Freitag, 31. August 2012

Abendlied


So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott! mit Strafen und lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbarn auch!

Vollmond ist. Sagt zumindest mein Smartphone. Man sieht es auch, wenn man aus dem Fenster guckt. Oder auf das Foto hier oben. Ja, es ist ein Foto, eben gerade aufgenommen. Man sieht es aber auch, wenn man die Leute beobachtet. Vor zwei Stunden lief einer mit freiem Oberkörper durch die Straße. Bei 12 Grad.

Matthias Claudius sorgt sich in seinem "Abendlied" um seinen kranken Nachbarn. Das in Deutschland wohl bekannteste Boulevardblatt sorgt sich hingegen heute um den Umgang seiner Leser mit behinderten Menschen. "Wie gehe ich richtig mit Behinderten um?" ist da in fetten Lettern zu lesen.

Experten kommen zu Wort und erklären uns erstmal, wie wir richtig miteinander zurecht kommen: Man soll mir bitte nicht mitleidig über den Kopf streichen oder mir ungefragt Geld zustecken. Unterhaltungen führt man mit mir am besten nicht in Babysprache.

Statt darüber nachzudenken, ob ich an meinen Rollstuhl gefesselt sein könnte, sollte man mich lieber fragen, wie lange er mit einer Batterieladung fährt. Und Leute, deren Behinderung nicht offensichtlich ist, fragt man lieber nicht direkt, ob sie behindert sind - sondern lieber, ob sie besondere Unterstützung brauchen.

Vor Rollstuhlfahrern sollte man sich nicht hinknien, und bei Kindern im Rollstuhl sollte man die Eltern fragen, was die Kleine so mag. Auf keinen Fall sollte man gespieltes oder übertriebenes Mitleid zeigen. Und falls jemand einen spastischen Anfall kriegt (was ist das?), darf man ihn fragen, ob er ein Glas Wasser haben möchte.

Gut, dass wir darüber mal gesprochen haben. Sind das wirklich Dinge, die die Nation verunsichern und die sich nur von Experten beantworten lassen?

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Mittwoch, 29. August 2012

Ein weiteres tolles Wochenende

Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei. Inzwischen kann ich fließend bayrisch. Zumindest verstehen. Als Hamburger Deern glaubte ich zu wissen, dass, wenn ich morgens meine Stinkesocken nicht wiederfinde, diese höchstwahrscheinlich "wech" sind. Inzwischen habe ich aber gelernt: Sie könnten auch "fort" sein.

Um gleich der Frage vorzubeugen: Ich trage nachts keine Socken. Es sei denn, es ist arschkalt. Aber selbst dann ziehe ich die Dinger im Schlaf meistens unfreiwillig aus, zumindest eine davon, so dass ich das auch gleich sein lassen kann. Wenngleich ich meine Beine und Füße nicht willentlich bewegen kann, bewegen tun sie sich im Schlaf trotzdem. Von alleine, durch Nervenimpulse, die die Muskeln gerne hätten oder glauben, wahrgenommen zu haben. Gerade wenn ich lange Zeit gesessen habe und dann die Beine strecke, fangen sie gerne an zu zappeln.

Von Marie oder Cathleen würde es, wenn wir unter derselben Decke liegen, irgendwann heißen: "Sag mal, kriegst du das langsam mal in den Griff mit deinen Füßen? Das Gezappel nervt." - Meine Schwestern lagen zwar nicht mit unter meiner Decke, sondern auf einem aufblasbaren Gästebett in meinem Zimmer, trotzdem reichte es aber irgendwann für ein: "Mogst need amoi dei haxn gscheit zammramma?" - Wobei ich dann mich vor meinem inneren Auge einen Karton gepökelte Eisbeine verräumen sah und unwillkürlich zu lachen anfing.

Sie haben sich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. Und es hat auch geklappt. Aber geflucht haben sie auf bayerisch. Und untereinander waren sie auch eher in ihrem Slang unterwegs.

Was mir besonders toll gefallen hat: Sie hatten nach wie vor kein Mitleid und haben mich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Okay, ich erwähnte bereits, dass Paula schon seit frühester Kindheit eine enge Freundin hat, die wegen Spina bifida, einer angeborenen Querschnittlähmung, im Rollstuhl sitzt, und inzwischen mit ihr zusammen studiert. Womit natürlich auch Emma regelmäßigen Kontakt zu ihr hatte und auch noch hat. Das ist ja aber bekanntlich kein Garant dafür, dass sie sich mir gegenüber normal verhalten - umso schöner, dass sie es tun.

Wir hatten ein ziemlich gefülltes Wochenendprogramm. Beide hatten sich von mir eine Erkundungstour im Rollstuhl gewünscht. "Ich möchte das schon seit Jahren, meine Freundin sagt immer, ich soll es einfach tun, aber ich kann mir das einfach nicht erlauben. Bei uns zu Hause ist das Risiko einfach zu groß, dass mir jemand über den Weg läuft, der mich kennt und im günstigsten Fall sich nur erschrickt und hinterher dumme Fragen stellt. Es gäbe aber auch genügend Leute, denen könnte man das nicht erklären. Unsere Mutter würde ausflippen, wenn es wegen so einer Aktion später Theater gibt."

"In Hamburg kennt uns keiner. Da können wir mal die Sau rauslassen." - Also fuhren Marie und ich zusammen mit Emma und Paula in die Sporthalle "meines" Krankenhauses, um, bewaffnet mit zwei weiteren Rollis, den beiden das Rollstuhlfahren beizubringen. Wenn man schon so eine Entdeckungstour macht, gilt es auf alle Fälle zu vermeiden, dass Situationen entstehen, die anderen Menschen eine Hilfestellung abverlangen. Das gehört sich einfach nicht. So eine Behinderung "vorzuspielen" ist eine Sache, solange aber kein Dritter unmittelbar betroffen ist, ist das aus meiner Sicht eine persönliche Sache. Aber nun sich noch von Dritten helfen lassen, obwohl man eigentlich auch aufstehen könnte, das ginge entschieden zu weit.

Also übten wir, wie man sich fortbewegt. "Drin gesessen hab ich ja schon oft bei meiner Freundin. Und rumgegurkt bin ich damit im Zimmer auch schon. Und ankippen kann ich auch", sagte Paula, verschätzte sich mit der Kippfreudigkeit von Sofies leihweise überlassenen Zweitrolli und lag auf der Erde. Das Kinn hatte sie gerade noch rechtzeitig zur Brust gezogen, so dass sie nicht mit dem Hinterkopf auf den Hallenboden donnerte. Zwei Sekunden guckte sie verdattert aus der Wäsche, dann fing sie zu lachen an. Auf der Straße wären nun die Menschen zusammengelaufen, mindestens einer hätte 112 gewählt ... hier in der Sporthalle, an deren Rand mindestens 30 Leute an Fitnessgeräten turnten oder auf Fahrradergometern radelten, kümmerte sich niemand um das Problem. Lediglich der anwesende Sporttherapeut murmelte im Vorbeigehen: "Fallsucht?!"

Nach zwei Stunden Crashkurs verkündete Emma: "Ich bin völlig nassgeschwitzt. Ich muss gleich erstmal duschen. Ich hätte nie gedacht, dass das so anstrengend ist. Obwohl, 'anstrengend' ist das falsche Wort. Kraft braucht man eigentlich kaum, aber man muss sich unheimlich konzentrieren, um das alles präzise zu koordinieren." - Am Ende meinte der Sporttherapeut: "Ist genehmigt. Wollt ihr heute noch auf große Tour?"

Als wir wieder bei mir zu Hause waren, schnipselten wir mit vier Leuten eine Reispfanne zusammen. Plötzlich sagte Emma: "Wir haben neulich gesehen, dass du die Million voll hast. Seitenaufrufe meine ich, bei deinem Blog. Bist ja ganz schön berühmt geworden mit deiner Geschichte, oder? Hast du nicht manchmal Angst, dass deine Offenheit dir Nachteile bringt? Ich meine später mal im Job oder wenn du neue Leute kennen lernst. Es gibt doch viele Dinge, von denen man eigentlich nicht möchte, dass andere sie erfahren. Du schreibst irgendwie über alles."

Ich antwortete: "Ich glaube, diese Angst muss man nur haben, wenn man Außenseiter ist. Ich formuliere das bewusst so krass. Wenn man Freunde hat, die einen mögen wie man ist, und ich bin überzeugt, die habe ich, dann kann es einem völlig egal sein, was andere, die (noch) nicht deine Freunde sind, über dich denken. Ich zwinge ja niemanden zu näherem Kontakt. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass, wenn man keine Freunde hat, es cool sein könnte, über mich abzulästern. Wenn keiner da ist, der widerspricht, weil er mich gern hat, kann man sich vielleicht eher ergötzen über die Dinge, über die ich öffentlich schreibe, obwohl man sie eigentlich vor der Öffentlichkeit geheim hält. Hast du Freunde, die solche Lästereien gleich im Keim ersticken würden, traut sich keiner, schließlich will man sich damit nicht selbst zum Außenseiter machen. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man mit Offenheit und Ehrlichkeit gut punkten kann."

Ich fügte hinzu: "Nicht alle mögen das. Vor meinem Unfall wäre ich lieber gestorben als zum Beispiel gefragt zu werden, ob ich schon mal Sex hatte. Oder mich selbstbefriedigt. Obwohl ich das damals noch nie gemacht hatte. Geschweige denn Sex. Und heute? Ich rede nicht mit jedem über Sex. Oder über Selbstbefriedigung. Es bleibt schon etwas intimes. Aber kein Geheimnis. Es darf ruhig jeder wissen, ob ich das mache. Wenn es interessiert. Ich laufe auch nicht durch die Straßen und rufe das in die Welt hinaus. Aber wenn einer fragt, bekommt er eine ehrliche Antwort. Und wenn einer meinen Blog liest, liest er mitunter auch darüber etwas. Statistisch gesehen mache ich das sowieso, dann bin ich lieber eine Persönlichkeit als eine Nummer. Ich habe lieber klare Verhältnisse als Gerüchte."

Emma fragte Marie: "Bist du auch so offen?" - Marie sagte: "Ich weiß nicht. Im Prinzip schon. Ich schreibe halt keinen Blog. Aber wenn mich jemand was intimes fragt ... es hängt immer davon ab, warum mich jemand etwas fragt. Wenn er sich über mich lustig machen will, gebe ich eher keine Antwort." - Paula fragte: "Okay. Masturbierst du?" - Marie grinste. Und sagte dann: "Jetzt gerade nicht." - "Anknüpfend an die Geschichte von neulich: Weiß deine Mutter, dass du das machst? Oder vermutet sie es nur? Wirst du jetzt rot?" - Marie antwortete: "Ich werde immer rot bei solchen Themen. Aber sie weiß es." - Emma warf dazwischen: "Na, ihr habt ja Themen."

Ich fragte: "Redest du mir ihr darüber?" - "Um Himmels Willen. Nee. Nein, sie kam mal morgens in Zimmer und ich war halt im Bett, es war ein Sonntagmorgen, ich hatte mich sehr intensiv beschäftigt und war etwas verschwitzt. Sie wollte mich zum Frühstück wecken, sah mich und fragte, ob ich Fieber hätte. Wollte mir ihre Hand auf die Stirn legen und ich fauchte sie an: 'Mama! Kein Fieber. Etwas mehr Diskretion bitte, ja?'" - Ich grinste. Ich konnte mir das lebhaft vorstellen, auch den Gesichtsausdruck dazu. Ich fragte: "Und wie hat sie reagiert?"

"Ach, ganz süß eigentlich. Sie ist zurückgezuckt und sagte 'Oh, Verzeihung. Ähm, Frühstück ist fertig.' Und später in der Küche hat sie mir einen Kuss gegeben und gesagt: 'Mach dir keinen Kopf, okay? Es ist alles gut.' - Ich war damals 13 oder 14. Und da ist man doch noch etwas sensibler und grübelt über vieles nach. Beziehungsweise: Ich hab über vieles nachgegrübelt." - "Ich glaube, das ist normal." - "Und eine andere Situation hatte ich noch, da war ich 16 oder 17, da habe ich mir von meiner damaligen besten Freundin [aus einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit angeborener Querschnittlähmung] einen Vibrator ausgeliehen. Sie hatte den von ihrer größeren Schwester und eigentlich wusste ich nicht, was ich überhaupt damit wollte, aber es war cool und erwachsen und ... naja, ich hab ihr versprochen, wenn ich den ausprobiere, zieh ich vorher ein Kondom drüber. Hab ich auch gemacht, nur leider hat meine Mutter das Kondom im Mülleimer entdeckt. Ich hatte damals einen Freund, mit dem ich aber nur geknutscht hatte, bevor es zum ersten Sex kam, waren wir schon wieder auseinander. Ich habe damals die Pille nicht bekommen, weil meine Mutter Angst hatte wegen Thrombose. Wir haben sehr offen darüber gesprochen und ich war einverstanden, dass ich sie nicht nehme, solange ich sowieso nicht mit ihm schlafe. Sie meinte, sie hat absolut nichts dagegen, wenn wir Sex haben, wir sollen nur unbedingt an Verhütung denken. Und ich habe ihr halt erklärt, dass wir höchstens fummeln, sie also ganz beruhigt sein kann. Und dann sah sie halt das benutzte Kondom." - "Und dann?" - "Naja, sie hat mich drauf angesprochen und gesagt: 'Ich dachte, ihr knutscht nur. Ist das noch aktuell, dass du keine Pille willst?' - Und ich habe halt gedacht: 'Was will sie jetzt von mir, ich habe meinen Freund zwei Tage nicht gesehen?' - Naja, das Kondom. Lag halt im Müll im Bad. Hab ich ihr halt die Story mit dem Vibrator erzählt." - "Und?" - "Sie hat mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Flasche Desinfektionsmittel hingestellt und gemeint: Kannst du auch einfach abwischen. Ist auf die Dauer billiger." - "Cool."

Paula fragte Marie: "Trägst du eigentlich auch Pampers?" - Marie schüttelte den Kopf. "Nee. Ausnahmsweise vielleicht mal. Bis ich 14 war, hab ich immer welche gehabt, aber seitdem bekomme ich ein Medikament, das die Blase lähmt und muss mich kathetern. Das klappt recht zuverlässig." - "Warum nimmst du dieses Medikament nicht, Jule?"

"Ich bekomme das auch. Aber in niedrigerer Dosierung, weil ich die höhere Dosierung nicht vertrage. Da werde ich zittrig, sehe Doppelbilder - geht nicht. Ich bin ja auch relativ dicht, die Pampers ist ja eher eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ich zu Hause bin oder nur kurze Zeit unterwegs, trage ich auch keine. Und ich muss mich eben nicht kathetern, weil ich die Blase so leer bekomme. Hat alles seine Vor- und Nachteile."

Paula sagte: "Ich würde ja eigentlich auch gerne mal sowas anziehen. Also nur um zu wissen, wie sich das anfühlt." - Emma fielen fast die Augen aus dem Kopf. Marie sagte: "Mach doch. Lass dir von Jule eine geben. Ist aber nicht anders als eine Unterhose. Das einzige, worauf man achten muss, ist, dass man sie richtig zuklebt." - Ich grinste. Emma verfiel vor Fassungslosigkeit in ihren bayerischen Dialekt, fragte ihre Zwillingsschwester einigermaßen entsetzt, ob sie jawohl nicht auch noch "einisoacha" will.

Als wir endlich unterwegs waren, war Emmas erste Bemerkung: "Was gaffen die Leute denn bloß so extrem? Haben die noch nie jemanden im Rolli gesehen oder was? Das ist ja völlig extrem!" - "Ich habe keine Ahnung, ob das vielleicht daran liegt, dass wir zu viert sind." - "Nee, eben als ich alleine mit dem Aufzug vorweg gefahren bin, glotzte auch ein Typ so extrem. Ich hätte am liebsten was gesagt." - "Ich merke das schon gar nicht mehr. Ich blende das echt aus. Es kann sogar sein, dass Leute an mir vorbei laufen, die ich kenne, und die ich überhaupt nicht wahrnehme. Oft denken die, ich bin unfreundlich und grüße nicht. Oft nehme ich sie gar nicht wahr."

Wir fuhren mit der U-Bahn in die City, eierten dort durch die Haupt-Einkaufsstraße. Emma sagte erneut: "Das Gegaffe macht mich aggressiv. Ich kenne das ja von der Uniform her, da gucken ja auch viele. Plötzlich grüßen dich wildfremde Leute. Gähnen ohne Hand vor dem Mund oder in der Nase popeln kann man da nicht so einfach. Aber man kann zur Not wenigstens noch die Mütze weit ins Gesicht ziehen. Aber das hier? Ich komme mir vor wie eine rollende Zielscheibe."

"Ich stell mir gerade vor, du setzt dir eine Polizeimütze auf und fährst damit im Rolli herum." - "Genau. Und dann am besten noch mit Handschellen an den Rollstuhl gefesselt. Und hinten guckt eine Windel aus dem Hosenbund." - Marie krümmte sich vor Lachen. Ein Mann fasste ihr von hinten auf die Schulter: "Na, habt ihr auch Spaß? Das finde ich toll."

Am Jungfernstieg stellten wir uns an einem Eisladen an. Als Emma ihren Eisbecher in der Hand hielt, fragte sie: "Scheiße. Und wie komme ich jetzt vorwärts?" - Eine Frau: "Ich helfe Ihnen! Soll ich Ihr Eis nehmen?" - Ich löste die Situation auf: "Hier, halt mein Eis auch und ich schiebe dich." - Genauso machten es auch Marie und Paula. Als die beiden im der Abendsonne auf die Binnenalster guckten, meinte Paula: "Hamburg ist schon schön. Irgendwie haben wir noch nicht viel gesehen, aber mir gefällt die Stadt. Ehrlich."

Als wir wieder zu Hause waren und die zwei überflüssigen Rollis abgestellt hatten, machten wir uns wieder auf den Weg in die Stadt, diesmal zur Sternschanze. Das dortige Schanzenfest wollten die beiden unbedingt erleben, wenngleich der größte Teil des Nachmittags bereits vorüber war. Ein Straßenfest mit vielen Flohmärkten, Musik, Fressmeile zog tausende Leute an. Wir ergatterten sogar noch einen Außentisch in einer der vielen Gaststätten und bekamen noch total leckeres Essen. Die Luft war angenehm warm und wir wären auch gerne noch länger geblieben, nur irgendwann kippte die Stimmung merklich. Nicht unsere, sondern die offensichtlich extra angereister Chaoten, die auf Randale eingestellt waren. Entsprechend machten wir uns vom Acker - gerade noch rechtzeitig, denn kurz danach gab es in jener Straße die erste Messerstecherei.

Am Sonntag haben sich Emma und Paula jeweils ein Fahrrad ausgeliehen. Zu dritt (ich mit meinem Handbike, nein nicht das Rennbike, sondern das zum Vorspannen für den Alltagsrolli) sind wir insgesamt fast 35 Kilometer an der Elbe entlanggeradelt. Es war total toll. Paulas erster Kommentar: "Ohh, Schaaaafis! Und ein schwarzes ist auch dabei!" - Emma: "Familienzusammenführung."

Unter anderem kamen wir auch an der Stelle vorbei, an der ich das aktuelle Hintergrundbild aufgenommen habe:


Am Montagmorgen sind meine Zwillingshalbschwestern wieder nach Bayern zurückgefahren. Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei.

Donnerstag, 23. August 2012

Meine Viertelstunde

Ich hatte die Augen schon zu, träumte von stinkenden Stinkesocken knackigen Jungs mit knackigem Popo, als es plötzlich an meiner Zimmertür wummerte. Dem Geräuschpegel nach musste irgendjemand etwas hochgradig wichtiges mitzuteilen haben. Vielleicht lag eine Bombe in der Waschküche? Oder Elvis Presley hockte in unserem Gruppenraum und aß Popcorn? Als es ein zweites Mal aufgeregt klopfte, schälte ich mich aus dem Bett und rollte zur Tür. Cathleen stand draußen: "Dein Handy ist aus. Steh auf, zieh dich an, in einer Stunde ist Training angesetzt. Tatjana hat eine SMS geschickt und Marie ist auch schon ganz aufgeregt, weil sie dich nicht erreicht."

"Ja, ich war im Bett, da ist mein Handy immer aus! Sag mal, können die das nicht mal etwas langfristiger planen? Ich hab schon geschlafen!" - "Nun sabbel nicht rum, zieh dich lieber an. Marie fährt und holt uns in 15 Minuten ab." - "Biken? Oder Rennrolli?" - "Schwimmen." - "Schwimmen?!?! Bei Nacht?!" - Cathleen zuckte mit den Schultern. - "Nun sag doch mal was dazu. Gestern habe ich Tatjana noch gefragt, ob wir am Wochenende nicht nochmal trainieren wollen, solange noch gutes Wetter ist. Da hieß es, es hätten zu viele Leute abgesagt und sie habe selbst auch keine Zeit." - "Jetzt entspann dich mal. Kannst dich gleich im Wasser auspowern."

Also schnell ins Bad, auf Klo, Badeanzug an, T-Shirt und Sporthose drüber, Haare einigermaßen ordentlich zusammengebunden, Handtücher in die Tasche gefeuert, Duschzeug eingepackt, vorsichtshalber den Neo rausgeholt, Abfahrt. "Willst du keine Schuhe anziehen?", fragte Cathleen.

"Wofür brauche ich Schuhe, wir haben 25 Grad draußen. Ich wollte am See nicht rumlaufen." - "Nicht?" - "Heute nicht." - Als wir unten ankamen, wartete Marie schon. Ihr Auto parkte mit Standlicht mitten auf dem Parkplatz, sie selbst saß bereits in ihrem Rolli und gab sich betont genervt. "Hi. Na? Was ist das denn für eine Aktion hier mitten in der Nacht? Schwimmen im Freien, das kann doch keiner vernünftig beaufsichtigen. Manchmal begreife ich nicht, was in deren Köpfen vorgeht."

Cathleen: "Ihr seid nur am Meckern. Jetzt entspannt euch doch mal und genießt das schöne Wetter." - Cathleen krabbelte auf die Rückbank, Marie und ich zerlegten ihren Rollstuhl und packten ihn in den Kofferraum, dann setzte ich mich auf die Türschwelle der Beifahrertür, Marie schob meinen Rolli nach hinten und packte ihn ins Auto, Klappe zu. Dann stieg sie auf der Fahrerseite ein, zerlegte ihren Rolli, schob den Beifahrersitz nach vorne und lud die Einzelteile auf die Rückbank. Anschließend konnte ich mich auf den Beifahrersitz setzen, Tür zu, Abfahrt.

Marie fuhr auf die Schnellstraße, direkter Weg zu unserem Trainingssee. Doch nach fünf Kilometern bog sie auf die Autobahn ab. Kann man machen, ist aber ein kleiner Umweg. Nur ... sie nahm die Auffahrt in die entgegengesetzte Richtung. Ich fragte: "Was machst du denn jetzt? Richtung Lübeck ist falsch, Marie." - "Ach du Scheiße. Soll ich wenden?" - "Auf der Autobahn?" - "Nachts ist doch kaum einer unterwegs." - "Marie!" - "Was?!" - "Ich bin nicht lebensmüde. Fahr ordentlich!" - Sie grinste. - "Und hör auf, mich zu ärgern. Ich war bereits in schönsten Träumen."

Fünfhundert Meter vor der nächsten Ausfahrt fragte Marie: "Was meinst du, wer gleich alles kommt?" - "Du musst hier raus, ja?" - "Also außer uns dreien?" - "Marie! Wie weit willst du denn jetzt noch in die falsche Richtung fahren?" - "Ich fahr über das Kreuz Ost, das ist mir sicherer." - "Oah, Mädel, da kann man doch nirgendwo abfahren." - "So eine schöne Nachtfahrt." - Unglaublich.

Als sie auch noch an der Ausfahrt Barsbüttel vorbei fuhr, wo man nun eigentlich wunderbar hätte wenden können, drehte ich mich zu Cathleen um. Die guckte aus dem Fenster und sagte gar nichts. Ich kam mir ein bißchen verarscht vor. Als Marie an der nächsten Ausfahrt auch noch vorbei fuhr, sagte ich: "Wir fahren nicht zum See, oder? Was macht ihr hier mit mir?" - "Wir fahren zum Schwimmtraining. Vom See war nie die Rede."

"Okay, wohin fahren wir?" - "Zum Schwimmtraining." - "Okay. Ihr habt irgendwas vor, ich lass mich überraschen. Hat es wenigstens irgendwas mit Schwimmen zu tun oder habe ich mir meine Badesachen umsonst angezogen?" - "Wir fahren zum Schwimmtraining." - Okay, okay, ich bin ja schon ruhig. Wir fuhren die A1 in Richtung Lübeck, dann weiter in Richtung Oldenburg. Außer uns war kaum jemand unterwegs. Ich überlegte: Wollten die beiden mit mir an den Strand? Inzwischen waren wir rund eine Stunde unterwegs. Ich sagte: "Mädels, ich bin ja für jeden Scheiß zu haben, aber ich bin davon ausgegangen, wir fahren mal eben schnell an unseren See. Ich habe also keine Pampers um und auch keine Pampers dabei. Wenn die Fahrt also noch länger dauert, sollten wir zwischendurch mal irgendwo anhalten, damit ich vorsichtshalber nochmal pinkeln kann." - "Schaffst du noch eine halbe Stunde? Sag bitte rechtzeitig Bescheid."

In Oldenburg bogen wir auf eine Bundesstraße in Richtung Kiel ab. Fuhren durch ein paar Orte und plötzlich ging rechts ein kleiner Waldweg ab. Ein aufgeblasener Luftballon hing an einem Baum. Es war stockdunkel. Wären es nicht Marie und Cathleen, die mich entführt hatten, hätte ich spätestens jetzt Panik geschoben. Plötzlich war der Wald zu Ende. Ein Haus stand dort, daneben eine Holzhütte. Ein leerer Parkplatz für etwa 20 Autos tauchte im Scheinwerferlicht auf. Marie fuhr über den Parkplatz. Auf der anderen Seite ging der Weg weiter. Ich sagte: "Wo sind wir hier? Das ist voll unheimlich!" - "Das ist nicht unheimlich, das ist schön hier!", antwortete sie grinsend.

Wir fuhren durch einen weiteren kleinen Wald. Man konnte vor Dunkelheit nur sehen, was sich im Lichtkegel vor dem Auto abspielte. Kurz vor Ende dieses zweiten kleinen Wäldchens lehnte jemand an einem Baum. So sah es zumindest aus. Doch, tatsächlich, da stand jemand. Und hatte irgendwas in der Hand. Plötzlich ging derjenige los, stellte sich uns in den Weg und hob ein rotes Licht hoch. Eine Polizeikelle. Super. Marie sagte: "Oh nee." - Cathleen fragte: "Was ist?" - "Die Bullen. Bestimmt ist hier Durchfahrt verboten oder so."

Marie hielt an und machte das Fenster runter. "Nabend!" - "Nabend, Herr Wachtmeister. So alleine hier im dunklen Wald?" - Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der Typ sagte: "Im Gegenteil, mein Kollege steht an Ihrer Beifahrertür, falls Sie es noch nicht bemerkt haben. ... ist mein Name, wir führen hier eine Verkehrskontrolle durch, machen Sie mal bitte den Motor aus und die Innenbeleuchtung an?" - "Dazu habe ich eigentlich keine Lust." - "Sie tun das, was ich Ihnen sage, Sie befinden sich in einer polizeilichen Maßnahme."

"Marie!", fuhr ich sie an. Das musste doch nun wirklich nicht sein. Und wieso kontrollieren die hier im Wald? Suchten die jemanden? Oder war das wirklich ein illegaler Schleichweg? - Der Typ sagte weiter: "Ihren Führerschein und die Zulassungspapiere hätte ich gerne mal gesehen." - "Das wollen viele. Was bekomme ich dafür?", fragte Marie. - Was sollte das?! War sie nicht ganz dicht? - "Marie!", rief ich nochmal. Sie sagte: "Ich hab die im Handschuhfach, zusammen mit meiner Kalaschnikow." - Ey ... jetzt fehlte nur noch, dass die die Waffen ziehen und wir uns hier flach auf den Boden legen müssen. Den Typen, der irgendwo im Dunkeln hinter mir stehen müsste, konnte ich nicht sehen. Der Beamte auf Maries Seite legte eine Hand auf seinen Pistolenholster und fragte: "Jetzt mal ohne Blödsinn, junge Frau, das ist nicht witzig. Haben Sie eine Waffe im Fahrzeug?" - "Ich bin die Waffe!", sagte Marie.

"Steigen Sie mal bitte aus. Langsam. Okay?" - Mein Herz raste. Ich sagte: "Marie, spinnst du! Ich habe keine Lust, hier deinetwegen Ärger zu kriegen. Jetzt reiß dich mal zusammen." - Marie sagte: "Ich kann nicht aussteigen, meine Tür klemmt."

Der Polizist sagte: "Okay, dann dürfen Sie weiterfahren." - Häh? Was war denn das jetzt für eine Nummer? Marie sagte: "Baby, ich will einen Kuss von dir." - Der Polizist beugte sich ins offene Fenster, nahm Maries Kopf in beide Hände, zog sie zu sich ran und drückte ihr ein Küßchen auf die Wange. Dann sagte er: "Kann ich mich jetzt endlich umziehen? Ist das Jule da? Die so verstört guckt?" - Marie grinste. "Ist sie. Ist mein Papa schon da?" - "Zelt ist schon alles aufgebaut. Die sind gerade nochmal los und holen noch Leute vom Bus ab." - "Alles klar."

Mir fiel alles aus dem Gesicht. Cathleen saß auf dem Rücksitz und klatschte vor Lachen in die Hände. Ich war so baff, ich schnappte mir Marie, zog ihr Gesicht zu mir ran, sagte: "Du Arschloch!" und gab ihr einen Kuss. Auf den Mund. Worauf sie antwortete: "Bäh. Darf ich vorstellen? Das ist Uwe. Kollege von Papa. Mein Patenonkel." - "Und der stellt sich hier nachts in den Wald und zieht die Show ab, nur um mich zu verarschen?" - "Klar. Ich hab ihn drum gebeten. Das war seine Viertelstunde." - "Viertelstunde?" - "Wirst du später verstehen." - Ich glaub es nicht.

Wir fuhren weiter. Cathleen flippte hinten auf der Rückbank aus, versuchte mich von hinten zu umarmen und rief: "Ich freu mich so, ich freu mich so." - Ich begriff nur, dass hier ganz offensichtlich diverse Leute irgendwas ausgeheckt hatten. Wir rollten auf einen Parkplatz. Diverse Autos standen hier. Etliche davon kannte ich. Unter anderem meins, mit dem offenbar Sofie gekommen war.

Der Parkplatz lag direkt hinter einer Düne und hinter der Düne war: Strand! Und die Ostsee. Und ein großes Lagerfeuer in einer großen, festinstallierten Feuerschale. Und ganz viele Leute vom Training und aus meiner WG. Ein befestigter Weg ging bis zum Strand, dahinter waren diverse dickere Platten ausgelegt. "Guten Abend allerseits!"

Nach endloser Begrüßungsrunde kamen noch drei Leute, die Maries Eltern vom Busbahnhof abgeholt hatten. "Können wir jetzt endlich schwimmen gehen?" - "Wow, machen wir jetzt nachtbaden?" - "Nacktbaden?" - "Meinetwegen auch das." - "Jule? Ich habe dir ein großes Zelt aufgebaut und innen drin deine Luftmatratze für heute nacht aufgeblasen. Dazu auch noch eine zweite, die du mit ins Wasser nehmen kannst. Meine Viertelstunde", sagte Maries Papa. Was hatten die alle mit ihrer Viertelstunde? Ich bedankte mich erstmal.

Maries Mama sagte: "Achso. Jule? Ich trag dich ins Wasser rein und hol dich wieder raus. Damit du nicht durch den Sand krabbeln musst. Sooft wie du möchtest." - "Okay?!" - "Meine Viertelstunde. Wenn auch nicht an einem Stück." - "Ey, was habt ihr hier alle mit einer Viertelstunde?" - "Das bekommst du schon noch raus. Einfach beobachten." - "Wollen wir jetzt noch schwimmen oder nicht?"

Es waren noch weit über 20 Grad. Die ersten machten sich auf dem Weg zum Wasser. Selbst Marie fing an, durch den Sand zu rutschen. Maries Mutter sagte: "Wir warten noch kurz, bis die am Wasser angekommen sind, okay? Die brauchen ja wesentlich länger." - "Und wieso willst du mich jetzt tragen? Und was hat das mit dieser Viertelstunde auf sich?! Das ist hier alles sehr geheimnisvoll." - "Das bekommst du schon noch raus. Die anderen können schön krabbeln, du wirst an diesem Wochenende mal getragen. Geht es dir gut?" - "Ja danke! Ich bin zwar ein wenig verwirrt, aber angenehm verwirrt. Ich komm mir gerade vor, als wenn ich träume." - "Das freut mich. Es wird bestimmt lustig." - "Ich hab gar kein Handtuch mit. Und keine Schlafsachen. Und keine Pampers." - "Wir haben genug Handtücher dabei. Marie hat ein paar T-Shirts mehr mitgenommen. Und Cathleen hat Pampers für dich mit eingepackt." - "Das ist echt eine tolle Überraschung." - "Ja. Ach und Jule?" - "Ja?" - "Du hast in deinem Blog geschrieben, dass dir das unendlich peinlich war. Mit deiner Blase, als ich dich das letzte Mal reingetragen habe." - "Ja. Ziemlich. Kann mal wohl sagen." - "Kannst du dir da bitte nicht so viele Gedanken machen? Weißt du, wie oft Marie mich schon angepiescht hat in all den Jahren?" - "Marie ist aber auch ist deine Tochter." - "Das stimmt. Aber dich hab ich auch lieb. Mach dich bitte nicht verrückt damit, okay?" - "Hast du gerade gesagt, du hast mich lieb?" - "Doch, Jule. Sehr sogar. Hast du das noch nicht gemerkt?" - "Ja, doch. Nein. Doch." - Oah, stotter. Völlig falsche Richtung. - "'Gern' hab ich gemerkt, 'lieb' hab ich noch nie für möglich gehalten. Irgendwie. Vielleicht gewünscht und verdrängt?" - "Och, Jule. Wieso nie für möglich gehalten? Ich hab dich lieb. Sehr lieb sogar. Ich freue mich natürlich, dass Marie und du so eng befreundet seid, aber ich selbst hab dich auch sehr lieb. Und mein Mann hat dich auch lieb. Der sagt das zwar nicht so direkt, aber wenn man über zwanzig Jahre miteinander verheiratet ist, kennt man seinen Partner."

Ich schluckte. Das war das erste Mal, dass mir das in den letzten vier Jahren jemand so offen und direkt gesagt hat. Aus der Generation meiner Eltern. Nach meinem Unfall. Nach dem Bruch mit meinen Eltern. Nein, ich sehe die beiden nicht als Elternersatz, so ein Quatsch. Aber darf mich das bitte unheimlich bewegen und sehr berühren, wenn mir jemand, der vom Alter her meine Mutter sein könnte, sagt, dass er mich sehr lieb hat, nachdem der Kontakt zu meinen Eltern zerbrochen ist? Weil sie mich irgendwie wohl nicht mehr lieb hatten? Obwohl ich eigentlich kein anderer Mensch bin? Sorry für diesen Absatz völlig überzogener Sentimentalität.

Zum Glück war es dunkel. Maries Mutter hockte neben mir. "Heulst du? Och Jule, du heulst doch nicht. Was ist denn los mit dir? So kenn ich dich ja gar nicht." - "Sorry, ist gerade bißchen viel auf einmal. Ich fang mich gleich wieder." - Maries Mutter nahm mich in den Arm und drückte mich. Dann sagte sie: "Ich will mich nirgendwo einmischen, Jule, und nirgendwo zwischendrängen. Aber ich bin auch nicht blind. Wenn ich dir irgendetwas geben kann, was du brauchst und von dem du denkst, dass du es bei mir bekommen kannst, dann scheue dich keine Sekunde, es dir bei mir zu holen, okay?"

"Was meinst du damit? Kannst du mir ein Beispiel geben, woran du denkst? Das kann so vieles bedeuten." - "Ist egal, Jule. Irgendwas. Guck mal: Marie -ich weiß, sie wird mich dafür hassen, dass ich das erzähle, aber- Marie kommt fast jeden abend zu mir, legt sich neben mich aufs Sofa und will gekrault und gestreichelt werden. Und wenn ich das eine Viertelstunde gemacht habe, redet sie wie ein Wasserfall. Was sie bedrückt, was ihr Freude macht, womit sie Probleme hat, was sie angestellt hat, worüber sie traurig und worüber sie glücklich ist. Und mit dem Satz, den ich gerade gesagt habe, meinte ich: Würdest du den Kopf auf meinen Schoß legen, würde ich dich auch kraulen und dir zuhören. Okay? Mach daraus, was du willst. Vielleicht möchtest du nicht von mir gekrault werden, aber ich würde auch nachts um drei mit dir auf alle Männer schimpfen, wenn dein Typ mit einer anderen durchgebrannt ist. Oder dir alternativ eine heiße Badewanne einlassen. Ich möchte, dass du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst. Oder zu meinem Mann. Falls es mal etwas gibt, womit du zu Marie oder zu anderen Freunden nicht gehen kannst. Komm bitte nicht auf die Idee und habe irgendeine Scheu oder denke, das müsste dir peinlich sein."

Sie hielt mich immernoch im Arm. Ich drückte sie fest an mich heran und musste ihr einen Kuss auf die Wange geben. Und bekam postwendend einen zurück. Und mit der flachen Hand über den Hinterkopf gestreichelt. Das klingt vielleicht alles kitschig, aber das tat so gut. Ich habe ganz sicher meine Freundinnen und ich weiß, wie sehr sie mich mögen und wie lieb wir uns haben. Aber Maries Mutter hätte ich in dem Moment am liebsten nicht mehr losgelassen.

Die anderen waren bereits hörbar im Wasser angekommen. Warm sei es. Maries Mutter streckte mir ihren Rücken zu, umfasste meine Kniekehlen, ich umklammerte ihren Oberkörper. Sie hob mich hoch und latschte mir mir im Schein des Lagerfeuers zum Wasser. Es wurde hier wesentlich schneller tiefer als in Scharbeutz und es waren wohl auch mehrere große Steine unter der spiegelglatten Wasseroberfläche. Maries Mutter ging sehr vorsichtig, um nicht zu stolpern. Als sie bauchnabeltief im Wasser war, drehte sie sich um und hockte sich hin, so dass ich zwar von einer Sekunde auf die nächste im Wasser war.

In der Nacht zu Sonntag waren wir insgesamt zu zehnt, schliefen in einem großen und zwei kleinen Igluzelten. Die ganzen Rollifahrer waren in dem großen Zelt. Am Sonntag gingen wir bestimmt vier Mal ins Wasser. Das Wetter war herrlich, am späten Nachmittag fingen die beiden Männer an zu grillen und nach und nach kamen noch weitere Leute aus unserem Sportverein dazu. Auch Frank kam noch dazu.

Und plötzlich erklärte sich dann auch, was es mit dieser Viertelstunde auf sich hatte. "Am Dienstag müssen wir fast alle arbeiten, Jule, und das Wetter soll auch wieder blöder werden. Daher haben wir die Gunst der Stunde genutzt und schenken dir an diesem Wochenende eine große Strandparty, sozusagen zu deinem zwanzigsten. Aber gratulieren werden wir dann alle später. Da man dir mit Geld oder gekauften Geschenken vermutlich nur halbe Freuden macht, haben wir uns überlegt, dass dir jeder mindestens eine Viertelstunde schenkt. Also insgesamt ungefähr zwanzig Viertelstunden. Meine Viertelstunde ist dieser selbstgemachte Nudelsalat, den ich zu deiner Party dazu steuere."

Tolle Idee! Was gab es noch? Eine Viertelstunde Verwöhnmassage in der Abenddämmerung (die gab es gleich mehrmals und doppelt und nur von Jungs...), selbstgemachte Bowle, selbstmariniertes Fleisch und Salate fürs Buffet - aber auch solche Sachen wie: Ein Inhaltsverzeichnis für meinen Blog. Da hat sich wirklich jemand einige Zeit hingesetzt und über 500 Beiträge geordnet und mit jeweils einem Satz zusammengefasst. Werde ich schnellstmöglich einpflegen, muss technisch noch etwas angepasst werden. Und einiges mehr.

Es war eine sehr tolle Party. Am Sonntagabend sind etliche wieder nach Hause gefahren, einige sind noch bis Montagmittag geblieben. Und bis Dienstag sind dann noch Jana, Cathleen, Marie und Simone geblieben. Anschließend kam Uwe, Maries Patenonkel, noch einmal, um das große Zelt mit abzubauen. Diesmal nicht in Uniform. Und ... es war mehr als eine Viertelstunde. Die waren alle so lieb zu mir!!!

Danach war ich froh, wieder festen Boden unter den Rädern zu haben. Und mal wieder mit Seife duschen zu können. Besonders habe ich mich gefreut, dass Ronja und Maria am Sonntag zum Strand gekommen sind. Und für das nächste Wochenende haben sich nun meine beiden Halbschwestern angekündigt. Was für eine aufregende Zeit!

Freitag, 17. August 2012

Cash für Maria

Endlich. Der Bescheid für Maria, der ihr monatliche Leistungen zum Lebensunterhalt (sprich: Cash für Lebensmittel, täglichen Bedarf etc.) bewilligt, ist durch. Mit Bescheiddatum vom 14.08.12 wurde die Leistung rückwirkend ab Antragsdatum zuerkannt. Acht Monate werden nachgezahlt (somit bekommt eine gute Freundin ihr geliehenes Geld endlich zurück).

Bewilligt wurde die Leistung zunächst bis 31.08.12, das heißt, in den nächsten 14 Tagen muss noch ein neuer Antrag für die Zeit ab 01.09.12 gestellt werden. Bezeichnend ist, dass im Briefkopf bereits eine andere Ansprechpartnerin steht als diejenige, die den Bescheid unterzeichnet hat. Es hat also ein Personalwechsel stattgefunden, wohl nicht ganz freiwillig.

Mit dieser vorerst letzten Handlung der Behörde (Frank hatte sie bewusst abgewartet) vervollständigt sich eine etwa 130seitige Akte, die Maria nächste Woche als Petition an den Eingabenausschuss der Hamburger Bürgerschaft schickt. Sie und letztlich wir alle möchten erreichen, dass einige doch recht ungeheuerliche Vorgänge aufgearbeitet werden und von offizieller Seite eine Stellungnahme verfasst wird. In der Hoffnung, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Donnerstag, 16. August 2012

Tränen vor der Tür

"Wenn ich nachts um halb drei Uhr bei dir vor der Tür stehe, mit Tränen in den Augen - lässt du mich hinein? Wenn ja, bitte liken."

Solchen oder ähnlichen Blödsinn liest man ja immer wieder in einschlägigen Geschichtsbüchern, und es gibt auch immer wieder Leute, die so etwas teilen und posten. Dabei geht es nur um eins: Derjenige, der das erstmalig online gestellt hat, verdient -was auch immer- an den Likes. Ich behaupte immer frech: Meine Freunde wissen, ob und wann ich für sie da bin und wann ich wen in mein Zimmer lasse.

Dass das doch mal jemand ernsthaft wissen möchte, hatte ich nie für möglich gehalten. Und von daher war ich sehr perplex, als ich vor einigen Wochen eine SMS auf mein Handy bekam, von einer mir nicht bekannten Nummer, die mir genau diese Frage stellte (natürlich ohne das "bitte liken").

Im ersten Moment, als ich die SMS bekam, wusste ich nicht, ob das ernst gemeint ist. Ich schrieb zurück: "Wer bist du denn?"

Als Antwort kam Sekunden später ein Vor- und Zuname eines 12jährigen Mädchens, das ich (aus meiner Sicht oberflächlich) vom Schwimmen kannte. Sie ist in einer Gruppe vor uns dran, man rollt sich über den Weg, hin und wieder habe ich auch in der Gruppe ausgeholfen. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie mich sehr mochte, wusste aber nicht, warum, denn viele Berührungspunkte hatten wir nicht. Sie fand mich wohl einfach sympathisch. Jedenfalls hat sie mich immer begrüßt und mir bei jeder Gelegenheit auch von sich erzählt. Sie plapperte immer einfach drauf los, erzählte von ihrer Schule, von ihren Schwimmleistungen, von irgendwelchen Untersuchungen, die bei ihr gemacht wurden. Ich habe dann einfach zugehört, viel dazu sagen konnte ich oft nicht. Sie sitzt wegen einer angeborenen Querschnittlähmung im Rollstuhl, besucht eine Gesamtschule, ist recht hübsch, gepflegt, aufgeweckt, teilweise schon kiebig; auffallend schlank, hat dunkle, schulterlange Haare und trägt neuerdings eine feste Zahnspange.

Da ich nicht wusste, ob die SMS wirklich von dem Mädchen kam und ob sie das nur mal so allgemein wissen wollte, um die Tiefe unserer Freundschaft festzustellen oder mich besser einschätzen zu können, fragte ich zurück: "Hast du Kummer?" - Sie schrieb zurück: "Ziemlich. Hab einen Fehler gemacht. Kannst du mir helfen?" - "Wie kann ich dir denn helfen?" - "Weiß nicht. Vielleicht reden?" - "Klar. Wann denn? Und wo bist du überhaupt?" - "Vor deiner Tür."

Die Antwort: "Es ist jetzt aber nicht nachts halb drei, sondern vormittags halb 12!" sparte ich mir selbstverständlich, guckte aus dem Fenster und sah ein Häufchen Elend auf dem Parkplatz stehen. Keine Verarsche. Ich fuhr nach unten. "Was ist denn passiert? Bist du abgehauen von zu Hause?"

"Aus der Schule. Ich hab gesagt, ich fühl mich nicht und möchte heim. Meine Mutter kommt aber erst um zwei von der Arbeit." - War das jetzt schon das Problem? Schule schwänzen? Ich musste es rausfinden. "Wovor hast du solche Angst?", fragte ich sie.

"Vor meiner Mutter. Aber da kannst du mir nicht helfen, da muss ich alleine durch. Vielleicht hau ich auch ab und geh nie wieder nach Hause." - "Soll ich mit deiner Mutter sprechen?" - "Nein, das bringt nichts. Das macht alles nur noch schlimmer." - Ich nahm sie erstmal mit in mein Zimmer. "Was macht deine Mutter denn, dass du solche Angst vor ihr hast?" - "Sie schimpft und gibt mir Strafe. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Darf ich dich mal was geheimes fragen?"

"Was geheimes?" - "Ja." - "Was ist denn 'was geheimes'?" - "Na was geheimes eben, etwas, worüber man nicht redet." - "'Was intimes' meinst du?" - "Was bedeutet denn 'intimes'?" - "Ja genau das, Dinge die man nur mit sich selbst abmacht und über die man höchstens mal mit der besten Freundin redet." - "Ist das normal, wenn man so intime Sachen hat?" - "Sicher, sowas hat jeder Mensch." - "Du auch?" - "Na klar. Du auch, da bin ich mir sicher. Ich bin zwar sehr offen, auch mit einigen intimen Dingen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Jeder Mensch ist verschieden. Einige ziehen sich vor anderen nackig aus, andere zeigen nicht mal ihren BH. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden."

"Ist das schlimm, wenn man sehr intim ist?" - Ich musste mich bemühen, nicht zu grinsen. Ich antwortete: "Jeder Mensch hat eine Intimsphäre, das ist sowas wie ein gedachter, virtueller Raum, in den man alles das packt, was andere Leute nicht wissen sollen. Man kann von anderen Leuten verlangen, dass sie diese Intimsphäre beachten und sie nicht verletzen. Also nicht in diesen Raum eindringen. Das heißt, wenn du nicht möchtest, dass beim Umkleiden einer auf deine Brust schielt oder dich fragt, ob du gerade deine Tage hast, dann sagst du ihm, dass du das nicht möchtest, weil er in deine Intimsphäre eindringt. Und das darf er nicht."

"Darf meine Mutter denn da eindringen?", fragte sie. Ich antwortete: "Nein." - "Wirklich nicht?" - "Nein! Deine Intimsphäre müssen auch Eltern respektieren." - Sie schluckte. Ich fügte hinzu: "Aber deine Eltern müssen natürlich auch aufpassen, dass es dir gut geht. Deswegen kann es manchmal sein, dass deine Eltern, wenn du dich zu sehr ein-igelst, auch mal unangenehme Fragen stellen. Oft sind Eltern ja sehr beunruhigt, weil sie sich Sorgen machen, dir könnte etwas passieren. Hast du denn das Gefühl, dass deine Mutter in deine Intimsphäre eindringt?"

Sie nickte. Ich fragte weiter: "Und hast du ihr mal gesagt, dass dich das stört?" - "Nee. Ich wusste ja bis eben nicht mal, dass es so etwas gibt. Und ich glaube, das interessiert sie auch nicht." - "Aber wenn es da Probleme gibt, dann kann man ja durchaus mal mit deiner Mutter reden. Und sie darauf hinweisen, dass sie deine Intimsphäre beachten soll, ohne dass man darüber reden muss, was genau dich denn so stört."

"Was ist denn bei anderen Leuten in dieser Intimsphäre so drin?" - "Och du, ganz verschiedene Sachen, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die meisten Menschen reden nicht gerne über Krankheiten und Behinderungen, über Sexualität, über Nacktheit, über Probleme - innerhalb der Familie, mit Geld - oder so." - "Und es darf einen keiner zwingen über Dinge zu reden, die in dieser Intimsphäre drin sind?" - "Naja, was heißt zwingen. Gerade unter Freunden oder wenn man ein gutes Verhältnis zu den Eltern hat, kann es sehr erleichternd sein, wenn man nicht alles mit sich selbst ausmachen muss, sondern auch mal über etwas Fragen stellen kann. So wie du gerade mit mir über das Thema redest, damit du ein bißchen mehr Ordnung in deine ganzen Gedanken bekommst."

"Kann ich mit dir auch über solche Sachen reden?" - "Wenn du zu mir das Vertrauen hast und darüber reden möchtest, klar, warum nicht." - "Ich möchte eigentlich über was reden, was aber sehr heftig ist. Eigentlich trau ich mich nicht." - "Musst du für dich entscheiden, ob du das willst." - "Es gibt doch Menschen, die ... naja ... die spielen da unten dran rum. Du weißt schon." - "Du meinst Selbstbefriedigung, ja die gibt es. Das machen viele Menschen." - "Du auch?" - "Das ist zum Beispiel eine sehr intime Frage gerade. Aber ja, ich auch. Du auch, oder?" - "Nee, auf keinen Fall." - "Okay. Du nicht." - "Ja, ich wollte mal fragen, wenn man das macht, also nur wenn, muss man dann mit der Mutter drüber reden oder kann man das auch zu dieser Intimsphäre dazu packen?"

So süß. "Nein, darüber musst du mit deiner Mutter nicht reden. Das kannst du ganz alleine für dich machen, abends im Bett, morgens im Bett, unter der Dusche, wenn du alleine zu Hause bist, das ist egal. Du solltest nur aufpassen, dass andere das nicht sehen, denn viele andere Menschen finden das unangenehm, wenn sie das bei anderen sehen. Und vielleicht hinterher einmal die Hände waschen, das wäre auch noch ganz gut."

"Ich muss dir was sagen. Ich hab das doch schonmal gemacht. Ein, zwei Mal. Eigentlich wollte ich damit aufhören, aber dann ... irgendwie ist das doch so, dass ich das dann wieder mache und immer wenn ich fertig bin denke ich: Das war jetzt das letzte Mal." - "Aber warum willst du denn damit aufhören? Mach es doch einfach, wenn du Lust dazu hast."

"Wahrscheinlich findest du mich jetzt total peinlich und ich finde mich nachher auch total peinlich und jedes Mal, wenn ich dich wieder sehe, würde ich am liebsten vor Scham im Boden versinken." - "Ach, jetzt spinn nicht rum. Du bist 12 und ich bin 20. Das ist doch klar, dass du andere Fragen hast als ich. Ich bin sogar sehr überrascht, dass du mit mir darüber sprechen möchtest."

Ich zog sie zu mir auf den Schoß rüber und nahm sie in den Arm. Sie klammerte sich sofort wie ein Baby an mich. Ohne Blickkontakt fragte sie weiter: "Du hast doch auch einen Querschnitt. Hast du auch eine gelähmte Blase?" - "Ja. Jeder Querschnitt wirkt sich auch auf die Blase aus." - "Siehst du und darüber kann ich eben nicht mit jedem sprechen." - "Macht deine Blase Theater dabei?" - "Ja. Deswegen will ich ja eigentlich aufhören damit." - "Kannst du nicht vorher einmal kathetern?" - "Das mach ich ja schon. Aber manchmal dauert es so eine Stunde oder anderthalb, bis ich fertig bin und dann läuft doch schon wieder was raus. Gerade so kurz vor Schluss hab ich das Gefühl, fühlt sich meine Blase unheimlich gefragt."

"Und wenn du das beim Duschen machst? Oder in der Badewanne? Da stört das doch keinen." - "Doch, meine Mutter. Wenn ich nach zwanzig Minuten nicht aus der Dusche bin, kommt sie rein und sieht nach mir. Und wenn ich dann da sitze und ... das geht gar nicht. Und in der Wanne habe ich das schonmal probiert, aber das ist zu glitschig und ich rutsch auch immer weiter runter mit dem Oberkörper, ich kann mich dann nicht halten."

"Dann ziehst du dir eine Pampers an. Klebst die nicht ganz so eng und ... merkt ja keiner, weiß ja keiner. Außer dir." - "In der Wanne?!" - "Im Bett!" - "Ich darf im Bett keine Pampers anziehen. Meine Mutter sagt, die haben wir abgeschafft, die gibt es nur noch, wenn ich meine Medikamente mal nicht nehmen kann." - "Merkt sie das?" - "Ja klar, ich komm ja nicht mal dran. Ich müsste sie fragen und alles erklären. Das mach ich nicht und das würde sie auch nicht mitmachen."

"Und so Zellstoffunterlagen?" - "Darf ich auch nicht. Ich habe nur so ein Stecklaken, aber das ist halt nur für den Notfall wenn es schief geht und muss gewaschen werden." - "Und wenn du dann hin und wieder mal einen Notfall hast?" - "Das geht nicht. Dann schleppt sie mich zum Arzt oder weckt mich alle zwei Stunden nachts zum Klogang. Ich hab mir die letzten Male immer so zwei oder drei Waschlappen aus dem Bad mitgenommen und eine Mülltüte und dann daraus was gebastelt und drunter gelegt. Und gestern abend hat es halt nicht funktioniert und ... meine Mutter hat heute morgen den Fleck gesehen und ist völlig ausgetickt. Wie das angehen kann, da oben, wenn sonst alles trocken ist, was ich da gemacht habe, und so weiter. Heute morgen war keine Zeit, aber sie hat gesagt, heute mittag reden wir darüber. Und was das heißt, weiß ich schon. Jule, ich will nicht nach Hause. Ich hab solche Angst."

"Och Mädel, das ist ja fürchterlich. Meinst du nicht, dass deine Mutter weiß, was du tust?" - Sie überlegte. Zuckte mit den Schultern. - "Bestimmt weiß sie das. Deine Mutter ist doch auch nicht dumm. Sie weiß doch, dass du Sexualität entwickelst und dann auch entdecken möchtest. Das machen doch alle Kinder, wenn sie erwachsen werden. Und ich meine, sie musste akzeptieren, dass du nicht normal auf Klo gehen kannst, dass du nicht laufen kannst, dass du ständig zu Kontrolluntersuchungen musst - dann wird sie doch auch akzeptieren, dass es bei dir etwas anders ist und du da einfach auch Freiräume brauchst, in denen sie absolut nichts zu suchen hat. Soll ich nicht doch mal mit ihr reden?"

"Nein, mir ist das so peinlich, wenn sie weiß, was ich da mache." - "Aber sie weiß es. Mütter wissen das, das ist völlig normal. Sie weiß vielleicht nicht, ob du jetzt so weit bist oder in drei Monaten, aber willst du sie anlügen, wenn sie dich fragt, wo der Fleck hergekommen ist? Willst du das ewig verheimlichen? Irgendwann kommt das sowieso raus." - "Ich schäme mich so." - "Mädel, du wirst erwachsen! Dafür muss man sich nicht schämen."

Ich umarmte sie noch fester. "Soll Sofie mit ihr reden? Sofie ist Psychologin, die kriegt das hin." - Sie zuckte mit den Schultern. - "Sofie und ich zusammen? Wir bringen dich nach Hause und reden zuerst mit deiner Mutter. Ich bin mir sicher, sie kriegt das hin." - "Und wenn nicht, dann nehmt ihr mich wieder mit?"

Ich redete mit Sofie, die beiden lernten sich kennen, das Mädel war am Ende einverstanden. Wir fuhren zur Mutter, die begrüßte uns sehr freundlich und bat uns herein, mich kannte sie vom Sehen, Sofie nicht. Sie sah ihre Tochter und die erste Frage war: "Hast du geweint?" - Bevor sie antworten konnte, sagte Sofie: "Frau ..., lassen Sie Ihre Tochter mal in ihr Zimmer, ich möchte gerne mal mit Ihnen reden."

Die Mutter war ziemlich überrumpelt, bat uns ins Wohnzimmer. "Frau ..., mein Name ist Sofie ..., ich bin Diplom-Psychologin und wohne mit Jule zusammen in einem Haus. Ihre Tochter und Jule kennen sich aus dem Sportverein. Frau ..., Ihrer Tochter geht es sehr schlecht. Nicht körperlich, aber psychisch. Sie hat einen sehr guten und sehr erwachsenen Schritt getan und sich Hilfe geholt. Deshalb bin ich hier."

Die Mutter schluckte. "Wie kommen Sie darauf, dass es ihr schlecht gehen könnte?" - "Es ist für Ihre Tochter nicht greifbar und für Sie als Angehörige, die sie täglich sieht und schleichende Veränderungen nicht so schnell wahrnimmt wie jemand von außen, nur schwer zu erkennen. Hinzu kommt, dass Sie als Mutter ein ganz intensives Verhältnis haben und den sehnlichsten Wunsch, dass es Ihrer Tochter gut gehen möge. Sie ist nicht zu Jule gekommen, weil sie glaubt, ein Problem mit Ihnen oder mit sich selbst zu haben, sondern weil sie sich in einer ausweglosen Situation sieht. Ihr 12jähriger Kopf ist noch zu klein, um selbst eine Lösung zu erarbeiten. Sie braucht Hilfe. Von Ihnen."

"Was ist denn los? Wie kann ich ihr helfen? Sie soll von mir jede Hilfe bekommen, die ich ihr geben kann. Sie hat von mir immer jede Hilfe bekommen, die ich ihr geben konnte." - "Frau ..., es ist aus unserer Erwachsenensicht nichts dramatisches. Aber aus der Sicht eines 12jährigen Kindes und den Umständen zu Hause, wie Ihre Tochter sie subjektiv wahrnimmt - ich betone: subjektiv wahrnimmt -, ergibt sich für Ihre Tochter ein unlösbares Problem: Ihre Tochter wird erwachsen."

"Ich verstehe nicht. Was meinen Sie? Ihre Tage hat sie bereits, seit sie 10 ist. Sehr früh, aber normal für Kinder mit Spina bifida, sagte der Kinderarzt." - "Ihre Tochter entwickelt ihre Sexualität. Und damit ist nicht gemeint, dass sie ihre Tage bekommt oder Kinder zeugen könnte, damit ist der gesamte Prozess im Kopf gemeint. Und dazu gehört, dass sie Schamgefühle entwickelt, eine Intimsphäre braucht, Rückzugsräume, Möglichkeiten, alleine zu sein und vor allem ihren Körper kennen zu lernen. Einen behinderten Körper, der so völlig anders ist, über den es kaum Literatur gibt, über den es in der Öffentlichkeit viele Tabus gibt, der vieles schwierig macht - ich habe selbst Spina bifida und weiß sehr genau, wovon ich spreche."

"Sie erwischen mich gerade im luftleeren Raum." - "Ich möchte nur eins: Bitte machen Sie sich klar, dass Sie Ihre Sexualität nicht mit Ihrer Mutter besprechen. Zumindest haben Sie das nicht getan, als Sie jünger waren." - "Heute nicht mal, das wäre unvorstellbar für mich, ihr mein Sexualleben zu erzählen." - "Verlangen Sie es nicht von Ihrer Tochter. Und seien Sie hierbei hochsensibel. Kinder legen einen anderen Maßstab an als Erwachsene." - "Ich steh ein wenig auf dem Schlauch. Was genau braucht sie von mir? Was mache ich falsch? Was schlagen Sie vor?"

"Ihre Tochter braucht einen Rahmen, in dem sie ihre Sexualität ausleben kann, ohne dass sie sich dafür rechtfertigen muss. Damit meine ich nicht, dass sie hier irgendwelche Freunde oder Freundinnen anschleppt, mit denen sie ins Bett geht, man lebt ja schließlich unter einem Dach und kann Rücksichtnahme erwarten. Und mit 12 fände ich das auch viel zu früh. Nein, ich meine, dass ihre Tochter, sollte sie den Wunsch haben, sich zu befriedigen, ein einschlägiges Buch zu lesen, nackt zu schlafen, was auch immer ... dann sollte sie das tun können, ohne dass Sie sich dafür rechtfertigen muss. Das heißt: Rückzugsräume. Wenn sie zwei Stunden duschen will, duscht sie eben zwei Stunden. Wenn "bitte nicht stören" an der Zimmertür hängt, stört da keiner. Natürlich muss es eine Ordnung geben, es kann nicht sein, dass Sie morgens nicht zur Arbeit kommen, weil die Dusche zwei Stunden belegt ist. Aber Sie helfen Ihrer Tochter, wenn sie nicht nach 20 Minuten reinplatzen um nachzuschauen, ob sie noch lebt. So hat das meine Mutter immer gemacht und es gab Zeiten, da wollte ich da nicht nur duschen."

"Da muss ich an mir arbeiten. Da muss ich wirklich an mir arbeiten. Da habe ich nie drüber nachgedacht. Ist sie denn schon so weit? Sicher, wenn sie ihre Tage bekommt, ach ich Rindviech." - "Ob Ihre Tochter sich jemals selbst befriedigen möchte, weiß ich nicht. Sie werden ihr dabei aber nicht helfen können und nicht helfen sollen. Das muss sie alleine regeln." - "Na sicher." - "Sie hat aber drei Aufgaben, andere Jugendliche nur eine. Ihre Tochter muss nicht nur den richtigen Dreh finden, sondern auch noch den auf ihren teilweise gelähmten Körper angepassten Dreh und, ganz wichtig, sie muss dabei auch noch ihre Blase in den Griff bekommen, die nämlich, wenn man den Intimbereich stimuliert, gerne mal auf sich aufmerksam macht." - Schluck. - "Es ist in Ihrem Interesse, Ihrer Tochter hierfür ohne große Kommentare Zellstoffunterlagen, Pampers oder was auch immer zur Verfügung zu stellen, damit sie für sich einen Weg findet, mit dem auch Sie leben können. Welcher Weg das ist, das werden Sie nie erfahren. Damit müssen Sie leben. Wie gesagt, Sie reden auch nicht mit Dritten über Ihre Sexualität."

"Scheiße, ich glaube, ich habe alles verkehrt gemacht, was man nur verkehrt machen konnte." - "Nein, Sie haben alles richtig gemacht, Sie haben eine wunderbare Tochter. Es gibt nur Momente im Leben, wo man mal Weichen stellen muss, und wenn Ihre Tochter vor so einer Weiche steht, die sie selbst nicht stellen kann und sich dann, wenn auch eher unbeabsichtigt, Hilfe holt, dann haben Sie alles richtig gemacht. Sie können Ihrer Tochter vertrauen. Geben Sie ihr Freiräume, aber begrenzen Sie sie auch sinnvoll, damit sie nach wie vor Halt hat und Grenzen respektiert. Zum Beispiel, indem man ihr sagt, dass man sich nicht in ihre Sexualität einmischt, aber dafür auch jede Menge Vertrauen aufbringt. Und loslässt, was Eltern immer sehr schwer fällt. Auch dafür wird sie Verständnis haben. Dass man glaubt, dass sie verhütet, dass sie bei Problemen sich sofort Hilfe holt und dass sie fragt, bevor hier Leute übernachten. Das müssen Sie individuell schauen - gehen Sie es langsam an."

"Ich hätte es merken müssen. Wie lange beißt sie denn schon an diesem Problem rum? Wochen? Monate? Jahre? Ich hätte das wirklich merken müssen. Mir dämmert gerade einiges. Hat Sie Ihnen von dem Drama heute morgen erzählt? Mit dem nassen Bett?" - "Mir nicht", sagte Sofie, ohne dabei gelogen zu haben. Konnte aber eins und eins spontan zusammen zählen und sagte: "Aber genau das meine ich. Ich schätze Ihre Tochter so ein, dass ihr sehr daran gelegen ist, keinen unnötigen Schweinkram zu veranstalten. Also ziehen Sie da eine wasserdichte Unterlage unters Laken und geben ihr die Chance, selbst dafür zu sorgen, dass was auch immer sie da macht, ohne Drama stattfinden kann."

Die Mutter saß auf dem Sofa und klopfte sich mit der Faust mindestens ein halbes Dutzend Mal an die Stirn. "Argh. Das ist so peinlich. Ich hab das echt verdrängt. Das tut mir so leid. Was mach ich denn jetzt bloß?" - "Sie haben bisher wahrscheinlich gar nichts falsch gemacht, es muss eben nur jetzt eine Entscheidung her. Aus Sicht eines Kindes haben Sie als leitende, erwachsene Mutter diese Entscheidung viel zu lange veschleppt. Auch wenn Sie keine Schuld trifft, beginnen Sie beschwichtigend und mit einer Entschuldigung. Sagen Sie ihr, dass es Ihnen Leid tut. Sagen Sie ihr, dass Sie für sie da sind und stellen Sie Ihre Kommunikation sukzessive um. Nicht mehr Sie geben vor, was für Ihre Tochter gut ist, sondern lassen Sie Ihre Tochter äußern, was sie möchte. Und dann denken Sie nach, schlafen bei Bedarf eine Nacht drüber und schlagen einen Kompromiss vor. Ihre Tochter muss insbesondere ihre Sexualität alleine organisieren. Sie können nur Hilfe anbieten. Es kann aber auch sein, dass sie sich die Hilfe woanders herholt."

Warum schreibe ich darüber? Ich habe an dem Abend, an dem das passiert ist, von der 12jährigen eine lange SMS bekommen, in der sie sagte, ich solle Sofie ganz doll danken, ihre Mutter sei wie ausgewechselt. So verständnisvoll sei sie seit 12 Jahren nicht gewesen. Sie wollte wissen, ob ich ihr noch böse bin, wegen des "Überfalls".

"So ein Quatsch", habe ich geantwortet, "ich war nie böse. Es ist okay." - Die Mutter schrieb mir ebenfalls in den Tagen danach eine sehr positive Mail, in der sie sich, ich glaube, vier Mal bedankt hat. Sie schrieb von "kleine Leute, kleine Sorgen; große Leute, große Sorgen". Dass das nicht so gelte, dass ihr aber deutlich geworden ist, dass die Herausforderungen, die sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ergeben würden, inzwischen eine andere Qualität hätten. Nicht im negativen Sinne, sondern rein inhaltlich. Das Gespräch habe bei ihr einen Knoten platzen lassen, der ihr plötzlich einen neuen Zugang zu ihrer Tochter geschaffen hätte. Es habe einfach ein Baustein gefehlt.

Die 12jährige meinte, dass sie es gut fände, wenn ich darüber in meinem Blog schreiben würde. Sie kannte meinen Blog bis zu dem Besuch nicht, ich habe ihr den Link gegeben, in erster Linie, um ihr die Fragen zu beantworten, die sie nicht stellt. Sie meint: Es gibt bestimmt noch ganz viele andere Töchter und Söhne in ihrem Alter mit einer Behinderung, die genau die gleichen Probleme haben. Und die einfach mal eine Idee bekommen, wie es weiter gehen kann. Mit dem Einverständnis der Mutter schreibe ich nun darüber - allerdings ohne einen Namen zu nennen. Und nein, es gäbe mehrere Möglichkeiten, wer das sein könnte. Es geht um den Inhalt, nicht um die handelnden Personen. Manchmal muss die Neugier auch mal unbefriedigt bleiben.

Die Mutter hat den Text nur in Teilen bekommen und gelesen. Sie meinte, da auch das Gespräch zwischen mir und ihrer Tochter aus dem Text hervor gehe, möchte sie das nicht lesen. Sie vertraue mir und ihrer Tochter, dass alle mit einem blauen Auge davon kämen.

Mit der Einschätzung, es könnte noch andere Leute geben, hat die Tochter nicht ganz Unrecht. Eine, Nele, lernte ich im Frühjahr 2010 kennen. Es gibt noch sporadischen Kontakt zwischen ihr und mir, sie muss derzeit viel für die Schule lernen und kommt daher nicht mehr zum Sport. Aber sie sagt, es gehe ihr gut und eines Tages sei sie wieder dabei.

Mittwoch, 15. August 2012

Schlimmer als jede Ehekrise

Vor etwa drei Monaten kam in unsere Trainingsgruppe eine knapp 24jährige Frau, Rollstuhlfahrerin mit angeborener Querschnittlähmung (Spina bifida), wollte bei uns mittrainieren, war eigentlich mal in der (professionellen) Gruppe "über" uns, hatte da aber wohl, wie sich jetzt herausgestellt hat, zunehmend persönliche Probleme.

Heute nun ist sie (auch) aus unserer Trainingsgruppe rausgeflogen. Die Verantwortlichen haben die Reißleine gezogen, sozusagen als letztes Mittel, um Schaden von anderen Teilnehmern abzuhalten. Und ich muss sagen: So sehr ich dafür bin, aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu verstehen, Rücksicht zu nehmen, den anderen zu respektieren und zu akzeptieren - so sehr begrüße ich diese Entscheidung. Es mag überheblich und anmaßend klingen, aber dennoch bin ich froh, dass das Drama ein Ende hat und sie weg ist.

Sportlich war sie mittelmäßig, eher leicht unterdurchschnittlich, persönlich kam man gut mit ihr klar, solange es auf einer oberflächlichen Gesprächsebene blieb und man ihrer Meinung war. Womit wir bei dem Thema wären, das sich wie ein roter Faden durch unsere gemeinsamen letzten drei Monate schlängelt: Kritikfähigkeit und Selbstreflexion. Fehlende Kritikfähigkeit und kaum vorhande Selbstreflexion. Und sowas ist verdammt anstrengend.

Ich halte mich für einen sehr geduldigen Menschen und es dauert verdammt lange, bis mir der Geduldsfaden reißt, aber hätte nicht in der letzten Woche Tatjana die Weichen für einen Rauswurf gestellt, hätte ich mir überlegt, meine weitere Trainingsteilnahme davon abhängig zu machen, ob diese Person vor Ort ist. Das soll bitte keiner falsch verstehen, ich habe und hätte niemandem die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich hätte das für mich entschieden, ohne großes Theater. Und hätte mir eine andere Trainingsgruppe gesucht, vielleicht gemeinsam mit einigen anderen Leuten.

Dass jemand mal Scheiße baut, ist völlig normal. Ich würde eher einen Menschen komisch finden, der nie etwas verkehrt macht, als jemanden, dem hin und wieder mal ein Fehler passiert. Ja, ich mache auch Fehler und ja, ich mache vielleicht sogar mehr Fehler als andere Menschen. Aber wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann kann ich dazu stehen. Ja, Kritik kann hart sein und ja, Kritik stecke ich manchmal nicht sofort weg. Und manchmal bin ich aus für mich sachlichen oder persönlichen Gründen auch anderer Meinung. Manchmal bis zu einem Kompromiss, manchmal auch nur noch einen Moment, bis ich einsehe, dass meine Haltung unsinnig, auf Kosten anderer, lieb- oder respektlos ist - manchmal bin ich auch nicht mal bereit, einen Kompromiss zu finden, weil ich von meiner Meinung nicht abweichen kann oder will. Das alles gehört zu mir, zu meiner Persönlichkeit.

Was wir in unserer Trainingsgruppe hinter uns haben, lässt sich kaum beschreiben. Ich nehme am Training teil, weil ich etwas lernen, mich verbessern möchte. Also nehme ich die Kritik von unserer Trainerin an, zumal sie die immer sachlich und respektvoll rüberbringt. Und klar, man kann mal anderer Meinung sein, auch das ist ihr recht, schließlich will sie uns zu selbständigen Menschen trainieren. Beim Rennen muss ich auch eigene Entscheidungen treffen. Aber es kann doch nicht sein, dass man jeden noch so klitzekleinen Ratschlag ausdiskutiert. Die nun rausgeflogene Sportlerin meckert rum, dass sie eine gewisse Geschwindigkeit nicht erreicht und Tatjana sagt: "Hast du schonmal probiert, deine Handhaltung zu ändern? Sie ist sehr ungewöhnlich." - "Ja, das funktioniert nicht, das mache ich schon immer so seit 10 Jahren, daran liegt das nicht."

Tatjana teilt Kleingruppen ein. Grundsätzlich: "Wieso darf ich nicht mit xy zusammen in die Gruppe, immer bekomme ich Leute, die mich nicht fordern, ich will mit yz zusammen trainieren." - Oder, wie im Kindergarten: "Wieso darf diejenige heute eine Runde weniger fahren als ich?"

Nach dem zwanzigsten Zwischenfall platzt Tatjana der Kragen und es kommen dann Kommentare von ihr wie: "Wenn du meinst, dass du bei mir nichts mehr lernen kannst, dann such dir doch bitte eine andere Trainerin." - Worauf die ehemalige Teamkollegin dann angefangen hat zu heulen. Niemand verstehe sie, alle seien gegen sie, ihr würde aus ihrer Behinderung ein Nachteil gestrickt, niemand glaube an ihre Leistungen, die Haltung der Trainerin sei ursächlich für ihre Mittelmäßigkeit.

Es folgen mehrstündige Gespräche, in denen Tatjana ihr erklärt, dass sie Kritik annehmen muss, dass sie ihren eigenen Standpunkt überdenken muss. Bei allem Respekt vor ihrer Sensibilität, ein gesunder Dialog müsse noch möglich bleiben. Die Sportlerin bittet Tatjana, Kritik weicher zu formulieren, was anfangs Erfolg hat, jedoch bald scheitert, weil eine Trainerin, die auf dem Mountainbike nebenher strampelt, ruft: "Und JETZT schalten und SOFORT mit dem Sprint beginnen, und sofort wieder hochschalten, das dauert viel zu lange, das muss zackiger kommen."

So ist das nunmal. Sie hat mich trotzdem lieb, trotz des rauen Tonfalls. Ein Chirurg im OP ruft auch nur "Zange", "Tupfer", "saugen" und nicht: "Verehrte Schwester, hätten Sie die Güte, das Erbarmen und die Zeit, mir die vierunddreißigste Zange von links geöffnet und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen in meine rechte Hand zu legen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden." - Außerhalb des Trainings redet sie ja nicht so forsch.

Und wenn das alles nicht klappt, kann es eben auch mal sein, dass Tatjana sagt: "So, anhalten." - Worauf hin besagte Kollegin dann sagte: "Du kannst mich mal, ich fahr jetzt weiter." - Und Tatjana dann umdreht und sich um andere Leute kümmert, hinterher aber angeschwärzt wird beim Vereinsvorstand. Nee, echt nicht.

Am besten war die Aktion mit der Klobürste, die stellvertretend für mindestens zwei Dutzend ähnliche Fälle steht: "Ähm, xy, würdest du bitte die Klobürste benutzen, wenn du das WC benutzt hast? Das ist eklig." - "Ich war das nicht." - "Du warst doch aber gerade auf Klo." - "Nein, ich war nicht auf Klo." - "Entschuldigung, ich habe doch gerade gesehen, dass du hier aus dem Raum gekommen bist." - "Ich war nur Hände waschen." - "10 Minuten lang?" - "Ich war nur 2 Minuten drin." - "Das stimmt nicht, ich warte seit über 10 Minuten darauf, endlich auf Klo zu können. Und das ging nicht, weil du es besetzt hast." - "Ja, dann habe ich eben 10 Minuten Hände gewaschen." - "Und da war das Klo schon dreckig? Als wir vorhin abgeschlossen haben, war es doch noch sauber. Da war ich nämlich als letzte drauf und ich habe es sauber hinterlassen." - "Vielleicht hast du es ja auch nicht sauber gemacht." - "Ja vielleicht. Ist gut, ich habe keinen Bock, mit dir darüber zu diskutieren."

"Das sieht dir ähnlich, andere beschuldigen, nur um von sich selbst abzulenken." - "Es reicht!" - "Nein, ich musste mir deine Vorwürfe auch anhören." - "Ich möchte mit dir über das Thema nicht mehr sprechen." - "Aber ich mit dir. Du hörst mir jetzt mal zu. Ich finde das unmöglich, dass du mich vor anderen Leuten als diejenige hinstellst, die hier das Klo nicht saubermacht. Wie ein kleines Kind. Und ich sag dir was: Ja, ich habe das Klo nicht saubergemacht. Aber es war vorher auch schon dreckig." - "Du hast doch gerade abgestritten, überhaupt auf dem Klo gewesen zu sein. Das ist das, was hier ständig zu Stress führt." - "Ich habe nie gesagt, dass ich nicht auf dem Klo war. Ich habe gesagt, ich habe lange Hände gewaschen. Aber ich habe nicht gesagt, dass ich nicht auf dem Klo war. Was willst du mir hier eigentlich unterstellen? Du denkst wohl, nur weil ich behindert bin ..." - "Überleg dir genau, was du jetzt sagst, ich sitze auch im Rollstuhl." - "Ja aber erst seit drei Jahren. Ich seit dreiundzwanzig."

Und so lief alles. So liefen alle Gespräche. Und sollte es mal so sein, dass alles Rauswinden nichts brachte, kam: "Ich hab das anfangs nicht richtig verstanden. Aber du musstest ja gleich ein Drama draus machen." - Ich kann es nicht mehr hören. Cathleen sagte immer: "Schlimmer als jede Ehekrise."

Meine Bank

Wenn ein Mensch in einen Laden geht, nur um dem Inhaber mitzuteilen, dass ihm die Auswahl missfällt, muss die Frage erlaubt sein, welches Ziel dieser Mensch mit seiner Aktion verfolgt. Möchte er das Sortiment ändern? Oder nur Stunk machen? Sehr viel einfacher macht es sich dieser Mensch, wenn er über seine Motivationslage aufklärt. Entsprechend versteht wohl jeder, dass ich unsachliche Meckerkommentare (dein Blog ist scheiße, deine Idiotenmagnetsgeschichten sind frei erfunden, ...) nicht veröffentliche. Dadurch entsteht zwar ein falsches Bild, nämlich das, das alle meine Leser meinen Blog toll finden, aber ich glaube, damit kann ich leben.

Zum Thema "Idiotenmagnet" habe ich in meinem Beitrag "Nur die Augen" folgende These aufgestellt: "Diese schrägen Situationen häufen und vermindern sich parallel zum Umfang der Behinderung, dem eigenen Umgang damit und den wiederum deshalb verwendeten Hilfsmitteln." Als ich das vor etwa einem Vierteljahr aus bestimmtem Anlass geschrieben habe, habe ich nicht lange über diesen Satz nachgedacht, sonst wären mir bestimmt auch noch Worte wie "Kongruenz" eingefallen und ich hätte irgendwie auch noch die Abhängigkeit von persönlicher Assistenz mit eingebaut.

Entscheidend ist aber, und diese These möchte ich heute noch einmal so deutlich formulieren: Den Idiotenmagneten gibt es zu jeder Behinderung kostenlos dazu. Und seine Anziehungskraft bestimmt sich nach dem im Ausweis eingetragenen GdB (Grad der Behinderung), ihrer Sichtbarkeit und ihren Auswirkungen im Alltag, den verwendeten Hilfsmitteln und Kompensationstechniken sowie ... einer dem einen oder anderen unbekannten Größe, mit der man multiplizieren muss.

Meine Bank heißt genau so wie jene, die mit einem mit diesen Worten beginnenden Slogan seit vielen Jahren beworben wird. Zumindest jene Bank, bei der ich mein Girokonto habe. Für die Anlage meiner Unfall-Entschädigungen hatte man leider kein mir passendes Konzept. Ich möchte vorweg sagen, dass ich von dieser Bank (und das betrifft nicht nur einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen ich bislang zu tun hatte) immer korrekt und freundlich behandelt worden bin. Mein Kundenberater in der Filiale in der Nähe meiner alten Wohnung kam bei jeder Gelegenheit auf mich zu, gab mir die Hand, fragte, ob alles in Ordnung ist, erkundigte, wenn gerade nichts los war, sich nach meinem Sport - insgesamt sehr angenehm.

Wenn ich jetzt gezwungen wäre, über meine jetzige Kundenberaterin etwas negatives zu sagen, würde ich sagen, sie erscheint mir manchmal ein wenig overdressed. Wenn ich bei dem Wetter in kurzer Hose, Top, barfuß dort reinrolle und sie in Feinstrumpfhose, langem Rock, Bluse, Jacke und aufwändig zusammengesteckten Haaren sehe, möchte ich manchmal am liebsten fragen, ob sie nicht schnell mit an den See möchte, eine Runde schwimmen. Ich hätte überhaupt nichts, was ich kritisieren könnte, sie hat sich gerade erst für mich um eine Kreditkartenabrechnung gekümmert, auf der eine Buchung doppelt auftauchte, hat mir telefonisch einen Zwischenstand aufs Handy gegeben ... ich mach es kurz: In einer Umfrage würde ich sie mit "sehr gut" bewerten.

Dennoch habe ich heute über einen Link eines befreundeten Rollstuhlfahrers etwas gelesen, was ich zunächst nicht glauben konnte. Angeblich soll vor etwa zwei Wochen in einer Mitarbeiterkonferenz in einer (anderen) Filiale eben dieser meiner Bank beschlossen worden sein, einen Rollstuhlfahrer nicht mehr zu bedienen. Besagter Rollstuhlfahrer leidet an Muskelschwund, was nicht selten auch -wie bei ihm- eine Sprachbehinderung mit sich zieht. Die Mitarbeiter der Filiale ekeln sich vor dieser Behinderung, es sei eine große Zumutung. Er solle sich doch einer Assistentin bedienen, die sich ihren Job schließlich ausgesucht habe. Der Filialleiter habe, konfrontiert mit diesem Vorfall, lediglich ergänzt, die Mitarbeiterin sei besonders geruchsempfindlich.

Ich hätte das nicht weiter aufgegriffen, weil es so unglaublich klingt. Die Bank bestätigt diesen Vorfall aber mindestens indirekt, indem sie auf ihrer Webseite zu dem Thema schreibt: "Dieser Ausnahmefall tut uns und der betreffenden Kollegin sehr leid und entspricht selbstverständlich nicht unserem Verständnis von Kundenservice. Wir haben uns deshalb bereits kurz nach dem Filialbesuch in der vergangenen Woche bei Herrn W. persönlich entschuldigt und zwei längere Gespräche mit ihm geführt. Herr W. teilte uns daraufhin mit, dass er weiterhin bei [uns] betreut werden möchte. Außerdem haben wir Kontakt zum Verband behinderter Menschen aufgenommen, um zu prüfen, ob es dort ggf. weitere Empfehlungen für den Umgang mit behinderten Menschen gibt."

Da wird eine Mitarbeiterkonferenz einberufen, in der es zu dem Beschluss kommt, einen behinderten Menschen, der seit Jahren Kunde ist, wegen seiner Behinderung nicht mehr zu bedienen? Was bitte läuft da falsch?! Wie kann es zu solchen Vorgängen kommen?

Ich kenne den ganzen Sachverhalt nicht. Ich kenne den Kunden nicht. Kackt der regelmäßig ein, so dass es zu solchen Geruchsbelästigungen kommt? Dann würde ich der Bank zustimmen, das ist unerträglich. Ich meine das völlig ernst: Das kann ja mal passieren. Wenn jemand, ob nun durch einen Querschnitt oder durch schwindende Muskelkraft, das eine oder andere nicht mehr so ganz unter Kontrolle hat, geht schonmal was in die Hose. Und das stinkt dann auch. Und ich würde, würde mir das passieren, ganz sicher nicht in einen Supermarkt, eine Bank oder ähnliches gehen rollen. Zumindest nicht, um dort seelenruhig jemanden anzusprechen, ob er mir einen Überweisungsträger ausfüllt. Sondern ich begebe mich schnurstraks unter die nächste Dusche und mache mich sauber, und wenn ich das nicht selbst kann, bitte ich meine Pflegekraft, das zu tun.

Wie gesagt, ich kenne den Kunden nicht. Ich kann mir alles mögliche vorstellen. Und darauf darf man auch als Dienstleister, auch als solcher für behinderte Menschen, angemessen reagieren. Wenn der Herr mit einem tropfenden Rollstuhl reinkommt und die Auslegware der Filiale mit einer Urinspur versieht, muss er für den Schaden aufkommen. Wenn das mehrmals vorgekommen ist und er die Reinigung nicht zahlen kann, hätte man meines Erachtens ebenfalls einen sachlichen Grund, um den Herrn des Hauses zu verweisen.

Wenn der Kunde rumsabbert und vielleicht noch mit seinen Händen ständig seinen runtertropfenden Speichel abwischt, dann kann ich es gut verstehen, wenn eine Bankmitarbeiterin demjenigen nichts in die Hand drücken will oder mit ihm zusammen mühsam die Unterschrift auf einem Überweisungsträger anbringt. Aber dann kann die Lösung doch nicht sein, dass man denjenigen rauswirft! Onlinebanking wäre sicherlich eine Möglichkeit, aber wer weiß, ob der Kunde überhaupt einen PC bedienen kann. Es wird sich doch eine andere Lösung finden: Beispielsweise dass der Kunde den Auftrag mündlich erteilt und zwei Bankmitarbeiter gegenzeichnen. Sollte er dann einmal behaupten, er habe den Auftrag nicht erteilt, hätte man wiederum einen Kündigungsgrund, nämlich ein fehlendes Vertrauensverhältnis, was für eine Bank ja besonders wichtig ist.

Ich sage es nochmal: Ich kenne weder die Bankmitarbeiterin noch den Kunden. Aber ich weiß, dass ich schon Leuten begegnet bin, die sich, nachdem sie mir die Hand gegeben haben, eben diese sofort waschen mussten. "Wer weiß, wo die überall ihre Finger hatte." - Soll ichs sagen? Genau dort, wo andere Leute ihre Finger auch haben.

Was mich an dieser Sache besonders stört, ist, dass hier wieder neuer Raum geschaffen wird, mit großem öffentlichen Druck auf ein politisch korrektes Verhalten zu drängen. Die Mitarbeiterin wird, auch wenn sie sich 1.000 Mal entschuldigen muss, um ihren Job zu behalten, nicht morgen oder übermorgen ein neutrales Verhältnis zu sabbernden oder pupsenden Kunden haben. Es entwickelt sich ein Umgang, vielleicht sogar eine Kultur, die es mir immer schwerer macht, festzustellen, ob jemand mich akzeptiert oder ob er mich akzeptieren muss. Klar, bei meiner Bankmitarbeiterin im Dienst könnte ich mit aufgesetzter Akzeptanz leben, solange es sich eben nur um ein zeitlich begrenztes Ereignis wie einen Bankbesuch handelt. Aber wäre es nicht wesentlich sinnvoller, echte Akzeptanz zu generieren? Das wäre, glaube ich, gar nicht sooo kompliziert...

Dienstag, 14. August 2012

Eine ganze Million

Heute morgen um genau 10.05 Uhr war es so weit: Der


1.000.000 Besucher blickte auf meine Seite. Eine Million! Erste Reaktion von Marie, die im Auto auf der Rückbank neben mir saß: "Hättest du das als Buch verkauft für 7,90 € im Eigenverlag, hättest Du jetzt drei Millionen Euro Gewinn und könntest mir ein Haus kaufen." - Bevor ich ein Wort sagen konnte, streckte sie mir ihre Wange hin, verzog das Gesicht und kniff die Augen zu in Erwartung einer Ohrfeige. Ich gab ihr ein Küßchen.

Die Mutter drehte sich auf dem Beifahrersitz um: "Was willst du denn mit einem Haus? Du schaffst es ja nicht mal, dein Zimmer sauber zu halten." - "Ich hab dich auch lieb, Mama."

Okay. Das Buffet ist eröffnet, greift zu. Die Schnittchen hier links sind mit Zwiebelmett, das sollte bei der Hitze vielleicht als erstes ... also haut rein!

Ich denke, es ist an der Zeit, was zu schreiben an alle die, die meinen Blog lesen: Danke für Eure Geduld mit mir, für den Mut, den ihr mir macht, für die nervigen Fragerunden, für das Provozieren, fürs Augenöffnen, für die vielen lobenden, aufmunternden und bewundernden Worte - und vor allem fürs Lesen.

Machen

Fahre mit einem Rollstuhl, fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einer Großstadt - und es gibt nichts, was man nicht noch erleben könnte. Ich war heute morgen früh auf dem Weg zu Marie, saß in der S-Bahn, als in Rothenburgsort ein Typ einstieg. Anfang 20, gut gekleidet, baumlang, hübsches Gesicht, braungebrannt, tolle Figur. Jemand, nach dem ich mich auf der Straße nochmal umdrehen würde, wenn ich jemand wäre, der Leuten hinterher schaut. Er setzte sich auf die Bank, die direkt neben mir war, legte den Kopf schief und lächelte mich an. Ich lächelte zurück.

"Na?", sprach er mich sofort an. Nun ist "na" zwar nicht der herzlichste Gruß, aber im Norden auch alles andere als unfreundlich. Ich erwiderte kurz und bündig: "Na?" Und lächelte weiter. Mal schauen, was draus wird.

Seine erste Frage kam sofort: "Machen?" - Ich dachte, ich hätte ihn nicht verstanden und fragte: "Wie bitte?" - "Machen?" - "Was meinst du?" - "Na, machen!"

Wollte der mich verarschen? Lohnte es sich, darauf einzugehen? Oder sollte ich abwenden und den Rest der Fahrt aus dem Fenster gucken? Ich entschied mich, noch einmal nachzufragen: "Was machen?!"

Er antwortete: "Na was wohl? Ficki ficki! Machen."

Mir fiel alles aus dem Gesicht. Ich antwortete: "Nee, nicht ficki ficki machen." - Er erwiderte mit einem Grinsen im Gesicht: "Na komm, ist gut gegen Pickel. Behebt jede Hormonstörung. Oder hast du gerade deine Tage? Kriegt man als Behinderte überhaupt seine Tage?"

Der Typ wollte mich nur provozieren. Erstens habe ich keine Pickel im Gesicht (oder zumindest nicht so derbe, dass das das Erste ist, was einem auffällt oder was so bemitleidenswert aussieht, dass man mich deswegen unterwegs befruchten müsste), zweitens ist er sich ja sicher, dass ich keinen Sex habe, weiß aber nicht, ob Behinderte ihre Tage kriegen. Klingt logisch, oder?

Während ich versuchte, mich zu entscheiden, ob ein Gegenangriff besser wäre als ihn zu ignorieren, setzte sich eine Frau, die aussah wie Renate Künast, auf die Bank gegenüber, quasi direkt neben mich. "Ist das nicht ein herrliches Wetter?", fragte sie mich. Ich erwiderte: "Draußen ja."

Die Frau grinste. Der Typ fragte: "Ist das deine Mutter oder was?" - Frau Künast antwortete betont laut: "Töchterchen, ich hör schon wieder Stimmen. Weißt du noch, wann Mutti den nächsten Termin beim Psychiater hat?" - "Wir sind direkt auf dem Weg dorthin." - "Ich hätte es wissen müssen. Schätzelein, du weißt, ich bin immer für dich da." - "Das ist lieb, Muddi."

Am Hauptbahnhof stieg der widerliche Typ aus. Frau Künast sagte: "Was fürn Arschloch, ey. Ich komme gerade aus dem Nachtdienst, ich arbeite für eine Frau, die einen sehr hohen Querschnitt hat. Wissen Sie, was die in Ihrer Situation gesagt hätte?" - "Nee?!" - "Können Sie dem mal bitte ins Gesicht spucken?"

Sonntag, 12. August 2012

Kurz aber ganz

Wie immer kam die Anmeldebestätigung kurzfristig, wie immer galt es, in den letzten Sekunden alles zu organisieren. Ich werde es, glaube ich, nie verstehen, warum man Paratriathlon-Wettkämpfe bis zur letzten Sekunde offen hält, anstatt sie, wie bei Fußgänger-Wettkämpfen üblich, mit einem verbindlichen Meldeschluss zu versehen. Die Betonung liegt dabei auf verbindlich, denn eigentlich gab es ein Datum, bis zu dem sich nicht genügend Leute gefunden hatten, die teilnehmen wollten. Kurzfristig bekamen wir in der letzten Woche einen Anruf, dass der Wettkampf nun aber doch stattfindet, weil noch Leute nachgemeldet hatten.

Ergo haben wir unser eigentlich mit "Strand" verplantes Wochenende kurzfristig wieder umgeworfen und sind ins westliche Rheinland-Pfalz gegondelt, um dort an einem Paratriathlon teilzunehmen. Eine eher kleine Veranstaltung abseits der bekannten Serien - der Fußgänger-Triathlon hat in diesem Ort Tradition und gegenüber Menschen mit Behinderung zeige man sich inklusiv, wie der Bürgermeister bei seiner Ansprache wissen ließ.

In der Tat sahen wir uns sehr willkommen: Man hatte für alle, die nicht im Hotel oder in der Jugendherberge schlafen konnten, große Zelte aufgebaut. Eins davon extra für Rollstuhlfahrer. Wir reden hier nicht von Zwei- oder Dreimannzelten, sondern von befahrbaren Konstruktionen, die ein wenig an eine kleine Zirkusmanege erinnerten. Kreisrund, ohne Boden, stattdessen innen komplett mit Holzpaletten ausgelegt, so dass man, ohne im Gras zu versinken, zu seinem Schlafplatz gelangen konnte. Wohl wissend, was uns erwartet, hatte Marie zwei 140 x 200 Luftmatratzen dabei, beide ließen sich elektrisch aufblasen - die Geräuschkulisse erinnerte ein wenig an die eines defekten Staubsaugers. Ja, es gab sogar Licht und Strom in dem Zelt.

Und fließend Wasser. In der ersten Nacht gab es einen Wolkenbruch, der befürchten ließ, das Zelt würde gleich unter der Last des Wassers zusammenbrechen. Das Zelt hielt zwar, jedoch war unser Zelt am tiefsten Punkt der Wiese aufgebaut, so dass innerhalb der Paletten das Wasser plätscherte. Zum Glück stieg es nicht über die Höhe der Holzpaletten - ansonsten wären wir wohl in Ermangelung eines Ankers mit unserer Luftmatratze nach draußen getrieben. Marie, Cathleen und ich machten unter dem Eindruck des Getöses auf dem Zeltdach aus unseren Schlafsäcken eine große Decke und krochen unter dieser zu dritt so eng zusammen wie nur irgend möglich. Die Mütter von Marie und Lisa, die ebenfalls mit in dem Zelt schliefen und am nächsten Tag zusammen mit Tatjana unsere Teamhelfer sein wollten, schauten sehr ängstlich drein und befanden, ein Survivaltraining könnte nicht schlimmer sein. Irgendwann war der Regen vorbei und alle 20+ Leute in unserem Zelt schliefen ein.

Am nächsten Morgen holte uns eine Meldung ein, die wir am Vortag während unserer Anreise nicht mitbekommen hatten: Auf unserer Trainingsstrecke in Hamburg ist es zu einem tödlichen Unfall gekommen. Ein Rennradfahrer, ein 33jähriger Sonderschullehrer, sei beim Training frontal mit einem Lkw kollidiert und sofort tot gewesen - drei weitere Radfahrer wurden zum Teil schwer verletzt. Im Rahmen eines Überholmanövers sei ein entgegenkommender Lkw direkt in die etwa 30köpfige Gruppe gerast.

Als wir dann erfahren haben, dass wir den Verunglückten nicht kannten (er war wohl zum ersten Mal dabei), dass der Unfall nicht auf einer abgesperrten Trainingsstrecke, sondern im fließenden Verkehr passiert ist und auch nicht wirklich auf der Straße, auf der wir fahren, sondern auf einer Parallelstraße, waren wir zwar nicht erleichtert (wer ist das schon, wenn so ein folgenschwerer Unfall passiert), aber immerhin konnten wir für uns ganz klar feststellen: Es hätte eben nicht auch uns treffen können. Wir trainieren nicht im fließenden Straßenverkehr. Eben genau aus diesem Grund. Trotzdem gilt seiner Familie und seinen Kameraden natürlich unser und mein Mitgefühl.

Zurück nach Rheinland-Pfalz: Es handelte sich um einen Kurzdistanz-Wettkampf, also 1500 Meter schwimmen, 10 Kilometer per Rennrolli und 40 Kilometer mit dem Rennbike. Wir waren vor allen anderen Teilnehmern dran, das Wetter war okay, fast zu warm - und das Wasser war zu kalt, um ohne Neo zu starten. Mit 10 Minuten Verspätung ging es endlich los. Ich fand zum Glück sofort meinen Rhythmus, bekam zwar ein paar Mal ein paar fremde Hände ab, ließ mich davon aber nicht ablenken und konnte mich zusammen mit Marie aus dem relativ kleinen Starterfeld lösen. Nach ziemlich genau 45 Minuten waren wir beim ersten Wechsel angekommen. Maries Mutter half Marie, Tatjana half mir, nach knapp drei Minuten saßen wir in unseren Rennstühlen und konnten als erste die Wechselzone verlassen. Wir bekamen nur noch mit, wie Cathleen aus dem Wasser kam.

Da Windschattenfahren verboten war, fuhren wir demonstrativ nebeneinander, zumindest dort, wo die Straßenverhältnisse es zuließen. Die Strecke war nicht wirklich gut, zwar relativ eben und durchgehend asphaltiert, ein einziges Mal wurde der Streckenverlauf durch eine Hütchenreihe an einem Schlagloch vorbei geführt, aber insgesamt sehr kurvig. Was für Läufer kaum ein Problem ist, ist mit dem schnurgeradeaus fahrenden Rennrolli keine leichte Aufgabe. Mir ging es gut, ich hatte keinen Leistungsdruck, keinen Verfolger - ich versuchte einfach, so schnell wie möglich zu sein, ohne mich zu überanstrengen. Marie bekam Probleme mit ihrer Blase, sie wurde zu voll. Sie meinte, sie könne sich nicht genug entspannen, sei zu aufgedreht, ich gab ihr den Tipp, während einer abschüssigen Passage mal komplett zu entspannen, aber es funktionierte nicht. Was besonders blöd ist, denn so müsste sie beim nächsten Wechsel auf eins der ekligen Dixi-Klos, während die Zeit weiter läuft. Etwa 500 Meter vor T2 klappte es dann doch noch.

Die 40 Kilometer biken waren im ersten Moment sehr angenehm, nach zwei Kilometern war ich mir sicher, ich würde die letzten 38 problemlos schaffen. Doch etwa ab der Hälfte zog sich die Strecke wie Kaugummi. Es war ständig ein leichter Wind von vorne, so dass man ständig zwischen drei, vier Gängen hin- und herschalten musste, und das kostete endlos Nerven. Nach knapp über einer Stunde rollten wir ins Ziel: Erst Cathleen, dann ich, dann Marie, alle innerhalb von sechs Sekunden. Insgesamt lag ich bei 3 Stunden und 16 Minuten - es hätte deutlich schneller sein können, wenn die "Laufstrecke" nicht so kurvig gewesen wäre. Aber alle anderen hatten dieselben Vorgaben und somit: Der zweite Platz (von 12) zählt! Ich habe mich riesig gefreut.

Körperlich war ich nach dem Wettkampf eigentlich kaum erschöpft, ich fühlte mich nicht übermäßig ausgepowert. Aber müde. Ich hätte, als der Wettkampf-Flash vorbei war, mich sofort hinlegen können. Wie gut, dass wir erst am nächsten Morgen abreisten. So konnte ich in Ruhe ausschlafen, bevor wir die Heimfahrt antraten. Leider war das -bis auf ein weiterer Termin- die letzte Chance in diesem Jahr, an einem Paratriathlon teilzunehmen. Aber Tatjana meinte: Vielleicht machen wir selbst noch einen internen Wettkampf. Lust hätte ich.

Samstag, 4. August 2012

Lob und Kritik

Da bekomme ich doch tatsächlich Post von einer mitgliedsstarken, bundesweit operierenden und in Landesverbänden vernetzten Organisation, in der sich ganz viele behinderte Menschen zusammengeschlossen haben. Auf offiziellem Briefpapier und von offizieller Mailadresse. Man lobt meinen Blog, er trage (wenngleich ich sagen muss, das war niemals mein vorrangiges Ziel) in erheblichem Maße zur Verständigung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung bei.

In einem Punkt möchte man mich aber kritisieren und "freue sich" über eine öffentliche Klarstellung. Ich warne schonmal vor: Achtung, Pulleralarm! Durch meinen Blog würde beim Leser der Eindruck, wenn nicht sogar das Vorurteil entstehen, viele Rollstuhlfahrer seien inkontinent und würden Windeln tragen. Ich wisse, dass das nicht so sei und möge das doch bitte richtig stellen.

Okay. Dann stelle ich an dieser Stelle doch mal klar: Ich habe nirgendwo gesagt, wieviele Rollstuhlfahrer inkontinent sind oder Windeln tragen. Vielleicht sind es deutschlandweit nur zwei, vielleicht auch zwei Millionen. Vielleicht liegt die richtige Zahl auch irgendwo dazwischen.

Inkontinenz ist die Einschränkung der Fähigkeit, bewusste (und ausreichende) Kontrolle über (mindestens) einen Schließmuskel auszuüben. Ist, wie bei Querschnittgelähmten, die Verbindung vom Gehirn zum Schließmuskel unterbrochen, liegt zwangsläufig eine Inkontinenz vor. Auch bei vielen anderen Behinderungen oder Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems kommt es zu einer Inkontinenz.

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, die damit verbundenen Folgen so zu kompensieren, dass dem Betroffenen erspart bleibt, dass Urin aus der Blase läuft und für Dritte sichtbar hervortritt. Bei Männern stehen Kondomurinale (also ein vorne offenes Klebekondom mit einem Schlauch, das den Urin in einen am Bein befestigten Beutel führt) zur Verfügung. Bei Männern und Frauen stehen (zentral oder örtlich wirksame) Medikamente zur Verfügung, die die Blasenmuskulatur (fast) vollständig lähmen, so dass sie Blase durch einen über die Harnröhre oder durch eine künstliche Öffnung in der Bauchdecke für die Dauer der Entleerung eingeschobenen Katheter entleert werden muss. (Es ist ebenfalls denkbar, dass die Blase aufgrund einer sehr hohen oder sehr tiefen Querschnittlähmung von sich aus schon spastisch ist und sich nicht mehr selbständig entleert.)

Weitere Möglichkeiten, wie Dauerkatheter, künstlicher Blasenausgang oder Blasenschrittmacher (letzter wird an die Nervenbahnen der Blase angeschlossen und stimuliert die Blase auf Knopfdruck) sind entweder veraltet und/oder kommen bei meinen Leuten eher nicht vor.

Soweit ich nun in meinem Blog von meinen persönlichen Erfahrungen mit aufsaugenden Hilfsmitteln geschrieben habe, heißt das nicht, dass diese Mittel der Wahl sind oder von allen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern benutzt werden. Wenn man insbesondere durch diese blasenlähmenden Medikamente eine weitestgehende Kontinenz erreichen kann, ist sowas entbehrlich.

Bei mir ist es aber so, und das habe ich vor über drei Jahren schon geschrieben, dass sich meine Blase nicht so ruhig stellen lässt, dass sie konsequent und verlässlich dicht bleibt. Wenn, dann nur mit erheblichen Nebenwirkungen, das heißt, die Dosis der Medikamente müsste so hoch sein, dass ich nicht mehr Auto fahren dürfte, weil ich verschwommen sehe, zittrig werde und ähnliches. Ich erreiche auch ohne perfekte Einstellung eine so hochgradige Kontinenz, dass ich zu Hause sowieso und auch im Alltag inzwischen ohne Windeln auskommen würde, wenn in relativer Nähe eine brauchbare Toilette vorhanden ist. Und in relativer Nähe heißt: Das Gefühl, das mir anzeigt, dass die Blase voll ist, merke ich zwischen 3 und 20 Minuten bevor sich die Blase selbständig zu entleeren beginnt. Und die Zeit reicht nicht, um unterwegs immer und überall ein Klo zu finden, auf das ich als Rollstuhlfahrerin komme. Und bevor es dann eine riesige Schweinerei gibt, trage ich vorsichtshalber eine Windel.

Ob das bei irgendwem nun eine Klebewindel, eine große Vorlage, eine kleine Vorlage oder eine ganz kleine Vorlage sein soll oder sein muss, entscheidet sich in erster Linie dadurch, ob es, wenn die Blase zu voll ist, zu tröpfeln (also überzulaufen) beginnt, oder ob die Blase den Füllzustand oder Erschütterungen als Entleerungsimpuls missversteht. Es gibt auch (wenige) Rollstuhlfahrerinnen aus meinem Umfeld, die völlig ohne solche Hygieneartikel auskommen.

Wie jemand damit umgeht, überlasse ich Jemand selbst. Klar. Und ich spreche hier auch nicht für alle Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Ich schreibe ein Online-Tagebuch, meistens über mich und mein Umfeld. Ich muss schon sagen: Mich wundert, dass das einigen Leuten offensichtlich nicht klar war.

Donnerstag, 2. August 2012

Eintausend Kamelflöhe

Über Parkplätze habe ich schon ein paar Mal geschrieben. Ja, über Parkplätze kann man schreiben. Wenn man den etwas breiteren braucht, der oft mit einem besonderen Verkehrsschild für Rollstuhlfahrer freigehalten wird. Weil man neben seinem Einstieg noch einen Rollstuhl zusammen- oder auseinander bauen muss. Ohne die Türbreite Abstand auf der Fahrerseite komme ich nicht in mein Auto.

Nun gibt es ja zuhauf Leute, die das Prinzip noch nicht verstanden haben, die unberechtigt auf Behindertenparkplätzen parken. Und dabei kann es sogar vorkommen, dass man, wenn man einen dabei erwischt und ihn höflich auf sein Fehlverhalten anspricht (nicht, weil man es als Oberlehrerin besser weiß, sondern weil man vielleicht diesen Platz gerne hätte), gesagt bekommt: "Dahinten sind doch noch genügend (andere) Plätze frei!" - So geschehen gestern. Ähm ja, wie gesagt, Prinzip nicht verstanden. Ich überlege ja noch, ob ich mir für solche Fälle nicht mal einen Damenrevolver zulegen sollte. Nur einen ganz klitzekleinen.

Was macht man als Rollifahrerin, wenn so ein Fall eintritt? Richtig, das gleiche, was man tut, wenn überhaupt keine Behindertenparkplätze vorhanden sind. Man stellt sich so hin, dass es keinen linken Nachbarn geben kann oder dieser mit ausreichend Platz parkt. Und zwar nicht, weil man ein Schild in die Tür klebt, das sieht sowieso keiner, sondern weil man zum Beispiel auf dem ganz linken Parkplatz mit ausreichend Raum zum Bordstein parkt - oder sich rotzfrech über zwei Parkplätze stellt. Ja sorry Leute, ich vermeide das so gut es geht, aber manchmal ist es die einzige Chance, die ich habe.

Vor einiger Zeit habe ich das mal am Hauptbahnhof gemacht, nachdem die dort vorhandenen 10+ Behindi-Parkplätze komplett belegt waren, zu mehr als 80% durch Unberechtigte. Als ich meine Freundin zum Zug gebracht hatte und wiederkam, ging gerade die große Abschleppaktion los. Der Bezirkliche Ordnungsdienst war mit zwei Leuten vertreten und hatte ein halbes Dutzend Abschlepper geordert, die die ganzen Falschparker konsequent an den Haken nahmen. In einiger Entfernung neben meinem Auto gab es eine Diskussion, weil jemand, der auf dem Gehweg parkte, mit seinem Strafzettel nicht einverstanden war und die Verkehrsüberwachungskraft bepöbelte.

Der brachte dann wiederum mich ins Spiel: "Warum hat die da keine Knolle bekommen? Die parkt über zwei Plätze. Nur deshalb stehe ich hier auf dem Gehweg." - Ich war eigentlich schon fast weg, wartete dann aber doch noch ab. Auch auf die Gefahr, dass ich doch noch ein Ticket bekäme. Die Verkehrsüberwachungskraft, die bis dahin noch recht ruhig war, fing an zu sieden: "Die Dame hat einen blauen Parkausweis für Behinderte in der Scheibe gehabt. Und das Auto ist für Handbedienung umgerüstet. Also habe ich mir gedacht, sie wird so geparkt haben, weil sie sonst nicht ein- und aussteigen kann. Die für sie reservierten Plätze sind nämlich alle durch rücksichtslose Verkehrsteilnehmer belegt. Das ist auch der Grund für das massive Abschlepperaufgebot hier. Und Sie behindern durch Ihr Falschparken die Fußgänger. Die Rollstuhlfahrerin müsste nämlich Ihretwegen auf die Fahrbahn ausweichen, Bordstein runter, Bordstein rauf, mit ihrem Rollstuhl. Und jetzt empfehle ich Ihnen, hier wegzufahren, denn der nächste Abschlepper ist Ihrer. Die Anfahrt müssen Sie sowieso schon zahlen." - Er wollte klagen.

Es kann aber auch anders gehen, wie ich heute von einem im Rollstuhl sitzenden Kumpel gelesen habe. Dem haben sie bei einer ähnlichen Aktion, er parkte mit einigem Abstand auf dem ganz linken Parkplatz einer Filiale einer Bürobedarfskette, auf dem kein Behindertenparkplatz vorgesehen war, und fand beim Zurückkommen einen Zettel an seinem Auto:

"Verwarnung! Dies ist zwar kein Strafzettel, aber wenn es nach mir ginge, würden Sie zwei bekommen. Durch Ihr idiotisches, egoistisches und rücksichtsloses Parken beanspruchen Sie einen Parkplatz, der normalerweise für 20 Kamele samt Treiber ausreicht. Da dieser Zettel wahrscheinlich sowieso nicht fruchtet, verabschiede ich mich und wünsche Ihnen baldigst einen Motorschaden auf einer völlig vereinsamten Landstraße um 23 Uhr bei minus 25 Grad und Windstärke 12. Außerdem mögen 1000 Kamelflöhe Ihr Arschloch heimsuchen, und zwar dann, wenn Ihre Arme von einer temporären Lähmung befallen sind. Ein Parkplatzgeschädigter - P.S.: Wenn Sie noch einmal so blöd parken, dann scheiße ich Ihnen auf die Motorhaube."

Ja sag mal, geht's noch? Der Zettel ist zwar nicht neu, wie man im Internet leicht feststellen kann, aber es gibt doch offenbar Leute, die den kopieren und verteilen. Und sich keine Gedanken machen. Oder wenig Verständnis aufbringen. Das Gute ist ja, dass ich die eintausend Kamelflöhe an meinem Po vermutlich nicht mal merken würde. Hingegen sollte ich mir für den angekündigten Kackfrosch auf der Haube vielleicht doch den Damenrevolver kaufen? Nur den ganz klitzekleinen.