.

Ganz zum Schluss haben wir dann noch das 36 Grad warme Solebad ausprobiert, das so viel Salz enthielt, dass man sich ohne jede Bewegung auf das Wasser legen und entspannen konnte, bevor wir nach Hause gurkten und ins Bett fielen. Es war ein schöner Wintertag zum Entspannen, aber dennoch sehne ich mich nach dem ersten Strandausflug 2013. Und der metallische Gegenpol in meiner Sporttasche - hat er so viel gebracht? Ich muss es weiter beobachten.

Sonntag, 3. Februar 2013

Halteverbot für Behinderte

Sie gehört nicht zu meiner täglichen Lektüre, aber in der U- oder S-Bahn liegt öfter mal ein Exemplar einer Tageszeitung herum, die sowohl im östlich an Hamburg angrenzenden Schleswig-Holstein als auch in einigen östlichen Hamburger Stadtteilen zu bekommen ist. Heute bekam ich ein solches in die Finger und staunte nicht schlecht, dass ein großer Artikel mit Foto die Leser aufklärte: "Halteverbot gilt auch für Behinderte!"

Der Artikel handelt von einem Fahrlehrer, der auch behinderte Menschen schult und gestern gegen 14 Uhr einen Kunden im Rollstuhl hatte. Damit dieser einsteigen könne, habe der Fahrlehrer den Fahrschulwagen im absoluten Halteverbot vor der Fahrschule geparkt und einige Zeit später von der Polizei, die ihr Dienstgebäude gegenüber der Fahrschule hat, ein Knöllchen über 10 Euro bekommen.

Der Fahrlehrer habe nun mit dem Beamten diskutiert. Er habe täglich Fahrschüler mit Behinderung und lasse seine behinderten Fahrschüler seit 14 Jahren, je nach Verkehrslage, auch im Halteverbot vor seiner Fahrschule einsteigen, weil es zu wenig Parkmöglichkeiten gebe. Der Fahrlehrer empfinde eine Diskriminierung behinderter Menschen. Der Beamte habe die Knolle nicht zurückgenommen.

Vielleicht hört sich das doof an, aber ich finde das gut so. Es gibt in der Straße mindestens zwei Behindertenparkplätze, einer direkt gegenüber vor der Polizeiwache. Auf dem kann doch sein Fahrschulwagen parken, wenn ein Rollstuhlfahrer eine Fahrstunde beginnt oder beendet. Und falls das aus irgendeinem Grund nicht klappt, muss man sich halt was anderes überlegen. Dreihundert Meter weiter ist eine Tankstelle. Einmal ums Eck ist eine verkehrsberuhigte Einkaufsstraße mit endlos breiter Ladezone - dort ist eingeschränktes Halteverbot, in dem Rollstuhlfahrer bis zu drei Stunden parken dürfen.

Als Rollstuhlfahrer wird der Fahrschüler noch tausende Male in die Situation kommen, in der er mit Mitmenschen konfrontiert wird, die auf "seinem" Behindertenparkplatz parken. Und wo er dann auf die Einhaltung der Regeln pochen muss, um ein- und aussteigen zu können. Ich finde es schwierig, von anderen Menschen korrektes Verhalten einzufordern, wenn man selbst mit schlechtem Beispiel voran geht. Und gerade als Fahrlehrer sollte man daran denken, finde ich.

Samstag, 2. Februar 2013

Ich Kriege Einen Anfall

Weil Maria sich nun schon so lange ein Regal für ihr Zimmer wünscht, das man nicht online bestellen kann, und mindestens ebenso lange niemand ihrer Assistentinnen und Assistenten die Möglichkeit gefunden hat, es mal eben aus dem schwedisch-blauen Blechcontainer abzuholen, weil entweder die Zeit zu knapp oder kein Auto vorhanden ist, habe ich mich heute kurzerhand selbst auf den Weg gemacht und etwas getan, was ich absolut hasse. Nicht umsonst ist mir "Ich kriege einen Anfall" anstelle des Namens des Möbelhausgründers samt Wohnort lieber. Okay, ich weiß, man fährt ja auch nicht auf einem Samstag dorthin.

Auf dem hoffnungslos überfüllten Parkplatz beginnt das Drama: Ich sehe den letzten freien Rollstuhlfahrerparkplatz, stehe auf schon auf selber Höhe und muss nur noch nach links abbiegen, um ihn zu erreichen. Vorher aber noch den Gegenverkehr durchlassen. Also stehe ich in der Reihe Neundreiviertel, links blinkend, darauf wartend, dass das junge Mädel, das mir mit ihrem Ford Ka entgegen kommt, passiert. Mein Hintermann fängt zu hupen an und als ich darauf nicht so reagiere, wie er es sich erhofft, will er kurzerhand links an mir vorbei fahren. Als seine Schnauze auf Höhe meiner Fahrertür ist, muss er dann doch anhalten, weil ihm ja der Ford Ka entgegen kommt. So steht man sich nun gegenüber und schaut sich in die Augen: Nervöser Typ versus junges Mädel, schläfriger alter Opel Astra gegen die dreieckigen Kulleraugen eines Ka. Man hupt, man gestikuliert.

Da hinter dem Ka inzwischen ein weiteres Auto steht und hinter mir ebenfalls jemand wartet, bleibt fast nur noch eine Chance: Ich müsste meinen Parkplatz aufgeben und eine Runde drehen. Was aber auch nicht geht, weil just in diesem Moment derjenige, der rechts vor mir in der Parklücke steht, rückwärts auszuparken beginnt. So bin ich nun von allen Seiten eingekesselt. Es dauert so lange, wie der Radiosprecher braucht, um die kompletten Verkehrsmeldungen inklusive Flitzerblitzer und Abschleppterror vorzulesen, schätzungsweise zwei bis drei Minuten, bis zuerst der Fahrer hinter dem Ka zurück fährt, dann das Mädel mit dem Ka den Rückwärtsgang einlegt, dann erstmal der rechts vor mir ausparkt ... und wer denkt, man würde mich jetzt einfach mal in die Parklücke abbiegen lassen, hat sich getäuscht. Die Autos, die inzwischen hinter mir warten, müssen sich erst komplett an mir vorbei schlängeln. Als erstes kontrolliere ich nach dem Aussteigen alle meine linken Blinkleuchten. Aber alle sind in Ordnung.

Zwei Minuten später im Aufzug. Eine Frau um die 60 steht so elegant in der Tür, dass diese nicht schließt. Hämmert zum dritten Mal auf den Knopf und blubbert rum, warum das Ding nicht los fährt. "Ich glaube, ihre Jacke ist noch in der Lichtschranke", mache ich sie vorsichtig aufmerksam. Sie geht einen Schritt vor und siehe da: Die Tür schließt sich langsam. Noch während die Tür schließt, geht sie wieder einen Schritt zurück und liest ihrer weiblichen Begleitung das Plakat vor, das an der Kabinenwand hängt. Irgendein Menü, das es heute besonders günstig gibt. Die Tür öffnet sich wieder.

Es steigen noch weitere Leute ein. Schieben, drängeln, quetschen sich in die enge Kabine. "Sie da mit dem Rollstuhl, können Sie sich nicht quer reinstellen?", fragte eine Frau, ebenfalls um die 60.

"Nein", antworte ich bestimmt. Es ist jawohl scheißegal, zu welcher Wand ich parallel stehe. Zumindest vom Platz her. Die Frau sagt: "Stellen Sie sich doch mal quer hin, vielleicht passen dann noch paar mehr rein!"

"Dann fahre ich aber allen über die Füße. Vielleicht warten einfach mal ein paar Leute draußen oder nehmen die Rolltreppe?"

"Komm, wir nehmen die Rolltreppe", sagt ein Mann zu seiner Frau und bahnt sich seinen Weg nach draußen. Einige folgen ihm. Die Frau, die eben verlangte, ich möge mich quer hinstellen, drängelt sich bis zu mir durch und fängt an, wie von der Tarantel gestochen mit roher Gewalt an meiner Rückenlehne zu ruckeln und mit einer Hand meine Schulter zurück zu drücken. "Warten Sie, ich stell Sie richtig hin", sagt sie schnaufend. Muss ich mir das gefallen lassen? Nein. Mir platzt der Kragen und in einem energischen Tonfall gifte ich sie an: "Sie nehmen sofort Ihre Finger von mir, sonst fangen Sie sich welche!"

Völlig entsetzt starrt sie mich an. "Haben Sie mir gerade mit Prügel gedroht?"

"Ja, und das meine ich ernst. Was fällt Ihnen ein, mich einfach anzufassen?"

"Erlauben Sie mal, ich habe früher meine Mutter Jahre lang zu Hause gepflegt, ich weiß, wie man mit Rollstühlen umgeht! Meine Mutter war kurz vor ihrem Tod auch so störrisch, nur Sie sind noch so jung und haben Ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie sollten mal eine Therapie machen, wer hat Sie so bloß rausgelassen?"

"Wo rausgelassen?", frage ich und ich merke, wie mein Adrenalinpegel steigt und mein Hals anschwillt. Rund ein Dutzend Leute steht mit in der Kabine und starrt abwechselnd mich und die Frau an, während nun endlich die Kabinentür schließt und der Aufzug sich brummend in Bewegung setzt. "Da raus, wo Sie jetzt her kommen. Was weiß denn ich, wo Sie leben: Alsterdorf, Rauhes Haus, Bodelschwinghheim, Internat ... für ein Pflegeheim sind Sie jedenfalls noch zu jung."

Ich kann nicht anders, antworte in meinem liebevollsten Tonfall: "Mich hat niemand rausgelassen. Wenn es nach den Tanten im Heim geht, darf ich noch nicht mal rauchen. Heute bin ich einfach mal abgehauen. Ich werde Hotdogs essen und Cola trinken bis mir schlecht wird. Und diesmal finden die mich nicht so schnell."

Auf meinem Schoß liegt mein Autoschlüssel. Keine Ahnung, ob sie mir glaubt, was ich da erzähle. Jedenfalls lächelt sie mich an. Dann endlich geht die Tür auf. Nichts wie weg.

Etwa zehn Minuten später, ich warte in einer Schlange, um mir das Regal aufschreiben zu lassen, da es das nicht im Mitnahmelager, sondern nur in der Warenausgabe gibt, treffe ich eine andere Frau wieder, die ebenfalls im Aufzug stand. Sie spricht mich an: "Also die Frau im Fahrstuhl war ja unmöglich! Mir hat es richtig die Sprache verschlagen, sonst hätte ich was gesagt. Aber das mit dem Hotdog, das fand ich richtig klasse von Ihnen."

Und während ich weiter warte, schlendert ein etwa zehnjähriger Junge an mir vorbei. Seine Eltern sagen irgendetwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Der Junge sagt einen Satz auf Deutsch, während er mich anguckt: "Das ist eine Behinderte."

Ich möchte brechen. Zwanzig Minuten später stehe ich an der Warenausgabe. Meine Nummer, die 105, wird aufgerufen. Ein länglicher Karton liegt seitwärts auf einem Wagen, wird mir ausgehändigt. Es wird ein wenig umständlich, aber irgendwie kriege ich diesen Wagen zum Auto geschoben. Allerdings: "Könnten Sie mir den Karton bitte längs auf den Wagen legen? Dann kann ich das besser schieben."

Ein dunkelhäutiger Mann, der ebenfalls auf seine Ware wartet, drückt seiner Begleiterin alle möglichen Zettel in die Hand, kommt zu mir und fragt: "Soll ich Ihnen das eben schnell zum Auto schieben? Wir müssen hier sowieso noch warten. Wäre kein Problem."

"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, das wäre mir eine große Hilfe", antworte ich. Der Typ schiebt meinen Wagen zu meinem Auto. Ich öffne den Kofferraum. "Ah, ein Touran, schönes Auto. Ich habe auch so einen, aber meiner ist schon älter."

So ein netter Mensch. Krabbelt in meinen Kofferraum, um die Sitze umzuklappen. Schlägt den Karton noch in eine Decke ein, damit da nichts verschrammt oder zerkratzt ... das hätte ich ja nicht mal gemacht. Aber nun: Schnell zurück ins Heim, bevor mich einer beim Colatrinken erwischt!