Samstag, 31. März 2012

Noch ein Lichtblick

Endlich, Maria bekommt endlich ihren elektrischen Rollstuhl. Nachdem sich ihre Hausärztin kürzlich ausführlich dazu geäußert hat, ob der E-Rolli denn vielleicht Krankengymnastik ersetzen könnte, bekam Maria gestern einen Brief von ihrer Krankenkasse:

"Sehr geehrte Frau ..., an der Versorgung beteiligt sich Ihre ... gerne. Entsprechend des Kostenvoranschlages entstehen aufgrund der Verordnung vom 05.01.12 Kosten in Höhe von € 7.110,84. Die Aufwendungen werden in voller Höhe übernommen. Das überlassene Hilfsmittel ist Eigentum der ... Bitte informieren Sie uns, sofern das Hilfsmittel von Ihnen nicht mehr benötigt wird. Alle angegebenen Beträge enthalten die gesetzliche Mehrwertsteuer. Der Leistungserbringer ... wurde gleichzeitig informiert. Haben Sie noch Fragen? Rufen Sie uns an - wir beraten Sie gerne."

Mit dem Preis ist der Rollstuhl für eine relativ einfache Versorgung relativ teuer, wobei es durchaus auch E-Rollis gibt, die 30.000 € kosten. Der verhältnismäßig hohe Preis liegt daran, dass die Industrie keine elektrischen Rollstühle in Marias Maßen an der Stange hat, also eine Einzelanpassung vornehmen muss. Und dafür ist er dann wiederum vergleichsweise günstig. Er wurde vom Sanitätshaus, jenes, was auch so kurzfristig ihr Bett leihweise zur Verfügung gestellt hat, als sie bei uns einzog, bereits bestellt - Liefertermin: 26. Kalenderwoche 2012. Also Auslieferung an Maria dann Anfang Juli. Dann hat es nach der Verordnung so ziemlich genau ein halbes Jahr gedauert.

Immerhin darf sie ihren bisherigen Rolli, mit dem sie sich in ihrem Zimmer und innerhalb des Hauses fortbewegt, behalten. Inzwischen hat die Krankenkasse eingesehen, dass sie mit dem Gerät keinen Gewinn mehr machen, sondern ihn nur noch entsorgen könnte. Für Maria bedeutet das hingegen, dass sie sich selbständig noch drinnen fortbewegen kann, dadurch in Bewegung bleibt, und gleichzeitig der elektrische Rollstuhl so gewählt werden kann, dass er für draußen optimiert, also robuster ist.

Marias erster Satz, als sie das las: "Wow. Ich hab schon nicht mehr dran geglaubt."

Mittwoch, 28. März 2012

Ein paar Lichtblicke

Gestern abend kam Cathleen noch zu mir ins Zimmer, hat mich noch eine halbe Stunde in den Arm genommen und gekrault. Sehr lieb von ihr. Sie meint, wir schaffen das schon alles, es seien ja verschiedene Ziele in Sicht und so lange müsse man halt durchhalten. Es brenne ja nichts an. Wenn sie meint... glaube ich ihr das mal.

Zum Thema Rollstuhlreparatur gibt es auch eine tolle Neuigkeit: Gegen 17.30 Uhr bekam ich plötzlich eine SMS, ich möge bitte einen Basketballspieler mal auf dem Handy anrufen, er hätte meine Nummer nicht, einen Fußgänger, der hätte eine Lösung für meine lockeren Speichen und die Acht im Rad. Hab ich natürlich gemacht, er meinte: "Wo genau in der ...-Straße wohnst du denn? Die ist ja ziemlich lang. Bist du gerade zu Hause?"

Ich nannte ihm die Hausnummer, zehn Minuten später stand er vor der Tür, meinte, er sei auf dem Weg von der Arbeit nach Hause und nehme jetzt meine Räder mit, in zwei Stunden stellt er sie mir ins Taxi und dann hab ich sie wieder. Er könne das nicht mit ansehen. Ich muss nur das Taxi bezahlen und er kriegt zwei Flaschen Bier, so lange dauere das Einspeichen und Zentrieren. Ich fragte: "Hast du die Speichen denn überhaupt da? Das ist eine Hohlkammerfelge und zwei sind schon wieder gebrochen."

"Solange es keine Spinergy-Speichen sind, hab ich alles da. Mein Kumpel hat einen Fahrradladen, das passt schon. Ich zentriere dir das und dann hast du sie in zwei Stunden wieder."

Er guckte sich die Räder an und sagte: "Was haben die denn damit gemacht? Wie kann man denn da so eine Acht reinkriegen? Waren die besoffen oder was?"

Keine Ahnung. "Was sage ich denn jetzt meinem Kostenträger? Offiziell verlangt er ja, dass das Sanitätshaus nachbessert." - "Die hatten ja nun mehr als eine Chance. Ist doch nicht dein Problem. Wenn einer rummotzt, sagst du einfach, dass sich das Leben nicht immer nach der Bürokratie richten kann, sondern sich die Bürokratie auch mal nach dem Leben richten muss. Du brauchst zum Studienbeginn einen funktionierenden Rollstuhl, fertig. Sollen sie halt sich was überlegen, wie sie das ausbuchen oder abheften oder sonstwas."

Tja, was soll ich sagen? Halb acht hatte ich meine Räder wieder. Schnurgerade zentriert, alle Speichen stramm, nichts knarzt, vernünftig aufgepumpt, Decken in Laufrichtung montiert (das war beim Sanitätshaus auch anders), 17 Euro musste ich für das Taxi zahlen - meinetwegen. Ich hätte auch 34 bezahlt. Wenn dann damit jetzt endlich Ruhe ist. Ich könnte den Typen knutschen. Warum tut er das? Der ist fast 20 Jahre älter als ich und ich kenne den kaum. Höchstens mal vom Sehen.

Und noch eine Lösung zeichnet sich ab: Marie, meine Fast-Kommilitonin, hat am 22. ihr Auto bekommen, einen alten Passat Kombi, und hat angeboten, meine jeweiligen Trainingsgeräte zum Straßentraining mitzunehmen. Das ist natürlich ein geniales Angebot, mit dem ich nie gerechnet hätte. Ich war inzwischen auch davon ausgegangen, dass sie nicht mehr so intensiv trainieren wollte, sondern eher nur schwimmt. Aber ich sage natürlich nicht "Nein" - allerdings möchte sie nach einem Nachttraining (wir trainieren ja meistens nachts auf einer gesperrten Straße) bei mir regelmäßig schlafen und am nächsten Morgen ein Frühstück bekommen - als Entschädigung...

Damit ist mir auf jeden Fall das größte belastendste Problem abgenommen worden. Ich habe mir übrigens noch einmal den Spaß gemacht, und bei einem Autoportal im Internet gesucht. Es gibt in ganz Deutschland keinen einzigen gebrauchten Wagen, der passend umgebaut ist für Handbedienung. Und einen Gebrauchten umzubauen, kommt nicht in Frage, da der Umbau rund 4.000 Euro kostet und das Auto anschließend komplett zum TÜV muss. Da müsste es schon ein sehr guter Gebrauchter sein - das lohnt sich wirklich nicht. Ich hoffe dann lieber, dass einer der beiden doch noch schneller fertig wird.

Dienstag, 27. März 2012

Plötzlich so anders

Warum liest sich mein großartiger Blog plötzlich so anders? Warum schildere ich die Herausforderungen des Alltags nicht mehr so positiv wie früher? Warum reagiere ich, warum reagieren meine Freunde teilweise so krass und asozial auf Hilfsangebote? Warum gehe ich so respektlos und herabwürdigend mit meiner Umwelt, insbesondere mit Tieren um? Warum bin ich in den letzten drei Jahren so selbstherrlich geworden? Worüber kann ich überhaupt noch offen und frei schreiben, wenn so viele Leute aus meinem täglichen Umgang hier mitlesen? Schreibe ich jetzt, nur wegen einigen wenigen Fetischisten, nicht mehr offen über meine Behinderung mit allen ihren Facetten?

Das sind einige wenige der Fragen, die mir Leser per Kommentar oder per Mail in der letzten Woche gestellt haben. Ich bitte immer um Feedbacks, ich lese sie gerne, alle. Einige nehme ich mir zu Herzen, andere weniger, fast alle veröffentliche ich - ausdrücklich auch die, die nicht meiner Meinung entsprechen.

Aber einige wenige Feedbacks machen das Schreiben hier teilweise echt anstrengend. Nämlich dann, wenn Leser für jeden Pups irgendeine Erklärung oder Rechtfertigung erwarten. Oder wegen einer hier erzählten Alltagsbegebenheit oder auch nur einem einzigen Satz aus einer solchen Erzählung meinen, die Moralkeule schwingen zu müssen.

Zum Beispiel gehe ich nicht respektlos und herabwürdigend mit Tieren um. Jemand fühlte sich genötigt, mir eine dreiseitige Mail darüber zu schreiben, dass Pferde wunderbare Tiere seien, die es gar nicht nötig hätten, mich durch die Gegend zu tragen. Ja nee, is klar. Der Gaul soll froh sein, wenn er mal aus seiner Box raus darf und ich ihm nicht mit dem Gewicht eines durchtrainierten Gerüstbauers ins Kreuz falle. Schließlich zahle ich für meine Reitstunde und er kriegt von dem Geld Futter, Wasser und Stroh bezahlt.

Glaubt jemand wirklich, dass ich so denke? Oder auch nur annähernd ähnlich? Muss ich mich dennoch dafür rechtfertigen, wenn ich ein buckelndes Pferd als "Scheißviech" bezeichne? Mich muss niemand tragen. Auch ein Pferd nicht. Es darf mir, genauso wie jeder andere auch, gerne direkt sagen: Socke, ich hab keinen Bock auf dich. Lass mich in Ruhe. Du stinkst, du bist behindert, du bist ein Mensch, du bist blond, dein Wesen, deine Gedanken oder sonstwas gefällt mir nicht - ich will nichts mit dir zu tun haben. Hätte mir das Pferd das vorher gesagt, wäre ich niemals auf seinen Rücken geklettert. Aber es hat vorher an mir gerochen, hat mir seine Nase fast in meinen Ausschnitt gesteckt, sich kraulen lassen, die Ohren hängen lassen, wollte sogar an mir knabbern - ich habe weder komisch auf ihm gesessen noch ihn irgendwo getriggert noch war ich unachtsam oder unkonzentriert. Er musste einfach austesten, ob er mich abwerfen kann. Damit ist es erstmal ein Scheißviech. Trotz aller Liebe, die ich für diese Tiere empfinde, erlaube ich mir, meine Missempfindungen für dieses (übrigens nicht ungefährliche) Verhalten auszudrücken. In anderer Dimension ist der Kugelschreiber, der gerade vor mir liegt, ein Scheißstift, weil er leer ist, genauso wie die S-Bahn, die mir vorhin vor der Nase wegfuhr, eine Scheißbahn ist. Und einen Scheißaufzug hatten wir heute auch schon und ein Scheißhandy auch. Okay, eigentlich war es ein Scheißakku. Und Scheiß-Kopfsteinpflaster, auf dem ich mich hingepackt habe, einen Scheiß-Flaschenverschluss, der sich mir dabei in den Unterarm gerammt hat, und eine Scheißtür, in der ich mir anschließend noch die Finger geklemmt habe. Tat scheiße weh. Und Scheißlaune hatte ich heute auch schon und die eine oder andere Scheiß-Idee.

Nachdem mich das Pferd nicht abwerfen konnte und sein Kollege auf sein Gezicke auch nicht reagiert hat, war es super lieb! Er hat sich richtig Mühe gegeben und zeitweilig hatte ich das Gefühl, er wollte mir zeigen, wie toll er ist. War er ja auch. Aber völlig emotionslos lasse ich mich nicht abwerfen und völlig emotionslos fährt mir auch gefälligst keine Bahn vor der Nase weg. Basta. Ich bin jawohl kein Automat, der jeden Reiz seiner Umwelt lediglich registriert. Und ohne einen gewissen Anspruch an mich selbst, ohne eine gewisse Anspannung überlebe ich keinen Alltag. Ich mag Leute nicht, die sich mit mir um 12 verabreden und um halb 2 anrufen, sie seien jetzt auf dem Weg.

Und damit sind wir auch genau beim Thema. Ich bin in letzter Zeit nur noch genervt. Ich möchte ein unabhängiges Leben, was mit einer Behinderung in einer Welt voller Barrieren sehr schwierig ist. Der Weg, auf dem sich ein Querschnitt durch das tägliche Leben bewegen kann, ist sehr schmal und unaufgeräumt. Wenn ich, wie zur Zeit gefühlt, vor einem ganzen Stapel Hindernissen stehe und sie nicht weggeräumt kriege, macht das schlechte Laune. Und wenn man viel Zeit damit verbringt, zu diskutieren, ob diese Hindernisse aus dem Weg geräumt gehören oder nicht, obwohl ein Ergebnis bereits mehrmals beschlossen oder von höherer Stelle verbindlich vorgegeben wurde, dann werde ich zunehmend ungnädiger. Und wenn ich dann keinen Ausgleich finde, staut sich das alles an.

Im Moment ist es einfach so, dass ich extrem ungnädig und genervt bin, weil nichts voran geht. Sowas kommt immer mal vor, klar. Nur bei mir ist es nicht mehr in einem erträglichen Gleichgewicht. Im Moment bestimmen solche Sachen meinen Alltag, und nirgendwo ist ein Ende in Sicht. Auch wenn ich nicht von allen Dingen direkt betroffen bin, ich bin es zumindest indirekt soweit, dass die schlechte Stimmung, die von diesen Dingen ausgeht, auch auf mich wirkt. Ich könnte jetzt aus dem Stand 10 Beispiele aufzählen, die jedes für sich betrachtet so gravierend sind, dass ich es einfach nicht packe, darüber zu lächeln. Vieles macht mich einfach nur noch wütend.

Beispiel 1: Maria. Es liegt noch immer keine Entscheidung darüber vor, ob sie nun bei uns wohnen darf oder nicht bzw. ob ihre Pflege finanziert wird. Das geht nun schon seit Monaten so und es ist kein Ende in Sicht. Inzwischen ist nun schon ein Gericht eingeschaltet und nun ist erstmal die Akte unauffindbar. Schön, dass wir uns am Anfang eines Geschäftsjahres befinden, ansonsten wäre unser Trägerverein demnächst pleite. Maria ist persönlich davon betroffen, es ist einfach nur noch zermürbend. Auch für mich, die alle Fragen ständig mitbekommt und genauso täglich auf eine Entscheidung wartet. Und die Tatsache, dass mein Blog an den entscheidenden Stellen gelesen und zitiert wird, macht es nicht einfacher.

Beispiel 2: Mein Auto. Meine Mobilität wurde mir genommen, die Staatsanwaltschaft hat inzwischen die Ermittlungen eingestellt, weil der Täter nicht mit der für eine Anklageerhebung nötigen Eindeutigkeit ermittelt werden konnte, wie es hieß. Der in den Papieren eingetragene Fahrer hat ein Alibi. Das heißt: Der wahre Täter kommt ohne Strafe davon. Aber immerhin zahlt die Versicherung. Vielleicht. Nützt mir im Moment aber auch nicht viel, weil ich kein Auto habe und ohne Auto nur sehr begrenzt mobil bin. Ein Auto ist bereits bestellt, wegen fehlender Bauteile rechnet man aber im Moment mit der ersten Novemberwoche! Ein zweites Auto ist inzwischen auch bestellt, ein Touran in erster Linie für Sofie, der soll in der letzten Augustwoche geliefert werden. Grund: Lange Wartezeiten beim DSG-Getriebe. Und dann die Frage: Muss die gegnerische Versicherung in der Zeit ein Taxi bezahlen? Laut höchstrichterlicher Entscheidung nicht, die Besonderheiten einer Behinderung sind mir zuzuschreiben, sie haben mit dem Unfall nichts zu tun. Das geht analog zu dem Grundsatzurteil, das Rollstuhlfahrer keine Mietminderung geltend machen können, wenn der Fahrstuhl ausfällt, denn dass sie die vorhandenen Treppen nicht nutzen können, hat ja der Vermieter nicht zu verantworten.

Es ist aber letztlich auch nicht das Kostenproblem, sondern der Aufriss: Taxi anrufen, bis das kommt, ich mit Sack und Pack im Taxi bin, der Taxifahrer meinen Rollstuhl im Kofferraum verladen hat, ihm (und das wäre nicht das erste Mal) vielleicht noch auffällt, dass der gar nicht in seinen Kofferraum passt, obwohl ich bei der Bestellung extra gesagt habe, dass ein Rollstuhl mit soll, dann ein neues Taxi her muss, es mit dem ersten Streit darüber gibt, ob ich die vergebliche Anfahrt bezahlen muss, es mit dem zweiten Streit gibt, weil der sein Taxameter schon 100 Meter vor der Haustür eingeschaltet hat, damit er für das Einladen auch noch Abrechnen kann ... ach muss ich noch weiter erzählen? Dass in Hamburg jeder fünfte Taxifahrer die Wege nicht kennt, so eine Untersuchung einer Tageszeitung kürzlich?!

Egal, das ist ja nur täglicher Ärger, den man sich nicht zu Herzen nehmen muss. Genauso, dass ich für mein Auto eine Auftragsbestätigung bekomme, in der man sich um 999,99 € zu meinen Ungunsten verrechnet hat. Egal.

Beispiel 3: Mein Rollstuhl war jetzt bereits vier Mal zur Reparatur. Grund: Die Speichen sind lose. Beim ersten Mal haben sie ihn ohne überhaupt Hand angelegt zu haben, wieder ausgeliefert, weil sie die Speichen nicht da hatten. Beim zweiten Mal hatten sie die falschen Speichen da. Beim dritten Mal haben sie zwar einige Speichen festgezogen, aber nicht alle. Beim vierten Mal haben sie eine Acht ins Rad gespannt. Nun muss er zum fünften Mal weg, und zwar über 24 Stunden zum Sanitätshaus. Ich habe in der Zeit keinen vernünftigen Stuhl, nur eine Ersatzgurke. Aber erstmal müssen nochmal neue Speichen bestellt werden. In der Zwischenzeit kann ich mit dem Stuhl nicht vernünftig fahren, komme nirgendwo hin, ohne im Schneckentempo ständig zu riskieren, dass ich mich hinpacke. Und ja, es ist nur der Rollstuhl - aber ich sitze 10 bis 14 Stunden pro Tag drin!

Beispiel 4: Mein Sport. Ich wollte in dieser Saison an mindestens einem Triathlon teilnehmen. Kann ich vergessen. Ich komme nicht zum Training! Ich muss ja mindestens einen Sportstuhl mitnehmen, der passt in kein Taxi, der passt schon gar nicht in den Bus und aus der Tatsache, dass ich regelmäßig Leute in meinem Auto mitgenommen habe, lässt sich ableiten, dass für mich niemand Platz hat. Nun ist es noch enger - hab ich halt Pech gehabt, für das nächste halbe Jahr. Sagt auch unsere Trainerin. Teilnehmen kann nur, wer das organisiert kriegt. Alles klar. Ich weiß schon, wohin ich dieses Jahr nichts spende. Normalerweise hätte ich nie drüber geredet und es ist auch nicht ganz uneigennützig: Ich spende lieber was, anstatt so viel Steuern zahlen zu müssen. Es lohnt sich wirklich für mich. Und für den Verein auch, immerhin war es 2011 eine fünfstellige Summe zu einem barrierefreien Umbau. Wobei der Umbau auch mir zugute kommt, sehe ich auch alles. Aber dennoch: Wenn man fragt, ob man für die Zeit, bis man wieder ein Auto hat, seinen Sportrolli in einem Abstellraum vor Ort lagern kann, und das dann trotz reichlich vorhandenem Platz aus Prinzip abgelehnt wird, weil man nicht möchte, dass irgendwann dort mehrere stehen, habe ich dafür zwar grundsätzliches Verständnis, aber mehr dann eben auch nicht.

Beispiel 5: Am letzten Wochenende fand offizielles Angrillen 2012, auch vom Sportverein, statt. Ich mache eine große Schüssel Salat, kauf die ganzen Sachen mit dem Rolli ein, fahre mit der schweren Schüssel im Rucksack quer durch die Stadt, Meterbrot auch noch dabei, und es war wirklich beschwerlich mit so einem Gewicht und diesen unhandlichen Broten im defekten Rolli in der Bahn ... es wäre alles nicht der Rede wert gewesen, wenn es dann nicht zwei Mütter minderjähriger Sportkollegen gegeben hätte, die sich mehr oder weniger freiwillig für den Ausschank gemeldet haben (jeder ist mal dran) und den ganzen Tag nur rumgemault haben. Essen und Trinken wurde gespendet, aber dann "verkauft", die dadurch eingenommenen Spenden waren für ein Kinder- und Jugendprojekt bestimmt, nur leider hat irgendeiner in die Kasse gegriffen, so dass sich jetzt nicht der Kindersport freut, sondern irgendein Arschloch. Dann haben die Muddis da noch zwei Kaffeekannen und eine Glasschüssel runtergeworfen, ein Schneidebrett durchgebrochen und am Ende die Tischabfälle in meinen Nudelsalat gekippt. Nicht, dass davon noch jemand was essen wollte oder dass man den noch wieder mit nach Hause nehmen könnte, ach was! Und dass man die Meterbrote auch noch aufbacken kann am nächsten Morgen, wie kommt man denn darauf?! Nein, die werfen wir in den Müll. Zum nicht gebratenen Fleisch. Und was sagen die Muddis? "Wenn es euch nicht passt, sucht euch doch andere Freiwillige." - Ich war echt restlos bedient und habe für die nächsten Monate genug. Die Hälfte der Leute war nicht da, weil nicht vernünftig eingeladen wurde (angeblich ist die Post nicht richtig angekommen) und ... naja. Vielleicht tut mir die Zwangspause ja mal ganz gut für etwas Abstand.

Beispiel 6: Cathleen bekommt nur noch bis 30.04.12 über die Krankenkasse ihre Pampers bezahlt. Nachdem es ja schon gefühlte zwei Dutzend Mal Theater gab, war zuletzt über ein Jahr lang einigermaßen Ruhe. Jetzt dürfte sie wieder kämpfen, wenn sie nicht bereits gesagt hätte: Ich habe keinen Bock mehr. Ich zahl die Dinger privat. Grund für das Theater: Ihre Krankenkasse hat neue Verträge abgeschlossen und sie bekäme jetzt nur noch diejenigen Pampers, die man theoretisch auch weglassen könnte, das hätte in etwa denselben Effekt. Sparversion.

Beispiel 7: Nochmal Maria. Ist ihr Elektrorollstuhl schon bewilligt? Nein! Nun wurde die verordnende Ärztin noch einmal von der Kasse angeschrieben. Maria sagt, diese habe das Vorgehen der Kasse als schikanös bezeichnet. Die Fragen der Kasse im einzelnen: "1. Welche Funktionsdefizite machen das Hilfsmittel notwendig? 2. Ist die Nutzung des Hilfsmittels in ein Therapiekonzept eingebettet? 3. In welchen Umfang kann durch die Nutzung des Hilfsmittels eine Reduzierung der Heilmitteltherapie erfolgen? 4. Welche Therapiemaßnahmen sind im Vorfeld veranlasst worden und weshalb sind diese nicht ausreichend und zweckmäßig?"

Die Antworten der Ärztin: "Zu 1) Patientin ist -wie Ihnen bereits hinlänglich bekannt- wegen ausgeprägter Bewegungsstörungen bei fortschreitender neuromuskulärer Erkrankung nicht mehr in der Lage, sich außerhalb der Wohnung auf angemessene Weise in einem durch Muskelkraft angetriebenen Rollstuhl fortzubewegen. Zu 2) Nein, das Hilfsmittel bedient das Grundbedürfnis zur Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft und soll eine Behinderung ausgleichen und die Abhängigkeit von Pflege vermindern, einen unmittelbaren therapeutischen Nutzen hat das Hilfsmittel nicht. Zu 3) Gar nicht, durch die Nutzung des Hilfsmittels ist eher zu erwarten, dass die Patientin die erforderlichen Sitzungen der Heilmitteltherapie von Dritten unabhängig in Eigenregie besser und öfter wahrnehmen kann als es bisher in der extrem strapazierten Pflegesituation im Behindertenwohnheim möglich war. Zu 4) Da es sich um eine fortschreitende degenerative Erkrankung handelt, für die es keinen wissenschaftlich fundierten Therapieansatz gibt, der über das Erlernen der Funktionsverluste verlangsamenden und die Funktionsausfälle kompensierenden krankengymnastischen und logopädischen Übungen hinausgeht, kann die Frage aus medizinischer Sicht nicht beantwortet werden." - Wir warten weiter. Inzwischen seit knapp einem Vierteljahr.

Beispiel 8: Meine Mutter ist wieder aktiv. Man hat sie wohl entlassen, genaues weiß ich nicht, sie hat wohl mehrmals schon wieder in meinem Sportverein angerufen und versucht, irgendwelche Einzelheiten über mich rauszufinden. Spätestens jeden zweiten Tag ruft mich irgendeiner wegen meiner Mutter an, angeblich soll ein Betreuer bestellt worden sein, mit dem konnte ich aber bisher nicht sprechen. Eine Rechtsanwältin ... keine Zeit. Wahrscheinlich hat meine Mutter es bald geschafft und steht dann hier regelmäßig vor meiner Tür.

Beispiel 9: Meine Psychotherapeutin. Hat ein Kind gekriegt, steckt mitten im Umzugsstress und verschiebt ständig die Termine. Beziehungsweise das Sekretariat, das für alle Psychotherapeuten dort zuständig ist, verschiebt sie. Und manchmal vergessen die das halt, dann fahre ich dorthin, mit Bus und Bahn, freue mich auf die Stunde und stelle fest: Heute ist sie gar nicht da! Und fahre wieder nach Hause. Wie schon mehrmals jetzt geschehen. Oder ich bekomme von ihr einen Anruf, warum ich denn nicht käme - Termin falsch eingetragen. Aber in ihrem Kalender. Und anstatt dann zuzugeben, dass man Scheiße gebaut hat, schließlich passiert es bei anderen Patienten auch, man tauscht sich ja aus und kennt den einen oder anderen vom Sehen: Nö!!! Ein Einzelfall. Ich bin doof, ich kann meinen Kalender nicht lesen. So die Sekretärin. Und meine Therapeutin, wenn man sie mal direkt anspricht? "Ich halte mich da raus, ich war bei der Terminbesprechung nicht dabei und kann vom Sekretariat wohl erwarten, dass das klappt." - Steht wohl auch unter irgendeinem Druck, denn sonst ist sie eigentlich nicht so.

Beispiel 10: Bei uns im Haus wird ja wegen der Physio- und Ergotherapiepraxis umgebaut. Sieht schon gut aus, die Arbeiten laufen auf Hochtouren. Jeden Morgen um 6.30 Uhr fangen Handwerker an, mit Bohrhämmern irgendwas unter Putz zu legen oder ähnliches. Frühes Aufstehen tut ja gut, aber jetzt, wo ich mit dem Rollstuhl kaum raus komme, nicht richtig Sport machen kann, kein Auto habe, keine Uni, keine Schule ... es nervt tierisch. Das geht seit einigen Wochen teilweise stundenlang, man versteht sein eigenes Wort nicht. Die verlegen da unten komplett neue Leitungen, haben einen Träger reingezogen, neue Türen, neue Zwischenwände, ...

Achso, hab ich schlechte Laune? Mecker ich zu viel? Schaffen andere das alles mit links?! Sind das alles ganz normale Alltagsdinge, die ich falsch wahrnehme?

Ja, ich habe mitbekommen, dass endlich wieder Frühling ist und die Sonne scheint. Sie tut mir gut. Wie gerne würde ich mit meinem Handbike fahren. Jenes, was man vor den Alltagsrolli spannt ... achso, geht ja gerade nicht, ist ja eine Acht im Rad. Vom Alltagsrolli. Aber ich will nicht nur meckern. Ich will mich auch freuen. So freue ich mich für meine Leute, die heute ohne mich übers Volksfest gegangen bzw. gerollt sind und einen tollen Nachmittag hatten.

Ja, richtig. Mein Blog ist plötzlich gerade so anders. So wenig positiv. Aber Selbstherrlichkeit? Die sehe ich nun -in der Tat- noch nicht.

Sonntag, 18. März 2012

Ein toller Fernsehclip

Meine Leserinnen und Leser wissen, wie selten ich hier Videos verlinke. Also muss es schon was tolles sein!

Drei Hamburger Sportfreundinnen, die (im Gegensatz zu mir) Rollstuhlbasketball spielen, möchten im Sommer zu den Paralympics nach London. Als amtierende Europameisterinnen sind sie bereits qualifiziert, nur die genaue Teamzusammensetzung steht noch nicht fest. So hoffen alle drei, dabei zu sein.

Ein absolutes Vorbild von mir ist Maya, die in dem Clip mehrmals zu sehen ist. Mir gefällt das Leuchten in ihren Augen, wenn sie von ihrem Sport erzählt - und ihre freche Art, als sie dem Fernsehteam erklärt, dass sie sich schon drauf freut, bei der Paralympics auch im Fernsehen sein zu können...

Wieder geritten

Zwei Wochen noch. Ich bin schon jetzt aufgeregt ohne Ende. Wohin soll das noch führen? Wahrscheinlich schlafe ich die letzten beiden Nächte vor meinem ersten Unitag gar nicht mehr. Und dabei ist doch alles ganz easy und in einem halben Jahr werde ich fast nicht mehr verstehen können, wie ich wegen meines Studiums so aufgeregt sein konnte. Aber noch ist "heute" und nicht "in einem halben Jahr". Marie (nicht Maria) ist übrigens mindestens genauso aufgeregt, sagt sie.

Es wird allerdings auch Zeit, dass es endlich losgeht. Ich hoffe, dass ich das alles irgendwie schaffe. Da ich ja zur Zeit kein Auto habe, fahre ich statt den 15 Minuten mit dem Auto (für 9 Kilometer laut Google Maps) ganze 65 Minuten mit Öffis (laut Online-Fahrplanauskunft des HVV) - hurra. Ich freue mich schon auf die netten Gespräche in der Bahn, die mich dann wieder jeden Morgen vor dem ersten Frühstück erwarten. Okay, okay, vielleicht beginnt die Uni auch später am Morgen. Und ob ich vorher frühstücke, liegt ja auch an mir. Ich weiß, ich habe einen größeren Einfluss auf das, was ich täglich erlebe, als ich manchmal glaube.

So waren wir heute im Hamburger "Speckgürtel", im angrenzenden Schleswig-Holstein, um dort zu reiten. Jana hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte, sie hat eine Klara kennen gelernt, die vor etwa einem Jahr vom Pferd gestürzt ist und seitdem im Rollstuhl sitzt. Klara reitet seit einigen Wochen wieder, die Eltern haben einen eigenen Stall. Zuerst haben wir (Jana, Marie und ich) uns im Klara zum Brunchen in der Stadt getroffen. Dann ging es mit der S-Bahn an den Stadtrand.

Normalerweise verwende ich für meine Leute andere Vornamen in meinem Blog. Meistens frage ich sie, wie sie heißen wollen. In diesem Fall heißt "Klara" wirklich "Klara", sie hatte nichts dagegen, dass ich unter ihrem richtigen Vornamen schreibe. Und nur dann macht die Story, die wir heute in der Bahn erlebt haben, auch einen Sinn.

Am Berliner Tor fiel Klaras Handy fast von ihrem Schoß. Da sie das ja nicht fühlt, sagte ich: "Klara, dein Handy fällt gleich runter." - Gegenüber saß ein Typ und meinte: "Du bist Klara? Die Klara aus Frankfurt, die in den Alpen laufen lernt?" - Klara guckte verdattert, ich antwortete: "Ja und ich bin Heidi. In der modernen Fassung des Buches sitzt Heidi auch im Rollstuhl." - Jana setzte noch einen oben drauf: "Und ich bin der Herr Sesemann und habe meinen Kindern verboten, sich von fremden Leuten ansprechen zu lassen." - Der Typ grinste, stieg eine Station später aus.

In Allermöhe, einige Stationen später, stieg ein Paar ein, beide schätzungsweise um die 60, kamen auf uns zu und sagten: "Guten Tag, ihr vier hübschen. Ganz alleine unterwegs?" - Ich hätte mindestens drei Kommentare auf der Zunge gehabt, habe sie mir aber alle verkniffen und nur genickt. Der Typ suchte sich Marie aus und fragte sie: "Bist du gelähmt?" - Marie nickte. - "So richtig querschnittsgelähmt?" - Marie nickte noch einmal, er nickte mit, mit seltsamer, irgendwie begeisterter Miene. - "Ich hab da mal eine Frage." - "Oh nö, suchen Sie sich bitte ein anderes Opfer!", antwortete Marie. Ihn interessierte es nicht. "Nur eine Frage. Wenn du heute dein Leben noch einmal von vorne anfangen könntest, würdest du dann alles noch einmal genauso tun?"

Marie kann so fies sein. Sie schaute ihn fünf Sekunden ohne mit einer Wimper zu zucken an und antwortete dann: "Gewiss nicht. Ich würde in Mamas Bauch so lange turnen, bis sich die Nabelschnur um meinen Hals wickelt und stramm zuzieht." - Der Typ schluckte ein paar Mal. Und dann explodierte sie. "Oder was wolltest du hören?! Du kommst hier rein, läufst durch den halben Wagen, nur um mich dumm von der Seite anzumachen?" - "Ich wünschte, ich könnte..." - "Ach halt den Sabbel und sieh zu, dass du endlich Land gewinnst." - Einige in der Nähe sitzende Leute drehten sich um und glotzten. Der Typ packte irgendeinen regenbogenfarbenen Flyer von einer meditativen Erleuchtungsgruppe aus seiner Umhängetasche aus und wollte uns damit versorgen. Marie war auf 180, riss ihm das Zeug, bevor er was dazu sagen konnte, aus der Hand, warf es im hohen Bogen durch den Waggon und fauchte weiter: "Wir sind heute am Wendepunkt, das hat mir dein Kumpel schon letzte Woche erzählt. Ich hab gesagt, du sollst dich verpissen. Und nimm deinen Rotz mit. Such dir andere Leute, die du mit deinem Psychoscheiß vollsülzen kannst."

Der Typ ging einen Schritt zurück, seine Partnerin und er knieten sich im Wagen mit einem Bein auf den Fußboden, hielten die Hände vor dem Gesicht gegeneinander und murmelten irgendwas. "Jetzt werden wir verflucht.", sagte Jana. Am Ende standen die beiden wieder auf, verbeugten sich noch einmal vor uns und gingen zum anderen Ende des Wagens. Jana fragte Marie: "Warum bist du denn so sauer? Der hat es auch nicht einfach und muss pro Woche seine Unterschriften zusammenkriegen." - "Die kenne ich schon, die laufen schon seit einigen Wochen in Hamburg rum und labern jeden an, der im Rolli sitzt oder mit Gehwagen oder Blindenstock durch die Straßen zieht. Musst mal drauf achten, die sind immer zu zweit, haben immer eine Umhängetasche mit so einem regenbogenfarbenen Button drauf und einem schwarzen Dreieck. Wenn du die nicht gleich verarztest, laufen die stundenlang hinter dir her. Einer Freundin von mir sind sie am Hauptbahnhof bis in die Sicherheitswache gefolgt." - Na super.

Das Reiten war dafür umso netter. Wir waren zuerst in einer alten Reithalle und übernahmen die vier Pferde von einigen Mädchen, die dort Stalldienst hatten. Zwei Pferde gehörten einem Nachbarn von Klara. Klara meinte, die Pferde würde sie in den ersten Wochen, in denen sie nach ihrem Unfall wieder im Sattel sitzt, nicht reiten, die seien ihr zu heiß und zu verrückt. Ich dachte mir: "Danke für die Warnung, aber mit Angst sollte man nicht auf so ein Tier klettern."

Marie erwischte es als erste. Nach vier Runden am Strick in der Halle war es ihrem Gregor entweder zu langweilig oder er war zu übermütig und wollte mal ausprobieren, wie sicher Behinderte im Sattel sitzen und meinte, steigen zu müssen. Marie hatte das im Gefühl, war drauf gefasst und ließ sich so rechtzeitig nach vorne fallen, dass sie sich sofort am Hals festhalten konnte. Wenn man keine Kontrolle in den Beinen hat und den Rumpf durch Gewichtsverlagerung oder Abstützen mit den Armen steuern muss, ist man gut beraten, nicht wie ein Schluck Wasser auf dem Tier zu hängen. Als Gregor es fünf Mal vergeblich versucht hatte und auch seine wilden Drehungen dabei nichts brachten, schienen die Autoritätsverhältnisse geklärt zu sein und Gregor war lammfromm.

Zwei Minuten später war ich dran. Ich ritt parallel auf Derrick, auch erst einige Runden geführt am Strick, dann flippte er aus. Er tobte buckelnd durch die Halle, verpasste seinem Stallkollegen fast noch einen Tritt und zum Glück legte der das nicht darauf an, die Rangordnung zu klären. So ein Scheißviech. Eine ältere Frau stand in der Halle und brüllte mich an: "Kopf hoch, Kopf hoch, Kopf hoch!" - Ja, ich sitze nicht zum ersten Mal auf einem buckelnden Pferd. Auch wenn ich zugeben muss, es war das erste Mal nach meinem Unfall. Ich muss gestehen, es gab drei, vier Momente in der gefühlten einen Minute, wo ich arge Mühe hatte, mich festzuhalten und wäre Derrick in dem Moment auch noch gestiegen, hätte ich definitiv im Dreck gelegen. Als Querschnitt fällt man vor allem auch recht unsanft. Aber Derrick hat ja schließlich weder Medizin studiert noch habe ich mir was anmerken lassen und kurz danach war auch er ganz lieb.

Später waren wir noch draußen, sowohl auf einem Freiplatz als auch auf einem angrenzenden Waldpfad. Zwischendurch kam die Sonne mal durch die Wolken und es war richtig toll. Wenngleich ich es schade finde, nicht mehr richtig reiten zu können, so ein Ausritt macht trotzdem immer wieder Spaß. Mal sehen, vielleicht ergibt sich ja in nächster Zeit doch öfter nochmal die eine oder andere Gelegenheit!

Dienstag, 13. März 2012

Licht aus, Tür zu

Ich hatte bereits mehrmals darüber geschrieben: Über eine Wohnanlage für behinderte Menschen und Senioren, die im Hamburger Stadtteil Bergedorf gebaut wurde. Vier Leute, die ich aus meinem Sportverein kenne, sind dort eingezogen, zwei Wochen später brannte es in dem Haus und ein Drittel der Bewohner musste ins Krankenhaus, unter anderem, weil diverse Auflagen nicht eingehalten worden seien, so die örtliche Presse.

Wie so etwas passieren konnte? Das Gebäude wurde im vereinfachten Verfahren genehmigt, da werden so unwichtige Dinge wie der Brandschutz nur anhand von Zeichnungen überprüft, für alles weitere ist der Bauherr verantwortlich. Und warum dem Experten der Stelle, die öffentliche Gelder für den barrierefreien Bau dieses Hauses bereit gestellt hat, nicht aufgefallen ist, dass sich Rollstuhlfahrer in dem Haus gar nicht bewegen können, wurde auch nicht geklärt.

Insbesondere die vielen Verletzten bei dem Brand und das hartnäckige Nachfragen der örtlichen Tageszeitung, aber auch das Einmischen der örtlichen Politik haben dazu geführt, dass der Bauherr nachbessern musste. Inzwischen lassen sich Mieter schon anwaltlich vertreten, um ihre Grundinteressen durchzusetzen. Heute war ich dort zu einer Geburtstagsfeier zu Besuch.

Ich greife das Thema noch einmal auf, denn ich bin der Meinung, dass man dringender genauer kontrollieren muss, ob Bauauflagen eingehalten werden. Man darf eins nämlich nicht vergessen: Man baut hier mit Steuergeldern geförderten Wohnraum für behinderte Menschen, weil behinderte Menschen sonst auf der Straße säßen. Insbesondere in Hamburg sind nur diese geförderten Wohnungen überhaupt mit dem Rollstuhl erreichbar und die Warteliste ist lang. Teilweise steht man trotz Dringlichkeitsschein (was bedeutet, dass man von Wohnungsnot unmittelbar bedroht ist) drei bis vier Jahre an. Da hat die Szene ein Interesse, dass mit den Mitteln, die die Szene mühsam erkämpft hat, auch vernünftig gebaut wird.

Wie gesagt, dieses eine Unternehmen, das in Hamburg einige hundert barrierefreie Wohnungen gebaut hat, muss nun nachbessern. Unter anderem sind auf jeder Etage Rauchschutztüren einzubauen. Mussten wir in unserem Wohnprojekt auch. Der Unterschied ist nur: In dem von der Zeitung als "Pfuschbau" betitelten Haus wurden diese Türen an die Stromversorgung der Treppenhausbeleuchtung angeschlossen. Kein Witz! Löst ein Rauchmelder aus, schließen die Türen automatisch. Ein Rollifahrer bekommt die Türen nicht alleine geöffnet, er müsste sich von der Feuerwehr helfen lassen. Soweit, so schlecht.

Die Treppenhausbeleuchtung hat einen Schaltkreis über fünf Etagen, geschätzte 50 Glühlampen hängen dran. Diese Treppenhausbeleuchtung hat eine Komfortfunktion: Kurz bevor es dunkel wird, blinkt die Beleuchtung drei Mal im Abstand von 10 Sekunden. So hat jemand, der noch länger Licht braucht, die Chance, noch im Hellen zum Schalter zu latschen und neu draufzudrücken. Das Problem ist aber: Durch das Geblinke gehen, so meine Freunde, die in dem Haus wohnen, pro Woche zirka zwei bis drei Glühlampen kaputt. Und jedes Mal, wenn eine Birne durchbrennt, fliegt die Sicherung oder der FI-Schutzschalter raus. Für die gesamte Treppenhausbeleuchtung. Und das bedeutet nicht nur, dass es in dem Haus dunkel bleibt, sondern auch, dass jedes Mal sämtliche Rauchschutztüren zufallen. Und die bleiben auch zu, bis der Hausmeister kommt, den Zählerraum aufschließt, die Sicherung wieder einschaltet und, sofern er es nicht vergisst, anschließend durch die Etagen wandert und alle Rauchschutztüren wieder einhakt. Wie gesagt, pro Woche etwa zwei bis drei Mal. Dadurch beginnen nun die ersten Leute wieder, diese Türen zu verkeilen...

Dann hat jemand einen Gutachter bestellt, weil ihm der Aufzug in dem Haus besonders laut vorkommt. Zum Vergleich: Bei uns fahren zwei Aufzüge und bei der Endabnahme wurde auch der ausgehende Lärmpegel bestimmt. Er liegt bei 32 dB(A) im Ruhezustand und bei 42 dB(A) während der Fahrt, gemessen in der Kabine. Beim Anfahren und Stoppen können einzelne Spitzen bis zu 48 dB(A) erreicht werden. In den Zimmern selbst ist der Aufzug nicht zu hören. In dem "Pfuschbau" hat der Aufzug laut Gutachten ein normales Betriebsgeräusch, während der Fahrt in der Kabine gemessen, von 67 dB(A). Das ist ungefähr so laut wie ein Staubsauger, allerdings nicht ungewöhnlich. Was jedoch nicht sein darf: Im Schlafzimmer derjenigen, die das Gutachten in Auftrag gegeben hat, ist der Aufzug noch mit bis zu 54 dB(A) zu hören. Zum Vegleich: Maximal 30 dB(A) sind erlaubt. Es scheint ein Konstruktionsfehler vorhanden zu sein, denn die Vibrationen des Aufzugs (genauer gesagt der Hydraulikpumpe) sind in den Wohnungen zu spüren, zum Beispiel, wenn man eine Hand auf den Küchentisch legt.

Und noch ein drittes Beispiel: In einigen Wohnungen wurden nach dem Brand neue Balkontüren eingebaut. Was vorher noch barrierefrei war, ist es jetzt nicht mehr. Zum Teil hat man neuerdings ganz erhebliche Schwellen eingebaut.

Die beste Lösung wäre wohl ein Umzug. Aber umziehen kommt nicht in Frage, denn es ist in ganz Hamburg keine andere barrierefreie Wohnung frei. Frühestens 2016 würde das (nach den durchschnittlichen Wartezeiten gemessen) klappen, vorausgesetzt, die Behörde, die die Wohnungen für Rollstuhlfahrer zuteilt, erkennt die Mängelsituation als Begründung für einen Umzug an und hält sie nicht für zumutbar. Kurzum: Ich bin froh, dort nicht zu wohnen, denn die Bewohner des Hauses kommen im wahren Sinne des Wortes nicht zur Ruhe.

Montag, 12. März 2012

Heiße Nacht auf dem Kiez

Am letzten Samstag waren Cathleen, Simone, Jana, Sofie und ich auf dem Kiez. Mit "Kiez" meint der Hamburger die Reeperbahn plus Nebenstraßen. Um 22 Uhr haben wir uns am S-Bahnhof Sternschanze getroffen, haben uns im Schanzenviertel noch einen leckeren Kartoffelauflauf ins System geworfen und sind anschließend "zu Fuß" weiter durch die Straßen mit den lustigen Namen, an deren Straßenschildern immer etliche Touristen stehen und die Unterschriften lesen, um zu erfahren, was ein Amüsierviertel mit dem Grünen Jäger, Papa und Tochter Wohlwill, den Brigitten, Paulinen und Annen zu tun hat.

Auflösung: Gar nichts. Genauso wie die nach dem Kirchenbaumeister Johannes Otzen benannte Parallelstraße sicherlich nicht deswegen dort verläuft, damit irgendwelche besoffenen Banausen auf die Bäume klettern und das Straßenschild in Fotzenstraße umsprühen, bevor sie zurück in die Kneipe wanken. Und wer glaubt, dass die direkt in die Reeperbahn einmündende Silbersackstraße die Etablissements der 2. Klasse beheimatet, sucht die Goldsackstraße vergebens. Namensgeber war der Grundeigentümer im 15. Jahrhundert, ebenso wie es die "Große Freiheit" bereits seit dem 17. Jahrhundert gibt und ihr Name auf die damals dort angesiedelten freien Handwerker zurückgeht.

So viel Kultur bin ich von mir eigentlich gar nicht gewöhnt, nur muss das hin und wieder sein, sozusagen als Gegenpol zu dem an diesem Abend Erlebten. Ich glaube, ich habe noch nie so viele volltrunkene Leute gesehen wie an diesem Abend. Vermutlich gab es irgendwo eine Flatrate-Party, sonst kann es nicht sein. Ständig musste man aufpassen, dass man nicht durch irgendwelche Kotze fährt, mehrmals prügelten sich Chaoten mitten im Geschehen. Zuerst waren wir in zwei Kneipen am Hamburger Berg.

In der ersten quatschte mich sofort ein Typ an. Beziehungsweise brüllte, da die Musik so laut war: "Na? Sitzt du im Rollstuhl?" - Ich musterte das Gefährt unter meinem Po. "Lass mich kurz überlegen ... ja." - "Hast du schlechte Laune?" - "Nö." - "Du hast schlechte Laune." - "Wenn du meinst..." - "Ich bin Psychotherapeut und ich weiß viel über Rollstuhlfahrer. Bist du ein Querschnitt?" - "Nö, ich bin Jule, bin fast 20 und komme aus Hamburg. Und du?" - "Ich sag doch, du hast schlechte Laune." - "Okay, ist in Ordnung." - "Sag ich doch. Und nun?" - "Verpiss dich, ich hab schlechte Laune."

Da man sich weder nach vorn und zurück bewegen konnte, wechselten wir kurzerhand die Location und gingen ins Nachtlager. Dort kam sofort ein Typ auf uns zu, schätzungsweise um die 35 Jahre alt. "Wollt ihr ein Bier oder einen Wodka?" fragte er. Wenn er so fragt: "Ein Bier bitte!" - Er bestellte uns fünf Bier am Tresen und drückte uns die Flaschen in die Hand, stieß mit uns an. Wollte wissen, woher wir kommen, warum wir feiern. Er suche eine "Braut für eine Nacht", aber nicht uns, wir müssten keine Angst haben, uns fände er nur sympathisch, wir würden so nett lachen. Er käme aus dem Stadtteil Altona und sei im Moment Single und arbeitslos. Aber er habe geerbt. Dann meinte er: "Ihr müsst mich jetzt nicht einladen, wenn ich jetzt von euch fünf Bier bekomme, bin ich voll und der Abend ist noch jung. Vielleicht machen wir einen anderen Deal."

"Kommt auf den Deal an", sagte Sofie. Der Typ antwortete: "Okay, ich bekomme statt des Biers entweder ein Küßchen auf die Wange oder ich darf wissen, welche Farbe euer Schlübber hat." - "Unser was?", fragte ich nach, denn es war tierisch laut und ich wusste nicht, ob ich ihn richtig verstanden hatte. - "Dein Schlübber!! Deine Unterhose." - Du meine Güte. Okay, wir sind auf der Reeperbahn. Ich hatte Lust, ihn ein wenig durcheinander zu bringen und antwortete: "Ich hab gar keine Unterhose an! Und nun?" - "Bist du echt nackig in deiner Jeans?" - "Nur eine Frage pro Bier." - "Okay, noch drei Bier für die junge Frau hier!", brüllte er.

"Nee, ich will nicht, danke. Ein Bier, eine Frage." - Cathleen sagte: "Ich hab heute auch keine an. Wer geht denn schließlich auf die Reeperbahn und trägt eine Unterhose?" - "Ihr macht mich ganz verrückt", meinte der Typ. Ich musste grinsen. Wie einfach kann man einen Mann doch aus der Fassung bringen. Simone meinte: "Meiner ist schwarz mit Spitze, weil ... mein Freund steht drauf." - Dass Simone Single ist, musste er ja nicht wissen. Jana sagte: "Mir ist das peinlich, aber ich habe so eine Wollunterhose von meiner Oma an. Die hat sie mir gegeben, damit ich nicht friere." - Der Typ guckte beinahe fassungslos. Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen, insbesondere weil ich vorher mit Jana auf dem Klo war und wusste, dass das nicht simmte. Den Vogel schoss aber Sofie ab. "Weiß mit braun und rot." - "Igitt", meinte der Typ. "Hast du deine Tage?" - Sofie räusperte sich entsetzt. Sie sollte Schauspielerin werden. Die Antwort: "Ich bin FC-St.-Pauli-Fan und habe meinen Fanslip an, ja?!. Was kann ich dafür, wenn die braun und rot als Vereinsfarben haben!"

Anschließend waren wir in der Großen Freiheit 36, der Türsteher hat uns gleich so reingewunken, der Eintritt war geschenkt. Als wir reinkamen, spielten sie DJ Bobo, das war jetzt nicht so meine Musikrichtung, aber mit Timbalands "The Way I Are", Nossa Nossa und der Party Rock Anthem konnte ich irgendwie leben. Das besondere an dieser Diskothek ist ihre total irre Akustik. Es ist einerseits nie so laut, dass man sich nicht mehr unterhalten könnte, andererseits werden aber Frequenzen bis in den Infraschallbereich bedient. Das heißt: Alles vibriert. Insbesondere die eigenen Bauch- und Brustorgane. Wenn man die Jacke auszieht und die Arme in die Luft hält, hat man das Gefühl, die Armbehaarung zittert im Takt der Schallwellen. So extrem wie dort habe ich das noch nirgendwo sonst wahrgenommen. Man kann nun darüber streiten, ob das gesund ist oder nicht, das Gefühl finde ich jedenfalls geil. Sofie war zum ersten Mal in dem Laden und meinte schon beim Reinrollen: "Boa, was sind denn das für Bässe hier?!"

Anschließend waren wir noch einmal auf dem Hamburger Berg, wurden noch einmal eingeladen, allerdings von einem anderen Typen, der weder geküsst werden noch die Unterhosen sehen wollte, dann sind wir in eine Disko am Hans-Albers-Platz, da war jedoch nichts los, anschließend in eine dortige Kneipe und als es irgendwann kurz nach sechs war, traten wir den Heimweg an. Zu Hause duschen, dann schlafen. Endlich mal wieder eine heiße Nacht auf St. Pauli. Wenngleich der Kiez sonst eher nichts für mich ist, anlässlich Simones 18. Geburtstag durfte das dann doch mal sein.

Samstag, 10. März 2012

Die andere Seite

Der Kommentar von Stefan zu meinem letzten Beitrag ist nicht das einzige dieser Art, zwei weitere habe ich nicht veröffentlicht, weil sie nach Meinung eines Juristen mit dem Strafrecht nicht vereinbar wären. Drei Mails zu dem Thema habe ich gelöscht.

Ich möchte noch ein paar ergänzende Informationen liefern, die diejenigen, die nach harter Arbeit viel in die Sozialsysteme einzahlen, weiter auf die Palme bringen. Portugal zahlt für die monatlichen Leistungen, die Maria hier bekommt, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, keinen Cent. Auch die Krankenbehandlungskosten und ihre Pflege bzw. Assistenz zahlt alleine der deutsche Steuerzahler. Vielleicht kommt mal ein Krankenhausaufenthalt dazu, vielleicht sogar eine stationäre Rehamaßnahme ... zusammengenommen wird man von einer jährlichen Summe von derzeit rund 100.000 € für eine ehemals kriminelle Ausländerin ausgehen müssen.

Warum zahlt Portugal nicht? Weil Maria deutsche Staatsbürgerin ist. Sie hat Portugal verlassen, als ein deutsches Forschungsprojekt in den 1990er-Jahren europaweit Kinder und Jugendliche suchte, die wie Maria erkrankt waren. Da das Erkrankungsbild sehr diffus und vielfältig und auch leicht verwechselbar ist (dieselben Anfangssymptome treten beispielsweise auch bei einem simplen Vitaminmangel auf, aber auch bei viel schwerer verlaufenden ähnlichen Erkrankungen), war ein Meilenstein in der Forschung gefunden, als man 1996 den Genort einer Mutation im Erbgut fand und nun per Blutuntersuchung bestimmen konnte, welche Erkrankung vorlag. Damit hatte man einen Startschuss abgefeuert für viele Forschungsprojekte: Endlich konnte man klar benennen, welche Menschen unter Marias Krankheit litten und welche an einer anderen mit ähnlichen Symptomen und entsprechend forschen.

Da die Erkrankung die häufigste ihrer Art ist, jedoch insgesamt nur selten vorkommt und sich auch nur rezessiv (also mit Überspringen einer Generation) weitervererbt, war es sehr schwierig, für diese Langzeitforschungsreihe geeignete Probanden zu finden. Daher wurden europa- und später sogar weltweit Kinder und Jugendliche gesucht. Marias Eltern konnten sich damals aussuchen: Entweder sie ließen ihre Tochter in Portugal, wo sie damals keine angemessene Schulbildung erhalten hätte und vor allem keine medizinische Versorgung, oder sie trennten sich von ihr und schickten sie nach Deutschland, wo sie aufgrund eines Forschungsprojektes die beste medizinische Versorgung bekommen sollte, die es zu der Zeit dafür gab. Dazu eine Schulausbildung und eine Unterbringung in einer Pflegefamilie. Im Gegenzug durften deutsche Mediziner an ihr forschen. Das Projekt wurde damals für fünf Jahre angelegt, insgesamt rund 60 Kinder und Jugendliche wurden damals dafür nach Deutschland geholt. Als Maria nach Deutschland kam, konnte sie noch frei laufen.

Heute, etwa 15 Jahre später, sind diese Forschungen insgesamt lange beendet. Man hat keine Therapiemöglichkeit für diese Erkrankung gefunden. Außer bestmögliche Pflege, Physiotherapie, Logopädie und eine gute Hilfsmittelversorgung sowie soziale Teilhabe gibt es keinen wirksamen Ansatz - bei allen Menschen, die ihre Erkrankung haben.

Als Maria 16 Jahre alt war, war ihr Krankheitsverlauf, kurz vor Ende des Projektes, bereits so weit fortgeschritten, dass sie im Rollstuhl saß. Die Rückführung nach Portugal war damals verpflichtend vorgesehen, wurde damals aber von deutschen Behörden ausgesetzt: Man stelle sich mal vor, eine Familie, die sich von Weinbau ernährt und ihren täglichen Bedarf über ein paar Tiere deckt, bekommt nach fünf Jahren plötzlich ein pflegebedürftiges Kind zurück, das sie, als es noch relativ gesund war, in ein fremdes Land geschickt hat, damit es dort behandelt wird. Diese Verantwortung wollte damals niemand übernehmen. Und aus heutiger Sicht muss ich sagen: Man war auf diese Situation anscheinend schlecht vorbereitet.

Maria hat in Deutschland ihr Abitur gemacht, spricht akzentfrei unsere Sprache, ist inzwischen deutsche Staatsbürgerin und hat in Deutschland sehr wohl in die Sozialkassen eingezahlt. Von 2003 bis 2005 hat sie studiert (in der Zeit natürlich nicht) und von 2005 bis 2010 hat sie in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet. Und dabei Arbeiten gemacht, die die meisten Leute nicht mal anleiten wollen würden - für einen Stundenlohn von etwa 63 Cent brutto.

Ich habe Maria gefragt, insbesondere weil es von einem Kommentator zu meinem letzten Post aufgegriffen worden war, was sie damals genau gemacht hat, als sie mit 17 oder 18 Jahren, in ihrer "heftigen Zeit" geklaut, geschlagen, betrogen und Behinderte geärgert hat. Sie sagte: "Ich bin mit 12 von zu Hause weg, in ein fremdes Land, weil es angeblich das Beste für mich sein sollte. Ich konnte nur meine Muttersprache, kein Englisch - und hier keiner Portugiesisch. Alle sprachen Deutsch. Meine Pflegefamilie war sehr bemüht, ich lernte Deutsch auch sehr schnell. Mir wurde immer gesagt, ich könne vermutlich nie nach Hause zurück. Ich habe meine Eltern jahrelang nicht gesehen, so etwas wie Urlaub oder Familienheimfahrt gab es nicht. Telefon hatten meine Eltern nicht, wir konnten uns nur schreiben. Ich versuchte, in meiner Pflegefamilie einen gewissen Eltern-Ersatz zu finden - bis die mich dann mit 16, als meine Behinderung immer schlimmer wurde, in ein Heim gaben. Damals bekam ich 60 Mark Taschengeld im Monat, musste mir davon aber Kleidung, Kosmetik und laufend Schulsachen kaufen. Geld für eine CD oder Kino war nicht drin. Oft hat es nicht mal für eine Tüte Gummibärchen gereicht und oft wurden auch schon Gelder abgezogen für Frisör, Medikamente oder Fahrdienste. Manchmal habe ich in einem Monat nicht einen Pfennig in bar in der Hand gehabt, hatte aber schon Schulden, die im nächsten Monat gegengerechnet wurden. Da kommt man irgendwann schonmal auf dumme Ideen."

Ich fragte nach: "Was hast du denn konkret gemacht?" - "Süßigkeiten im Supermarkt geklaut. Ich bin sogar mal erwischt worden, als ich eine Tüte Gummitiere in meinem Rucksack hab verschwinden lassen. Da kam plötzlich der Ladendetektiv hinter mir her. Allerdings habe ich mich erfolgreich rausreden können. Eine Sporthose habe ich auch mal geklaut, das hat keiner gemerkt. Und einmal habe ich einer Lehrerin von mir 100 Mark geklaut. Die hatte ihre Handtasche neben dem Tisch stehen, direkt vor mir, offen, ich habe sie während des Unterrichts unauffällig zu mir rangezogen, habe zwischen alten Taschentüchern und einer Schnapsflasche ihr Portmonee gefunden, es rausgezogen, es geöffnet und dann mindestens sechs- oder siebenhundert Mark gesehen. Ich habe einen Hunderter rausgezogen, in meine Hosentasche gesteckt, alles wieder verschlossen und die Tasche zurückgeschoben. Es hat nie jemand gemerkt. Ich habe das nie zurückgegeben, allerdings hat das noch Jahre später immer wieder mein Gewissen belastet. Ich habe das irgendwann mal gebeichtet und mir dann geschworen, nie wieder zu klauen. Seitdem habe ich mich auch daran gehalten."

"Und wen hast du geschlagen und betrogen?" - "Naja. Man löst Probleme verbal. Wenn mich im Heim einer geärgert hat, habe ich mir auch schonmal mit körperlicher Gewalt Respekt verschafft." - "Gab es Tote und Verletzte?" - "Treten konnte ich nicht, koordiniert schlagen auch nicht, derjenige musste mir also schon sehr nahe gekommen sein und dann hatte er es meistens auch verdient. Geblutet hat aber niemand meinetwegen. Und was das Betrügen angeht ... wenn du einen Jugendlichen fragst, ob er seinen Pudding schon bekommen hat oder das Geld für ein Schulbuch, ist er entweder ehrlich oder er betrügt und hofft auf einen Vorteil. Eine Zeitlang gehörte ich zu denjenigen, die immer versucht haben, Profit daraus zu schlagen, dass andere schlecht organisiert sind oder Dinge vergessen haben. Allerdings habe ich sehr schnell gemerkt, dass es meiner Glaubwürdigkeit schadet. Weil mir Glaubwürdigkeit sehr wichtig ist, habe ich es schnell wieder gelassen."

Ich bin der Meinung, dass alles das nicht rechtfertigt, dass eine Krankenkasse jemanden schikaniert. Ja, sie soll prüfen, bevor sie eine Leistung bewilligt. Aber das gilt für alle gleichermaßen. Eine noch so kriminelle Vergangenheit rechtfertigt nicht, Leistungen vorzuenthalten. Und wer völlig ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Über den E-Rolli wurde übrigens noch immer nicht entschieden.

Dienstag, 6. März 2012

Schönes Wetter draußen

Endlich wieder tolles Wetter! Die Sonne scheint, strahlend blauer Himmel, ich hoffe, es ist später auch noch so, denn dann will ich mit zwei, drei Leuten ein wenig Handbiken. Ich muss ja ein wenig wieder in Form kommen, denn bald geht auch das Straßentraining wieder los und ich möchte, trotz Studium, in dieser Saison auf jeden Fall an mindestens einem Triathlon teilnehmen! Und ich muss dringend meine Aggressionen loswerden.

Den Vormittag habe ich heute nämlich damit verbracht, meine Steuererklärung anzufertigen. Hurra, hurra, hurra. Besonders genial war der Moment, als ich alles eingetragen hatte und das Programm abstürzte. Nochmal von vorne... Argh!

Und dann kam Frank zu mir ins Zimmer und meinte, dass auch der Obergutachter seinen Segen gegeben hat, dass Maria hier bei uns wohnen darf - das Obergutachten mit einem neuen Untergutachten einer weiteren Sozialarbeiterin ist gestern an den Sozialen Dienst zurückgeschickt worden, nun müssen die das auswerten. Dann gibt der Soziale Dienst dem Sozialamt eine Empfehlung und wenn die dann jetzt endlich mal postitiv ist, kann es mit Maria bei uns losgehen. Alle anderen Beteiligten hatten ja bereits Zustimmung signalisiert, so eigentlich auch das Sozialamt, das aber ohne Empfehlung des Sozialen Dienstes nicht aktiv werden kann oder möchte. Mal sehen, wie lange das jetzt noch dauert. Wir sind alle gespannt. Frank meinte zynisch: Vielleicht fällt ja jetzt noch der Vorgesetzten der Vorgesetzten irgendwas brauchbares ein ... lassen wir das.

Brüller Nummer Zwei: Wir warten ja auch noch auf die Genehmigung des Elektrorollstuhls für Maria. Ja, immernoch. Und ja, wir warten alle, denn wir fiebern und leiden alle mit. Heute nun ein Anruf der Krankenkasse: Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat sich nun doch für einen E-Rolli ausgesprochen, allerdings für einen, den sie dann drinnen und draußen verwenden kann. Also wieder was neues. Man will ihr also den, den sie für drinnen hat (den sie selbst bewegen kann), wegnehmen und nur noch einen E-Rolli geben. Mit ihren "Püppchenmaßen" wird der weggenommene Stuhl aber niemand anderem passen, so dass der dann nicht wieder eingesetzt, sondern verschrottet oder nach Afrika verschickt wird. Zumal der auch schon drei, vier Jahre alt ist. Nachvollziehbar?!

Warum kann man ihr nun nicht den Luxus lassen, dass sie draußen sich selbständig mit einem Elektro-Rollstuhl fortbewegen kann, während sie innerhalb des Zimmers mit einem leichten und geschmeidigen handbetriebenen Rolli überall hinkommt? Mit dem E-Rolli kommt sie unter keinen Tisch, verdreckt sich das ganze Zimmer, bewegt sich gar nicht mehr selbst. Und: Wenn der klein und handlich gebaut ist, ist er nichts für die Straße. Ist er auf schlechte Wege und große Reichweite und vielleicht auch vernünftige Geschwindigkeiten ausgelegt (inzwischen sind ja bis 15 km/h erlaubt), ist er nichts fürs Zimmer. Meine Fresse, ich könnte mich nur aufregen und würde am liebsten mal mit einer großen Packung Ohrfeigen durch gewisse Büros toben.

Und dann kommt auch noch das i-Tüpfelchen: Genehmigt ist das Ding damit noch nicht. Jetzt wurde nochmal der verordnende Hausarzt angeschrieben, er möge bitte erläutern, ob und wie der E-Rolli ins medizinische Therapiekonzept hinein passt und ob durch den Einsatz des Hilfsmittels der Heilmittelaufwand verringert werden kann (soll heißen: Ob sie dann weniger Physiotherapie braucht). Nein, Leute, wenn sie sich in der Wohnung nicht mehr selbst bewegt, braucht sie erheblich mehr Physio. Eure Pläne sind also fürn Arsch. Sorry, wenn ich das mal so unflätig sage, aber so langsam ist auch meine Geduld am Ende.

Es ist selbstverständlich noch nicht das letzte Wort geschrieben, jetzt muss wieder hin- und hergefaxt werden. Der Hausarzt hat vor allem erstmal bis Mitte des Monats Urlaub. Antwort der Kasse, als Frank, der auf Bitte von Maria das Gespräch annahm, den Sachbearbeiter damit konfrontierte: "Dann müssen wir uns noch zwei Wochen gedulden. Sie warten ja jetzt schon so lange, dann sollte es auf die zwei Wochen jetzt auch nicht mehr ankommen."

Sonntag, 4. März 2012

Hollywood ruft

"Hollywood ruft!", erzählte mir mein Anwalt, der mich vor wenigen Wochen vertreten hat, um von einigen Dauernervensägen eine Unterlassungserklärung zu bekommen. Es geht um die Fetischisten-Szene, die sich in meinen Blog verirrt und mich regelmäßig über die Kommentarfunktion und per Mail mit Schweinkram versorgt hatte. Inzwischen über Jahre und täglich, zum Teil mehrmals täglich. Seit der Aktion ist schlagartig Ruhe.

Ich habe jede Menge Mails zu dem Thema bekommen, unter anderem waren auch einige dazwischen, die meinten, es wäre besser gewesen, einfach die Kommentare vorab zu moderieren (wie ja jetzt auch eingestellt) und die Mailadresse im Profil zu deaktivieren. Ich nehme das zur Kenntnis, aber ich bin dennoch der Ansicht, dass jeder Mensch den täglichen Versuchungen und einem gewissen Appetit widerstehen können muss. Nur weil sich vor dem Kaufhaus ein Kleiderständer dreht und ich schneller bin als der Ladendetektiv, darf ich doch trotzdem keinen Diebstahl begehen.

Ich will das aber nicht erneut endlos ausschmücken, ich freue mich, dass es endlich ruhig ist in dieser Hinsicht und ich hätte von diesem Thema gar nicht mehr angefangen, gäbe es nicht dieses "unwiderstehliche" Angebot, das mein Anwalt Mitte letzter Woche von dem letzten, der noch seine Unterlassungserklärung abzugeben hatte, bekommen hat. Wir haben uns köstlich amüsiert.

Bevor mein Leben nicht in Hollywood verfilmt wurde, drehe ich aber keine Pornos. Schließlich könnte das meiner Hollywood-Karriere ja mal im Wege stehen. Die richtigen Stars sagen dann meistens: "Ich war jung und brauchte das Geld." - Ich brauche das Geld aber nicht. Also lautet die Antwort: Nein.


Simones Achtzehnter

Endlich mal wieder was lustiges zwischen all dem Mist (weiterer Mist steht schon vor der Tür): Gestern abend haben wir bei uns den 18. Geburtstag von Simone gefeiert. Das war die erste große Party in diesem Haus und sie war absolut genial. Simone hat mit mehreren Helfern (Fußgängern) einen Gruppenraum komplett umgeräumt, einen großen Tisch aufgebaut, es gab Raclette und schon beim Essen jede Menge Spaß.

Kleiner Tiefpunkt: Maria ist zur Zeit noch auf der Suche nach Assistenten, gestern war zum ersten Mal ein Typ da, ebenfalls als Praktikant. Sozusagen als einer seiner ersten Amtshandlungen wollte er sich zu Beginn der Party beschweren, dass Raclette jawohl nichts für Maria sei und man doch bitte Rücksicht nehmen sollte. Maria stand direkt daneben, ich sah schon bei Simone den Kamm schwellen, doch bevor sie ein Wort erwidern konnte, meinte Maria: "Du hast da was falsch verstanden. Heute feiern wir Simones Geburtstag und die möchte Raclette. Wenn ich eines Tages künstlich ernährt werde und dann zu meinem Geburtstag einlade, machen wir eine Fresubin-Party. Aber erst dann und nur dann."

Ihr Assistenz-Praktikant guckte reichlich dumm aus der Wäsche, Maria fügte hinzu: "Wenn du ganz lieb fragst, bekommst du bestimmt auch ein eigenes Pfännchen." - Jetzt wurde ihm wohl erst klar, dass sein Job wäre, Maria zu füttern und für sie das Essen zusammenzustellen. "Du erwartest aber jetzt nicht, dass ich mich mit allen an den Tisch setze und dann stundenlang dir die Pfännchen zusammenstelle?" - "Doch, mit Sicherheit." - "Das kann ich nicht."

Ähm, Stellenausschreibung nicht gelesen? Prinzip nicht verstanden? Maria guckte mich halb genervt, halb entsetzt an. Sie überlegte zehn Sekunden, während ihr Assistent sie anstarrte. Dann sagte sie: "Leg mir bitte deinen Schlüssel auf den Schoß und dann verschwinde." - "Wieso das denn jetzt?!" - "Ja, tschüss. Und tu mir wenigstens einen Gefallen und zieh hier nicht noch ne Show ab." - Ohne ein weiteres Wort feuerte er seinen Schlüssel auf den Tisch und ging Türen knallend raus. Maria meinte: "Nicht mal das kann er. 'Auf den Schoß' hatte ich gesagt, nicht 'auf den Tisch'. Herrje."

Ich wäre jetzt bedient und wäre genervt in mein Zimmer gegangen. Marie rollte zum Tisch und meinte, dann sei sie halt einfach nur so dabei, wenn es niemanden störe. Sie hätte Lust auf nette Leute und coole Musik und sich schon lange so auf diesen Abend gefreut. Sofie und ich haben uns dann links und rechts neben sie gesetzt und hatten zu zweit drei Münder zu stopfen. Allerdings geht es beim Raclette ja eher gemütlich zu, so dass das auch kein Problem war.

Anschließend wurde in erster Linie ganz viel gequatscht. Die Stimmung war, obwohl es nichts Hochprozentiges gab, sehr ausgelassen. Nicht zuletzt wegen der Musik, die Simone ausgesucht hatte. Nach dem Essen wurden im Hintergrund über einen Beamer Musikvideos an eine Wand geworfen. Der erste Song begann. Meeresrauschen, Strand, seichtes Wasser, einschläferndes Geklimper. Ich dachte nur: "Oh nee. Was hat sie denn da jetzt rausgesucht?"

Dann plötzlich ein Knall, zwei Kühe trieben es wild auf einer Wiese, nach noch ein Knall und ... Buddy Ogün wachte schlaftrunken in seinem Liegestuhl vor einer Kneipe auf. Oh nein! Ein Stück weiter verluden zwei windige Typen ihr Schlagzeug ins Auto, die bekamen gleich eine Ansage: "Trommelpeter?! Gib mir mal ein a-moll bitte." - So ein Schwachsinn. Sie war 44 und ich war dreizehneinhalb - Mozart Margarethe. Gleich im Anschluss waren die drei Besoffskis mit "Gruppensex im Altersheim" dran, damit war das Niveau für diesen Abend abgesteckt. Maria rutschte vor Lachen fast aus ihrem Stuhl. Der Margarete-Clip ist übrigens auch bei You**be zu finden...

Aber es gab auch noch etwas anspruchsvollere Musik, wenn auch die Warteschleifen-Melodie vom Arbeitsamt Paris nur für 30 Sekunden angerissen wurde. Noch ist schließlich kein Frühling... Es war endlich mal wieder ein echt toller Abend mit vielen netten Leuten und super Stimmung.

Samstag, 3. März 2012

Halbe Million

Nun ist es passiert. Ich habe die halbe Million voll. Nein, nicht auf dem Girokonto, sondern in meinem Besucherzähler.


Ein aktueller Anlass für eine kurze Statistik: Im Februar 2010 kamen 18.255 Leute auf meine Seite. Im Februar 2011 waren es 30.758 Besucher, im Februar 2012 hingegen 46.121 Klicks. Wenn das man nicht am Schalttag lag...

Paranoide Behinderte

Wer glaubt, ich hätte irgendwann alles erzählt und alles erlebt, zieht den Sinn und die Zukunft meines Internetblogs, meines Online-Tagebuchs, in Zweifel. Gerade wenn ich in alten Beiträgen blättere (vorhin habe ich einen gesucht), freue ich mich plötzlich über Details, die ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen oder gar verdrängt hatte.

Gestern wollte ich mit Marie (nicht Maria) zur Uni. Ab April beginnen regulär unsere Vorlesungen, wir sind beide schon extrem aufgeregt. Vorher ist noch etlicher Papierkram zu erledigen, für den wir auch noch persönlich in die Verwaltung eiern müssen, einiges davon hängt mit unseren Behinderungen zusammen. Aber: Wir sind zum Glück nicht die ersten Rollstuhlfahrerinnen, die in Hamburg studieren, entsprechend gut organisiert war man vor Ort. Wir trafen eine Beraterin, die uns alles mögliche zum Thema "Studieren mit Behinderung" erzählte und anschließend mit uns zusammen zu den einzelnen Stellen ging, bei denen wir irgendwas beantragen, ausfüllen oder einreichen mussten. Durchblick hatte ich zwar ehrlich gesagt nicht, aber das wird wohl noch kommen. Sie meinte: "Im Moment werden Sie nur Bahnhof verstehen, das ist völlig normal."

Mit Marie verstehe ich mich nach wie vor sehr gut, bevor wir los fuhren, war ich bei ihr zum Mittagessen eingeladen. Es war schon eine komische Situation, denn obwohl ich vorher schon ein paar Mal bei ihr zu Besuch war und sie auch schon bei mir, mit der Familie hatte ich sonst eher nur "beruflich" zu tun, denn ihre Mutter ist ja meine Hausärztin. Es war aber sehr nett und nach den ersten drei aufregenden Minuten auch sehr ungezwungen, die Eltern haben mir beide sogar das "Du" angeboten. Anschließend hat uns die Mutter zum Bahnhof gefahren.

Und einmal pro Tag muss bei mir irgendwas vorfallen, passieren oder schief laufen, sonst ist die Welt nicht in Ordnung. Manchmal, wenn ich auf meine Finger schaue, denke ich, sie sind nicht nur vom Rollifahren auf der Straße dreckig, sondern da klebt noch etwas anderes dran.

Jedenfalls sollte die S-Bahn, die wir bekommen wollten, in drei Minuten abfahren, wie eine Anzeigetafel auf einer Verteilerebene im Bahnhof anzeigte. Und zwar von Gleis 5. Wir mussten nach oben, und während wir auf den Aufzug warteten, gesellte sich ein älteres Paar zu uns, beide mit einem E-Scooter. Die Tür öffnete sich, Marie und ich rollten bis an die gegenüber liegende Wand durch und drehten uns mit dem Gesicht wieder zum Ein- und Ausstieg, dann kam die Frau dran. Sie wollte unbedingt noch mit in die Kabine, obwohl es kaum passen würde. Vermutlich wäre alles schneller gegangen, wenn wir kurz alleine hochgefahren wären.

Nein, die Frau rangierte ihren E-Scooter im Rückwärtsgang in die Lücke. Zentimeter für Zentimeter. Vor, zurück, vor, zurück, nochmal halb wieder raus, wieder zurück, noch drei Millimeter. Oben fuhr bereits die S-Bahn ein. Ich schaute Marie an, die verdrehte die Augen. Ich sagte: "Was meinste, fährt die nächste auch von Gleis 5?" - "Ich hoffe es mal."

Dann endlich war sie drin, drückte versehentlich nochmal auf "Tür öffnen" statt auf "Start", dann fiel ihr noch ein, dass sie ja noch die Handtasche brauchte, die ihr Mann draußen während ihres Rangiermanövers festgehalten hatte und dann fuhr der Aufzug endlich los. Oben fuhr die S-Bahn weg. Super, nun hatten wir alle Zeit der Welt. Bevor wir oben ankamen, pupste ich. Zwei Mal. Laut. Marie unterdrückte ein Kiechern, ich sagte: "Entschuldigung."

Was ich nicht wusste: Die Frau war Amerikanerin und verstand kein Deutsch. Sie starrte mich entsetzt an und sagte dann: "Are you being gross?" - "Pardon me!" - "I hope you don't do that to anybody else. You are disgusting." - Ich hatte keinen Nerv, mich auf Englisch zu erklären, dass ich das nicht kontrollieren kann und es meistens vorher noch nicht mal merke. Zugegeben, es ist schon eklig, wenn das jemand in einer geschlossenen Aufzugskabine macht. Aber die Tür ging auf und die Frau rangierte nach draußen. Wir stellten uns an das Ende des Bahnsteigs, die Frau rollte zum Anfang. Kurz danach kam ihr Mann.

Am Hauptbahnhof mussten wir umsteigen. Marie wollte noch in einen Jackenladen, als wir wieder rauskamen, kamen die beiden E-Scooter-Leute auf uns zu, der Mann hielt sein Gefährt an und stieg aus. Er konnte frei laufen, wenngleich das Gangbild etwas an das eines aufgezogenen Plastiksoldaten erinnerte. Er hatte eine weiße Schirmmütze auf dem Kopf und sein Bart erinnerte ein wenig an den des Almöhi. Er ballte eine Faust und während er auf mich zu wankte, murmelte er: "You farted right in my wife's face! I'm unlucky on it!"

Oh nein. Ein Verrückter. Vom Gesicht kann jawohl nun wirklich keine Rede sein. "Excuse me, Sir." - Er kam mit bedrohlicher Miene auf mich zu. Ich sagte: "Wait, wait. Listen." - Er pöbelte: "That was my wife's face." - "No, I farted accidently because of my ..." - Bevor ich mich versah, holte er auch schon aus und verpasste mir mit der Faust einen Schlag gegen den Hals. Einige der umstehenden Leute kreischten. "I may be right in a chair but I'll kick your ass!" - Er traf nicht richtig, ich nutzte die Möglichkeit, mich abzuwenden und zu fliehen. Mit großer Chance wäre ich schneller als er. Er stolperte hinter mir her, holte zum zweiten Schlag aus. Diesmal traf er mich von hinten halbherzig an der Wange, man kann schon sagen, dass es weh tat, mit dem zweiten Arm schubste er mich weg. Nun hatte ich genug Schwung, um ihm zu entkommen. Nach zwanzig Metern drehte ich mich um. Marie war in die andere Richtung geflüchtet. Ich befand mich knapp unter einer Brücke in der Mitte der Wandelhalle. Alter Schwede. Mein Herz raste. Der Typ war stehen geblieben und gestikulierte wild und pöbelte in der Gegend rum. "I punched her! I punched her! Get off right now, you nasty slapper!"

Dann trottete er in seinem humpelnden Gang zu seinem E-Scooter zurück, setzte sich rein und fuhr los. Für ihn schien die Sache nun erledigt zu sein.

Für mich auch? Ich rollte langsam zu Marie zurück. Sollte ich die Polizei rufen und ihn anzeigen? Am Ende wird der Mist ohnehin eingestellt, weil er zurück in Amiland ist und dafür sitzen wir zwei Stunden in irgendeiner Wache, während wir eigentlich einen Termin in der Uni haben. Marie sah das nach zwei Minuten genauso und entsprechend machten wir uns auf den Weg zur U-Bahn, immer Ausschau danach haltend, ob uns der Verstörte noch einmal über den Weg rollte. Als wir gerade aus dem Bahnhofsgebäude kamen, joggten uns drei Polizeibeamte entgegen. Einer hielt kurz an und damit waren uns sämtliche Entscheidungen abgenommen. "Ist jemand von Ihnen gerade angegriffen worden? Oder haben Sie was beobachtet?"

Das alles gestaltete sich aber insgesamt weniger kompliziert als befürchtet. Eine Beamtin nahm die Anzeige auf und schrieb alles mögliche in ihr Notizbuch, ich musste am Ende unterschreiben, dann durften wir weiter. Der Chaot musste allerdings mit auf die Wache...

Als ich das zu Hause beim gemeinsamen Abendessen erzählte, sagte Frank nur: "Du kriegst bald Hausarrest."

Freitag, 2. März 2012

So eine falsche Schlange

Auch wenn zwei Monate nach Marias Einzug noch immer keine Entscheidung der Kostenträger vorliegt, gehen wir derzeit alle davon aus, dass sie bei uns wohnen bleiben kann. Entsprechend sind wir bereits auf der Suche nach zusätzlichem Pflegepersonal für sie. Für drei Tage machte eine Krankenschwester ein Praktikum, die - nach ihren Angaben - aus ihrem Job in einem großen Klinikkonzern zu uns wechseln möchte. Drei Tage hielten wir es mit ihr aus, bevor wir sie gestern an die frische Luft gesetzt haben. Man sollte nicht glauben, dass jemand mit dem Generalschlüssel, der ihm ausgehändigt wird, um im Notfall (oder nach Absprache) die Zimmertüren öffnen zu können, durch die Bewohnerzimmer zieht und sich nach Wertsachen umsieht. Aber solche Menschen gibt es und an einen solchen sind wir geraten.

Wer verlangt in einem Bewerbungsgespräch schon nach einem Personalausweis? Die Frau legte alle möglichen Papiere vor, unter anderem auch ein Zwischenzeugnis des Klinik-Konzerns, das sehr positiv war, sowie eine Kündigungsbestätigung zum 31.03.12. Es war also alles plausibel bis ... wir erkannten, dass die Frau, die wir vor uns hatten, gar nicht die Frau war, auf die die Zeugnisse ausgestellt waren, sondern, wie sich später herausstellte, eine engere Bekannte (?) eben dieser. Angeblich soll sie ihre Papiere ohne ihr Wissen entwedet, kopiert und später wieder zurückgestellt haben.

Das ganze wäre erstmal gar nicht aufgefallen, hätte nicht ein Sicherheitsmitarbeiter des Elektronikladens auf unserem Grundstück die Frau dabei beobachtet, wie sie alle möglichen Gegenstände (darunter auch zwei Computer-Monitore) in ihr Auto verladen hat. Er dachte zunächst, die klaut Ausstellungsstücke aus seinem Laden und geht irgendwo durch den Notausgang raus - oder ähnliches. Das Treiben dauerte eine gute halbe Stunde, die Frau wirkte nervös und verdächtig, der Wachmann rief kurzerhand die Polizei.

Die Frau hatte es also nicht auf einen Job abgesehen, sondern sie wollte nur im Praktikum bei uns klauen. Dabei war sie eigentlich ganz nett. Es wird nie langweilig, jetzt beschäftigen wir uns erstmal mit einem internen Sicherheitskonzept. Den Sicherheitsmitarbeiter, um die 40, Glatze, schätzungsweise 175 Kilo schwer, kannten wir sonst nur vom Sehen. Es versteht sich von selbst, dass wir durch die Zimmer gegangen sind und jeden um eine Unterschrift in einer Dankkarte und einen Groschen Schein gebeten haben. Immerhin hat er viele Leute vor einem größeren Schaden bewahrt, da sind mindestens 5 Euro drin. Am Ende konnten wir ihm einen Gutschein über 210 Euro besorgen: Sämtliche Leute, in deren Zimmer sie sich bedient hatte, steckten durchweg 20 Euro rein, eine sogar 50 Euro.

Frank, Sofie und ich sind später zum Geschäftsführer des Elektroladens gegangen und haben mit dessen Segen und in seiner Anwesenheit dem Sicherheitsmann die Karte samt Gutschein überreicht. Der wollte den erst gar nicht haben, meinte, das sei selbstverständlich und wenn er in dem Fall nicht die Polizei gerufen hätte, wäre er wohl für seinen Job nicht zu gebrauchen, aber wir haben am Ende darauf bestanden. Die Summe sei deshalb so hoch, weil fast 20 Leute zusammengeworfen hätten, denen er einen zum Teil erheblichen Schaden erspart hatte. Am Ende meinte er: "Irgendwann komm ich nochmal zu einem Kaffee bei Euch da oben vorbei. Ich muss doch mal sehen, wie ihr da oben eigentlich so wohnt."