Samstag, 30. Juni 2012

Nicht nur Kurioses

Dieses Foto ist schon ein paar Tage alt, aber es erinnert mich daran, dass meine Oma regelmäßig davon sprach, dass früher alles besser war: In der Nähe ihrer Wohnung gab es einen Supermarkt, der hatte von 9 bis 13 und von 15 bis 18 Uhr geöffnet, samstags von 8 bis 12. Punkt.

Das Gesetz, das heute nur noch das Öffnen am Sonntag verbietet, hat damals bestimmt, dass kein Supermarkt länger als 18.30 Uhr geöffnet haben durfte. Und Samstags nur bis 14 Uhr. Erst kurz bevor ich geboren wurde, wurde der "lange Donnerstag" eingeführt, an dem die Geschäfte, einmal pro Woche, bis maximal 20.30 Uhr geöffnet haben durften.

Wenn ich nun bedenke, dass es heute bei uns um die Ecke mehrere Supermärkte gibt, täglich außer sonntags von 6 bis 24 Uhr geöffnet haben, finde ich es erstaunlich, dass es Menschen gibt, die an einem Sonntag im Hauptbahnhof einkaufen müssen. Okay, ein paar kriegen das aus verschiedensten Gründen nicht anders auf die Reihe, aber dass dort regelmäßig Sicherheitspersonal vor dem Eingang stehen muss, damit nicht zu viele gleichzeitig im Laden sind, finde ich schon bemerkenswert:


Und wenn ich schon Fotos in mein Tagebuch klebe, klebe ich gleich noch eins dazu. Wat isn ein Hanse-Merkur-Pfirsich?


Okay, okay, der war nur mittelmäßig. Sollte auch kein Witz sein, sondern eine Überleitung. Vom Merkur zum Neptun ist es ja schließlich nicht so weit wie vom Niveau zum Boden. Also:


Das ist eine Rollstuhlfahrer-Sammelstelle in der Hamburger Europapassage. Ich hätte sie nie entdeckt, wäre ich nicht vor etwa 14 Tagen dort gewesen und hätte live mitbekommen, dass ein Rauchmelder ausgelöst hat. Jedenfalls ertönte (übrigens nicht zum ersten Mal, wenn ich dort einkaufe, aber ich habe ja so einen Chaos-Magneten in der Tasche) ein Gong und eine Frauenstimme mit endlosem Nachhall, sie erinnerte mich irgendwie an die bereits kürzlich zitierte Galactica von "Hallo Spencer", hauchte in tierischer Lautstärke ins Mikrofon: "Neptun [künstliche Pause von drei Sekunden, um den Nachhall ausklingen zu lassen] Fünfhundert!"

Wie wir alle wissen, bedeutet das weniger, dass auf dem Klo jemand sein Geld runtergespült hat, sondern mehr, dass es irgendwo kokelt, infolgedessen dachte ich mir: "Bevor das eskaliert, roll mal auf kürzestem Wege nach draußen." Fünfzig Meter vor der Tür ergreift mich ein Sicherheitsmensch und schiebt mich im Laufschritt in die entgegengesetzte Richtung zurück, wieder in Richtung Getümmel. "Ich helfe Ihnen, ich helfe Ihnen." - Widerrede zwecklos, zu viel Lärm, der junge Mann zu hektisch.

Er brachte mich zu einer Rollstuhlfahrer-Sammelstelle. "Hier warten Sie bitte, Sie werden gerettet." - "Ich war doch schon fast draußen!" - "Sicher ist sicher, man weiß ja nie." - "Machen Sie sich bitte nicht lächerlich, ich fahre jetzt raus." - "Nein, Sie warten hier, wir haben Neptun fünfhundert."

Ende vom Lied: Wir amüsierten uns zu dritt (mit zwei ebenfalls zur Rettung ausgeschriebenen Rollstuhlfahrern) an der Sammelstelle, nach fünf Minuten sprach die Dame vom Neptun Null und wir waren wieder frei. Irgendwo hatte wohl eine Zigarette gequalmt, also eigentlich war es höchstens Neptun fünfeinhalb, aber wie haben wir gelernt? "Sicher ist sicher."

Kurios? Nein, keineswegs. Nur etwas ... sagen wir mal ... unbeholfen. Kurios finde ich das hier:


Soll das bedeuten, dass Rollstuhlfahrer im 45-Grad-Winkel auf dem Deich halten sollen? Oder dass die links am Schild vorbei fahren und auf der Wiese parken dürfen? Ich weiß es wieder nicht.

Was ich aber weiß (und ich will ja nicht immer nur negative und kuriose Dinge schreiben), ist, dass heute absolut geiles Handbike-Wetter war.


Das rechts ist die Elbe, das links ist unsere Trainingsstrecke, allerdings ist die nur nachts für uns gesperrt. Tagsüber muss man den Radweg oder eine Parallelstraße nehmen. Da Cathleen und ich aber nur mit unseren Freizeitbikes (die man vor den Alltagsrolli spannt) unterwegs waren, reicht das. Mit dem Radweg, meine ich.

Morgen soll ein weiterer schöner Tag werden. Finde ich. Hamburg hat schon schöne Ecken, oder?

Freitag, 29. Juni 2012

Scheint echt zu sein

Nachdem ich jetzt ein wenig nachgedacht, gegrübelt, nachgedacht, gegrübelt und überlegt habe, glaube ich zu wissen, dass ich meine beiden Geschwister auf jeden Fall kennen lernen möchte. Wann und wo, das steht noch nicht fest.

Ich denke aber (oder ich tendiere dazu), mich mit denen zu treffen, wenn ich in den nächsten Wochen zu einem Trainingslager fahre und dann ohnehin in Bayern bin. Das hätte den Vorteil, dass ich selbst die Länge dieses Treffens bestimmen kann und sich nicht so eine Situation ergibt, in der sie von mir erwarten, dass ich mich um sie kümmere, während sie in Hamburg sind. Wie gesagt, ich kenne sie nicht, aber wenn die erstmal wissen, wo ich wohne oder wenn ich denen am Ende noch ein Hotel organisieren muss oder ein schlechtes Gewissen eingeredet bekomme, weil ich sie nicht bei mir schlafen lasse oder sonstwas ... nö. Da finde ich das andere entspannter. Und wie schon kommentiert wurde, in erster Linie wollen die mich ja sehen. Also müssen sie das auch so akzeptieren. Natürlich an einem öffentlichen Ort (Restaurant etc.).

Ich bin mir inzwischen sicher, dass diese Geschichte echt ist und nicht etwa eine Form des Enkeltricks oder ähnliches. Dass der Brief in Süddeutschland gestempelt wurde, hat nichts zu bedeuten, die Fotos können auch gefälscht sein. Irgendwer fragte, ob es nicht aufgefallen ist, wenn der Vater Weihnachten nicht zu Hause ist. Es gab in der Tat mehrere Weihnachtsfeste, an denen mein Vater "dienstlich" unterwegs war, zumindest an einem Tag, und es ist ja auch nicht gesagt, dass die Fotos am Heilig Abend entstanden sind. So ein Weihnachtsbaum steht ja auch mal einen Tag länger. Und ich gehe sogar davon aus, dass die bayerische Familie die ganze Zeit wusste, dass er in Hamburg noch eine weitere Familie hat (die wiederum jedoch nichts von der bayerischen wusste).

Wie schon erwähnt, es liegen Abschriften von amtlichen Dokumenten dabei (Geburtsurkunde), aus denen sich ergibt, wer der Vater ist. Dazu die Fotos, der Kontakt zu meiner Oma (väterlicherseits) - aus meiner Sicht passt das. Meine Oma hat meine aktuelle Adresse nicht, denn wenn sie die hätte, hätte sie auch meine Mutter. Und genau das will ich verhindern. Sie hat aber wohl erwähnt, in welchem Sportverein ich Sport treibe. Anschließend haben die dort angerufen, dort wollte man meine Adresse aber auch nicht rausgeben, jedoch hat man ihnen angeboten, einen Brief an meine Anschrift weiterzuleiten, wenn er an die Vereinsanschrift und zu Händen Jule Stinkesocke gesendet wird.

Es gibt zudem im Internet eine gewerbliche Homepage, auf der die Mutter der Zwillinge auf mehreren Fotos zu sehen ist. Eine Person dieses Namens, die so aussieht wie die Frau auf den mir zugeschickten Fotos, gibt es tatsächlich. Die angegebene Anschrift steht auch so im Telefonbuch. Dennoch werde ich beim ersten Treffen nicht alleine sein, sondern jemand mitnehmen, es fahren genügend meiner Leute mit zu dem Trainingslager, da wird schon jemand Zeit haben, der sich notfalls auch mal zwei Stunden alleine beschäftigen kann, wenn die ersten kritischen fünfzehn Minuten überstanden sind.

Mich wundert, wieviele meiner Leserinnen und Leser ebenfalls plötzlich von Halbgeschwistern erfahren haben und unter welchen Umständen (Beerdigung etc.). Ich habe so etwas noch nie in meinem Freundeskreis mitbekommen. Aber das scheint es öfter zu geben als ich gedacht habe.

Dienstag, 26. Juni 2012

Zwillinge in Bayern

Das Leben ist ja nie frei von Überraschungen; sie nach Gesichtspunkten einordnen und bewerten zu können, entscheidet wohl darüber, wie sehr jemand durch eine Überraschung aus der Bahn geworfen wird.

Eine Überraschung hat mich gerade sehr aus der Bahn geworfen. Ich habe über meinen Sportverein einen Brief bekommen, einen großen Umschlag. Ich dachte für einen Moment, es seien irgendwelche sportlichen Unterlagen, Testergebnisse, Urkunden, Abrechnungen, Formulare, Ausschreibungen, was auch immer. Dann schaute ich auf den Absender, eine bayerische Adresse und dachte: Cool, das sind die Unterlagen für ein Trainingslager, für das ich mich angemeldet habe. Da ich dringend auf den Termin warte (zwei stehen zur Auswahl und man wird eingeteilt), weil sich anhand dieses Termins entscheidet, wann und ob eine Freundin ein paar Tage in den Ferien zu Besuch kommmen kann, öffnete ich den sofort und ... es war was ganz anderes.

Mir fielen etliche Fotos, alle möglichen amtlichen Dokumente, handgeschriebene Briefe und mit dem Computer geschriebene Texte entgegen und ich war so verdattert, dass ich erstmal in der falschen Etage ausgestiegen bin. Als ich dann endlich in meinem Zimmer war, schaute ich mir die Fotos näher an, staunte, wunderte mich, und begann den Text zu lesen.

Darin schrieb mir eine Frau aus Bayern, dass sie seit Monaten versucht, mich zu kontaktieren und meine Anschrift herauszufinden, nur leider ohne Erfolg. Über meine Oma und einen Hinweis auf meinen Sportverein sei es ihr nun offensichtlich gelungen, mir einen Brief zukommen zu lassen, den sie mir zum 18. Geburtstag schickt. Nun, da ich im August volljährig werde ... häh?! Muss ich meinen Ausweis ändern lassen? Ich dachte, ich werde 20.

Nun, da ich im August volljährig werde, hätte ich ihrer Meinung nach ein Recht darauf, etwas zu erfahren, was mir bisher ihres Wissens nach verborgen geblieben sei. Und zwar: Ich habe zwei Schwestern. Halbschwestern um genau zu sein, Zwillinge um noch genauer zu sein. Sie seien vier (also in Wirklichkeit zwei) Jahre älter als ich und seien "entstanden" (lange Rede kurzer Sinn), als mein Vater meine Mutter mit einer anderen Frau betrogen habe.

Zuerst dachte ich, mich wolle jemand verarschen. Oder ich lese das Drehbuch einer neuen Telenovela. Aber nee. Insgesamt schrieb sie viel blabla. Okay, schön und nicht schön zugleich. Was mein Vater vor meiner Zeit gemacht oder nicht gemacht hat, müssen meine Eltern untereinander klären. Zusammen waren sie da wohl schon. Aber: Mein Vater hatte regelmäßig Kontakt zu dieser Familie, über die ganzen Jahre, ohne mir je ein Wörtchen davon zu erzählen. Ob meine Mutter davon wusste, weiß ich (noch) nicht, meine Oma hat es gewusst. Eigentlich muss meine Mutter es gewusst haben, denn er ist wohl seinen Unterhaltspflichten nachgekommen.

Ich rechne mit vielem, ich kann mir vieles vorstellen, aber das hier wirft mich gerade richtig aus der Bahn. Wie kann jemand sowas über Jahre und Jahrzehnte verheimlichen? Und dort immer wieder hin fahren und zumindest mir irgendeinen Scheiß erzählen? Unglaublich. Und die nächste Frage: Was kommt noch alles?!

Denen muss er auch irgendeinen Scheiß erzählt haben, denn mein Alter stimmt ja nicht. Er wird dort angegeben haben, dass ich zwei Jahre jünger bin. Warum er das getan hat und warum das noch niemandem aufgefallen ist, weiß ich nicht.

In dem Umschlag liegen Abschriften von Geburtsurkunden meiner Halbschwestern bei, etliche Fotos, auf denen auch mein Vater (mal unterm Weihnachtsbaum, mal in Badehose) zu sehen ist, Telefonnummern - ein sehr freundlicher Text insgesamt. Kein Sterbenswörtchen von meinem Unfall, von der aktuellen Entwicklung. Haben die noch Kontakt? Es geht aus dem Brief nicht hervor.

Sie möchten Kontakt. Sie möchten mich kennenlernen. Und zwar in erster Linie möchten das meine beiden Halbschwestern und fragen, ob wir uns treffen wollen. Sie haben Jahre lang still halten müssen (wussten demnach also von mir) und möchten nun endlich wissen, wer ich bin, wie ich aussehe und ob wir uns verstehen und Gemeinsamkeiten haben.

Die beiden Halbschwestern (22) haben übrigens noch eine weitere Schwester (17) und einen Bruder (14), allerdings von jeweils anderen Vätern. Die Mutter hat wohl nach meinem Vater noch mit zwei anderen Männern Kinder gezeugt. Bevor sie inzwischen einen Mann verheiratet ist, der weder mein Vater noch Vater irgendeines der Kinder ist. Und nun?!

Montag, 25. Juni 2012

Kauf dich mal

... ne Tüte Deutsch. In zwei Sätze drei Fehler einzubauen, das ist schon eine Kunst. Naja, irgendwie scheint den Leuten ihre Rechtschreibschwäche bewusst gewesen zu sein, so dass sie sicherheitshalber nochmal drunter gemalt haben, welche Sprache es darstellen soll.

Sonntag, 24. Juni 2012

Die Nummer 26 war es

Endlich haben wir eine gefunden. Die Rede ist von einer (weiteren) Assistentin für Maria, die wir seit Wochen suchten. Nach 25 Bewerbern und wochenlanger Suche ist sie seit Montag dabei und sie scheint ein absoluter Glücksgriff zu sein. Es geht nicht um Pflege, sondern um Assistenz, also nicht um Waschen, Nahrungsaufnahme, Klogang, ins Bett bringen, sondern um alles andere, was Menschen täglich machen, wobei Maria aber Hilfe braucht.

Die Bewerberin, die bis zum 30.06. noch als Praktikantin da ist und ab 01.07. fest anfängt, kommt eigentlich aus der Pflege, ist also eine examinierte Kraft, ist aber mit gerade 24 Jahren bereits genervt von der Fließbandarbeit im Krankenhaus und hat sich ausdrücklich auf die Assistenzstelle (und nicht auf einen Pflegejob) beworben. Sie meint, sie sei sich (wörtlich) fürs Arsch-Abputzen nicht zu schade, aber wenn man vor lauter Ärschen keinen Mund mehr sehe, kränkelt das System. Sie meinte, sie war vorher auf einer Station für 48 Patienten zuständig und habe fast ausschließlich Betten bezogen. War sie mit dem letzten fertig, ging es beim ersten wieder los. Zum Reden sei sie nie gekommen, sie habe mehrmals einen Schrittzähler dabei gehabt und habe in einer Schicht rund 25 Kilometer Fußweg abgerissen... nur Druck, nur Leistung, nur Gemecker. Kenne ich irgendwoher, höre ich nicht zum ersten Mal.

Sie ist ein absolutes Energiebündel. Wie ein Pingpongball. Keck, laut, freche Hamburger Schnauze, lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen, Pippi-Langstrumpf-Pigtails (allerdings in blond), etwa 160 groß, Jeans, Top, Sneakers. Oder barfuß. Null Berührungsängste, pragmatisch, erfrischend unkompliziert, offen für alles. Nicht lange sabbeln, sondern tun. Aber trotzdem geduldig, bescheiden, zurückhaltend, wenn es um Maria geht. Maria sagt: "Sie nimmt mich absolut ernst, aber die hat null Respekt vor meiner Behinderung. Und genau das finde ich gut." - Maria hat ihre neue Assistentin nach wenigen Stunden ins Herz geschlossen.

Die Assistentin meinte: "Ich habe noch nie einen Assistenzjob gemacht. Ich bin sehr gespannt darauf, wie das im Alltag ist." - Und dann warf sie gleich die erste Frage in den Raum: Als Krankenschwester wäscht und pflegt sie einen Patienten so wie sie es gelernt hat. Günstigerweise erklärt sie ihm vorher, was sie macht. In einigen Einrichtungen bestimmt auch der Patient oder darf zumindest mitreden. Als Medium würde sie Bauchschmerzen bekommen, wenn Maria einer boxt. Und als Assistentin ist sie irgendwo dazwischen: Sie blättert auf Kommando die Zeitungsseite um, beantwortet eine Mail, wählt die Telefonnummer, die Maria anrufen möchte, geht mit ihr shoppen und hilft ihr beim Klamotten anprobieren, backt nach ihrer Anweisung mit ihr zusammen einen Kuchen, druckt Einladungen zur Geburtstagsfeier aus und verschickt sie, putzt die Schuhe, schraubt eine neue Glühbirne ein, heftet die Stromrechnung weg, ...

Was ist aber, wenn Maria von ihr illegale Dinge möchte? Damit sei jetzt nicht unbedingt gemeint, dass sie Maria dabei hilft, bestimmte Pornos aus dem Internet auf die Festplatte zu kopieren. Sondern wenn Maria loszieht und einen Brückenpfeiler mit Graffiti vollsprühen will. Wenn sie das in Marias Auftrag macht, als ihre Assistentin - wird sie dann auch bestraft? Oder nur Maria, weil, sie ist ja eigentlich nur die handelnde Hand? Weil Marias Hand das nicht kann.

Ein interessanter Ansatz. Die Antwort ist klar, nur es zeigt sehr deutlich, wo dieses Assistenzmodell an seine Grenzen stößt: Sobald es um Handlungen geht, die ein Arbeitgeber nicht von seinem Arbeitnehmer verlangen kann. Weil es Gewissens- oder Glaubenskonflikte gibt, um Ehre oder sexuelle Selbstbestimmung. Oder nur um sichere Arbeitsmittel. Oder Strafbarkeit.

Und damit steht und fällt eine brauchbare Assistenz mit der Assistentin oder dem Assistenten selbst. "Schmeiß meinen Ex raus, tritt ihm in den Hintern, mach die Tür zu, steche anschließend mit meinem Taschenmesser in das Foto von ihm an meiner Pinnwand und wirf drei Gläser an die Wand. Und dann machst du das Fenster auf uns schmeißt seine Rosen samt Vase im hohen Bogen nach unten."

Das kommt vielleicht nicht ständig vor. Aber mal Hand aufs Herz: Wieviele Dinge macht man täglich, von denen man froh ist, dass man sie nicht nur alleine kann, sondern auch, dass sie niemand mitbekommt?! Fängt beim Nasepopeln an.

Freitag, 22. Juni 2012

50 Sätze und andere Kuriositäten

Schon öfter, ich will nicht "regelmäßig" sagen, habe ich über kuriose Begegnungen im Alltag geschrieben. Inzwischen gibt es auch die "Fünfzig Sätze, mit denen ich als Rollstuhlfahrerin in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen mehr als einmal konfrontiert wurde", auf die ich an dieser Stelle dezent hinweisen möchte.

Zum Leben jeder Rollstuhlfahrerin gehört, regelmäßig mit solchen kuriosen Dingen konfrontiert zu werden. Das wird sich auch nicht ändern, solange es in den Köpfen der Menschen zu einem bestimmten Thema (hier: Behinderung) teilweise extremst verschieden aussieht.

Letzte Woche: Marie und ich fahren mit unseren Handbikes (die Vorspannbikes für den normalen Alltagsrolli) zur Uni. Ist ja schönes Wetter. Plötzlich springt eine Frau, um die 50, noch nie vorher gesehen, völlig aufgeregt vor uns in den Weg, so dass wir beide scharf abbremsen müssen. "Hey, hey, wartet mal! Mir ist vor etwa 20 Minuten in [Stadtteil, der rund 5 Kilometer entfernt ist] ein junges Mädchen entgegen gekommen, die hatte auch so ein Teil wie ihr. Wollt ihr mit der vielleicht einen Ausflug unternehmen?" - "Ähm, nee, wir sind gerade auf dem Weg zur Uni." - "Achso, ich dachte ja bloß."

Am Montag: Jana, Marie, Sofie und ich stehen an einer Bushaltestelle und warten auf den Bus. Der kommt, die hintere Tür geht auf, der Fahrer senkt den Bus ab, wir rollen rein, stellen uns gegenüber der Tür auf - zum Glück ist Platz für vier Rollis. Inzwischen wurden die Stellflächen für Kinderwagen und Rollstühle in vielen Bussen in Hamburg vergrößert. Ein Typ, um die 70, kommt auf uns zu und macht eine fordernde Handbewegung: "Die Fahrausweise bitte." - "Sind Sie vom Prüfdienst?" - Ich halte die Frage für berechtigt, wenn der Mann weder eine Uniform trägt noch einen Dienstausweis vorzeigt oder irgendwo befestigt hat. Da brüllt er los: "Fahrausweise!!!" - Alle Leute gucken sich um. Der Fahrer guckt in seinen Innenspiegel. Sofie sagt: "Keifen Sie mich gefälligst nicht so an." - "Anders verstehen Sie es jawohl nicht!" - "Können Sie sich bitte mal ausweisen?" - "Fahrausweise hab ich gesagt!!!", brüllt der Typ nochmal. Der Bus hält mitten zwischen zwei Haltestellen an, auf der Busspur der Grindelallee, die hintere Tür geht auf. Der Busfahrer steht auf, kommt aus seinem Käfig rausgekrochen, kommt auf uns zu. Ein ziemlicher Schrank, Goldkettchen um den Hals, tätowierte Unterarme. Ich sitze da mit offenem Mund, keine Ahnung, was jetzt passieren würde. Der Busfahrer sagt kein Wort, nimmt den Typen am Oberarm, schiebt ihn aus dem Bus, bringt ihn über zwei Fahrstreifen bis auf den Gehweg, steigt ohne ein Wort wieder ein, setzt sich wieder hin, macht die Tür zu und fährt weiter. Alle möglichen Leute klatschen. Peinlich ohne Ende.

Am Mittwoch: Die S-Bahn fährt im dicksten Berufsverkehr mal wieder als Kurzzug, ist rappelvoll. Ich halte mich an einer Mittelstange fest, hinter mir hampeln einige Jugendliche rum, kiechern, sind albern. Ich wusste schon, die führen irgendwas im Schilde. In meinem Rucksack sind nur Schwimmsachen, also nichts, was es sich für einen Diebstahl lohnt. Als ich aus der Bahn springe, greife ich nach meinem Rucksack, er ist noch da und verschlossen. Als ich im Schwimmbad ankomme und meine Badesachen rausholen will, liegen eine leere Bierdose, alte Fahrkarten, ein angebissener Apfel, eine Bananenschale, eine zusammengeknüllte Brötchentüte mit irgendwas ekligem drin sowie eine leere Plastikflasche zwischen den Badesachen. Haben die also im Gedränge meinen Rucksack aufgefummelt und den Inhalt des daneben befestigten Mülleimers umgefüllt.

Gestern bin ich im Hauptbahnhof, auf dem Bahnsteig der U2, als mich eine Frau auf den einfahrenden Zug anspricht: "Entschuldigung, können Sie mir sagen, ob der Zug nach Billstedt fährt?" - Dazu muss man sagen, dass die Frage schon ziemlich dumm ist, weil nicht nur "Billstedt" am Zug und an der Anzeige dransteht, sondern zwei Sekunden vorher auch noch laut und deutlich für die blinden Menschen unter uns angesagt wurde: "Zug nach Billstedt" - Bevor ich aber überhaupt antworten konnte (ich hätte einfach gesagt: "Ja, der ist richtig!", wer weiß, vielleicht ist sie nur unsicher), fährt von der Seite eine Frau dazwischen und pöbelt: "Woher soll die Behinderte das denn wissen?!"

Donnerstag, 21. Juni 2012

Noch einmal Neopopos

Weil mehrere Sportkolleginnen darauf bestanden haben, die Angelegenheit zu klären und nicht einfach so im Raum stehen zu lassen, fand gestern abend ein ausführliches Gespräch zum Thema "Neoprenpopos" statt. Vor knapp zwei Wochen gab es großes Theater beim Training, weil drei Leute aus meinem Sportverein extra vorbei gekommen waren, um einen Teilnehmer während unserer Trainingszeit an die Seite zu nehmen und ihm vorzuwerfen, für ein sexualisiertes Klima im Verein zu sorgen.

Die drei Unruhestifter glänzten durch Abwesenheit, ebenso derjenige, um den es ging, wobei der gleich gesagt hat, dass er nicht kommen werde. Dafür war jedoch ein Vorstandsmitglied anwesend, ebenso wie die beiden gewählten Leute für eben genau solche Fragen (Frauen bzw. Kinder und Jugendliche) und ein Dutzend Frauen aus den Trainingsgruppen sowie fünf Elternteile, unter anderem beide Eltern von Lisa. Ich hatte anfangs ein sehr mulmiges Gefühl, nur kann es auch nicht sein, dass solche Dinge wochen-, monate- oder gar jahrelang vor sich hin schwelen oder gar jemanden aus der Gruppe drängen.

Unser Häuptling machte einen guten Job, erzählte erstmal völlig neutral, was sich an dem Tag zugetragen hatte, erklärte dann, dass der Verein eine sexualisierte Atmosphäre entschieden ablehne und ausdrücklich alle Mitglieder unterstütze, die sich dafür einsetzen. Er betonte, dass es bei dem Treffen heute um einen gegenseitigen Austausch zu dem Thema gehe, und zwar aus einem bestimmten Anlass, jedoch eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema und nicht die Verbreitung von Mutmaßungen und Gerüchten über diese Person gewünscht sei.

Als allererstes ergriff der Vater von Lisa das Wort: Lisa fühle sich seit Jahren sehr wohl in der Gruppe. Sie habe nicht nur in Bezug auf die Sportart, sondern vor allem, was ihre emotionale, gesellschaftliche Entwicklung angeht, einen fast schon unheimlichen Push bekommen. Sie sei erheblich selbstbewusster, selbstsicherer, kritischer, reflektierter und auch freundlicher geworden. Sie sei reifer geworden, aufgeblüht, ihr Humor habe sich verändert. Sie sei zuverlässiger und strukturierter geworden. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (bei Lisa sei es diese, bei anderen Kindern und Jugendlichen sei es eine andere) sei durch keine Therapie zu ersetzen und mit Geld nicht zu bezahlen.

Aber gerade wenn Gruppen einen großen und positiven Einfluss auf ein Kind oder einen Jugendlichen haben, dürfe man nicht darüber hinweg sehen, sondern müsse vielmehr sehr genau hinsehen, wenn es in einer solchen Gruppe auch Dinge gibt, die die Entwicklung eines Kinder oder einer Jugendlichen negativ beeinflussen können. Ein nicht altersgemäßer Umgang mit Sexualität sei so ein negativer Einfluss. Insofern unterstütze er ausdrücklich die Haltung des Vereins und auch die Durchsetzung dieser Haltung durch die drei bei dem Treffen nicht anwesenden Personen.

Es käme aber noch ein großes Aber. Das Thema sei so sensibel und facettenreich, dass man hier nicht in schwarzweiß und mit "brutaler Härte" denken und handeln dürfe. Nur weil seine Frau und er zusammen schlafen, herrsche bei ihnen zu Hause noch lange keine sexualisierte Atmosphäre. Für ihn sei es wichtig, dass unbeteiligte Menschen nicht ungefragt an etwas teilnehmen müssen, was sie nicht wollen bzw. woraus sie sich nicht einfach so entziehen können.

Lisa habe zu Hause von dem Neopren-Typen erzählt. Dass er mit den Frauen flirte, dass er ihnen gerne beim An- und Ausziehen des Neos helfe und ... dass sie ihn einmal gefragt habe, ob er ihr helfen könne und er sie dann zu Tatjana geschickt hätte. Er und seine Frau seien sich einig, insbesondere weil sie mit Lisa noch einmal intensiv gesprochen hätten, nachdem sie beschlossen hatten, zu diesem Treffen zu fahren, dass der Typ sich zwar besonders benehme, aber in einem noch lange tolerierbaren Rahmen. Alles, was passiere, geschehe freiwillig und mit Zustimmung der anderen Person. Es sei zwar regelmäßig, aber nicht ständig und oft und vor allem nicht bei Kindern und Jugendlichen. Ein "Nein" werde akzeptiert, ohne dass es ständig oder nachdrücklich wiederholt werden müsse.

Man könne seine Kinder und Jugendlichen nicht vor dem Leben beschützen. Es gebe viele verschiedene Menschen und diese Vielfältigkeit sei gut. Lisa könne und würde Grenzen setzen und er betone noch einmal, dass das bisher überhaupt nicht nötig gewesen sei. Sie fühle sich durch die Anwesenheit und das Verhalten dieses Neopren-Typens nicht unwohl. Und damit seien für den Vater Wachsamkeit und Entschiedenheit korrekt, man dürfe es aber nicht übertreiben und er erlaube sich die Nachfrage, in welcher Mission diese drei Leute unterwegs gewesen seien, wenn sie nicht vom Vorstand geschickt wurden: Es rieche für ihn danach, als hätte man einen Vorwand gebraucht, um jemanden einzuschüchtern. "So sieht es für mich aus."

Sofort hakten auch andere Eltern ein und erzählten dasselbe. Hinzu kommt, dass die jüngsten in seiner Gruppe 16 Jahre alt sind. Cathleen erzählte, sie habe mal geduscht, während er sich in dem daneben liegenden Umkleideraum umgezogen habe. Sie habe nach dem Umsetzen auf den Duschsitz ihren Rollstuhl wegschieben wollen, er sei ihr aus der Hand gerutscht, gegen einen Blechmülleimer gerollt und dieser sei wiederum über die Fliesen polternd umgefallen. Ein tierischer Lärm. Der Neoprentyp habe an die Tür geklopft und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Cathleen habe gefragt: "Kannst du mal reinkommen und mir meinen Rolli wiederbringen?" - Im Ergebnis habe sich der Neoprentyp ein Handtuch umgewickelt und sei so im Schneegestöber nach draußen auf den Parkplatz gerollt, um Tatjana zu holen, die gerade Stühle in den Bus verlud. Cathleen sagte, sie fand das damals übertrieben, zumal oft sogar gemischt geduscht wird. (Natürlich freiwillig, es darf auch jeder einzeln duschen und die Tür schließen.) Inzwischen könne sie es verstehen. Er sagte hinterher: "Ich dachte, du bist gefallen und liegst an der Erde. Ich wollte nicht alleine ein nacktes Mädchen anfassen."

Zum Ende des Abends bat die Frauenbeauftragte noch darum, dass ein anonymes Meinungsbild erstellt werde. Alle Anwesenden wurden aufgefordert, anonym auf einen Zettel zu schreiben, ob sie sich von dem Neopren-Typen belästigt fühlen. Es schrieb niemand "Ja" drauf. Keine Ahnung, was dann passiert wäre. Dann hätten sie ja nur jeden einzelnen in ein vertrauliches Gespräch nehmen können. Aber so blieb es dabei: Viel Lärm um nichts.

Und damit ist aus meiner Sicht alles gesagt. Ich bin der Überzeugung, dieses Acht-Augen-Gespräch am See diente nur dazu, ihn rauszumobben oder sich wichtig zu tun. Solche negativen Geschichten verbreiten sich leider schneller als einem lieb ist und sie halten sich auch hartnäckig. Ich kann dazu nur sagen: Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass er irgendetwas verbotenes getan hätte. Das einzige, was man ihm vorwerfen könnte, ist, dass er auf Neoprenpopos steht. Ich glaube allerdings, das man das dann vielen Männern vorwerfen müsste. Und im Gegensatz zu unserem Typen gibt es mit Sicherheit welche dazwischen, die man nicht einschätzen kann.

Samstag, 16. Juni 2012

Bescheid für Maria

Am 15.06.12 ist die vom Gericht gesetzte Frist, bis zu der das Sozialamt über Marias Antrag auf ein selbstbestimmtes Leben mit Assistenz in einer eigenen Wohnung, genauer in einem Ein-Zimmer-Apartment mit Dusche, angeschlossen an ein (unser) Wohnprojekt, endgültig zu entscheiden hatte, abgelaufen. Ein am 14.06.12 geschriebener Bescheid erreichte Maria heute.

Beantragt wurden 6.119,87 € pro Monat, davon 2.884 € als Grund- und Behandlungspflege (Pflege- und Krankenkasse), 2.631,87 € als Assistenz (Sozialamt, da mittellos) und 604 € für Lebensunterhalt einschließlich Warmmiete (ebenfalls Sozialamt).

Bewilligt wurden laut Bescheid die kompletten Assistenz- und Pflegeleistungen wie beantragt und durch Gutachten befürwortet, anerkannt wurden jedoch nur 4.970,37 € pro Monat, davon 2.884 € Grund- und Behandlungspflege und 2.086,37 € für Assistenz. Das heißt: Entweder hat das einer nicht richtig gelesen oder man will den Preis drücken. Die zuständige Sachbearbeiterin ist erstmal bis zum 25.06. in Urlaub, wie auf dem Anschreiben gleich vorsorglich vermerkt ist.

Über Leistungen zum Lebensunterhalt und Warmmiete ergehe noch ein gesonderter Bescheid. Man geht scheinbar davon aus, dass sich eine mittellose, pflegebedürftige Frau über ein halbes Jahr lang ihren Lebensunterhalt zusammenleiht. Offiziell heißt es, man ist davon ausgegangen, dass es ein Bewohnertaschengeld in Höhe von 100,98 € pro Monat durch die Einrichtung ausgezahlt gebe. Da wir aber keine Einrichtung im Sinne dieses Gesetzes sind, zahlt hier auch keiner Geld aus.

Auch da, so Frank, soll natürlich der Preis gedrückt werden, denn hinsichtlich der Leistungen zum Lebensunterhalt wäre es billiger, wenn Maria nur ein Zimmer auf einer Station hätte - statt ein Apartment, für das sie selbst verantwortlich ist (einschließlich Mietvertrag, eigene Schlüssel/Abschließbarkeit, persönliche Gestaltung, ...). Wir sind ja hier kein Pflegeheim mit geregeltem Stationsbetrieb. Eben gerade nicht.

In ihrer bisherigen Einrichtung bekam Maria monatlich diese 100,98 € Bewohnertaschengeld (vor 2012 waren es 94,64 €), wovon rund 30 € gleich wieder abgezogen wurden für Umlagen innerhalb der Wohngruppe und der Rest für Medikamentenzuzahlungen, Friseur, Kosmetika und ein Eis draufging.

Ich bin mal gespannt, wie man übernächste Woche diese Differenz von 545,50 € pro Monat erklärt oder welchen Sinn die hat oder welche einzelnen Assistenzleistungen gestrichen wurden (laut Bescheid eigentlich keine). Und wann Maria wieder Leistungen zum Lebensunterhalt bekommt - zuletzt im Dezember 2011. Seit Januar hat ihr eine Freundin rund 2.250 € für Essen, Trinken und wichtigste Dinge geliehen, die hätte sie natürlich gerne mal zurück, bevor es immer mehr wird. Und das Wohnprojekt hat inzwischen knapp 1.500 € Miete und Nebenkosten gestundet, die wären dann auch mal fällig - aus Sicht unseres Vereins.

Ich hoffe ja noch, dass sich die Arie auf einem kurzen Weg klären lässt. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben.

Freitag, 15. Juni 2012

Wir gestehen

Wir, also der Pottspasti und ich, hatten ja am Dienstag unsere Leser gemeinsam dazu aufgerufen, uns mit Suchanfragen, unser Leben betreffend, zu bombadieren. Ungefähr 300 Anfragen kamen in den ersten 24 Stunden über die Kommentarfunktion rein. Mehr als genug, um die Aktion dann auch nach 24 Stunden zu beenden.

Die Fragen haben wir beide allesamt beantwortet - unabhängig voneinander, versteht sich. Meine Antworten gibt es hier und die vom Pottspasti natürlich auf ihrer Seite. Viel Spaß beim Lesen!

Dienstag, 12. Juni 2012

Pottspasti und Stinkesocke

Es waren einmal ein Spasti und eine Socke, die lebten im selben Land: Der Spasti dort, wo die Ruhr sich durch den einst staubigen Kohlenpott schlängelt, die Socke da, wo einst die Fischkutter über die Elbe in Richtung Nordsee aufbrachen. Pottspasti und Kuttersocke hatten etwas gemeinsam: Beide waren ziemlich behindert und konnten nicht so richtig laufen. Der Pottspasti torkelte eher wie ein besoffener Roboter durch die Gegend, die Kuttersocke konnte allenfalls robben.

Eines Tages kreuzten sich ihre Wege im Internet. Sie tauschten viele Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus, stellten fest, dass sie beide bloggen und Rollstuhl fahren können und schrieben sich fortan regelmäßig: Per Mail, über ein soziales Netzwerk oder auch durch Kommentare unter ihren jeweiligen Blog-Beiträgen.

Manchmal kamen sie auch auf dieselben Ideen oder setzten eine Idee gemeinsam um. So baten beide ihre Leser, ihnen Fragen zu stellen. Der Spasti und die Socke werteten auch ihre Suchstatistiken aus und kommentierten sie. Plötzlich hatten sie, inspiriert von einem Mitarbeiter einer caritativen Wohneinrichtung für behinderte Menschen, eine tolle Idee:

"In beiden Blogs erscheint zur gleichen Zeit derselbe (dieser) Aufruf, unsere Kommentarfelder mit Suchanfragen zu bombardieren. Unsere Leser mögen sich einfach vorstellen, unser Leben, unsere Gedanken, Gefühle, Planungen liegen als gespeicherter Text vor - und es gibt eine Suchmaschine, um darin zu suchen. Vielleicht liefert die Suchanfrage 'Nutella jeden Morgen' ja Auskunft darüber, was wir jeden Morgen aufs Toast schmieren, vielleicht aber auch was ganz anderes...

Wir werfen nach einer bestimmten Zeit alle Suchanfragen in einen Topf, machen zu jedem Suchbegriff ein Brainstorming. Die Antworten, die dabei herauskommen, posten wir zur selben Zeit unabhängig voneinander in unsere Blogs. Es darf, wie immer, alles gefragt werden, allerdings muss natürlich jeder damit rechnen, dass nicht zu jeder Suchanfrage auch was in unseren „Lebens-Texten“ gespeichert ist...

Es ist ein Versuch und wir sind beide gespannt, was dabei rauskommt! Auf geht's, poste doch gleich die nächste Suchanfrage!"

Samstag, 9. Juni 2012

Aura und Spielverderber

Diese letzten 24 Stunden hätten gerne anders verlaufen dürfen. Was für ein schräger, heftiger und vor allem unheimlicher Mist!

Irgendwelche Typen, die ich nicht kenne und vermutlich noch nie in meinem Leben gesehen habe, warfen mir aus heiterem Himmel und ohne einen Zusammenhang auf dem Nachhauseweg vor, ich hätte an mindestens drei Tagen durch drei verschiedene Handlungen, die sie aber erstmal nicht näher benennen wollten, Cathleen sexuell belästigt. Ich dachte mir so: Das lässt sich ja ganz schnell klären, fragen wir doch Cathleen selbst, die rollt zehn Meter hinter mir.

Cathleen sagt dazu gar nichts, auf einmal haben diese Leute ein Buch in der Hand, Ringheftung, A5, etwa 250 Seiten, drinnen kariertes Papier, mit blauem Kugelschreiber beschrieben. Ein Tagebuch, in dem viel geschrieben und viel gemalt ist. Mehrere Einträge beschreiben eine sexuelle Belästigung durch mich. Einzelne Zeichnungen sind vorhanden, die ich auf die Schnelle, in der ich das unter die Nase gehalten bekomme, nicht entschlüsseln kann.

Ich erinnere mich komischerweise an diese einzelnen Handlungen, die dort beschrieben sein sollen, und verstehe komischerweise auch, dass Cathleen diese als sexuelle Belästigung versteht. Ich bin mir unsicher, wie ich reagieren soll. Ich habe ein total schlechtes Gewissen und würde das alles gerne mit Cathleen unter vier Augen klären, aber dafür sei es zu spät, Cathleen lehnt es auch selbst ab, mit mir alleine zu reden. Sie habe Angst vor mir.

Was folgt, sind gefühlte drei bis vier Stunden tiefste Hölle. Ich weiß, dass ich irgendwas verbotenes getan habe, das sagt mir mein schlechtes Gewissen, ich weiß nicht genau, was, und irgendwie gibt es absolut keine Lösung. Es gibt keine Ansätze, keinen vernünftigen Dialog, über Stunden immer wieder dieselben Vorhaltungen durch diese Typen, die ich nicht zuordnen kann.

Vermutlich waren diese drei bis vier Stunden nur wenige bis zwanzig Minuten und dass wir alle auf dem Weg zu meinem früheren Elternhaus waren, fällt mir erst auf, als ich schweißgebadet und angepinkelt aufwache. Was für ein bescheuerter Alptraum! Lange hatte ich keinen, zumindest erinnere ich mich nicht daran, dafür war dieser mal wieder umso heftiger. Ich hatte einige Mühe, mich und meine Gedanken erstmal zu ordnen, mich kurz zu duschen, mir trockene Sachen anzuziehen und mich auf den Weg zu Cathleen zu machen.

Es war kurz vor neun Uhr, um neun wollten wir ohnehin aufstehen, weil für heute eine Trainingseinheit angesetzt war, ich klopfte an Cathleens Zimmertür, durfte rein, erzählte Cathleen, was passiert war, und sie war total lieb zu mir. Sie meinte, ich hätte sie geweckt und sie wollte noch zehn Minuten im Bett bleiben, ich solle mich zu ihr legen und erzählen. Und dann hat sie mich die ganze Zeit in den Arm genommen und mir über den Kopf gestreichelt und mir ein paar Mal einen Kuss auf die Wange gegeben und mehrmals gesagt, dass das nur ein böser Alptraum war und sie sich mit mir und meiner Nähe absolut wohl fühle. Ist mir eigentlich ja auch klar, aber nach so einem Erlebnis brauche ich das noch einmal intensiv bestätigt.

Ich frage mich, welches schlechte Gewissen mich da gequält hat. Welche Gedanken oder unverarbeiteten Erlebnisse dahinter stecken, wenn ich so einen Mist träume. Keine Ahnung. Richtig unheimlich und kurios wird es aber erst noch.

Um 11 Uhr kamen wir beim Training an, es stand Schwimmen auf dem Programm und es sollten vor allem Ausdauer und Technik unter erschwerten Bedingungen (es war recht windig) geübt werden. Da wir nur 15 Grad Lufttemperatur haben und das Wasser auch nicht viel wärmer ist, wurde mit Neo geschwommen.

Es gibt bei uns im Verein jemanden, männlich, um die 30, der steht auf Popos in Neos. Ist ein total lieber Kerl, hat aber diesen Faible. Es Spleen zu nennen, wäre zu hart, denn er geht offen damit um und ist nicht platt und primitiv, sondern sehr schmeichelhaft und respektvoll. Man kann darüber diskutieren, ob es manchmal etwas nervt, aber für mich ist es insgesamt okay. Die Konversation beschränkt sich nicht nur auf dieses eine Thema, man kann sich auch sehr gut über andere Dinge mit ihm unterhalten und er ist auch immer sehr interessiert. Er begrüßt alle Mädels immer sehr herzlich mit fester, enger Umarmung. Ich bin mir sicher und ich fühle, dass seine Zuneigung nicht nur durch seinen Faible begründet ist. Ich kenne ihn jetzt seit über zwei Jahren und mir (und auch einigen anderen Mädels in meinem Alter) macht es einfach großen Spaß, mit ihm rumzuflirten und rumzushakern, ihm den Kopf zu verdrehen ... ich habe mich noch nie unwohl dabei gefühlt. Mir gefällt die Aufmerksamkeit, die er mir schenkt. Ich glaube, er ist Dauersingle und ich schätze, er will daran auch nichts ändern. Eine über eine lockere Freundschaft hinaus gehende Beziehung kommt für mich nicht in Frage, um diesen Gedanken gleich abzuwürgen.

Heute saßen wir im Gras und waren dabei, uns in den Neo zu zwängen. Es ist klar, dass, wenn der Typ daneben sitzt, ich meinen Neo nicht alleine über meinen Po kriege, sondern Hilfe brauche. In der Tat geht es mit Hilfe sehr viel einfacher. Wir alle könnten auch Tatjana fragen oder uns gegenseitig helfen, aber wie gesagt, ich finde seine Aufmerksamkeit schmeichelhaft, ihm gefällt es, uns zu helfen - eigentlich müsste ich mich dafür nicht rechtfertigen.

Oft klettern wir über einen auf Pontons schwimmenden Holzsteg mit Rampe zum Ufer ins Wasser, weil wir dann mit den Rollis direkt bis an die Wasserkante fahren können. Dann setzt man sich mit dem Po auf den Steg und lässt sich ins Wasser plumpsen gleiten. Meistens muss man aber im Wasser nochmal seine Badekappe, Schwimmbrille, Zopfgummi, Haarklammer, whatever, richten und da der See an der Stelle bereits tief ist, bräuchte man dafür nun seine Beine. Man kann schlecht mit beiden Händen an der Badekappe rumfummeln und gleichzeitig nicht untergehen.

Nun gibt es natürlich Tricks. Man könnte das erledigen, bevor man ins Wasser rutscht, man könnte sich mit einer Hand am Steg festhalten und mit der zweiten Hand das Problem lösen, man könnte kurz untertauchen, das Problem lösen und wieder auftauchen ... oder ich bitte halt jemanden, vorzugsweise den besagten Typen, ob er mich kurz festhalten kann. Also sich mit einer Hand am Steg festhalten und mich mit der anderen Hand so fest an sich randrücken, dass ich nicht untergehe. Das zu fragen, ist nicht unüblich, normalerweise würde ich halt Cathleen oder Yvonne oder Marie fragen. Dass ich (und andere) vorzugsweise den besagten Typen frage, gehört einfach zu dem ganzen Spielchen dazu.

Man kann auch fragen, ob er einmal fühlen kann, ob der Reißverschluss richtig zu ist oder am Po alles richtig sitzt. Wir haben auch schonmal ausprobiert, wie man sich gegenseitig im Wasser zieht, wir haben am Strand ausprobiert, wer stärker ist und sahen aus wie die panierten Schnitzel ... es macht einfach Spaß.

Heute nun begannen die Frauen mit dem Training, die Männer blieben zurück, da wir nicht dasselbe trainieren und unterschiedliche Trainer haben (nur meistens zur gleichen Zeit vor Ort sind), habe ich mich nicht weiter darum gekümmert. Als wir nach unserer Einheit wieder am Steg waren, waren die Männer noch beschäftigt, nur sah ich unseren Typen nicht mehr dazwischen. Ich fragte meine Kolleginnen, aber die waren auch ratlos. War der abgesoffen? Eher unwahrscheinlich.

Nein. Er saß, sichtlich mitgenommen, an einem dort festinstallierten Holztisch, neben ihm drei Typen aus unserem Verein, allerdings aus einer völlig anderen Sportart und mir auch nur vom Sehen bekannt. Irgendwas war da vorgefallen, das hatte ich im Gefühl. Er schaute zwar zu uns herüber, verzog aber keine Miene. Mir kam das komisch vor, also beschlossen Cathleen und ich, dorthin zu fahren.

"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte ich ihn. Er nickte, der eine Typ, ein Fußgänger, Ende 30, Cargohose, sportliches Oberhemd, fuhr mich an: "Wir haben hier ein Gespräch, könnt ihr uns mal alleine lassen?"

Na sicher. Wir waren schon fast wieder weg, als ich unseren Neoliebhaber sagen hörte: "Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Immerhin geht es indirekt um sie."

Das war der Moment, in dem sich Cathleen und ich wie abgesprochen wieder umdrehten und zurück rollten. "Wenn es um uns geht, möchte ich wissen, was hier los ist. Haben wir was falsch gemacht?" - Der Typ mit der Cargohose antwortete und forderte uns dabei quasi mit einem Nicken auf, uns wieder zu entfernen: "Nein, nein, alles in Ordnung. Wir unterhalten uns hier nur mal."

"Hier stimmt doch was nicht", sagte ich und wandte mich zu unserem Neoliebhaber. "Können wir dir irgendwie helfen? Wenn es was mit uns zu tun hat, möchte ich wissen, was hier besprochen wird." - Cathleen fügte hinzu: "Ich auch."

Bevor der Cargohosen-Typ noch was sagen konnte, Luft hatte schon geholt, antwortete unser Neoliebhaber: "Ich werde hier gerade zusammen gefaltet, weil ich euch zu nahe komme." - Der Cargohosen-Typ räusperte sich übertrieben laut und funkelte den Neoliebhaber an. Es wurde interessant, jedoch auch sehr unheimlich, denn ich fühlte mich gerade sehr an meinen letzten Alptraum erinnert. Ich spürte, dass Cathleen mich von der Seite ansah. Ich sagte: "Waaas?! Was soll das denn?! Wieso solltest du uns zu nahe kommen und wieso redet man nicht erst mit uns, bevor man das Thema aufgreift?"

"Man findet, ich hätte wegen meines Alters und meiner langen Gruppenzugehörigkeit eine Vorbildfunktion. Dieser werde ich nicht gerecht. Mir wird vorgeworfen, dass ich jungen Mädchen an den Po fasse, dass ich mich benehme wie ein 15jähriges Kind und mich mit euch im Sand raufe und dass ich ... [eine 23jährige Rollstuhlfahrerin] eine Woche lang in meinem Gästezimmer hab schlafen lassen, weil sie Stress zu Hause hatte."

Ich sagte: "Das ist doch wohl nicht euer Ernst. Ich distanziere mich davon, ich kann auf mich alleine aufpassen. Es hat zu keinem Zeitpunkt irgendeine Handlung von dir gegeben, mit der ich nicht einverstanden war. Um die meisten Dinge habe ich dich ja sogar gebeten. Das würde ich notfalls auch noch schriftlich bestätigen." - "Ich auch", sagte Cathleen.

"Darum geht es nicht", antwortete der Typ in der Cargohose. "Es geht um das sexualisierte Klima, das durch ihn hier verbreitet wird. Er ist einfach alt genug, um dem wiederstehen können zu müssen, wenn junge Mädchen ihm schöne Augen machen."

"Sag mal, habt ihr Komplexe oder was?! Das ist jawohl nicht euer Ernst! Sexualisiertes Klima. Für mich ist er eine große Hilfe. Ob er das aus sexuellen oder freundschaftlichen Motiven macht, ist mir scheißegal, solange er mich respektvoll behandelt und meine Grenzen beachtet. Beides ist der Fall und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sich davon gestört fühlt, wenn wir fünf Minuten miteinander rumshakern."

"Wir wollen diese Athmosphäre bei uns nicht haben." - "Bei uns? Ihr gehört doch überhaupt nicht zum Triathlontraining dazu! Hat der Vorstand euch geschickt?" - "Der sieht das genauso." - "Hat er euch geschickt? Ich ruf den jetzt an." - "Nein, hat er nicht." - "Dann schlage ich vor, dass wir das Thema in einer großen Runde hier vor Ort klären mit allen irgendwie Beteiligten, und den Vorstand dazu einladen. Ihr werdet selbstverständlich auch eingeladen, wobei ich aber im Moment nicht weiß, in welcher Funktion oder Rolle."

"Das wird man dir dann sicherlich erklären", sagte der Cargohosen-Typ patzig. Letztlich wollten die drei dieses Treffen aber dann doch nicht und zogen ziemlich schnell von dannen, als immer mehr Leute dazu kamen und teils mit offenem Mund hörten, was hier gerade abging. Dem Neoliebhaber war das alles nur noch peinlich und er meinte: "Ich glaube, ich brauche hier nicht mehr aufzutauchen."

Stimmt nicht. Keiner der Anwesenden, weder Jungs noch Mädchen, sahen das so. Auch die beiden Trainer waren eher von dem Besuch irritiert als von unserem Geflirte. Ich weiß nicht, was das Theater dieser Spielverderber sollte. Ich weiß nicht, wieso ich vorher sowas geträumt habe. Ich weiß aber, dass mir ohne diesen Neo-Typen definitiv etwas fehlen würde und ich kann nicht verstehen, warum man uns nicht einfach unseren Spaß lassen kann. So viel Spaß wie vorher werden wir vermutlich eine lange Zeit erstmal nicht mehr haben können.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Motorisierte Maria

Wahnsinn! Fast ein halbes Jahr nach der Verordnung wurde heute Marias Elektrorolli ausgeliefert. Der Chef des Sanitätshauses lieferte ihn persönlich aus, nachdem am Tag davor ein Mitarbeiter so lange im Stau steckte, dass er auf halber Strecke wieder zurück gefahren war. Es musste etliches eingestellt und vor allem programmiert werden, aber der Service war astrein. Maria und er waren bestimmt zwei Stunden lang beschäftigt, im Haus, auf der Straße, um alles so einzustellen, wie Maria es braucht. Gerade mit eingeschränkter Koordination und wenig Kraft muss das Ding ja so bedienbar sein, dass Maria nicht gleich aus Versehen mit Vollgas gegen die Wand fährt oder die Ampel wieder rot ist bevor sie den Joystick in die richtige Position gedrückt hat.

Irgendwann hatten sie herausgefunden, wie sanft die Mühle anfahren soll, wie verzögert es auf Joystickbewegungen reagiert (um versehentliches Antippen etc. zu ignorieren), ob der Stuhl vorwärts fährt, wenn man den Joystick nach vorne drückt oder vielleicht lieber, wenn man ihn nach hinten zieht oder spiegelverkehrt oder nur auf vorherige Auswahl aus dem Menü rückwärts oder oder oder ... alles kein Problem. Der Sanitätshaus-Chef meinte: "Wenn ich mich da rein setze, gibt es nur An und Aus. Entweder fahren oder halten. Für mich müssen die Gehwege aber dann auch am besten die Maße einer Flughafenpiste haben oder einer sechsspurigen Autobahn. Aber gerade wenn man Kunden mit Koordinationsstörungen hat, kann eine Nuance darüber entscheiden, wie sie mit dem Teil zurecht kommen. Deswegen wird das auch in einer Woche, in einem Monat und etwa in einem halben Jahr noch einmal neu feinabgestimmt."

Dem Sanitätshaus-Chef tropfte am Ende der Schweiß aus dem Gesicht. Bestimmt 30 Mal hat er Maria in den Stuhl gehoben, wieder raus, dann musste am Sitzkissen was gemacht werden, dann an den Fußauflagen, dann musste ständig dieses Steuergerät per Kabel verbunden werden ... ein irrer Aufwand. Warum man das nicht per Bluetooth oder Infrarot oder ähnliches macht? "Es wird Leute geben, die sich da rein hacken und sich dann einen Scherz draus machen, jeden E-Rollifahrer, der vorbei fährt, ins Bahngleis zu lenken oder ähnliches. Und dann muss im Zweifel der Hersteller haften. Die gehen auf Nummer Sicher. Und Nummer Sicher heißt: Kabelgebunden."

Am Ende saß Maria perfekt in diesem Teil und ich glaube, ich kann sagen, es war einer ihrer glücklichsten Momente seit langer Zeit. "Die Akkus müssen eigentlich erstmal eine Nacht durchladen. Weil wir wissen, wie sehnsüchtig die meisten Kunden auf ihren Stuhl warten, wird bei uns kein Stuhl mit leeren Akkus ausgeliefert. Die kommen alle vorher in der Werkstatt eine Nacht an die Steckdose. Das ist zwar aufwändiger, weil man erstmal vieles auspacken und später wieder einpacken muss, aber dafür sind die Gesichter freudiger, wenn die Dinger ausgeliefert sind. Und ich mag freudige Gesichter."

Halb vier war er wieder weg. Zurück blieb Maria, die vor lauter Aufregung rote Ohren hatte und erstmal ihren Blutzucker kontrollieren lassen musste. Um halb sechs machte sie dann das, was sie nach eigenen Angaben seit mindestens fünf Jahren nicht mehr gemacht hat: Alleine losfahren. Sie meinte: "Ich werde keine Kilometer abreißen. Wahrscheinlich setze ich mich in die U3 und schaue mir einmal den Hamburger Hafen von oben an." - Vor zehn Minuten kam sie wieder. Absolut glücklich.

Eine Frage will mir dabei nicht aus dem Kopf: War das nun so eine schwierige Mission? Warum hat es die andere Pflegeeinrichtung, in der Maria vorher wohnte, nicht geschafft, sich um eine angemessene Hilfsmittelversorgung für sie zu kümmern? Ich unterstelle einfach mal: Weil man zu bequem war, weil es Mühen gemacht hätte, weil man ihr einen Freiraum gegeben hätte, den sie vielleicht nicht im Sinne der Einrichtung genutzt hätte. Ich hänge mich mit dieser Einschätzung, die nichts weiter als eine bloße Vermutung ist, weit aus dem Fenster, ich weiß. Aber so ein Verhalten bricht mir das Herz.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Komisch gesucht

Die dreiviertel Million habe ich verpasst, die Achthunderttausend auch. Und meinen zweihundersten Subscriber wollte ich eigentlich auch herzlich begrüßen. Ich schaff mal wieder nix. Zu viel zu tun, zu wenig Zeit.

Wenn der Zähler so schnell rast, sind viele Leute hierher gekommen. Gaaaaanz viele kamen über eine Suchmaschine. Und ich weiß nicht warum, aber ich habe gerade in meiner Statistik geblättert und bin dabei über die gesuchten Begriffe gestolpert, die jemand eingegeben hat, bevor er auf meiner Seite gelandet ist.

Die Reihenfolge ist weder chronologisch noch nach Häufigkeit sortiert. Sondern zufällig. Alles verstehe ich zwar nicht, aber das muss ich vielleicht auch nicht. Ich bin jedenfalls amüsiert...

Rollstuhlfahrer stolpern - Das geht. Zumindest kann man über die gesuchten Begriffe stolpern, wie bereits im Absatz zuvor erwähnt.

Anzahl Speichen Rollstuhl - In meinem sind es 2 x 36 Stück. Na, welche Radgröße habe ich wohl?

Querschnittlähmung Jule - Rischtisch!

Stinkesocke rechts? - Eher links. Oder meintest du den Fuß?

Rollstuhl atü - 10 bar. Pro Reifen. Soll sein. Beim Rennrolli sogar 16 bar. Wehe, wenn das platzt.

Götterspeise mit Rolli - Götterspeise mit Rolli weiß ich nicht. Götterspeise im Rolli könnte klebrig sein.

Rolli klebrige Finger - Klebrig, ja. Götterspeise.

Familie Ostsee Rollstuhl - Wir fahren immer nach Scharbeutz, vielleicht hilft das weiter? Grömitz soll auch sehr schön sein.

Sommer glücklich Jule - Ja oft, gerne, sehr.

Hoffnungslauf Jule - Könnte ich bitte in die Planungen mit einbezogen werden?!

Vibrator anlegen gelähmt - Kannst du das selbst oder brauchst du Sexualassistenz?

Oben ohne Sauna - Alles andere ist nicht so lecker.

IKEA steht für? - Ich Kriege Einen Anfall?!

Jule nicht verzweifelt? - Nein, nur manchmal genervt und hin und wieder traurig. Aber auch viel happy und glücklich.

Stinkesocke masturbiert Finger - Manchmal auch mit dem Finger, ja.

Analdehnung zwei Finger geil - Schweinchen!

Beispielsatz heilig Krieg Rollstuhl - Häh?!

Ich rufe dich - Galactica vom fernen Stern Andromeda?

Hallo Socke - Hallo Gali!

Jule Rollstuhl vollgepupst - Sowas mach ich nicht.

Pfannkuchen WG Jule - Lecker!

Badewanne schrubben Rollstuhlfahrer - Ist eine Herausforderung.

Viele Ahnung Studium - Empfiehlt sich.

Pipi ziemlich hinein Windel - Na entweder ganz hinein oder gar nicht.

Gelkissen aufblasbar Rollstuhl Jule - Ich habe ein aufblasbares Kissen, aber ohne Gel. Oder meintest du einen aufblasbaren Rollstuhl? Da muss ich passen.

deine mutter hurensohn - Bitte nicht in diesem Ton!

Ultraschall Jule sterben - Vom Ultraschall stirbt man, glaube ich, nicht.

Behinderte Scheiße Ostern fressen - Zu Ostern nicht und sonst auch nicht.

Sex mit Behinderten - Ist möglich, aber bitte nur einvernehmlich.

Vergewaltigt Rollstuhl - Nein, wie gesagt. Nur einvernehmlich.

Sexspiele Jule Bett Latex - Ja, ja, ja, nein. Oder nur, wenn es unbedingt sein muss.

Sexspiele Jule Bett Lycra - Siehe oben.

Wanne gepinkelt fail - Das stimmt.

Querschnittslähmung hört nicht auf - Das stimmt auch.

Windel ausläuft Rollstuhl - Wenn du Glück hast, sieht das keiner. Vielleicht mal die Marke wechseln.

Soll Frau Windel kacken Rollstuhl - Ich würde es lassen, das stinkt ziemlich.

Lob Jule Blog - Vielen Dank!

Jule Pinkelt Jule heimlich - ans Bein?

Jule Bikini sexy Strand - Ja!

Stinkesocke dick manchmal - Nein, ich bin schlank.

Lastschrift Jule geplatzt - Ich oder die Lastschrift?

Behinderte Krüppel Spasti - Aha.

Jule pinkelt beim Duschen - Nur manchmal.

Jule pinkelt Badeanzug - Auch nur manchmal.

Jule pinkelt Hose - Selten. Jule pinkelt Klo: Oft!

Jule Sahne Hose Transport - Ein Becher Schlagsahne in der Hosentasche?

Jule abschreiben - In der Schule oder in der Bilanz?

Rollstuhl essen - Schmeckt nicht.

Fotze dehnen behindert - Bitte keine Kraftausdrücke, ja?

Schmusen Jule lesbisch? - Jule schmust gerne, ist aber nicht lesbisch.

Jule Küche unterfahrbar - Unterfahrbare Küchen sind toll.

Stinkesocke Blog Krankenhaus - Damit fing alles an.

Aufzug Jule Tier komisch - Vorhin war es noch nicht da.

Warum stinkt es? - Keine Ahnung, hat einer gepupst?

Sind türkische Rollstuhlfahrer sexy? - Entscheide selbst!

Schlafanzug duschen? - Ich empfehle waschen.

Werden Blondinen angeschnallt? - Im Auto sollte man sich immer anschnallen.

Rollstuhlfahrer kratzen Schulter - Könnte klappen.

Behinderte Schweine - Sowas habe ich mal geschrieben, ja.

Toilette geplatzt Socke - Man wirft keine Socken ins Klo!

Mobil erreichbar Jule - Ja.

Rennrollstuhl blutig heftig - Machst du langsamer!

Abführen lieber im Bett? - Lieber ins Klo.

Schwimmbad rubbeln behindert - Auch Behinderte wollen trocken werden!

Was tun stinkt - Waschen? Lüften?

Triathlon eklig Jule - Es ist eine Gewöhnungssache.

Socken behindert geklaut - Arme Socke.

Zungenkuss Behinderung geht das - Meistens ja.

Wieviel Fotzenschleim Querschnittslähmung? - Verwende ordentliche Ausdrücke, dann wird das Suchen effektiver.

Jule größter Wunsch - Feen googeln mich auch?

Helmut Rollstuhl - Helmut Kohl? Ja.

Mit Jule jeder ins Bett - Nein, so groß ist mein Bett nicht. Gute Nacht!

Dienstag, 5. Juni 2012

Supporting Lisa

So schnell wollte ich eigentlich an keinem Wettkampf teilnehmen, denn meine Schleimbeutel-Entzündung ist erst relativ kurzzeitig wieder abgeheilt. Die Gefahr, dass sich das sofort wieder entzündet, bestünde laut meiner Hausärztin zwar eher nicht, aber meinen Trainingszustand würde ich wegen der Zwangspause eher als suboptimal bezeichnen.

Bei Tatjana weiß man nie so genau, was sie im Schilde führt, wenn sie einen in tolle Pläne einweiht. Sie versteht es, Leuten Honig um den Mund zu schmieren. Mitten in der Woche fragte sie Cathleen, Marie und mich, ob wir Lisa, Anja und ein weiteres junges Mädel aus Schleswig-Holstein am Wochenende bei einem Wettkampf in Hessen supporten könnten. Soll heißen: Cathleen, Marie und ich starten außer Konkurrenz in einer unpassenden Alters- oder Startklasse, um fehlende Konkurrenz oder fehlende Erfahrung (bei ganz jungen Sportlern, die zum ersten oder zweiten Mal starten) auszugleichen. So etwas gibt es nur bei ausgewählten Wettkämpfen im Behindertensport, meistens jene Nachwuchsrennen, zu denen nicht genügend Leute melden.

Es handelte sich um einen Wettkampf, bestehend aus 750 Meter Schwimmen, 5 Kilometern Sprint im Rennrolli und 20 Kilometern Handbiken im Rennbike (so genannte Sprintdistanz). Cathleen, Marie und ich sagten zu, sehr zur Freude der drei jungen Mädels. Die Schleswig-Holsteinerin kannte ich locker von einem gemeinsamen Trainingslager - deren Mutter rief mich am Mittwochabend prompt an und wollte von mir hören, ob ich glaube, dass alles klappen wird. Ihre Tochter habe noch keine Erfahrungen mit Alkohol oder Jungs und sei auch nicht verdorben ... sie wäre froh, wenn das so bliebe. Ich konnte sie etwas beruhigen.

Und so standen wir am Samstagnachmittag mit sechs Rollstühlen auf dem Hamburger Hauptbahnhof und warteten auf den ICE. Unsere Rennbikes und unsere Rennrollis waren bei Tatjana im Bus, damit war aber kein Platz mehr für irgendeinen Mitfahrer. Das erwartete Theater bei der Bahn ("Was?! Mit sechs Rollis? Da passen nur zwei rein!") blieb gänzlich aus und bevor wir überlegen konnten, ob uns langweilig wird, waren wir auch schon da. Mit einer Straßenbahn ging es zu einem Vier-Sterne-Hotel, das vom Veranstalter als Unterkunft ausgesucht worden war und von dem ich verwöhnte Göre eigentlich etwas mehr Luxus erwartet hätte.

Aber bei vier Sternen kann man schließlich nicht zu viel erwarten und so waren von den acht Halogenspots in der Zimmerdecke sechs defekt, die Gardine hing in Fetzen vor dem Fenster (das war vermutlich die Hotelkatze), die Dusche war völlig verkalkt, ein Bettbezug war schmutzig, der Teppichboden voller Flecken und der Fernseher ging auch nicht. An der Rezeption zeigte man sich entsetzt, meinte dann aber, dass sie völlig ausgebucht seien und man kein anderes Zimmer für uns hätte. Ich bin ja sonst nicht so zickig, aber eins konnte ich mir dennoch nicht verkneifen: "Ein sauberer Bettbezug würde schon reichen. Wenn es zu viele Umstände macht, ziehe ich ihn auch selbst auf."

Eine der Rezeptionsdamen kam mit ins Zimmer und bezog meine Decke neu. Am nächsten Morgen stellten wir dann fest, dass in der Dusche auch nicht in Ordnung war: Was nicht direkt an den Fliesen entlang lief, spritzte unkontrolliert in alle Himmelsrichtungen. Ich dachte erst, Cathleen und ich hätten das Zimmer bekommen, was sonst die Gäste bekommen, die man rausekeln möchte, aber die anderen drei Zimmer der Hamburger Leute waren genauso unmöglich. Beim Frühstück mussten wir sechs Mal um ein Kännchen kalte Milch bitten und fast eine Viertelstunde auf frische Brötchen warten (nehmen Sie doch solange etwas Obst), und als man sich dann bei der Gesamtrechnung noch um über 100 Euro zu unseren Ungunsten verrechnet hatte, platzte Tatjana so richtig der Kragen. Ich habe sie lange nicht mehr so weit oben auf der Palme erlebt. Die Dame hinter dem Tresen war gut geschult und konnte auf jeden Satz, den Tatjana sagte, mit irgendeiner Floskel rausgeben.

Ich sollte mich um Lisa kümmern, Marie um Anja und Cathleen um das Mädel aus Schleswig-Holstein. Lisa ließ mal wieder einen Spruch nach dem nächsten vom Stapel, leider bekomme ich sie nicht mehr alle zusammen. Fest steht nur: Ich könnte sie noch immer alle fünf Minuten knuddeln.

Irgendwann gab es eine offizielle Ansprache. Das Wasser hätte mindestens die erforderlichen 19 Grad. Ob Celsius oder Fahrenheit, ließ man mal offen. Tatjana füllte uns mit Getränken ab, um eine möglichst ideale Hydrierung zu erreichen. Eine Dreiviertelstunde vor dem Start rollte ich zum sechsten letzten Mal an diesem Morgen zum Klo, zog anschließend meine Wettkampfklamotten an, ließ mir von Tatjana beim Neo helfen und als fünf Minuten später Lisa auch fertig angezogen war, düste ich mit ihr schonmal zum Steg runter. Eine halbe Stunde vor dem Start sollte man sich dort melden. Auf dem Steg hatten sie Rasenteppich ausgerollt, auf dem es sich besonders schlecht rollte.

Üblicherweise darf man, nachdem man sich gemeldet hat, bis zehn Minuten vor dem Start sich in der Nähe hin und her bewegen und sich weiter warm halten, aber hier war das nicht möglich. Es gab nur einen sehr engen Zuweg zu diesem Steg, der auch nur von den Paratriathleten genutzt wurde. Die Fußgänger starteten vom Strand aus.

Marie und Anja sowie Cathleen und die Schleswig-Holsteinerin kamen kurz nach uns. Es begann zu nieseln. Tatjana kam auf den Steg und machte mit uns noch einige weitere Aufwärmübungen, zehn Minuten vor dem Start musste sie jedoch den Steg verlassen, so dass nur noch die sechs Hamburgerinnen und zwei Teilnehmerinnen aus Hessen und drei Offizielle dort standen und warteten. Wir versuchten, uns durch Arm- und Rumpfbewegungen halbwegs warm zu halten. Das Mädel aus Schleswig-Holstein wurde immer nervöser. Cathleen versuchte, sie zu beruhigen. "Wenn du erstmal im Wasser bist und die ersten 100 Meter geschwommen hast, legt sich auch die Aufregung. Ich bleibe immer bei dir, wir schaffen das zusammen. Bei meinem ersten Wettkampf war ich auch ziemlich aufgeregt. Das ist aber nur vor dem Start, das ist gleich vorbei."

Lisa, die sonst oft nur unfreiwillig lustig ist, ließ jetzt den von ihr zum Frühstück vertilgten Clown aufstoßen und erzählte laut mit einem schelmischen Grinsen: "Übrigens, falls es jemanden interessiert: Ich mach grad Pipi." - Anja erwiderte mit entsetztem Blick: "Das ist nicht dein Ernst." - Lisa antwortete: "Doch, ich darf das! Wir sind hier auf einem Wettkampf, da gelten andere Regeln!" Cathleen, Marie und ich krümmten uns vor Lachen. Anja guckte uns entsetzt an. Ich sagte: "Wo sie recht hat, hat sie recht!"

Anja antwortete: "Ja ich glaub dir das, aber darüber redet man doch nicht." - Cathleen erwiderte: "Beim Triathlon ist alles anders. Und beim Paratriathlon sowieso. Da redet man über alles, was unwichtig ist und morgen schreibt Jule das in ihren Blog und spaltet dadurch ihre Leserschaft in die, die schmunzeln, die, die es eklig finden und die Fetischisten."

Lisa fragte: "Was ist eine Leserschaft? Und was sind diese Feti-Dinger?" - Marie sagte: "Als 'Leserschaft' bezeichnet man alle Leserinnen und Leser eines bestimmten Buches oder einer bestimmten Zeitung oder auch eines Internetblogs und Fetischismus ist in diesem Fall, wenn einer davon Pipi toll findet. Davon hat Jule unfreiwillig ein paar Leute in ihrer Leserschaft." - Lisa antwortete: "Ok. Dann bin ich jetzt auch so ein Feti-schissi-mus-duweißtschon. Diese Leute da." - Cathleen, die sich gerade die letzten Lachtränen aus den Augen gewischt hat, fing erneut an zu gackern und fragte: "Wieso? Findest du auch Pipi toll?" - Lisa antwortete ohne eine Miene zu verziehen: "Zumindest ist es gerade schön warm am Po."

Marie, Cathleen und ich kugelten uns auf dem Steg, die Wettkampfrichter müssen gedacht haben, wir haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Anja lächelte verlegen und die beiden Hessinnen sagten: "Na ihr seid ja gut drauf." - Dann wurden wir aufgefordert, an die Stegkante zu rutschen und Sekunden später ging es los. Es war arschkalt. Von wegen 19 Grad. Ich schwamm neben Lisa, die ein recht ordentliches Tempo vorlegte. Ständig kamen mir ihre Worte vom Steg wieder in den Kopf und ich musste den Gedanken zur Seite schieben, um nicht beim Schwimmen das Lachen anzufangen und mich zu verschlucken. Bei einem Wettkampf für mich wäre so etwas absolut hinderlich gewesen. Ich hoffe, ich habe es bis zum nächsten Mal wieder vergessen.

Der Rest des Wettkampfes verlief unspektakulär, allerdings wurde der Regen stärker, so dass wir bereits nach dem Rennrolli fahren aussahen als hätten wir ein Schlammbad genommen. Bei Regen macht so ein Wettkampf entsprechend weniger Spaß. Ich fuhr außer Konkurrenz vier Sekunden nach Lisa über die Ziellinie und dann kam der Hammer: Auf Lisas Weg zur Dusche gesellte sich plötzlich eine Frau, etwa Mitte 40, zu ihr, hielt ihr einen Ausweis unter die Nase und sagte: "Guten Tag, mein Name ist Dr. ..., ich bin Ärztin und bin heute im Auftrag des Deutschen Behinderten-Sportverbandes hier. Sie sind für eine Anti-Doping-Kontrolle vorgesehen."

Hurra. Was folgte, waren nervige 150 (!) Minuten umringt von zwei Frauen, die alles genau beobachteten. Man darf eine Vertrauensperson / Zeugen mitnehmen, Lisa suchte sich spontan mich aus. Und dann nahm das Drama seinen Lauf. Zuerst hatte sie nicht genug in der Blase, dann musste sie trinken, trinken, trinken, dann war ihr Urin zu dünn (unter 1.005 g/ml), dann sollte sie erstmal duschen gehen, dann musste sie beim Duschen plötzlich nochmal dringend, dann bekam sie dort einen neuen Becher von der Assistentin, den hat die Ärztin dann aber später verworfen, weil sie meinte, da könnten Seifenreste reingekommen sein, das sei nur in Lisas Interesse, noch einmal neu abzugeben und dann beim nächsten Versuch klappte es endlich. Dann mussten noch etliche Codenummern übertragen und verglichen werden, Ausweise abgeschrieben werden, alles umgefüllt und verschlossen werden, erst in Gläser, dann in Tüten, dann in Styroporkartons, ein Protokoll mit mindestens 25 einzelnen Punkten angefertigt werden und dann endlich war Lisa, völlig eingeschüchtert, wieder entlassen.

Der Tag endete damit, dass der Zug auf dem Rückweg wegen eines Polizeieinsatzes in Hannover eine Verspätung von 75 Minuten aufbaute. Als ich endlich zu Hause war, war es halb ein Uhr nachts. Ich glaube, ich bin innerhalb von 3 Minuten eingeschlafen.