Freitag, 21. September 2012

Das "Wir" gewinnt

Einskommaeins Millionen ... langsam wird es Zeit für ein paar Starallüren.

Die Sozialorganisation "Aktion Mensch", den meisten Menschen bekannt über die Lotterie, die der Verein für Projekte zugunsten behinderter Menschen veranstaltet, ist auch Herausgeber vieler verschiedener Medien für das Miteinander von Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung.

Ein Aufklärungs-Themenheft, eine 88-seitige A4-Broschüre mit dem Namen "Wissen Inklusion", wurde Ende August herausgebracht. Auf Seite 20 findet sich neben einem Zitat (und mit Foto) von Wolfgang Schäuble eine Auswahl aus meinen "50 Sätzen, mit denen ich als Rollstuhlfahrerin in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen mehr als einmal konfrontiert wurde" - samt einem Link auf meinen Blog und einer netten Comiczeichnung, in der ein älterer Herr mit Stock eine Rollstuhlfahrerin im Bus anspricht, sie solle ruhig sitzen bleiben.

Leider musste ich die gerade beschriebenen Bilder unkenntlich machen, da ich für deren Veröffentlichung keine Erlaubnis bekommen habe. Für den Rest jedoch schon, vielen Dank! Daher: Schaust du!


Donnerstag, 20. September 2012

Herzinfarkt

"Pizza selbst machen" lautete das Motto für unseren DVD-Abend. "Zutaten selbst kaufen" geht dem selbstverständlich voraus. "Gemeinsam dafür losfahren" war der Vorschlag von Maries Mutter, die ebenfalls noch einkaufen wollte und uns damit anbot, beim Einkaufswagen schieben behilflich zu sein. Und beim Tragen. Und beim Herunterholen der besten Sachen aus den obersten Regaletagen. (Was sind Regale-Tage?!)

Mal nicht selbst fahren zu müssen, kann auch entspannt sein, und so blödelten wir auf der Rückbank herum, während Maries Mama die Familienkutsche in Richtung Einkaufscenter lenkte. Während wir an einer Kreuzung auf grün warteten, fiel mein Blick auf einen Typen, geschätzte 50 Jahre alt, der sich an einem Ampelmast auf der gegenüber liegenden Straßenseite festhielt. Die übrigen Leute machten einen großen Bogen. Dann torkelte er los, nicht über die Straße, sondern weiter den Gehweg entlang, ging zwischen zwei Autos hindurch. Suchte seinen Schlüssel.

Ich sagte: "Guck mal da drüben, will der jetzt Auto fahren? Der ist doch völlig breit." - Maries Mutter antwortete: "Bei seiner Gesichtsfarbe würde ich eher auf Herzprobleme tippen."

Sekunden danach hielt sich der Mann an seinem (?) Auto fest und rutschte langsam auf den Boden. Setzte sich unsanft hin, griff sich mit beiden Händen an die Brust, guckte ängstlich aus der Wäsche. Verzerrte das Gesicht. Maries Mutter seufzte. Bog über die immernoch rote Ampel nach rechts ab, wechselte in den Fahrstreifen des Gegenverkehrs, blieb direkt vor dem Typen stehen und schnallte sich ab. Autos kamen auf dieser kleinen Straße gerade keine, dafür waren aber jede Menge Fußgänger unterwegs. Ein junger Mann, um die 18, mit Augenbrauenpiercing, Vollbart, schwarzen Lederstiefeln, schwarzer Jeans und langem grauen Stoffmantel, kniete sich bereits zu ihm. Marie fragte: "Soll ich einen Krankenwagen rufen?"

Maries Mutter sagte: "Notarzt. Hundertzwölf." - Sie stieg aus. Marie machte das Fenster runter. Während sie wählte, fragte sie: "Was soll ich denen sagen? Kreislaufprobleme?" - "Herzinfarkt. Und wenn er diskutieren will, gibst du ihn mir." - Im selben Moment: "Ja, guten Tag, mein Name ist Marie ..., wir sind im ...weg vor Hausnummer 1, da ist gerade ein Mann zusammengebrochen, meine Mutter ist Ärztin und kümmert sich um den, sie meint, ich soll den Notarzt rufen, er hat wohl einen Herzinfarkt."

Maries Mutter war gerade von dem Typ im grauen Mantel angesprochen worden: "Lassen Sie mal, ich bin Ersthelfer!" - Maries Mutter antwortete: "Ich bin Ärztin. Können Sie mir helfen und dort in die Praxis laufen und fragen, ob die einen Notfallkoffer haben?

Kurz darauf kam er mit zwei Frauen raus. Eine, geschätzt über 60 mit Stethoskop um den Hals, eine junge Frau Anfang 20, einen roten Rucksack über die Schulter hängend. Die Frau sagte: "Da haben Sie Glück, wir sind eigentlich nur noch mit Papierkram beschäftigt. Was hat er denn? Sie sind Kollegin? Oh bitte machen Sie, ich assistiere Ihnen. Ich habe den Rucksack noch nie benutzt, nur einmal reingeschaut, als wir den angeschafft haben."

Als der Rettungswagen zwei Minuten später mit Blaulicht um die Ecke kam, hatte der Typ immerhin schonmal einen Venenzugang und einen freigelegten Oberkörper. Die Sanitäter holten das mobile EKG-Gerät aus dem Wagen. Die ältere Ärztin stand auf: "Auf der Erde rumkriechen tut meinem Ischias alles andere als gut. So ein Mist."

Nun kam der Hammer: Das EKG ließen sie Maries Mutter noch ankleben und anschließen. Als sie dann aber, nachdem sie sich das angeguckt hatte, den Sanitäter fragte: "Können Sie mir ... und ... und ... aufziehen bitte und die Trage vorbereiten? Der Patient muss schnell in die Klinik?" sagte dieser: "Ich möchte erstmal Ihren Ausweis sehen. Das eine ist ein Betäubungsmittel, ich komme in Teufels Küche, wenn ich mich nicht vorher vergewissert habe und sich hinterher rausstellt, dass Sie keine Ärztin sind."

Maries Mutter guckte ziemlich doof aus der Wäsche. Der Typ stand schulternzuckend neben ihr. Die andere Ärztin, die am Auto lehnte und sich den Rücken hielt, sagte: "Geben Sie mal her." - Der Sanitäter sagte: "Nee, Sie auch nicht. Eine weiße Hose ändert nichts an den Tatsachen."

Maries Mutter legte also selbst Hand an. In dem roten Rucksack von der älteren Ärztin waren die benötigten Medikamente scheinbar auch drin. Sie nahm eine Glasampulle raus und drückte sie der älteren Kollegin in die Hand. - Der Sanitäter antwortete kleinlaut: "Ist ja schon gut." - Maries Mutter sagte: "Ich bin jahrelang selbst Notarztwagen gefahren, Sie müssen keine Angst um Ihren Job haben. Mein Ausweis liegt im Rucksack und der liegt hinter zwei Rollstühlen im Kofferraum, dafür haben wir jetzt keine Zeit, okay? Der Zustand des Patienten ist absolut lebensbedrohlich. Ist eigentlich der Notarzt mit Euch ausgerückt?"

"Disponiert ist er, aber es ist wohl im Moment keiner verfügbar. Ich denke, der nächste freie kommt so schnell wie möglich nach. Heute ist der Teufel los." - Ende vom Lied: Nachdem sie den Typen, der inzwischen nicht mehr ansprechbar war, in den Rettungswagen verladen hatten, fuhr Maries Mutter im Rettungswagen mit ins Krankenhaus. Die andere Ärztin sammelte den Müll von der Fahrbahn und machte den Rucksack zu, ging wieder in ihre Praxis und wir standen wie doof entgegen der Fahrtrichtung mit dem Auto auf der Straße. Und konnten es nicht wegfahren, da es ein Schaltwagen ist. Und an unsere Rollstühle kamen wir auch nicht. Immerhin konnte Marie so weit nach vorne durchkrabbeln, dass sie den Motor ausmachen und das Warnblinklicht einschalten konnte. Irgendwann würde Maries Mutter sicherlich mit dem Taxi zurück kommen, wir hatten ja Zeit.

Vorher kam aber noch: Richtig, die Polizei. Ein Streifenwagen hielt an. Nach kurzer Diskussion fuhr einer der Beamten das Auto in eine Parklücke, räumte uns die Rollstühle aus dem Auto und so konnten wir zumindest schonmal einkaufen fahren. Ohne eine Helferin, die uns beim Einkaufswagen schieben behilflich war. Und beim Tragen. Und beim Herunterholen der besten Sachen aus den obersten Regal-Etagen.

Opfer einer Fallpauschale

Die Fallpauschale bringt es mit sich: Während vor ein paar Jahren frische Querschnitte noch lange genug im Krankenhaus und vor allem in der anschließenden Reha verbrachten, bekommt die Behandlungseinrichtung heute von der Krankenkasse in der Regel nur noch eine pauschale Summe. Was dazu führt, dass einige Kliniken, die sich eigentlich auf Querschnittlähmungen spezialisiert hatten, den "Standard-Querschnitt" auf Krankenkassenrechnung gar nicht mehr aufnehmen, sondern nur noch komplizierte Fälle (beispielsweise hoch gelähmte Patienten, die dauerhaft beatmet werden), behandeln. Privatpatienten haben, ebenso wie Unfallopfer, bei denen eine Unfallversicherung das Krankenhaus anhand der tatsächlichen Behandlungsdauer vergütet, ebenfalls noch eine Chance.

Der Rest wird in Krankenhäusern behandelt, die sich eben nicht auf Querschnittlähmungen spezialisiert haben - mit der Folge, dass sie nach drei bis sechs Wochen wieder zu Hause sind und im Alltag alles andere als zurecht kommen. Sie können mit ihrem Rollstuhl nicht umgehen, trauen sich nicht auf die Straße, kommen vom Fußboden weder ins Bett noch in den Rolli. So haben wir aktuell eine junge Frau Anfang 20, die vom Pferd gestürzt ist und zum Glück bei ihren Eltern lebt. Alleine wäre sie permanent von einem Pflegedienst abhängig. Als sie aus der Klinik kam, war sie nicht mal in der Lage, sich alleine vom Rollstuhl auf die Toilette umzusetzen. Und sie hat die gleiche Lähmungshöhe wie Jana, die völlig selbständig ist und überhaupt keine Hilfe durch Dritte braucht.

Davon abgesehen, dass sie körperlich absolut unfit ist, geht es ihr psychisch zur Zeit so schlecht, dass sie eigentlich in eine Klinik gehört. Das würde bei Aufnahme wohl eine neue Fallpauschale auslösen, nur glaube ich nicht, dass man mit ihr in der Psychiatrie die Mobilität mit dem Rollstuhl üben würde. Es ist zum Heulen. Zum Glück hat der Vater einen halbwegs kühlen Kopf behalten und drängt sie nun zum Sport. Schwimmen, meinte er, könnte sie auf jeden Fall lernen, und so tauchte er irgendwann mit ihr bei unserem Schwimmtraining auf, wurde von Tatjana in eine Anfängergruppe geschickt - und nachdem die dortige (laufende) Übungsleiterin zurückmeldete, dass sie dringend Kontakt zu Rollstuhlfahrern braucht, haben sich Marie, Cathleen, Jana und ich ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie ist sehr nett, sehr schüchtern und eben völlig überfordert. Was inzwischen dazu führt, dass sie spätestens jeden zweiten Tag bei irgendeinem von uns vor der Tür steht, weinend, nach Halt suchend. Und irgendjemand fährt sie dann kurz vor Mitternacht wieder nach Hause. Anstrengend. Nicht sie, sondern ihre beschissene Situation.

Weil wir wissen, dass es für sie noch anstrengender wird, wenn wir sie auf Distanz halten würden, was wir eigentlich tun müssten, um uns selbst zu schützen, machen wir genau das Gegenteil und laden sie im Moment ständig zu uns ein. Sei mit uns zusammen, lerne mit uns zusammen, wie du mit deiner Behinderung zurecht kommst, und fühle dich wohl. Eigentlich kann es nicht irgendeines Menschen Wille sein, was hier passiert, aber dennoch passiert es. Inzwischen sind wir aus dem Tal der Tränen raus, inzwischen ist sie so weit, dass sie einen bissigen Ehrgeiz entwickelt hat, Fortschritte zu machen. So kommt sie inzwischen selbständig auf das Klo und auf den Beifahrersitz. Vorgestern haben wir mit ihr geübt, wie sie im Sitzen alleine eine Hose über ihren Po bekommt. Im Liegen konnte sie es, aber im Sitzen nicht. Ich glaube, es waren 70 Versuche. Ab dem 50. Versuch wurde sie aggressiv. Am Ende konnte sie es.

Heute nun treffen wir uns abends für einen DVD-Abend bei Marie. "Ziemlich beste Freunde" gibt es inzwischen ja zu kaufen, vielleicht schaffen wir es auch für eins der letzten Male in diesem Jahr in den Pool, vielleicht sogar in die Sauna. Sobald der erste Nachtfrost kommt, wird das Wasser abgelassen. Und auf jeden Fall wollen Marie, Cathleen, Jana und ich mit der jungen Frau den Transfer vom Fußboden in den Rollstuhl üben. Das muss sie können. Ob sie will oder nicht.

Sonntag, 16. September 2012

Es geht wieder los

Kreisch! Es geht wieder los. Im Supermarkt steht schon wieder regalweise das Weihnachtsgebäck. So weit das Auge reicht. Und so, wie es aussieht, steht das da nicht erst seit gestern, und so wie das auch aussieht, bedienen sie mit dem frühen Verkauf (wir haben September!) auch die Wünsche etlicher Kunden. Einige Kartons sind ja schon komplett leer.

Alte Traditionen sind also nichts mehr wert. Als ich noch ein Kind war, wurden im Advent Kekse gebacken. Die Bäcker und Händler nutzten diese besinnliche Zeit, um besondere Leckereien unter das Volk zu bringen. Ich stelle den Antrag, Weihnachts- und Ostersachen das ganze Jahr hindurch zu produzieren und anzubieten. Dann fällt diese Geschmacklosigkeit wenigstens irgendwann nicht mehr auf.

Samstag, 15. September 2012

Stiekum und nonchalant

Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: "Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella."

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. "Möchten Sie auch eins?", fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: "Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?" - "Frühstücken!" riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

"Haben Sie sich ausgeschlossen?", fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: "Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab." - "Achso. 'Zwischen die Kiemen' ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?" - "Triathlon, doch." - "Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus." - "Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei." - "Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?"

Ich antwortete brav: "Einen Rennrollstuhl, ja." - "Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit." - "Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip ... sowas ähnliches." - "Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie." - "Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst." - "Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?" - "Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt." - "Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf."

Als sie weg war, sagte Cathleen: "'Haben Sie sich ausgeschlossen?' Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit." - "Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten", ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: "Du meinst die kleinen Vorderräder?" - Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: "Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz." - "Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so." - "Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?"

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: "Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin." - "Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen." - "Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um." - "Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne." - "Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit." - "Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt." - "Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen."

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

"Lange oder kurze Hose?", fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: "Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?" - Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. "Es geht jeden Moment los", ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben - aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: "Du transpirierst. Aus allen Nähten." - "Ich komm gleich kuscheln."

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: "Das nennt man 'Zentralheizung'!"

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: "Sagt meine Oma!" - Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: "Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?" - "Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs."

"Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?" - "Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe." - Marie kiecherte und sagte: "Auweia. Und?"

Lisa sagte: "Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: 'Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'"

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: "Das macht man allenfalls stiekum und still." - "Was für ein Ding? Stiekum?" - "Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?" - "Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie 'unauffällig' oder 'lässig' heißt."

Lisa antwortete: "Nein eben nicht. Stiekum heißt 'heimlich'. Das, was du meinst, ist 'Nonchalance'. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt."

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: "Deine Oma ist ja drollig. 'Nonchalance' heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm."

Lisa guckte die Frau entsetzt an: "Wirklich?" - Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: "Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil 'frisch machen' find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt."

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: "Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und 'Zentralheizung' sagen."

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. "Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command." - Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: "Das bedeutet, der sagt nicht 'Auf die Plätze!', sondern stattdessen 'Take your marks!' - nicht wundern!"

Marie sagte: "Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt." - Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: "Du, da sind Zombies im See." - "Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren." - "Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen ..." - "Take your marks! Möööööp!"

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler - und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: "Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann." - "Sind Sie verletzt?" - "Nein." - Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde - ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist - es ist nicht erlaubt.

"Weder stiekum noch nonchalant?", fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: "Gar nicht. Und 'gar nicht' heißt 'gar nicht'. Ohne Wenn und Aber."

Freitag, 14. September 2012

Seelentröster

Frauen können manchmal ja so gemein sein. Männer auch, ich weiß. Aber heute geht es eher um eine Frau. Eine ganz spezielle. Eine ganz speziell gemeine.

Ein Typ, ebenfalls Paratriathlet, allerdings nicht aus Hamburg, sondern aus dem Hamburger Umland, trainiert hin und wieder bei uns mit. Nicht in meiner Gruppe, aber wir rollen uns häufiger mal über den Weg. Er ist etwa 10 Jahre älter als wir, nicht unattraktiv, hat nach einer verpfuschten OP einen inkompletten Querschnitt, hat also in den Beinen noch Restfunktionen, die aber nicht zum Laufen reichen. Ich finde ihn sehr nett, ein toller Kumpel, der gut zuhören und vor allem gut motivieren kann. Auch die anderen Leute in meinem Alter mögen ihn, obwohl er sehr viel älter ist. Man kann mit ihm sehr gut herumschäkern, herumalbern, herumturteln - bis zum äußersten, ohne dass es die letzte Grenze überschreitet.

Manchmal hat er mir eine SMS geschrieben. Mich quasi angestupst. Er schreibt dann sowas wie: "Boing!" - Etwas, was tierisch albern und kindisch ist, worüber man dann aber doch lachen muss. Und zurück schreibt: "Plopp." Oder ähnliches. Meistens kam danach dann: "Geht es dir gut? Kommst du heute abend auch zum Training? Haben lange nicht mehr gequatscht." - Zum Beispiel. Mit Cathleen hat er das auch regelmäßig gemacht, mit einigen anderen sicherlich auch.

Er arbeitet halbtags und ist seit sechs Jahren mit einer Fußgängerin zusammen. Nicht verheiratet, aber sie haben sich vor zwei Jahren zusammen ein Haus gekauft. Seine Frau tauchte früher immer mal beim Training auf, in letzter Zeit aber nur noch sehr selten.

Wie wir inzwischen wissen: Sie hat einen neuen. Schon seit mehreren Monaten. Sowas soll vorkommen. Allerdings hat sie wohl ein wenig zu lange gewartet, bis sie ihm das gesagt hat. Also nochmal schnell den gemeinsamen Urlaub mitgenommen, während von der anderen Seite schon ein Braten in der Röhre war.

Okay, sie sollen mich nicht weiter interessieren, die Beziehungsprobleme der anderen. Wäre ich da nicht unfreiwillig und überraschend verflochten verheddert worden. Angeblich, so die Exfrau, hätte ich ihr signalisiert, dass ich mich vor ihm fürchte und unbedingt möchte, dass er freiwillig einen Bogen um mich machen würde.

Eine Halbwahrheit. Vor etwa vier Wochen haben die beiden sich heftig gezofft, am Rande einer Trainingseinheit. Sie hat Streit gesucht, hat versucht, uns alle mit einzubeziehen (was ihr allerdings nicht geglückt ist), hat ihn so richtig derbe bis aufs Blut provoziert. Er wollte trainieren, wollte von ihr und ihren Provokationen in Ruhe gelassen werden, sie hat sich ihm permanent in den Weg gestellt, weil sie irgendeine angebliche Beleidigung durch ihn klären wollte. Ich habe das nur am Rande mitbekommen, allerdings hat er sie mindestens zehn Mal aufgefordert, ihn in Ruhe zu lassen, aus dem Weg zu gehen, das später zu klären, wenn sich seine Emotionen etwas gelegt hätten. Sie hat weiter permanent auf ihn eingeredet und ihm Beleidigungen an den Kopf geworfen (Schlappschwanz, was mit Blick darauf, dass die männliche Erektion aus dem bei ihm geschädigten Rückenmark gesteuert wird, absolut nicht nett ist) und irgendwann ist er geplatzt. Er hat sie im Rennbike sitzend zurückgestoßen, sie ist rückwärts über einen Bordstein gestolpert und hat sich unsanft auf den mit Schafskacke gedüngten und arg durchfeuchteten Rasen gesetzt. Dann ist er, ohne sich weiter um sie zu kümmern, abgerauscht.

Die Trainerin aus seiner Gruppe hat ihr dann gesagt, dass es vielleicht besser sei, wenn sie erstmal verduftet. Woraufhin sie dann erneut versuchte, uns alle in Gespräche zu verwickeln. Heulend. Mich fragte sie, ob ich das eben gesehen hätte und gewusst hätte, dass er so gewalttätig werden könnte. Daraufhin habe ich gesagt: "Nein, das wusste ich nicht und das finde ich auch nicht in Ordnung." - Gewalt finde ich nie in Ordnung. Wenngleich ich zugeben muss: Vor meinem inneren Auge lief der Comic ab, in dem sie am Kragen gepackt wird und links und rechts ein paar geklatscht bekommt. Und dagegen war die Schafskacke an ihrem Po recht harmlos.

Aus diesem Satz, dass ich das nicht wusste und auch nicht in Ordnung finde, hat sie nun gemacht, dass ich mich vor ihm fürchte und gerne größtmöglichen Abstand hätte. Hat ihm gleichzeitig die endgültige Trennung bekannt gegeben. Etwas später stellte sich dann raus, dass sie den Streit nur gesucht hatte, um sich von ihm einen Grund für die Trennung liefern zu lassen. Das ist nicht aufgegangen, sie musste sich dafür entschuldigen.

Auf jeden Fall bekam ich nun am letzten Wochenende plötzlich eine SMS: "Flupp!" - Ich schrieb zurück: "Hicks?!" - Woraufhin er schrieb: "Bäääh. :'(" - "Alles in Ordnung bei dir?" - "Nee. Können wir mal telefonieren?"

Naja, was soll ich sagen? Sie hat doch nun einen neuen Mann. Warum kann sie den alten dann nicht wenigstens in Ruhe lassen? Wenn man versucht, die gemeinsamen Freunde auf die eigene Seite zu bekommen, kann ich das zwar nicht verstehen, aber immernoch besser nachvollziehen, als wenn man versucht, seine Freunde zu vergraulen und davon zu überzeugen, dass er ein schlechter Mensch ist. Und das tut sie. Schnappt sich sein Handy und versendet Nachrichten an alle möglichen Leute. Anstrengend. Einfach anstrengend.

Am letzten Montag waren wir noch ein letztes Mal in diesem Jahr am Strand. Cathleen, Marie und ich - und spontan haben wir ihn mitgenommen. Ihn gefragt, er war anfangs sehr zögerlich, was denn da für Sprüche kommen würden, er mit drei deutlich jüngeren Frauen, teilweise noch unter 20, aber dann hat er sich überreden lassen. Was für Sprüche sollten da kommen? Selbst wenn wir da am Strand spontan eine Swingerparty veranstaltet hätten, wen geht das was an?!

Haben wir nicht. Wir haben uns zu viert in der Ostsee auf eine Luftmatratze gestapelt. Und hatten jede Menge Spaß. Haben ihn zu dritt massiert. Ihn eingebuddelt. Ihn beim Baden mit nassem Sand beworfen. Uns Ringkämpfe im Wasser mit ihm geliefert. Es war einfach toll und es hat ihm und uns viel Spaß gemacht. Und vor allem hat er, glaube ich, gemerkt, dass wir ihn nach wie vor sehr mögen.

Er hat sich, als wir alle wieder zu Hause waren, bedankt. Er sei sehr froh, dass sich das noch geklärt habe und das mit dem Abstand, den ich angeblich eingefordert hätte, nicht stimmt. Seit einer Woche versuche ich, seine Ex zu erreichen, möchte wissen, was das sollte. Immerhin könnte es ja auch eine Lüge von ihm sein, um sie ins schlechte Licht zu rücken. Ob ich ihm das zutrauen würde? Ich glaube nicht, aber in so einem Trennungskrieg sind ja viele Menschen plötzlich nicht mehr dieselben. Aber sie hat sich weder auf meine Rückrufbitten noch auf meine SMS gemeldet. Gestern lief sie mir zufällig über den Weg: Sie habe gerade keine Zeit. Stellte sich dann aber an eine Bushaltestelle. Für mich deutlich genug. Hoffentlich endet eine Beziehung bei mir niemals so.

Samstag, 8. September 2012

Mondsüchtig

Es war kein runder. Und es war auch nicht genau der Geburtstag, an dem die Gartenparty stattfand. Trotzdem fanden sich fast 40 Leute bei Marie im Garten ein und traten den Rasen breit gratulierten ihrer Mutter nachträglich und ließen sich mit Grillfleisch, Salaten, knusprigen Baguettebrot und Getränken verwöhnen. Während Maries Patenonkel Uwe am Grill schwitzte, rotierten Marie und ich in der Küche, damit alle Gäste stets genügend saubere Teller, Besteck, Gläser, Getränke und Knabberkram hatten.

Es gab genug zu tun, aber trotzdem war es lustig. Bis zu dem Moment, als einer der Gäste zu uns in die Küche kam und meinte: "Oh, seid ihr die Haussklaven?" - Marie nahm den dummen Spruch mit Humor, lächelte brav und antwortete: "Jawohl. Womit kann ich Ihnen dienen?" - Ich hoffte nur, es würde jetzt kein Schweinkram kommen. Irgendwie war mir der Typ nicht so ganz geheuer.

Er antwortete: "Nee, nix, alles bestens." Und fügte mit einem Lachen hinzu: "Ist das jetzt eine moderne Form der Sklaverei, wenn das Personal nicht mehr an die Kette gelegt, sondern in einen Rollstuhl gesetzt wird? Oder sind Behinderte einfach nur billiger?"

Sehr witzig. Okay, nicht aufregen. Es ist die Party der Mutter, der Typ ist vermutlich irgendeine wichtige Bekanntschaft, die einen zuviel getrunken hat und jetzt den Macho raushängen lässt. Es gibt ja auch den "Witz", in dem, wenn die Frau im Wohnzimmer auftaucht oder aus dem Keller kommen kann, die Kette zu lang ist. Vermutlich war das ein Abklatsch davon und sollte witzig sein. Ich lächelte müde.

Marie überhörte den Schwachsinn und lächelte weiter brav. Nachdem der Typ schon fast draußen war, hielt er sich am Türrahmen fest, steckte seinen Kopf nochmal um die Ecke und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: "Habt ihr denn hier drinnen schon was zu essen bekommen?" - Ich dachte, es sei fürsorglich gemeint, wollte verhindern, dass er uns jetzt noch irgendwas reinbringt und uns vielleicht noch weiter Gesellschaft leistet und sagte: "Ja, vielen Dank, wir sind versorgt."

Was antwortet der Typ? Allen Ernstes: "Aber ihr musstet jetzt nicht die Soßenreste von den Tellern lecken? Oder habt ihr etwa extra ein paar Meterbrote runtergeworfen!?" - Er wackelte grinsend mit dem ausgestreckten Zeigefinger, schien sich dabei unheimlich witzig zu finden, tänzelte dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht aus der Tür. Als er draußen war, guckte ich Marie an. Die sah mich mindestens eine halbe Minute ungläubig an, dann sagte sie: "Nein. Bei allen Bedürfnissen nach größtmöglicher Harmonie."

Ich sagte: "Marie. Lass, das gibt nur Streit." - "Dann gibt es eben Streit! Wer bin ich denn, dass ich mich hier herabsetzen lassen muss?" - Ich rollte mit ihr nach draußen, fast in die Arme von Maries Vater. Der wollte fast nicht glauben, was er hörte, guckte mich immer wieder an. Ich nickte ein paar Mal, während Marie leise erzählte. Dann ging er zu dem Typen und fragte in einem übertrieben ruhigen, nahezu unheimlichen Tonfall: "Entschuldigung, haben Sie gerade die Mädchen gefragt, ob sie bei uns genug zu essen bekommen oder ob sie die schmutzigen Teller ablecken müssen?"

Rhetorisch geschickte Fragestellung. Einige der umstehenden Leute brachen abrupt ihre Unterhaltung ab und lauschten. Es war auf einen Schlag mucksmäuschenstill. Der Typ wurde dunkelrot im Gesicht, stammelte: "Na ganz so nicht, ich ... es sollte ein Witz sein, vielleicht war es ein schlechter, ich habe was gesagt wegen ..." - Der Vater unterbrach ihn und fragte erneut, diesmal mit deutlich schärferem Tonfall: "Haben Sie meine Tochter gefragt, ob sie die dreckigen Teller ableckt? Und dabei Anspielungen auf ihre Behinderung gemacht?"

Mit dem war nicht mehr gut Kirschen essen. Das merkte auch der Typ und stammelte: "Ich wusste nicht, dass das Ihre Tochter ist, ich dachte, die beiden ... es tut mir leid. Ich bitte um Entschuldigung. Wer von den beiden ist denn Ihre Tochter?" - So ein Schwachsinn, wir haben, bevor es zum Essen ging, uns ja allen vorgestellt. Der Vater antwortete betont ruhig: "Sie scheren sich jetzt hier ohne einen Mucks aus meinem Garten. Und sollten Sie auf der Straße merken, dass Sie Ihre Jacke vergessen haben: Kommen Sie nicht zurück. Schreiben Sie sie ab. Das ist besser für Sie und Ihre Knochen. Wagen Sie es nicht, noch einmal einen Fuß auf mein Grundstück zu setzen. Oder ich vergess mich."

Der Typ setzte zu einer beschwichtigenden Antwort an, aber schon als er Luft holte, funkte Maries Vater dazwischen, zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf das Gartentor neben dem Haus und bellte: "Raus!"

Nachdem er merkte, dass es keinen Sinn mehr hatte, zu diskutieren, trottete er ohne ein Wort aus dem Garten. Parallel dazu kam Maries Mutter aus dem hinteren Teil des Gartens nach vorne und fragte, was denn los sei. Maries Vater antwortete mit einer Gegenfrage: "Wer ist das?" - "Das ist ein Kollege. Der ist seit zwei Jahren in der Praxis von Herrn ... in der ...straße mit drin, quasi der Nachfolger für Herrn ..." - "Ich hab ihn vom Hof gejagt, nachdem er die Mädels beleidigt hat. Paar saudumme Anspielungen auf den Rollstuhl. Ob sie die Teller ablecken würden und so'n Mist." - "Waaas? Das war der, der bei ... auch schon für Aufsehen gesorgt hat. Weißt du? Der sich da betrunken hat und ... " - "Ach der, ich weiß schon. Ich hab ihm gesagt, er soll nicht nochmal wiederkommen." - "Ist nicht schade drum. Wer sich nicht benehmen kann, ist hier auch nicht erwünscht", sagte sie und strich Marie über die Wange.

Mehrere der umstehenden Leute räusperten sich und bemühten sich, ihre Unterhaltungen fortsetzend, wieder zur Normalität zurück zu finden. Eine rothaarige Frau, geschätzte 65 Jahre alt, sagte mit leiser Stimme zu uns: "Das war das erste Mal, dass ich so etwas miterlebt habe. Ich bin geschockt. Das ist ein ungezogener Kollege, für den man sich schämen muss. Ich werde mir für ihn noch etwas passendes überlegen und das an geeigneter Stelle noch einmal thematisieren. So etwas darf man sich auf keinen Fall gefallen lassen."

Um Viertel nach Zehn begannen wir, beim Teller spülen in der Küche Rollstuhlbasketball zu schauen. Das Endspiel in London: Zwei Hamburgerinnen sind dabei - da ist das Pficht. Ein spannendes Spiel, die Entscheidung fiel etwa 90 Sekunden vor Schluss, als sich Deutschland nach zähem und körperbetonten Kampf uneinholbar von Australien absetzte und damit Kurs auf Gold nahm. So eine absolut geile Leistung.

Um halb eins, als alle Gäste weg waren, rollten Marie und ich die Poolabdeckung ein und entspannten uns bei einem Nach-Mitternacht-Bad zwischen im Licht tanzenden Mücken und unter einem atemberaubenden Himmel. Es war absolut toll. Gespenstisch und faszinierend zugleich. Wir haben uns gegenseitig den Nacken massiert und endlos lange den Mond angeschaut. Ob ich wohl mondsüchtig bin? Den musste ich danach einfach noch einmal fotografieren:

Freitag, 7. September 2012

Mit Stinkesocke über die Reeperbahn

In einem Forum konnte man etwas gewinnen, wenn man ein Video hochlädt, wie man Auto fährt. Ausdrücklich keine Stunts, sondern die normale, alltägliche Fahrweise war gefragt. Ich habe spontan teilgenommen, allerdings nichts gewonnen. War wohl doch zu unspektakulär. Wenn die gewusst hätten, dass ich das Auto ausschließlich mit den Händen bediene ... haben sie aber nicht. Wer dennoch Interesse hat, darf einmal mit mir zusammen über die Reeperbahn düsen:


Wem davon schlecht geworden ist und wer seine Adresse hinterlässt, bekommt von mir eine handsignierte Kotztüte. Nur solange der Vorrat reicht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen...

Sonntag, 2. September 2012

Fünfzehn Fotos

Manchmal erfülle ich ja auch Wünsche. Zum Beispiel den nach mehr Fotos. Ich hatte Lust auf Bilder, ich fand das Wetter ideal und mir sind innerhalb von zwei Stunden etliche Dinge vor die Linse gekommen.

Als erstes die "ausschließlich nur" für den Fährbetrieb zu benutzende Rollstuhl- Rampe. Eine Tanzeinlage hinzulegen scheint erlaubt zu sein, Slipeinlagen unterlässt man besser:


Okay. Wie unschwer zu bemerken ist, beginne ich immer mit dem niedrigsten Niveau: Verkehrsschilder und Slipeinlagen. Ich steigere es etwas: Falls mal jemand sein Schaf oder seine Ziege zu einem unvergesslichen Essen einladen möchte: Auf einem Pfahl in der Elbe steht eine kleine Holzhütte, die man für außergewöhnliche Erlebnisse zu zweit mieten kann: Es handelt sich um das kleinste Restaurant der Welt. Ein Tisch, zwei Plätze und jede Menge Romantik:


Ich schätze, da waren früher Geräte drin, die den Pegel, also den Wasserstand, der Elbe aufgezeichnet haben. Leute, die nicht aus Hamburg kommen und mich besuchen, und denen ich erzähle, dass der Fluss nicht ungefährlich ist, lächeln oft. Kaum vorstellbar, dass das Wasser bei Sturmflut gut und gerne mal vier Meter höher steht. Bevor man in dem Mini-Restaurant nasse Füße bekommt, wird evakuiert (siehe letzte Zeile des Haltestellenschilds):


Und dieses Verkehrsschild gibt es eigentlich auch nicht mehr. Schade. Nach der aktuellen StVO ist nur noch das Zeichen "Viehtrieb" erlaubt, dort ist aber eindeutig ein Rind abgebildet. Ja, muh. Schaaafis machen aber mäh:


Und wer kommt da gucken, während man im Gras liegt und sich die Abendsonne auf den Pelz brennen lässt? Ja, richtig, mäh:


Nun behaupte nochmal einer, er hätte Segelohren:


Ein Schokoschaf muss auch immer dabei sein. Das schwarze wurde schon zu oft fotografiert:


Hübscher Himmel, oder? Fliegen müsste man können:


Jaa, is die LB.


Ja, is wirklich ein Foto. Und nein, nicht nachbearbeitet.


Jetzt weiß ich, woher ich meine Behinderung habe:


Nein, auch nicht nachbearbeitet:


Schwer beladen inne Kurve:


Irgendwie mag ich den Himmel:


Fußgänger und Rollstuhlfahrer. Weil ... kein Gehweg vorhanden. So ein alter Deich ist ja nicht so breit:


Achso, wenn man klickt, werden die groß. Gute Nacht!