Mittwoch, 29. Februar 2012

Schwarze Schafe

Das Gutachten über Marias Pflegebedarf ist derzeit beim Gutachter. Der Gutachter begutachtet also das Gutachten und hat eine weitere Gutachterin, dieses Mal eine Sozialarbeiterin, mit der Abgabe eines (weiteren) Gutachtens beauftragt. Der Gutachter möchte also mithilfe verschiedener Gutachten zu einer Art Obergutachten kommen, in der er abschließend (?) eine eigene Empfehlung abgibt.

Die Begutachtung fand gestern statt, Maria bat mich, erneut dabei zu sein. Die Sozialarbeiterin, schätzungsweise um die 50, war nett und hat sich insgesamt über zwei Stunden lang mit Maria beschäftigt. Geschätzte 100 Fragen hat sie ihr gestellt und wollte alles ganz genau wissen. Am Ende sagte sie, dass sie noch in dieser Woche eine Empfehlung schreiben wird. Damit muss nun die Frage erlaubt sein, wieviele Empfehlungen es noch braucht, bis das Verfahren zu einem Ende kommt.

Es geht Maria gut bei uns. Sie kommt mit ihrem Leben zurecht, auch ohne dass ihr jemand den Tagesablauf strukturiert. Die Kosten, die auf ihre Assistenz und Pflege entfallen, sind angemessen und werden sinnvoll eingesetzt. Davon bin ich persönlich überzeugt.

Anders ist das zum Beispiel in anderen Einrichtungen. Ich spreche natürlich sehr viel mit meinen Freundinnen und Freunden und mit anderen Leuten aus der Szene über das, was mich bewegt und was ich hier auch aufschreibe, und habe in dem Zusammenhang einen Betreuungsvertrag zugespielt bekommen, wie er für ein so genanntes Service-Wohnen bei einem (anderen!) Hamburger Dienstleister üblich ist. Mir fielen fast die Augen aus.

Service-Wohnen ist eine Art des Betreuten Wohnens, bei dem -anders als in unserer Wohngemeinschaft- ein regelmäßiger Betreuungsservice "für den Notfall" vorgehalten wird. Während bei uns einige Leute ohne Assistenz nicht zurecht kämen, richtet sich Servicewohnen vorwiegend an ältere Menschen, die einfach eine Sicherheit haben wollen, dass sie im Notfall sofort jemanden erreichen und dass jemand da ist, wenn sie alleine sind oder im Alltag mal einen Tipp oder einen Ratschlag brauchen.

Das soll heißen: In einem Haus sind 20 Seniorenwohnungen und unten gibt es ein Büro, in dem zweimal pro Woche für ein paar Stunden eine Sozialarbeiterin sitzt, die einem erklärt, was die Krankenkasse einem geschrieben hat, ob man den neuen Pullover mit der Hand waschen sollte, woher man seine neuen Stützstrümpfe bekommt und wo man Essen auf Rädern bestellen kann, die im Notfall den Hausarzt anruft oder einen Angehörigen, die unter das Bett krabbelt, wenn einem der Ohrring runtergefallen ist oder die einem ein Zugticket ordert, wenn man zur Golden Hochzeit seiner Schwester reisen will. Also einfach alles das, was man seinen Sohn oder seinen Enkel fragen würde, würde er denn regelmäßig zu Besuch kommen.

Pflegeleistungen oder hauswirtschaftliche Leistungen sind (bis auf dreimal pro Jahr Fenster von außen putzen) nicht enthalten. Bei Menschen über 60, die mittellos sind, zahlt das Sozialamt im Regelfall diese Grundleistungen, wenn sie beantragt werden und wenn mit einem Leistungserbringer ein Vertrag nach vorgegebenen Muster abgeschlossen wird: Für einen Zwei-Personen-Haushalt im Monat rund 67 €. Soweit, so gut.

Nein wirklich, die Idee, die dahinter steckt, finde ich gut. Im Alter jederzeit jemanden zu haben, den man ansprechen kann, wenn man eine Frage hat oder der einem hilft, wenn einen die junge, schnelle Welt überfordert, kann Gold wert sein.

Ein jüngerer Mensch mit Behinderung wird sich so einen "Grundservice" nicht buchen. Meistens braucht er pflegerische Hilfe oder konkrete Hilfestellungen im Haushalt, dann bucht und koordiniert er die auch konkret. Oder er kann seine Hilfe nicht alleine koordinieren, dann kommt er nicht mit diesem Hintergrund-Basisangebot aus. Das heißt: Diese Angebote richten sich fast ausschließlich an ältere Menschen.

Und die kann man ja bekanntlich leichter abzocken. Mit ziemlich dreister Masche, wie ich aus dem mir zugespielten Betreuungsvertrag eines Hamburger Anbieters für Service-Wohnen ableite. Man koppelt einfach die monatlichen Beträge, die der Senior an das Unternehmen zu zahlen hat, an den jährlich neu festgelegten Maximalbetrag der Sozialhilfe und behauptet dann im Gespräch, dass es sich bei dem Betrag um den von der Behörde genehmigten oder den von der Behörde festgelegten Betrag für diese Leistungen handelt. Im Vertrag nimmt man sogar den Passus auf, der Betrag "richtet sich nach den Grundsätzen für das Betreute Wohnen der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, in der jeweils gültigen Fassung. Ändert sich dessen Höhe, so wird dieses dem Bewohner einen Monat im Voraus schriftlich mitgeteilt."

Auf der anderen Seite dünnt man aber die Leistungen aus, die die Behörde als Mindestleistungen bei den von ihnen bezahlten Verträgen fordert. Das heißt: Es ist zwar der von der Behörde veröffentlichte Maximalbetrag für die Grundversorgung im Betreuten Wohnen zu zahlen, man bekommt aber nicht die Leistungen, die die Behörde dafür einfordern würde. Schließlich ist davon nie die Rede in dem Vertrag, im Gegenteil, im Anhang stellt man einfach andere Leistungen dar. Man suggeriert also einerseits, es handelt sich um eine mit den beaufsichtigenden und genehmigenden Behörden ausgehandelte Leistungsform, kann sich im Streitfall aber jederzeit darauf berufen, dass nur der Betrag an die Verträge des Sozialamtes angepasst ist. Die Leistungen ergeben sich hingegen aus einer besonderen Anlage.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, würde man wenigstens (andere) Leistungen erhalten. Für 67,15 € pro Monat (800 € pro Jahr!) erhält man jedoch bei diesem Anbieter
- während der Sprechzeit mittwochs von 9 bis 11 Uhr:
1. Beratung in persönlichen Angelegenheiten (auch mit Angehörigen)
2. Beratung bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeplatz
3. Hilfestellung bei Anträgen
4. Vermittlung von Hilfsdiensten und Menüdiensten
5. Vermittlung von ambulanten Diensten, Kurzzeit- und Tagespflegeeinrichtungen
6. Benachrichtung von Angehörigen und Ärzten im Krankheitsfall
7. Vermittlung von Krankentransporten
8. Kontaktvermittlung bezüglich Pflegehilfsmitteln
9. Kleinere nicht regelmäßig wiederkehrende Hilfestellungen in besonderen Fällen
10. Anregung von Kontakten der Bewohnern untereinander

Okay. Spätestens jetzt wird jeder halbwegs vernünftige Mensch den Kugelschreiber wegpacken und sagen: "Das unterschreibe ich nicht." - Wäre da nicht ... richtig! Die Wohnungsnot. Viele alte Menschen suchen barrierefreie Wohnungen in Hamburg. Weil sie mit ihrem Rollator die Stufen nicht mehr hoch kommen oder in einem Altbau ohne Aufzug gewohnt haben. Sie bekommen (meistens nach Monaten bis Jahren Wartezeit) von der Behörde eine seniorengerechte Wohnung im Sozialen Wohnungsbau angeboten und wenn sie diese Wohnung haben wollen, sind sie verpflichtet, diesen Betreuungsvertrag abzuschließen. Sie haben keine Wahl: Der Mietvertrag ist mit diesem Betreuungsvertrag gekoppelt. Und dazu kommen in diesem konkreten Fall monatlich noch 57,85 € für ein verpflichtendes Hausnotrufsystem.

Das heißt: Monatliche Nebenkosten 125 €. Wofür? Für nix. Okay, nicht ganz, das Hausnotrufsystem macht ja durchaus noch Sinn. Wenn es in diesem Fall auch überteuert ist. Aber die Basisleistungen? Insbesondere die Punkte 6 und 7 treten jawohl nicht nur am Mittwoch zwischen 9 und 11 auf oder haben bis dahin Zeit. Der Punkt 2 kommt nur einmal kurz vor Auszug zum Tragen. Der größte Rest ist Unsinn, lediglich die Punkte 1 und 3 machen aus meiner Sicht noch einen gewissen Sinn. Aber wenn man dann 2 Stunden pro Woche für 20 Haushalte ansetzt, kann sich jeder vorstellen, wie die Beratung ausfällt.

Vielleicht muss man aber, wenn man eine Service-Wohnung (Seniorenwohnung) haben möchte, einfach so frech sein und die Kosten an das Sozialamt wegdrücken. Würde das denn zahlen... In dem konkreten Haus gibt es genügend Personen, die wegen kleiner Rente fast mittellos sind, aber das Sozialamt übernimmt aus diesen Betreuungsverträgen keinen Cent, denn: Sie umfassen ja nicht mal die Mindestleistungen. Und für einen Hausnotruf werden zudem höchstens rund 20 Euro übernommen. Kurzum: Wer eine mit öffentlichen Mitteln geförderte Seniorenwohnung anmieten will, sollte sich sehr genau über die Rahmen- und Vertragsbedingungen informieren, denn schwarze Schafe gibt es in dieser Branche definitiv!

Sonntag, 26. Februar 2012

Bevormundung

"Noch deutlicher kann ich es nicht mehr formulieren", schrieb ich in einem zugegebenermaßen provozierend als "Gebrauchsanleitung für Rollstuhlfahrer" genannten Beitrag vor einigen Tagen. Nach einigen der zahlreichen Kommentare und wegen einiger unmissverständlicher Mails muss ich aber in einem Punkt noch einmal erklärend nachlegen, denn mein "Punkt 4" war nicht so deutlich, wie ich es gehofft hätte: "Wer freundlich angebotene Hilfe freundlich ablehnt, weiß, was er tut."

Ich habe absolut nichts dagegen, dass mir jemand Hilfe anbietet. Im Gegenteil, meistens finde ich es nett. Dass es manchmal nervt, wenn ich bei einer Stunde Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln dreißig Mal angesprochen werde, ist etwas, was ich wohl kompensieren muss. Und solange alles freundlich bleibt, ist es okay und dann bleibe ich auch freundlich. Eine ganz einfache Frage: "Kann ich Ihnen helfen?"

"Nein, vielen Dank", wäre meine Standardantwort. Oder: "Nein danke, ich komme zurecht."

Das war und ist nicht mein Problem. Mein Problem ist die "Bevormundung", die ich empfinde, wenn jemand ohne zu fragen einfach hilft oder sich über meine Ablehnung hinwegsetzt und mich vielleicht dabei noch in Gefahr bringt. Ich bin mir dessen bewusst, dass viele Menschen sich nicht trauen, benötigte Hilfe zu erbitten. Aber selbst wenn das bei mir so wäre, wenn ich dann die angebotene Hilfe ablehne, dann denke ich mir doch etwas dabei. Es kann nicht sein, dass mein Wort weniger zählt als die Einschätzung meiner Mitmenschen.

Genau dasselbe passiert gerade bei Maria: Sie braucht, um innerhalb ihres Zimmer einmal von einer Ecke zur anderen zu fahren, locker zwei Minuten. Sobald der Boden uneben wird oder der Wind weht oder sonstige kleinste Hindernisse in die Quere kommen, ist sie aufgeschmissen. In ihrer früheren Einrichtung hat man sich bevormundend stets dagegen gesperrt, jetzt hat Maria einen Elektrorollstuhl für draußen bei ihrer Krankenkasse beantragt.

Ein Selbstgänger, sollte man meinen. Oder anders ausgedrückt: Die Entscheidung lässt sich in wenigen Minuten nach Aktenlage treffen. Aber nein ... nach sechs Wochen Bearbeitungszeit lehnt eine große Ersatzkasse den ersten Elektrorollstuhl ihres Lebens ab. Begründung: "Nach gutachterlicher Feststellung sind Sie mit einem Aktivrollstuhl ausreichend und zweckmäßig versorgt."

Okay, da hat jemand geschlafen. Oder war im falschen Film. Das Problem sollte sich fast am Telefon beheben lassen, sollte man meinen. Irrtum. Auf telefonische Nachfrage glaubt der Sachbearbeiter dem Gutachter mehr als Maria (oder Frank, der für sie dort angerufen hat): Wenn der Gutachter das so feststellt, seien der Kasse die Hände gebunden. Vielleicht, so der Sachbearbeiter, ließen sich mit regelmäßigem Training die so wichtigen Komponenten Kraft und Ausdauer noch erhöhen.

Ähm. Ja. Ohne Worte. Das ist schon so dumm, dazu fällt mir nichts mehr ein, was man hier ungestraft schreiben dürfte. Da Frank sie als Anwalt nicht vertreten darf, will Maria nun morgen mit dem Anwalt sprechen, der sie auch in der Sache mit ihrem Wohnplatz vertritt, und versuchen, über ihn beim zuständigen Sozialgericht einstweiligen Rechtsschutz zu beantragen.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Gebrauchsanleitung

Ich glaube, man kann gar nicht oft genug darüber schreiben. Nein, nicht über das Wetter (wieso sind draußen 13 Grad plus um diese Zeit?!). Über was anderes:


Gebrauchsanleitung: Rollstuhlfahrer in der Öffentlichkeit

1. Wer in der Öffentlichkeit im Rollstuhl durch die Gegend fährt, fragt, wenn er Hilfe braucht.

2. Wer Hilfe braucht, aber nicht fragen kann, macht anders auf seine Hilfsbedürftigkeit aufmerksam. Derjenige kommt in aller Regel nicht an diesem Tag zum ersten Mal in diese Lage und kann sich entsprechend vorbereiten.

3. Wer Hilfe braucht und das selbst nicht weiß, verhält sich auch ansonsten erkennbar auffällig.

4. Wer freundlich angebotene Hilfe freundlich ablehnt, weiß, was er tut.

5. Wer einen Rollstuhlfahrer ungefragt oder gar gegen seinen Willen anfasst, ist ein Idiot.


Noch deutlicher kann ich es nicht mehr formulieren. Der Grund für das gefühlte 128. Aufgreifen dieses Themas? Einerseits eine Mail aus der letzte Woche, dessen Verfasser meinte, ich sei zu unnachsichtig mit meinen Mitmenschen, die nicht wüssten, wie man mit Behinderten umgehen soll. Andererseits der heutige Tag, an dem ich mich im Dreck liegend in einer U-Bahn wiederfand. Warum?

Ich stand mit Cathleen auf dem Bahnsteig, die Bahn fuhr ein, die Türen öffneten sich, einige Leute stiegen aus. Cathleen und ich rollten zu einer Tür, warteten ab, bis alle ausgestiegen waren. Ich wollte gerade einsteigen, als ich merkte, dass irgendjemand seine Finger an meiner Rückenlehne hatte. Ich drehte meinen Kopf um, direkt hinter mir stand ein älterer Herr. "Ich helfe Dir." - "Nein danke. Lassen Sie mich bitte los."

Er dachte gar nicht dran. "Ich kenne mich aus. Meine Schwester saß auch im Rollstuhl. Du hast ja gar keine Schiebegriffe dran, das ist sehr gefährlich, man hat ja gar keinen richtigen Halt." - "Lassen Sie mich sofort los!"

Der Typ schob mich die zwei Meter vor die Tür, wollte mich umdrehen und mich wahrscheinlich rückwärts in die Bahn ziehen. Mit "lassen Sie mich sofort los" hatte ich doch wohl klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ich seine Aktion nicht wollte. Er ignorierte das, also blieben nur noch zwei weitere Eskalationsstufen. Erstens brüllen und die Greifreifen festhalten, zweitens die Greifreifen wieder loslassen und ihm eine Ohrfeige verpassen.

"Sie sollen mich loslassen, habe ich gesagt!" brüllte ich ihn an. Cathleen brüllte dazu: "Sag mal, hörst du schwer oder was?" - Durch den Lärm wurden diverse andere Fahrgäste auf uns aufmerksam. Ein junger Mann sprang von seinem Sitz auf und kam zu uns. "Hallo, hallo, lassen Sie die Frau mal los hier, ja?!" - Und dann das unglaubliche: "Mischen Sie sich da mal nicht ein, die gehört zu mir."

Ja, der Typ sagte allen Ernstes, ich gehöre zu ihm. Ich erwiderte: "Ich kenne Sie überhaupt nicht!" - "Ich helfe dir doch nur beim Einsteigen!" - "Was duzen Sie mich überhaupt?"

Der Typ ließ mich los. Über Lautsprecher kam die obligatorische Aufforderung, sich doch mal ein wenig zu beeilen: "Einsteigen bitte!" - Ich tauschte mit Cathleen einen Blick, wir waren uns ohne ein Wort einig. Wir rollten ein Stück zurück. Der Zugführer schien uns per Kamera zu beobachten. Er wiederholte: "Einsteigen bitte!" - Wir rollten noch ein Stück weiter zurück und drehten uns mit dem Gesicht zueinander. Das war deutlich genug. "In Richtung Mümmelmannsberg: Zurückbleiben bitte."

Die nächste Bahn würde in fünf Minuten kommen. Der Typ war im Wagen, die Türen schlossen sich. Die Bahn fuhr ab. Als die nächste Bahn einfuhr, starteten wir einen neuen Versuch. Cathleen fuhr vorweg, ich hinterher durch die geöffnete Tür. Das Einsteigen selbst dauert höchstens zwei Sekunden. Wäre da nicht ... der nächste, der mich anfasst. Von hinten. Und zwar in dem Moment, wo ich leicht ankippel, um die Vorderräder über den Zwischenraum zwischen Bahnsteig und Wagen zu heben. Durch das Anschieben von hinten drückt er meinen Stuhl vorne runter, der Stuhl bleibt an der Wagenkante hängen.

Normalerweise passiert da nichts. Im schlimmsten Fall geraten die kleinen Räder des Rollstuhls quer zwischen Bahnsteigkante und Waggon, dann kippt der Stuhl halt fünf bis zehn Zentimeter vorne runter, bis entweder die Fußplatte oder irgendein Teil vom Rahmen irgendwo aufschlägt. Das ist mir zwar noch nie passiert, aber wir hatten schon mehrmals so ein Mobilitätstraining, bei dem man das bewusst ausprobieren konnte, um sich selbst die Angst vor diesem Spalt zu nehmen. Es passiert eben nichts schlimmes. Man hält sich am Stuhl fest, um beim Kippen nach vorne nicht aus dem Stuhl zu fallen, dann hält man sich mit einer Hand an der Tür oder an irgendeinem Griff fest, nimmt die zweite Hand an den Greifreifen und kippelt noch einmal neu an. Dabei zieht man die Vorderräder wieder aus dem Spalt. Oder man fragt halt einen Fußgänger, ob er mal helfen kann. Oder man lässt sich auf den Boden fallen, setzt sich hin, holt den Stuhl aus dem Spalt, zieht ihn in die Bahn und setzt sich wieder rein.

Alles kein Problem, wäre da nicht der Typ, der geschoben hat, und der auf diesen plötzlichen und abrupten Stopp nicht vorbereitet war und über mich stolpert. Sich also an meinem Oberkörper abstützt, um nicht über mich hinweg zu fallen. Und dann lag ich im Dreck. Schön auf dem pitschnassen Fußboden der Bahn. Meine Füße hatten sich zwischen Fußplatte und Rollstuhlrahmen verfangen und verdreht. Cathleen hörte nur das Gepolter, drehte sich um. "Was machst du denn?!", fragte sie ungläubig.

Der Typ, der mich geschoben hatte und von hinten auf mich drauf gefallen war, rappelte sich auf und nahm seine Beine in die Hand. Und tschüss. Ein anderer kam angerannt und wollte meine Füße mit Gewalt aus dem Rollstuhl zerren. Bevor er mir noch die Knochen bricht, konnte ich ihn nur überdeutlich anblubbern: "Flossen weg. Ja? Immer mit der Ruhe. Nicht einfach irgendwo anfassen und rumzerren." Unglaublich. Ein anderer Typ zog die Notbremse. Auch das noch - der Zug wäre mit dem Stuhl in der Tür sowieso nicht losgefahren. Solange die Tür blockiert ist ... der Zug fährt ja nicht mit offener Tür. Nur jetzt musste erstmal der Zugführer kommen und die Notbremse wieder freigeben.

Inzwischen krabbelte ich wieder in meinen Stuhl. Ich sah aus wie ein Erdferkel. Der Zugführer kam, ich war schon auf eine Gardinenpredigt gefasst, der war aber nett, er hatte das Spektakel wohl auf seinem Monitor beobachtet. "Haben Sie sich verletzt?", fragte er mich. Und dann: "Hatte der Mann Sie geschubst?" - Ich nickte. "Wohl in bester Absicht, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass da plötzlich einer schiebt." - "Einen Krankenwagen brauchen Sie aber nicht, oder?" - "Um Gottes Willen." - Ein Typ fing an zu pöbeln: "Geht das jetzt bald mal weiter hier oder was?" Er drehte sich zum Fenster und blubberte vor sich hin: "Nur weil die da mit ihrem Rollstuhl nicht in die Bahn kommt, verpass ich meinen Anschlussbus."

Falsch. Nur weil Idioten mich anfassen, verpasst er seinen Anschlussbus. Aber egal. Du hast Recht und ich hab meine Ruhe. Bis ... zur Rückfahrt. Wir nahmen die S-Bahn, nicht nochmal die U-Bahn. Das hatte aber andere Gründe. Jedenfalls stiegen am Mittleren Landweg vier Kontrolleure ein. "Einmal die Fahrausweise bitte", sagte der, der bei uns eingestiegen war. Bevor ich meinen Ausweis rausholen konnte, sagte er zu Cathleen und mir: "Ihr lasst den mal stecken." - Na klar. Rollstuhlfahrer werden sowieso kostenlos befördert, es wäre quasi nur der Nachweis, dass wir wirklich Rollifahrer sind.

Beiläufig bekamen wir mit, wie der Kontrolleur einen Mann, der es sich mit seinem Fahrrad und einem Buch in einer Ecke gemütlich gemacht hatte, ansprach: "Ihre Karte ist nur gültig, wenn Sie Ihren Namen mit Kugelschreiber dort in dem Feld eingetragen haben. Holen Sie das bitte schnellstmöglich nach, okay?" - Der Mann, schätzungsweise Mitte 40, wirkte eigentlich völlig harmlos. Aber: "Hören Sie auf, mich zu belehren, was glauben Sie, wer Sie sind?" - "Ich weiß, wer ich bin. Sie müssten Ihren Namen da bitte noch nachtragen, so ist der Fahrausweis nicht gültig." - "Nun spinnen Sie nicht rum, geben Sie mir meine Karte wieder."

Der Typ versuchte, dem Kontrolleur die Karte aus der Hand zu nehmen. Ich sah die beiden schon ringend auf der Erde. Aber nein, der Kontrolleur ging einen Schritt zurück. "Nun bleiben Sie mal geschmeidig. Ich kann die Karte auch einziehen." - "Das können Sie nicht, ich habe die bezahlt, das ist meine." - "Die Karte bleibt im Besitz des HVV und kann bei missbräuchlicher Benutzung eingezogen werden. Und die liegt vor, wenn Sie die Karte nicht mit ihrem Namen kennzeichnen, so dass sie von verschiedenen Leuten benutzt werden könnte." - "Ich weiß, dass ich da meinen Namen reinschreiben muss und die Karte nur zusammen mit meiner Kundenkarte gilt, Sie sind ein alter Besserwisser, geben Sie mir meine Karte wieder und Sie können sich schon auf eine saftige Beschwerde gefasst machen morgen. Und da werde ich auch erwähnen, dass Sie die behinderten Mädchen hier gar nicht erst kontrolliert haben. Das ist reine Schikane, was sie hier machen. Und jetzt will ich meine Karte wiederhaben."

Er riss sie dem Kontrolleur aus der Hand. Der drehte sich um und ging zum nächsten. Ich konnte mir ein "Unglaublich" nicht verkneifen. Allerdings so leise, dass der Typ nicht noch auf mich losging. Aber er pöbelte weiter: "Die Behinderten können schwarz fahren, aber ich werde hier angemacht, obwohl ich eine gültige Karte habe." - Cathleen und ich guckten aus dem Fenster. - "Ja ja, tut ruhig so als wenn ihr mich nicht hört."

Am Hauptbahnhof trafen wir die vier Kontrolleure wieder. Sie stiegen gerade aus einem anderen Wagen derselben S-Bahn. Ich sprach den einen an: "Beschwert der sich jetzt wirklich morgen?" - "Rechnen muss man mit allem." - "Wollen Sie meinen Namen haben? Falls es sein muss, schreibe ich dazu was." - "Schaden kann es nicht." - "Aber nicht, dass mein Name in die Schwarzfahrerdatei kommt", scherzte ich.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Eine Woche Stress

Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich mittags aus der Schule kam (ja, ich gehöre noch zu der Generation, die die Zeit vor den Ganztagsschulen zu einem großen Teil miterlebt hat), meine Hausaufgaben in den langweiligen Unterricht der ersten beiden Stunden des Folgetages verschoben habe und stundenlang Zeit für mich selbst hatte. Und für meine Pferde.

Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Jana unterhalten, vor allem über das Theater hier auf meiner Seite. Ich will den Inhalt des Gesprächs hier nicht weiter vertiefen, aber eins ist mir besonders aufgefallen. Ich habe mich, was meine Zeit vor dem Unfall betrifft, immer für ein eher liebes (im Sinne von artig) Mädchen gehalten. Das kann man absolut oder relativ sehen, ich sah es immer in Relation zu meinen Mitschülerinnen oder damaligen Freundinnen. Was für Scheiße die teilweise gebaut haben, und was für Scheiße ich nicht gebaut habe, insoweit hatten meine Eltern wirklich Glück mit mir gehabt. Aber ich war natürlich auch kein Engel: Hausaufgaben morgens abschreiben, weil man lieber reitet als Matheaufgaben rechnet, ist natürlich ... nicht okay. Wobei ich finde, dass es sich eher um eine kleinere als um eine größere Sünde handelt.

Umso erstaunter war ich, als Jana mir erzählte, dass sie nie Hausaufgaben abgeschrieben hat. Oder "vergessen" hat. Dass sie nie Dinge getan hat, die verboten waren. Nie geschwänzt. Stille Wasser sind tief. Jana ist mit mir neulich verkehrt herum durch die Einbahnstraße gefahren, weil sie keinen Bock auf einen großen Umweg hatte. Es war Nacht, das Teilstück der Einbahnstraße war rund 30 Meter lang und sie meinte, wenn man erwischt wird, koste es nur 10 Euro. Ja ja.

Egal. Damals war es noch so, dass meine größte Sorge war, meine Lehrerin oder meine Eltern könnten herausfinden, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Andererseits habe ich die viele Freizeit genossen. Manchmal habe ich mich an einen See gesetzt und stundenlang auf das Wasser geschaut und geträumt. Das habe ich damals nie jemandem erzählt. War aber so. Die Ruhe, der Frieden, den ich dabei gefunden habe, hat mir sehr viel bedeutet.

Heute ist es anders. Die letzte Woche war nur stressig. Mir fehlt mein Auto. Dieses Gegurke mit öffentlichen Verkehrsmitteln macht mich wahnsinnig. Auch als ich ein Auto hatte, habe ich mich mehrmals pro Woche bewusst dafür entschieden, mit Öffis zu fahren. Aber wenn ich gar keine Alternative mehr habe und ich zum Beispiel zur Physio nicht mehr 15 Minuten sondern 90 unterwegs bin und sich diese 90 dann auch noch auf 180 ausweiten, weil irgendwelche Knalltüten mutwillig Einkaufswagen ins Gleis schieben oder Aufzüge außer Betrieb setzen oder ähnliches, dann ist das nur noch anstrengend. Ich komme nicht mehr zum Training, ohne andere Leute zu bitten, ob sie mein Bike oder meinen Rennrolli mitnehmen können. Und meistens findet sich keiner, da die alle selbst schon das Auto bis zum Rand vollgepackt haben.

Ich habe mein Auto jetzt bestellt, es soll in der letzten Maiwoche fertig sein. Plan war darüber hinaus, ein weiteres Auto für Sofie anzuschaffen. Sofie versucht nun, über eine öffentliche Stelle einen Zuschuss zum Umbau (nicht zum Fahrzeug selbst) zu bekommen. Und das zieht sich. Bevor die Behörde nicht "ja" oder "nein" gesagt hat, darf sie nicht bestellen, sonst verwirkt sie den Zuschuss. Ätzend.

Und Maria? Unglaublich, aber wahr: Es gibt nichts neues. Wir warten, warten, warten. Zur Zeit ist ein weiterer Gutachter eingeschaltet worden, der das Gutachten der Gutachterin gutachterlich bewerten soll. Nach Aktenlage also. Solange leisten wir vor. Maria ist totunglücklich. Muss sie aus meiner Sicht nicht sein, sie zermürbt aber die lange Verfahrensdauer und die Ungewissheit. Man kann aber nach wie vor nur abwarten.

Besser läuft es allerdings mit Ronja. Im Haus sind seit einer Woche die Handwerker dabei, ordentlich Lärm zu machen. Soll heißen: Es klappt! Seit Montag ist alles so weit eingepflanzt, dass es losgehen kann. Offizieller Starttermin ist vorläufig der 2. Mai.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Aufgeräumt

Aufmerksame Leser und Kenner dürften es mitbekommen haben, es sind ein paar Beiträge und etliche Kommentare verschwunden. Der Grund: Die Verbannung der Fetischisten aus meinem Blog. Durch die unbedachte Offenheit und Redseligkeit eines einzelnen Vertreters der Szene sind meinem Anwalt (nein, nicht Frank) nun 41 Personen namentlich bekannt. Einigen von ihnen konnten bestimmte Mailadressen zugeordnet werden, von denen aus ich längere Zeit immer wieder belästigt worden bin, einigen von ihnen auch Kommentare oder IP-Bereiche. Die Betreiber zweier einschlägiger Internetforen stehen ebenfalls namentlich fest, einer von ihnen hatte sogar ein ordnungsgemäßes Impressum. In einem Forum muss man sich registrieren, um lesen und schreiben zu können, im anderen kann jedoch auch jeder lesen. In beiden Foren wurde intensiv über mich geschrieben, zu 97,5% unter der Gürtellinie.

Inzwischen sind sämtliche Threads, in denen es um mich ging, in diesen beiden Foren freiwillig vom Betreiber gelöscht worden. Von beiden Betreibern liegt eine schriftliche Unterlassungserklärung vor. Darüber hinaus konnte mein Anwalt 18 der 41 Personen konkrete Kommentare zuordnen, die nicht nach Aufforderung, sondern ohne jeden Zusammenhang und unter der Gürtellinie abgegeben worden sind (und anschließend dann meistens von mir ausgeblendet wurden). Diese Personen sind nun schriftlich aufgefordert worden, das künftig zu unterlassen. Fünf weiteren Personen ist nachzuweisen, dass sie belästigende Mails geschickt haben. Von vieren liegt inzwischen auch eine schriftliche Unterlassungserklärung vor. Der fünfte hat bis morgen noch Zeit, danach überlegen mein Anwalt und ich nochmal, ob wir die gerichtlich durchsetzen und/oder ob wir Strafanzeige wegen Beleidigung und Verbreitung pornografischer Schriften erstatten. Derjenige, der noch nicht unterschrieben hat, hatte mir unter anderem seinen (?) Dödel in Großaufnahme gemailt, nachdem ich diverse Mails von ihm bereits ignoriert hatte.

Und nun wieder zu den erfreulichen Seiten: Ich habe unter "Fragen und Antworten" aufgeräumt und die bisherigen Folgen eins bis drei auf einer Seite mit bisher über 200 Fragen und Antworten zusammengefasst. Ich werde künftig weiterhin offen und frei über alles schreiben, was mich bewegt und berührt, auch über Kontinenz und Sexualität, ich habe auch weiterhin nichts gegen Fragen und Kommentare, nur werde ich diese moderieren und ggf. gar nicht erst freischalten. Ich hoffe, dass das Thema damit nun erledigt ist und wir zur Tagesordnung zurückkehren können.

Dienstag, 14. Februar 2012

An den Rolli gefesselt

Seit einigen Tagen ist der Hinweis im Umlauf, man möge, wenn man jemanden sieht, der an der Rollstuhl gefesselt ist, diesen losbinden oder die Polizei rufen.


Im Bahnhof Altona, genauer gesagt in dem dortigen Elektronikmarkt, befand sich heute eine knapp 20jährige Behinderte mit Rollstuhl. Ob gefesselt oder nicht, kann ich nicht sagen. Vermutlich hat sich jemand an den obigen Hinweis erinnert und vorsichtshalber die Cops gerufen. Diese parkten auch gleich auf dem richtigen Parkplatz...

Nett, aber nutzlos

Mitleid ist meist nur oberflächlich betrachtet eine gute Emotion. Meist steckt dahinter eine besondere Form der Verachtung, das Urteil: "Nett, aber nutzlos."

Eine deutliche Aussage der Sozialpsychologin und Princeton-Professorin Fiske, die sich mit der Entstehung von Vorurteilen beschäftigt und dabei auf zwei grundsätzliche Dimensionen gestoßen ist: Von der Wärme, die ein Mensch auf einen anderen ausstrahlt und von seiner Kompetenz hänge es ab, wie wir ihn einschätzen.

Im Rahmen verschiedener Studien hat sie etliche Menschen in einen Magnetresonanztomografen geschickt und die verschiedenen Aktivitäten im Hirn der Probanden gemessen. Dabei fiel auf, dass viele Menschen zum Beispiel Obdachlose oder Drogenabhängige als Objekte betrachten und nicht als menschliche Wesen. Ein unbewusster Vorgang als Ergebnis eines über den Lauf der menschlichen Evolution und Geschichte andauernden überlebenswichtigen Verhaltens, dem Vergleichen mit anderen zur Bestimmung des eigenen sozialen Status.

Man habe herausgefunden, dass die Bestimmung des eigenen sozialen Status auf zwei Ebenen geschehe, nämlich durch die Beurteilung von Wärme und Kompetenz des Gegenübers. Ein erfolgreicher Aktienhändler gelte dabei eher als kühl, ein mittelständischer Handwerker als warm. Generell werden Mitglieder der Gruppe, in der man sich selbst sieht, eher als warm angesehen, Menschen, die sozial über oder unter einem stehen eher als kalt. Zusammen mit der Kompetenz, die man einem Menschen zuschreibt (Alte, Behinderte, Arme, Sozialhilfeempfänger, Obdachlose haben dabei eher eine niedrige Kompetenz, während man sich selbst und Vorbildern, Experten, erfolgreichen Menschen, Reichen eine eher hohe Kompetenz zuschreibt), ergeben sich vier unbewusste Empfindungen.

In der eigenen Gruppe findet sich eine hohe Kompetenz zusammen mit starker Wärme, die Stolz auslöst, in der Gruppe der erfolgreichen über sozial über einem selbst angesiedelten Menschen findet sich eine hohe Kompetenz bei schwacher Wärme. Diese lösen bei den meisten Probanden Neid aus.

Bei den Menschen, denen man eine niedrige Kompetenz zuschreibt, gibt es bei schwacher Wärme (Arme, Sozialhilfeempfänger, Obdachlose) regelmäßig Verachtung und Ekel, während bei starker Wärme (Alte, Behinderte) regelmäßig Mitleid entsteht.

Zusammengefasst behauptet Fiske also, behinderten Menschen begegnen wir instinktiv mit Mitleid, wir verknüpfen ihren Anblick unbewusst mit starker Wärme und wenig Kompetenz. Möchte man nun diesem Wärme-Kompetenz-Modell folgen, habe ich kaum eine Chance, dem Mitleid meiner Mitmenschen zu entkommen. Was sich in der Evolution und Geschichte in die Hirne der Menschen eingebrannt hat, werden wir in unserer kurzen Lebenszeit nicht ändern können. Shit.

Sonntag, 12. Februar 2012

Eis statt Sauna, Bier im Pool

Mittagessen fiel aus, sonst hätte es noch länger gedauert, bis wir endlich losgekommen wären. Nein, nicht noch einmal zur Alster, sondern gemeinsam, passend zu den kalten Temperaturen, in die Sauna. Wir haben uns gedacht: Heute sind die Leute alle auf den zugefrorenen Seen, dann sind wir (trotz Sonntag) bestimmt ganz alleine im Schwimmbad.

Jana, Cathleen, Simone und ich passten mit viel Mühe in Janas Auto, Jana wollte unbedingt ihre Freundin Britta mitnehmen, Britta wollte nicht ohne Schatzi und Schatzi machte kurzerhand noch bei ein paar Kumpels Werbung. Und postete sein Vorhaben bei Facebook. Frei nach dem Motto: Wer Zeit hat, soll dazu kommen. Inzwischen weiß auch er, wieviel wir davon halten. Gestern auf der Alster wäre es okay gewesen, im Kino meinetwegen auch - aber in die Sauna möchte ich gerne nur mit Freundinnen und Freunden, die ich vorher schon kannte.

Er hatte auch nix gesagt, wir wunderten uns nur, warum nach und nach Leute dazu kamen, die er kannte, die Britta kannte, die wir teilweise auch entfernt kannten (Britta ist auch Rollifahrerin, macht aber keinen Paratriathlon) - aber die doch nicht alle zufällig da sein konnten. Wahrscheinlich bin ich, sind Jana, Cathleen und Simone, etwas zu empfindlich. Spaß soll auf keinen Fall zu kurz kommen, aber ich mag es nicht, wenn ich mit Leuten losziehe, die sich nicht benehmen können. Damit meine ich weniger, dass jemand ständig laut rülpst oder heißen Models hinterher pfeift, sondern damit meine ich beispielsweise, wenn man ein paar Flaschen Bier mit in den Whirlpool nimmt und sich vom Bademeister ein "Es ist 3 Minuten vor einem Hausverbot" abholt. Jana distanzierte sich auch schon deutlich, die Britta fand das alles noch im Rahmen.

So fiel unser Saunagang ins Wasser, zumal wir auch erneut das Problem hatten, dass die Sauna für Rollifahrer nicht zugänglich war, da die Rampe mit einer dicken Eisschicht versehen war. Also ingesamt mal wieder ein toller Erfolg.

Britta und ihre Jungs sind noch länger geblieben, wir haben uns kurzerhand wieder auf den Heimweg gemacht. Und nun gibt es Abendessen.

Alstereisvergnügen

Als Cathleen, Simone, Jana und ich am Hauptbahnhof aus der Bahn sprangen, mit der Rolltreppe aus dem Tunnel fuhren und in das Bahnhofsgebäude rollten (die S- und U-Bahnen fahren vor, hinter, neben und unter dem Hauptbahnhof ab), dachten wir nur: Gibt es hier irgendwas umsonst? Ich habe den Hamburger Hauptbahnhof noch nie so voll erlebt. Die Menschen schoben sich durch die Gänge und wir konnten nur eng zusammenbleiben, um uns nicht zu verlieren.

Klar gab es hier etwas umsonst: Schönes Wetter und eine zugefrorene Außenalster. Der rund 170 Hektar große See mitten in der Hamburger City soll laut Tageszeitung rund 1 Million Besucher angelockt haben. Und genauso kam es mir auch vor. Zuletzt war die Alster übrigens vor rund 15 Jahren zugefroren - ich erinnere mich daran nicht. Rund um den Hauptbahnhof waren dann auch noch zwei Demos, verbunden mit den üblichen Hundertschaften der Polizei und den üblichen Vollidioten (drei davon meinten, direkt vor uns becherweise Bier über die Mengen werfen zu müssen), das Chaos war also halbwegs perfekt.

Aber warm angezogen und bei allmählich untergehender Sonne schoben wir uns in Richtung der Rudervereine, um dort von einem Steg auf das Eis zu kommen. Wir überquerten die Alter einmal komplett (wobei ich nicht erwartet hätte, dass die Oberfläche zum Teil zentimeterhohe Stufen hatte) und der absolute Brüller war, dass eine Horde Schlittschuhläufer angeflitzt kam und meinte: "Mädels, eure Nasen sind noch nicht eingefroren, wir haben gerade beschlossen, das zu ändern." - "Was habt ihr vor?" - "Kurzer 'Run On Ice' gefällig?" - "Na dann mal los."

Gesagt, getan, die Jungs prügelten sich fast, wer jetzt schieben sollte, dann gaben sie Gas. Analog zur Geschwindigkeit beim Biken würde ich mal auf 25 bis 30 km/h tippen, die wir erreichten und als die anfingen, Kurven und Achten zu fahren und wir auch noch diagonal und seitwärts drifteten, sah ich mich schon auf der Fresse liegen. Aber nein, sie waren lieb. Geil. Nach fast einer Viertelstunde waren wir in der Nähe des Ruderclubs, bei dem wir auf das Eis hinunter gelangt sind, als die Jungs meinten: "So, jetzt hab ihr rote Nasen." - Wir wollten die Horde noch auf einen Kakao einladen, aber die wollten lieber weiterlaufen, es wird ja bald dunkel...

Samstag, 11. Februar 2012

Noch ein Design

Es reicht nicht, wenn ich mein Tagebuch lesen kann. Wenn ich das im Internet veröffentliche, sollte man es dort auch lesen können, ohne Augenkrebs zu bekommen. Also gibt es ein helleres Bild, einen helleren Hintergrund und eine hellere Schrift. Das Bild ist bei einer Trainingsfahrt im Herbst entstanden, auf einem Elbdeich, Nähe Zollenspieker. Hübsch, ne?!

Donnerstag, 9. Februar 2012

Nüchtern, sachlich, düster

Nicht mehr fröhlich und optimistisch, sondern nüchtern, sachlich und ein bißchen düster.

Ist das mein Blog? Ist das mein Tagebuch? Ist das meine Seele? Habe ich mich krass verändert?

Ja, ich glaube schon. Ich glaube, ich habe mich verändert. Nicht mehr fröhlich, das möchte ich nicht unterschreiben, aber wesentlich seltener fröhlich als noch vor ein, zwei Jahren, das könnte sein. Und Optimismus - auch davon habe ich zur Zeit auch weniger. Das stimmt auch. Und ich finde es schon faszinierend, was man so alles aus meinen Texten herauslesen kann.

Ich beobachte seit einiger Zeit, dass die Veränderungen der letzten Monate mich sehr anstrengen. Das Wohnprojekt macht mir Spaß, ich finde es toll, keine Frage, aber es ist so viel anstrengender Nervkram damit verbunden, dass mir nahezu täglich die Fröhlichkeit vergeht. Spätestens wenn ich für andere Leute eine gewisse Verantwortung übernehme und versuche, anderen zu helfen, wird es irgendwann frustig, wenn man trotz ganz viel reingesteckter Energie nicht zum Ziel kommt. Wenn man immer wieder für etwas kämpft aber keinen Schritt weiterkommt. Wenn man glaubt, sich ein letztes Mal anstrengen zu müssen, um über die letzte Hürde zu springen, man seine ganze Energie und Kraft und Ehrgeiz mobilisiert und dann dem Kampfrichter einfällt, dass er vergessen hat, die Uhr einzuschalten. Es also heißt: Bitte noch einmal von vorne. Da kann einem schonmal die Fröhlichkeit vergehen und da kann man auch mal vom Optimist zum Realist werden.

Ich würde mich als einen Menschen beschreiben, für den Fairness, Offenheit und Ehrlichkeit unheimlich wichtig sind. Wenn ich mir jetzt nur dieses Theater mit Maria ansehe - ist das fair? Weder in ihrer Einrichtung wurde sie fair behandelt noch jetzt von dem Sozialdienst, der ihr nach wie vor die Zustimmung für diese Wohnform verweigert, ohne dafür je einen sachlichen Grund genannt zu haben. Darf ich darüber reden, darf ich öffentlich darüber schreiben? Sicherlich, das kann mir niemand verbieten, solange ich nicht die Unwahrheit sage, nur fühlen sich dann die nächsten Leute persönlich angepisst und das Verfahren zieht sich noch weiter in die Länge. Ja, man liest meinen Blog und ja, ich muss aufpassen, was ich sage. Das ist nicht meine Welt. Ich komme in dieser Pass-auf-was-du-sagst-Welt nicht zurecht.

Wenn ich was verbockt habe, dann stelle ich mich in den Ring, bekenne mich dazu und notfalls lasse ich mich verprügeln. Leider muss ich immer mehr erleben, dass diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, besser klarkommen. Nicht bestraft werden, keine Nachteile bekommen. Wer einen guten Anwalt hat oder sich gut rausreden kann, hat nichts zu befürchten. Klar, ich gehe auch nicht zum Schwimmeister und erzähle dem, dass ich gerade in seine Dusche gepinkelt habe. Aber: Würde er mich nächste Woche abfangen und sagen, er hat das in meinem Blog gelesen, hier ist ein Schrubber, jetzt putzt du mal den Fußboden - dann würde ich eben nicht fälschlich behaupten, dass mein Blog ja nur zu Unterhaltungszwecken diene und das alles nicht stimme. Mir käme auch keine Unfallflucht in den Sinn. Wenn ich einem anderen das Auto zerlege, dann hau ich nicht ab. Dann komme ich für den Schaden auf, den ich angerichtet habe. Und wenn ich keinen Bock hatte, zu einem Termin zu kommen, dann rede ich nicht von defekten Aufzügen, verstorbenen Omas oder ansteckenden Krankheiten. Auch wenn das der eindeutig anstrengendere und manchmal schmerzhaftere Weg ist. Wenn er manchmal Demut und Tränen verlangt. Aber es reißt einem niemand den Kopf ab. Ich möchte aber nicht den Glauben daran verlieren, dass man mit Ehrlichkeit weiterkommt. Das ist mit Blick auf große Teile der heutigen Gesellschaft aber ein großer Konflikt. Und dieser Konflikt verdüstert meine Stimmung in der Tat manchmal.

Marias Verfahren beschäftigt mich zur Zeit, mehr als ich das eigentlich möchte. Ich betone dabei das Verfahren, nicht Maria selbst. Wir alle haben uns für sie entschieden, wir ziehen das jetzt auch durch. Aber es beschäftigt mich eben. Daher gibt es im Moment auch weniger andere Sachen zu lesen - zumal auch nicht viel passiert. Training ist kaum, Freizeiten, Trainingslager auch nicht, man kann zur Zeit wenig nach draußen wegen der Affenkälte, Vorlesungen haben noch nicht begonnen. Es passiert zur Zeit ziemlich wenig anderes.

Mit "auf mich aufpassen" habe ich nicht gemeint, dass ich nicht mehr über mich schreibe. Oder nicht mehr offen über mich schreibe. Sondern ich passe noch mehr darauf auf, dass man nicht so einfach ermitteln kann, wo ich mich gerade aufhalte. Normalerweise hätte ich damit kein Problem, nur muss man ja damit rechnen, dass auch Psychos diesen Blog lesen. Und mit denen habe ich ein Problem. Ich werde also trotz besseren Aufpassens künftig auch wieder mehr über mich schreiben. Heute habe ich zum Beispiel Regelschmerzen, was eigentlich nicht so oft vorkommt.

Einen Feed habe ich eigentlich nicht bewusst abgestellt, ich wüsste auch nicht, wo ich den wieder einschalten sollte. Ich mache mich mal schlau. Und was das Hintergrundbild angeht ... ist es nicht schön, wenn man es ganz sieht? Man kann es übrigens jetzt auch ganz rechts unten in der Spalte finden und anklicken...

Montag, 6. Februar 2012

Ein neues Design

Wie wohl jeder inzwischen mitbekommen hat, haben sich ein paar Dinge verändert. Das war aus meiner Sicht zum Teil sehr, zum Teil weniger dringend erforderlich, aber wenn man schon schraubt, schraubt man gleich richtig, oder?

In allererster Linie habe ich die Kommentarfunktion verändert. Es kann zwar nach wie vor jeder einen Kommentar schreiben und ich freue mich auch nach wie vor über Kommentare zu meinen Texten (also bitte gleich was schreiben!), aber bisher war es so, dass ich regelmäßig bestimmte Kommentare wieder rausgelöscht habe. Einerseits die irgendwelcher Fetischisten, die auf Behinderungen, Rollstühle, Windeln oder Inkontinenz standen, andererseits die irgendwelcher Idioten, die Ansichten hatten, die ich nicht teilen möchte. Beides hatte meistens einen Rattenschwanz von anderen Kommentaren nachgezogen, die ich dann, um sie nicht ohne Bezug frei im Raum stehen zu lassen, auch löschen musste. Da man bei Blogger keine Kommetare editieren oder splitten kann, war beim Löschen dann entweder alles weg oder gar nichts.

Künftig wird es so sein, dass ich (oder ein Moderator) die Kommentare schnellstmöglich freischalte. Dabei wird selbstverständlich kein Kommentar verloren gehen. Drei Dinge werde ich allerdings nicht mehr veröffentlichen: 1. Plumpe Fragen zu sexuellen Themen (gegen niveauvolle, ernst gemeinte Fragen aus Interesse habe ich nie etwas gehabt und werde ich auch nie was haben) - dazu wird es in Kürze eine dritte Seite geben, auf der man sich ausgiebig informieren kann, das muss reichen. 2. Werbung für irgendwelche Produkte oder Dienstleistungen oder andere Webseiten, die ungefragt hier einfach eingestellt werden. 3. Kommentare, bei denen ein Jurist zu der Überzeugung gelangt, dass sie gegen geltendes Recht verstoßen, damit sind insbesondere Beleidigungen und Volksverhetzung gemeint. Es ist sehr bedauerlich, den dritten Punkt nennen zu müssen, aber wer die fortgesetzte Diskussion um Rassenhygiene und unwertes Leben vorgestern mitbekommen hat (und damit meine ich nicht nur die drei für rund 12 Stunden veröffentlichten Kommentare, sondern auch die nach 10 Minuten wieder gelöschten und diejenigen, die Blogger über einen Filter gleich bis zur manuellen Freigabe in einen Spamordner vorläufig einsortiert hatte), wird für den Schritt vollstes Verständnis haben. Einige (Stamm-) Leser waren zum Teil schon auf diesen Mist eingegangen, dafür vielen Dank.

Dann habe ich das Layout der Seite verändert. Nach über drei Jahren war mal ein Tapetenwechsel erforderlich. Das Hintergrundbild zeigt den Ausblick in einer Sommernacht über die Elbe auf das Containerterminal Burchardkai (Hamburg), und zwar von einem Aussichtspunkt in der Elbchaussee zwischen Schulberg und Himmelsleiter, auf der anderen Elbseite. Dieses Bild habe ich zum ersten Mal bei meinem allerersten nächtlichen Straßentraining wahrgenommen. Es gibt einen einzigen Punkt in der kilometerlangen Elbchausse, an dem man von der Straße aus auf das Containerterminal schauen kann. Sicherlich gibt es romantischere Motive als einen Containerhafen, aber ich verbinde mit diesem doch sehr eindrucksvollen Bild etwas sehr persönliches - daher ist das nun bis auf weiteres meine Blogtapete.

Und nein, ich ändere das nicht wieder zurück, auch wenn man noch so heftige Kraftausdrücke gebraucht. Es ist mein Blog, mein Tagebuch, meine Erinnerungen, mein Style. Gerne darf jemand etwas anregen, aber "Das sieht Scheiße aus, mach das andere wieder rein!" imponiert mir auch dann nicht, wenn man es unter fünf verschiedenen Namen von ein und demselben Rechner schreibt. :)

Was noch? Ja, die rechte Seite neben dem Fließtext ist anders. Der Besucherzähler, die häufigsten Labels und die beliebtesten Posts sind neu, eine Linkliste soll auch noch kommen, mein Profil überarbeite ich auch nochmal. Allerdings wird es aus gutem Grund keine Fotos mehr geben, außer ein paar unpersönliche (die nicht unbedingt hässlich sein müssen, aber es werden halt keine Personen mehr darauf zu sehen sein). Ich habe mich, als ich vor über drei Jahren entschied, Tagebuch zu schreiben, ausschließlich auf Texte konzentriert. Ich hatte, zum Teil noch in einem Forum, als es diesen Blog noch gar nicht gab, einige wenige Leser, später mehr, dann Stammleser und dann auch welche, die unbedingt Fotos sehen wollten. Ich habe damals irgendwann nachgegeben und ohne groß nachzudenken Fotos eingestellt, diese aber nie angepasst und nie erneuert.

Je mehr Leute jedoch meinen Blog lesen, umso größer wird die Chance, auf der Straße erkannt zu werden, was ich bisher aus guten Gründen (meine Leute wissen, was ich meine) nie als Problem empfand. Nach den letzten Kommentaren, in denen es um Rassenhygiene ging, um unwertes Leben und Daseinsberechtigungen, um Kosten einer Behinderung und den Nutzen von behinderten Menschen für die Gesellschaft, hätte ich auch noch kein Problem gesehen. Den Auslöser gab aber eine Mitteilung des Einwohnermeldeamtes über eine durchgeführte intensive Recherche eines Bremerhavener Bürgers über meine Person (wegen meiner Mutter habe ich eine Meldesperre und erfahre, wenn jemand Auskunft über meine Adresse bei öffentlichen Stellen verlangt) - wenngleich die anfragende Person inzwischen namentlich feststeht und angeblich nichts im Schilde führte, sondern nur neugierig war. Sie hatte mit der aktuellen Rassendiskussion nichts zu tun, der Vorfall war bereits davor. Er hat sich für seine übertriebene Neugier entschuldigt, er wollte mir keine Angst machen. Ich habe auch keine Angst. Aber ich frage mich, was ein über 50 Jahre alter Mann mit meiner Adresse anfangen wollte, warum jemand den Aufwand auf sich nimmt und einen Antrag an das Einwohnermeldeamt stellt, um aus vorgegebenen wichtigen Gründen eine Auskunft zu erhalten. Wirklich aus Neugier?

Ich werde weiter schreiben und ich werde auch weiter öffentlich schreiben. Ich werde auch weiterhin über alles schreiben, was mich beschäftigt. Auch über meine Behinderung, meinen Rollstuhl, über Windeln und Inkontinenz, über Sex und über politisch sensible Themen. Ich werde auch die meisten Fragen beantworten, die mir unter "Ask questions III" noch immer gestellt werden können (bei 100 ist übrigens Schluss). Aber ich werde dabei noch ein wenig besser auf mich aufpassen.

Ich freue mich nach wie vor über jeden, der mir etwas schreibt, der meinen Blog liest (das sind inzwischen ganz schön viele, ich bin sehr gerührt), der mir Fragen stellt, gerne auch kritische, gerne auch intime, gerne auch alberne. Ich freue mich für jeden, dem ich mit meinem Blog etwas Gutes tun kann. Und ich freue mich darüber, dieses Tagebuch begonnen und online gestellt zu haben.

Samstag, 4. Februar 2012

Nichts Neues bei Maria

Der neueste Schrei: Die sozialmedizinische Beratungsstelle, die bisher keine Empfehlung dafür abgeben wollte, dass Maria bei uns wohnt, unternimmt zur Zeit eigene Anstrengungen, eine geeignete Wohnmöglichkeit für sie zu finden. Wir sind sowohl von der Pflegekasse als auch vom Sozialamt und von der Organisation, die zur Zeit die Assistenz übergangsweise sicherstellt, angesprochen worden. Jeder einzelne sagte: "So ein Unsinn. Es ist überhaupt keine Linie zu erkennen."

In der übernächsten Woche treffen sich nun die Leiterin des zuständigen Sozialamtes mit dem Leiter des zuständigen sozialen Dienstes zu "bilateralen Gesprächen" unter Moderation eines hohen Tiers des Pflegeversicherungsträgers. Bis dahin geht man davon aus, dass Maria hier umsonst wohnen darf und irgendjemand für ihre Pflegekosten aufkommt. Eine weitere vorläufige Kostenzusage wurde erstmal nicht erteilt. Maria ist jetzt nicht in Gefahr, sie wird auch nicht vor die Tür gesetzt, aber sie fragt natürlich täglich, ob sie alles richtig macht, auf wessen Kosten sie denn gerade lebt bzw. wem sie gerade auf der Tasche liegt. Frank sagt dann zwar jedes Mal, dass sie sich keine Sorgen machen muss und er zur Not am Ende die Kosten einklagt, wenn es nicht nachträglich zu einer Einigung kommt, aber für Maria geht es ja nicht um irgendeine "Sache", sondern um ihre Wohnung. Es bleibt uns allen nur, abzuwarten.

Mein Fuhrpark

Es gibt etwas Neues zum Thema Auto. Sogar etwas mehr, um genau zu sein. Bei meinem Verschleiß kann man bald schon von einem "Fuhrpark" reden. Allerdings fahre ich in der Versicherung schon bei 85% - es waren also immer die anderen Schuld. Bin gerade etwas zickig, sorry.

Die Versicherung des Vereins hat sich bei mir gemeldet. Man möchte das Thema unbürokratisch regeln. Entweder ich reiche eine Reparaturrechnung ein und bekomme die ausgewiesenen Kosten erstattet, oder ich erkläre mich mit pauschal 500 Euro einverstanden und der Fall ist abgeschlossen. Nach Rücksprache mit Frank, ob ich die 500 Euro nehmen darf, wenn das Fahrzeug nicht mehr repariert wird, schickte ich den zugefaxten Zettel zurück und hatte heute einen Verrechnungsscheck über 500 Euro in der Post.

Das Gutachten der anderen Versicherung liegt mir inzwischen auch vor. Danach handelt es sich trotz Fahrzeugalter und -zustand um einen wirtschaftlichen Totalschaden. Der Zeitwert (Wiederbeschaffungskosten) des Fahrzeuges vor dem Crash wurde ohne Berücksichtigung des behindertengerechten Umbaus auf 36.250 € geschätzt. Die Aus- und Einbaukosten der behindertengerechten Ausstattung wurde mit 1.200 € veranschlagt. Ich habe damals rund 31.000 € bezahlt - meine Unfallkasse hat allerdings rund 17.000 € zugeschossen und ich habe fast 20% Rabatt auf den Listenpreis bekommen.

Da ich bei dem Händler, der mich beim letzten Mal mit rund 1.000 € übers Ohr hauen wollte, nicht noch einmal bestellen werde, habe ich mir einen Kostenvoranschlag bei einem anderen Händler erstellen lassen. Für exakt das gleiche Auto müsste ich bei ihm 43.000 € auf den Tisch legen, einschließlich Ausbau der behindertengerechten Austattung (Bediengeräte) aus dem Unfallfahrzeug und Einbau in das neue Fahrzeug. Die Unfallkasse teilte gestern mit, den maximal möglichen Zuschuss zu den Anschaffungskosten gibt es natürlich so schnell nicht noch einmal, aber immerhin würde man insgesamt 2.900 € zuschießen.

Das bedeutet: Ich bleibe auf exakt 2.650 € Euro sitzen, wenn ich mir das Auto noch einmal bestelle (abzüglich der 500 Euro für den Spiegel sind es noch 2.150 €). Allerdings nur dann - bestelle ich ein anderes Fahrzeug oder kaufe einen Gebrauchten, würden die Zuschüsse komplett wegfallen und ich könnte die Bediengeräte nicht verwenden, da sie auf das Fahrzeug zugeschnitten sind. Dann hätte knapp 7.000 € in den letzten 15 Monaten in den Sand gesetzt. Also gibt es jawohl keine zwei Meinungen. Frank meinte, über die Entschädigung für Nutzungsausfall etc. wäre es gut möglich, dass ich am Ende so gut wie ohne Eigenanteil aus der Sache heraus komme. Allerdings würde das Fahrzeug erst in der 23. Kalenderwoche geliefert werden können, das ist Anfang Juni. Hurra. Jetzt wollen wir versuchen, wenigstens in der kommenden Woche das alles abzuschließen, damit es sich nicht noch weiter verzögert.

Und: Ich spiele mit dem Gedanken, mir zusammen mit Sofie (sie sucht dringend, hat aber nicht das nötige Kleingeld) noch ein weiteres Fahrzeug zu bestellen. Das klingt zwar überheblich und bescheuert, aber es gibt dafür mehrere gute Gründe: Auf den Viano möchte ich nicht verzichten, denn ohne dieses große Fahrzeug kann ich meinen Sport so gut wie vergessen. Ich könnte auch nie mehr jüngere / andere Leute zu Wettkämpfen und Trainingslagern mitnehmen und müsste mir ständig jemanden suchen, der meine Ausrüstung (Rennbike, Rennrolli) zum Training fährt. Ich könnte nie mehr spontan irgendwo an den Strand fahren und nachts mit zwei, drei Leuten im Auto schlafen. Wie oft haben wir im letzten Sommer auf einer Matratze im Kofferraum gepennt?

Um damit zum Einkaufen oder in die Stadt oder mal eben zur Therapie zu fahren, ist es aber schlichtweg zu groß. Es ist nicht unhandlich, es ist nicht träge, aber man kommt in kein Parkhaus vernünftig rein, jede zweite Parklücke ist zu klein und nicht zuletzt muss man bedenken, dass man alleine mit einer Schrankwand unterwegs ist, hinter der noch sieben andere Leute Platz hätten. Und ich fahre meistens alleine. Vorher hatte ich ja noch parallel einen Golf Kombi, bis mir der ebenfalls zerlegt wurde.

Ich habe mir bei einem anderen Händler ebenfalls einen Kostenvoranschlag für einen Touran geholt. Der würde einschließlich Umbau und Rabatt rund 33.000 € kosten. Ich würde Sofie das Geld leihen, Sofie würde das Auto kaufen, auf ihren Namen zulassen und (Vollkasko) versichern (damit wäre es ebenfalls steuerfrei, ich hingegen müsste, da es für mich ein Zweitwagen wäre, Steuern zahlen) und mir monatliche Raten zahlen. Das wäre eine gute Idee, finde ich.