Dienstag, 31. Juli 2012

Bauchweh und nächtliches Schwimmen

Was kann man gegen Schreibstau tun? Richtig: Schreiben. Es gibt noch etwas zu schreiben, das zwar zeitlich nicht mehr so ganz passt, aber für mich so wichtig ist, dass ich es auf jeden Fall in meinem Tagebuch hinterlassen und nicht einfach so vergessen möchte. Während meines Trainingslagers in Bayern ist natürlich noch etwas mehr passiert als Training und das Kennenlernen meiner Halbschwestern.

Es war das Ende eines langen Trainingstages, eines der letzten, es wird abends bereits deutlich früher wieder dunkel, wir älteren Mädels hatten eine anstrengende Einheit im Rennrolli hinter uns und ich saß in dem Teil und kämpfte mit Bauchkrämpfen. Soll heißen: Ich hatte meine Hände auf meinen Unterbauch gedrückt und versuchte, mich möglichst nicht zu bewegen, sondern abzuwarten, dass das wieder aufhört. Ich stand auf einer Rasenfläche am See (Rasen, damit der Stuhl nicht ständig weiterrollt), und während alle anderen bereits in Richtung Dusche verschwunden waren und Tatjana die Rennrollis für die Nacht in die Sporthalle manövrierte, versuchte ich mich abzulenken. Direkt neben mir war ein See. Haubentaucher tauchten trotz einsetzender Dunkelheit, Krähen krähten, Grillen grillten und Stinkesocke ... lassen wir das. Ich versuchte herauszufinden, ob ich ein Ernährungsproblem oder ein Flüssigkeitsdefizit hatte - meine Tage waren eigentlich nicht dran und normalerweise täten die auch nicht so weh. Genug Flüssigkeit hatte ich eigentlich auch in mir (und nicht nur Wasser), vermutlich also doch die Kantinenkost.

Tatjana sprach mich an, ob ich nicht langsam auch mal duschen gehen wollte. Ich ließ mich aus dem Rennrolli ins Gras purzeln, warm genug war es noch, legte mich mit angewinkelten Beinen auf den Rücken in eine Art Schonhaltung und wartete weiter darauf, dass die Bauchkrämpfe aufhören. Vielleicht musste ich ja nur mal pupsen und alles wäre wieder gut? Ich starrte minutenlang in den Nachthimmel. Aus den Minuten wurde mindestens eine Viertelstunde. Erst jetzt merkte ich, dass sich ein älterer Teilnehmer aus einem anderen Team ein Stück weiter neben mir ebenfalls ins Gras gelegt hatte. Er hielt nach den Sternen Ausschau, die aber, bis auf einen, noch nicht zu sehen waren. Warum lag der neben mir im Gras? Wollte er was von mir? Falls ja, wäre es vielleicht nicht so toll, hier rumzupupsen. Falls das denn überhaupt passiert und der Grund für die Bauchkrämpfe ist. Ich wagte einen Blick in seine Richtung - nee, der ist rund 20 Jahre älter als ich, der will nichts von mir.

Plötzlich fing er an, sich auf dem Rasen liegend zu rollen, und zwar in meine Richtung und so lange, bis er mich anstieß und dann meinte: "Upps! Tschuldigung! Da liegt ja jemand!" - Jaja, so ein Zufall. - "Na? Was kugelst du denn hier rum?" - "Ich hab mich gesucht." - "Und? Hast du dich gefunden?" - "Nein. Aber dich." - Ach echt?! Autschn. So ein cooler Anmachspruch. - "Was machst du denn hier so alleine nachts auf einer dunklen Wiese? Sterne zählen? Oder hast du dich gezofft mit deinen Mädels?" - "Nee, weder noch." - "Liebeskummer?" - "Auch nicht." - "Einsam?"

Was sollte ich sagen? Ich habe Bauchschmerzen und würde mich freuen, wenn ich in den nächsten drei Minuten einmal laut furzen könnte? Nicht gerade ladylike. Da ich nicht antwortete, tat er es: "Also einsam. Hmm, was machen wir denn dagegen?" - "Alles, nur nicht rumbaggern." - "Oh, das wird schwierig. Aber hast du gerade 'alles' gesagt? Du solltest etwas vorsichtiger sein mit dem, was du sagst. Ich könnte ja jetzt auch ein Böser sein und das als Einladung verstehen." - "Einladung wozu?" - "Kannst du dir aussuchen. Die letzten Leute sind gerade aus der Dusche raus in Richtung Jugendherberge."

Ach du Scheiße. Was passiert hier eigentlich gerade? Ich liege im Dunkeln alleine mit einem mir fast völlig unbekannten Typen an einem verlassenen See - und der Typ legt Wert darauf, kein Böser zu sein. Hoffentlich ist er wirklich Rollifahrer und hat nicht auf diese Situation gewartet, ist plötzlich nicht mehr behindert und verge... - keine Panik. Wo ist mein Rolli? Tatjana hat doch nicht etwa den Rennrolli in die Halle gestellt und mir meinen Alltagsrolli nicht rausgeschoben? Ist die irre? Soll ich jetzt zur Dusche robben oder was?

Die haben mich vergessen. Ohne Handy liege ich in verschwitzten Trainingsklamotten mit einem fremden Typen am See und warte auf ... die Bauchschmerzen sind weg. Vor lauter Aufregung. Herzklopfen. - "Ich hätte ja Lust, noch ne Runde im See zu baden", meinte er. "Kommst du mit?"

Was mach ich denn jetzt?! Aufwachen? Nein, kein böser Traum. Irgendwas antworten? Und dann hört er an meiner Stimme, dass ich Angst habe? Und wartet vermutlich nur drauf?

Einmal tief durchatmen. Es gibt überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür, dass er was komisches vor hat. Er hat sich regulär angemeldet, die Leute aus seinem Team kennen ihn (hoffentlich) ... er fragte: "Ja oder nein? Na komm, das Wasser ist warm. Oft ist das Wasser abends wärmer als die Luft. Das ist ein tolles Gefühl." - "Gehst du oft nachts baden?" - "Ja, meistens alleine. Manchmal aber auch mit Freunden. Oder mit netten Frauen, die einsam am See liegen und auf mich warten." - "Ich hab nicht auf dich gewartet!" - "Na komm, was ist los. Hast du Schiss? Ich tu dir nichts. Ich kann dir auch deinen Stuhl holen und wir fahren zurück zur Jugendherberge. Jetzt sofort. Dann entgeht dir aber das schöne warme Wasser und jede Menge Spaß."

Ich gab mir einen Ruck. "Schwimmen." - Ich rutschte auf dem Po die paar Meter zum Ufer. Hielt die Füße ins Wasser, ließ mich, Füße voran, über die Kante rutschen und war drin. Plumps, platsch, spritz, bibber, frisch, herrlich. Der Typ kam hinterher gerutscht bis zur Kante. "Angezogen?" - "Ja, dachtest du nackt? Dann hab ich doch hinterher den ganzen Sand im Arsch. Kommst du jetzt rein?"

Ich überlegte gerade, ob ich hier jemals alleine wieder raus kommen würde oder ob ich fünfzig Meter weiter über den Steg rausklettern musste. Dann war auch er im Wasser. "Herrlich!", meinte er. Wir schwammen bestimmt eine Viertelstunde mit genügend Abstand, um uns nicht in die Quere zu kommen, dann kletterte ich wieder aus dem Wasser und schaffte es auch auf Anhieb an jener Stelle, die ich vor einer Viertelstunde noch für zu steil gehalten hatte. Der Typ kletterte auch aus dem Wasser, schmiss sein Sitzkissen aus seinem Rollstuhl, setzte sich triefnass hinein und holte mir meinen Rolli aus den Umkleiden.

Als wir beide dann in der hell erleuchteten Dusche waren, sah ich dann auch seine Beine. Die Muskeln waren so zurückgebildet, dass er damit unmöglich laufen konnte. Als er sich auszog, sah ich dann auch noch eine nette Narbe vom 12. bis zum 6. Brustwirbelkörber auf der Wirbelsäule ... ja, ist ja gut. Stinkesocke hat zu oft schlecht geträumt. Der Typ war harmlos, wir haben zusammen geduscht, er hat darauf bestanden, mir den Rücken einzuseifen - es war einfach nett. Lustig, ungewöhnlich, nett. Leider war es der letzte Abend, an dem wir was gemeinsam machen konnten. Ich hätte es gerne wiederholt.

HKX-MurX

Gerne möchte ich im Oktober nach Düsseldorf fahren, eine Messe besuchen. So lange Strecken, vor allem, wenn ich an einem Tag hin und zurück und mit mehreren Leuten reisen möchte, fahre ich mit dem Zug. Die Deutsche Bahn berechnet für ein Ticket zwischen 80 und 170 Euro, je nach Rabatt und vorhandener Bahn-Card - gab es da nicht auch einen Konkurrenten auf der Strecke?

Richtig! HKX, die Abkürzung für Hamburg-Köln-Express, hat seinen Betrieb aufgenommen und eine entsprechende Zulassung bekommen, die Strecke bedienen zu dürfen. Wie fortschrittlich, Konkurrenz für die Bahn! Die brauchen eine Viertelstunde länger, sind aber erheblich billiger. Und vielleicht nicht ganz so komfortabel wie ein ICE. Nachdem bei der Deutschen Bahn die Rollstuhlplätze ja eher zurückgebaut werden (angeblich bestünde kaum Bedarf), so dass pro ICE teilweise nur noch einer statt bisher zwei oder drei Rollstuhlplätze pro Zug vorhanden sind, soll HKX seine Chance bekommen, hier zu punkten.

Und? Trommelwirbel ... ähm ... Rollstuhlfahrer bleiben bitte draußen! Plätze für Rollstuhlfahrerinnen und rollstuhlgerechte Toiletten sind in den HKX-Zügen laut Webseite des Unternehmens leider nicht vorhanden. Ächt jetzt! Na das ist ja mal ein Fortschritt. Wer hat den MurX eigentlich genehmigt?!

Montag, 30. Juli 2012

Minus mal minus und ein Truthahn

Seit heute habe ich endlich wieder ein Auto und ich hoffe, dieses Mal hält es etwas länger. Ich durfte es heute um kurz vor Feierabend abholen, als letzte Handlung des Autohauses sozusagen. Man war so freundlich und hatte mich noch dazwischen geschoben, eigentlich sollte es erst Freitag fertig sein.

Als ich dann etwas aufgeregt den Zündschlüssel in der Hand hielt und mir bei geöffneter Fahrertür auf dem Fahrersitz sitzend alles erstmal anschaute, kam ein Typ in Jeans und Sakko, braungebrannt, Halbglatze, Brille, an meine Tür. Den Dialog möchte ich unbedingt verewigt haben:

"Guten Abend!"

"Guten Abend!"

"Na, fahren Sie gleich noch vom Hof oder wollen Sie das Auto verkaufen?"

"Nee, ich bin gleich weg."

"Neues Auto?"

"Ja. Sieht gut aus, oder?"

"Naja, ich würde mir eher den Scirocco kaufen als so einen Truthahn. Können Sie überhaupt Auto fahren? Ich meine wegen dem Rollstuhl? Wie geben Sie denn Gas?"

"Mit der Hand. Das Auto ist umgebaut."

"Achso. So ein Umbau ist bestimmt sehr teuer."

"Och, das geht eigentlich. Diese Geräte gibt es inzwischen auch in Serie und ab Werk."

"Und? Hat Papa bezahlt? Oder das Amt?"

"Nee, hat Tochter selbst bezahlt."

"Ah, Tochter hat früh geerbt."

"Nee, Tochter wurde umgenietet und hat deshalb eine Menge Kohle gekriegt. Und um von A nach B zu kommen, kauft sie sich ein Auto. Und damit sie auch noch eine Freundin im Rolli mitkriegt, kauft sie sich einen Truthahn und keinen Scirocco."

"Und sind die heutigen Zeiten nun schlechter oder besser? Als ich in Ihrem Alter war, haben wir uns einen alten Golf geholt für 600 Mark und den aufpoliert. Wenn da was kaputt ging, wurde das nicht gleich so teuer. Hätte es ein guter Gebrauchter nicht auch getan? Das ist doch nur eine Frage der Zeit bis da die erste Schramme drin ist. Gerade bei Frauen."

"Bitte?"

"Naja, ich kenn das von meiner Frau, die nimmt auch immer jede Kurve zu eng und semmelt alles um. Wie lange haben Sie jetzt den Führerschein?"

"Seit drei Jahren. Und bisher habe ich noch keinen Unfall verschuldet. Und auch keine Schramme."

"Aber Sie hatten schon einen. Unfall. Und glauben Sie nicht, Sie hätten daran keine Schuld. Jeder Unfallbeteiligte trägt eine gewisse Teilschuld, auch wenn er freigesprochen wird. Das ist einfach so."

"Naja, das letzte Auto parkte, als ein Lkw dort reinkrachte."

"Ja, vermutlich mit einem Hinterrad auf der Fahrbahn oder so."

"Nee, zufällig nicht."

"Frauen können nicht parken. Das ist einfach so. Und Behinderte sollten auch nicht Auto fahren. Das ist auch einfach so. Nicht ohne Grund hat man zwei Hände am Lenkrad und zwei Beine an den Pedalen. Sowas kann nicht gut gehen. Heißt ja auch schon Pe-da-le. Hatten Sie Latein?"

"Kann sein."

"Nun seien Sie nicht gleich zickig. Ich habe einfach meine Erfahrungen gemacht und mir meine Meinung gebildet. Dass Sie eine andere Meinung haben, ist mir klar. Jede Frau glaubt, sie könne Auto fahren. Aber Frauen können es nunmal nicht."

"Behinderte Frauen können das. Minus mal Minus ergibt nämlich Plus. Schönen Abend noch."

Tür zu. Nett lächeln und vom Hof fahren... So ein Arschloch. Und nun noch zu den erfreulichen Dingen: Das Auto ist genial. Man soll ja auf den ersten 1.000 Kilometern nicht so viel Gas geben und nur mäßig beschleunigen, aber was ich bisher mitgekriegt habe, ist der Hammer. Die Zwei-Liter-Maschine mit DSG-Getriebe ist ein Traum. Das Ding schnurrt wie ein Kätzchen (trotz Diesel) und hat gerade im unteren Drehzahlbereich eine ungeahnte Durchzugskraft. Schaltet extrem früh hoch (fährt auf ebener Strecke bei 60 schon im 6. Gang) und verbraucht, wenn man bei 60 mit Tempomat auf gerader Strecke fährt laut Anzeige niedliche 2,6 Liter auf 100 km.

Eine Freundin, die die gleiche Motorisierung in ihrem Touran hat, sagt, dass sie bei sparsamer Fahrweise selbst im Stadtverkehr nicht über 6 Liter kommt. Sofie fielen fast die Augen raus, ihr alter Passat hat zwischen 12 und 15 Liter Super verbraucht, vor allem durch die 4-Stufen-Automatik.

Nee, ich bin bisher sehr zufrieden. Endlich wieder ein Auto!

Sonntag, 29. Juli 2012

Sand im Ohr, Sonne im Hirn

Ich bin wieder zurück. Eine Woche Strand mit einem Haufen verzogener Kinder und Jugendlicher Betreuerinnen und Betreuern ist vorbei. Nach ausgiebigem Schlaf in (m)einem vernünftigen Bett habe ich gerade die hoffentlich letzten Sandkörner aus meinen Ohren gewaschen.

Nach einer Woche Trainingslager in Bayern und dem Kennenlernen meiner beiden älteren Halbschwestern hatte ich quasi einen halben Tag Zeit, Wäsche zu waschen, neu zu packen, Mails grob zu checken und die wichtigsten Telefonate zu erledigen, bevor es eine weitere Woche mit letztlich fast 30 Kindern und Jugendlichen (zwischen 12 und 18, bei wenig Heimweh auch ab 11 oder 10, bei viel Langeweile auch bis 19 oder 20 Jahren) auf Strandfreizeit an die Ostsee ging. Stinkesocke übernahm mit noch fünf anderen "Erwachsenen" die "Betreuung" der Horde - für lau natürlich. Wir Betreuer mussten zwar Unterkunft und Essen nicht bezahlen, bekamen aber auch kein Geld. Was mich besonders berührt hat, war, dass mal wieder alle Kinder und Jugendlichen mitfahren konnten. Es gibt ja immer wieder einige Familien, die die 300 € für eine Woche Freizeit für ein Kind nicht leisten können, und die auch keine öffentlichen Zuschüsse bekommen. Hier sammelt seit Jahren ein Unternehmen aus dem Hamburger Umland mit einer Spendenaktion für diese Sommerfreizeit - die Nachkommestellen (also Cent) aller Junirechnungen fließen in einen Topf und am Ende rundet der Chef auf eine volle Summe auf. So sind in diesem Jahr 1.500 € zusammengekommen. Natürlich klappt sowas nur, wenn die Firma sich darauf verlassen kann, dass nur diejenigen unterstützt werden, die wirklich mittellos sind.

Nach anfänglich regnerischem Wetter zog Petrus ab Montagmittag alle Register. Was ich besonders toll fand, besonders nach der langen Regenzeit im Norden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren derart pflegeleicht, dass wir Betreuer einen sehr entspannten Job hatten. Kein Gezicke, kein Geschrei, kein Gemetzel, nur mal das eine oder andere Wehwehchen. Wir hatten eine bunte Mischung aus körperlichen Behinderungen unter den Teilnehmern, einige waren dazwischen, die zusätzlich eine Lernbehinderung hatten, darauf musste man zwar intensiv eingehen können, aber man hatte nicht ein einziges Mal irgendeinen Stress. Na klar, dummes Zeug, Albernheiten und eine enorme Lautstärke gehörten auf die Tagesordnung, aber nicht ein Jugendlicher ist auf die Idee gekommen, irgendetwas auszufressen, worauf man irgendwie hätte reagieren müssen. Da wurde nicht gesoffen, nach Schlafenszeit tobte niemand mehr durchs Haus, es verschwand niemand unabgemeldet, es gab zwar verschiedene Untergruppen, aber keinen Streit - himmlisch. Wie Urlaub. Mit mir am Frühstückstisch saßen unter anderem zwei Lehrer, die zu einer Schulklasse gehörten, und die sagten schon irgendwann: "Ich begreif das nicht. Bei uns wird mit Brötchen geworfen, die schmeißen sogar die leere Milchkanne von einem Tisch zum nächsten - Kevin lässt du das mal sein, die geht kaputt! - und bei euch gießen sich gegenseitig die Milch ein, wenn einer Hilfe braucht, ohne dass man ein Wort sagen muss." - "Das kann man aber nicht vergleichen." - "Wahrscheinlich nicht."

Und ab Dienstag wollten mich meine doppelten halben Schwestern Emma und Paula einen Tag am Strand besuchen kommen. Sie waren am Montag mit dem Auto bis Hannover gefahren, hatten dort geschlafen und waren um kurz nach 10 am Strand. "Ich war noch nie am Meer!", sagten beide wie aus einem Mund.

Mein erstes Treffen mit den beiden musste ich erstmal verdauen und verarbeiten, aber inzwischen habe ich gemerkt, dass Emma und Paula nicht allzu viel von meinem Vater geerbt haben. Oder um es positiv auszudrücken: Während mehrere Strandgäste in der unmittelbaren Nähe umzogen, weil eine so große Behindertengruppe ihnen "zu viel Lebensrealität im Urlaub" sei, waren die beiden gleich voll im Geschäft: Wir waren auf einem besonderen Strandabschnitt, auf dem auch Klettergeräte, ein Volleyballnetz und ähnliches aufgebaut waren, dafür aber keine Strandkörbe standen, und der für besondere Zwecke genutzt wird. Wir hatten die offizielle Genehmigung der Gemeinde bekommen, dort zwei große Zelte aufstellen zu dürfen, und Emma und Paula unterstützen den Aufbau gleich mit vollen Kräften, trugen Klappkisten aus dem Auto ins Zelt, halfen einigen Leuten durch den Sand - völlig entspannt. Dann kam ein Typ von der Kurverwaltung und schaute sich das alles an, befand das alles für gut und verschwand wieder mit der Ermahnung, keinen Müll ins Meer zu werfen.

Und dann ging es los mit Sonnencreme und Spaß pur: Wir hatten drei XXL-Luftmatratzen am Start, jeweils acht bis 10 Leute passten drauf. Gekuschelt und gestapelt natürlich. Und was ist lustiger, als sich bei auflandigem Wind durch die Wellen schaukeln zu lassen? Richtig: Einen Fußgänger dabei zu haben, der die Luftmatratze so positioniert und schwimmend durch die Gegend schiebt, dass die Wellen jeweils die volle Breitseite bekamen und die Luftmatratzen immer einen Wimpernschlag vor dem Kentern waren. Die Ostsee soll zwar nur 14 Grad gehabt haben, aber wir waren trotzdem am Dienstag sechs Mal im Wasser.

Und in der Zwischenzeit wurde ich erstmal eingebuddelt. Großes Loch in den Sand, Stinkesocke rein, komplett zuschütten. Dann bekam ich einen kleinen Sonnenschirm daneben, einen Becher mit Trinkhalm zu meinem Mund und vor die Nase den Spiegel-Artikel über den bei "Wetten Dass" verunglückten Samuel Koch. Irgendwie kam ich mir ziemlich behindert vor, andere Leute beim Umblättern der Zeitung um Hilfe bitten zu müssen - schließlich waren meine Arme auch komplett eingegraben. Es hatte aber einen Vorteil: Es war angenehm kühl.

Emma und Paula blieben spontan bis Donnerstag abend, schliefen die beiden Nächte in einem billigen Hotel am Stadtrand von Lübeck. Wir haben uns sehr gut verstanden und hatten viel Spaß miteinander. Worüber ich sehr glücklich bin (inzwischen), ist, dass sie wirklich ernsthaftes Interesse an mir haben. Sie haben beide meinen Blog gelesen, sie haben sehr viel über sich erzählt, sie haben sehr viel gefragt und wollen im nächsten Monat auch noch einmal nach Hamburg kommen (und ich soll spätestens im September zu ihnen nach Hause für ein Wochenende). Das einzige, woran ich mich noch nicht gewöhnt habe, ist, dass sie über meinen Vater kaum gesprochen haben. Sie haben sich distanziert, einerseits, meinten aber, dass es nichts bringe, sein Verhalten zu bewerten. Weder das vor 22 Jahren, noch das die 20 Jahre lang, noch das die letzten drei Jahre nach meinem Unfall. Er sei einfach eine Person, zu der man nur eine oberflächliche Beziehung haben könne - wie zu einem Nachbarn, mit dem man sich das besser nicht verscherzt, aber mit dem man auch keinen Kaffee trinken geht. Was auf den ersten Blick hart klingen mag, wenn Kinder so über ihren Vater (oder neutraler vielleicht: Erzeuger) reden, so ist es vielleicht der einzige Weg, wie sie mir den Spagat zwischen dem jahrelangen Kontakt zu ihm und ihrer Distanz zu seinem indiskutablen Verhalten mir gegenüber glaubhaft vermitteln können.

Und sonst? Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass zwar die Kinder und Jugendlichen allesamt sehr lieb und pflegeleicht waren, wir aber drei Betreuer hatten, die vorzeitig nach Hause geschickt bzw. ausgetauscht wurden. Ein Paar hat sich so in die Haare bekommen, dass sich die beiden nach insgesamt fünfjähriger Beziehung getrennt haben (wobei das nach meiner Einschätzung nur noch eine Frage der Zeit gewesen ist, da die schon immer einen unmöglichen Tonfall gegenüber hatten) und entsprechend "indisponiert" waren, um mit deren Worten zu sprechen. Eine dritte Betreuerin, 24 Jahre alt, hat sich benommen als wäre sie 4 Jahre alt. Hat sich an keine Absprache gehalten, nur rumgezickt und als dann wiederholt die Teilnehmer irritiert nachfragten, warum Frau ... eines tut oder anderes lässt, wurde sie kurzerhand nach Hause geschickt. Zu viel Sonne im Hirn.

Was bleibt sind zwei absolut tolle Ferienwochen mit vielen schönen Erinnerungen, gut gebräunte Haut, zwei große Schwestern, mit denen ich mich gut verstehe und ein Brief im Kasten, dass der im Februar bestellte Touran abholbereit ist. Somit gibt es nicht nur einen Ausblick auf eine weitere Woche schönes Sommerwetter, sondern auch noch darauf, dass ich endlich mal wieder motorisiert bin - wenngleich sich Sofie und ich den Touran teilen wollen. Der ebenfalls bestellte Viano ist inzwischen in den November gerutscht. Unglaublich.

Samstag, 21. Juli 2012

Emma und Paula

Schreibstauentstehung nenne ich das Phänomen, das einem intensiven Erleben ereignisreicher Tage und kurzer Nächte zwischen fremden Wänden geschuldet ist. Keine Angst, aus dem Schreibstau entwickelt sich kein anderer Schreibstil, mir hat lediglich die Sonne ein wenig zu doll auf den Kopf geschienen. Das zusammen mit vielen neuen und tiefen Eindrücken ließ mich heute morgen beim Blick in den Spiegel jemanden erkennen, der neben mir sich steht sitzt.

Bevor ich also über so langweilige Dinge schreibe wie ein absolut spannendes Trainingslager in Bayern mit vielen netten Leuten, jeder Menge Spaß, guten Trainern und dem Gefühl im Bauch, es hat sportlich eine Menge gebracht, muss ich als allererstes von dem Treffen mit meinen zwei Halbschwestern schreiben.

Es war deutlich entspannter als zuerst angenommen, wenngleich es sehr bewegend war. Nicht, weil ich nach 20 Jahren endlich meine Halbschwestern sehe - von denen habe ich zwanzig Jahre nichts gewusst, also habe ich auch nichts vermisst. Nein, die Tatsache, dass mein Vater mir über Jahrzehnte nichts gesagt hat und mich ganz offensichtlich auch angelogen hat, das ist schon hart. Das ist eine Dimension, die ich von ihm bisher nicht kannte. Und die natürlich weitere Zweifel aufwirft. Was ich auch sehr ungerecht fand, ist, dass meine Halbschwestern seit jeher von seinem Doppelleben wussten, ich jedoch nicht. Aber dafür können sie natürlich nichts.

Ich habe mich mit Informationen zu mir vor dem Treffen sehr bedeckt gehalten. Wenngleich ich mir sehr sicher war, dass das alles echt ist, blieben mir bis zuletzt einzelne Zweifel, ob mich eventuell jemand verarscht. Irgendein lustiger Leser, irgendeine der Personen, die von meiner Anwältin mal aufgefordert worden sind, mir keine Pimmelbildchen mehr zu schicken, meine psychisch kranke Mutter oder jemand, der auf junge Frauen mit Querschnittlähmung steht und mich hinterhältig in eine Falle lockt. Nichts von alledem war der Fall, aber meine Vorsichtsmaßnahme, Informationen über mich nur sehr sparsam herauszugeben, hatte dazu geführt, dass sie, sofern mein Vater nichts darüber erwähnt hatte, nicht wussten, dass ich einen Unfall hatte und im Rollstuhl sitze. Das ist zwar fies, aber ... sie hatten 20 Jahre einen Wissensvorsprung, ich 20 Tage. Es war auch okay.

Und in der Tat hat mein Vater nichts von meinem Unfall erzählt, sondern hat sogar noch Kontakt, sogar in derselben Regelmäßigkeit wie bisher, etwa einmal pro Quartal. Auch von seiner Trennung und seinem Auszug hat er nichts erzählt. Meine zwischenzeitliche Befürchtung, dass er dort inzwischen wohnen könnte, bestätigte sich (entsprechend) zum Glück nicht. Der Wunsch, mich zu sehen, ging eindeutig von meinen Zwillingsgeschwistern aus, und die beiden haben am Ende auch durchgesetzt, dass sie mich erstmal alleine treffen. Meinen spärlichen Informationen hatte es zur Folge, dass ich im Augenblick meines Auftauchens einen Überraschungsmoment auf meiner Seite hatte, der zwar eher mehr als weniger gemein ist, der aber im Nachhinein vieles von beiden Seiten erheblich entspannt und verkürzt hat.

Ich hatte letztlich Marie als Begleitung mitgenommen und so tauchten wir in einer wunderschönen Stadt auf, etwa 2.000 Jahre alt, mit vielen historischen Gebäuden aber dennoch einer modernen Infrastruktur und daher auch mit dem Rollstuhl gut zu bewältigen. Das Wetter war schön. Wir hatten uns an einem Cafè verabredet, die beiden saßen draußen an einem der Tische, ich erkannte sie anhand der vorher gesehenen Fotos sofort, bei den beiden dauerte es spürbar länger. So lange, dass es mir gelang, mit der Frage: "Ist hier noch frei?" zunächst ein "Nein" aus ihnen herauszukitzeln.

Als erstes bekamen wir erzählt, dass die beiden gerade fünf Minuten zuvor noch besprochen hatten, sich pünktlich zum vereinbarten Termin ein großes Eis zu bestellen und wieder zu verschwinden, wenn das aufgegessen ist. Soll heißen: Sie haben mit dem Gedanken gespielt, dass ich dort überhaupt nicht auftauchen würde. Um so mehr freuen sie sich, dass sie mich endlich mal live sehen. Dann kam die aus meiner Sicht geschickte Auflösung meines Überraschungsmomentes: "Wie kommt es eigentlich, dass ich mir dich noch nie im Rollstuhl sitzend vorgestellt habe?" - "Hat unser Vater davon nie etwas erwähnt?" - Beide schüttelten den Kopf.

Das coolste war: Es war kein Problem. Kein Mitleid, kein falscher Respekt meinem Fortbewegungsgerät gegenüber, keine Berührungsängste. Völlig unkompliziert. Eine der beiden studiert Psychologie, zusammen mit ihrer besten Freundin, einer Rollstuhlfahrerin, die sie schon seit der Grundschule kennt - mit angeborener Querschnittlähmung. Das erklärt vielleicht einiges, aber nicht alles. Die andere der beiden hat gerade ihre Laufbahnprüfung bei der Polizei bestanden.

Was soll ich schreiben? Ich muss die ganzen Eindrücke, Geschichten, Fotos und das ganze Gewirr drumherum erstmal verdauen. Es war insgesamt sehr positiv, es gab viel zu erzählen, es gibt eine gemeinsame Wellenlänge, auch einen gemeinsamen Humor - und beide können unheimlich toll zuhören und erzählen. Schnell waren einige Stunden vorbei und wir trennten uns wieder, allerdings wollen die beiden in der nächsten Woche einmal in Richtung Norden aufbrechen. Ich bin ab heute für eine Woche mit einer Kinder- und Jugendfreizeit an der Ostsee (als "Betreuerin") und vermutlich am Dienstag wollen meine beiden neuen alten halben doppelten Geschwister mich besuchen. Ich freue mich schon sehr darauf. Vorher werde ich aber versuchen, zwischen Sand, Sonnencreme, Schokoeis und Seewasser meinen Schreibstau aufzulösen.

Und fast hätte ich es vergessen: Sie haben sich die Adresse meines Blogs notiert. Und wollten ihn lesen bis zur nächsten Woche. Hoffentlich wollen sie danach mich trotzdem noch näher kennen lernen. Auf die Frage, wie ich die beiden denn nennen soll, sofern ich nicht die realen Namen verwende, sagten sie fast aus einem Mund: "Emma und Paula." - "Ah ja. Und wer ist Emma?" - "Die ältere von uns beiden. Ich bin ein paar Minuten älter", sagte Emma. Und Paula grinste.

Dienstag, 17. Juli 2012

Die Hälfte ist Rum

Nichts beschreibt so sehr den Zustand unserer Unterkunft wie die Überschrift meines heutigen Beitrags. Ich weiß, warum ich spezielle Herbergen und Gästehäuser für Sportler einer stinknormalen Jugendherberge vorziehe. Die Zeiten, in denen in Jugendherbergen striktes Alkoholverbot nicht nur galt, sondern auch umgesetzt wurde, scheinen vorbei zu sein. Oder dieses Haus fällt in dieser Hinsicht besonders negativ auf. Es verging bisher nicht ein Tag, an dem hier keine Saufparty stattfand und diverse Jugendliche grölend, polternd und kotzend durch die Flure lärmten. Und dabei habe ich mein Schlafbedürfnis noch nie so groß eingeschätzt wie es auf mich gerade wirkt.

Zum Glück ist hier nicht nur die Hälfte Rum, sondern auch die Hälfte rum, das heißt: Noch drei Mal schlafen, dann ist Abreise angesagt. Ich befinde mich mit meinen Leuten vom Sport in einem Trainingslager in Bayern, das eigentlich super toll ist, wäre da nicht das immer größer werdende und so allmählich alles bestimmende Schlafdefizit. Wir alle sind nur noch müde, zunehmend gereizt und körperlich vor allem auch alles andere als leistungsfähig. Und eigentlich möchten wir ja trainieren. Nach Dutzenden Beschwerden beim Veranstalter (nicht nur die Hamburger fühlten sich belästigt), wurde heute hart durchgegriffen: Die Herbergsleitung hat am Morgen eine 40köpfige Reisegruppe aus Berlin des Hauses verwiesen. Aufatmen ist angesagt. Und schlafen. Seit mittags haben wir alle trainingsfrei, um uns ausruhen zu können. Und was soll ich sagen? Bei relativ schönem Sommerwetter liegen rund 50 Spotlerinnen und Sportler auf ihren Betten und pennen. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Das Wetter ist hier deutlich besser als im Norden, die Trainer sind okay, die Trainingsbedingungen auch, das Essen und die Betten sind überdurchschnittlich. Und wir alle haben uns sehr gefreut, uns endlich mal alle wieder zu sehen, also auch über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg. Zeit für- und miteinander zu haben, sich auszutauschen, zu quatschen - schön.

Für einigen Spaß sorgt außerdem eine weitere Gruppe aus Niedersachsen, die parallel zu uns ein Trainingslager durchführt. Jeweils sechs Männer und Frauen zwischen 16 und 25, jedoch nicht mit körperlichen, sondern mehr mit kognitiven Einschränkungen, trainieren im selben See und wohnen in der selben Jugendherberge. Es sind aber zwei verschiedene Veranstalter, somit auch verschiedene Trainer - dass wir hier aufeinander treffen, ist purer Zufall. Aber umso lustiger, denn behindert und behindert verträgt sich. Irgendwie. Während die zwölf gegenüber anderen Herbergsgästen, darunter auch einige Familien, sehr zurückhaltend bis schüchtern sind, hatte ich den ersten jungen Mann bereits beim allerersten Frühstück vor mir stehen. Mit zusammengekniffenen Augen und ausgestreckter Hand kam er auf mich zu und nuschelte etwas undeutlich, dafür aber umso lauter: "Guten Morgen, schöne Frau im Rollstuhl, ich bin Max und ich bin von der anderen Gruppe. Wir schwimmen auch bei euch im See und ich wollte nur Bescheid sagen, der See ist toll und wir freuen uns auf euch. So. Und wie heißt du?"

Die zweite Frage war dann, ob ich einen Freund habe, die dritte, wie schnell ich 100 Meter kraulen kann. Als ich ihm meine Zeit nannte, meinte er sofort, er sei besser. Dass ich ohne Beinschlag schwimme, hat er nicht realisiert, macht aber nichts. Er nahm es sportlich: "Du wirst bestimmt noch schneller, wenn du hier richtig trainierst." - "Deswegen bin ich ja hier, ich muss noch viel lernen." - "Und Rücken?" - "Ich trau mich gar nicht, die Zeit zu sagen, du bist bestimmt wieder besser." - "Du darfst das ruhig sagen, ich lach dich nicht aus. Bei uns lacht keiner über den anderen, das ist oberste Regel!" - Na dann...

Ohne jede Berührungsängste wurde Cathleen gleich von einem anderen jungen Mann von hinten überraschend umarmt, während sie sich gerade ihr Brötchen bestrich - und sich gehörig erschrak. "Du hast so tolle Haare!", schwärmte er. Womit er zweifelsfrei richtig liegt, nur trotzdem musste er auch er sehr schnell akzeptieren: Anfassen ist nicht. Das wusste er eigentlich auch, nur scheint er es bei hübschen Frauen gerne einmal zu vergessen. Ein drittes Gruppenmitglied, 16 oder 17, stand bis zu den Schultern im See und machte ziemlich eindeutige Bewegungen, vermutlich in der Hoffnung, man würde sie unter Wasser nicht erkennen. Direkt neben mir und Marie. Ich fragte: "Na? Alles in Ordnung bei dir?" - "Ja wieso?" - "Sieht so aus als wenn du dir gerade deine Badehose auf links drehst." - "Nee, ich mach nichts."

Am Ufer sagte eine weibliche Kollegin von ihm in Richtung des Trainers: "Rüdiger, der Martin fiedelt sich schon wieder einen!" - Marie verschluckte sich fast beim Versuch, nicht zu lachen. Rüdiger hörte das nicht, also nahm die sportliche junge Frau mit Down-Syndrom die Sache selbst in die Hand. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und rief in energischem Tonfall: "Martin, jetzt hör mal auf damit. Du sollst das nicht machen, wenn das alle sehen können. Wir wollen das nicht sehen." - "Ich mach doch gar nichts!" - "Das sagst du immer. Ich hab das aber genau gesehen. Frau ... hat gesagt, du kannst nicht mehr mitmachen, wenn du das immer machst beim Sport. Jetzt benimm dich mal!"

Ein anderes Mädchen aus der Gruppe, schätzungsweise 16 Jahre alt, war zunächst sehr schüchtern, kam aber irgendwann ausgerechnet auf mich zu und fragte: "Darf ich dich mal was fragen? Können wir mal gegeneinander um die Wette schwimmen?" - Sie war allerdings etwas cleverer als Max, denn der zweite Satz war: "Ich schwimme gegen dich auch ohne Beinschlag und ich schummel nicht." - Sie hat gewonnen. Wenn auch ganz knapp. Zum Glück lief keine Uhr mit, sonst hätte sie vielleicht gemerkt, dass ich nicht 100% gegeben habe: Ich habe meinen Schwimmstil auf die Bewegung ohne Beinschlag optimiert, sie hat es vermutlich zum ersten Mal probiert. Ich hätte es gemein gefunden, sie gnadenlos abzuhängen, nur weil sie das nicht bedacht hat. Und was ihre "normalen" Zeiten anging, kenne ich nicht die Referenzzeiten ihrer Startklasse, kann aber so viel sagen: Würden sich ein Schwimmtrainer und eine Trainingsgruppe finden, die Rücksicht darauf nehmen, dass sie etwas länger braucht, um etwas zu verstehen, könnte sie mit 1:18 auf 100 Metern Freistil ohne mit der Wimper zu zucken in einer nicht behinderten Gruppe mithalten.

Nun werde ich meinen Schönheitsschlaf fortsetzen. Morgen soll es ziemlich warm werden und zu unserer Freude steht ein Training mit dem Rennbike auf dem Programm. Wir wurden heute von einer anderen Teilgruppe schon vorgewarnt: Die Strecke hat es in sich. Eine Steigung nach der nächsten. Aber zum Glück geht es ja irgendwann mal wieder bergab. Und abends ist dann der Familienbesuch dran: Bin ich aufgeregt?!

Dienstag, 10. Juli 2012

Licht und Schatten

Inzwischen ist schon wieder fast ein Monat vergangen, seit über die Assistenzleistungen von Maria entschieden worden ist. Bewilligt wurden damals 4.970,37 € pro Monat für Pflege und Assistenz zusammen. Das entspricht nicht dem beantragten Umfang und auch nicht den im Gutachten festgestellten Umfang. Inzwischen wird es wieder lustig.

Warum man die Leistung um 545,50 € niedriger bewilligt hat als sie beantragt und im Gutachten befürwortet wurde, konnte uns niemand richtig erklären. Man sei vielleicht von falschen Zahlen ausgegangen, vielleicht auch nicht - das müsse ein Widerspruchs- oder Gerichtsverfahren klären.

Unstrittig sind aber die jeweils mindestens 4.970,37 € für die Monate Februar bis Juli, also sechs Mal. Macht 29.822,22 € Nachzahlung. Somit kommt jetzt wenigstens mal Geld in die Kasse unseres Trägervereins. Überwiesen wurden aber nur 26.004,98 €. Wie die Differenz von 3.817,24 € zustande kommt, konnte uns bisher niemand erklären. Auf Franks Nachfrage entschuldigte man sich für das Versehen - die Differenz werde in den nächsten 7 Tagen nachgezahlt. Also ein kleiner Lichtblick, wenn auch gleich mit einem neuen Schatten.

Und Marias Bescheid über Leistungen zum Lebensunterhalt? Der lässt noch immer auf sich warten. Grundsätzlich habe man geprüft, grundsätzlich stünden ihr Leistungen zu, aber man finde Maria im Einwohnermelderegister gerade nicht. Das müsse erstmal geklärt werden. Maria sagt: "Das kenne ich schon, das liegt an meinem portugiesischen Namen. Da ist ein Namenszusatz 'de' drin, also sowas wie 'von', und das macht regelmäßig Probleme. Mal ist es beim Vornamen abgespeichert, mal hinter dem Nachnamen, mal gar nicht. Das klärt sich auch noch." - Hoffentlich. Und mit etwas Glück noch in 2012.

Auf jeden Fall wechselt zum 31.07.12 die Sachbearbeiterin. Der "Fall" wird einer anderen Kraft übertragen, ein ganzer Buchstabenbereich werde neu vergeben. Woran das wohl liegen mag? Offiziell an der Arbeitsüberlastung dieser Mitarbeiterin.

Montag, 9. Juli 2012

Wochenendlehrgang SH

Es war ein absolut genialer Wochenendlehrgang, mit genügend frisch getankter Kraft, um die letzte Woche vor den Semesterferien noch überstehen zu können. Auch wenn das Wochenende gleichzeitig ziemlich an meinen Kräften gezehrt hat. Aber am Ende im positiven Sinn.

Es ging diesmal vorrangig um das Schwimmen in freien Gewässern, und es war eine Vorbereitung auf ein Trainingslager, das ich ab nächster Woche für insgesamt fünf Tage besuchen werde. Insgesamt waren wir 14 Leute, damit war der Kurs mehr als überfüllt, denn es gab nur eine Trainerin aus Bayern, zwei Helfer aus Schleswig-Holstein und jede Menge Einzeltraining.

Zum Glück war das Wetter überwiegend genial und die Leute waren überwiegend nett, so dass der viele Leerlauf nicht sonderlich negativ auffiel. Jüngste Teilnehmerin war mit 14 Jahren eine Pia aus dem Raum Köln, die mit ihren Eltern angereist war, und während alle anderen auf dem Trainingsgelände zelteten, hatten ihre Eltern mit dem Kind im Viersterne-Hotel eingecheckt. Am Ende schliefen jene jedoch alleine im Hotel und hatten ein nettes Wochenende, während wir mit unserem Charme auch jenes überbehütete behinderte Kind aus den Fängen fürsorglichster Eltern gerettet hatten.

Prinzessin Pia war gewohnt, dass ihre Eltern sofort alles taten, was sie sich wünschte. Das gipfelte darin, dass sie ihren Papa losschickte, um einen Becher Wackelpudding mit dem Auto aus dem nächsten Ort zu holen, und sie sich hinterher darüber aufregte, dass er rot sei, während sie seit einigen Wochen doch nur noch grünen esse. Und das gipfelte auch darin, dass ihre Mutter mit einem Taschentuch zu Pia auf den Steg kam und ihr die Nase putzte. Nicht, dass Pia erkältet war oder ihr Rüssel gar tropfte oder Pia durch ihre Behinderung so eingeschränkt wäre, dass sie selbst kein Taschentuch halten könnte - nein. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme vor dem Schwimmen gehen, damit keine Schnodder in den See gelangt.

Dabei war Pia eigentlich total nett und herzlich. Ich habe mich richtig in ihr Lachen verliebt. Während sie in den ersten zwei Stunden ihren Namen höchstens in Flüsterlautstärke piepste, brauchte es, als die Eltern weggeschickt worden waren, gerade mal eine halbe Stunde, bis sie mit mir einen körperlichen Ringkampf auf dem Steg begann. Meine permanenten Frotzeleien hatten sie aus der Reserve gelockt. Dann war der Knoten geplatzt und sie begann, auch Marie, Cathleen, Simone und mich zu ärgern. Harmlose Dinge, wie dem rechten Nachbarn auf die rechte Schulter tippen, obwohl dort niemand steht. Oder jemanden mit einem Grashalm kitzeln, so dass der denkt, irgendein Krabbeltier suche Körperkontakt. "Habt ihr nicht noch einen Platz für mich im Zelt?" - "Na sicher."

Worüber sie in nächster Zeit auf jeden Fall nochmal nachdenkt: Verantwortung übernehmen. Nicht immer nur nach Mama oder Papa rufen, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und vor allem dann nicht rufen, wenn man bestimmte Antworten nicht hören möchte. Ich will bestimmt niemanden, schon gar nicht Kinder, zu Ungehorsam erziehen. Aber einige Dinge gingen gar nicht. So durfte Pia, wäre es nach den Eltern gegangen, nicht mit uns Planschen gehen. Wir sind nach dem Schwimmtraining noch im flachen Wasser gewesen und haben dort rumgespritzt und mit einem alten Surfbrett rumgespielt - Pia sollte, nachdem sie gefragt hatte, ob sie noch mitmachen darf, sofort aus dem Wasser. Sie sei zum Training da und nicht zum Spielen. 13 Leute planschen im Wasser, Nummer 14 guckt zu und die Eltern merken nix.

Beispiel 2: Pia hatte einen zweiteiligen Neo. Absolut ungeeignet, weil die träger- und gürtellose Hose ständig runterrutschte und das Oberteil ständig hochrutschte. Um das zu verhindern, bekam Pia von der Mutter noch einen Nierengurt umgebunden, schön stramm. So kann aber niemand schwimmen, vom Wasserwiderstand mal ganz abgesehen. Wir haben nicht gepokert, ob die Eltern einem Experiment zustimmen, sondern Pia, als die Eltern kurz weg waren, zu viert überredet, den ganzen Kram gleich wieder auszuziehen und ihr meinen zweiten Neo angezogen. Von der Größe und der Figur passte er astrein, als Pia mit dem Einzeltraining dran war und die anderen alle auf dem Steg waren, kamen die Eltern zurück und waren zuerst sauer, anschließend aber erstaunt, welchen Unterschied die richtige Bekleidung macht. Dann schrieb sich der Vater erstmal die Marke auf und fragte Pia mindestens fünf Mal, ob der gut sei...

Pia bekam ihr Nutellabrötchen geschmiert, ihr Grillfleisch klein geschnitten, ihre Alltagsklamotten fertig zusammengelegt im Bündel von der Mutter präsentiert, alleine Umziehen durfte sie sich auch nicht, obwohl sie es konnte; plötzlich beim Essen unangekündigt die Haare gebürstet, zum Zähneputzen kam Mama mit ins Bad - Papa trug Pia sogar das Handy hinterher. Ich wäre fast wahnsinnig geworden. Aber ich freue mich auf das Trainingslager in der nächsten Woche: Eltern haben keinen Zutritt zum Trainingsgelände. Wir wollen aus Pia keinen anderen Menschen machen und sie soll auf jeden Fall 14 bleiben. Aber wenn sie so weiter macht wie bisher, schafft sie keinen Triathlon, bevor sie 30 ist. Und ich glaube, es tut ihr gut, wenn sie ihr Fleisch mal alleine klein schneiden muss.

Ich freue mich auf jeden Fall, in einer Woche die ganzen Leute wieder zu sehen und seit langer Zeit mal so richtig intensiv wieder trainieren und Spaß haben zu können. Das letzte Wochenende war zur Einstimmung auf jeden Fall perfekt!

Sonntag, 8. Juli 2012

Vier Jahre lang

Zurück von einem Trainingswochenende, musste ich mir vorhin unbedingt noch etwas zu essen holen. Normalerweise würde ich es abends nicht essen, denn es ist doch etwas hinderlich beim Einschlafen. Es musste aber sein. So bin ich alleine los am späten Abend zur U-Bahn-Station "Wandsbek Gartenstadt", habe mich dort in den leichten Sommerregen gestellt und ein sehr leckeres Gyrosbaguette ins System geworfen.

Anschließend habe ich noch bestimmt zwanzig Minuten lang ins Leere gestarrt. Der leichte Regen bei einsetzender Dunkelheit war ganz gut, damit mich keine vorbei gehenden Leute ansprechen, warum mir ein paar Krokodiltränen über das Gesicht gekullert sind. Nein, der Heli startet bei Dunkelheit nicht mehr. Und ob "meine" Notärztin heute Dienst hatte, weiß ich auch nicht.

Egal. Vier Jahre ist es her. Es geht mir gut, ich halte mich für körperlich fit und für seelisch recht stabil. Aber dieses Gyrosbaguette muss sein. Alleine. Mit einem kleinen Heulanfall, mit einem Kopf voller ungeordneter Gedanken und mit dem Wunsch, vor morgen früh niemanden mehr sehen oder hören zu müssen. Gute Nacht.

Sonntag, 1. Juli 2012

Ostsee bei 15 Grad

Marie, Cathleen und ich wollten das schöne Wetter ausnutzen und schon früh in Richtung Ostsee aufbrechen. Durch das lange kühle Wetter hier im Norden hat die Ostsee zur Zeit gerade mal 15 Grad, eigentlich recht frisch ohne Neo. Dafür waren für die Luft aber 27 Grad versprochen. Wir hatten uns für 7 Uhr bei Marie verabredet, die einzige Möglichkeit, mitten in den Schulferien zwischen den ganzen Touristen noch ein freies Plätzchen zu ergattern. Immerhin bräuchten wir ohne Stau noch rund 2 Stunden bis nach Scharbeutz.

Spätabends bekam ich gestern noch eine SMS von ihr, dass sie auch ihren Eltern versprochen hatte, am Sonntag endlich mal wieder etwas mit ihnen zu unternehmen, zumal beide nicht arbeiten mussten - als Kompromiss hatten die Eltern vorgeschlagen, ob wir nicht zu fünft an den Strand fahren wollten. Also zielte die Frage in die Richtung, ob Cathleen und ich ich etwas dagegen hätten, wenn ihre Eltern dabei wären. Da es keine Party werden sollte und der Strand ja groß genug ist, um sich aus dem Weg zu gehen, wenn man sich nervt, empfanden wir das alle nicht als Problem - und Marie war froh, dass sie nicht fahren musste.

Die Hinfahrt verlief ohne große Komplikationen, der Behindi-Parkplatz am Strand war um 9.15 Uhr noch frei. Die Eltern versuchten, zwei Strandkörbe zu bekommen und entsprechend mussten wir auf den Pächter dieses Strandabschnittes warten, der gerade beschäftigt war. "Komme gleich wieder!" stand an seinem Häuschen, vor dem sich bereits eine längere Schlange gebildet hatte. Maries Vater meinte: "Ich geh uns mal paar frische Brötchen besorgen." - Und verschwand.

Wir warteten einige Minuten. Eilig hatten wir es ja nicht, nur hofften wir, dass nicht bereits alle Strandkörbe vergeben waren und während der Wartezeit auch bei den umliegenden Pächtern die letzte Chance verfliegt. Während wir warteten, blieb unser Blick an einem Typen kleben, altersmäßig schwer einschätzbar, vielleicht Mitte 60, tiefbraun gebrannte Haut, auf dem Kopf nur noch ein Haarkranz und auf der Brust ein dickes Fell aus weißen Haaren. Er war nur mit einer kurzen Hose bekleidet - und mit Socken und Sandalen. Okay, wie er rumläuft, das ist ganz alleine sein Problem. Nur kam er immer dichter und versuchte, mit Maries Mutter ins Gespräch zu kommen, beinahe schon zu flirten.

Er fragte sie: "Weißt du, was es bedeutet, wenn man sagt, dass man einen Klotz im Feuer hat?" - Maries Mutter fragte: "Was bedeutet es?" - "Ich zeige es dir", sagte er, ging in eine leichte Hockstellung und furzte einmal laut. "Das bedeutet es", sagte er und fing an, sich wie ein kleines Kind zu freuen. Dann ging er ohne ein weiteres Wort die Holzrampe runter und lehnte sich an das Geländer, guckte in Richtung Wasser. Marie guckte ihre Mutter entsetzt an, sie guckte zurück und meinte: "Ein bißchen ungezogen, der Gute."

Es dauerte nicht lange, da kam er die Rampe wieder hoch und sprach eine andere Frau an. "Ich habe ein Geschenk für dich. Willst du wissen, was es ist?" - "Na?", fragte die Frau skeptisch. Wir beobachteten es aus der Entfernung und ahnten schon, was kommt. Er ging wieder etwas in die Knie und furzte erneut. Die Frau machte eine abweisende Handbewegung und sagte einigermaßen schlagfertig: "Na das Geschenk können Sie behalten." - "Es war mit Liebe gemacht!" - "Ja, vielen Dank, Sie dürfen jetzt weitergehen."

Marie guckte ihre Mutter an. "Was ist denn das für ein Ferkel?", fragte sie. Die Mutter antwortete: "Keine Ahnung. Der scheint sich witzig zu finden."

Dann endlich kam der Strandkorbvermieter und wir bekamen tatsächlich zwei Strandkörbe und nach einigem Hin- und Hergeschiebe in seinem Plan auch noch wenige Meter neben einem mit Holzpaletten gelegten Weg, auf dem man mit dem Rolli von der Rampe bis zum Wasser kommt. So konnten wir unsere Rollis am Wegrand stehen lassen und die letzten 20 Meter durch den um diese Zeit noch recht kühlen Sand krabbeln. Als wir die Strandkörbe so gedreht hatten, dass wir nicht in der Sonne garen, kam Maries Vater mit einer Brötchentüte in der Hand die Rampe herunter. Der alte Mann sprach ihn an: "Wissen Sie, was es bedeutet, wenn man sagt, man lässt ein Vögelchen aus dem Käfig?"

Maries Vater antwortete: "Nein?!" - "Ich erkläre es Ihnen", sagte der Typ, lehnte einen Fuß auf eine Strebe des Geländers, stützte sich an seinem Knie ab und ... furzte schon wieder. - "Ach das Vögelchen!", sagte Maries Vater, lachte und ging weiter. Maries Mutter empfing ihn: "Der hat uns auch schon einen vorgepupst. Er meinte, er hätte einen Klotz im Feuer." - "Wenn er Spaß dran hat - ich will jetzt entspannen."

Bis auf den Typen (einen pro Tag braucht es immer) war es ein total toller Tag. Maries Papa hat uns Nutellabrötchen geschmiert (es gab nur ein Messer), wir drei Mädels hatten unseren eigenen Strandkorb, Cathleen hatte ein paar Kartenspiele mit, Maries Eltern waren völlig entspannt und haben sich gesonnt und Zeitung gelesen, mittags hat uns Maries Papa Pommes geholt ...

... und irgendwann wollten wir dann unbedingt auch ins Wasser. Eigentlich wollten wir krabbeln, aber Maries Papa nahm Marie auf den Rücken und Maries Mama meinte zu uns: "Wer zuerst?" - "Sind wir nicht zu schwer?" - "Quatsch, auf dem Rücken geht das."

Cathleen war zuerst dran, ich schaute mir das erstmal aus sicherer Entfernung an. Aus dem Strandkorb, also aus dem Sitzen, Cathleens Beine um die Hüften der Mutter, sie hielt sie dort fest und Cathleen verschränkte zusätzlich noch ihre Arme vor der Brust von Maries Mutter. Und dann lief sie mit ihr ins eiskalte Wasser. Cathleen schrie wie am Spieß, ließ sich, als es tief genug war, einfach fallen, dann kam die Mutter wieder raus, streckte mir ihren Rücken hin, gleiches Manöver noch einmal. Als mein Bauch ihren nassen Rücken berührte, merkte ich, wie eisig das Wasser sein musste. In Wirklichkeit war es noch schlimmer. Als mein Po die Wasseroberfläche berührte, fingen meine Beinmuskeln an, sich zitternd zusammenzuziehen. "Ein kleiner Gruß von deiner Spastik", witzelte sie. Es ist immer wieder erstaunlich, wie eigentlich gelähmte Körperteile auf Reize reagieren. Und dann: "Boa Jule, pfui. Cathleen hat mich eben auch schon angepiescht."

"Aaah, sorry, das ist so peinlich", versuchte ich, mich zu entschuldigen. Das kommt von dem kalten Wasser, da zieht sich ja irgendwie alles zusammen. Ich ließ mich los und rückwärts in das eisige Wasser fallen. Es fühlte sich an wie mindestens tausend Nadelstiche, aber nach fünf Sekunden ging es. Ich tauchte wieder auf und versuchte, ruhig zu atmen. Sehr erfrischend. Ich guckte Maries Mutter in die Augen. Als Ärztin müsste sie wissen, dass das eben keine Absicht war. Trotzdem war es endlos peinlich und ich musste es unbedingt nochmal sagen: "Das war keine Absicht. Tut mir leid." - "Weiß ich doch, ist nicht schlimm. Cathleen hat sich auch sofort fallen gelassen. Marie würde sich hingegen erstmal richtig festklammern und noch einen dummen Spruch machen." - "Marie ist aber auch deine Tochter."

Was hatten wir für einen Spaß! Die Eltern schwammen mit uns ein Stück, dann kamen wir zu einer Sandbank, wo beide stehen konnten, der Vater schnappte sich Marie und warf sie im hohen Bogen weg, dann Cathleen, dann mich ... es war richtig toll. Aber nach rund 10 Minuten mussten wir wieder raus, obgleich die Sonne von oben richtig gut wärmte. Das Wasser war einfach noch zu kalt. Die Eltern trugen uns bis zum Strandkorb, so mussten wir nicht nass durch den Sand rutschen und sahen auch nicht aus wie die panierten Schnitzel.

Wir waren zwei Stunden später noch einmal drin, da war es anfangs nicht so kalt, dafür froren wir aber schneller, und gegen 18 Uhr zogen schlagartig dunkle Wolken am Himmel zusammen, die unter allen noch anwesenden Leuten eine blitzartige Aufbruchstimmung verbreiteten. Auf dem Rückweg haben wir noch kurz im Stau gestanden, aber insgesamt war es ein absolut genialer Tag!