Montag, 11. Februar 2013

Die Finsternis einer Behinderung

Er liest meinen Blog nicht. Und wenn, hat er nicht gelesen, was ich vor etwa einem Vierteljahr geschrieben habe, als ich in einer fast täglich erscheinenden Boulevardzeitung seine Worte abgedruckt sah. Damals war am Bodensee eine Werkstatt für Behinderte abgefackelt.

Klar, warum sollte er meinen Blog lesen? Es wäre vermessen, das anzunehmen oder gar zu erwarten. Nur kenne ich diverse öffentliche Stellungnahmen von Menschen mit Behinderung, die meiner recht ähnlich sind. Irgendeine müsste ihm doch ... ach vergiss es.

Heute nun richtet sich sein Brief, der wieder in jener großen Boulevardzeitung abgedruckt ist, an einen ganz bestimmten Rollstuhlfahrer. Jener hatte damals die blödsinnige Idee, über Autos zu springen, und hat sich dabei übel auf die Fresse gepackt.

"Lieber Samuel", heißt es in dem offenen Brief, "ich bewundere Sie, dass Sie auf einer Party sind und nicht in der Finsternis Ihrer Behinderung bleiben."

Ich weiß zwar nicht, ob eine Behinderung finster ist, aber zwei Dinge weiß ich sicher: Erstens gibt es viele Rollstuhlfahrer, auch E-Rollstuhl-Fahrer, die sogar tanzen können, und zweitens gibt es sogar viele Rollstuhlfahrer, die nicht nur zum Tanzen auf eine Party fahren!

Aufklärung naht: "Sie können nicht tanzen." - Und sich nicht an der Nase kratzen. Und so weiter. Weil: "Alles ist gelähmt. Was nicht gelähmt ist, sind Ihre Träume. Deshalb waren Sie im Rollstuhl auf dieser Party. Ich hoffe, dass Sie in Ihren Träumen bis zum Abwinken tanzen konnten."

Ich möchte mich schon wieder übergeben. Könnte dieser Mensch mal aufhören, seine verrückten Vorstellungen über das Volk zu gießen? Finsternis! Glaubt wirklich irgendjemand, dass ein Rollstuhlfahrer auf eine Party fährt, um davon zu träumen, wie es wäre, jetzt tanzen zu können? Wenn ich auf eine Party fahre, dann möchte ich mich vorher gut anziehen und ein bißchen aufbrezeln, dort nette Leute treffen, mich mit ihnen angeregt unterhalten, viel lachen, was Gutes essen, was trinken, vielleicht auch tolle, neue, laute Musik hören und mal den Alltagsstress hinter mir lassen.

Natürlich ziehe ich mich gut an und brezel mich ein bißchen auf. Nein, ich sehe nicht aus wie ein Tuschkasten und rieche auch nicht wie eine Parfümerie. Ich bin eher eine Freundin von Dezenz und Unaufdringlichkeit. Aber ich bin, streng genommen, "geschminkt und wohlriechend", und manchmal trage ich auch ein Kleid. Wie viele andere Menschen auf jener Party, bei der jener Briefeschreiber den Samuel getroffen hat. Samuel war allerdings nicht geschminkt, nehme ich an. Und ein Kleid trug er wohl auch nicht. Und wohlriechend war er ... ähm, wie jetzt?!

Kommentare:

hannahalyon hat gesagt…

Dein Blogbeitrag hat mich dazu gebracht, bild.de zu besuchen und die komplette Post von Wagner zu lesen. Hätte ich mir sparen sollen, so ein armseliges Briefchen ist das.

Voyager hat gesagt…

Wagner mal wieder in Hochform. Auf mich wirkt der ganze "Text" so, als ob der Typ selbst danebengestanden und den ganzen Abend Herrn Koch beglotzt hat.

Was für Drogen muss man eigentlich nehmen, um so ein Zeug verzapfen zu können? Ich befürchte, Alkohol reicht da nicht mehr...

Anonym hat gesagt…

Man merkt dass vorlesungsfreie Zeit ist... ;-) So viele Beiträge in wenigen Tagen.

Den B-Bericht als auch diese armseligen Zeilen, von einem der meint das kommentieren zu müssen, sind eigentlich nicht der Erwähnung wert.
Wieso muss das erwähnt werden? Und wieso muss man jemanden so derart bloßstellen, nur weil er eine Party besucht? Ja, Rollifahrer können tanzen, können fliegen, können kommunizieren, können... Ok, sie können nicht laufen. Manche können sich auch nicht an der Nase kratzen. Na und? Die Bedürfnisse eines Menschen im Rolli und eines Menschen ohne solches Hilfsmittel gleichen sich doch. Letztendlich kann man auch alle Brillen- und Hörgeräteträger von Partys ausschliessen. Oder alle Menschen mit Einlagen. Oder... tbc.
Und merke: wer nicht lernen will, der lernt auch nicht. Es ist vergebliche Liebesmüh, diesem Schreiberling erklären zu wollen, was Anstand und Moral, Sitte und Höflichkeit sind.
Finster sind in diesem Zusammenhang nur die Ansichten, die sich aus der Finsternis des Nichtwissens ergeben. So hoffen wir, dass seine Finsternis noch in irgendeiner Weise erleuchtet* wird.

*im Sinne von plötzliche Erkenntnis, Eingebung(Duden).

Mike hat gesagt…

Ah, mal wieder ein ganz unpolitischer politischer Artikel!

Kollege W. scheint wohl generell ein psychologisches Problem mit Behinderten zu haben.

So sah er ja auch den Friedensnobelpreis für die EU auch damit gerechtfertigt, dass es dadurch weniger Kriegsversehrte gäbe. (Als ob die ganzen Toten im Krieg pillepalle wären...)

Das Problem liegt eher darin, dass er mit Seiner Haltung "Die Armen Armen Behinderten, die ja so dermaßen unglücklich sein müssen blah sülz" durchaus Einfluss auf die Massenmeinung nimmt.

LG
Mike

Vio hat gesagt…

Da ich die Bild nicht lese, kann ich nur aus zweiter Hand mitreden. Ich bekomme nur von seinen Briefen mit, was andere über ihn schreiben.

Ich lege dir diesen Text sehr ans Herz, der ein wenig Aufklärung darüber bringt, wie diese unsäglichen Briefe entstehen ; )

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/post-von-wagner/

Anonym hat gesagt…

Wagner ist UNWICHTIG, völlig BEDEUTUNGSLOS. Der lebt in der ewigen Dunkelheit seiner eigenen Wahrnehmung - um es mal in seinen Worten auszudrücken :D Auf jeden Fall niemand, über den man sich aufregen oder mit dem man womöglich Mitleid haben sollte.

Gruß

Loxia

Anonym hat gesagt…

Ich finde viele Berichte in Zeitungen absolut daneben. Man kann es schon an den ersten Sätzen lesen, ob diese Person schon mal wirklich mit einer behinderten Person Kontakt hatte. Und damit meine ich nicht die 3 dummen Fragen...

Aber eins muss ich sagen: Viele mögen Samuel nicht, weil er den Unfall "selbst verschuldet" hat. Vielen ist sein Leben nun egal. Aber es gibt nun mal auch genug Leute, die aus Berichten über ihn Kraft ziehen oder auch einfach nur sehen, was so trotz Behinderung möglich ist. Manchmal reichen da sogar einfach Bilder, da der Text dazu zu bekloppt ist.

Ich finde daher Berichte über Samuel, von dir und von anderen behinderten Menschen immer gut, weil sie unerfahrene oder unwissenden Menschen daran erinnert, dass es auch Menschen gibt, die Hilfe brauchen und nicht nur als leichtes Mobbingopfer dienen.

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,

hast du mal überlegt diesen und den anderen Beitrag an den bildblog zu schicken?

LG,

eine Mitleserin

BigDigger hat gesagt…

Niiiicht aufregen, liebe Jule. Einfach ignorieren.

Wie sagte noch Volker Pispers (allerdings im Zusammenhang mit der Koranverbrennung)?
"Ich hab noch gelernt, wenn einer wichst, dann guck ich weg!"
http://www.youtube.com/watch?v=73fMwLevXqg&t=19m15s

Ich glaube, der Wikipedia-Eintrag von Franz-Josef Strau... äh, Wagner erklärt schon eine ganze Menge:
- '43 in Böhmen und Mähren geboren
- Klosterschüler
- Schulabbrecher ohne Abschluss
- Seit '66 bei Springer
- Kriegsberichterstatter in Vietnam, Israel und Ägypten
- Ghostwriter für Franz Beckenbauer
- Burda-Chefredakteur
- Super-Illu-Mitentwickler

Jetzt mal ehrlich: So einen Lebenslauf ...

Kommentar von einem Administrator moderiert.

Olli hat gesagt…

Es erscheint schon müßig und obsolet,s ich überhaupt an dieser sog. Zeitung abzuarbeiten.
Wagners Kolumne, so deucht mir, taugt hächstens als Material zur Diagnose-Ausbildung von Psychologen...
Dafür fehlt hier noch der IMHO relevante HInweis auf das Bildblog.de, die viel von dem was die sog. Zeitung mit den großen Buchstaben und auch andere Medienorgane verzapfen, kritisch aufklärend begleitet.

Anonym hat gesagt…

Samuel wer?

jali hat gesagt…

Ich wünschte man könnte den Wagner einfach ignorieren.
Es schreiben ja viele Leute viel Unsinn in Zeitungen (Papier ist bekanntlich geduldig), aber nur bei wenigen ist das regelmäßig so armselig wie bei Wagner.

Leider muss man sich hin und wieder damit befassen, weil immer noch viel zu viele Leute dem Müll lesen, und so einen armseligen Text auch noch "bewegend" (O-Ton) finden. Ich empfehle dabei antiseptische Handschuhe zu tragen.

@BigDigger: Das Problem mit Wagner ist, das der seine geistige Onanie nicht in *die* Zeitung (auf Seite 1), sondern in *der* Zeitung betreibt. Also so quasi morgens um acht am Hauptbahnhof. Was kann man schlecht ignorieren, weil man dran vorbei muss. Und das *will* man nicht sehen.

Ihh, jetzt habe ich ziemlich ekelige Bilder im Kopf. *brr*

BigDigger hat gesagt…

HA!

Die Stinkesocke schafft's in den BILDblog! :-D

Glückwunsch, liebe Jule - jetzt bist Du endgültig in der Bloggerszene angekommen! *applaudier*

(Dann schätze ich mal, spätestens im Juli haste die zweite Million Besucher zusammen...)

jali hat gesagt…

Hi Jule,

kaum schreibt jemand, Du könntest das ja mal Bildblog schicken, verlinken die Dich:

http://www.bildblog.de/46014/netzwerke-nahverkehr-sonnenschein/

Anonym hat gesagt…

Ich kann die Antwort ja verstehen, aber seien wir ehrlich:
Der Mann ist es nicht wert, dass man sich mit ihm beschäftigt.

Nach Tucholsky:
"Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht."

FB hat gesagt…

Herrlich, Jule. "Und wohlriechend ... wie jetzt?!"

Vielleicht hat er gepupst. Und (k)einer hats gemerkt.

Ich lach mich schlapp. Ich stelle mir dich als absolut kurzweiligen Menschen vor und wünsche mir, mal für eine Stunde die Welt mit deinen Augen sehen und mit deinem Humor ertragen zu dürfen.

Robin hat gesagt…

Der Mann ist so durch, seit Jahren frage ich mich, was der für Drogen nimmt (und wo ich die herkriege - muss lustig sein da, wo er ist).

Man könnte ihn ignorieren. Oder man könnte sich auch so lange über ihn aufregen, bis diese unsägliche Kolumne endlich eingestellt wird.

Daher: Danke für diesen Beitrag!

ratzfatz hat gesagt…

Hi Jule,
das hat jetzt nur ganz entfernt was mit diesem Beitrag zu tun, aber vielleicht interessiert es dich. Eine beeindruckende Geschichte:
http://www.guardian.co.uk/artanddesign/2013/feb/10/giles-duley-photography-amputee-afghanistan

(es gibt noch andere Artikel über und von Giles Duley, und seine Fotos auf seiner Website)

Der Schlusssatz ist vielleicht doch ganz passend zum Thema:
"One day, if they write an epitaph for me, I hope it will not say I was a triple-amputee, instead just say that Giles Duley was a photographer. For that is what I am."

Schattenlos hat gesagt…

Jule, lass Wagner Wagner sein und reg Dich nicht über ihn auf. Dieser Mann und sein wirres Geschmiere sind es nicht wert und durch Diskussionen über seine wirren Briefe hebt man den Mann nur auf ein Podest, wo er hundertprozentig nicht hingehört.

grinseliese hat gesagt…

hui, dein zähler zählt wie wild...ich persönlich versuch immer schon am zeitungsständer von der bild wegzuschauen, weil ich mich da jedesmal aufregen müsste...

P. hat gesagt…

Vielleicht hätte Samuel sich ja gerne geschminkt und ein Kleid angezogen, hat sich aber nur nicht getraut, weil zu viele Pressefuzzis aus einem Partybesuch wieder ein Medienereignis machen, weil er im Rolli sitzt?

Abgesehen davon - es gibt auch viele nicht - Rollstuhlfahrer, die nicht zum Tanzen auf eine Party gehen. Sondern zum Musik hören, quatschen, Spaß haben.
Völlig unabhängig davon ob ich die ganze Zeit stehen kann, später nicht mehr stehen kann oder gar nicht stehen kann.

Philipp hat gesagt…

Dass Ich die Zeitung ,mit den vier großen Buchstaben nicht besonders mag muss Ich hier nicht wirklich erwähnen, doch hier hat man sich anscheinend mal wieder selbst übertroffen. Selten habe Ich solch einen gequirlten Mist gelesen.

"So viele Stars waren da, geschminkt, wohlriechend, mit Kleidern bis zum Po." O M G.

Das zeigt nur mal wieder auf welch einem Niveau sich dieses Blatt bewegt und welche Leserschaft es anspricht.

Armes Deutschland.....

Anonym hat gesagt…

Bin zwar etwas spät dran aber bin erst heute zum obligatorischen Bildblog lesen gekommen und so dann auf deinen lesenswerten Blog gekommen der direkt in meine Favoritenliste gewandert ist.

Zu deinem Post was erwartet man von dem Bild Haus und Hof Kolumnisten? Ich weiß gar nicht in ich lachen soll über Wagners "Post" oder heulen soll das die auflagenstärkste deutsche Tagesblatt so etwas druckt. Dann kommt ja immer das Totschlagargument "Ich lese die Bild ja nur zum lachen" aber wir alle wissen das es eine Menge Menschen gibt die unreflektiert jeden Axel Springer Quatsch für bare Münze nehmen.
Man muss Wagner allerdings Eines lassen er schafft es im allgemeinen in seiner Kolumne eine nie da gewesene Mischung aus Gutmenschentum, latenten Rassismus und Erzkatholikentum zu vermischen wie genau er das macht bleibt wohl sein Geheimnis. Ich schätze er versucht einfach grundsätzlich das zu reflektieren was die Blöd für die allgemeine "deutsche" Meinung hält. In dem speziellen Fall weiß ja jeder das Behinderte allen Vorran Rollstuhlfahrer sozial ausgegrenzte Trauerklöße sind die zu Hause in ihrem Kämmerchen sitzen und depressiv mit ihrem Schicksal hadern ...zumindest im Axel Springer Kosmos.

Julia hat gesagt…

Deshalb lese ich keine Bild;)

Chrissy hat gesagt…

Einfach klasse :-)

kleine Anekdote dazu: Mit Freundin in der S-Bahn (Sie Rollstuhlfahrerin, ich Fußgängerin). Wir unterhalten uns ausgelassen. Plötzlich fällt mir eine ältere Dame auf, die uns (oder besser meine Freundin) mitleidig anstarrt. Als ob das nicht reichen würde, drückt sie ihr einen Zettel in die Hand und murmelte irgendwas von "Gott hilft" oder so ähnlich... . Als wir ausgestiegen waren, haben wir uns den Zettel mal genau angeguckt: Gott macht, dass du wieder laufen kannst... . Wir sind fast umgefallen vor Lachen! Nur so am Rande: Meine Freundin kann laufen, ein Shoppingtag ist allerdings etwas viel.
Wie sagt man so schön: Es steht jeden Tag ein Dummer auf :-)

Daniel Weltenbummler hat gesagt…

Unglaublicher Mist, den Herr Wagner da mal wieder verzapft hat.
Mein Partner sitzt nach einem Unfall vor 3 Jahren selbst im Rollstuhl, und es ist zwar absolut nicht immer einfach, aber gleich von "Finsternis" zu sprechen ist dann doch wohl leicht übertrieben.
Das ist genauso albern wie Leute die mir erzählen wie "toll" es ist dass ich bei ihm geblieben bin und mir quasi am liebsten den Kopf dafür tätscheln wollen.

Als Partner eines Rollifahrers geht mir bei diesem "Brief" die Hutschnur hoch, und als Rollifahrer würde sie das erst recht.

Fine hat gesagt…

Schade, dass diese Zeitung das einzige ist, was viele Menschen in Deutschland überhaupt lesen. Da kann so ein Kram wie von Wagner auch schnell das einzige "gefühlte" Wissen der Leser werden.