Dienstag, 29. Mai 2012

Thessa, Zwiebeln und eine Beule

Da wir am letzten (Pfingst-) Wochenende trainingsfrei hatten, bot sich die beste Gelegenheit, die vorerst letzten Tage des schönen Wetters auszunutzen und einmal an die Ostsee zu fahren. Ich wäre, hätte ich zur Zeit ein Auto, schon mindestens drei- bis achtmal hingefahren, aber so war ich darauf angewiesen, dass irgendjemand aus meinem Freundeskreis auch dorthin will oder sich zumindest von mir dazu überreden lässt.

Am Ende waren wir 42 Leute ... Ich kam mir ein wenig vor wie Facebooks Thessa, obwohl ich nicht diejenige war, die im sozialen Netzwerk zu einer Strandparty eingeladen hatte. Zum Glück hat derjenige, der das öffentlich gepostet hatte, es nur in unsere versteckte Gruppe geschrieben und nicht an irgendeine Pinnwand. Derjenige macht es nie wieder, das steht fest. Und obwohl alle nett waren, stelle ich mir unter einem privaten Strandausflug mit Freunden etwas anderes vor. Eine nicht unerhebliche Teilmenge aller Hamburger (Para-) Triathlet(inn)en will eben nicht nur in der Sonne relaxen, schwimmen und ihre Ruhe haben.

Der Pfingstsonntag begann noch relativ harmlos. Marie und ich hatten beschlossen, mit dem Auto nach Scharbeutz an die Ostsee zu fahren, dort zu schlafen und Montagabend wieder nach Hamburg zurück zu gurken. Am Sonntag waren wir beide noch bei ihren Eltern zum Essen eingeladen. Der Brüller war der Moment, in dem Marie feststellte, dass Zwiebeln im Essen sind. Nicht übermäßig und keine Zwiebelstücke, aber sie waren halt drin. Ich habe mich köstlich amüsiert. Solche Diskussionen hatte ich bei mir zu Hause früher nie... "Oah Mama! Da sind ja schon wieder so viele Zwiebeln im Essen." - "Nee, nur eine halbe. Und die ist gerieben. Völlig ohne Zwiebeln schmeckt es nicht, dann meckerst du auch wieder rum." - "Ich will heute mit meinen Leuten an den Strand und im Auto schlafen! Wieso machst du da was mit Zwiebeln?" - "Auf dem Weg findet sich sicherlich noch die eine oder andere Systemgastronomie. Die verwenden keine Zwiebeln. Musst du dich halt nächstes Mal vorher entscheiden."

Das wäre jetzt der Moment, in dem in einer Großfamilie der jüngste am Tisch krähen würde: "Also mir schmeckts." Oder: "Auja, wann gehen wir mal wieder zu McDonald's?!"

In diesem Fall meinte der Vater nur: "Am Strand rauscht das Wasser, da hört keiner dein Gepupse." - "Nachts im Auto rauscht kein Wasser und Jule liegt direkt neben mir!" - "Jule hat das gleiche gegessen. Macht ihr halt einen kleinen Pupswettbewerb." - "Och Papa!" - "Jetzt ist es genug." - "Jaja, du hast ja keine Behinderung. Du kannst das steuern. Ich lerne heute einen coolen Typen kennen, sitze bei dem auf dem Schoß und nach fünf Minuten ist alles vorbei. Und das nur, weil Mama Zwiebeln ins Essen gemacht hat." - "That's life." - "Ach vergiss es."

Ich sagte: "Was denn für einen Typen?" - "Kennst du noch nicht." - "Ist er nett?" - "Sehr." - "Ich werde eifersüchtig." - "Du hast doch nur Angst um deinen Schlafplatz." - "Im Gegenteil, ich hätte Lust auf einen Dreier." - "Ich teil doch nicht meinen Typen mit dir!"

Als wir dann irgendwann losgefahren sind, sammelten wir unterwegs Cathleen noch ein und kamen dann auch irgendwann nach einem Megastau und irrer Parkplatzsuche am Strand an. Der Sand war vor lauter Strandmatten, Handtüchern, Decken und Menschen kaum noch zu sehen, ins eiskalte Wasser trauten sich hingegen kaum welche. Wir waren aber zumindest fünf Minuten komplett drin. Nach dem ersten Schock war es genial.

Unsere nächtliche Pupsparty mit drei Leuten im Kofferraum eines Kombi war ebenfalls unbeschreiblich toll. Jeder hatte 33 x 180 Zentimeter für sich, das heißt, geschlafen wurde in Löffelchenstellung und wenn einer sich drehen wollte, mussten sich die anderen auch umdrehen.

Immerhin waren wir am nächsten Morgen gleich am Strand und bekamen die besten Plätze. Das alles war auch sehr entspannt, bis halt ab 11 Uhr die ersten Leute eintrudelten, die wir nicht eingeladen hatten. Es war zwar ganz lustig und die waren auch alle nett, aber wie schon gesagt, ich wollte mich eigentlich nur in die Sonne legen und nicht quatschen, Karten spielen, Bier trinken, auf zweideutige Sprüche rausgeben und ähnliches.

Und was natürlich auch noch sein musste: Beim Ausparken gurkte Marie einer in die hintere Beifahrertür. Ein Typ, Mitte 40, nagelneue Mercedes C-Klasse, beim Rückwärtsfahren mit seiner hinteren rechten Ecke. Glück im Unglück: Der Typ kam an den Strand und meinte: "Gehört das Auto mit dem Kennzeichen ... einem von Euch?" - Er hatte das vermutet, weil wir auf dem Rolliparkplatz standen und er wohl vorher unsere Rollstühle am Strand gesehen hatte. Er hat Marie seine Daten aus dem Ausweis abschreiben lassen, wir haben die Autos und die Schäden fotografiert, ihn dazu - er meinte, er melde das seiner Versicherung. Es sei ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern. Zum Glück ist er nicht einfach weggefahren.

Samstag, 26. Mai 2012

Erysipel und Erotik

Meine Schleimbeutelentzündung ist inzwischen nicht mehr zu spüren. Bewegen sollte ich mich ja schon die ganze Zeit, seit heute darf ich auch wieder richtig trainieren. Ich weiß, was mir gefehlt hat...

Sobald die größte Mittagshitze vorbei war, sind wir zuerst unsere 42 Kilometer mit dem Rennbike gefahren. Draußen, auf dem Elbdeich. Es wird Zeit, dass wir das Training wieder auf nachts legen. Tagsüber sind einfach zu viele Leute unterwegs. Im Moment trainieren wir tagsüber, weil die Trainerin, die unsere Youngsters betreut, mit einem Erysipel im Krankenhaus liegt und einige ihrer Jungs und Mädels bei uns den Laden aufhalten ihr bestes geben. Die Youngsters fahren natürlich nicht die 42 Kilometer und auch keine zwei Stunden am Stück.

Bekanntlich ist der Elbdeich eine sehr beliebte Rennradstrecke. Ich würde mal sagen: Pro Stunde begegnet man etwa 100 Rennradlern. Das heißt: Tagsüber fahren wir auf einem sehr breiten parallelen Radweg, während die meisten Rennradler jedoch auf der Fahrbahn fahren. Das ist mit den Rennbikes zu gefährlich. Nur hat sich doch heute vor unseren Augen einer der Rennradler derbe abgelegt, weil er seinen Blick nicht mehr von uns lösen konnte. Die meisten "Kollegen" kennen uns ja bereits, aber es sind doch immer noch einige dazwischen, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Rennbike sehen. Blöd nur, wenn man beim Hinterhergaffen von der Fahrbahn abkommt und den Deich runterrutscht. Glück im Unglück: Es war landseitig und dort war nur Gras und keine Mauer oder ähnliches. Einen Satz neue Klamotten braucht der Herr allerdings trotzdem. Da drei andere Radler anhielten, sind wir weiter gefahren.

Bis uns ein paar Kilometer weiter jemand mit seinem Fahrrad mutwillig in den Weg fuhr und uns zu einer Vollbremsung nötigte. Grund für das Manöver: "Ich hab da mal ne Frage. Gondelt ihr hier nur so rum oder trainiert ihr schon für die Cyclassics?"

Da die jüngeren später angefangen sind als wir, waren wir zeitgleich fertig. Tatjana und die Eltern, die bei den jüngeren Leuten immer dabei sind, warfen den Grill an. Üblicherweise wäre jetzt duschen dran gewesen, jedoch bietet es sich bei dem Wetter ja an, ein Bad im See zu nehmen. Also alle Leute auf den Steg und ab ins Wasser - bis auf einen Jungen, dessen daneben stehende Mutter partout nicht wollte, dass er mit seinen Sportklamotten schwimmen geht. Es war nichts zu machen.

Als die Würstchen auf den Grill gelegt wurden, kletterten wir wieder aus dem Wasser, trockneten uns ab und wollten gerade anfangen zu futtern, als eine andere Frau zu uns kam. Erst jetzt bemerkten wir ein Stückchen weiter zwischen etlichen anderen Badegästen und Sonnenhungrigen eine Gruppe Kinder im Alter um die 10 Jahre, die, wie wir erfuhren, Geburtstag feierten und interessiert zu uns herüber schauten. Die Mutter wollte uns bitten, hundert Meter weiter zu ziehen. Dreimal darf man raten, warum *gähn*: Nicht, weil der Rauch vom Grill in deren Richtung geblasen wurde oder wir zu laut gelacht haben oder so etwas - nein, noch banaler. Ihre Kinder wären irritiert und würden in einer Tour fragen, warum wir krabbeln, im Rollstuhl sitzen oder so behindert sind. Und es wäre doch ein fröhlicher Kindergeburtstag... Die Mutter, die ihrem Sohn verboten hat, in Ermangelung einer Badehose mit Trainingsklamotten schwimmen zu gehen, wäre der anderen Mutter fast an die Gurgel gesprungen. Es hätte wirklich nicht viel gefehlt und die beiden hätten sich da geschlagen. Ich bin erstmal 20 Meter weiter gerollt und irgendwann hat sich Tatjana erbarmt und ist dazwischen gegangen: Alle beide sollten sich doch mal überlegen, wie vorbildlich sie gerade auf ihren Nachwuchs wirkten. Das hat gesessen.

Nach dem Essen hatten die älteren unter uns noch eine Stunde Zeit, sich zu sonnen, dann war noch Schwimmtraining dran. Die jüngeren hatten eigentlich Schluss und fuhren auch sukzessive nach Hause, nur ein 11jähriges Mädel nicht. "Darf ich nicht mit euch mitschwimmen? Ich kann schon kraulen und ich kann auch ganz lange schwimmen, ich bin sogar schon mal eine Stunde am Stück geschwommen ohne an den Rand zu fassen."

Tatjana: "Nee, das ist Training für die älteren. Ihr trainiert noch nicht im See, da musst du noch ein paar Jahre älter werden. Wenn du 14 bist, dann kannst du hier mitmachen." - "Ich bin aber schon richtig gut. Bitte! Nur einmal ausprobieren."

Ich sagte ihr: "Du brauchst einen Neo, wir schwimmen jetzt wirklich eine Stunde lang und das Wasser ist zu kalt. Du frierst nach einer Viertelstunde." - "Das ist so gemein."

Das Mädel zupfte einzelne Grashalme ab und biss sich auf die Unterlippe, ich glaube, sie war kurz davor, loszuheulen. Ich fuhr Tatjana hinterher und fragte sie: "Kann sie sich nicht den zweiten Neo von Marie ausleihen? Anja ist nicht da und vielleicht kann sie einfach noch ein bißchen rumschwimmen? Sie muss ja nicht unser Training mitmachen." - "Klär das mit Marie, mir ist das egal. Nur ihr sollt trainieren und nicht eine Stunde abgelenkt sein, weil ihr auf ein Küken aufpassen müsst."

Das Küken hat sich natürlich riesig gefreut. Da sie nicht dieselbe Behinderung hat wie Marie und Marie wegen ihrer Behinderung eher klein ist, passte der Neo von Marie auch dem Küken, man könnte sogar sagen: Wie angegossen. Das gab eine Show! "Guckt mal, der steht mir richtig gut, dadrin sehe ich aus wie eine richtige Leistungssportlerin! Ist man damit schneller als ohne? Kann mal jemand ein Foto von mir machen?" - Und dann posierte sie vor Papas Handykamera mit Victory-Zeichen...

Als wir dann endlich alle im Wasser waren, schwamm unser Küken auf mich zu: "Das fühlt sich richtig erotisch an in dem Ding!" - Marie ging fast unter vor Lachen. Unser Küken lachte schüchtern mit. Ich fragte sie: "Was meinst du denn damit?" - "Na das fühlt sich richtig toll an, das kribbelt im Bauch." - "Das liegt an deinen Würstchen und der Limo." - "Quatsch, ich hab auch Herzklopfen dabei!"

Als wir losschwimmen sollten, schloss sich das Küken an. "Ich schaffe das, eine Stunde lang! Ich hab das schon paar Mal geschafft und mit Neo geht das viel einfacher."

Also hatte ich doch eine Stunde lang jemanden im Auge. Aber es war okay. Sie hielt zwar nicht unser Tempo, aber da ich sowieso nach meiner Schleimbeutelentzündung etwas kürzer getreten war, war es für mich okay, wenn ich mit 70% trainiere und mit dem Küken auf einer Höhe blieb. Zudem hatten wir Rückenwind. Sie war in der Tat nicht schlecht und wird morgen einigen Muskelkater haben. Ich hoffe nur, sie kann es akzeptieren, dass das eine Ausnahme war und wir beim nächsten Mal wieder richtig trainieren wollen.

Den Neo wollte sie übrigens nicht wieder hergeben. Keine Ahnung, was sie an dem Ding so toll findet. Auf jeden Fall weiß Papa jetzt, womit er seiner Tochter zum nächsten Geburtstag eine Freude machen kann...

Freitag, 25. Mai 2012

Geiles Wetter

So ein geiles Wetter! Nachts kalt genug, um die Hütte zu lüften, tagsüber warm genug, um im T-Shirt und kurzer Hose draußen zu sein - auf dieses Wetter habe ich inzwischen fast ein Jahr gewartet! Aber ich wusste, es kommt irgendwann zurück.

Im Moment bin ich jede freie Minute draußen an einem Badesee mit Rasen, Sandstrand und ausreichender Größe für eine laut Tageszeitung "hervorragende Wasserqualität". Man muss zwar 15 Kilometer (pro Strecke) mit dem Handbike radeln bikeln, aber das ist doch bei so einem Wetter ein Klacks. Der See hat zur Zeit um die 18 Grad, also eine erfrischende Abkühlung. Und gleichzeitig noch kalt genug, um genug Weicheier aus dem Wasser zu halten, so dass man gaaaaanz viel Platz hat.

Gestern war ich mit Cathleen, Sofie und Jana los. Leider sind unsere Ladekapazitäten auf vier Rucksäcke beschränkt, für eine Wolldecke hat es aber dennoch gereicht. Unsere Handbikes waren mal wieder die Attraktion, ich habe nicht gezählt, aber ich würde mal schätzen, es waren 25 Leute, die uns in der ersten Stunde auf diese vor den Alltagsrollstuhl zu spannenden handbetriebenen Zuggeräte angesprochen haben. Allesamt in erster Linie an der Technik und an dem Kaufpreis interessiert, einige wollten auch noch wissen, ob die im Straßenverkehr überhaupt zugelassen sind - es war aber insgesamt eher nett.

Bis auf einen, der zusammenaddierte, dass mit Handbikes und Rollstühlen zusammen insgesamt rund 30.000 Euro auf der Wiese standen und lachend meinte, dass sich da ja ein Überfall lohnen würde. Ob man denn damit wenigstens Sport machen könnte. Ich war auch noch so blöd, ihm zu antworten, dass drei von uns tatsächlich Sport machen würden, dafür aber ein Liegebike hätten, diese Geräte hier seien nur für den Freizeitsport. Daraufhin sagte er: "Wenn ich denke, wie viel sinnvolle Dinge für das Geld hätten von den Krankenkassen bezahlt werden können, wird mir ganz schlecht." - Und bevor irgendjemand was erwidern konnte, sagte er laut: "Guten Tag, meine Damen!" - Und zog von dannen. Merke: Manchen Leuten wird schlecht, weil sie sich nicht richtig informieren. Dagegen gibt es eine preiswerte Medizin, die das Gesundheitssystem nicht belastet.

Sonntag, 20. Mai 2012

Grillwurst, Psychiatrie und Häsin

Eine jüngere Sportkollegin aus einer anderen Trainingsgruppe, ich glaube sie ist 13, mit angeborener Querschnittlähmung, ist seit zwei Monaten in stationärer Behandlung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Einerseits gäbe es ein paar kleinere Probleme im familiären Bereich, erzählt sie, andererseits gäbe es massive Probleme mit sich selbst, ihrer Behinderung und ihren Mitschülern. Sie gehe auf ein Gymnasium in einer Kleinstadt im Hamburger Umland und kämpfe dort mit einem sehr modernen Problem.

Modern insofern, als dass ein altes Problem neu wieder weiter auftritt, nachdem man die Separation und Integration ad acta gelegt hat und nun die Inklusion unmoderiert sich selbst und ihrem eigenen Schicksal überlässt. Soll heißen: Gelebte Inklusion befreit eine Lehrkraft genauso wenig von seinen pädagogischen Aufgaben wie ein Fehlverhalten eines Schülers gegenüber nicht behinderten Mitschülern. Eigentlich.

Nur wenn da mal wieder (ja, mal wieder, denn bei mir war es nicht anders und ich höre diesen Vorwurf neben einigen wenigen positiven Beispielen von meinen Leuten, die noch zur Schule gehen, ständig) einer nicht richtig Bock hat oder endlos überfordert ist, schaut man eben weg und lässt die Behinderte alleine kämpfen.

Das Mädel, um das es hier geht, bringt eigentlich alle Voraussetzungen mit, um Jungs den Kopf zu verdrehen. Sie ist bildhübsch und attraktiv, ich beneide sie vor allem um ihre Haut, sie ist intelligent, sportlich, humorvoll, lieb ... Ich mag sie sehr gerne. Und mir gefällt besonders ihr herzliches Lachen. Was aus der Reihe tanzt: Sie sitzt im Rollstuhl. Und wenn man noch was finden muss: Sie trägt eine feste Zahnspange.

Während ihres stationären Klinikaufenthalts nimmt sie, wenn auch eingeschränkt, weiter am Schulunterricht in ihrer bisherigen Klasse teil. Die Therapeuten sind sich einig, dass ein bloßer Wechsel in eine andere Klasse das Problem nicht abstellt. Vor zwei Wochen war ihre Klasse im Rahmen eines Ausflugs in der Klinik, um sich die Einrichtung anzuschauen und sich vor allem davon zu überzeugen, dass es sich um eine offene Therapie-Einrichtung mit Musik-, Gestaltungs-, Bewegungs- und Gesprächstherapie handelt und nicht um eine geschlossene Klapsmühle, die sich der eine oder andere unter dem Wort "Psychiatrie" vorstellt.

Heute nun war eine Horde von knapp über 20 Schülerinnen und Schülern mittags zusammen mit dem Klassenlehrer am Elbdeich, um unsere Sportkollegin bei ihrem Sport zu besuchen, selbst mal das Rollstuhlfahren auszuprobieren und zusammen zu grillen. Das mit dem anschließenden Grillen war auf meinem Mist gewachsen, ich habe zehn Grillwurstpakete besorgt, Cathleen hat vier große Schüsseln Nudelsalat gemacht, Jana hat mehrere Fladenbrote besorgt, Tatjana ist mit einem kompletten Bus voller ausgemusterter Alltagsrollstühle (ein anderer Verein hat einen Fundus für Mobilitätstrainings und ähnliches) sowie einem Geschicklichkeitsparcour dorthin gegurkt und obwohl erst kaum jemand Zeit hatte, waren wir am Ende doch mit zwölf Sportlerinnen und Sportlern vor Ort. Mit Tatjana und drei Eltern von noch minderjährigen Sportlern (die Schüler kamen alle mit dem Bus) waren wir knapp über 40 Leute.

So waren wir einige Stunden damit beschäftigt, der Horde beizubringen, wie man Rollstuhl fährt, vorwärts, rückwärts, seitwärts, wie man auf zwei Rädern kippelt und so weiter. Und natürlich wusste ich innerhalb von fünf Minuten, wer die beiden größten Idioten waren, die da den Laden ständig aufmischten und sich dabei besonders cool vorkamen. Ein dummer Spruch nach dem nächsten, alle auf Kosten des Mädels und der Lehrer stand daneben und sagte: Nichts. Ich schaute mir das eine ganze Zeit lang an. Ihn interessierte das überhaupt nicht.

Kurz bevor die ersten Würstchen auf dem Grill lagen, kam meine Frage, wer denn Hunger habe und ein Essen haben möchte. 20+ Finger oben, inzwischen hatten sich schon einige Kinder dazu gesellt, deren Eltern am gegenüber liegenden Badesee in der Sonne lagen. Egal. Okay: Essen gibt es nicht einfach so, Essen muss man sich "verdienen". Und zwar an einem dort fest installierten Spiel- bzw. Trimmgerät. Zwischen vier Pfosten war waagerecht eine Leiter befestigt, an der man sich mit den Armen entlang hangeln konnte. 20 Sprossen. Wer zur anderen Seite kommt ohne unterwegs wie ein nasser Sack in den Sand zu purzeln, bekommt ein Würstchen, wer zwei will, muss auch noch wieder zurück.

Besondere Schwierigkeit: Die Beine sind an den Knien und an den Knöcheln mit jeweils einem Handtuch zusammengebunden. Okay, man sah, dass meine Sportkollegin die Übung aus dem Trainingsprogramm kannte. Sie legte vor, schaukelte an der ersten Sprosse zwei, drei Mal hin und her um Schwung zu holen und hangelte sich wie ein Affe hin und anschließend wieder zurück.

Wer es nicht schafft, musste sich beim Rennrolli anstellen und 400 Meter in der doppelten Zeit schaffen, die ihre behinderte Mitschülerin (56 Sekunden) vorgelegt hatte. Also in höchstens 112 Sekunden. Oder anders ausgedrückt: Während ihre Mitschülerin nach kurzer Beschleunigungsphase am Ende mit knapp über 30 km/h über die Piste schoss, sollten die anderen wenigstens durchschnittlich 13 km/h auf den 400 Metern hinbekommen.

Die meisten Jungs hatten natürlich eine große Klappe und merkten erst an den Sprossen, dass das vor allem mit zusammengebundenen Beinen sehr schwer ist. Tatjana half den Leuten und hob sie zu der Sprossen der Leiter hoch und sicherte sie, damit sie sich beim Absturz nichts brechen. Zwei recht athletisch aussehende Jungs schafften die 20 Sprossen im ersten Anlauf, gaben dann aber auf. Zurück wollte niemand. Alle anderen mussten sich beim Rennrolli anstellen. Der Lehrer stellte sich freiwillig gleich beim Rennrolli an.

Drei Mädels und vier weitere Jungs schafften eine Zeit zwischen 90 und 112 Sekunden, der Lehrer schaffte 113 und meinte, die Stoppuhr sei zu gut aufgezogen gewesen. Die beiden Sprücheklopfer schafften die 112 Sekunden nicht, aber wer eine große Klappe hat, braucht ja bekanntlich weder Muskeln noch Kondition noch Koordination.

Etliche wollten dann noch ein zweites Mal fahren und einige wollten unbedingt noch in den anderen Rollis weiter kippeln üben, ein paar Leute fragten dann irgendwann auch, ob von uns jemand zu den Paralympics fahren wird, an welchen Wettkämpfen wir teilnehmen, wieviel so ein Sportstuhl kostet, wie es zu einigen Behinderungen gekommen sei. Ich glaube, es hat bei ganz vielen Mitschülern ganz viel gebracht und war für unsere Sportkollegin eine lohnende Aktion. Sie hat sich hinterher etliche Male bei uns bedankt.

Ich war einigermaßen stolz auf uns, dass wir den Tag so gut über die Bühne bekommen haben, bis ich bei Facebook über ein Bild stolperte, was ein anderes Mädchen, 12 Jaher alt, ebenfalls Rollstuhlfahrerin aus Hamburg, heute frisch eingestellt hat. Auf dem Bild ist sie zu sehen, wie sie einen Zettel in der Hand hält und sich damit darüber beschwert, dass sie in der Schule massiv unter dem Druck hänselnder Mitschüler stünde. Ich beschränke das mal auf den Zettel:


Ich bezweifel zwar, dass das irgendwas bringt, außer dass die Idioten, die sie jetzt schon ärgern, noch ein Foto zum Verteilen haben. Aber schmunzeln musste ich dennoch - über die Häsin, die nicht häslich sein wollte. Und auch nicht ist.

Samstag, 19. Mai 2012

Nochmal sechs

Man sollte sich eben nicht zu sicher sein. Wir haben auch gestern keine geeignete Bewerberin und keinen geeigneten Bewerber für die offene Assistenzstelle gefunden. Wir hatten weitere insgesamt sechs Leute zum Vorstellungsgespräch eingeladen und es ist unglaublich: Es war niemand dabei, der unseren Vorstellungen entsprach. Und dabei halte ich unsere Vorstellungen gar nicht mal für so außergewöhnlich.

Ich erwähne dieses Mal vorab, dass diese Leute alle eine schriftliche Bewerbung vorab zugeschickt haben und aufgrund dieser eine Vorauswahl stattgefunden hatte. Und ich erwähne auch, dass diese Leute nicht von der Arbeitsagentur geschickt wurden, sondern sich aus freien Stücken beworben hatten. Nummer 1 und Nummer 5 kamen über Vitamin B, die anderen hatten sich auf ein Inserat gemeldet. Und ich erwähne auch nochmal, dass der Grund, weswegen wir die Bewerber jeweils abgelehnt haben, natürlich nicht der einzige Eindruck war, den wir von diesen Menschen gewonnen haben. Aber es war mitunter ein entscheidender Eindruck.

Die erste Bewerberin, Mitte 40, wollte keinen Lohn haben. Sie beziehe eine teilweise Erwerbsminderungsrente und dürfe nur in bestimmtem Umfang hinzuverdienen. Dieser Hinzuverdienst sei durch eine Tätigkeit in einem anderen Unternehmen bereits völlig ausgeschöpft. Daher bitte sie darum, keinen Lohn zu bekommen, sondern stattdessen einen Fahrtkostenersatz. Darauf sagte Frank: "Mal angenommen, wir würden uns darauf einlassen - dann bringt Ihnen dieser Fahrtkostenersatz doch nichts." - "Naja, ich würde mit dem Fahrrad kommen und abrechnen, dass ich vom Haus meiner Eltern mit dem Auto pendel. Die wohnen 100 Kilometer entfernt, da kämen jedes Mal 60 Euro zusammen."

Die zweite Bewerberin, Anfang 60, bekäme auch bereits irgendeine Rente, möchte etwas hinzuverdienen. Als sie sich auf den Stuhl setzte, war das Thema weitestgehend gegessen: Sie ging, beide Hände nach hinten ausgestreckt, rückwärts etwa 30 Zentimeter in die Hocke und ließ sich dann mit einem Schwung die verbliebenen 50 Zentimeter seufzend auf den Stuhl plumpsen. Sie erzählte, dass sie als Hauswirtschafterin erst in einem landwirtschaftlichen Betrieb, später in einem Internat gearbeitet hatte und mit 50 gekündigt hätte, um ihren kranken Vater zu pflegen. Nun sei dieser vor zwei Jahren verstorben und nun wolle sie sich noch ein wenig beschäftigen. Das Geld brauche sie nicht, nur zu gehöre noch lange nicht zum alten Eisen. Ihr Rücken sei kaputt - Frank fragte: "Aber wir suchen gerade jemanden, der auch körperliche Arbeiten verrichten kann. Wenn Sie einen kaputten Rücken haben, tun wir alle uns damit doch sicherlich keinen Gefallen, oder?" - "Naja, wenn ich mal was körperliches tun soll, frage ich einfach meinen Mann, ob er kurz vorbei kommt." - "Ihren Mann?" fragte Frank und ließ sie erzählen, wie sie sich das vorstelle, denn manchmal käme diese körperliche Arbeit ja auch sehr spontan auf sie zu. Unterdessen klebte er eine Haftnotiz in ihren Schnellhefter und malte darauf einen Pfeil, schob das Ding zu Sofie und mir rüber. Als ich das aufschlug, fiel mein Blick auf den Pfeil, der auf den von ihr angegebenen Familienstand deutete. Dort stand "verwitwet". Als sie fertig erzählt hatte, fragte Frank: "Und glauben Sie, dass Ihr Mann das für Sie tun würde?" - "Ja, wir kennen uns nun schon seit 39 Jahren, mein Hans würde alles für mich tun." - Voller Stolz, mit feuchten Augen. Frank sagte: "Darf ich fragen, ob Sie Hobbys haben? Sport, Musik, Theater, eine Sammelleidenschaft zum Beispiel?" - "Noch nicht. Ich spiele mit dem Gedanken, mich bei der Seniorengymnastik im Turnverein anzumelden, aber ich wollte erstmal abwarten, was hieraus wird. Nicht, dass das sich überschneidet." - Frank antwortete: "Sie haben jetzt 40 Jahre hart gearbeitet, meinen Sie nicht, Sie sollten erstmal ein wenig an sich denken? Gerade wenn Sie genug Geld haben, wollen Sie sich nicht auch mal etwas gönnen?" - "Heißt das, ich bekomme die Stelle nicht?" - "Leider nicht, nein. Aber wir bedanken uns sehr für Ihr Interesse. Und bitte machen Sie das mit dem Sportverein." - "Vielleicht sollte ich das wirklich tun. Man kann dort pro Woche zwei Mal Gymnastik machen, einmal so und einmal nach Musik, und einmal schwimmen. Und einmal im Quartal haben die Ausflüge. An die Ostsee oder in die Lüneburger Heide." - "Das hört sich doch sehr gut an!"

Nummer 3. Ein Mann, Anfang 40, fing an zu erzählen, dass er ja ganz viele Ideen für seine Tätigkeit habe. "Ideen?", fragte Sofie. Er antwortete: "Ja, Beschäftigung für die Leute. Schwimmen gehen, Shoppen für junge Mädchen, Bootsfahrt mit den Jungs oder im Herbst Drachen steigen lassen." - Ach, Sie suchen keinen Kindergärtner?! Nein, also, nein, solche Arbeiten, Wasserkiste tragen mit seinem Rücken, tut ihm leid.

Nummer 4. Noch ein Mann, Ende 30, Realschulabschluss, zwei Ausbildungen abgebrochen, nach eigenen Angaben bereits fünfmal vorbestraft wegen Betrug, Urkundenfälschung, Unterschlagung, Diebstahl. Er wolle ja gleich reinen Tisch machen, als wir erwähnten, dass er ein Führungszeugnis vorlegen müsse. Die letzte Straftat habe er 2009 begangen, seitdem führe er ein anständiges Leben.

Der fünfte Bewerber war ein Afrikaner, Anfang 30, der den Job nicht mehr haben wollte, als wir nicht darauf eingingen, dass die Bezahlung zu schlecht sei.

Und die sechste Bewerberin war eine 35jährige Frau, die den Job fast bekommen hätte, hätte sie nicht in letzter Minute noch gefragt, ob sie ab August sechs bis acht Wochen frei haben könnte. Üblicherweise gebe es ja in den ersten sechs Monaten keinen Urlaub. "Wollen Sie verreisen?", fragte Frank. - "Nein, ich habe mich da für ein Projekt beworben, einen Sprach-Austausch in London. Ich hatte letztes Jahr eine Londonerin zwei Monate hier und nun ist sie eigentlich noch dran. Ich habe damals viel Geld investiert und zwischendurch habe ich ja wie gesagt meinen Job verloren und dieses Projekt..." - "Verloren? Sie haben doch gesagt, geschrieben und gesagt, Sie hätten gekündigt? Was stimmt denn nun?" - "Ja, äh, ähm, ja, also..." - "Ja, was denn jetzt? Ich denke, ihr ehemaliger Arbeitgeber war so gemein und wollte ihnen nicht mal ein Zeugnis ausstellen, sondern nur eine Arbeitsbescheinigung. Und Sie wollten nicht klagen, weil Sie ein friedliebender Mensch sind. Haben Sie gerade erzählt? Warum haben Sie diesen Job verloren?" - "Ich kriege diesen Job hier sowieso nicht, oder?" - "Das kommt auf Ihre nächste Antwort an. Ich rate zur Wahrheit." - "Ich will nicht zum Projekt, ich stehe auf der Warteliste für einen Entzug." - "Entzug?" - "Ja, ich bekomme ein Medikament, das ich unter ärztlicher Aufsicht unter stationären Bedingungen langsam absetzen soll. Flunitrazepam, falls Ihnen das was sagt." - Frank guckte Sofie fragend an. Sofie sagte: "Flummis." - Frank kräuselte die Stirn. Sofie fügte hinzu: "Rohypnol. Und Sie waren vorher in einer Klinik beschäftigt und haben den Job verloren. Darf ich fragen, ob das mit Rohypnol zu tun hatte?" - "Hatte es." - "Sie hatten dort Zugang zum Giftschrank." - Sie nickte und fing an zu weinen. Sie meinte: "Ich war dort teilweise nachts für 24 Leute alleine zuständig und bin am Ende nur noch gerannt, das hat aber auch nicht mehr gereicht. Irgendwann habe ich angefangen, das Zeug zu schlucken. Ich weiß auch nicht, warum ich so doof war. Ich wusste ja, dass es süchtig macht. Und dass ich mich irgendwann rechtfertigen muss, warum das ständig leer ist." - Am Ende hat sie selbst eingesehen, dass es besser ist, wenn sie erstmal die Therapie macht, dort ihr Chaos ordnet und sich dann den nächsten Schritt macht.

Nur dadurch haben wir noch immer niemanden und suchen weiter...

Freitag, 18. Mai 2012

Endlich wieder draußen

Wie könnte man das bescheidene Wetter und den freien Tag besser nutzen als für das erste 2012er Schwimmtraining im offenen Wasser? Ja, ja, ja. Schnatter!!! Der See hatte 13,2 Grad und war damit genauso warm wie die Luft. Aber wir sind ja Kummer gewohnt, waren im letzten Jahr auch noch bei 11 Grad schwimmen und auch schonmal bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee - letztes ohne Neo.

Heute war aber Schwimmen mit Neo angesagt und nach dem üblichen ersten Schock war es sogar ganz okay. Von dem blöden kalten Wind und der fehlenden Sonne mal abgesehen, habe ich mir das schlimmer vorgestellt. Trainerin Tatjana lieferte ein göttliches Bild ab, als sie mit Flip Flops, knielangen Shorts, Badeanzug und drüber eine Fleecejacke mit wehenden Haaren bis zum Schienbein im Wasser stand und uns so entweder ihre Zugehörigkeit oder ihr Mitleid demonstrieren wollte.

Am meisten hat sich Lisa gefreut, die nun endlich zum ersten Mal offiziell ihren neuen Neo einweihen durfte. Sie ist immer noch die alte und ich könnte sie alle paar Minuten knuddeln. Alle Leute bibberten vor Kälte, nur halt Lisa nicht. Die biss sich zwar auf die Lippen, damit die Zähne nicht klapperten, aber ihr Neo ist der beste - darin friert man auf gar keinen Fall. Auch dann nicht, wenn er erstmal mit eiskaltem Seewasser volläuft, bevor er wärmen kann und auch dann nicht, wenn man noch gar nicht losgeschwommen ist und kaum Energie verbrennt...

Anja war auch dabei, bekam von Marie einen Neo geliehen. Das hatten die vorher abgesprochen, das passte soweit auch. Als es endlich los ging, hatten wir am Seeufer eine Gruppe johlender Vatertagsväter, die irgendwas grölten, was man aber auf die Entfernung nicht verstehen konnte, da sie zudem auch noch gegen den Wind brüllten. Aber da in den nächsten 30 Minuten weder ein Hai noch ein U-Boot vor uns auftauchte, kann es nicht so wichtig gewesen sein. Dreißig Minuten, länger war es aber auch nicht auszuhalten, ohne dass man tiefblaue Lippen tiefblaue Füße, Hände und Lippen bekommt.

Wir hatten von Tatjana unser verhältnismäßig einfaches Trainingsprogramm bekommen, diese packte nun alle neun Rollis in den Vereinsbus und gurkte sie in Richtung Umkleideräume, die vom See gut zwei Kilometer entfernt sind. Anschließend holte sie in zwei Fahrten die ganzen Leute aus dem Wasser und brachte sie zu den Duschen. Es war eine gewisse logistische Herausforderung, da nie mehr als fünf (nasse!) Leute in den Bus passen und nie mehr als fünf Leute gleichzeitig duschen können. Daher wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten gut eine Viertelstunde versetzt. Ich war in der zweiten Gruppe, musste also am Anfang schon länger warten und war froh, als ich endlich unter der heißen Dusche saß. Aber das Training war genial.

Donnerstag, 17. Mai 2012

Bein gestellt

Nicht nur ich ziehe idiotische Dinge an, was seit gestern bewiesen wäre. Jana hat sich gestern auf dem Weg zum Schwimmen eine Anzeige wegen Körperverletzung eingefangen. Angeblich sei sie für einen Speichenbruch bei einer Frau, Alter Mitte 50, verantwortlich. Nein, nix von wegen Fahrrad: Im Arm hat man auch eine Speiche. Neben der Elle. Im Unterarm. Auf diesen (Unterarm) ist besagte Frau gefallen, als sie bei Jana über den Schoß geklettert ist. Die Frau stellte das gegenüber der Polizei so dar, als hätte Jana ihr ein Bein gestellt. Dass Jana einen kompletten Querschnitt hat, bei dem ein willentliches Bewegen der Beine unmöglich ist, wird man jetzt in das Verfahren einbringen, Jana hat vor Ort nach Rücksprache mit Frank erstmal alle Angaben zur Sache verweigert.

Jana sagt, sie habe zusammen mit einer Mutter mit Kinderwagen in einem Aufzug gestanden und die Türen schlossen sich, als die besagte Frau noch einmal den Knopf drücken musste, um auch noch in die Kabine zuzusteigen. Was aber eigentlich nicht mehr ging, weil die Kabine mit Rollstuhl, Kinderwagen und der Mutter schon so voll war, dass die Mutter bereits den Po einziehen musste. Egal, die Frau musste noch mit rein. Kenne ich irgendwo her. Und sie wollte unten dann auch als erste raus. Am Kinderwagen kam sie noch vorbei, aber Jana, die sich parallel zur zweiten Tür gestellt hatte, um Platz für den Kinderwagen zu machen, versperrte ihr den Weg. Anstatt nun zu warten, bis Jana sich gedreht hat und rausgefahren ist, meinte besagte Dame, ihr über den Schoß klettern zu müssen. Dabei ist sie irgendwo hängen geblieben, lang hingeschlagen und hat sich beim Auftrumpfen auf die Fliesen den Unterarm gebrochen. Es gab ein Mordstheater, weil sie sofort behauptete, Jana hätte ihr ein Bein gestellt, ein Kioskmitarbeiter stellte ihr einen Klappstuhl hin, sie hielt sich ihren Arm, bis Polizei und Krankenwagen kamen.

Und als wäre das alles nicht albern genug, könnte es noch gut sein, dass dieser Mist für Jana noch viel weitreichendere Folgen hat: Sie ist im nächsten Monat mit einer Prüfung dran, bei der man ein Führungszeugnis vorlegen (was nicht schlimm ist) und wahrheitsgemäß angeben muss, ob Ermittlungsverfahren gegen einen laufen (was dann schlimm wird). Ich schätze, hier muss Frank mal wieder zur Höchstform auflaufen...

Vernetzt

Möchtest du mit uns ein neues Projekt aufbauen? Irgendetwas oder etwas konkretes im Bereich "Behinderung"? Möchtest du nicht mal teilnehmen an Kennenlerntreffen, Gedankenaustausch, Sitzungen, Seminaren, Workshops? Möchtest du dich vernetzen mit verschiedenen Organisationen, die es im Netz gibt? Möchtest du nicht lieber Teil eines ganzen, großen sein als alleine und verlassen in einer Ecke zu stehen?

Diese Fragen sind mir gestellt worden. In den letzten Wochen. Mehr als einmal, von mehr als einer Person. Und meine Antwort lautete stets: Nein! Möchte ich nicht. Ich schreibe hier einen Blog, ein Tagebuch, aus einer ganz bestimmten Motivation. Dieses Glas Motivation enthält zu zwei Dritteln Egoismus und zu einem Drittel Altruismus. Mehr passt nicht rein... Ist es nicht so bierernst zu nehmen, aber es soll heißen: Was ich für die Öffentlichkeit tun kann und tun will (ob gezielt oder als "Nebenprodukt"), das tue ich bereits. Ich lasse Menschen in meinem Tagebuch online mitlesen. Klingt hart, ist aber keineswegs böse gemeint.

Ich bin während der Voting-Phase für die BOBs von meinem ursprünglichen Stil abgewichen und habe meine Leser auch in Beiträgen direkt angesprochen. Das habe ich früher nie gemacht, allenfalls mal in Kommentaren geantwortet, und dieser Stilbruch ist nicht gut. Ich möchte keine Unterhaltungslektüre - ich möchte das Glas in der oben genannten Füllung. Dieses Tagebuch, das hier jeder mitlesen kann, hat für mich eine enorme Bedeutung und gibt mir unheimlich starken Halt. Für mich ist es neben den anderen Menschen im Rollstuhl, die mich in der ersten Phase begleitet haben, von denen ich mit einigen heute befreundet bin, von denen ich andere nie wieder gesehen habe, ein Grund, warum es mir heute so geht, wie es mir geht. Nämlich vergleichsweise sehr gut. Mein Tagebuch gibt mir die Kraft, die andere Menschen beispielsweise in ihrem Glauben finden. Und das soll so bleiben.

Daher wird es nicht "vermarktet", deshalb gibt es keine Storys in der Presse und deswegen möchte ich auch nicht als Expertin in irgendwelche Projekte, Gremien oder sonstwas berufen werden. Ich möchte auch nix anderes pushen, mich nicht verkuppeln lassen oder verbünden - für mich wäre es auch okay, wenn übermorgen keiner mehr öffentlich mitliest. Es wäre ohne Frage schade, denn auch das Feedback meiner Leser bedeutet mir sehr viel. Aber es wäre nicht so schlimm als wenn ich eines Tages in meinem Tagebuch nicht mehr zurückblättern mag, weil ich nicht mehr über mich und meine Gedanken, meine Gefühle lese, sondern über andere Themen - oder über gar keine, weil ich vor lauter anderen Verpflichtungen die Zeit dafür nicht mehr finde.

Ich habe mich Anfang Mai zum zweiten Mal mit einigen sehr guten Freunden getroffen, darunter auch drei weitere Bloggerinnen und Blogger aus Hamburg, um uns zu vernetzen, uns gegenseitig beim Bloggen zu unterstützen. Ich bin gefragt worden, ich habe aus Überzeugung mitgemacht, ich werde sicherlich auch von diesem Zusammenschluss profitieren und meinen Teil dazu beitragen können.

Einige wollen von mir wesentlich mehr. Möchten, dass ich weiteren, größeren Organisationen und Verbünden beitrete, Foren und verschiedene Projekte, an denen viele Menschen gemeinsam arbeiten, unterstütze. Vielleicht wäre das gut. Vielleicht aber auch gerade nicht. Erbsen und Möhren sind schneller zusammen geworfen als getrennt. Und mancher mag eben nur Möhren. Oder muss von Erbsen zu viel pupsen. Ich bemühe gerne bildliche Vergleiche, sorry. Aber ich möchte eben nicht die Erbse sein, die sich plötzlich in einem großen Topf wiederfindet und später vor sich hinbläht. Ein paar vergessene Karotten am Feldrand, mit denen sich die Hasen in einer ausgelassenen nächtlichen Party die Bäuche vollschlagen, sind mir im Moment lieber als moderne Agrarkultur, die müde und geschmacklos im Regal liegt und am Ende doch komplett im Müll landet. Weil ich dazwischen zu viel rumgebläht habe.

Damit meine ich jetzt keine anderen Blogs! Bewahre. Damit meine ich nicht die Blog Awards, auch keine anderen Zusammenschlüsse oder Interessengemeinschaften. Bitte nicht falsch verstehen. Damit meine ich vielmehr, dass ich kleine Möhre nur die vier Karotten um mich herum kenne und nicht den ganzen Acker. Und solange ich den nicht kenne, vertrete ich mit dem auch keine gemeinsamen Meinungen und entwickel auch keine gemeinsamen Projekte. Und solange ich nicht die Zeit habe, den Acker im Ganzen anzuschauen, bleibe ich lieber bis zum Hals im Sand. Und riskiere dabei auch nicht, auszutrocknen, sondern bleibe knackig und saftig. Okay?!

Ich denke, es ist okay, einem Netzwerk anzugehören und sich mit dem einen oder anderen auszutauschen. Dieses von mir erwähnte, von uns gegründete Hamburger Netzwerk ist eins von vielen dieser Art (oder?) und steht jeder Bloggerin und jedem Blogger offen. Wir sind ein paar Leute, die sich austauschen, gemeinsame Ziele finden und sie verfolgen, wir suchen Leute, die sich noch anschließen wollen (bei Interesse bitte melden), vielleicht nimmt dann in diesem Rahmen mal der eine oder andere an überregionalen Treffen teil und berichtet davon, wenn er wieder zurück ist oder tritt anderweitig als Multiplikator auf - aber das soll für mich erstmal reichen. Alles andere wäre nicht überschaubar und für mich eine Nummer zu groß. Meine Meinung ist: Wenn man sich vernetzt, sollte man auch aufpassen, dass man sich in dem Netz nicht selbst verfängt. Und wie eingangs gesagt: Ich bin nur eine einfache, bescheidene und nach wie vor schüchterne Bloggerin. Auch wenn es auf den einen oder anderen anders wirkt. Ich bewundere die Leute, die sich auf solchen großen Veranstaltungen zurechtfinden, die sogar noch auf eine Bühne klettern und von sich und ihren Zielen erzählen ...

Vier mal Arbeitsagentur

Wir stehen bei der Arbeitsagentur gerade hoch im Kurs mit unserem Wohnprojekt und einigen Stellen, die für Assistenzkräfte zu vergeben sind. Von denen ist gerade eine frei, wir stocken auch immernoch auf, und da schickt uns (auch) die Arbeitsagentur geeignete Bewerber.

Manchmal kommt man sich da vor wie in dem Film "Ziemlich beste Freunde", in dem ein Arbeitsloser zu einem Halsquerschnitt kommt, sich auf eine Assistenzstelle bewirbt und von vornherein durchblicken lässt, dass er eigentlich nur den Stempel für das Arbeitsamt haben möchte.

Ganz so krass, dachte ich, ist es in Zeiten, in denen Leistungen auch gerne mal gekürzt werden, nicht mehr. Ich habe keinen Vergleich zu dem, wie so etwas früher gelaufen ist, aber es waren gestern vier Bewerberinnen bei uns und alle vier wollten lediglich ihren Stempelabdruck abholen.

Ich saß mit Sofie, Frank und Maria in einem Zimmer, und wir hatten uns jeweils eine halbe Stunde Zeit für die vier Bewerber genommen. Keine war länger als 10 Minuten drin und natürlich ist es unfair, das Bewerbungsgespräch auf den Ablehnungsgrund zusammen zu fassen, aber dennoch mache ich es mal:

Die erste musste, just in dem Moment, als sie dran war, mit ihrem Handy telefonieren, ging ins Treppenhaus und durch eine geschlossene Rauchschutztür waren deutlich die Ausdrücke "Du verdammtes Stück Scheiße" und "Missgeburt" zu vernehmen. Wer mit solchen Worten diskutiert, ist für uns nicht die Richtige.

Die zweite suchte einen Job bis zum Sommer, weil sie dann mit ihrem Freund nach Baden-Württemberg zieht. Das steht dann auch so in der Ablehnungsbegründung, ich bin mal gespannt, welche Auswirkungen das hat.

Die dritte interessierte sich ausschließlich dafür, wieviel Urlaub sie hat, wieviel Geld sie bekommt, ob es Pausenräume gibt, ob sie vom Arbeitsplatz auch privat telefonieren dürfte (!!) - fragte aber nichts über ihre Aufgaben. Auf Sofies Frage, ob sie denn eine Vorstellung habe, was auf sie zukäme, meinte sie: "Naja, so schlimm wird es schon nicht werden, oder? Sagen Sie nicht, dass es schlimm wird."

Die vierte laberte sich um Kopf und Kragen, indem sie uns gegenüber erzählte, dass sie ja so unheimlich erfahren im Umgang mit behinderten Menschen sei. Sie sei bereits in der Grundschule in einer integrativen Klasse gewesen und habe auch ein Praktikum als Schülerin in einer Behinderteneinrichtung gemacht. Was erstmal durchaus positiv klingt. Nur wenn dann kommt: "Ich weiß genau, wie man mit denen umgehen muss und so ... und was die so wollen ... und wie man sie zum Beispiel dazu kriegt, wenn sie ihr essen nicht essen wollen ..." - "Ähm, Sie wissen, dass es sich hier um Menschen handelt, die körperlich eingeschränkt sind?" - "Ja, aber auch die brauchen ja einen speziellen Umgang, selbst wenn sie sich alle immer einen möglichst normalen Umgang wünschen." - Ihr gegenüber sitzen vier Leute im Rollstuhl. Vergiss es.

Und so sind wir Freitag wieder dran mit Bewerberinnen und Bewerbern aus der Zeitung. Und über Vitamin B. Und irgendwie bin ich mir sicher, dass wir am Freitag jemanden finden werden. Völlig ohne Vorurteile und ohne jede Voreingenommenheit. Aber irgendwas läuft in diesem System falsch. Vielleicht. Vielleicht auch nur bei diesen vier Personen. Ich weiß es nicht.

Aufregung und Schamlippen

Eine Aufregung gibt es unter einigen meiner Leser, da kann ich inzwischen nur noch mit dem Kopf schütteln. Ja, inzwischen kann ich wieder mit dem Kopf schütteln, denn inzwischen hat man rausgefunden, dass es sich nicht nur um einen entzündeten Schleimbeutel gehandelt hat, der Schmerzen verursacht hat (und der sich schon wieder beruhigt hat), sondern zusätzlich auch noch um einen eingeklemmten Nerv. Und das wiederum hat der Orthopäde, bei dem ich war und der seine Patienten im Schnelldurchgang behandelt, natürlich nicht gesehen. Das hat Ronja festgestellt. Inzwischen habe ich von meiner Hausärztin noch eine Spritze bekommen, und zwar in den Muskel, der den Nerv eingeklemmt hat, und siehe da: Die Schmerzen sind weg. Quasi über Nacht. Okay, diese Entzündung an der Schulter ist noch fühlbar, aber das Verhältnis zwischen Sonntag und Mittwoch würde ich mal als 100:10 bezeichnen. Sehr schön.

Aber zurück zur Aufregung: Eigentlich weiß doch jede und jeder, was er mir geschrieben hat, oder? Und dann kann sich doch auch jede oder jeder ausmalen, ob meine Worte an sie oder ihn gerichtet waren. Dachte ich. Natürlich freue ich mich, als bester deutscher Blog gewählt worden zu sein, natürlich freue ich mich über Glückwünsche und natürlich bin ich dankbar. Und was die Hilfe angeht, die mir einige Menschen per Mail angeboten haben, sehe ich diese nicht nur als Kompliment, sondern bin sogar sehr gerührt.

Dennoch: Ich kann nicht alle Mails und alle Kommentare beantworten, es sind inzwischen sogar mehr als 800. Die Zeit habe ich einfach nicht. Ich versuche, alles zu lesen, ich bewahre die auch auf, einzelnen schreibe ich auch eine Antwort, aber bei allen schaffe ich das nicht. Dennoch bin ich dankbar. Und habe das mehrmals jetzt zum Ausdruck gebracht.

Trotzdem bekomme ich massenweise Mails, in denen überwiegend Leserinnen mein Verhalten unmöglich und vor allem undankbar und hochnäsig finden. Ich würde mich wie ein Star benehmen, der über jedem Dank stünde. Ich glaube, man darf im Leben nicht alles auf sich beziehen. Wenn ich zwischendurch gesagt habe, dass ich von einigen Dingen auch genervt bin, dann sind das beispielsweise Leser, die jetzt meinen Blog von Beginn an durchlesen (was ja toll ist), aber dann unter jedes zweite alte Posting einen einzelnen Satz schreiben (was nicht toll ist). Zum Beispiel: "Wieso ist denn da der Aufzug kaputt gewesen?" - Oder: "Wieso schalten die denn nicht die Rolltreppe in die andere Richtung?" - Oder: "Warum war das damals in der Zeitung?" - Oder: "Bist du dir sicher, dass die Tür zu war?" - Und unter die übrigen Beiträge, wo man keine Fragen stellen kann, bis zu drei (pro Eintrag) Einwort-Kommentare schreibt: "Krass!" - "Wow!" - "Ohaa!"

Was soll das? Will mich jemand ärgern? Oder gegen die eingeschaltete Moderationsfunktion protestieren, indem er mir 300 (!) neue Kommentare vorwirft, die ich dann einzeln durchklicken soll? Dazu kann ich nur sagen: Ich kann auch 100 auf einmal auswählen und in gemeinsamer Aktion löschen. Das sind sechs Klicks und damit vielleicht ein Promill des Aufwandes, den derjenige betreibt, der das alles eintippt. Manchmal glaube ich, es gibt zu viel Langeweile auf der Welt.

Mehrere andere Leser bombadieren mich seit Wochen mit jeder Meldung, die man über behinderte Menschen finden kann. Für jede Meldung eine neue Mail. Guck mal, was ich gefunden habe, schau mal hier. Und dann sind das Inhalte wie: In München hat einer unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz geparkt. Oder: Die Polizei half einer Seniorin in der Fußgängerzone von Bochum, nachdem bei ihrem E-Rolli der Akku leer war. Natürlich freue ich mich über außergewöhnliche Links, keine Frage. Aber ein leerer Akku ist nicht außergewöhnlich. Und mich interessiert es nicht!

Es soll sich wirklich niemand, der mir ein Feedback gibt, sei es als Kommentar oder als Mail, vor den Kopf gestoßen fühlen. Im Gegenteil, ich möchte ja unbedingt gerne Feedbacks bekommen. Insofern soll auch bitte niemand, der einen Kommentar schreibt, mir gratuliert hat, mir mailt oder ähnliches, diese distanzierte Haltung auf sich persönlich beziehen. Sondern lediglich dabei im Hinterkopf behalten, dass noch mehr Leute schreiben und nicht alle eine persönliche Antwort bekommen können und dass es noch Leute dazwischen gibt, die mich ganz offensichtlich ärgern wollen.

Apropos: Mehrere Leute aus der Rolli-Szene haben mich in den letzten Tagen entrüstet auf eine Veröffentlichung im Internet über meinen Blog aufmerksam gemacht. Ein Online-Magazin hatte (ebenfalls) über meinen Deutsche-Welle-Preis berichtet und dem Artikel die Überschrift verpasst: "Innere Schamlippen? Fühlen sich an wie die Sitzheizung im Auto." - Ja. Passt.

Sonntag, 13. Mai 2012

Zu viel Frischluft

Mehrmals bin ich ja nun schon bei Freunden zu Besuch gewesen, die in einem von der örtlichen Presse als "Pfuschbau" betitelten Mehrgenerationenhaus wohnen. Jenes barrierefreie Wohnhaus mit insgesamt 28 Wohneinheiten im Hamburger Stadtteil Bergedorf kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Neenee, nicht meine Schlagzeilen - schon die der Tageszeitung. Zuletzt hatte ich im März in meinem Textbeitrag "Licht aus, Tür zu" darüber geschrieben. Heute nun bekam ich Besuch von einer Freundin im Rollstuhl, die in diesem Mehrgenerationenhaus wohnt - und wäre es nicht so traurig, könnte man fast schon darüber lachen, dass es schon wieder ein neues Kapitel zum Haareraufen gibt.

Was ist es diesmal? Die Heizung. Oder besser gesagt: Die Belüftung. Das Haus wurde den heutigen Anforderungen entsprechend wärmeisoliert, dazu gehören auch nahezu luftdichte Fenster und Türen. Damit es auch bei Miefmuffeln nicht schimmelt und die innen liegenden Bäder ohne Fenster ausreichend Frischluft bekommen, gibt es eine Belüftungsanlage, die oben auf dem Hausdach die Umgebungsluft ansaugt und dann über ein Schachtsystem in jede einzelne Wohnung haucht. Das ist heutzutage nichts außergewöhnliches.

Außergewöhnlich ist aber, dass der Schornstein in baurechtlich zwar nicht zu beanstandenden, aber dennoch vor einem bestimmten Aspekt her fragwürdigen Abstand zu der Stelle angebracht ist, wo die Frischluft angesogen wird. Der Aspekt lautet: Das Haus hat eine hochmoderne Pelletsheizung, die mit Holzschnitzeln heizt. Und wie man (nicht) weiß, qualmt so eine Holzheizung beim Anfahren gerne mal für einen Moment.

Bisher hat es keine Probleme gegeben, denn als das Haus bezogen wurde, war Sommer und nach dem allerersten richtigen Anfahren der Heizung blieb es draußen auch gleich so kalt, dass die Heizung sich nicht ständig aus- und wieder einschaltete. Doch inzwischen ist es tagsüber wärmer und dann ... fährt sie sich erst in den Abendstunden wieder hoch, nachdem sie den ganzen Tag über automatisch abgeschaltet war.

Was laut örtlicher Presse dazu führte, dass die Belüftungsanlage den beim Anfahren der Heizung in die Atmosphäre geblasenen Dreck ansaugte und es "im ganzen Haus nach Feuer roch und der zweite Stock deutlich verqualmt war" - und die Feuerwehr, nachdem mehrere Anwohner unabhängig voneinander den Notruf gewählt hätten, weil sie Rauch aus der Hütte steigen sahen, mit drei Löschzügen angerückt sein soll. Nach der örtlichen Presse sei es "besonders prekär", dass eine zentrale Belüftungsanlage für die Wohnungen installiert worden sei, die "die Abgase der Heizung wieder ansaugt und in den Räumen verteilt."

Tja, ich finde, irgendwie wird dieser Nichtraucherschutz manchmal auch überbewertet. Und zu viel Frischluft soll gar nicht gesund sein.

Samstag, 12. Mai 2012

Viel Post und ein Schleimbeutel

In der heutigen Zeit ändern sich Dinge schneller als sie es früher taten. Die Welt sei sehr viel schnelllebiger geworden, sagen vor allem die älteren Menschen. Manche Dinge ändern sich hingegen nie. Manchmal ist das gut, manchmal auch nicht. Und wieder andere Dinge, von denen man möchte, dass sie sich möglichst schnell ändern, lassen unglaublich, unheimlich und unverschämt lange auf sich warten.

Im letzten Monat bin ich, ist vor allem mein Blog, durch eine Nominierung bei den BOBs einigermaßen aus der Bahn geworfen worden. Einige Konsequenzen daraus habe ich noch nicht abschließend für mich bewerten können. So gibt es demnächst wohl den 750.000 Besucher - obwohl ich den 500.000 vom 3. März noch nicht einmal richtig realisiert hatte. Zusammen mit den vielen neuen Leserinnen und Lesern meines Blogs spülte mir meine neue Berühmtheit, von der ich immer noch nicht weiß, ob ich sie wirklich will, auch jede Menge Herausforderungen in mein Postfach. Doch. Eigentlich will ich sie.

Ja, viele Besucher bringen nicht nur viele hübsche virtuelle Blumensträuße, Glückwunschkarten und ähnliches, sondern viele Besucher erwarten auch von mir, dass ich mit hochgesteckten Haaren, tiefem Dekolleté, im kleinen Schwarzen, stets einen frischen Imbiss im Kühlschrank, jedem Gratulanten einzeln die Hand schüttel. Dass ich zu jedem ein passendes Wort finde, dass ich 48 Stunden Zeit pro Tag habe, nett gemeinte Mails zu beantworten und schlaue Kommentare zu tagesaktuellen behinderten Behindertenthemen abzugeben. Sorry Jungs und Mädels, ich bedanke mich hiermit, gerne auch mehrfach, für all die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird, aber ich bin einfach nur überfordert. Ich muss euch leider entsprechend vor den Kopf stoßen.

Ich habe in der letzten Woche fast 700 Mails oder Kommentare bekommen. Ich bin wirklich gerührt, aber ich kann die unmöglich alle beantworten. Selbst mit dem Lesen komme ich kaum noch hinterher, denn einzelne schreiben mir ganze Lebensgeschichten auf - eine besondere habe ich ausgedruckt, wollte sie in der Bahn lesen, es waren 7 Seiten. Völlig unbekannte Menschen bieten mir an, mich durch Hamburg zu fahren, bis ich wieder ein eigenes Auto habe, andere wollen mir Pullover stricken, eine Mutter fragt, in welchem Stadtteil ich wohne, ihr Sohn sei vor einiger Zeit ausgezogen, sie würde meine Wäsche waschen. Starker Mann bietet sich kostenlos für ein paar Getränkekisten - es wäre ihm eine Ehre. Das ist ja alles sooo lieb gemeint und ich bin sehr gerührt! "Kannst du meiner Tochter das Schwimmen beibringen?" fragt eine andere Leserin. "Willst du nicht mal einen Kursus veranstalten, wo du anderen Rollstuhlfahrern den Umgang mit dem Gerät zeigst" - gutes Können verpflichte. Und die Presse will natürlich auch was hören - von dem Gefühl, das zur Zeit in mir wohnt und wie ich darüber denke, wie mit behinderten Menschen in Deutschland umgegangen wird.

Und dann sind da noch die, die mir meine Wäsche abkaufen wollen, die mich treffen wollen, die ein Date mit mir wollen. Nein, ich träume nicht.

Ich habe im Moment ganz andere Sorgen. Im Moment geht es mir nicht gut. Körperlich. Ich habe mir eine Schleimbeutel-Entzündung eingefangen. Ein Schleimbeutel ist keine Plastiktüte zum Reinrotzen, sondern es handelt sich um flüssigkeitsgefüllte Puffer, die jeder an mechanisch stark beanspruchten Stellen des Körpers hat, zum Beispiel am Ellenbogen, am Knie, an den Sprunggelenken, an der Hüfte ... und eben auch an den Schultern. Bei mir ist der unter dem linken Schulterdach betroffen (subakromialis), vermutlich vom Rollstuhlfahren in Verbindung mit ständigen Transfers. Ich würde ja eigentlich nicht rumjammern, sowas kann jeder mal bekommen, nur hühner ich jetzt damit bereits seit einer Woche herum und es wird nicht besser, eher immer schmerzhafter. Ich habe bereits drei Spritzen in die Schulter bekommen und profitiere von Ronja, unserer inzwischen hauseigenen Physiotherapeutin mehr denn je, aber wenn das nicht bald besser wird, sind wohl radikalere Methoden gefragt. Im Moment soll ich mich schonen, möglichst nicht viel Rolli fahren, möglichst keinen Transfer alleine ... und nachts weiß ich nicht, wie ich liegen soll.

Apropos Ronja: Seit zwei Wochen arbeitet sie nun fest bei uns im Haus und eigentlich wäre das, was ich über sie zu erzählen habe, einen eigenen Beitrag wert, aber ich muss mich etwas kürzer fassen ... sie hat morgens um 10 Uhr ihren ersten Patienten (sie fängt später an, da die meisten Leute abends mehr Zeit haben als morgens) und erzählt, sie hat in den letzten vier Wochen kaum geschlafen, so aufgeregt war sie und so aufgeregt ist sie immer noch. Jeden Morgen guckt sie ab 8 Uhr alle 5 Minuten auf die Uhr, wann sie los muss. Man merkt es ihr auch an. Nicht im negativen Sinne. Man merkt einfach, dass sie immer noch sehr unter Strom steht, weil sich vieles einfach noch nicht eingependelt hat. Und ich fühle, auch wenn ich im Moment eigentlich bis auf meine eigene Therapie kaum etwas mit ihr zu tun habe, diese berühmte Schere mal wieder hautnah mit. Jene, die einerseits die ganz lieben Mitmenschen, andererseits die Vollidioten darstellt. In der Mitte ist wieder mal nix. Oder wenig.

Es gibt bisher ganz wenige externe Patienten, trotzdem erstmal mehr als genug. Ein älterer Mann mit Gehwagen meinte im Flur kürzlich zu ihr, dass er seit dem Krieg regelmäßig "Anwendungen" bekäme und er habe bisher nur zwei Therapeuten gehabt, die richtig gut massieren konnten und einer davon sei sie. Wow. Ich habs ja immer gesagt. Eine ältere Frau hingegen ist gar nicht erst mit ihr ins Behandlungszimmer gegangen, meinte, bevor die Therapie begann, sie habe andere Vorstellungen von Krankengymnastik, Ronja wirke wie ein wackeliges Küken, um nicht zu sagen wie eine Blei-Ente (hat sie wirklich gesagt!), und am Ende müsse die Oma die Physio stützen und undeutlich spreche sie auch. Sie bereue, gerade ihre Zeit zu verschwenden. Aber Ronja ist sehr viel selbstsicherer geworden: "Zum Glück fällt mir ja nicht auf jede Gemeinheit eine passende Antwort ein. Soll ich Sie noch zur Tür bringen oder finden Sie alleine wieder raus?" - Zum Glück ist die Mehrzahl der Leute aber lieb.

Noch eine Neuigkeit: Wir haben für Maria einen "Praktikumsplatz" gefunden. Also so halb. Sie probiert seit letztem Wochenende aus, in der Praxis unter uns zu arbeiten. Ronja arbeitet dort als Vollzeitkraft, Christine und Karoline beide erstmal auf einer halben Stelle, die Ergotherapeutin Maja fängt frühestens im nächsten Monat an, alles auf einmal wäre einfach zu viel. Aber Maria drängelte nahezu, ob es dort nicht irgendeine sinnvolle Aufgabe für sie gäbe. Am PC könne sie doch etwas tun - und so testen wir im Moment, ob sie nicht als Hilfe für Ronja arbeiten kann. Ronja fällt Lesen und vor allem Schreiben unheimlich schwer, sie liest jedes Wort einzeln und baut anschließend daraus einen Satz, während sie beim Schreiben mit der Hand jeden einzelnen Buchstaben "malt" - und im Kalender oder Tabellen findet sie sich nur sehr mühsam zurecht. Hingegen kann Maria einen PC relativ normal bedienen und hat auch keine Probleme mit irgendwelchen Anwendungen. Die beiden könnten sich eigentlich prima ergänzen bei Abrechnungen oder ähnlichen Dingen, die nichts mit Publikum zu tun haben. Mal schauen, wie das läuft und ob das dauerhaft was für Maria ist. Das wäre natürlich eine schöne Sache.

Und apropos Maria: Nein, es gibt noch immer keinen endgültigen Bescheid, welche Leistungen für sie für das Wohnen mit Assistenz gewährt werden. Auf Drängen des Sozialgerichts hat man inzwischen einen schriftlichen Bescheid erlassen, dass die Leistung dem Grunde nach bewilligt wird, zur genauen Höhe etc. ergehe aber noch ein weiterer Bescheid. Theoretisch ist es natürlich denkbar, dass die nur die halben Kosten zahlen ... der vorläufige Bescheid ist also genau genommen nicht mehr wert als eine mündliche Zusage. Und was ihren elektrischen Rollstuhl angeht, der wird leider nun erst in der 29. Kalenderwoche gebaut. Drei Wochen später als bisher geplant. Sie übt sich weiter in Geduld.

Samstag, 5. Mai 2012

Nur die Augen

Der heutige 05.05. ist ein Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, an dem europaweit zur Teilnahme an verschiedenen Aktionen aufgerufen wird. So gibt es auch in Hamburg die eine oder andere Aktion, an denen ich mich allerdings aus verschiedenen Gründen nicht beteilige. Was aber nicht heißen soll, dass ich nicht gegen das eine oder andere protestiere.

Eine Teilnehmerin reiste heute morgen mit der Bahn an und verband ihre Hamburg-Reise damit, unter anderem Sofie wieder zu treffen, die sie von früher kennt und die sie, da sie rund 500 Kilometer von Hamburg entfernt wohnt, nur selten sieht. Sofie fragte mich, ob ich diese junge Frau auch kennen lernen möchte, was ich bejahte und mich mit Sofie auf den Weg zum Hamburger Hauptbahnhof machte, um sie dort abzuholen, ins Hotel zu begleiten und anschließend mit ihr etwas zu Mittag zu essen.

Die Frau war etwa in meinem Alter und hatte durch einen Sauerstoffmangel, den sie bei einer Geburtskomplikation erleben musste, eine Hirnschädigung erworben. Sie schafft es, mit zwei Fingern einen speziell angepassten elektrischen Rollstuhl zu steuern, kann aber sonst keine koordinierten Bewegungen durchführen. Wozu auch das Sprechen gehört. Allerdings schafft sie es, sich darauf zu konzentrieren, mit ihren Augen einen bestimmten Punkt für einige Sekundenbruchteile zu fixieren.

Und das war vor einigen Jahren der entscheidende Durchbruch: Eine schwedische Firma hat, ursprünglich zu Marktforschungszwecken, ein Gerät entwickelt, das den Benutzer eines PCs beobachtet. Und zwar misst dieses Gerät über eine Infrarotleiste die Bewegung der Augen und errechnet daraus auf den Millimeter genau, wohin derjenige, der vor dem Bildschirm sitzt, gerade guckt und was genau er fixiert. Damit sollte ursprünglich überprüft werden, wie sinnvoll Webseiten aufgebaut sind, wie lange ein Benutzer sucht, um einen Link zu finden oder ähnliches.

Bis irgendeiner auf die Idee kam, das Ding jemandem vorzusetzen, der seinen Körper nicht koordiniert bewegen kann. Inzwischen gibt es umfangreiche Software für diese Produkte. Ich habe so etwas zum ersten Mal gesehen und war absolut fasziniert. Die junge Frau hat einen 17-Zoll-Monitor an ihrem elektrischen Rollstuhl angebracht und kommuniziert über dieses Teil mit ihrer Umwelt. In einem speziellen Sprechprogramm kann sie, wie man es von einem Talker bereits kennt, entweder buchstabieren oder aus einer Liste häufig gebrauchter Wörter auswählen. Das funktioniert ähnlich wie bei diesen Worterkennungsprogrammen im Smartphone, die einem bei einer Nachricht auch immer schon nach drei Buchstaben die nächsten Wörter vorschlagen, allerdings ist es hier ausgereifter, zumal ja auch deutlich mehr Rechenleistung zur Verfügung steht und mehr Entwicklungs- und Anpassungsmöglichkeiten.

Ich habe dann mal hinter ihr gestanden und mal geschaut, was sie da konkret macht. Sie war so nett und hat es mir langsam für Anfänger vorgeführt. Als sie jedoch sich "normal" mit Sofie unterhalten hat, bin ich nicht mehr hinterher gekommen. Sie ist so schnell durch die einzelnen Menüs gesprungen, um Sätze zusammen zu bauen, dass ich irgendwann nur noch dachte: "Toll machst du das." - Und mich wieder auf die andere Seite gesetzt habe.

Naja, das Ding ist dann noch internetfähig, hat Musik drauf, die man über Kopfhörer oder Lautsprecher hören kann, Youtube, Fernsehen (sofern die Verbindung schnell genug ist), man kann fotografieren, filmen, Bücher online lesen (und blättern) ... alles, was man mit einem PC oder einem Smartphone auch tun kann. Nur dass sie das Ding ausschließlich über ihre Augen steuert.

Und der Hammer: Dieses Gerät kommuniziert auch mit diversen anderen Geräten. Dass man die Rolläden und das Licht im Zimmer automatisch steuern kann, ist ja nun nichts neues mehr. Aber via Bluetooth kann das Ding zum Beispiel auch einen entsprechend ausgerüsteten Aufzug steuern, also sich synchronisieren, das Rufknöpfchen drücken und in der Kabine das Ziel auswählen.

Früher hatte sie Familienangehörige oder einen Assistenten um sich herum, mit denen wurde auch über die Augen oder über Laute kommuniziert. Entsprechend hatte sie auch eine Assistenz für die Schule. Inzwischen studiert sie und braucht, von der Pflege abgesehen, keine weitere Hilfe. Zumindest eben nicht für so "einfache" Dinge wie die Kommunikation. Es war echt wieder so eine bewegende Geschichte, denn wie man sich vorstellen kann, haben viele Leute sie lange Zeit für geistig enorm eingeschränkt gehalten.

Und leider ist es auch genau das, was sie im Alltag wieder erlebt. Einige meiner Leute sagen ja immer, dass ich die schrägen Situationen anziehe wie ein rollender Elektromagnet. Nein. Ich habe das Gefühl, diese schrägen Situationen häufen und vermindern sich parallel zum Umfang der Behinderung, dem eigenen Umgang damit und den wiederum deshalb verwendeten Hilfsmitteln. Die Frau war natürlich die Attraktion im Hamburger Hauptbahnhof: Eine Rollstuhlfahrerin mit einem Bildschirm am Rolli! Wann sieht man so etwas schonmal. Und da es keine Tastatur gab, war das Ding wohl nur zum Fernsehen oder Computer spielen...

Wir haben natürlich schnell eine möglichst ungestörte Ecke in einer Gaststätte gesucht, was schwierig war, denn es war überall gut gefüllt. Als uns einer fotografieren wollte, meinte Sofie: "Sag mal, wir sind doch hier nicht in der Muppet-Show!" - Der Typ lachte und setzte dann tatsächlich seine Kamera an und begann zu knipsen. Als die Bedienung an unseren Tisch kam, bestellte unser Besuch natürlich über diesen Talker. Sie hatte sich vorher mit unserer Hilfe konkret durch die Speisekarte gefragt und dann bereits einen Text vorformuliert und den dann abgerufen. Was sagt die Kellnerin: "So, können wir das jetzt auch vernünftig klären ohne diesen Scheiß?"

Augenblicklich merkte ich meinen Hals anschwellen, aber bevor ich mich da einmischen konnte (und wollte), laberte ihre Kiste schon: "Bitte entschuldigen Sie, dass ich versäumt habe, Ihnen den Sinn dieses Gerätes zu erklären. Ich kann wegen meiner Behinderung nicht sprechen und bitte Sie höflich, mit mir über dieses Gerät zu kommunizieren. Sie können ganz normal reden, ich verstehe Sie sehr gut. Für mich redet mein Computer, den ich mit meinen Augen steuere. Vielen Dank für Ihr Verständnis." - Ein fertiger Text, der wohl permanent schnell greifbar ist.

Die Kellnerin hat es trotzdem nicht verstanden, meinte, sie lasse sich nicht verarschen und zog von dannen, wir zogen dann noch einmal um in einen anderen Laden, doch da erging es uns ähnlich. Als Sofies Freundin ihre Bestellung vorlesen lies, meinte der Kellner: "Haha, das ist ja lustig. Kannst du wirklich nicht sprechen oder willst du hier mit mir ein bißchen Quatsch machen?" - Die Frau lies das Ding wieder diesen vorprogrammierten Text erzählen, aber der Kellner ging mittendrin weg, redete mit seinem Kollegen und sagte dann: "So, wollen Sie jetzt was essen oder nicht?"

Sofie sagte: "Nein, wir haben es uns anders überlegt." - Und zogen zum dritten Mal, diesmal in unser Lieblings-Burger-Restaurant, um. Dort war es zwar auch endlos voll und in der Warteschlange hatten wir eine Dreiergruppe vor uns, die ebenfalls fasziniert von diesem Gerät war, die aber erstmal fragten und mit denen wir dann auch einige Minuten ins Gespräch kamen. Das war völlig okay. Und dann waren wir mit der Bestellung dran und die junge Frau hinter der Kasse bekam das problemlos geregelt und war sehr flexibel. Da es sehr laut war, konnte sie diesen Talker kaum verstehen, kam um den Tresen herum und stellte sich direkt vor diesen Computer, bediente dann die Tasten ihrer Kasse über den Tresen hinweg. Sie hatte auch sofort drauf, wie dieses Gerät bedient wurde: "Machen Sie das mit den Augen? Das ist ja genial. Tschuldigung, aber ich bin gerade völlig von den Socken."

Sie fragte dann: "Möchten Sie Ketchup oder Mayonnaise dazu?" - Und als sie dann merkte, dass sie in ihrem Ding erstmal umständlich blättern musste, sagte sie: "Ich frage anders: Es gibt Ketchup oder Mayonnaise zur Auswahl. Möchten Sie Ketchup? Es gibt Pommes oder Knoblauchbrot zum Burger im Menü dazu. Möchten Sie ein Menü? Möchten Sie Knoblauchbrot? Lieber Pommes? Das Getränk gibt es in 0,3 und in 0,5. Ist 0,3 in Ordnung? Nein, dann 0,5?"

Auch das Bezahlen klappte einwandfrei. Sie wurde aufgefordert, das Geld aus einer Seitentasche am Rollstuhl zu nehmen. Sie legte das Portemonnaie auf den Tresen vor ihr, schüttete die Münzen aus und nahm sich vor ihren Augen das Geld, was sie brauchte. Später erzählte Sofies Freundin, dass das oft irgendwo abseits mit zugewandtem Rücken passiere. Sie habe zwar noch nie erlebt, dass sie dabei betrogen worden ist, aber sie schaut trotzdem gerne selbst zu. "Bitte suchen Sie sich einen Tisch, ich stelle Ihr Menü zusammen und bringe Ihnen das Tablett an den Platz. Okay?" - In einem Burger-Schnell-Restaurant, wo man üblicherweise selbst für seine Tabletts verantwortlich ist.

Sofies Freundin wollte dann ihre Assistenz anrufen, die im Hauptbahnhof bummelte, um sich füttern zu lassen, aber Sofie meinte, dass sie das auch tun könnte. Am Nachbartisch nahm ein junger Mann Platz. Ohne was zu essen, halb hinter Sofies Freundin. Wir beide sahen ihn, Sofies Freundin sah ihn nicht. Stattdessen glotzte er. Er erschien mir irgendwie nicht geheuer. Plötzlich kam von dem Typen ein Kommentar: "Na, so gut möchte ich das auch mal haben. Fernsehen und sich dabei füttern lassen." - Ich war ohnehin schon so geladen, dass ich mich zusammenreißen musste, demjenigen nicht im hohen Bogen mein Getränk in die Visage zu kippen. Entscheidend war, dass ich ihn nicht treffen würde, ohne dabei auch Sofies Freundin zu duschen. Gut, dass ich es nicht gemacht habe. Sofies Freundin fing an zu lachen und drehte ihren Rollstuhl so, dass sie den Typen sehen konnte. Es war der Partner einer anderen E-Rolli-Fahrerin, der uns zufällig beim Reinrollen in den Laden von der anderen Straßenseite aus gesehen hatte. Seine Freundin, Sofies Freundin und er waren in einer halben Stunde verabredet und wollten gemeinsam zu einer dieser Aktions-Protestkundgebungen. Als ich ihm sagte, dass seine Aktion ihm beinahe eine Cola-Dusche beschert hätte, meinte er: "Dann habe ich ja wohl enormes Glück gehabt." - Hat er.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Alles Bagaluten

Nachdem Cathleen Ende März eine Information von ihrer Krankenkasse bekommen hat, dass sie ab 1. Mai neue Verträge über die Versorgung mit Verbrauchs-Hilfsmitteln mit einem Lieferanten für alle Versicherten verbindlich abgeschlossen hat, kam heute von eben diesem auch noch ein "Informationsschreiben" - Frank sagte dazu nur: "Das sind alles Bagaluten."


Ich übersetze einzelne Passagen des Textes mal von amtsdeutsch nach stinkesöcksisch:

"Wir werden auch weiterhin Ihre Inkontinenzversorgung fortführen" - Du hast keine Chance, dich dagegen zu wehren.

"Wir werden alles dafür tun, dass Sie auch weiterhin mit uns zufrieden sind." - Wir haben einen Scheißjob angenommen, in dem wir nur Gewinn machen, wenn wir auf Kosten kranker und behinderter Menschen sparen, du wirst also nie zufrieden sein, aber wir zeigen guten Willen.

"Damit alles nahtlos und pünktlich klappt" - Wenn du dich nicht sofort rührst, gibt es keine Pampers mehr.

"Das Rezept sollte als Dauerverordnung für Inkontinenzprodukte verschrieben sein." - Am besten machen wir gleich für die nächsten Jahre einen sicheren Vertrag. Und am besten schreibt dein Arzt kein konkretes Produkt drauf, dann gehen wir davon aus, dass wir den letzten Scheiß liefern dürfen.

"Wir sind Ihnen gegenüber verpflichtet, Sie medizinisch notwendig zu versorgen." - Komm mir bloß nicht mit Selbst- oder Mitbestimmungsrechten.

"Wir bieten Ihnen auch weiterhin eine auf Ihren individuellen Bedarf abgestimmte und für Sie kostenfreie Versorgung mit Inkontinenzslips. In der beigefügten Preisliste haben wir die kostenfreien Produkte für Sie aufgeführt." - Wenn du nichts zuzahlen willst, bestimmen wir, wieviele Pampers du im Monat brauchst und welches Produkt du nimmst.

"Leider können wir Ihnen Ihre gewohnten Produkte nicht mehr kostenfrei liefern." - Wir wollen unsere Gewinne optimieren und liefern künftig nur noch Scheiß.

"Damit Sie aber Ihre gewohnte Qualität weiterhin einsetzen können" - das, was wir ab heute im Rahmen des Vertrages liefern, entspricht nicht der gewohnten Qualität.

"Wir haben uns bemüht, die Zusatzkosten für Sie so gering wie möglich zu halten." - Vergleiche am besten gar nicht erst mit anderen Anbietern.

"Den wirtschaftlichen Aufschlag entnehmen Sie bitte beigefügter Preisliste." - Wir lassen dich ordentlich zuzahlen, aber wir nennen es einfach mal anders.

"Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Ihre Entscheidung frühzeitig mitteilen könnten, ansonsten würden wir Sie zukünftig mit unserem kostenfreien Produkt beliefern." - Ruf schnell bei uns an und lass dich vollsülzen, sonst schieben wir dir ein paar Billigpampers unter. Die Verordnung für die Kasse haben wir ja nicht (siehe oben), somit kommt mit der Lieferung gleich die Privatrechnung.

Und wenn man nun mal wissen will, was man kostenlos geliefert bekommen darf, schaut man am besten in die beigefügte Tabelle:


Slips gibt es nur von easy und Delta. Das erste ist ein Noname-Produkt, das bei der Saugleistung (nach DIN) genau 48% der jetzigen Markenversorgung erreicht. Die Markenversorgung kann 2,8 Liter halten, allerdings wird das gemessen, indem man das Produkt unter Wasser drückt, 5 Minuten auf die Leine hängt, abtropfen lässt und dann auswiegt. Da das aber mit der Realität nichts zu tun hat, kann man diese Zahlen etwa durch 4 teilen, um den tatsächlichen Wert zu ermitteln.

Das bedeutet: Dieses Noname-Produkt läuft bei etwa 330 ml aus. Das billige Discountprodukt fasst immerhin 450 ml. Wenn man nun berechnet, dass ein Mensch pro Tag etwa 2 Liter trinkt und davon 1,5 Liter über die Harnwege ausscheidet, bräuchte man pro Tag rund 3 bis 4 Windeln. Da man pro Monat nur 80 Stück bekommt, sollte man es irgendwie mit 2 bis 3 Stück hinbekommen. Und jetzt bloß kein Bier trinken oder sowas...

Aber es wurde ja schon gesagt: Die gewohnte Qualität gibt es nur mit Zuzahlung. Sieht man dann von einem weiteren Discountprodukt von forma-care ab, bleibt nur noch eins: Der Mercedes unter den Inkontinenzprodukten. Tena. Hier würden bei einer Versorgung von 4 Stück pro Tag bei Größe M bis zu 100 € Eigenanteil pro Monat anfallen.


Für dieselbe Summe (allerdings ohne den hier bereits eingerechneten Zuschuss der Kasse) kann ich aber auf dem freien Markt dieses Produkt auch bekommen. Soviel also zum Thema "Zusatzkosten möglichst gering halten".

Die Krankenkassen lassen keinerlei Spielraum bei der Auswahl des Lieferanten. Das bedeutet: Entweder, du nimmst Schrott oder du nimmst den Mercedes mit 100 € Zuzahlung. Dazwischen gibt es nichts. Cathleen ist das zu blöd und bestellt nun für 50 Euro pro Monat ihr bisheriges Markenprodukt bei einem anderen Lieferanten - und die Kasse bleibt völlig außen vor. Das ist für sie die wirtschaftlichste Lösung. Denn für eine Schülerin ist jeder Euro wertvoll.

Toll gemacht. Wie gesagt: Das sind alles Bagaluten.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Bester deutscher Blog

Ich bin gerührt. Nein, wirklich. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Dass jemand meinen Blog toll findet, soll schon vorgekommen sein. Dass es Menschen gibt, die ihn dann auch noch bei einem Award vorschlagen, ist an sich schon eine gewisse Ehre. Aber so eine gewisse Ehre begegnet einem hin und wieder mal im Alltag. Das sind Momente, in denen man sich freut, in denen man etwas von dem zurück bekommt, was man an anderer Stelle vielleicht mal jemandem gegeben hat. Sie kommen im wahren Leben vor, manchmal häufiger, manchmal lassen sie auch wieder lange auf sich warten.

Dass jedoch mein Blog aus den rund 3.200 Vorschlägen von einer Jury ausgewählt und den Lesern vorgestellt wird, ist schon nicht mehr so alltäglich, sondern für mich schon etwas sehr besonderes. Wenngleich noch vielleicht irgendwie mit rationalen Gedankengängen erklärbar. Dass dann jedoch mein Blog, mein Tagebuch, mit tausenden Leserstimmen auf Platz 1 gewählt wird, sogar 42% aller abgegebenen Stimmen bekommt, damit den Titel "Bester Deutscher Blog 2012" (Deutsche Welle Blog Awards) erhält, das passiert vielleicht in Träumen oder in Märchen. In Wirklichkeit bin ich doch nur eine schüchterne junge Frau, die im Rollstuhl durch Hamburg fährt und manchmal ein bißchen aus ihrem Leben erzählt.

Ich möchte, wenn ich schon so eine große Aufmerksamkeit bekomme, über die ich mich sehr freue, die Gunst dieses Momentes nutzen, bevor ich wieder in mein alltägliches Leben zurücktaumel. Und zwei Wünsche äußern. Keine materiellen. Den einen: Ich möchte gerne, dass jeder meiner Leserinnen und Leser sich für eine Minute lang Gedanken macht, warum mein Blog überhaupt auf Platz 1 kommen konnte. Jetzt wirds philosophisch.

Ich möchte nicht nach persönlichen Komplimenten fischen. Ich bin nicht eitel und ich möchte es auch niemals werden. Nein, ich möchte auf etwas anderes hinaus: Welche Platzierung hätte mein Blog am Ende erreicht, wenn wir in einer Welt leben würden, in der es keine Barrieren gäbe? In der wir miteinander und füreinander statt gegeneinander leben? In der uns menschliches nicht fremd wäre, uns keine Angst oder Ratlosigkeit machen würde?

Jedenfalls nicht die erste. Für den Moment finde ich es gut so. Denn so ein erster Platz fühlt sich nunmal verdammt gut an. Aber das gute Gefühl wird bald nachlassen und ich werde mich wiederfinden in einem Alltag voller Wahnsinnigkeiten, die den Stoff für weitere Jahre Stinkesocken-Blog liefern.

Und damit wären wir beim zweiten Wunsch: Ich möchte bei der nächsten Abstimmung (irgendwann kommt bestimmt nochmal eine) allerhöchstens auf Platz 2. Ich möchte eine Platzierungsstufe eintauschen gegen die vielen vermeidbaren Barrieren, die das Leben vieler Menschen mit Behinderung unnötig schwer machen. Ich möchte, dass mein Blog in diesem Punkt deutlich langweiliger werden darf. Einen großen Einfluss darauf hat jeder einzelne von uns. Bitte denkt zwischendurch einfach mal an mich, an andere Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, und nehmt etwas mehr Rücksicht aufeinander.

Es ist heute ein Moment, in dem ich mir nicht nur etwas wünschen möchte, sondern in dem ich mich auch einmal bedanken möchte. Und zwar bei allen Menschen, die mir in den letzten Monaten und Jahren die Treue gehalten haben, die an mich geglaubt haben, die mich lieb gehabt haben, die mich ausgehalten haben und die für mich da waren, die mich aus dem realen Leben heraus geholt und die mich in das reale Leben zurück geschubst haben, die mich gefordert und gefördert haben, die meinem Leben den einen oder anderen Sinn und einigen Unsinn gegeben haben - und bei all jenen, die ich in meiner Aufregung gerade vergessen habe: Vielen Dank!

Ganz besonders danken möchte ich meiner Psychologin, ohne die es diesen Blog niemals gegeben hätte.

Und ebenfalls nicht vergessen möchte ich, und hier schließt sich der Kreis zu dem frisch gewonnenen Award, meine Herausforderer, insbesondere Sash, dem ich für einen äußerst fairen Wettkampf danken möchte. Und wie betäubend in tiefen Sinnen versunken wäre mein heutiger Beitrag, wenn ich nicht noch schnell eine klitzekleine Anekdote über den Äther schicken könnte: Am Tag drei der Abstimmung schrieb mir eine ebenfalls nominierte Bloggerin eine Mail, dass sie meinen Blog großartig fände, und sie es andererseits schade fände, dass wir in derselben Kategorie antreten würden, denn so käme mein Tagebuch womöglich gar nicht recht zur Geltung. Ich hatte für einen Moment lang überlegt, auf die Mail zu antworten, hatte es dann aber wegen der gefühlten Aussichtslosigkeit, jemanden in meinem Zenit zu erreichen, verwerfen müssen.