Samstag, 28. April 2012

Keine wirkliche Alternative

Warum tue ich mir eigentlich die Fahrten mit Bussen und Bahnen an, wenn ich mir doch ein Taxi leisten könnte? Und müsste es nicht sogar der Unfallgegner zahlen, der meinen Viano zerlegt hat?

Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Nein. Der Unfallgegner muss für die Zeit, die es durchschnittlich dauert, mein Fahrzeug wiederzubeschaffen, einen Leihwagen bezahlen. Für den Zeitraum gibt es irgendeine Regel, das sind maximal sechs oder acht Wochen. Lange Lieferzeiten, Behindertenumbau etc. gehen zu meinen Lasten. Es gibt eine höchstrichterliche Entscheidung, dass die Umstände, die sich aus einer Behinderung ergeben, nicht durch den Unfallgegner auszugleichen sind. Genauso wie ein Rollstuhlfahrer bei Totalausfall des Aufzugs keine Mietminderung geltend machen kann - es sei denn, er wohnt im 4. Stock oder höher (dann sind es 10%). Der Umstand, dass ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr aus der Wohnung komme, wenn der Aufzug defekt ist, ergibt sich aus meiner Behinderung, und die ist nicht dem Vermieter zuzuschreiben.

Aber wie dem auch sei, ich hätte ja auch so genug Kleingeld, um mit einem Taxi zu fahren. Die Frage ist nur: Ist es wirklich so viel stressärmer? Am Mittwoch war das Chaos ja auch nicht vorauszusehen, sondern es kam eins zum anderen. Es gibt genügend Tage, an denen es mit Bus und Bahn einwandfrei funktioniert. Versuchsweise habe ich mir vorgenommen, einen Tag lang alle Strecken mit dem Taxi zu fahren und in meinem Blog zu dokumentieren. Und leider geriet ich dabei nicht nur an so nette Fahrer wie meinen Herausforderer bei den BOBs, Sash aus Berlin.

Zur Uni sind es etwa 10 Kilometer, mit dem Auto ist das in 15 bis 20, maximal 30 Minuten zu schaffen. Ich wollte vorher noch etwas abholen und etwas kopieren, plante, um 9.30 Uhr dort zu sein und rief am Donnerstagabend gegen 21.00 Uhr die Taxizentrale an. "Guten Abend, mein Name ist Stinkesocke, ich möchte gerne für morgen früh ein Taxi vorbestellen. Und zwar am liebsten einen Kombi oder einen Van, weil ich einen Rollstuhl mitnehmen muss." - "Lässt sich der Rollstuhl falten?" - "Nein, leider nicht." - "Dann bräuchten Sie aber einen Behindertenbus, nur den bekommen Sie nicht über uns. Da hätte ich eine andere Telefonnummer für Sie, haben Sie was zu schreiben?" - "Ich möchte ein Taxi haben, am liebsten einen Kombi oder einen Van. Ein Bus ist nicht erforderlich, denn mein Rollstuhl passt in einen Kombi hinten rein." - "Achso. Ich hatte verstanden, dass er sich nicht falten lässt." - "Das ist richtig, aber er passt trotzdem hinten rein." - "Was wiegt der Rollstuhl?" - "Um die 10 Kilogramm." - "Achso. Das ist also ein Leichtgewichtrollstuhl?" - "Er wiegt etwa 10 Kilo." - "Ja, also ein Leichtgewichtrollstuhl, schreibe ich auf."

Meinetwegen, es ist zwar kein Leichtgewichtrollstuhl, sondern ein Aktivrollstuhl, aber bevor ich das erkläre ... - "Wo soll die Fahrt losgehen?" - "Bei mir zu Hause, das ist ...straße Nummer ..." - "Um welche Uhrzeit soll das Fahrzeug bei Ihnen sein?" - "Um 9 Uhr bitte." - "Soll der Fahrer klingeln?" - "Nein, ich bin um 9 Uhr unten." - "Wohin soll die Fahrt gehen?" - "In die ...straße." - "In Hamburg?" - "Ja." - "Wieviele Personen fahren mit?" - "Nur eine." - "Und Ihren Namen hätte ich dann gerne noch einmal." - "Jule Stinkesocke." - "Okay, dann wiederhole ich: Einen Kombi oder Van um 9.00 Uhr in der ...straße Nummer ..., eine Person mit einem Leichtgewichtrollstuhl, Sie kommen runter." - "Genau." - "Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?" - "Nein danke." - "Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend." - "Danke gleichfalls."

Am Freitagmorgen, es ist 8.42 Uhr, klingelt es bei mir. "Ihr Taxi ist da!" - "Ja, 9 Uhr hatten wir gesagt." - "Achso, 8.45 Uhr steht auf meinem Zettel." - "Ja, da ist dann ein Fehler passiert, ich hatte ausdrücklich 9 Uhr gesagt." - Gemurmel in der Leitung. Ich rief vorsorglich die Taxizentrale noch einmal an, man kennt ja seine Pappenheimer. "Stinkesocke hier, ich hatte für heute morgen ein Taxi in die ...straße Nummer ... bestellt, können Sie mir sagen, ob das klappt und welcher Wagen kommt?" - "Einen Moment, ich schaue für Sie einmal nach. *klicker* *klicker* Welche Uhrzeit?" - "Ja, jetzt gleich." - "Hier haben wir einmal 9.00 Uhr mit Rollstuhl, sind Sie das?" - "Ja, genau." - "Das ist der Wagen ..., der hat den Auftrag angenommen." - "Alles klar, dann weiß ich Bescheid. Vielen Dank!" - "Keine Ursache, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!"

Ich kramte also meine Sachen zusammen und fuhr mit dem Aufzug nach unten. Es war 8.55 Uhr, als ich die Beifahrertür vom Fahrzeug öffnete. Eine Limousine, kein Kombi. Der Fahrer schaute mich an: "Hatten Sie bestellt?" - "Ja." - "Auf welchen Namen?" - "Stinkesocke." - Er kletterte aus dem Auto, kam zu mir. "Wie machen wir das mit dem Rollstuhl, kann man den falten?" - "Nein." - "Nein?! Dann bekomme ich den nicht mit." - "Wir können die Räder abnehmen und die Rückenlehne runterklappen." - "Den bekomm ich nicht in den Kofferraum. Also ich glaube das nicht. Ich habe ja schon die ganzen Kindersitze da hinten drin. Müssen wir mal schauen, eventuell muss ich die auf die Rückbank legen." - "Ich hatte extra um einen Kombi oder einen Van gebeten." - "Ja, sehen Sie, das ist nämlich auch nicht übermittelt worden." - "Ja, das ist doof. Ich habe es aber ausdrücklich gesagt." - "Steigen Sie erstmal ein."

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und mein erster Blick fiel auf den (alten) Taxameter, der nicht, wie manchmal in neueren Modellen, irgendwo im Rückspiegel untergebracht, sondern fest auf der Beifahrerseite am Armaturenbrett angebracht war und mit roten 7-Segment-LED-Anzeigen munter vor sich hin leuchtete: 8,20 €. Bevor ich dem Fahrer also erklärte, wie mein Rollstuhl zu falten ging, fragte ich: "Was hat das hier mit den 8,20 ähm 8,30 auf sich?" - "Erklär ich Ihnen gleich." - "Nein, das erklären Sie mir bitte jetzt, sonst steige ich sofort wieder aus." - "Das ist die Wartezeit seit 8.45 Uhr." - "Wir haben um 9.00 Uhr einen Termin, da oben hängt eine Uhr, es ist vor 9.00 Uhr. Ich möchte gerne meinen Rollstuhl haben - vielen Dank." - "Und jetzt?" - "Jetzt rufe ich Ihre Taxizentrale an und bestelle mir ein anderes Fahrzeug. Schönen Tag noch." - "Sie müssen die Anfahrt und die Wartezeit bezahlen." - "Nö." - "Dann rufe ich jetzt die Polizei?" - "Tun Sie, was Sie für richtig halten."

Ich rief über mein Handy die Taxizentrale an. "Guten Tag, Stinkesocke mein Name, ich hatte für 9 Uhr ein Taxi bestellt in die ...straße Nummer ..." - "Ja, wir hatten doch eben telefoniert. Der Wagen müsste jeden Moment da sein." - "Der Wagen ist schon da, allerdings ist es weder ein Kombi noch ein Van und der Fahrer hat vor Abfahrt bereits über 8 Euro auf der Uhr, schicken Sie mir bitte ein anderes Fahrzeug." - "Moment mal bitte." - Wartemusik. - "Ich erreiche den Fahrer gerade nicht. Ist der noch vor Ort?" - "Der steht neben mir." - "Können Sie mir den einmal geben?" - "Nein, kann ich nicht, schicken Sie mir bitte ein anderes Fahrzeug, einen Kombi oder einen Van, und das bitte zügig, ich habe einen Termin." - "Geben Sie mir doch bitte mal den Fahrer." - "Ich gebe mein Handy nicht an fremde Leute weiter. Schicken Sie mir jetzt einen anderen Wagen oder soll ich woanders anrufen?" - "Nein, ich schicke Ihnen ein anderes Fahrzeug so schnell es geht." - "Wie lange wird es etwa dauern?" - "So schnell es geht, um die 10 Minuten." - "Okay."

Vier Minuten später fuhr ein Touran auf das Gelände. Ich winkte ihm zu. "Guten Tag, Sie hatten ein Taxi bestellt?" - "Ja, genau." - "Und was hat das hier mit dem Kollegen auf sich?" - "Keine Ahnung, der wollte seine Fahrt nicht mit 2 Euro 80 sondern mit 8 Euro 20 beginnen und dafür muss er sich einen anderen dummen suchen." - "Okay?! Na da sag ich mal lieber nichts zu. Kann man den Rollstuhl falten?" - "Nein, der passt aber so hinten rein. Meine Freundin hat auch einen Touran." - "Achso, na dann."

Während der Fahrer meinen Rollstuhl einlud, stieg der erste Fahrer in sein Taxi ein und fuhr davon. Dann stieg mein Fahrer ein, fragte nach dem Ziel, schaltete den Taxameter ein und fuhr los. "Bevorzugen Sie einen bestimmten Weg?" - "So direkt wie möglich, aber keine spezielle Route." - Ich unterhielt mich mit ihm, er war eigentlich ganz nett, fragte mich, woher meine Behinderung käme, erzählte mir, dass er immer einen Rollstuhlbasketballer zur Arbeit gefahren hätte für ein halbes Jahr lang, und dann waren wir auch schon da. "Das macht dann 21 Euro 50 bitte."

Für den Rückweg begab ich mich zum Taxistand vor der Uni. Kein Fahrzeug da. Also rief ich erneut in der Taxizentrale an. Diesmal kam nach 10 Minuten eine E-Klasse als Kombi, der Fahrer fragte mich auf den ersten 100 Metern, ob ich studiere, sprach nur sehr gebrochen Deutsch und mit starkem Akzent, kannte aber den direkten Weg und am Ende sollte ich 21,10 € zahlen.

Am späten Nachmittag musste ich zum Schwimmen, Ersatztraining für den am Mittwoch ausgefallenen Termin. Fahrzeit: Zwischen 20 und 45 Minuten. Es kam erneut ein Touran, der Fahrer sprach ebenfalls nur gebrochen Deutsch. Er verstaute meinen Rollstuhl, startete den Taxameter, fuhr vom Parkplatz und - fuhr falsch. Er hätte sich sofort links einordnen und einen U-Turn machen müssen, er wartete aber nicht ab, bis alle drei Fahrspuren frei sind, sondern ordnete sich rechts ein und fuhr auf eine Schnellstraße.

Bevor ich ihn fragen konnte, sagte er: "Oh nein, jetzt sind wir verkehrt. Wie machen wir nun. Ist so blöde. Ich fahre über Autobahn, das geht schnell und dann machen wir bei 30 Euro auf Kasse, sind Sie einverstanden?" - "30 Euro klingt gut, aber Autobahn? Wollen wir nicht lieber die nächste wieder raus und durch das Gewerbegebiet fahren?" - "Da kenne ich mich nicht aus. Kennen Sie den Weg?" - "Ja sicher. Autobahn ist ja ein riesiger Umweg, das sind doch bestimmt 20 Kilometer mehr." - "Nein, wir fahren Autobahn, das geht schneller, und wir machen bei 30 Euro aus."

Als wir von der Autobahn über die Elbe stadteinwärts fuhren, waren die 30 Euro erreicht. Bei 30,50 € machte ich den Fahrer darauf aufmerksam. "So, die 30 Euro wären jetzt voll." - "Ja, ich darf nicht ohne Taxameter fahren. Aber Sie zahlen am Ende nur 30 Euro. Den Rest muss Chef dann Storno machen." - Als wir an der Schwimmhalle ankamen, waren es 51,30 €. Was sagt der Fahrer? - "30 Euro zu 51 Euro sind 21, Hälfte sind 10 Euro 50. Die 30 Cent schenke ich Ihnen, sagen wir 40 Euro glatt." - "Wir haben 30 Euro gesagt." - "Ja 30, aber jetzt ist 51,30 und Mitte ist 40. Ich muss 10 Euro bestimmt selbst zahlen, sagt Chef nachher und ich bin auch nur sagen wir kleiner Taxifahrer mit Kinder." - "30 Euro haben wir gesagt und das ist vermutlich schon mehr als die Fahrt auf dem direkten Weg gekostet hätte." - "Nein, auf direktem Weg wäre bestimmt 35 oder 38 Euro gewesen. Ich mache Angebot, wir sagen 35 Euro. Okay?" - "Wir sagen 30 Euro wie vereinbart." - "Ist nicht schön, aber wir streiten nicht, machen 30 Euro."

Nach dem Schwimmen rollte ich 500 Meter an der frischen Luft zum nächsten Taxistand. Dort saß ein Mann in einem E-Klasse-Kombi. "Fahren Sie mich in die ...straße?" - "Ja klar. Warten Sie, ich mache den Sitz zurück und dann helfe ich Ihnen. Ich komme rum." - Ich stieg ein, er verlud meinen Rollstuhl im Kofferraum, dann setzte er sich wieder auf seinen Fahrersitz. "Ich muss ganz schnell noch eine Tour abgeben, ja? Haben Sie es eilig?" - "Nein." - "Dann telefoniere ich kurz und dann fahren wir los."

Er nahm sein Handy ans Ohr: "Du, kannst du für mich die Frau ... abholen? Ich habe noch eine größere Tour reinbekommen." - Als er aufgelegt hatte, fuhr er los und meinte: "Das war meine Frau. Wir fahren beide Taxi. Dann klappt das ganz gut, ich hätte sonst einen Kollegen rufen müssen, denn ich habe in 20 Minuten eine feste Tour." - Der Mann sprach ebenfalls mit ausländischem Akzent. Er fragte mich, ob ich denn kein Auto hätte. Ich erzählte ihm die Story von meinem zerlegten Viano. Und den langen Lieferzeiten. Und von den Maschen, die seine beiden Kollegen heute abgezogen haben. "Aber die waren nicht von unserer Taxizentrale, oder?" - "Nein, die waren von ..." - "Rufen Sie doch nächstes Mal bei uns an." - "Ich wohne ja dort, wo Sie mich jetzt hinfahren, und das ist ein ganz anderer Stadtteil." - "Achso, ich dachte, Sie wohnen da wo Sie eingestiegen sind." - "Nein." - "Es gibt immer schwarze Schafe, die machen das ganze Gewerbe kaputt. Bei unserer Zentrale gibt es solche Leute nicht. Wir sind nicht viele Fahrer und unser Chef guckt sich die immernoch alle einzeln an. Ich bin jetzt seit 20 Jahren dort und meine Frau auch, wir sind sehr zufrieden." - Am Ende zeigte der Taxameter 29,30 € an. Soviel also zum Thema "bestimmt 35 bis 38 Euro".

Während der Fahrt kamen wir ins Gespräch, wie teuer wohl die teuerste Fahrt innerhalb Hamburgs sein könnte. Er meinte: "Das hat mal jemand ausgerechnet. Das geht von Altengamme nach Wittenbergen und macht so rund 75 Euro." - Nicht schlecht.

Nach zwei Terminen endet mein Versuch. Ich bin insgesamt über 100 Euro losgeworden, um einmal zur Uni und zurück und einmal zum Training und zurück zu fahren und ich muss sagen, dass es insgesamt nicht entspannter war als mit der Bahn. Sicherlich, die beiden Chaoten sind Ausnahmen, allerdings garantiert mir auch niemand, dass ich die nicht wieder erwische, wenn ich häufiger Taxi fahren sollte. Hinzu kommt die Angst, im Auto unkontrolliert rumzupupsen. Dann diese ewige Erklärerei beim Vorbestellen, das Rumstehen auf der Straße, wenn der Taxistand leer ist, vielleicht noch im Regen, die Gefahr, dass der Stuhl zerschrammt wird, weil einige Taxifahrer den lieblos in ihren Kofferraum reinpressen und dabei an irgendwelchen Verstrebungen entlang schrammen, die Gefahr, dass die Greifreifen zerschrammen (was dann weh tut beim Fahren), weil einige Fahrer die abgebauten Räder mit dem Greifreifen nach unten auf den Asphalt legen. Oder eben auch, dass sie den Stuhl im Kombi nicht anlehnen, sondern frei in den Raum stellen, so dass der bei jedem Bremsen und Anfahren hin und her poltert...

Ohne Frage, die meisten Taxifahrer sind freundlich, nett, zuvorkommend und verstehen ihren Job. Taxifahren ist sicherlich eine Alternative zum Bahn- und Busfahren, wenn es mal schnell und komfortabel sein soll. Aber wirklich stressfreier finde ich das nicht. Eine echte Alternative ist und bleibt nur das eigene Auto. Und das lässt eben noch auf sich warten.

Donnerstag, 26. April 2012

Belämmerter Beginn, exzellentes Ende

Dass jemand krankheitsbedingt eine Vorlesung absagen muss, kann passieren, aber ich bin strikt dafür, dass man einen Mailverteiler anlegt und solche Ausfälle kommuniziert, vor allem dann, wenn so etwas frühzeitig bekannt ist. Oder meinetwegen auch auf einer Internetseite, die jeder noch einmal aufrufen kann, bevor er sich auf den Weg macht. Die meisten meiner Kommilitonen störte der Ausfall wenig; mir jedoch ging es auf den Wecker, weil ich nur für diese eine Vorlesung eine Stunde lang mit einem schweren Rucksack dorthin gegurkt bin und eine weitere Stunde wieder zurück fahren würde.

Am frühen Nachmittag hatte ich einen Termin bei meiner Psychologin, bemerkte auf dem Weg dahin schon, dass in der U-Bahn-Station Mümmelmannsberg der Aufzug defekt ist, allerdings gibt es ja auch eine Rolltreppe. Damit komme ich dann zwar raus, jedoch auf dem Rückweg nicht wieder in den Tunnel hinein, denn alle vier Rolltreppen laufen aufwärts. Aber immerhin hatte ich gesehen, dass der Aufzug defekt ist, so dass ich auf dem Rückweg eine andere Strecke wählen könnte.

Als ich bei meiner Psychologin vor der Tür stand, wartete, wartete und wartete, dachte ich noch so: Lustig wäre ja, wenn die heute auch nicht da wäre. Fünf Minuten nachdem mein Termin beginnen sollte, klopfte ich. Keine Antwort, Tür verschlossen. Also ins Sekretariat: "Achso, ja, nein, die Termine in dieser Woche sind alle abgesagt." - "Sie haben doch meine Telefonnummer, oder? Und meine Handynummer auch. Wenigstens eine SMS könnte man doch erwarten, meinen Sie nicht? Es ist jetzt mindestens das fünfte Mal, dass ich umsonst hierher gurke, weil Sie es nicht schaffen, mal abzusagen." - "Das tut mir Leid." - "Ja, das hat Ihnen die letzten fünf Male auch schon Leid getan, das reicht mir so langsam nicht mehr." - "Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?" - "Mir absagen!" - "Sie erwarten doch nicht, dass ich mir ihren Kalender schnappe und zu jedem einzelnen Namen in der Kartei die Telefonnummer raussuche und den Leuten hinterher telefoniere. Dann habe ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun. Wenn Sie auf Nummer Sicher gehen wollen, rufen Sie einfach vorher an." - "Was heißt, Sie sagen es nicht ab, lieber lassen Sie alle Patienten hier einzeln vorturnen oder was?" - "Sie arbeitet ja nur halbe Zeit und die meisten Leute sind ja stationäre Patienten." - "Aber dann stimmt es doch nicht, was Sie mir gerade erklärt haben, dass Sie einen ganzen Tag damit beschäftigt wären, den Patieten abzusagen. Dann betrifft es doch nur zwei, drei, vier, vielleicht fünf." - "Hören Sie, ich habe noch andere Dinge zu tun, ich habe Ihnen gesagt, dass es mir Leid tut, aber nun muss irgendwann auch mal wieder gut sein."

"Gar nichts ist gut." - "Dann regen Sie sich halt darüber auf, nur bitte nicht in meinem Büro, ja? Tschüss." - "Jaja", sagte ich, setzte mein freundlichstes Lächeln auf, rollte aus der Tür, zum nächsten Ausgang, nichts wie weg. Ich freue mich schon darauf, den Chefarzt wieder zu treffen. Spätestens beim nächsten Anruf, ob ich mal einem frischen Querschnitt in meinem Alter einen Besuch abstatten und den ein wenig aufmuntern kann, kommt dieses Thema auf das Tablett. Meine Psychologin scheint ja auch machtlos zu sein. Es ist echt unglaublich, was für ein dickes Fell manche Leute haben.

Wegen des defekten Aufzugs fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof Bergedorf, dort war nicht nur der Aufzug defekt, mit dem man vom ZOB zur Verteilerebene kommt, sondern auch der zum S-Bahn-Gleis. Statt des ersten Aufzugs fuhr ich Rolltreppe, alternativ wäre auch noch ein Shuttle-Service mit dem Bus möglich gewesen. Aber zum Gleis gab es keine Rolltreppe. Also wäre eine Möglichkeit, mit einem anderen Aufzug auf ein Bedarfsgleis zu fahren, dort die Notrufsäule zu betätigen und nett zu fragen, ob sie die nächste S-Bahn durch das Bedarfsgleis umleiten. Was in aller Regel klappt. Oder eben: In 5 Minuten würde auch ein Regionalexpress zum Hauptbahnhof fahren. Bingo.

Ich fuhr also mit einem Aufzug zum Fernbahngleis, positionierte mich dort, wo der Wagen 5 zum Halten kommen würde, der Zug kam, die Tür ging auf, in den Doppelstockwagen komme ich ohne Hilfe rein (geht etwa 15 Zentimeter nach unten) - nur eben nicht wieder raus. Die Fahrt zum Hauptbahnhof dauert 11 Minuten, als die Ansage "Wir erreichen in Kürze Hamburg Hauptbahnhof" fertig war, drückte ich auf die Klingel. Im ganzen Zug ertönt daraufhin aus allen Lautsprechern ein "Ding Dong", die Zugbleiter wissen dadurch, dass ein Rollstuhlfahrer Hilfe beim Aussteigen braucht. Vorsichtshalber machte ich das in den nächsten drei Minuten bis zum Anhalten des Zuges noch weitere drei Mal.

Im Hamburger Hauptbahnhof stiegen alle Fahrgäste aus, und da der Zug sofort danach nach Schwerin zurückfährt, stiegen auch die nächsten Leute wieder ein. Von einem Zugbegleiter weit und breit keine Spur. Zum fünften und sechsten Mal klingelte ich. Dann stellte ich mich in die geöffnete Tür, kippelte mich an die auch hier 15 Zentimeter hohe Bahnsteigkante an und blockierte damit die Lichtschranke für die Tür. Irgendwann, spätestens bei Abfahrt des Zuges, würde wohl jemand kommen. Mit offener Tür kann der Zug ja nicht abfahren.

Irgendwann boten mir dann vier Reisende an, mich rauszuheben. Als ich an Wagen 3 vorbei rollte, stand dort die Zugbegleiterin und quatschte mit einer Bekannten. Ich fragte sie: "Entschuldigung, hatten Sie mich nicht gehört oder haben Sie gerade keine Zeit?" - "Ich hab Sie gar nicht gehört!" - "Ja, ich hatte jetzt sechs Mal geklingelt." - "Ja, wissen Sie, Sie waren ja auch gar nicht angemeldet. Sie müssen sich vorher anmelden." - "Das ging leider nicht, es war ja spontan. Zur S-Bahn funktionierte der Aufzug nicht in Bergedorf." - "Ja, nur da kann ich dann auch nichts tun. Wer alleine rein kommt, muss auch alleine wieder rauskommen. Und schließlich sind da ja auch noch zwei Lokführer, die hätten Ihnen ja auch helfen können."

Ich prägte mir den Namen ein, der auf dem Schild an ihrer Weste stand, setzte wiederum mein freundlichstes Lächeln auf und rollte davon. Ich. Will. Mein. Auto. Haben. Immerhin erwischte ich draußen einen Schnellbus, der mich fast bis zur Haustür brachte. Zu Hause angekommen feuerte ich meine Sachen in die Ecke, kurz was essen, aufs Klo, umziehen, wieder los zum Schwimmtraining. Früher war das Schwimmtraining in der Nähe meiner Wohnung, seit ich umgezogen bin, fahre ich ein paar Minuten länger. Und mit öffentlichen Verkehrsmitteln eben noch länger.

Das Problem ist: Der direkte Bus zum Hauptbahnhof fährt nur alle 60 Minuten. Die nächste S-Bahn-Station ist 2 Kilometer entfernt, aber nicht barrierefrei. Die nächste U-Bahn-Station ist 1 Kilometer entfernt, aber ebenfalls nicht barrierefrei. Es gäbe noch eine weitere U-Bahn-Station in 2 Kilometer Entfernung, die barrierefrei ist. Die Alternative ist ein Bus, der etwa 800 Meter von meiner Wohnung entfernt abfährt und mich in 13 Minuten zu einer barrierefreien S-Bahn-Station bringt.

Meistens entscheide ich mich für den Bus. Bis zur Schwimmhalle fahre ich laut Fahrplan mit Umsteigen 38 Minuten. Das ist eigentlich genug Zeit, um nicht auf die Toilette zu müssen. Nachdem ich gerade zu Hause auf dem Klo war und demnach die nächsten 2 Stunden wohl nicht wieder dorthin müsste, entschied ich mich, zu Hause bereits meine Schwimmsachen unterzuziehen und nur eine Sporthose und eine Kapuzenjacke anzuziehen, vorsichtshalber aber eine Hose zum Wechseln einzupacken. Gerade für so überschaubare Wege versuche ich zunehmend, auf Pampers zu verzichten. Vor einem Jahr habe ich das nur für absolute Kurzstrecken (zu Fuß von der Wohnung zur Schwimmhalle, 15 Minuten) gemacht, inzwischen bin ich etwas mutiger und es hatte auch immer geklappt.

Anhand der Vorgeschichte und anhand der Einleitung lässt sich aber bereits erahnen, dass einige Leser heute mal wieder voll auf ihre Kosten kommen werden. Wer sich ekelt, sollte auf das Scrollen vorbereitet sein.

Ich entschied mich für den Bus, rollte dorthin, und bei meinem Glück fuhr dieser heute vier Minuten zu früh ab. Er kam mir an der Ampel so gut wie völlig leer entgegen. Ich dachte noch, eventuell wäre das der vorherige Bus mit 11 Minuten Verspätung - nein. Der nächste Bus war so derbe voll, dass ich nicht mitfahren konnte. Es standen bereits fünf Kinderwagen drin und die Leute mussten den Po einziehen, damit die Tür schließen konnte. Der Fahrer sagte: "Tut mir Leid, ich kann Sie nicht mehr mitnehmen." - "Sind Sie eigentlich fünf oder zwanzig Minuten zu spät?" - "Nee, nur fünf. Das liegt daran, dass es so voll ist." - "Alles klar." - Also war der Bus davor doch früher abgefahren.

Der nächste Bus war ebenfalls überfüllt. Inzwischen stand ich nun fünfunddreißig Minuten an der Haltestelle. Immerhin kam acht Minuten später der nächste Bus und nahm mich mit. Nach 13 Minuten war ich am S-Bahnhof, doch da war leider der Aufzug defekt. Der vierte an diesem Tag. Also rollte ich rund anderthalb Kilometer zur nächsten U-Bahn-Haltestelle und fuhr von dort mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof. Inzwischen war ich 90 Minuten unterwegs. Eigentlich war ich bereits vor einer Dreiviertelstunde mit Marie verabredet, wir wollten noch eine Kleinigkeit essen, aber das musste nun ausfallen, weil der Trainingsbeginn immer näher rückte. Marie empfing mich am Aufzug zur U1, umarmte mich. "Was war denn bei dir für ein Zirkus?", fragte sie mich. - "Hör bloß auf. Lauter überfüllte Busse, nur defekte Aufzüge und ich müsste demnächst mal zum Klo. Ich hab nix drunter." - "Oh. Ähm, das Klo im Bahnhof ist versifft, da war ich gerade und bin rückwärts wieder raus, wollen wir es bei der Bahnhofsmission versuchen? Oder schaffst du es noch eine halbe Stunde bis zur Schwimmhalle?" - "Naja, eigentlich ja, aber vielleicht wird es grenzwertig. Zwei Stunden..." - "Okay, nicht lange rumtrödeln, die nächste Bahn ist unsere."

In der Tat klappte das alles, alle Aufzüge funktionierten, die Bahn kam sofort, pünktlich zum Trainingsbeginn waren wir in dem Vorraum zur Schwimmhalle. Nadine begrüßte uns mit: "Moin, Schwimmen fällt aus." - "Nadine! Ich habe gerade keinen Sinn für solche Witze." - "Ist kein Witz. Schwimmen fällt aus." - "Und warum?" - "Weil unser Umkleidebereich gesperrt ist." - "Ich denke, wir haben jetzt hier Training!" - "Ja, Tatjana hat vergessen, das anzumelden. Entsprechend ist der Bereich geschlossen und wird gereinigt. Die Behinderten-Umkleide samt WC gehören ja bekanntlich dazu. Ergo: Angenehme Heimreise." - "Das glaube ich jetzt nicht." - "Ist aber so. Tatjana hat den Termin nicht umgelegt, normalerweise wären wir ja gestern dran gewesen und in der anderen Halle. Nur da war ja auch gesperrt." - "Aber dass der Termin verlegt wird, ist doch schon seit Wochen bekannt." - "Ja, bringt nur nichts, sich jetzt aufzuregen, Tatjana hat es verpeilt, hat nicht Bescheid gesagt, kann vorkommen. Sie macht es ja nicht mit Absicht und ist auch umsonst hergekommen. Und hat sich auch schon zwanzig Mal entschuldigt."

Konnte das sein? Ich bin seit Stunden unterwegs und nichts funktioniert? Marie fuhr ohne ein Wort nach draußen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Als Marie draußen war, winkte sie mir zu. Ich fuhr hinterher. "Was machen wir denn jetzt? Weißt du, wo das nächste öffentliche Klo ist?" - "Reeperbahn sind welche, ansonsten in Altona am Bahnhof oder am Dammtor. Andere kenne ich nicht." - "Das kann doch jetzt alles hier nicht sein. So ein Scheißtag. Das fing heute morgen mit der Vorlesung an, meine Psychologin war auch nicht da, und jetzt noch das. Den ganzen Tag nur rumgegurkt für nichts und wieder nichts."

Marie rollte auf mich zu, nahm mich in den Arm, zog mich zu sich ran, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: "Und ich hab dich trotzdem lieb. Ich würde vorschlagen, wir lassen uns jetzt nicht die Laune verderben, sondern machen uns einen extragenialen Saunaabend bei uns im Garten. Ich rufe jetzt meine Muddi an, die soll da einheizen und dann fragen wir Jana, die neulich schon Feuer und Flamme war, als wir erzählt haben, dass wir eine Sauna im Garten haben, und dann lassen wir uns so richtig verwöhnen. Lassen uns ein paar Drinks an den Pool bringen und bestellen uns eine Pizza und dann schläfst du bei mir und Jana meinetwegen auch, wenn sie will, und morgen früh sieht die Welt schon wieder anders aus."

"Das ist alles total nett, aber ich will jetzt als allererstes aufs Klo." - "Ja, machen wir auf dem Weg. Wir steigen in Altona nochmal aus, das ist nur eine Station, dann gehst du da aufs Klo und dann fahren wir mit der nächsten Bahn weiter. Und wenn es bis dahin zu spät ist, kriegst du zu Hause von mir eine trockene Hose. Abgemacht? Abgemacht. So, keine Widerrede jetzt, Abfahrt."

Auf dem Weg zur Bahn mussten wir an einer roten Ampel warten. Marie nutzte die Minute, um ihre Mutter anzurufen. Die hatte nichts gegen einen Saunaabend, sie wolle nur früh schlafen gehen und wenn wir nicht so laut wären, sei alles okay. An der nächsten Ampel riefen wir Jana an, die zögerte zwar erst, aber Marie kann ja sehr direkt sein: "Raff dich auf, die Sauna ist schon warm ... Letzte Woche wolltest du doch unbedingt ... Was? Du kannst bei mir schlafen ... Ja, bis gleich. Tschau."

Im Aufzug nutzte ich die Gunst der unbeobachteten halben Minute, um einmal zu fühlen, ob noch alles im grünen Bereich ist. Marie sah das natürlich und fragte: "Und? Alles noch da, wo es hingehört?" - "Ich würde mal sagen: 90% davon." - "Igitt." - "Jaja, lass uns mal bitte mit der S 31 fahren, die hat den niedrigeren Einstieg." - "Die andere fährt auch nicht über Altona." - "Ach ja." - "Sei froh, dass deine Hose schwarz ist, dann sieht man wenigstens nichts." - "Mir reicht schon, wenn das einer riecht." - "Das riecht keiner."

Drei Minuten später fuhr die S 31 ein. Marie rollte los. Ich wollte auch, aber ... - "Marie! Warte mal bitte." - "Das ist unsere Bahn!" - "Warte mal bitte!" - "Was hast ... oh. Ja. Ähm." - Marie grinste breit, tat so, als müsste sie irgendetwas moderieren, nahm ihr Smartphone wie ein Mikro in die Hand und laberte los: "Und immer nett lächeln dabei, ja? Es gibt keinen Grund, die Behinderte da anzustarren. Schauen Sie lieber auf den rosa Elefanten, der da hinten am Horizont fliegt. Ist das ein Heißluftballon? Nein, meine Damen und Herren, es ist der Freund von der strickenden Kuh aus dem dritten Baum von links!" - "Och, Marie, sabbel nicht son dummes Zeug." - Es war zwar niemand in unmittelbarer Nähe und sie redete auch nur ganz leise, aber die Situation, in der ich leckerklecker auf dem Bahnsteig einen See hinterließ, war schon ätzend genug, das musste nicht noch kommentiert werden.

Sie rollte direkt neben mich, umarmte mich, sagte: "Schön machst du das. Ich bin so stolz auf dich." Und gab mir schon wieder einen Kuss auf die Wange. - "Was knutschst du mich denn heute in einer Tour?", fragte ich sie. Sie antwortete: "Ich hab dich lieb! Hab ich dir vorhin schon gesagt!" - "Ich bin irritiert." - "Macht nichts, ich hab dich trotzdem lieb. So wie sie dich heute alle schon geärgert haben, brauchst du auch mal jemanden, der dich lieb hat." - "Das ist so süß von dir." - "Eigentlich können wir ja jetzt direkt nach Hause fahren, oder? Klogang hat sich doch erledigt." - "Ich fühl mich so bäh."

Als wir bei Marie zu Hause ankamen, bog zeitgleich Jana um die Ecke. Das passte ja. "Wir fahren gleich in den Garten, nicht erst ins Haus. Jule fühlt sich so bäh." - "Oh. Ih." - "Genau. Kommst du mit?" - Im Garten trafen wir Maries Mutter, die damit beschäftigt war, gefühlte zwei Dutzend Windlichter rund um den Pool aufzustellen und anzuzünden. Es war zwar noch nicht richtig dunkel, aber es sah jetzt schon toll aus. Der Pool war innen beleuchtet, die Sauna auch, der Rest des Gartens war dunkel.

"Jule setzt sich am besten gleich unter die Dusche und zieht sich da aus", befand Marie. Die Mutter kam dazu: "Hallo. Was ist mit Jule?" - "Jule zieht sich gleich unter der Dusche aus. Kleines Malheur." - "Oh", sagte sie, während ich mich von meinem Rollstuhl auf einen an der Wand befestigten Plastiksitz umsetzte und meinen noch trockenen Kapuzenpullover auf einen großen Stein warf. "Soll ich deine Sachen in die Waschmaschine tun?", fragte die Mutter weiter.

"Nö", sagte Marie, rollte zu mir, drehte die Dusche auf und krähte lachend: "Sie duscht gleich mit ihren Sachen." - Scheiße, war das Wasser kalt. Ich erwischte Marie mit einer Hand und zog sie mit ihrem Kopf mit unter den Wasserstrahl. "Mein Handy!", rief sie, griff mit einer Hand auf ihren Schoß und warf Jana, die unbeteiligt daneben stand, ihr Schlüsselbund und ihr Handy zu. Maries Mutter stand daneben und meinte: "Sag mal, euch sticht der Hafer, oder?"

Bei dem kleinen Ringkampf gelang es mir, Marie aus ihrem Stuhl zu ziehen, so dass dieser nach hinten wegrollte und Marie vor mir auf der Erde saß. Gackernd wie ein Huhn. Dann gelang es ihr, mich von dem rutschigen Duschsitz herunter zu ziehen, so dass ich auf sie drauf fiel und wir beide auf den Fliesen saßen. Mir war das eher peinlich, aber die Mutter schüttelte grinsend den Kopf und meinte zu Jana: "Wie im Kindergarten. Ich lass euch lieber mal alleine. Ich habe euch Gläser und Wasser dahinten hingestellt. Und seid bitte nachher nicht so laut. Ich möchte nicht, dass sich die Nachbarn beschweren und ich will auch früh ins Bett, okay?"

Okay. "Jana, fass mal mit an. Ich kriege Jule alleine nicht in den Pool geworfen." Oh nein. Jana und Marie zogen mich auf dem Rücken liegend über die nassen Fliesen in Richtung Pool. Jeder hatte eine Hand, beide ließen mich nicht mehr los. Jana saß im Rolli, Marie krabbelte auf der Erde rum (so eine angeborene Querschnittlähmung ist ja meistens inkomplett und sehr niedrig, insofern sind diese Spifis meistens sehr beweglich) und ehe ich lange nachdenken konnte, war ich im Pool, mit dem Kopf zuerst. Mit Badeanzug, bereits geduschter Sporthose, Socken und einem Schuh. Marie schob sich ihre geduschte Jeans über die Beine, warf ihre Schuhe durch den halben Garten und ließ sich hinterher plumpsen. "Mit Jeans geht nicht, weil da metallische Knöpfe dran sind. Das verträgt sich nicht mit der Chemie im Pool, die werden dann grün. Jana, wo bleibst du, komm ins Wasser, das ist herrlich!"

"Ich muss noch mein Korsett ausziehen. Und duschen wollte ich vorher wenigstens auch nochmal." - "Sieh zu, dass du fertig wirst." - Jana zog sich aus, schmiss ihre Sachen an die Seite, duschte und fragte dann: "Wollten wir nicht auch in die Sauna?" - "Ja, wieso?" - "Baden wir nackt?" - "Wir noch nicht, du ja." - "Alles klar." - Marie fing an, mich im Pool auszuziehen. Schnappte sich meine Hose und tauchte so um mich herum, dass ihr das im zweiten Anlauf gelang.

Ich kürze das an dieser Stelle mal ab, der Beitrag ist schon lang genug: Es war ein sehr lustiger Abend, es wurde auch ziemlich schnell ruhiger, wir hatten insgesamt drei wunderbare Saunagänge, eine geniale Atmosphäre in dem dunklen Garten und dem warmen Pool - und lagen um eins völlig fertig, genudelt und zufrieden zu dritt in Maries übergroßem Bett, kreuz und quer mit mindestens sechs Kissen, dafür aber nur zwei Decken, und haben vor uns hin geschnarcht.

Dienstag, 24. April 2012

Freiheitsberaubung

Ich wollte ein wenig Ausgleichstraining an Geräten machen und war nebenbei mit Anja, jenem 16-jährigen Spasti, der seit unserer druckvollen Überzeugungsaktion bei uns mittrainieren darf, locker verabredet. Anja wollte mal wieder auf einen Rollentrainer und wurde von ihrem Vater gebracht, der aber sofort wieder verschwand. Und Anja hatte noch eine etwas jüngere Freundin mitgebracht, die gerne zuschauen wollte. Deren Vater würde die beiden nach zwei Stunden wieder abholen.

Anja und ich kümmerten uns um uns selbst und unser Trainingsprogramm, beim Duschen trafen wir uns wieder, danach quatschten wir noch einen Moment, rollten zurück in die Halle und unterhielten uns auch noch mit der zuschauenden Freundin. Diese saß auch im Rollstuhl, vermutlich auch wegen CP (um hier endlich mal aufzuklären: Es handelt sich um eine meist spastische Lähmung, oft auf einer Körperseite stärker ausgeprägt als auf der anderen, oft durch einen Sauerstoffmangel bei der Geburt oder eine Infektion hervorgerufene Schädigung des Hirns, wobei "Hirnschädigung" nicht zu vermischen ist mit kognitiven Einschränkungen; ich kenne genügend Leute mit CP, die Abi machen und studieren) und war, was ihre Bewegungen anging, unheimlich stark eingeschränkt. Sie kam kaum vorwärts, war völlig verspannt, völlig aufgedreht und konnte ihren Rolli eigentlich nur mit einem Arm effektiv vorwärts bewegen, hatte deswegen auch schon eine mechanische Feder an einem Vorderrad, die den Rolli automatisch um die Kurve fahren ließ, um ihr einseitiges Antreiben wieder auszugleichen.

Das Mädel saß jetzt, wo sie sich selbst vorwärts bewegte, unglaublich unmöglich in diesem Rollstuhl drin (und es war eigentlich schon ein guter, angepasster Stuhl), lag mit der Brust fast auf den Knien, hatte die Knie durchgedrückt, so dass die Beine fast parallel zur Sitzfläche nach vorne gestreckt waren - wie ein Klappmesser - und fiel bei jeder Bewegung fast aus dem Stuhl. Da ich kein Spasti bin, halte ich mich mit sämtlichen Kommentaren eher zurück, aber Anja drehte entsprechend auf: "Sag mal, du sitzt da heute wieder wie ein Affe aufm Schleifstein." - Sie lachte: "Ja, irgendwann fall ich da auch nochmal raus."

Sie schien das eher zu belustigen als zu kränken. Jetzt setzte ich doch noch einen drauf: "Das behindert dich doch auch voll beim Fahren, ich glaube, du könntest viel schneller sein, wenn du da nur mal vernünftig sitzen würdest." - "Ich rutsch immer runter und dann verkrampfe ich mich so wegen meiner Spastik", erklärte sie.

"Viele andere binden ihre Füße am Stuhl fest, warum machst du das nicht?", fragte ich. Sie antwortete prompt: "Meine Eltern wollen das nicht, das sieht so behindert aus und wenn ich rausfalle, breche ich mir die Füße."

"Dann machst du dich oben auch fest und dann fällst du auch nicht raus", meinte Anja. "Wollen wir es nicht mal ausprobieren?" - Das Mädel zuckte mit den Schultern. "Wenn ihr meint!"

Entsprechend kramten wir die Schränke durch nach allen möglichen brauchbaren Stretchbändern und Klettgurten und Fußschnallen und fanden, was wir suchten. Füße fest, Po nach hinten an die Rückenlehne ran und einen Gurt über die Hüfte, ein Klettband unterhalb der Brust um die Rückenlehne - und das Mädel fuhr statt Schneckengeschwindigkeit plötzlich im langsamen Lauftempo. Nachdem wir diese komische Feder ausgehakt hatten, denn plötzlich konnte sie auch halbwegs gradeaus fahren oder zumindest Abweichungen durch einseitiges Bremsen korrigieren. "Ich bin ja richtig schnell", krähte sie durch die halbe Halle und etliche Leute, die rundherum auf den Ergometern saßen und ihre Übungen machten, guckten und grinsten.

Nun war das natürlich nicht die endgültige Lösung, aber mit einer Verordnung vom Arzt könnte man solche Fixierungen anbauen lassen. Dann wäre mit wenig materiellem und finanziellem Aufwand der Rolli maximal in Richtung Höchstgeschwindigkeit gepimpt. Und was liegt näher, als das neu entdeckte Phänomen gleich dem Papa zeigen zu wollen, der gerade um die Ecke kam: "Guck mal, wie schnell ich bin."

Und als wäre das nicht schon genug zu erzählen und aufzuschreiben, kam noch eine absolut geniale Reaktion des Vaters dazu: "Macht das sofort wieder ab! Wie behindert ist das denn bitte! Ich lasse doch meine Tochter nicht an einen Rollstuhl fesseln! Das ist Freiheitsberaubung!"

"Nun mal langsam", sagte ich und fiel fast vom Glauben ab. "Das ist ja nicht die Endlösung, das ist zusammengewürfeltes Zeug aus irgendwelchen Sporthallenkisten. Aber das kann man doch optimieren und was passendes über das Sanitätshaus bestellen."

Der Vater war fast außer sich: "Freiheitsberaubung ist das! Es ist verboten, Menschen an Betten oder Rollstühle zu fixieren!" - "Das tut doch auch keiner. Ihre Tochter kann doch alle Fixierungen selbst wieder öffnen. Die dienen doch nur ihrer Stabilität. Sie selbst entscheidet, wann sie die öffnet und wann sie die schließt. Aber schauen Sie doch mal, wie schnell und selbständig sie damit wird."

Der Vater überlegte einen kleinen Moment. Dann fragte er: "Kannst du das denn alleine auf und zu machen?" - Die Tochter nickte aufgeregt. - "Na dann ... holen wir morgen ein Rezept. Ich habe immer gedacht, das wäre verboten." - Ich hasse es, wenn Menschen überheblich sind, aber heute kann ich es mir nicht verkneifen: Kopf -> Tischkante.

Sonntag, 22. April 2012

Rettungslore und Gartenpool

In der letzten Woche hatten wir es in unserem Studium erstmals mit einer Professorin zu tun, die sich als Anästhesistin lange Zeit darum gekümmert hat, dass Patienten bei einer OP gut schlafen, andererseits aber auch über Jahre als Notärztin unterwegs war. Sie stammt aus dem Rheinland und heißt mit Vornamen Lore, was jetzt erstmal nicht so spannend wäre, hätte sie nicht erzählt, dass ihre Kolleginnen und Kollegen sie damals immer "Rettungslore" genannt haben.

Marie und ich schauten uns an, wussten, frevelhaft wie wir nunmal sind, nicht, ob wir darüber lachen oder weinen sollten, und hatten diese merkwürdige Vorstellung schon wieder vergessen, als wir vorgestern auf die U-Bahn warteten und plötzlich Marie auf dem sonst menschenleeren Bahnsteig schockiert nach meiner Hand griff. Ich dachte schon, irgendwo liegt einer blutverschmiert im Gleis oder die Rotte Glatzen, die uns oben auf der Straße bereits unangenehm bepöbelt hatte, käme gerade die Treppe hinunter, um mit uns zusammen Geburtstag zu feiern. Nein, nichts von alledem, Maries ausgestreckter Zeigefinger deutete auf ein Schild an der Wand:


Hinter der Wand war nicht etwa unsere Professorin eingesperrt, sondern es gibt einen Wagen, den man auf die Schienen stellt, von Hand schiebt und damit Verletzte aus einem Eisenbahntunnel bergen kann - eine Rettungslore. Tja, Lore, tut uns leid, seit es die Mark nicht mehr gibt, kann auch kein Groschen mehr fallen. Ich bin vermutlich schon hunderte Male an diesem Schild vorbei gerollt, habe dem aber nie Beachtung geschenkt. Wer von meinen Leserinnen und Lesern zuerst errät, in welchem U-Bahnhof das Foto geschossen wurde, bekommt von mir ein virtuelles Lächeln.

Wenn ich den roten Faden meines Online-Tagebuchs nun gerade schonmal verlassen habe und meine Leser entgegen aller Gewohnheit direkt in einem Beitrag anspreche, bitte ich auch gleich darum, die letzten 10 Tage noch durchzuhalten und weiter abzustimmen. Bei den BOBs. Ursprünglich wollte ich nur nicht auf Platz 11 bleiben, im Moment stehe ich aber mit 40% vor Verfolger Sash (31%) auf Platz 1. Ich freue mich über soviel Zuspruch und sage: Vielen Dank!

Aber gerade habe ich auch gesehen, dass es in der nächsten Woche bis zu 30 Grad warmes Wetter geben soll - nur bei uns in Hamburg mal wieder nicht. Da wird es weiter regnerisch bei höchstens 15 Grad. Ähm ... habe ich zu hohe Erwartungen, wenn ich nach gefühlten 10 Monaten endlich mal wieder einen Abend bis Mitternacht ohne Thermokleidung auf einer Terrasse sitzen möchte? Oder nachts draußen Sport machen, ohne hinterher sehnlichst eine heiße Dusche herbeizuwünschen, weil man nach drei Minuten Stillstand nicht mehr warm wird? Nur mal so als klitzekleinen Hinweis an denjenigen, der da oben die Geschicke lenkt.

Immerhin war ich gestern schon wieder draußen schwimmen. Ja, ich weiß, der liebevolle Aufbau eines Spannungsbogens funktioniert anders. Ich fange nochmal neu an: Ich war mit Marie zum Kochen verabredet, wir haben uns für einen leckeren Nudelauflauf entschieden und wollten anschließend für die Uni lernen. Wir saßen in ihrem Zimmer auf dem Bett, waren mit dem Lernen so gut wie fertig, als sie plötzlich sagte: "Sag mal, hättest du Lust, eine Runde schwimmen zu gehen?"

"Lust schon, aber wann und wo denn?" - "Jetzt gleich, bei uns im Garten. Mein Papa hat vorgestern unseren Pool wieder gefüllt, es friert ja nachts nicht mehr und ich geh da eigentlich jeden Tag rein und plansche eine Runde." - "Ihr habt einen Pool im Garten? Was denn für einen?" - "Naja, so glaube ich 1,50 tief und ... keine Ahnung, wie breit, aber man kann richtig drin schwimmen." - "Also richtig sowas gefliestes oder so ein Plastikteil?" - "Nein, richtig installiert und eingebuddelt und gefliest, da ist auch eine Sauna daneben und eine Dusche mit fließendem Wasser."

"Sag nicht, in die Sauna kommt man mit dem Rolli rein." - "Ja denkst du, meine Eltern stellen sich hier ein Saunahäuschen hin, in das ich nicht reinkomme?" - "Keine Ahnung, könnte ja sein, dass das nichts für dich ist!" - "Ich liebe saunen, vor allem im Winter, wenn Schnee liegt. Absolut geil. Machen wir regelmäßig, nur den Pool lassen wir im Winter leer, das schafft die Heizung nicht."

"Ach der ist beheizt?" - "Ja. Im Sommer muss man das nicht unbedingt, aber jetzt zu dieser Jahreszeit wäre das ohne Heizung zu kalt." - "Und womit heizt ihr den?" - "Sonnenlicht. Ausschließlich. Das war Bedingung, sonst hätte meine Mutter dem nicht zugestimmt." - "Und reicht das denn?" - "Sobald es nachts nicht mehr unter 10 Grad abkühlt, kriegt man den nachmittags auf 25 bis 30 Grad. Mehr als 32 wollen wir nicht, weil sich sonst Bakterien zu schnell vermehren, dann muss man da so viel Chemie zugeben, das wollen wir auch nicht."

"Darf ich denn mit in den Pool? Ich meine, was sagt deine Mutter dazu?" - "Du wärest die erste Freundin von mir, die nicht reindürfte. Unsere Nachbarin planscht auch regelmäßig drin. Das ist schon in Ordnung." - "Okay, leihst du mir einen Badeanzug?" - "Wieso Badeanzug, ich bade immer nackt. Das ist der Vorteil, wenn man so ein Ding auf dem eigenen Grundstück hat." - "Nackt?!" - "Ja, da guckt schon keiner. Man kann das nicht einsehen von der Straße." - "Und wenn deine Eltern nach Hause kommen?" - "Mein Papa kommt erst heute abend spät und meine Mutter sollte dich in ihrer Praxis mit Sicherheit schonmal nackt gesehen haben, oder?" - "Das ist aber was anderes." - "Die kommt schon nicht dahin und guckt. Wir nehmen große Handtücher mit und dann geht das schon."

"Ich weiß nicht, irgendwie hab ich so ein bißchen Angst, deine Mutter ist gleichzeitig meine Hausärztin und ich bade in ihrem Pool, das ist für mich irgendwie ... nicht richtig. Ich weiß nicht." - "Ich rufe sie an und frage, ob wir das dürfen, okay?" - "Wenn das so selbstverständlich ist, wie du das sagst, wirkt das doch auch doof." - "Ich frag einfach, ob der jetzt einsatzbereit ist und ob ich mit dir da heute rein darf."

"Ist der eigentlich gechlort?" - "So wie im Hallenbad nicht, das wäre viel zu gefährlich, wenn man sich hier so eine Giftgas-Anlage in den Garten stellen würde, meint mein Papa, aber irgendeine Chemie kommt da immer mit rein, allein schon weil ja doch mal irgendeine Ente da reinkackt oder auch wegen meiner Blase. Da muss man auch hin und wieder irgendeine Tablette nachwerfen. Aber darum müssen wir uns nicht kümmern, das macht alles mein Papa."

Und was soll ich sagen? Tolle Sache. Wir waren eine Dreiviertelstunde im Wasser, es war herrlich. Maries Eltern haben einen riesigen Garten mit verschiedenen Ebenen und natürlich alles rolligerecht und: In der hintersten Ecke einen großen Pool, an den man mit dem Rolli direkt ranfahren kann, in den man wunderbar reinkommt, in dem man wunderbar schwimmen kann und der, trotz seiner nur 24 Grad, überhaupt nicht kalt war, vor allem dann nicht, wenn die Sonne hinter den Wolken hervor kam.

Marie meinte, wir müssten das dringend in den nächsten Tagen wiederholen. Und eine Poolparty bei ihr machen mit einigen Leuten. Gegen beides hätte ich nichts einzuwenden.

Mittwoch, 18. April 2012

Wie langweilig

Es hat sich viel verändert. Das wurde mir heute gerade mal wieder bewusst. Nicht nur in meinem Leben, sondern auch in diesem Blog. Das Layout, den Schreibstil - und vor allem die Leserschaft. Wenn ich meine Leser mal ganz nüchtern einfach so beschreiben darf.

Als ich noch im Gefängnis war im Krankenhaus lag, hatte mir meine Psychologin, die ich jetzt seit fast vier Jahren kenne, geraten, ein Tagebuch zu schreiben. Stinkesocke, scheiße drauf, hat erstmal endlos gegenan geredet, dann irgendwann doch damit angefangen und es irgendwann auch online gestellt. Nach wie vor schreibe ich das Tagebuch nur für mich und lasse andere Menschen an meinem Leben teilhaben. Einige Leute aus meinem persönlichen Umfeld kennen es, die meisten aus meiner WG, einige beim Sport, einige aus meiner alten Schule ... aber bisher hat es noch niemand von sich aus im Netz entdeckt und mir dann später bei einer realen Begegnung zugeordnet. Alle Leute, die meinen Blog und mich kannten, kannten erst mich und bekamen dann von mir (oder einer Freundin) die Adresse meines Blogs.

Bei zur Zeit bis zu 10.000 Besuchern am Tag ist es unvermeidbar, dass mich früher oder später der erste auf meinen Blog anspricht. Solchen Momenten sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen entgegen, denn diejenige oder derjenige kennt fast mein ganzes Leben, während ich nicht weiß, wie er tickt. Welche Motivation dahinter steckt, mich anzusprechen. Soll heißen: Es gibt neben den vielen Menschen, die sicherlich nur nett und höflich sind, auch genügend, die etwas im Schilde führen. Und vor denen habe ich, zugegebenermaßen, große Angst.

Aber heute war es nett. Marie und ich kamen in die Uni, wo wir ja zur Zeit unser (später anrechenbares) Probesemester absolvieren, um herauszufinden, ob wir das mit dem Studieren hinbekommen. Falls nicht, mache ich ab August mein Abi nach, falls doch, fangen wir im August ganz regulär mit unserem Studium an (unter Anrechnung der im Probesemester erreichten Leistungen).

Kurz bevor wir um die Ecke bogen und durch die geöffnete Tür rollten, vernahm ich ein deutliches: "Sie kommen." - Was passiert jetzt? Wasserbombe? Konfetti? Irgendein Quatsch? Die Antwort lautet letzteres. Einige Leute hatten sich im Halbkreis aufgestellt, gegenseitig untergehakt, tanzten und sangen: "So a Stückerl heile Welt hab' ich beim Himmel heut' bestellt..." - Ich lief dunkelrot an, versteckte mein Gesicht hinter meinen Händen. Zwei Mädels sprangen auf uns zu, eine nahm meine Hände und fing an, mit mir zu dem Gesang Gegröle der anderen zu tanzen. Augenblicklich guckten mich gefühlte 150 Leute schüchtern lächelnd und fragend an.

Oh. Mein. Gott. Als wir unsere unfreiwillige Showeinlage inmitten Dutzender im Takt klatschender Leute halbwegs würdevoll beendet hatten, sagte die Professorin, die inzwischen hinter uns stand: "Was ist denn hier los?" - Ich kam gar nicht zu Wort. "Wir freuen uns und feiern." - "Was gibt es denn zu feiern?"

Jemand fragte: "Haben unsere beiden Rollis Geburtstag?" - "Bestimmt!" - "Nee sach ma! Was denn?!" - "Die sind über Nacht berühmt geworden." - "Wieso das denn, wegen ihrer Krankheit?" - "Ja genau." - "Welche Krankheit haben die denn?!" - "Jule hat die BOBs. Wurde kürzlich infiziert und ..."

Die Professorin mischte sich ein: "Ich will ja nicht stören, aber könnt ihr das auf später verlegen? Ich würde gerne anfangen." - Meine Erlösung. Ich mag so viel öffentliche Aufmerksamkeit nicht. Da wird mir immer ganz schwindelig...

Ende vom Lied: Meine Kommilitonen mussten mir nach der Vorlesung nacheinander vorführen, dass sie meinen Blog zumindest zum Teil gelesen hatten. "Hallo Stinkesocke!", waren da noch die harmlosen Auswirkungen, Fragen, ob mein Delfin noch lebt, kamen auch schon. Und was auch unbedingt sein musste: "Jetzt weiß ich endlich, wer hier immer so viel pupst. Ich hatte mich schon gewundert, wieso das in eurer Ecke immer so stinkt."

Haha, sehr nett. Ich verdrehte die Augen. Es stimmt ja gar nicht, dass ich mehr pupse als andere Leute. Nur wenn, dann habe ich das nicht so unter Kontrolle. Allerdings hörte den Spruch diejenige Kommilitonin mit, die vor der Vorlesung schon gefragt hatte, welche Krankheit wir hätten, und fragte weiter: "Ach ist dieses BOBs-Dings irgendwas mit dem Darm? Muss man denn viel pupsen? Aber wieso muss man dann im Rolli sitzen, das gibt doch gar keinen Sinn!"

Der Kommilitone, der sie vorher schon aufgezogen hatte, wollte weiter reden, aber ich sagte: "Ich bin für einen Preis im Internet nominiert worden und das haben einige Leute mitgekriegt. Mehr nicht." - "Ach soooo, wie langweilig."

Sonntag, 15. April 2012

So a Stückerl heile Welt

Wie könnte ein Sonntagmorgen schöner beginnen als mit der Feststellung: Du hast gestern nacht vergessen, das Handy auszustellen. Zuviel Bier bei der Grillparty? Oder waren das die Folgen des unvermeidbaren Passivkonsums, weil sich auf dem Heimweg in der U-Bahn eine junge Frau eine Tüte anstecken musste? Sechs Minuten nach Neun, im Display meine Trainerin Tatjana. Hatte ich einen Termin vergessen? Neun Uhr Trainingsbeginn? Auf einem Sonntag?!

"Ja?!", nuschelte ich verschlafen. - "Oh, hab ich dich geweckt, das tut mir Leid." - "Wo brennt's denn?" - "Ja, ähm, ich wollte mal fragen, ich habe um 11 Uhr ein Mädel hier, 16 Jahre, das will künftig bei uns trainieren, kommt vom Verein ..., hat jahrelang dort nur auf dem Platz trainiert, will mehr machen, traut sich mehr zu, ist wohl auch recht talentiert, kriegt aber nicht so richtig den Mund auf und hängt nur bei Muddi und Vaddi an der Leine. Vaddi hat mich jetzt schon drei Mal angerufen und mir jedes Mal erklärt, dass die ganze Familie sich auf Sonntag 11 Uhr freut, dass er sein Fahrrad mitbringt und jederzeit zur Stelle ist und sie extra einen Kleinbus haben und Muddi auch mitkommt, auch mit Fahrrad, und zwischendurch im Bus online arbeitet, aber dadurch stets zur Stelle ..." - "Tatjana! Sonntagmorgen. Ich bin noch nicht wach. Mein Bett ist total kuschelig und warm, stell einfach nur deine Frage."

"Kannst du um 11 mit Rennrolli hier sein?" - "Mein Rennrolli steht bei Marie. Ich hab doch kein Auto." - "Wenn Marie dich abholt, kommst du dann mit?" - "Wenn Marie mich abholt, würde ich mitfahren." - "Ich ruf dich gleich wieder an." - "Ja tschüss."

Naja, wenigstens schönes Wetter draußen. Kein Regen, die Sonne scheint. Acht Minuten später rief Marie an: Tatjana hätte, nachdem sie sie nicht erreicht hatte (weil Handy aus), bei ihren Eltern über Festnetz angerufen: Können Sie mal ihre Tochter wecken? - "Meine Mutter fand das ziemlich dreist", meinte Marie.

"Ist es auch, nur das änderst du bei Tatjana nicht mehr. Ich hab ihr das auch schon mindestens fünf Mal gesagt, dass sie einfach mal früher planen soll. Zumal sie ja selbst gesagt hat, sie hätte schon drei Mal mit dem Vater telefoniert. Aber komm, das wird bestimmt toll." - "Fahren wir hinterher noch ne Stunde zu zweit?" - "Auf jeden Fall. Oder zwei." - "Okay. Ich hol dich halb 11 ab."

Als wir um 11 dann fertig umgezogen im Rennrolli auf dem Radweg neben dem Deich standen, uns die Sonne ins Gesicht scheinen ließen und etliche Radfahrer anhielten, um uns dabei zu bewundern, stieg Tajana gerade auf dem Parkplatz aus ihrem Auto. Ein Mädel im Rennrolli kam endlich zu uns, Papa und Mama gingen direkt neben ihr, plapperten auf sie ein. Die Mutter fing an, an ihrer Tochter herumzufummeln, ob denn auch alles richtig säße. Der Vater kam auf uns zu: "Warten Sie auch auf Frau ...?" - "Ja, genau, du bist die Anja, oder?" - Das Mädel nickte schüchtern. Der Vater: "Wir hatten eigentlich ein Einzeltraining vereinbart. Naja", seufzte er, "das fängt ja gut an."

Maries und mein Blick streiften sich, ich sagte: "Wir trainieren alleine. Wir wollen nur 'Guten Tag' sagen und kurz fragen, ob wir am Anfang irgendwas helfen sollen." - Ich schaute für einen Moment in Anjas Gesicht, dessen Miene von 'extrem angespannt' für einen Moment auf ein von mir gedeutetes 'fahrt bloß nicht ohne mich los' wechselte. Dann sagte der Vater: "Wir suchen für unsere Tochter eine geeignete Trainingsmöglichkeit. Im Moment sind wir in ..., aber da wird sie nicht genug gefördert. Sie ist ja so talentiert." - "Was für eine Behinderung hast du eigentlich?", fragte ich sie. "Wenn ich fragen darf?" - "Meine Tochter hat CP, sagt Ihnen das was?" - "Das sagt mir was." - "Was sagt es Ihnen denn?" - "Wie meinen Sie das?" - "Ja, was heißt denn 'CP'?"

Auweia. Tatjana erlöste uns in genau dieser Sekunde. "Tut mir Leid, ich bin drei Minuten zu spät. Ich hatte einen Trecker vor mir, den ich minutenlang nicht überholen konnte, und dann waren noch die Schranken zu." - "Ja, wir hatten auch eine recht lange Anfahrt, da kann ja immer viel passieren. Deswegen fahren wir auch immer rechtzeitig los. Ich schlage vor, Sie schicken erstmal die beiden Frauen hier auf die Reise und dann schauen wir mal, wie meine Tochter mit Ihnen klar kommt."

Sind wir ein kleines bißchen überheblich? Anja sagte: "Papi, ich komm schon klar." - Papi fragte Tatjana: "Haben Sie denn gar kein Fahrrad dabei? Wie wollen Sie denn kontrollieren, ob meine Tochter alles richtig macht?" - "Das brauche ich nicht zu kontrollieren. Ihre Tochter ist ja keine Anfängerin mehr, sie ist selbst dafür verantwortlich, alles richtig zu machen. Sie fährt ja regelmäßig an mir vorbei, ich sehe sie einen Kilometer weit von hinten und einen von vorne, da kann ich genügend Eindrücke gewinnen und ihr noch einzelne Tipps geben." - "Und wenn die da trödeln, sobald sie außer Sichtweite sind?" - "Dann sind sie dumm, schließlich könnten sie es noch einfacher haben, indem sie einfach aufhören und duschen fahren. Meinetwegen muss hier niemand trainieren, das machen alle Athleten nur für sich selbst. Und das wissen sie auch." - "Na, wenn Sie das meinen."

"Ich würde vorschlagen, die drei fahren sich mal locker warm und wir schauen einfach mal zu." - "Ach, ich dachte, das wäre Einzeltraining?" - "Wir sind nur zum Gespräch verabredet. Und ich habe gesagt, ich schaue mir Ihre Tochter mal an. Aber von Einzeltraining war nie die Rede. Und Einzeltraining hieße ja auch nicht, dass niemand anderes mehr in der Nähe sein darf. Die anderen werden sich später ausklinken, aber erstmal sind die beiden ja auch eine gute Möglichkeit für einen Leistungsvergleich."

Der Vater wollte seinen Fahrradhelm aufsetzen. Tatjana sagte: "Zum Aufwärmen wollen Sie jetzt aber nicht mitfahren, oder?" - "Ja doch!" - "Lassen Sie doch Ihre Tochter mal sich eingewöhnen und einfach mal ein wenig ausprobieren. Dafür ist das Aufwärmen ja da. Wie lange macht Ihre Tochter das jetzt? Sechs Jahre? Dann bekommt sie ein Aufwärmen auch hin, ohne dass sie jemand dabei beobachtet." - "Und wenn Autos kommen? Sie fährt zum ersten Mal auf der Straße!" - "Sie fährt ja nicht auf der Straße, sondern das ist hier nur ein breiter Rad- und Gehweg. Der ist zwar so breit wie eine kleine Straße, aber da fahren keine Autos. Ansonsten sieht man das ja schon von weitem und kann anhalten."

"Auf gehts!", versuchte ich, die nun folgende Diskussion zu vermeiden und rollte los. Marie fuhr gleich mit. Anja zögerte. Ich drehte mich nach einigen Metern um. "Komm Anja. Lass deinen Papa und Tatjana erstmal fachsimpeln, wir geben schonmal Gas." - Jetzt kam auch noch die Mutter ins Spiel, hüpfte ihrer Tochter vor den Stuhl und musste ihr noch ein Küßchen geben. "Pass auf dich auf, Kleines." - "Ja, Mama." - "Und wenn Autos kommen, fährst du rechts ran, ja? Und hör auf Jule und Marie, ja? Wenn das bloß gut geht."

Ich wagte nach fünfzig Metern einen vorsichtigen Blick nach hinten, Papa hatte sein Fahrrad wieder aufgeständert. Also schien Tatjanas Plan zu funktionieren. Wir fuhren erstmal mit halber bis dreiviertel Kraft, um den Körper an der trotz Sonne recht kühlen Luft auf Betriebstemperatur zu erwärmen. Nach 10 Minuten lockerem Gespräch fragte ich direkt: "Sag mal, deine Elten sind ziemlich anstrengend, oder?"

"Naja, sie meinen es gut. Sie fahren mit mir überall hin, sie fördern mich, ohne die beiden wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Aber ich weiß, was du meinst: Es muss irgendwie immer das beste sein. Mein Papa ist zu ungeduldig, einfach mal auszuprobieren und langfristig etwas aufzubauen, er will immer gleich und nur das Beste. Und das gibt es halt im Leben nicht oder ist nur von kurzer Dauer. Und ihm ist ungeheuer wichtig, welcher Eindruck auf andere entsteht."

"Den Eindruck hatte ich aber nicht", konterte Marie. "Ich fand das teilweise ziemlich abgefahren, was er da von sich gegeben hat." - "Er ist der Chef. Ich halt mich da raus. Ich versuche, mich irgendwie zu benehmen und dann ist gut. Alles andere ist sein Bier. Wenn mich einer was fragt, antworte ich, ansonsten halte ich meine Klappe. Lieber nichts als was falsches sagen."

"Aber es geht doch um dich? Da kannst du dich doch nicht raushalten!" - "Naja, er meint eben, dass er am besten weiß, was für mich gut ist. Oft stimmt das ja auch. Wenn ich das für mich beanspruchen will, führt er mir eine Viertelstunde lang Dinge vor, die ich eben noch nicht alleine kann und beendet seinen Monolog mit: 'Und deswegen bin ich für dich da. Ich lass dich nicht im Stich.'"

Ich sagte ihr, dass sie auf Dauer nur dann Spaß und Fortschritt sehen wird, wenn sie selbst bestimmt, was sie will. Damit spreche ich mich ausdrücklich dafür aus, sich mit seiner Umwelt zu arrangieren und auch mal zurück zu stecken, aber es kann doch nicht sein, dass jeamnd einem das Leben plant?! Und zwar in allen Bereichen, wie wir mitbekamen, als wir nach 20 Minuten wieder an Tatjana und den Eltern von Anja vorbei fuhren.

Wir hielten auf das wilde Gestikulieren der Mutter kurz an. "Anjaschatz, musst du auf die Toilette?" - "Nein, Mama, ich war doch gerade erst." - "Willst du nicht lieber nochmal dorthin, bevor ihr die nächste Runde fahrt?" - "Nein, ich muss nicht." - "Nicht dass es nachher zu spät ist." - "Nein, Mama, jetzt entspann dich doch mal."

Kein Wort darüber, wie es bisher gelaufen ist, ob sie gut mit uns zurecht kommt, okay, Muddis sehen das ja im allgemeinen am Gesichtsausdruck, dass es ihrer Tochter gut geht. Aber jemandem mit 16 an den Klogang erinnern? Unglaublich. Aber leider wirklich kein Einzelfall bei den Jungs und Mädels, die seit Geburt eine Behinderung haben. Und leider scheint für viele Eltern der Abschluss der "Sauberkeitserziehung" eine unüberwindbare Hürde zu sein, sobald eine Inkotinenz oder zumindest eine durch die Behinderung beeinflusste Blase (und Darm) mit hinein spielt. Natürlich ist es anders und natürlich gibt es Menschen mit Behinderungen, die das geistig nicht auf die Reihe bekommen. Aber Anja besucht das Gymnasium. Passt also nicht. Mit 16 ist diese Frage einfach unverschämt.

Wir fuhren in die andere Richtung weiter, offiziell immernoch zum Aufwärmen, inoffiziell, um Anja kennen zu lernen und mehr über sie zu erfahren. Ich fragte gleich direkt: "Und was war das jetzt? Ist dir das nicht peinlich, wenn deine Mutter dich vor fünf anderen Leuten daran erinnert, auf die Toilette zu gehen? Ich meine, mich kratzt das jetzt nicht, das ist eure Sache, aber ich wüsste, wie ich an deiner Stelle darauf reagieren würde." - "Ich habe mich schon daran gewöhnt. Da kann man nichts machen. Ich habe immer mal ein paar Probleme mit der Blase und dann bekommt meine Mutter es nicht auf die Reihe, dass die Probleme nicht dadurch entstehen, dass ich zu selten auf Klo gehe. Aber das ist für sie als nicht betroffener Mensch die einzig nachvollziehbare Erklärung und dann ... kannst du vergessen. Du kannst aber sicher sein, dass es nachher eine Predigt gibt, falls was in die Hose gegangen ist. Ich glaube, sie möchte damit ein wenig ihre Verantwortung abgeben, in die sich selbst immernoch nimmt. So kann sie dann immer sagen: 'Ich hab dich gefragt, ich habe dich erinnert.' Und damit die Schuld von sich wegschieben."

Als wir wieder an der Gruppe vorbei kamen, bat der Vater Anja, anzuhalten. Er meinte, ihr Training sei beendet, man käme mit "der Frau" auf keinen gemeinsamen Nenner. Tatjana vertrete Ansichten, die sie nicht teilen könnten. Da von Anja keine Reaktion kam, platzte mir dann mal stellvertretend der Kragen: "Mit Verlaub, Sie vertreten auch Ansichten, die man nicht teilen kann. Wieso bestimmen Sie, was für Ihre Tochter gut ist, ohne sie überhaupt gefragt zu haben? Sie hat sich jetzt warm gefahren, vielleicht möchte sie jetzt mal eine Stunde lang Gas geben? Warum sollte sie jetzt ihr Training mittendrin abbrechen, nur weil der Vater mit der Trainerin nicht klar kommt? Ich dachte, Sie tun das alles für Ihre Tochter, aber ich habe eher den Eindruck, Sie tun das für sich selbst."

"Das ist doch alles ein abgesprochenes Spiel hier, dasselbe habe ich gerade schon einmal gehört. Ich hätte gleich misstrauisch sein sollen, als aus dem Einzeltraining ein Gruppentraining wurde." - "Misstrauisch? Ihre Tochter fühlt sich wohl. Sie haben ein Problem, nicht Ihre Tochter. Aber Sie wollen hier nicht trainieren. Alle anderen Jugendlichen mit 16 kreuzen hier alleine hier auf und lassen sich nicht von den Eltern kontrollieren, ob sie Vollgas geben oder rechtzeitig zum Klo fahren. Und sind sehr erfolgreich. Das müssen Sie doch mal merken, dass da bei Ihnen was nicht stimmt."

"Kommst du?", forderte er Anja energisch auf. Die überlegte einen Moment. Ich fixierte sie mit meinem Blick und beamte ihr ein "jetzt oder nie, das ist deine Chance" in den Kopf. Es kam an. Ich hatte mich für diese Steilvorlage weit genug aus dem Fenster gelehnt und alle unverschämten Register, an die ich irgendwie dran kam, gezogen. "Papi, jetzt hör mal zu. Ich weiß ja, dass ihr es gut meint, aber manchmal geht es echt zu weit, was ihr hier macht. Ihr wollt doch, dass ich glücklich bin und gut gefördert werde und hier habe ich zum ersten Mal den Eindruck, dass das was ganz tolles werden könnte. Die Leute sind nett, zwei zumindest erstmal, ich kann endlich mal richtig schnell fahren, schneller als ewig nur auf der 400-Meter-Bahn mit lauter Kurven, und ihr habt mir versprochen, wir probieren es aus. Ich kann dir jetzt sagen: Es gibt was viel besseres als den Sportplatz in dem anderen Verein. Heute habe ich gemerkt, was ich schon immer gewusst habe und was du auch gemerkt hast: Der Sportplatz alleine bringt es nicht. Ich gehe auf diesen Platz nicht wieder zurück. Wenn ihr heute meint, dass ich hier nicht trainieren darf, dann ist das wohl mein Ende in diesem Sport, denn nur auf dem Sportplatz habe ich keine Perspektive, meine Leistungen noch zu steigern und auch noch andere Dinge zu machen. Die Leute hier trainieren ja nicht nur im Rennrolli, sondern auch andere Sachen, Biken und Schwimmen. Da hätte ich auch voll Lust drauf. Ich wäre sofort dabei, aber im Moment seid ihr diejenigen, die mir da Steine in den Weg legen", sagte sie und drückte auf die Tränendrüse. "Auf den heutigen Tag habe ich mich seit Wochen gefreut."

Und Tränen erweichen ja bekanntlich als erstes die Muddis. Die kam gleich angelaufen und musste ihre Tochter in den Arm nehmen. "Schatz, wir wollen doch nur das beste für dich. Du musst Papi auch verstehen, der hat dich sechs Jahre begleitet und du kannst nicht behaupten, du hast nichts gelernt und es nicht gut gehabt. Papi hat alles für dich getan."

"Ja, das weiß ich ja auch alles und das finde ich ja auch alles gut, aber ihr könnt mich doch nicht mit 25 immernoch an die Hand nehmen, ihr müsst doch mal langsam dazu kommen, dass ihr mir ein paar Freiräume gebt und mir eher beratend und helfend zur Seite steht und mich eigene Erfahrungen machen lasst. Schau mal, ich habe sofort neue Freunde gefunden, da möchte ich einfach mal ein bißchen egoistisch sein. Wenn es zu viele Umstände macht, finden wir bestimmt einen Weg, wie ich zum Training komme und wieder zurück, aber ich möchte zumindest die Erlaubnis haben, künftig hier erstmal mitzutrainieren."

Der Vater sagte "nein", die Mutter "ja", beide im selben Moment. Dann schauten sich Mama und Papa an und dann sagte Papa: "Ist ja gut, ich will kein Spielverderber sein. Aber ich möchte, dass du mir regelmäßig erzählst, was ihr hier macht und dass wir gemeinsam besprechen, ob das wirklich alles so gut ist, sobald du mehr Eindrücke gewonnen hast." - "Ach Papa, wenn das alles nicht gut wäre, würde ich doch von selbst sagen, dass ich nicht mehr hierhin will. Danke Papa", sagte Anja und gab Muddi und Vaddi ein Küßchen. Marie war schon einige Meter vorgerollt, ich rollte hinterher. Sie fing leise an zu singen: "So a Stückerl heile Welt hab' ich beim Himmel heut' bestellt..." - "Ach du warst das", lachte ich. "Manchmal komme ich mir hier vor wie ein Sozialarbeiter." - "Bist du doch auch. Was meinst du, warum Tatjana dich angerufen hat."

"Aber nun sag doch mal selbst, sowas geht doch gar nicht." - "Geht es auch nicht. Ich wette mit dir, sie trainiert jetzt gleich noch zwei Stunden mit uns, die Eltern gehen zwischendurch spazieren oder einen Kaffee trinken, dann erklären sie uns, dass sie nachgedacht haben und dass sie ihre Tochter selbstverständlich fördern wollen. So oder so ähnlich. Ich würde meiner Mutter übrigens was erzählen, wenn die mich vor allen Leuten fragt, ob ich auf Klo war. Ich würde ihr zu Hause so eine Szene machen, das würde sie sich kein zweites Mal trauen."

Anja kam von hinten auf uns zugerollt. "Meine Eltern machen eine Radtour. Wir haben uns geeinigt, dass wir bis 14 Uhr noch trainieren und wollte fragen, ob ihr mir dann zeigen könnt, wo ich duschen kann. Um 15 Uhr holen sie mich dann wieder ab." - "Alles klar, machen wir so, los geht's, ich werde kalt." - "Kommt Tatjana mit?" - "Nein. Wir trainieren zu dritt, Tatjana ist nur für das Gespräch mit deinen Eltern gekommen. Die hat heute Sonntag." - "Das habe ich mir gedacht. Mein Vater hat sich da so reingesteigert in dieses beknackte Einzeltraining. Am Anfang hat er nämlich gesagt, es gibt nur ein Gespräch und dann plötzlich sollte ich alles einpacken und ... egal, wir fahren jetzt los."

Bleiben noch zwei Dinge zu klären: Erstens war sie selbstverständlich in der Lage, so rechtzeitig Bescheid zu sagen, dass wir eine Möglichkeit fanden, wie ihre Hose trocken blieb, zumal sie frei laufen konnte. Wenn auch recht spastisch, aber sogar barfuß und ohne Festhalten. So ein Deich hat ja immer Gefälle und wenn man sich richtig rum mit herunter gezogener Hose ins Gras setzt (hocken ging nicht), braucht man nur einen Moment, in dem keine Fußgänger und Radler vorbei kommen und gaffen wollen. Auf den Schiffsverkehr auf der Elbe haben wir allerdings nicht geachtet und so erblickten wir dann plötzlich einen Typen auf einem Binnenschiff, der mit einem Fernglas herüber schaute. Der war aber trotzdem weit genug weg.

Zweitens: "Muddi und ich haben bei unserer Radtour nachgedacht und miteinander gesprochen und wir finden es wichtig, dass du den Sport machst und dass du deine Freunde hast und dein eigenes Leben und selbstverständlich sollst du hier trainieren." - Marie hielt mir auffordernd ('schlag ein') ihre flache Hand hin. Im selben Moment kam der Vater auf mich zu und meinte: "Ich finde es gut, dass Sie vorhin so direkt, ich will nicht sagen unverschämt, aber direkt, zu mir waren. Sie haben durch ihr selbständiges Leben sicherlich einen ganz anderen Blickwinkel. Es war richtig, dass Sie uns so nachdrücklich auf unseren Irrtum aufmerksam gemacht haben. Obwohl ich so etwas nicht schätze, wenn Publikum daneben steht, und das weiß meine Tochter auch."

Dann sagte die Mutter: "Trotzdem denken wir, Sie können unserer Tochter viele Dinge vermitteln, die wir als nicht behinderte Menschen ihr nicht beibringen können. Nicht nur Sie, sondern auch die anderen Leute hier." - Wow. Da mag sie Recht haben.

Freitag, 13. April 2012

Statistik, Taxi, Medizin

Mir wird mal wieder ganz schwindelig. Ich schreibe ein Tagebuch, schreibe es online - und hätte nie für möglich gehalten, dass es so viele Menschen gibt, die das mit- oder sogar durchlesen wollen. Ich dachte einmal, dass mein Leben als Behinderte absolut schrecklich, langweilig, uninteressant sein wird - wer rechnet in der Reha schon damit, dass man als bloggende Rollstuhlfahrerin andere Menschen faszinieren kann? Ehrlich gesagt: Ich habe damals nicht damit gerechnet.

Mitte 2009, als ich aus der Klinik entlassen wurde, wurde mein Blog im Internet pro Monat rund 13.000 Mal angeklickt. Ein Jahr später waren es immerhin schon 20.000 Klicks pro Monat. Noch ein Jahr später (Juni 2011) waren es rund 27.000 Klicks pro Monat - ein beständiges Wachstum.

Zum Januar 2012 waren es plötzlich schon 38.000 Klicks und im März 2012 waren es 46.000 Klicks pro Monat. Und nun kommt der Hammer: In den ersten vierzehn Apriltagen wurde mein Blog bereits über 50.000 Mal angeklickt. Alleine heute haben sich bereits über 7.000 Leute auf meine Seite getraut - bei täglich steigender Tendenz. Durchschnittlich alle 12 Sekunden springt der Zähler eine Nummer weiter.

Und bei TheBOBs liefere ich mir mit Sash, dem Autor von Gestern Nacht im Taxi, inzwischen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zeitweilig waren wir bereits prozentual gleichauf, allerdings habe ich immer allenfalls seine Rücklichter gesehen. Ich glaub, er hat einen Turbolader unter der Haube - da hab ich mit meinem Muskelantrieb natürlich kaum eine Chance. Aber dafür, dass ich ursprünglich nur nicht Platz 11 sein wollte, habe ich doch ganz schön Fahrt aufgenommen.

Apropos: Heute bin ich tatsächlich mit einem Taxi gefahren. In der Schlange standen acht E-Klasse-Limousinen und an erster Stelle ein Sprinter Großraumtaxi. Mir war schon länger bekannt, dass man unter den bereit gestellten Fahrzeugen frei wählen (also theoretisch auch das letzte in der Reihe nehmen) darf, ich habe das auch ein paar Mal gemacht und den Kombi oder Touran genommen, schließlich ist das Verladen eines Rollis da unkomplizierter, zumal sich mein Starrrahmenstuhl nicht so einfach falten lässt wie Omas AOK-Shopper (dafür ist er aber auch stabiler). Heute nahm ich den zweiten in der Reihe, denn in den Sprinter wäre ich schlicht nicht reingekommen, ohne dass mich der Taxifahrer anfassen und ich irgendwelche Turnübungen machen muss. Macht doch der Sprinter-Fahrer einen Zwergenaufstand, schließlich habe er extra Spanngurte und Bodenverankerungen im Fahrzeug, um auch Rollstuhlfahrer in ihrem Stuhl sitzend befördern zu können.

Mag ja alles sein, aber auch im Rolli sitzend will ich nicht Sprinter fahren. Schließlich ist mein Stuhl darauf nicht ausgelegt, es dauert endlos, bis er mich und meinen Rolli über einsteckbare Rampenteile in das Fahrzeug geschoben und verzurrt hat, ich muss mich in jeder Kurve festhalten, ich habe nach hinten beim Crash kaum Halt (Rückenlehne? Kopfstütze?) und komme mir, auf der Hinterachse des Sprinters stehend, vor wie beim Rodeo-Reiten. Nö. Ich wollte mal die neue E-Klasse fahren und saß bereits im Auto, als der Sprinterfahrer immernoch lautstark rumätzte. Was dazu führte, dass der nächste Kunde auch ein anderes Taxi nahm, so dass er noch weiter auf die Palme kletterte...

Und mein Fahrer? Der musste "erstmal Schwager erzählen, was Sprinterfahrer machen für eine Scheiße bei junge Frau, unglaublich." - Immerhin telefonierte er nicht mit dem Handy am Ohr, sondern über die Bluetooth-Freisprecheinrichtung des Autoradios. Da er türkisch sprach, konnte ich nicht wirklich folgen, es ging aber um meinen Rollstuhl, denn "Tekerlekli sandalye" verstehe ich wiederum. Und irgendwie fand ich es witzig, mir anhand Stimmlage, Gesprächstempo und Lautstärke auszumalen, worum es gerade ging und wer wem was an den Hals wünscht. So klang es jedenfalls.

Übrigens hatte mein Taxifahrer eine Telefonflatrate. Ich schaute aus dem Seitenfenster, während er telefonierte und irgendwann vermutete ich eine Verabschiedung und beide hörten auf zu sprechen. Zwei Minuten vergingen ohne jedes Wort, dann fing mein Fahrer plötzlich an loszupoltern, ich dachte schon, es wäre ihm einer vor das Auto gelaufen, habe einen gehörigen Schrecken bekommen und ihn entgeistert angestarrt - aber dann redete auch der Schwager wieder in den Radiolautsprechern ... köstlich.

Am liebsten hätte ich noch sehr viel mehr geschrieben, vor allem in den letzten Tagen, denn mein Studium ist unerwartet spannend. Ich versuche, aus den Vorlesungen so viele Informationen wie möglich mitzunehmen und sauge im Moment noch alles auf wie ein trockener Schwamm. In zur Zeit noch allen Vorlesungen werden Dinge erklärt, die mich einfach wahnsinnig interessieren. Vieles (wie zum Beispiel den Aufbau einer Zelle) hatten wir in der Schule in Biologie schon einmal grundlegend, so dass ich gut daran anknüpfen kann. Was mich ein bißchen erstaunt hat, ist, dass wir nach zwei Wochen scheinbar nur noch halb so viele sind wie anfangs. Und was mich ein wenig ärgert, ist, dass einige Leute die Vorlesungen stören. Es ist schon alles enorm viel lockerer als in der Schule (und selbst da war es ja in der Oberstufe bereits relativ locker), aber es gibt doch echt noch Leute, die Papierflieger bauen und nach vorne werfen oder plötzlich laut Musik anstellen oder ähnliches. Und die Dozenten interessiert es alles nicht. Die ziehen ihr Ding durch und überlassen den Rest sich selbst. Irgendwann stellt schon einer die Musik aus. Lediglich einer meinte: "Beim nächsten Flieger gehe ich raus. Sie wollen hier was lernen, nicht ich. Ich muss das nicht machen." - Einfach nur peinlich und schade.

Es gibt einen Prof, den ich total toll finde, weil er absolut spannend erzählt. Der setzt sich hin und labert zwei Stunden lang über eine Zellwand und du klebst zwei Stunden lang am roten Faden und vergisst zwischendrin zu atmen und schlucken. Und dann denkst du: "Wie ... schon vorbei ... kam mir vor wie fünf Minuten." - Vor allem, dass ich zu Hause einzelne Sachen noch einmal nachlese oder weiterlese oder im Internet recherchiere, kenne ich aus der Schule überhaupt nicht von mir Streberin. Bisher bereue ich meine Entscheidung keine Sekunde. Ich bin gespannt, wann mich zum ersten Mal der Frust packen wird.

Nur leider beansprucht mich im Moment das Studium zeitlich so unglaublich stark, dass ich kaum noch etwas anderes schaffe. Das Gegondel mit öffentlichen Verkehrsmitteln tut ein übriges - ich hoffe, dass sich das alles noch ein bißchen besser einpendelt.

Dienstag, 10. April 2012

Stark und tapfer

Ich glaube, es ist der größte Sprung in meinem Blog: Über drei Jahre zurück ins Jahr 2009, zu einem meiner ersten Beiträge. Ähnlich, wie ich bereits in 2009 der Notärztin, die mich damals nach meinem Unfall erstversorgt hatte, einen Besuch abgestattet habe, um mich bei ihr zu bedanken, habe ich aus einem bestimmten Anlass heraus heute auch noch einer anderen Person, die die Weichen nach meinem Unfall entscheidend gestellt hat, eine kleine Aufmerksamkeit vorbei gebracht.

Den Anlass lieferte diese Person selbst: Den Eintritt in den Ruhestand. Wie ich mehr oder weniger zufällig erfahren habe, geht der Richter, der mich Anfang 2009 von einem auf den nächsten Tag an meinem Krankenbett besucht und einen Verfahrenspfleger bestellt hat, weil mein Vater damals mit der ganzen Situation überfordert war, Ende des Monats in Rente. Anlass genug, die Geschäftsstelle anzurufen und um einen Termin zu bitten. Um 16.20 Uhr war es soweit und die Mitarbeiterin hatte ihr Wort gehalten: Sie hat ihm nicht verraten, wer warum zu ihm kommen würde.

Zuerst konnte er mich überhaupt nicht zuordnen, dachte, ich sei eine Nebenklägerin eines seiner Strafverfahren gewesen, bis ihm dann, nach dem einen oder anderen kleinen Hinweis, die Sache dämmerte. Und dann wollte er alles genau wissen. Über das eine oder andere wird er ja in der Verfahrensakte gelesen haben, aber spätestens mit meinem 18. Geburtstag verliert sich ja meine Spur für ihn. Eigentlich hätte er Feierabend, aber wir saßen nach anderthalb Stunden immernoch da. Ich erzählte ihm von meinen Eltern, von unserem Wohnprojekt, von meinem Sport, von meinem Studium und ich habe ihm gesagt, dass ich ihm wirklich sehr dankbar bin: Vor allem, dass es mir finanziell so geht wie es mir geht, verdanke ich seinem ersten Schritt.

Er war ziemlich gerührt und hatte ein paar Mal, als ich ihm quasi die Kurzfassung meines Blogs aus dem Mund der Autorin servierte, Tränen in den Augen. Seufzte dann und sagte: "Nun fang ich hier auf meine alten Tage gleich noch an zu heulen. Das ist mir in meinen langen Jahren wirklich selten passiert."

Am Ende brachte er mich zur Tür und quatschte eine Passantin an, ob sie ein Foto von uns beiden vor der Tür des Gerichtsgebäudes machen könnte. Dann verabschiedete er mich mit den Worten: "Sie sind eine starke und tapfere junge Frau. Ich bin stolz auf Sie." - Das aus seinem Mund ging mir natürlich runter wie Öl. Ich wünsche ihm jedenfalls einen erfüllten Ruhestand.

Beschützerinstinkt

So toll es auch ist, so sehnsüchtig ich damals darauf gewartet habe und so sehnsüchtig einige meiner minderjährigen Freundinnen und Freunde noch darauf warten: Der Sprung in die Volljährigkeit ist mit Sicherheit ein Höhe-, vielleicht auch ein Wende-, zumindest aber ein rechtlich wichtiger Punkt im Leben jedes Menschen. Vieles ändert sich mit dem (hier) 18. Geburtstag. Dennoch stolpern viele junge Menschen über diesen Moment, weil sie ihn aus meiner Sicht schlicht überbewerten.

Wer jetzt behauptet: "Das hättest du vor zwei Jahren sicherlich nicht gesagt!", bekommt von mir nur zum Teil Recht. Klar, habe ich mich darauf gefreut, endlich selbständig zu sein und endlich tun und lassen zu dürfen, was ich will, ohne dass mir jemand reinredet. Aber einer Sache war ich mir bewusst: Die Rechte, die Stellung, die mir die Gesellschaft mit Erreichen der Volljährigkeit gibt, bekomme ich als Ergebnis einer Bewertung der Reife eines durchschnittlichen Menschens diesen Alters. Soll heißen: Die Gesellschaft findet, dass ein 18-jähriger oder eine 18-jährige im allgemeinen so reif ist, dass sie alleine Auto fahren, alleine wählen, sich besaufen in Maßen Alkohol trinken und noch ein paar andere Dinge tun darf. Und weil ich 18 bin, darf ich das alles auch. Mehr nicht.

Das bedeutet aber keineswegs, dass ich am Tag 6.575 meines Lebens mehr Erfahrung, Wissen, Routine, Glaubwürdigkeit, Kenntnis, Wasauchimmer habe als am Tag 6.574. Und das bekommt der eine oder andere nicht auseinander und neigt dazu, sich ab Tag 6.575 plötzlich zu überschätzen. Daher kann es nimmer nie verkehrt sein, auf einen alten Hasen zu hören, über seine eigenen Worte nachzudenken oder gar eine Entscheidung noch einmal genau zu hinterfragen, vielleicht auch zu überdenken. Klar, habe ich den Anspruch an mich, möglichst selbständig zu sein, aber dennoch sind die meisten Tipps, die ich direkt oder zwischen den Zeilen von meinen Mitmenschen bekomme, oft ja nur gut gemeint.

Dennoch geht auch nichts über eigene Erfahrungen. Man kann jemanden nicht vor dem Leben beschützen. Etwas, was ich immer wieder sehe, wenn Eltern ihre Kinder mit Behinderung beim Sport "abgeben" und vor Angst fast sterben, wenn ihr zwölfjähriges zum ersten Mal mit ihrem Rolli umkippt und sich einen blauen Fleck oder gar eine blutige Lippe holt. Andere Kinder holen sich das aufgeschlagene Knie spätestens mit 3 Jahren. Auch das Recht auf Verletzungen und das eigene Herausfinden von Grenzen gehört dazu. "Dazu" kannst du nennen wie du willst, meinetwegen auch Inklusion.

Aber das war nur ein kleiner Abstecher vom Weg. Einmal hinter den Busch sozusagen. Ich will auf etwas ganz anderes hinaus: Bei unserem letzten Training besuchte uns eine ehemalige Trainerin des Vereins. Bis Ende 2010 stand sie unter Vertrag, selbiger wurde aber durch den Verein gekündigt - nach immerhin sechs Jahren. Einige waren gut mit ihr klar gekommen, andere weniger, einige wenige mochte sie nicht - und die einigen wenigen hatten bei ihr einen schweren Stand. Ich hatte mit ihr nie direkt zu tun, da sie in erster Linie die jungen Männer betreut hatte. Gerüchteweise hat es wiederholt Ärger darüber gegeben, dass sie nie genug verdiente, es soll mehrmals Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Spesenabrechnungen gegeben haben - Gerüchte, die mich nichts angehen. Nach zwei weiteren Versuchen in anderen Vereinen, jeweils für ein halbes und für ein dreiviertel Jahr, wurden auch die neuen Verträge beendet - gerüchteweise aus denselben Gründen. Sie selbst schrieb drei persönliche Stellungnahmen zu ihren jeweiligen Vertragsauflösungen, jedes Mal habe sich der Arbeitgeber aus ihrer Sicht zu unflexibel und zu wenig kooperativ gezeigt.

Um nun endlich auf den Punkt zu kommen: Jene Frau suchte uns bei unserem letzten Straßentraining am Karfreitag auf, bat um eine Viertelstunde Zeit und wollte mit den drei jüngsten Frauen unter acht Augen sprechen, also mit Cathleen, Marie und mir. Sie wollte uns warnen vor einer bestimmten männlichen Person in unserem Verein. Ich kenne denjenigen schon aus der Zeit, als ich noch in der stationären Reha war, damals war er eher eine Art Trainer für mich, heute ist er ein guter Kumpel; und ich habe ihm viel zu verdanken. Er gehört aus meiner Sicht zu den (schätzen wir mal grob) drei besten Leuten in Hamburg, wenn es darum geht, jemandem den Umgang mit dem Rollstuhl beizubringen. Ich habe so viel von ihm gelernt. Nicht das Fahren von A nach B. Sondern alles, was darüber hinaus geht. Und selbst heute, wo ich behaupten würde, ich kann im Rollstuhl fahren, juckt es ihm in den Fingern, mir noch irgendetwas zu zeigen. Das sind dann eher schon "Kunststücke", aber er schafft es, einen zu begeistern, doch noch wieder etwas neues auszuprobieren. Er selbst ist auch Rollstuhlfahrer.

Wenn ich ihn sehe, habe ich schlagartig gute Laune, wird er erstmal geknuddelt, die Wellenlänge stimmt sofort und es dauert keine sechzig Sekunden und er hat mich zum Lachen gebracht. Irgendein trockener Spruch kommt immer von ihm. Nie auf Kosten anderer. Er ist irgendwie immer lustig, manchmal sogar albern, fast immer zu Späßen aufgelegt - und dennoch sehr Respekt einflößend und durchsetzungsstark. Ich schätze ihn 15 Jahre älter als ich.

Neulich traf ich ihn in "meiner" Klinik mitten auf einem der unzähligen Gänge, ich wollte gerade nach Hause - wir quatschten und quatschten und am Ende fand ich mich auf einem Übungsplatz wieder und er brachte mir bei, wie ich mit Anlauf über zwei Stufen gleichzeitig springen kann. Abwärts natürlich. Alles eine Kopf- und Materialsache, man braucht sowas auch nicht unbedingt im Tagesablauf, schließlich kann man die zwei Stufen (solange es nicht mehr werden) auch langsam auf den Hinterrädern gekippt runterfahren, aber es ist ein Beispiel dafür, dass er aus einem einfach immer wieder eine neue Herausforderung herauskitzelt.

Regelmäßig wöchentlich und in Wochenendseminaren oder auf Ferienfreizeiten bietet er solches Mobilitätstraining an und ganz, ganz viele Leute sind ihm für das, was er tut, einfach unheimlich dankbar. Er schenkt ihnen Mobilität, die ein Rollifahrer ja bekanntermaßen nicht im Übermaß hat. Teilweise üben einige Jugendliche schon seit Jahren immer wieder mit ihm, teilweise wöchentlich - und es gibt nicht wenige, die mit 12 nur von Mama und Papa geschoben wurden und nicht wussten, wie sie ihren Rollstuhl um die Kurve lenken sollen, und mit 16 völlig alleine mit der Bahn zu ihrem Ausbildungsplatz fahren.

Er bringt ihnen das Schwimmen bei, Jugendliche, die sich vorher wegen ihrer Behinderung nur mit Schwimmflügeln und Halskrause ins Becken getraut haben, schaffen ein Jahr später plötzlich ihren Freischwimmer. Meinen ersten "Sprung" vom Einmeterbrett (nach meinem Unfall) habe ich mit ihm zusammen gemacht. Auf dem Po bis zur Kante rutschen und reinplumpsen lassen - zehn Minuten habe ich auf diesem schwingenden Brett gesessen und mit meinen inneren Ängsten um die Wette gezittert. Er wollte es, ich wäre aus eigenem Antrieb nie auf dieses Brett geklettert. Ein bißchen habe ich es ihm zuliebe gemacht. Er saß daneben. Mit auf dem Brett. "Ich spring nach rechts, du nach links. Beide zugleich. Wenn du absäufst, rette ich dich." - Klingt billig, fast banal, war aber ein Meilenstein in meiner Reha. Ich fand es schmeichelhaft.

Natürlich säuft niemand ab. Dennoch war es schlimmer als bei meinem Freischwimmer, den ich machte, als ich 6 war. Als wir wieder draußen waren, wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen vor Freude. Hinterher fand ich mich und meinen Auftritt, mein stundenlanges Rumgeeier, peinlich. Aber: Er hat an mich geglaubt. Er wusste, wie wichtig sowas ist und hat nicht locker gelassen. Und dafür bin ich ihm dankbar, genauso wie viele andere es sind.

Zurück zu dieser Trainerin: Sie behauptet nun, dieser Mann sei ein unberechenbarer ... das Wort "Kinderschänder" hat sie nicht gesagt, aber zumindest bei mir impliziert. Cathleen und Marie ging es genauso. Sie habe auch keine Beweise dafür, es sei nichts konkretes vorgefallen. Es sei nur ein Gefühl. Daher ein vertrauliches Gespräch unter acht Augen. Tja, Pustekuchen. Mindestens eine üble Nachrede ist das. Und für Vertraulichkeit bin ich immer zu haben, es sei denn, es geht darum, Leute in den Dreck zu ziehen. Was hindert sie daran, den offenen Dialog zu suchen? Nichts. Auf genau diese Frage bekam ich diese Antwort: "Ich habe keine Beweise."

Ja, weißt du was? Dann halt einfach die Klappe. Um auf das Thema "Beschützerinstinkt", "gut gemeinte Warnung", "Lebenserfahrung", "Weitsicht", "guten Rat" und ähnliches zurückzukommen: Ich bin für jede Warnung dankbar. Aber hier missbraucht jemand ganz klar seine Autorität, die sie mit fast 50 Lebensjahren wohl automatisch ausstrahlt. Und insofern ist es kein gut gemeinter Ratschlag mehr, sondern eine Hetze einer verprellten Arbeitslosen als Rache für eine Kündigung. Derjenige, um den es hier geht, war damals für die Kündigung offiziell zuständig. Entsprechend habe ich ihm das auch gesteckt und es nicht für mich behalten.

In der Presse, so die Trainerin weiter, wird derzeit von einem Lehrer geschrieben, der angeblich mit einer 14-jährigen Schülerin als Gipfel einer monatelangen Beziehung Sex gehabt haben soll. Dieser Lehrer soll, so die Presse, auf Facebook mit vielen seiner Schülerinnen "befreundet" sein und auch regelmäßig chatten. Das Befreundetsein bei Facebook finde sie (finde im übrigen auch ich) bei einem Lehrer absolut unangebracht (vom Sex mit Schülern mal ganz zu schweigen).

Nur in unserem Sportverein handelt es sich nicht um einen Lehrer und auch um keine autoritäre Abhängigkeit. Als ich 16 war, habe ich den Typen auch bei Facebook in meine Freundesliste hinzugefügt. Zweimal hat er mich angeschrieben, insgesamt vier Worte: Herzlichen Glückwunsch. Zum 17. und zum 18. Geburtstag.

Ich habe heute endlich eine Sportkollegin erreicht, die heute 19 ist und ihn schon seit ihrem 12. Lebensjahr kennt. Sie hat eine angeborene Querschnittlähmung und hat bei ihm ebenfalls schwimmen und Rollifahren gelernt. Ich habe ihr von dem Gespräch mit der ehemaligen Trainerin erzählt. Ihre Antwort: "Absoluter Schwachsinn. Gerade beim Schwimmen muss er dich ja oft irgendwie und irgendwo anfassen und festhalten. Der hat mich in all den Jahren nie unvorbereitet berührt. Er hat immer vorher die Übung erklärt und angekündigt, dass er mich am Rücken und an der Schulter anfasst oder meine Füße oder meinen Kopf festhält oder sonstwas. Wir sind mit ihm auf Freizeiten gewesen, der ist nie irgendwo reingekommen ohne anzuklopfen oder sowas. Er hätte bei uns allen 1.000 Chancen gehabt, uns aus Versehen zu befummeln oder zu beobachten oder uns bei irgendwas ungefragt zu 'helfen' - der hat sich immer korrekt verhalten."

Er ist so ein Typ, dem man irgendwie gefallen möchte. Der sehr schmeichelhaft sein kann, mit dem man auch gut rumshakern kann. Marie kennt ihn kaum, Cathleen dafür um so besser. Wir beide, Cathleen und ich, haben sehr intensiv miteinander geredet. Und wir haben beide dasselbe gesagt: "Ich würde ihn bei einem One-Night-Stand nicht von der Bettkante stoßen." Auch nicht mit Blick auf den Altersunterschied. Ob aus Attraktivität, ob aus Dankbarkeit, aus falschen Erwartungen oder von mir aus auch nur der Sache wegen, sei mal dahingestellt. Den einzigen Grund, es nicht zu tun, liefert unsere freundschaftliche Beziehung zu seiner Partnerin. Und somit gibt es nichts, wovor man uns warnen müsste.

Sonntag, 8. April 2012

Osterhäschen

Die Fremde vor der Tür Teil 2: Es ging hiernach noch munter weiter. Ich hatte sie duschen geschickt, weil sie seit mittags weder ihre Tabletten genommen noch eine Toilette von innen gesehen hatte und entsprechend ... sagen wir mal ... sie roch nicht gerade nach einem Märchenwald. Eine Stunde lang hatte es gedauert, bis sie ihre Klamotten ausgezogen, sich unter die Dusche gesetzt, eingeseift, Haare gewaschen, abgebraust hatte. Und dann kam der Brüller. Sie saß auf dem Duschsitz, nackt, bis zur Brust in ein großes Handtuch eingewickelt und rief nach mir. Als ich um die Ecke guckte, meinte sie: "Kann ich mich irgendwo kathetern?"

"Ähm, wie jetzt. Nach dem Duschen? Warum machst du das denn nicht davor?" - "Ich wollte mich so nass und eklig wie ich war, nirgendwo hinlegen." - "Wieso hinlegen? Kannst du das nicht im Sitzen?" - "Sonst macht das meine Mutter immer im Liegen und ich selbst kann es auch nur im Liegen und nur im Notfall, falls das mal niemand anderes tun kann, haben die Ärzte gesagt."

Ich kriege einen Föhn. "Sag mal, du kannst es alleine und dann lässt du das jemand anderen machen? Warum machst du das denn nicht selbst? Dann bist du doch unabhängig von anderen Leuten. Das ist doch das wichtigste!" - "Naja, schon, aber wie soll ich das machen? So viele Hände habe ich doch gar nicht frei und überhaupt, es ist ja nicht überall ein Bett oder eine Liege." - "Wieso Hände frei? Wovon redest du?" - "Naja, erstmal alles auspacken." - "Was denn auspacken? Du wäscht dir die Hände, setzt dich aufs Klo, spreizt deine Schamlippen, siehst den Harnröhreneingang, nimmst den Katheter aus der sterilen Hülle, steckst das Ding in deine Harnröhre, ohne vorher noch irgendwo anders gegen zu kommen, wartest, bis alles leer ist, ziehst das Ding ganz langsam wieder raus, wartest dabei jedes Mal, sobald wieder ein Tropfen kommt, Hose hoch, spülen, nochmal Hände waschen, fertig. Eine Sache von höchstens zwei Minuten."

"Und die Handschuhe?" - "Was willst du damit?" - "Naja, muss doch steril sein!" - "Was muss steril sein? Der Katheter? Der ist steril. Und wenn du ihn nur dort anfasst, wo du anfassen sollst, bleibt er auch steril." - "Meinst du?" - "Na sicher. Ich kenne nur ganz wenige, die sich Handschuhe anziehen und dann meistens nur, weil sie es eklig finden, wenn sie sich aus Versehen über die Finger pinkeln." - "Ich seh doch aber den Eingang gar nicht." - "Dann guckst du bei den ersten zehn Mal in einen Spiegel und dann weißt du doch, auf welcher Höhe der ist. Der ist doch nicht jeden Tag woanders." - "Können wir das mal ausprobieren?"

Und so stand die Stinkesocke nachts um zwei mit einer wildfremden Person im Bad und übt das Pipi machen. Und siehe da, es hat funktioniert. Auf Anhieb und einwandfrei. Und als wir fertig waren, sagte ich: "Supi. Und nun ziehen wir uns eine Pampers an. Schonmal gemacht?" - "Nö, noch nie. Warum sollte ich das tun?" - "Weil ich heute nacht keinen Freischwimmer in meinem Bett machen will?" - "Wo schlaf ich denn?" - "Ja, entweder mit in meinem Doppelbett oder auf dem Fußboden auf einem Gästebett, also auf einer Luftmatratze." - "Luftmatratze", entschied sie. - "Okay, die wird aber auch nicht vollgepisst." - "Mach ich nicht." - "Nee, nur du hast seit heute mittag deine Tabletten nicht mehr genommen, was meinst du, was passiert, bis du wieder einen einigermaßen vernünftigen Wirkstoffspiegel im Blut hast?" - "Keine Ahnung?" - "Ja. Aber ich. Kannst echt froh sein, dass hier im Haus jemand dein Präparat nimmt. Wieso gehst du ohne deine Medikamente auf Reisen?" - "Hab ich gar nicht drüber nachgedacht. Bist du böse mit mir?" - "Nee, nur ich würde gerne irgendwann mal schlafen. Ich blas dir jetzt noch das Bett auf, da ist zum Glück eine elektrische Pumpe eingebaut, und dann zeig ich dir noch, wie du dir selbst so eine Klebewindel anziehst und dann möchte ich bis 10 Uhr nur noch geweckt werden, wenn du stirbst oder das Haus brennt."

Ihr standen schon wieder Tränen in den Augen. Ich nahm sie in den Arm und sagte: "Ist nicht böse gemeint. Aber ich möchte jetzt wirklich schlafen, okay? Wir sind 60 Kilometer mit dem Handbike gefahren und ich bin wirklich alle." - "60 Kilometer?"

Und auch auf die Gefahr, dass mich der folgende Satz in der aktuellen Abstimmung bei der Deutschen Welle um fünf Prozentpunkte zurück wirft: Was waren wir beide um 10 Uhr froh, dass ich ihr gezeigt habe, wie man eine Pampers anlegt. Häschen hat nämlich regelmäßig jeden Morgen um 8 Uhr Stuhlgang. Und wer denkt, das ist doch prima vom Häschen: Nee, ist es nicht. Häschen wacht nämlich erst um 10 Uhr auf!

Und Häschens erster Satz war: "Lange nicht mehr so gut und so lange geschlafen." - Für alles, was danach kam, habe ich mir dann eine Pflegekraft geangelt. Was war ich froh, dass mir eine junge Frau helfen konnte, meinen Besuch wieder stadtfein zu bekommen. Anschließend übten wir dann noch endlose Male, wie man vom Boden wieder in den Rolli kommt - was sie am Ende noch nicht ganz alleine konnte, zumal auch der Rollstuhl noch anders eingestellt werden musste - aber immerhin wusste sie, wie es geht.

Am Nachmittag wollten wir gemeinsam mit einigen Leuten über das Volksfest. Mein Besuch kam keinen Bordstein hoch, in keine S-Bahn rein, geschweige denn raus und an Rolltreppe fahren war erst recht nicht zu denken. Aber auf dem Volksfest hatte sie ihren Spaß. Hat sich in insgesamt drei Fahrgeschäfte reintragen lassen (diejenigen, die immer kontrollieren, ob die Bügel richtig sitzen, haben sich tatsächlich gefreut, zwischendurch mal ein paar Mädels auf Händen tragen zu dürfen) und war am Ende wirklich begeistert. Anfangs hatte sie Zweifel, ob sie mit ihrem Querschnitt nun wirklich in ein Karrussel dürfte - aber der Arzt hätte gemeint, sie dürfe. Und da sie früher auch immer gerne in irgendwelche Fahrgeschäfte gegangen ist ...

Seit einer Stunde ist sie wieder weg. Ihre Eltern haben sie auf ihren Wunsch mit dem Auto nach Hause geholt. Sie meinte, es seien sehr viele Eindrücke gewesen und sie würde nun alles daran setzen, auch einige Rollstuhlfahrerinnen kennen zu lernen, um das eine oder andere dazu zu lernen. "Bist du mir böse wegen des Überfalls?" fragte sie zum Schluss. - "Nein. Es war okay. Aber lass uns das nächste Treffen bitte vorher verabreden." - "Auf jeden Fall."

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich ihr natürlich helfen. Damit sie Dinge dazu lernt, die ihr das Leben einfacher machen. Damit sie mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein bekommt. Damit sie mit ihrer Situation besser zurecht kommt, denn niemand kann mir erzählen, dass sie ihr neues Leben akzeptiert hat. Vermutlich hat sie es nicht mal realisiert. Und da sind wir auch beim andererseits: Andererseits kann es doch nicht sein, dass die Gesellschaft diese Leute sich selbst und ihren "Artgenossen" überlässt, um ein paar Euro in der Krankenversicherung zu sparen. Eine Querschnittlähmung ist kein Fall. Und schon gar nicht pauschal. Und schon gar keine Fallpauschale.