Dienstag, 31. Januar 2012

Tag der geschlossenen Türen

Das war ja wieder eine Aktion ... ich sage nur: Schwimmtraining. Da ich ja zur Zeit kein Auto habe, musste ich mit dem Rolli und dem ganzen Gepäck zur U-Bahn. Dort ging der Aufzug nicht, also mit dem Bus zur nächten Station, dann bis zum Hauptbahnhof, dort umsteigen (erster Aufzug, zweiter Aufzug, über die Straße, dritter Aufzug) in die S-Bahn, drei Stationen weiter, noch ein Aufzug, zum Bus, noch drei Stationen - endlich da. 90 Minuten für eine Strecke, für die ich mit dem Auto höchstens 20 Minuten brauche.

Über einen gefrorenen Matschweg bergauf in in den Eingangsbereich der Schwimmhalle, durch eine Drehtür, da der Behinderteneingang abgeschlossen ist (sonst steht der bei der Kälte ständig offen), erreicht mich ein Anruf von einer Kollegin aus dem Team: Sie sind zu zweit im Auto, mit zwei Rollifahrern, und es sind alle Behindertenplätze belegt. Ob ich mal in die Tiefgarage runterkommen und beim Aussteigen helfen könnte. Okay.

Normalerweise sind wir nicht in dieser Schwimmhalle, nur ausnahmsweise. Und zum Glück bleibt es auch bei wenigen Ausnahmen im Jahr. Das Bad ist zwar eins der neuesten in Hamburg und für Rollifahrer wohl mit am besten geeignet, aber vieles ist dennoch schlichtweg eine Zumutung. Eine Feuerschutztür zwischen Aufzug und Eingangshalle: So schwergängig, dass man sich mit voller Kraft dagegen lehnen muss, um sie zu öffnen. Und dann geht sie, da die Wand eine Rundung hat, nur bis rund 60° auf. Dann stößt sie gegen einen Stopper, der mitten im Gang montiert wurde. Als Rollstuhlfahrer muss man also erstmal vom Aufzug ins Treppenhaus, wenden, und von dort zur Tür. Vom Aufzug direkt geht nicht, weil der Türflügel einem entgegen schwenkt und, wie gesagt, nur zur 60° sich öffnen lässt (und nicht zu 90-100, wie sonst üblich).

Der nächste Aufreger: Es gibt zwar zwei Kassen, aber nur eine Einlass-Spur. Das heißt: Alles quält sich durch eine kleine Klapptür. Es ist in der Regel auch nur eine Kasse offen. Fußgänger können mir ihrer Karte am Drehkreuz zahlen, das geht relativ fix, nur passen Rollis ja nicht durchs Drehkreuz. Also anstellen. Zwölf Minuten, obwohl wir nur einmal die Karte vorzeigen müssen.

Dann das nächste Ärgernis: Die Rolli-Umkleide ist in einem Bereich, der morgens für Schulbetrieb genutzt und abends in der Regel abgeschlossen wird. So auch heute. Also muss einer durch das ganze Schwimmbad wieder zurückeiern, um an der Kasse zu fragen, ob mal einer die Zwischentür aufschließen könnte. "Ja, ich schicke eine Kollegin." - Nach fünf Minuten muss nochmal einer hineiern: "Oh, war die Kollegin noch nicht da? Ich ruf nochmal an."

Eine Rolli-Umkleide für alle, mit den Türen gibt es dasselbe Problem wie am Eingang. Die Türen schwenken entweder so auf, dass man erstmal um den Türflügel herum fahren muss oder es handelt sich um Schiebetüren, die so verzogen sind, dass sie sich nicht abschließen lassen. Oder sie sind - zu Reinigungszwecken - dauerhaft abgesperrt. Dazu sind von den 10 Schränken, die im Behindertenbereich stehen, sechs defekt. Man sollte es nicht glauben, aber die Batterien sind leer, so die Angestellte. In der Tat gehören in die über 1.000 Schränke pro Tür 3 Einwegbatterien, die den Strom liefern, um nach Einschieben der Karte das Schloss verriegeln zu können. Früher hat man mit der Hand am Schlüssel gedreht, ohne Batterie, heute ist ein kleiner Motor in dem Schloss, der absperrt und den Schlüssel abwirft. Hoffentlich hat das Bad einen eigenen Sondermüllcontainer für die leeren Batterien...

Die Putzmaschine hat vor dem Notausgang eigentlich auch nichts zu suchen, und warum ist der Raum mit der einzigen Behindertendusche und dem einzigen Behindertenklo abgesperrt? - "Das WC ist defekt", weiß die Mitarbeiterin. - So langsam werde ich sauer. "Achso. Kann man das nicht am Eingang sagen? Bevor wir uns umziehen?" - "Hat der Kollege das nicht gesagt? Das tut mir Leid, vielleicht wusste er es nicht oder es war zu viel los. Wir helfen Ihnen zur Not auf das normale WC." - Ist klar. Da passt mein Rolli nicht mal durch die Tür. Immerhin ging die Dusche.

Anschließend rollten wir einer nach dem anderen durch den Schulumkleidebereich zur Schwimmhalle und ... wen wundert es ... auch dort war die Tür abgeschlossen. Also musste wieder einer den ganzen Weg zurück, zur Kasse, im Badeanzug, nass, frierend, um zu bitten, dass auch die anderen Zwischentür aufgeschlossen wird. "Ist bei Ihnen heute Tag der geschlossenen Türen?" fragte unsere Trainerin. Ob wir heute nochmal zum Schwimmen kommen würden?

Wir kamen. Und unsere Trainerin überzog kackfrech die Trainingszeit, um die Verspätung wieder auszugleichen. Und, wen wundert es? Nach unserem Training war die Zwischentür schon wieder abgeschlossen. Laut Schild 'wegen Reinigungsarbeiten'. Also nochmal wieder Bescheid sagen. Diesmal innerhalb der Halle. Dann endlich zur warmen Dusche (die Tür zum Raum war auch wieder abgeschlossen, aber wir wussten ja, dass es nur wegen der defekten Toilette war, und da das ein Schloss war, das man mit einer Münze öffnen konnte, taten wir das auch) und als wir zum Ausgang kamen, hatte unsere Trainerin den Typen an der Kasse wohl schon so klein gefaltet, dass er keinen Pieps mehr sagte, als wir, mehr als 45 Minuten zu spät, die Schranke passierten.

Und dann wieder 90 Minuten mit Bus und Bahn zurück. Insgesamt war ich über fünf Stunden für einmal Schwimmen unterwegs - so ein Wahnsinn. Aber das Training war schön - inhaltlich, meine ich.

Einmal Spiegel, einmal Flucht

Endlich sind die neuen Trainingsklamotten fertig! Wir bestellen über einen Sponsor aus Sachsen, der individuell schneidert - und der schickt dann große Pakete an den Vereinssitz. Ich durfte gestern dort vorbei fahren und die beiden großen Kartons abholen. Ein netter Herr mit Sackkarre hat mir die Kartons ins Auto geladen, ich musste nicht mal aus dem Auto aussteigen, sondern nur anrufen, dass ich vor der Tür stehe. Supi.

Als ich mein Auto wieder von Gelände zirkel (die Einfahrt ist sehr eng, das ist immer Millimeterarbeit), höre ich plötzlich ein metallisches Klacken, schaue instinktiv nach rechts und sehe den Flügel des Eisentors, der sich im Wind gelöst hat, auf meine Beifahrerseite zukommen. Oh nein. Schnell beschleunigen hätte mir vermutlich die komplette Seite zerschrammt, also tat ich instinktiv das Richtige: Bremsen. Millisekunden später: Rumms. Der Torflügel knallte mit vollem Schwung gegen mein Auto. Glück im Unglück: Er traf den rechten Außenspiegel, der weitestgehend in sich zusammenfiel. Ein Typ kam angelaufen, hielt das Tor fest, hakte es wieder ein. Ich fuhr mein Auto aus der Gefahrenzone. Nun musste ich doch noch aussteigen. In der Tat: Zu einer Berührung mit dem Lack ist es nicht gekommen. Es war "nur" der Spiegel.

Ich ließ mir den Namen des Typen geben, der das beobachtet hatte, und rollte in die Geschäftsstelle. Die dortige Mitarbeiterin verstand mich nicht (oder wollte mich nicht verstehen), meinte: "Wenn Sie gegen das Tor fahren, was haben wir damit zu tun? Ist es verbogen?" - "Naja, ich habe gestanden, als das Tor sich bewegte und außerdem bin ich für den Verein unterwegs." - "Ja, aber Sie dürfen doch im Torbereich gar nicht stehen." - "Ich möchte, dass Sie das aufnehmen und Ihrer Versicherung melden." - "Ich kann das nicht aufnehmen, ich wüsste nicht mal, wie das geht. Fahren Sie mal nach Hause und wenn Sie dann immernoch der Meinung sind, uns trifft ein Verschulden, können Sie uns das ja schriftlich einreichen."

Im selben Moment öffnete sich schräg hinter mir eine Glastür. Ein Herr vom Vorstand, wie immer mit Anzug, Krawatte, polierten Schuhen und irgendeiner Mappe in der Hand, wie immer in Eile. Wollte in Richtung Treppenhaus, sah mich, machte einen Abstecher in meine Richtung, streckte mir die Hand hin und sagte: "Hallo Jule, was macht der Triathlon? Geht es Ihnen gut? Ich bin gerade ein bißchen in Eile." - "Danke, von dem Schreck auf dem Parkplatz eben abgesehen, geht es mir gut. Ihnen auch?" - "Mir geht es gut, danke. Was für ein Schreck?" - "Euer Parkplatztor ist gegen mein Auto geweht. Ich hab hier gerade zwei Kartons für unser Team abgeholt." - "Scheiße." - Er wendete sich zu der Mitarbeiterin hinter dem Tresen und sagte: "Rufen Sie mal Frau ... an, die soll mal eben mit runter gehen und Fotos machen und dann gleich die Meldung für die Versicherung schreiben. Ja? Jule, das tut mir leid, aber das wird sich alles regeln. Die Kollegin meldet das unserer Versicherung. Ich bin sehr in Eile, schönen Tag noch." - "Danke."

Wie das plötzlich alles funktioniert, wenn man nur den richtigen fragt... Da wurde brav eine Versicherungsanzeige aufgenommen, Fotos gemacht, und am Ende stellte sich noch raus, dass der Zeuge für den Verein den Rasen mäht. Ich bekam eine Kopie der Meldung und fuhr mit einem kaputten Außenspiegel zum nächsten Termin. Stellte mein Auto an der Willy-Brandt-Straße in einer Parkbucht ab und kletterte, um nicht im fließenden Verkehr zu landen, quer durch mein Auto und stieg durch die Schiebetür auf der Beifahrerseite aus.

Vier Stunden später kam ich wieder zu meinem Parkplatz. Dachte ich. Oder? Hier müsste doch mein Auto stehen. Wo ist es geblieben? Ich überlegte hin und her, ob ich es wirklich dort abgestellt hatte. Hatte ich einen Filmriss? Bin ich bescheuert? Falsche Straßenecke? Ich fuhr ein Stückchen weiter, aber je weiter ich fuhr, um so sicherer war ich mir, dass ich genau dort geparkt hatte, wo jetzt ein Golf stand. Okay, das auch noch: Abgeschleppt. Vermutlich konnte wieder irgendeiner meinen Ausweis nicht entdecken in der großen Windschutzscheibe oder kannte die Regel nicht, dass man mit dem Behindertenausweis am Parkscheinautomaten keinen Parkschein lösen muss.

Okay, zwei Kilometer an der frischen Luft zum nächsten Polizeikommissariat sollten mir gut tun. "Was, wenn mein Auto geklaut wurde?", fragte ich mich. Und schob den Gedanken schnell wieder zur Seite. Vor der Polizeiwache waren rund 10 Stufen, aber es kam jemand raus und öffnete ein Rolltor, durch das ich in das Gebäude kam. Ich musste mich einen Moment gedulden, dann kam ich dran. Ich bemühte mich, cool zu bleiben. "Ich suche mein Auto. Dort, wo ich es abgestellt hatte, ist es nicht mehr." - "Wo haben Sie es denn abgestellt?" - "Willy-Brandt-Straße, Höhe Gröninger." - "Wohnen Sie dort?" - "Nein." - "Dann hätten Sie doch nicht extra hierher kommen müssen. Nächstes Mal rufen Sie an, dann schicken wir einen Streifenwagen." - "Ist schon okay so, bißchen Bewegung schadet nicht." - "Ich sehe hier: Ihr Fahrzeug wurde abgeschleppt. Das hat den fließenden Verkehr behindert." - "Bitte was?" - "Haben Sie vielleicht die Handbremse nicht angezogen?" - "Das ist ein Automatikfahrzeug und man bekommt den Zündschlüssel nur raus, wenn man auf 'P' stellt. Also ausgeschlossen." - "Ich frage bei den Kollegen mal nach, die das veranlasst haben. Kleinen Moment."

Der Typ verschwand, einen Moment später kam ein anderer Typ aus einer Tür. "Sind Sie die Halterin von dem Viano?" - Ich nickte. - "Ja, Ihr Fahrzeug mussten wir abschleppen. Können Sie mir kurz sagen, wann Sie das Fahrzeug dort abgestellt haben und wie?" - "Naja, wann, vor etwa vier Stunden und wie ... auf dem Parkplatz halt. Ganz normal." - "Das Fahrzeug stand nicht auf der Fahrbahn, oder?" - "Natürlich nicht." - "Sicher?" - "Sicher. Ich bin über die Beifahrerseite ausgestiegen und habe extra dicht am Bordstein geparkt, damit das mit dem Rollstuhl klappt ohne dass ich mich auf die Nase lege." - "Hatte ihr Fahrzeug irgendwelche Schäden, als Sie das abgestellt haben?" - "Nö. Keine. Doch, der Außenspiegel rechts ist kaputt." - "Rechts oder links?" - "Rechts. Wieso?" - "Also auf der Beifahrerseite oder auf der Fahrerseite?" - "Beifahrerseite. Da ist vorhin ein Tor gegen geweht. Das ist auch aufgenommen worden von demjenigen, der vermutlich dafür aufkommen muss."

"Also. Bei anderen würde ich sagen: 'Setzen Sie sich erstmal hin.' Aber Sie sitzen ja schon. Wir haben Ihr Auto sichergestellt, genauso wie den Opel Omega davor. So wie es aussieht, ist ein größeres Fahrzeug, vermutlich ein Lkw, gegen Ihr Auto gefahren und hat es erheblich beschädigt und auf das davor stehende Fahrzeug aufgeschoben. Das ist die schlechte Nachricht. Und die noch schlechtere: Der Verursacher ist flüchtig. Vielleicht war es ein großes oder schweres Fahrzeug mit Anhänger und der Fahrer hat es nicht mitbekommen, vielleicht liegt auch eine Flucht vor." - "Na super. Was heißt 'erheblich beschädigt'?" - "Nun, ich bin kein Gutachter, aber ich würde mal tippen: Totalschaden. Haben Sie eine Vollkasko?" - "Der Schaden ist weniger das Problem als die Tatsache, dass das das zweite Auto innerhalb eines Jahres ist, das mir einer komplett zerlegt und dass ich ohne Auto kaum mobil bin."

Ich musste mit in einen Nebenraum, dann sollte meine Aussage aufgenommen werden. Während wir schrieben, wann und wo ich wie das Auto abgestellt hatte, kam der Typ plötzlich rein, mit dem ich als erstes gesprochen habe. "Kommst du mal?", fragte er den Kollegen. Als dieser wieder reinkam, meinte er: "Es gibt doch noch eine gute Nachricht. Die Kollegen haben Videobänder gesichert, auf denen der Crash zu sehen ist. Ob das Kennzeichen zu erkennen ist, weiß ich nicht, aber das Fahrzeug gehört wohl zu einer Spedition. Das nimmt jetzt alles seinen Lauf und es gibt gute Chancen, den Fahrer zu ermitteln. Sie sollten sich auf jeden Fall einen Anwalt nehmen."

"Was unternehmen Sie denn jetzt?" - "Man wird jetzt erstmal grob die Videobänder sichten und so genannte Prints erstellen und dann die Spedition aufsuchen und dort nach dem Fahrzeug Ausschau halten." - "Wann passiert das?" - "Na ich schätze mal, die Kollegen werden da schon vor Ort sein. Der Schaden ist ja schon erheblich."

Genau. Erheblich. Meine persönlichen Sachen durfte ich noch nicht bekommen, aber mich rief heute, also am Tag danach, ein Gutachter an, der etwas über den Behindertenumbau wissen wollte. "Haben Sie davon noch Rechnungen?", fragte er mich. Auf meine Nachfrage meinte er, dass er sich vor Ende seiner Arbeit nicht zur Sache äußert, aber nach dem ersten Anschein ist es ein Totalschaden, da die gesamte Karrosserie sich verzogen und in sich verdreht hat.

Als ich heute beim Verkehrsunfalldienst anrief, wo der Fall inzwischen liegt, meinte der Sachbearbeiter, dass man auf jeden Fall das Unfallfahrzeug ermittelt und sichergestellt hätte, so dass es auch einen Haftpflichtigen gibt. Der Fahrer, der laut Fahrtenbuch gefahren sein soll, behauptet zwar im Moment, er sei gar nicht gefahren, aber es ist natürlich fraglich, ob ihm das weiterhilft. Ein Kollege von Frank hat heute von mir die Unterschrift bekommen, um mich zu vertreten.

Montag, 30. Januar 2012

Kleine Anfrage

Schon mehrmals habe ich über befreundete Rollifahrer aus meinem Verein geschrieben, die in ein Miezhaus eingezogen sind, das laut örtlicher Tageszeitung nicht so barrierefrei ist wie man es eigentlich erwarten könnte. Zuletzt habe ich mich vor knapp zwei Wochen gefragt, was für ein Experte bei der Bauabnahme übersehen haben soll, dass sich Rollstuhlfahrer in dem barrierefreien Bau gar nicht bewegen können.

Demnächst beschäftigt sich der Hamburger Senat mit diesem Haus, beziehungsweise wegen des Hauses mit dem Arbeitgeber des Experten. Der wahlkreismäßig gewählte Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft stellte, ebenfalls vor zwei Wochen, eine schriftliche so genannte Kleine Anfrage an den Senat. Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

Sonntag, 29. Januar 2012

Nur die Ohren

Da stehen eine 15jährige Freundin von mir und ich am Bahnhof und warten auf den Zug. Um nicht so auszukühlen, haben wir uns in einen beheizten Bereich gestellt, direkt neben einen Supermarkt. Die Freundin kenne ich vom Sport, sie wollte sich heute mit mir treffen und ich habe den Eltern versprochen, sie zur Bahn zu bringen. Wir unterhalten uns und albern herum, als plötzlich eine Frau direkt auf uns zugestiefelt kommt und fragt: "Na, sucht ihr eure Eltern?"

Bitte?! Sehe ich aus wie 12? Ich sagte: "Nein."

Damit hatten wir den Anstoß für eine Unterhaltung gegeben. Es kam die nächste Frage: "Ganz schön kalt hier, oder?" - "Geht so, wir haben uns extra hierhin gestellt, da ist es warm." - "Müsst ihr schon immer in dem Rollstuhl sitzen?" - "Nein." - "Achso, hattet ihr einen Unfall?" - "Ich hatte einen Unfall und sie kann laufen, aber nicht so lange." - "Achso. Und mit dem Sex klappt alles?" - Meiner Freundin, sie möge mir entschuldigen, wenn ich sie als Landei bezeichne, fielen fast die Augen aus dem Kopf. Was sollte ich jetzt mit ihr diskutieren, ob ich darüber reden möchte, ich sagte einfach: "Alles in bester Ordnung."

Sie sprach meine Freundin an: "Bei dir auch?" - "Jaja. Alles gut." - "Och, das freut mich. Im Rollstuhl sitzen ist ja eine Sache, aber wenn man wenigstens nochmal richtig fi**en kann, das verschafft schon ein Stückchen Lebensqualität. Wobei Männer ja mehr leiden als Frauen, wenn sie nicht können. Aber..."

Ich fuhr ihr in die Parade: "Wir wollen das mal nicht weiter ausweiten, das Thema, ja?" - "Ach, das muss dir nicht unangenehm sein, das macht doch jeder. Ist etwas ganz menschliches. Hast du einen Freund?"

Also doch diskutieren. Ich antwortete: "Geht Sie das was an?" - "Also keinen. Und du? Hast du einen Freund? Oder vielleicht eine Freundin? Gibt es ja auch, eine Freundin von mir ist auch Lesbe. Das ist heute etwas ganz natürliches." - "Ist gut jetzt. Ich möchte mich mit Ihnen nicht mehr unterhalten. Lassen Sie mich bitte in Ruhe."

Sie starrte mich 10 Sekunden lang mit einem Psychoblick an, dann ging sie weiter und nuschelte sich irgendwas in den nicht vorhandenen Bart. Als sie dreißig Meter weg war, guckte ich meine Freundin an. "Na du Lesbe?", nahm ich sie hoch. Sie antwortete: "Hat die einen Schatten?" - "Irgendwelche Pillen nicht genommen." - Meine Freundin lachte. Die Frau drehte sich um, musterte uns, kam zurück in unsere Richtung. Ich sagte zu meiner Freundin: "Komm, nichts wie weg."

Wir suchten das Weite. Zum Glück tauchte die Frau nicht wieder auf. Ich setzte meine Freundin in den richtigen Zug (eigentlich hätte sie das auch alleine gekonnt, aber ich hatte es den Eltern ja versprochen) und fuhr wieder nach Hause. Während ich im Bus saß, musste ich an den Kinofilm von gestern denken, bei dem ein hoch gelähmter Mann als einzig erogene Zone seine Ohren hatte. So ein Halsquerschnitt ist schon Asche, vor allem, wenn der Betroffene auch noch Phantomschmerzen hat. Also Schmerzen spürt in Gliedmaßen oder Körperbereichen, die er eigentlich nicht spürt. So etwas habe ich zum Glück nicht.

Aber sich bei einem hoch gelähmten Körper nur auf die Ohren zu beschränken ... ich weiß nicht. Genauso, wie man vom Ansehen eines Pornos heiß werden kann, kann man auch davon heiß werden, wenn man sich in einem Bereich streichelt, den man eigentlich gar nicht mehr merkt. Oder dort eben gestreichelt wird. Ich hatte kürzlich die Diskussion mit einer anderen querschnittgelähmten Sportlerin darüber, ob einem der Teil des Körpers "gehört", den man nicht fühlt, den man nicht kontrollieren kann, der zum Teil ein Eigenleben führt (Muskelkontraktionen etc.) und ob es ein Missbrauch dieses Körperteils ist, wenn man sich selbst zum Beispiel mit Fingern oder gar einem Gegenstand streichelt oder sich gar penetriert, um auf indirektem Weg sexuelle Lust zu verspüren - statt es auf direktem Weg in einem Bereich zu machen, über den man noch Empfinden hat (Brüste etc. - oder eben die Ohren). Eine interessante Frage, wie ich finde.

Kaum war ich zu Hause, springt mir ein aktueller und recht guter Artikel in der Süddeutschen Zeitung entgegen, über das Tabu "Sex" bei Körperbehinderung. Da fällt mir ein, dass ich mich lange schon mit Lotte nicht mehr getroffen habe. Das gilt es, bald nachzuholen.

Ziemlich beste Freunde

"Am liebsten den um 20.20 Uhr." - "Nein, der ist ausverkauft. Für 23.10 Uhr hätten wir noch Karten." - "Okay, dann gehen wir vorher noch was essen. Wir sind 16 Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson, also 17 Leute insgesamt. Gibt es da schon Gruppenrabatt?" - "17 Rollstuhlfahrer? Unmöglich. Wir haben nur zwei Rollstuhlplätze." - "Wie jetzt? Kommen Sie schon, wir wollen den sehen. Wir setzen uns auf die normalen Sitzplätze um." - "Sie brauchen doch die Rollstühle im Evakuierungsfall." - "Wir krabbeln raus, wenn es brennt."

Eine Kollegin blickt ihr von hinten über die Schulter. "Das ist Saal 1, der hat acht Rollstuhlplätze. Das sind aber trotzdem nicht genug. Wieviele sind Sie?" - "16 Rollis, ein Fußgänger. Und wir wollen alle zusammen sitzen." - "Puh. Aber Sie können sich alle umsetzen, ja?" - "Klar. Wir haben ja auch eine Fußgängerin, die kann uns helfen." - "Dann buche doch die beiden Reihen vor den Rolliplätzen komplett für die Gruppe und dann müssen die Rollstühle so an die Seiten geschoben werden, dass die Notausgänge frei bleiben. Das passt schon, die sind ja alle schmal und klein."

"Dann reserviere ich Ihnen jetzt diese Reihen hier", sie zeigte auf ihren Bildschirm, "komplett für Sie alleine und bekomme 128 €. Zahlen Sie bar oder mit Karte?" - "Mit Karte." - Der Drucker spuckte 17 Eintrittskarten aus. Bingo.

Um 20.30 Uhr trafen wir uns mit allen Leuten, mit dabei auch Simone, Yvonne, Cathleen, Sofie, Nadine, Kristina, Merle, Sarah und Jana, bei einem Italiener im Stadtteil St. Georg. Maria war auch dabei und ließ sich von Nadine schieben - das nächste, was Maria braucht, ist ein elektrischer Rollstuhl, damit sie unabhängig mobil ist. Sobald die andere Arie mit dem Zimmer geklärt ist, nehmen wir das in Angriff.

Sofie und ich fragten, ob er Platz für 16 Rollstuhlfahrer hätte, was er aber sofort verneinte. Also fuhren wir weiter zu einem leckeren Hamburger Burgerladen, wo sofort jemand die Stühle von vier Tischen wegräumte und meinte, wir sollten uns einfach schon an die Tische setzen und von dort bestellen, obwohl es eigentlich ein SB-Restaurant ist. "Ich bringe Ihnen das an den Tisch."

Maria saß zwischen mir und Sofie und wurde von uns abwechselnd gefüttert, das klappte problemlos. Ihre Cola trank sie mit einem Stohhalm. Maria war die Attraktion unter den anderen Gästen: 16 Rollstuhlfahrer auf einem Haufen ist ja sowieso schon ein seltener Anblick, aber dann wird eine auch noch gefüttert... Ein Mann starrte uns bestimmt 10 Sekunden lang mit offenem Mund an. Irgendwann hielt ihm Sofie auf eine Entfernung von geschätzten acht Metern eine Gabel mit drei aufgespießten Pommes am ausgestreckten Arm entgegen und sagte: "Wollen Sie auch was?" - In dem Moment drehte er sich um und merkte, dass die Kassiererin schon seit einer halben Minute auf ihn wartete und ihn bereits mehrmals angesprochen hatte, was er denn wünschte, denn er wäre dran.

Vor dem Kino wird gebaut, ein Wirrwarr aus Baustellenzäunen und Absperrungen galt es zu umfahren, natürlich war überall Kopfsteinpflaster oder nicht geräumter Schnee. Um 22.30 Uhr kamen wir aber dennoch im Kino an. Einige wollten sich beim Popcorn anstellen, andere mussten noch auf die Toilette. Unter anderem Maria, und das war ohne Pflegerin gar nicht so einfach. Nadine konnte sie wegen ihrer eigenen Behinderung nicht hochheben. Also hatten die beiden, die am stabilsten im Stuhl sitzen, das Los gezogen: Sofie und ich. Wie es am Ende funktionierte, führe ich lieber nicht weiter aus. Ich sag nur so viel: Es hat funktioniert und zum Glück hat es keiner gesehen.

Der Film, "ziemlich beste Freunde", war genial. Ich habe lange nicht so einen tollen Film gesehen. Zeitweise ist er sehr rührend, zeitweise bedient er diejenigen Klischees, über die man als Rollifahrer bestens lachen kann, überwiegend ist er aber so lustig, dass man minutenlang aus dem Lachen nicht mehr rauskommt. Wir haben fast unter den Stühlen gelegen. Einfach irre und unbedingt sehenswert. Wir hatten Tränen in den Augen und wussten am Ende nicht mehr, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kamen. Keine Action, keine Schrecksekunden, nicht unter der Gürtellinie ... absolut nach meinem Geschmack.

Alle 17 fanden den Film toll. Und nicht nur wir: Der Saal war bis auf den letzten der 961 Plätze ausverkauft. Am Ende klatschten alle - und es war keine Premiere.

Der krönende Abschluss kam von Maria: "Bei unserer Klo-Aktion dachte ich schon, ekliger kann der Abend nicht mehr werden. Und dann kam die Szene in dem Film, wo es darum ging, wer dem Hauptdarsteller den Enddarm leert." - Wie war das mit der digitalen Ausräumung? Hier wird die Wurst noch mit der Hand gemacht! In diesem Sinne: Guten Appetit!

Freitag, 27. Januar 2012

Besuch im Morgengrauen

Das war wieder eine Woche ... es wird nicht langweilig. Am Dienstagnachmittag fand, nachdem der Termin mehrfach verschoben worden war, die nächste Verhandlungsrunde mit Marias Trägern statt. Das erste Gespräch war ja abgebrochen worden, weil eine Sozialarbeiterin als einzige Bedenken dagegen hatte, dass Maria bei uns im Wohnprojekt lebt. Nach einem Telefonat mit ihrem Chef tauschte dieser die Sozialarbeiterin für die nächste Verhandlungsrunde gegen eine Kollegin aus.

Aber so etwas lässt man sich natürlich nicht einfach so gefallen - entsprechend bekamen wir am Dienstagmittag, vier Stunden vor dem Termin, einen Anruf, dass Maria und ich (als ihre Vertrauensperson) bitte zu Hause bleiben mögen. Es werde erstmal in ihrer Abwesenheit weiter verhandelt. Hallo? Da stellt jemand einen Antrag, da findet ein Termin statt, bei der die Hilfe für die Antragstellerin koordiniert werden soll, und dann soll die Antragstellerin nicht dabei sein? Das war gleich sehr befremdlich.

Frank und Sofie fuhren also zu dem Termin, um nicht gleich schon formale Gründe zu liefern, um das Gespräch platzen zu lassen. Frank erzählte dann hinterher, dass der Termin nach 20 Minuten beendet war: Die neue Sozialarbeiterin sei von ihrer Kollegin umfassend ins Bild gesetzt worden, sie habe wenig Verständnis dafür, wenn man meine, mit persönlichen Beschwerden auf sachliche Entscheidungen Einfluss nehmen zu können und von ihrer Dienststelle gebe es keine Empfehlung für Marias Antrag.

Frank hat dann wohl nach einer sachlichen Begründung gefragt, schließlich gebe es ja gutachterliche Empfehlungen. Die Sozialarbeiterin antwortete, dass sie nicht bereit sei, ihre Entscheidung zu diskutieren. Warum man sich dann treffe, schließlich könne man solche Entscheidungen ja auch allen Beteiligten per Mail mitteilen, und vielleicht auch schon vorab, damit sich jeder darauf vorbereiten könne, fragte Frank. Außerdem müsse sie ihre Entscheidung schon begründen. Eine schriftliche Begründung solle folgen, versprach die Sozialarbeiterin. Auf die sind wir nun alle gespannt.

Am Mittwochmorgen standen, es war noch dunkel draußen, unangekündigt fünf Leute mit Rollkoffern und Klemmmappen vor der Tür und wollten sich unser Wohnprojekt ansehen. Ich rief Frank auf dem Handy an, er meinte, ich soll die Leute mal 10 Minuten zum Kaffeetrinken in die Küche setzen, er sei sofort da. Das machten sie auch, meinten aber zu mir gleich, wir müssten keine Angst haben. Zehn Minuten später kam Frank mit heißen Reifen um die Ecke gedüst. "Danke, dass Sie gewartet haben."

Die ganze Horde wollte zu Maria. Frank und ich begleiteten sie zu ihrer Zimmertür. Als nach drei Mal klopfen niemand öffnete, machte Frank die Tür mit einem Generalschlüssel auf, schaute vorsichtig um die Ecke und rief hinein: "Hallo, jemand zu Hause?" - Im Zimmer ging die Tür zum Bad auf und die Pflegekraft rief: "Wir duschen gerade, was gibt es denn?" - "Kannst du mal kommen?" - "Geht nicht, ich muss Maria festhalten, sonst fällt sie mir vom Sitz. Brennt das Haus oder kannst du 5 Minuten warten?" - "Komm mal bitte zur Tür, so bald wie möglich. Es ist dringend."

Nach 5 Minuten kam die Pflegekraft zur Tür. Nasse Schuhe, eine Haarsträhne klebte auf der schwitzigen Stirn, sie sah die Horde auf dem Flur und fragte: "Was ist denn hier los?" - "Kontrollbesuch vom Amt. Dürfen wir mal reinkommen?" - "Maria ist nackt und friert. Sie müssten sich wohl noch mal fünf Minuten gedulden. Ich möchte ihr wenigstens eine Hose und einen Pullover anziehen." - "Na klar. Wir wollen nur kurz um die Ecke gucken. Haare föhnen können Sie hinterher, dauert nur zwei Minuten."

Die Leute tauschten mehrere ratlose Blicke aus. Nach zwei Minuten durften wir hinein. Maria hatte ein weißes T-Shirt an, das am Rücken durch die Haare nass wurde, eine schwarze Leggings und sonst nix - kein BH, keine Socken. Sie war ziemlich überrascht. Die Leute stellten sich ihr alle mit Namen vor und gaben ihr die Hand. Zwei Frauen, die dabei waren, waren Altenpflegerin bzw. Krankenschwester. "Wir wollen mal schauen, wo sie wohnen", sagte einer, guckte aus dem Fenster und sagte: "Schönen Ausblick haben Sie hier!"

Eine Frau fing an zu schreiben und mit einer Digitalkamera Fotos zu machen. Als erstes vom Bett. "Haben Sie heute nacht in diesem Bett geschlafen?" - Maria nickte. Die Frau legte das Klemmbrett und die Kamera weg, steckte eine Hand unter das Kopfkissen, zog sie wieder raus, nickte einer Kollegin zu, die danach auch dorthin ging und auch eine Hand unter das Kopfkissen steckte. Sie fragte: "Wo sind ihre Schlafsachen? Nachthemd? Pyjama?" - Maria antwortete: "In der Wäsche. Im Bad." - "Die müssten jetzt ja obenauf liegen. Können wir einmal kurz schauen?"

Die beiden Frauen stiefelten ins Bad, schauten in Marias Wäschetonne. Dann wollten sie den Namen der anwesenden Pflegekraft wissen. "Haben Sie einen Ausweis dabei?" - "In meiner Jacke im Schrank", antwortete sie. - "Ja, wir müssen sowieso nachher in Ihr Büro." - Dann wollten sie wissen, wie Maria sich fühlt. Sie sei aufgeregt und verunsichert, weil sie nicht wisse, was das soll und wie es mit ihr weiterginge. Die Männer wurden nach draußen geschickt, die zwei Frauen, die auch schon unter das Kopfkissen gefasst haben, baten Maria: "Wir würden uns gerne einmal ihre Hüftknochen, ihren Po und ihre Beine ansehen. Haben Sie etwas dagegen?"

Maria schüttelte den Kopf. Ihre Pflegerin nahm sie auf den Arm, legte sie auf das Bett, drehte sie auf den Bauch, zog ihr die Hose runter. "Babypopo", sagte die eine Frau. "Bitte einmal umdrehen." - Die Pflegerin drehte Maria auf dem Bett, zog das T-Shirt bis zur Brust hoch. "Aber keine Fotos", sagte Maria. Die eine Frau fasste ihr an die Schulter. "Nein, da müssen Sie keine Angst haben, wir wollen nur schauen, ob Sie Druckstellen haben oder offene Wunden." - "Hab ich nicht", antwortete Maria. - "Nein. Es ist alles vorbildlich. So schöne Haut wünschen sich viele Leute, die nicht gepflegt werden müssen. Sie können sich wieder anziehen. Von unserer Seite war es das auch, wir verschwinden wieder. Und sobald Sie hier fertig sind", sagte sie zur Pflegerin, "kommen Sie nochmal zu uns. Wir müssen noch Ihre Personalien aufnehmen."

Ich begleitete die beiden Frauen in Franks Büro. Dort wälzten die anderen drei Leute schon Unterlagen, einer stand mit einer geöffneten Akte in der Hand vor dem Fenster und hatte ein Handy am Ohr. Die beiden Frauen fragten: "Handelt es sich bei der Pflegerin, die wir gerade kennen gelernt haben, um eine examinierte Kraft?" - Frank nickte. Kurze Zeit später kam sie auch zu uns. "Mein Examenszeugnis ist in meiner Personalakte. Ich bin damit einverstanden, dass Sie sich das ansehen."

Dann telefonierten sie wieder, gaben den Namen durch. Am Ende wurde Frank gefragt: "Seit wann rechnen Sie eigentlich für Maria die Kosten ab und wann haben Sie zuletzt abgerechnet?" - "Noch gar nicht", antwortete Frank. - "Haben Sie einen Vorschuss vom Sozialamt erhalten?" - "Bewilligt ja, aber wir haben den noch nicht abgerufen. Wir finanzieren das zur Zeit noch aus Eigenmitteln, da ein endgültiger Bescheid aus unserer Sicht in greifbarer Nähe ist. Dann kann man das einmal glatt ziehen und muss nicht mehrmals hin- und herrechnen bzw. zurückerstatten oder nachberechnen." - "Sie haben noch gar nichts abgerechnet?" - "Nein! Uns reichte bisher die vorläufige Kostenzusage. Einen Vorschuss haben wir nicht abgerufen."

Der Typ telefonierte noch einmal und gab irgendwelche Nummern durch, wollte wissen, ob dazu Zahlungen geflossen sind. Als er auflegte, sagte er zu einem Kollegen: "Ich werd bekloppt." - Ein anderer Kollege schüttelte den Kopf und schaute aus dem Fenster. Frank fragte: "Ist etwas nicht richtig?" - "Vermutlich ist alles richtig. Das ist ja das Problem. Beziehungsweise ist es kein Problem." - Ein anderer Kollege sagte: "Doch, das ist ein Problem, wenn man nämlich bedenkt, wieviel Zeit wir hier vergeuden für nichts und wieder nichts." - "Ich verstehe nur Bahnhof", sagte Frank.

"Lassen Sie sich anwaltlich vertreten und protestieren Sie gegen diese Überprüfung. Dann hat Ihr Anwalt ein Recht auf Akteneinsicht. Lassen Sie Ihren Anwalt schauen, warum wir gekommen sind." - "Hat sich jemand beschwert?" - "Es steht mir nicht zu, darüber zu reden. Lassen Sie sich anwaltlich vertreten." - "Ich bin Rechtsanwalt. Haben Sie die Akte dabei?" - "Nur eine Handakte. Auf die haben Sie keinen Anspruch. Alles andere entscheidet mein Chef." - "Hat sich jemand aus dem Haus beschwert? Wenn jemand unglücklich ist, möchten wir darauf sofort reagieren und nicht erst in zwei Wochen, wenn die Akte da ist." - "Bei wem haben wir denn kontrolliert?" - "Bei Maria. Und die war sehr überrascht. Und hat gesagt, sie sei glücklich. Achso. Ich verstehe." - Der Mann nickte. "Ich kann nur wiederholen: Protestieren Sie gegen diese Überprüfung. In Ihrer Wohnform sind unangekündigte Überprüfungen nur bei bestimmten Anlässen erlaubt. Da Ihnen kein Anlass bekannt ist, protestieren Sie erstmal und bitten um Akteneinsicht, weil Sie ein Recht haben, zu überprüfen, ob hier Behördenwillkür vorliegt." - "Danke", sagte Frank. - "Bitte. Sie dürfen auch gerne erwähnen, dass ich Ihnen dazu geraten habe."

Dienstag läuft die vorläufige Bewilligung für Maria ab. Dann sitzt sie theoretisch auf der Straße. Bis Dienstag gibt es keinen neuen Termin mehr. Unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird, dass sich schon irgendwer um sie kümmern wird. Achso, bevor jemand fragt: Wir setzen sie natürlich nicht auf die Straße.

Freitag, 20. Januar 2012

Ganz viel heiße Luft

Heute saß ich im Bus, zusammen mit Cathleen, als eine Frau, schätzungsweise Mitte 40, den roten Knopf drückte, den man drückt, wenn man an der nächsten Station aussteigen will. Als Quittung leuchtet meistens irgendwo "Wagen hält" auf.

Der Bus hält an der nächsten Station, die Frau geht nach draußen, dreht sich um, lässt einen Fuß in der Tür stehen, wartet drei Sekunden, kommt wieder rein. Cathleen und ich schauen uns fragend an. Vermutlich hat sie zu früh gedrückt, möchte erst an der nächsten oder übernächsten Station raus.

Tatsächlich, zwei Stationen später drückt sie erneut. Der Bus hält an, sie steigt aus, lässt einen Fuß in der Tür stehen, steigt nach drei Sekunden wieder ein. Dasselbe Spiel passiert noch zwei weitere Male. Dann sagt ein Mann: "Ey, was soll der Scheiß, hast du Langeweile oder was?" - Antwortet die Frau: "Ich muss die Luft loswerden, die mir mein Arzt heute bei der Untersuchung in den Bauch gepumpt hat. Und das mache ich lieber draußen."

Wollten wir das jetzt alles wissen?! Diese Information ist fast genauso überflüssig wie eine Vorschrift, auf die ich neulich hingewiesen wurde. Dabei ging es auch um das Fahren mit einem Linienbus, allerdings sah ich ihn am Horizont auftauchen und wollte noch schnell die Bushaltestelle erreichen. Mit dem Alltagsrollstuhl erreiche ich natürlich nicht dieselben Geschwindigkeiten wie mit meinem Sport- bzw. Rennrollstuhl, aber rund 12 km/h sind schon drin, ohne dass ich mich anstrengen muss.

"Is verboten", wollte mir ein Polizist, genauer gesagt ein Bürgernaher Kontaktbeamter, erklären, der an der Haltestelle auch bereits auf den Bus wartete. Ich runzelte die Stirn. "Was ist verboten?" fragte ich ihn. Seine Antwort: "Mit dem Rollstuhl so schnell zu fahren!" - Ich dachte erst, es wäre ein Spaß, lächelte und antwortete: "Sie meinen, hier ist eine 30-Zone?" - "Nee, hier ist ein Gehweg."

An seiner Miene konnte ich erkennen, dass er es bierernst meinte. "Okay", nickte ich.

"Ich verwarne Sie jetzt mündlich gebührenfrei, sollte ich Sie aber nochmal dabei erwischen, werde ich gegen Sie eine Ordnungswidrigkeitenanzeige fertigen."

"Das habe ich verstanden", sagte ich. Was sollte ich dazu auch anderes erwidern? In der Tat sagt die Straßenverkehrsordnung aus, dass mit Rollstühlen überall dort gefahren werden darf, wo Fußgänger gehen dürfen, allerdings nur mit Schrittgeschwindigkeit.

Tja. Dann muss ich jetzt aufpassen, wenn ich mal wieder schnell noch einen Bus erreichen will. Vielleicht wäre es eine Alternative, aufzustehen und den Rolli schnell zu schieben? Das wäre, glaube ich, erlaubt. Obwohl... nee, dafür bin ich zu behindert.

Nachtrag vom 22.01.12, 17:20 Uhr: Es kommt ja nicht oft vor, aber hier muss es sein - ein Nachtrag. Und zwar zu der Sache mit der Schrittgeschwindigkeit: Es scheint tatsächlich mehrere Gesetzesversionen zu geben. Ich hatte, bevor ich den Beitrag verfasst habe, im Netz nachgeschlagen, was genau in der Straßenverkehrsordnung steht, und habe dabei auf den ersten Link geklickt, den die meistbenutzte Suchmaschine mir angezeigt hat. Der führte mich zu der Webseite "Verkehrsportal" und dort steht in der Tat folgendes:

"(1) Schiebe- und Greifreifenrollstühle [...] sind nicht Fahrzeuge im Sinne dieser Verordnung. Für den Verkehr mit diesen Fortbewegungsmitteln gelten die Vorschriften für den Fußgängerverkehr entsprechend.

(2) Mit Krankenfahrstühlen oder mit anderen in Absatz 1 genannten Rollstühlen darf dort, wo Fußgängerverkehr zulässig ist, gefahren werden, jedoch nur mit Schrittgeschwindigkeit.
"

Daraus ergibt sich, dass mit Schiebe- und Greifreifenrollstühlen nur mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden darf. Also nicht langsamer, aber vor allem auch nicht schneller.

Frank schaute, mit meiner Geschichte von der Warnung und diesem Beitrag konfrontiert, selbst auch in die StVO, und zwar in eine von einem renommierten Fachverlag herausgegebene Gesetzessammlung. Dort stand der Text genauso wie unter der Webseite "Verkehrsportal". Möglich, dass auch bei der Polizei die falsche Version vorliegt, möglicherweise sogar von dem selben Fachverlag, von dem auch Frank den Schinken bezogen hatte. Sehr wahrscheinlich, dass auch das "Verkehrsportal" seine Veröffentlichung von dort bezogen hatte.

Auf der Webseite des Bundesjustizministeriums ist allerdings die wohl maßgebliche, letztlich auch viel sinnvollere Version abgedruckt. Danach darf man mit meinem Rolli rasen, aber mit anderen Rollis (Elektrorollstühle etc.) eben nicht. Wortlaut:

"(2) Mit Krankenfahrstühlen oder mit anderen als in Absatz 1 genannten Rollstühlen darf dort, wo Fußgängerverkehr zulässig ist, gefahren werden, jedoch nur mit Schrittgeschwindigkeit."

Vielen Dank an den anonymen Leser für diesen Hinweis. Sollte ich also demnächst beim Rasen (mähen) erwischt werden, habe ich die beste Ausrede, die es überhaupt nur geben kann: "Herr Wachtmeister, Ihr Gesetzbuch ist kaputt."

Mittwoch, 18. Januar 2012

Expertenmeinung

Im August hatte ich es am Rande in meinem Beitrag "Behinderte Schweine" erwähnt: Vier Leute aus meinem Sportverein sind in ein barrierefreies Wohnhaus nach Bergedorf gezogen. Im Gegensatz zu unserem Wohnprojekt, zu dem auch das Angebot von Pflege und Assistenz gehört, handelt es sich dort um ein Mehrgenerationenhaus mit Einzelangeboten für ältere Menschen (Kartenspielen, Hausnotruf). Es sind dort auch keine Wohngruppen, sondern einzelne Wohnungen. Allerdings: Gemeinschaftsräume gibt es dort auch. Vielleicht hatte man etwas nettes im Sinn, als man das Haus baute, vielleicht wollte man auch nur eine Marktlücke schließen. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls gibt es dort seit dem Einzug vor einem halben Jahr durchweg Ärger, weil Brandschutzauflagen nicht beachtet sein sollen, ein Brandschaden am Gebäude (bei dem Feuer wären fast einige Leute draufgegangen) seit einem halben Jahr nicht behoben wurde, diverse Baumängel noch offen sind ... ob so etwas passieren kann und sollte, lasse ich mal dahingestellt. Ich finde nicht. Was mich aber mal wieder maßlos aufregt und was mich vermuten lässt, es ging eher um die Marktlücke als um ein ernsthaftes Projekt, ist ein Artikel in der örtlichen Presse, auf den ich heute über einen Link aufmerksam wurde. In dem Artikel steht mit Bezug auf eine Prüfung durch die Behörden wörtlich: "Weshalb dem Experten nicht auffiel, dass sich Rollstuhlfahrer in dem angeblich barrierefreien Bau nicht bewegen können, da es im gesamten Gebäude nur eine automatisch öffnende Tür gibt, konnte [die Sprecherin] nicht beantworten."

Unglaublich. Und nun? Ganz einfach: "Wegen der Genehmigung des Gebäudes im sogenannten vereinfachten Prüfverfahren habe man nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Der Vermieter sei verantwortlich." - Und: "Aufseiten der Vermieter ist man sich indessen keiner Schuld bewusst: [Das] Architekturbüro und die bauausführende Firma haben nach den geltenden baurechtlichen Bestimmungen gebaut."

Das alles gewinnt deshalb an Brisanz, weil sich die ganzen Rollstuhlfahrer auf den Experten verlassen mussten. Grund: Es war nicht möglich, das Gebäude vor Unterzeichnung des Mietvertrages zu besichtigen. In Hamburg herrscht eine solche Knappheit bei barrierefreiem Wohnraum, dass alle Wohnungen schon Monate vor Fertigstellung komplett vermietet waren. Wer wieder ausziehen will, muss mit einer Wartezeit von mehreren Jahren rechnen. Der reinste Wahnsinn.

Wintertraining

Am letzten Wochenende haben wir zum ersten Mal in diesem Jahr und zum ersten Mal nach mehreren Wochen wieder draußen trainiert. Die Tage werden wieder länger und ich freue mich schon wahnsinnig auf den nächsten Sommer, obwohl wir noch nicht mal einen richtigen Winter hatten. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich muss ihn auch nicht haben. Mit dem Rollstuhl in den Schnee zu fahren ist ungefähr dasselbe wie mit dem Fahrrad über den Strand zu radeln.

Dennoch ist es nachts saukalt und beinahe wäre das Training noch abgesagt worden, weil es in der Nacht davor extrem neblig direkt an der Elbe war. In dieser Nacht jedoch nicht, es war ein sternenklarer Himmel und herrliche Luft. Das Thermometer zeigte minus 4 Grad und man musste sich davor hüten, länger als zwei Minuten irgendwo stehen zu bleiben.

Aber wenn man sich warm einpackt (wir haben ja extra solche Thermo-Einteiler bekommen für den Winter, die sind richtig gut), und zwischendurch immer wieder warmen Tee trinkt, kühlt man auch nicht aus. Lediglich im Gesicht war es zeitweise sehr unangenehm.

Nach dem Training ist Lisa noch mit zu uns gekommen, wir haben lange ausgeschlafen, mit mehreren Leuten zusammen gefrühstückt - endlich mal wieder ein Wochenende ohne Chaos, ohne Notfälle. Warum kann das nicht öfter so sein?

Dienstag, 17. Januar 2012

So funktioniert es

Von Marias Antrag gibt es noch nichts neues, das war ja aber auch nicht zu erwarten. In der Zwischenzeit habe ich ungewöhnlich viele Mails bekommen, von Leserinnen und Lesern, die wissen wollten, wie genau denn dieses Wohnprojekt funktioniert und wie genau man sich das vorstellen muss, dass die Bewohner selbst ihre Assistenz und Pflege koordinieren. Weil es so viele waren, glaube ich, dass es noch mindestens genauso viele Leser gibt, die es auch interessiert, die aber nicht fragen - und entsprechend erkläre ich es noch einmal genauer.

In den meisten Pflegeheimen für Menschen mit Behinderung ist es so organisiert, dass in drei Schichten mehr oder weniger ausreichend Personal für alle anfallenden Arbeiten bereit steht und nach einem festen Plan arbeitet. Beispielsweise beginnt der Dienst damit, alle Bewohner zu wecken, aus dem Bett zu holen, zu duschen, anzuziehen und in den Rollstuhl zu setzen. Einige können nicht aus dem Bett, andere können einiges noch alleine, im Idealfall wird jeder bestmöglich gefördert und das Personal hat Spaß bei der Arbeit und genug Zeit, um mit den Leuten zu reden oder auf bestimmte Wünsche einzugehen (heute möchte ich gerne einen Zopf). Anschließend wird ein gemeinsames Frühstück vorbereitet, dabei wirbelt ein Putztrupp durch die Flure und Zimmer, einige Bewohner brauchen Hilfe beim Essen, andere müssen gefüttert werden. Danach gibt es einzelne Arzt- oder Therapietermine, zu denen die Leute begleitet werden müssen ... und so weiter. Ich weiß, es gibt Ausnahmen, aber in aller Regel ist es so, dass sich die Bewohner nach dem Pflegepersonal oder den Arbeitsabläufen richten. Ausschlafen ist oft genauso unpassend wie ein Vollbad nehmen wollen.

In unserem Wohnprojekt läuft es genau anders herum. Aus Interessenten, Trägern und Förderern wurde ein Verein gegründet, der einerseits mehrere Etagen eines Hauses angemietet und dort barrierefreie Apartments mit Gemeinschaftsräumen eingerichtet hat, andererseits verschiedene Kräfte eingestellt hat, um den Pflege- und Assistenzbedarf der Bewohner zu decken. Bei den Kräften handelt es sich um Fachkräfte, die einen festen Vertrag haben, aber auch um verschiedene Minijobber (teilweise auch Schüler oder Rentner). Zu ihren Aufgaben gehören nicht nur Pflegeleistungen (die dürfen nur von Fachkräften geleistet werden).

Die Koordinierung läuft über eine internetgestützte Anwendung, bei der jeder Bewohner über PC oder Smartphone selbständig seinen Hilfebedarf anmeldet. Das Ding schreibt daraufhin die Einsätzpläne der Assistenz- und Pflegekräfte, dokumentiert die Einsätze und rechnet ab. Ich finde es total cool.

Ein Beispiel: Ich benötige keine tägliche Pflege oder Assistenz. Angenommen, ich möchte demnächst drei Kisten Wasser einkaufen und bekomme sie nicht aus der Tiefgarage in mein Zimmer, dann habe ich zwei Möglichkeiten:

1. Bis vier Tage vor dem Termin kann ich einen Auftrag einstellen und darauf warten, ob ihn jemand annimmt und zu welchen Konditionen. Bei drei Kisten muss ich damit rechnen, dass jemand 10 Minuten beschäftigt ist. Für eine einfache Hilfeleistung werden bei uns 8,90 € brutto pro Stunde gezahlt. Kistenschleppen ist aber keine einfache Hilfeleistung mehr, sondern körperlich anspruchsvoller und gibt deshalb 10,90 € pro Stunde brutto. 15 Minuten ist die kleinste Einheit, das bedeutet, ich muss mindestens 2,80 € (3,60 € mit Arbeitgeberkosten und auf 10 Cent aufgerundet) für diesen Auftrag zahlen. Bei allen Leuten, die einen Vertrag haben, wird also angezeigt, dass dieser Auftrag für mindestens 2,80 € vergeben wird. Wer den für 2,80 € anbietet, hat ihn sofort und verbindlich. Wenn er aber clever ist, bietet er ihn erstmal für 5,00 € an und wartet ab, was passiert. Entweder bietet der nächste mit 4,90 € weiter oder er bleibt am Ende als einziger mit 5,00 € stehen und ich bin bereit, ihm 5,00 € zu zahlen. (Für mehr als 250% des Mindestbetrags, also 6,80 €, darf er allerdings auch nicht anfragen.)

2. Bietet ihn keiner für 2,80 € an und bin ich nicht bereit, mehr dafür zu zahlen, ist der Auftrag drei Tage vor Ablauf noch unvergeben. Dann kann ich den verpflichtend vergeben, und zwar für 4,80 € fix (175% der Mindestsumme, plus Arbeitgeberkosten, also rund 6,50 €). Bei einem fix vergebenen Auftrag darf ich allerdings den Zeitpunkt und die Person bestimmen. Das heißt, ich trage einem zu dem Zeitpunkt laut Dienstplan anwesenden Mitarbeiter den Auftrag verbindlich für 4,80 € in den Dienstplan ein. Damit weiß ich drei Tage vorher verbindlich, dass mir in drei Tagen um 15.15 Uhr Herr XY drei Wasserkisten aus dem Auto ins Zimmer trägt.

3. Wenn ich dann um 15.15 Uhr nicht da bin (oder die Wasserkisten nicht), habe ich Pech gehabt. Taucht hingegen der Mitarbeiter nicht auf, bekomme ich nicht nur die 4,80 € (bzw. 6,50 €) wieder erstattet, sondern zusätzlich noch 2,00 € (75%) Entschädigung gutgeschrieben.

4. Möchte der Mitarbeiter oder ein anderer Bewohner den eingetragenen Termin veschieben (aus welchen Gründen auch immer), kann er mir das vorschlagen. Stimme ich zu, zahle ich ebenfalls nur noch 2,80 € (bzw. 3,60 €). Stimme ich nicht zu oder melde mich nicht, bleibt es beim vereinbarten Termin.

Diese ausgehandelten Aufträge sind nur bei Assistenzleistungen möglich. Bei Pflegeleistungen gilt immer ein fester Stundensatz.

Zweites Beispiel: Angenommen, ich bin in der Stadt und habe einen Magen-Darm-Infekt, habe die Hose gestrichen voll, mir ist speiübel, ich möchte nur noch nach Hause, duschen, Klamotten in die Wäsche, ab ins Bett, Spuckeimer, Zwieback.

1. Ich müsste jetzt von unterwegs buchen: Transfer in die Dusche, vollständig entkleiden, vollständige Übernahme Ganzkörperwäsche, abtrocknen, ... dafür gibt es aber ganze Pakete, die das alles umfassen und die ich mit ein oder zwei Klicks anwählen kann. Dann rechnet mir die App aus, das mich das für eine Pflegekraft, die 45 Minuten braucht, genau 12,27 € kosten wird, was mir aber in dem Moment sprichwörtlich scheißegal ist. Ich buche das bei dem Mitarbeiter in den Dienstplan und wenn ich zu Hause ankomme, hat er hoffentlich schon seine Handschuhe an.

2. Auch hier gilt: Buche ich den ab 15.15 Uhr und bin ich erst um 15.30 Uhr da, muss ich eine Viertelstunde nachbuchen (und hoffen, dass die noch frei ist und ich nicht noch andere für das Verschieben bezahlen muss).

3. Sollte gerade kein Mitarbeiter frei sein, kann ich für (hier) 2,50 € pro Viertelstunde versuchen, andere Termine nach hinten zu verschieben. Derjenige, der eigentlich den Mitarbeiter belegt, bekommt dann eine Anfrage, ob der Termin verschoben werden kann. Ich kann nicht sehen, wer das ist, er auch nicht, aber ich kann eine kurze Message übermitteln. Bei demjenigen wird dann angefragt: "Kannst du bitte nach hinten verschieben? Hab Magen-Darm, muss duschen und ins Bett." In so einem Fall würde ich dann -als die andere, die die Nachricht liest- meine Wasserkisten-Operation verschieben, bekomme 2,00 € erstattet - dafür zahlt der andere halt 2,50 € pro verschobener Viertelstunde mehr.

Das klingt alles sehr kompliziert, ist es am Anfang auch, man fuchst sich da aber schnell rein und das meiste erledigt dieses Programm von alleine. Am Ende des Monats bekommt man einen Kontoauszug, auf dem alle in Anspruch genommenen Dienste abgerechnet sind und wo dann auch zu erkennen ist, ob man mehr oder weniger verbraucht hat als der Kostenträger zur Verfügung stellt. Je nach dem bleibt ein Guthaben oder ein Minus. Im bestimmten Umfang wird das einer Rücklage zugeführt oder aus einer solchen beglichen. Reicht das überhaupt nicht oder ist ständig zu viel übrig, wird die Finanzierung überprüft.

Die beiden Zwillinge, die sehr viel Assistenz und Pflege abrufen, planen ihren Bedarf oft schon Wochen im Voraus anhand von Stundenplänen etc. Dadurch führen die ein sehr strukturiertes Leben, wenn man sie fragt, wo sie heute in drei Wochen um halb neun sind, gucken die in ihre App und sagen: Unter der Dusche.

Bei drei Kisten Wasser ist so eine vorzeitige Auftragsvergabe für 2 € Ersparnis albern. Bei den Zwillingen ist es aber so, dass die pro Tag jeweils vier bis sieben Stunden Programm einstellen, auf rund 24 Stunden verteilt (um 1 Uhr nachts bitte einmal im Bett umdrehen - sonst liegen sie sich wund, um 4 Uhr bitte erneut etc.). Die stellen teilweise jetzt schon für April die Aufträge ein und vergeben die ganzen Assistenzleistungen damit fast ausschließlich zum günstigsten Tarif. Andersrum können aber jetzt schon Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten im April frei planen und anhand des angebotenen Preises selbst bestimmen, ob sie am Freitag schon um 19.00 Uhr Feierabend machen oder vielleicht von 7.00 bis 13.00 Uhr oder von 19.00 Uhr bis 23.00 Uhr arbeiten wollen, oder ob sie am nächsten Tag nach dem Kinobesuch auf dem Nachhauseweg zwischen 1.00 Uhr und 1.15 Uhr nochmal reinschneien, die Zwillinge im Bett umdrehen und dafür ein paar Euro plus Nachtzuschlag kassieren.

Letztlich kann sich jeder entscheiden, ob er lieber mehrere Stunden am Stück oder zu bestimmten Zeiten oder mehrmals wenige Stunden (oder wie auch immer) arbeitet. Die hauptamtlichen Kräfte müssen auf eine vereinbarte Stundenzahl kommen und natürlich haben die Mitarbeiter nur so lange freie Hand, wie alles läuft. Komischerweise läuft aber alles. Wenn man von zwei Mitarbeitern absieht, die das Prinzip nicht verstehen wollten und in der Probezeit wieder gegangen wurden. Insgesamt haben wir zur Zeit sechs Leute hauptamtlich beschäftigt, die jüngste ist 23 und die älteste wird in diesem Jahr 50, und alle scheinen sich hier wohl zu fühlen. Dazu kommen noch vier Minijobber, die ihre Arbeitzeit aber nach den Aufträgen einrichten. Wenn Maria bei uns bleibt, werden wir wohl noch mindestens zwei weitere Kräfte einstellen müssen.

Eine Stunde von einer Pflegekraft betreut zu werden, kostet bei uns derzeit zwischen 14,00 € und 19,70 €. Der Mitarbeiter bekommt davon zwischen 7,90 € und 10,40 € netto ausgezahlt, der Rest sind Sozialabgaben und Steuern. Die Höhe des Stundenlohns richtet sich nach der Qualifikation und dem Alter des Arbeitnehmers, eine examinierte Kraft bekommt bei uns derzeit mindestens 13,15 € brutto. Eine Pflegestunde wird aber anhand der eingestellten Mitarbeiter jeden Monat wieder neu berechnet und gerundet und wird mir als Bewohner immer in derselben Höhe in Rechnung gestellt, unabhängig davon, welche (Fach-) Kraft ich buche. Derzeit kostet sie mich immer 16,36 € (brutto, einschließlich Arbeitgeberkosten).

Eine Stunde Assistenzleistungen kosten bei uns derzeit zwischen 11,50 € und 31,20 € (brutto mit Arbeitgeberkosten). Je nach Vertrag (meistens Minijobs) und Verhandlungsgeschick bekommt derjenige zwischen 6,80 € und 20,60 € netto ausgezahlt. Damit wird auch der Irrsinn im deutschen Pflegesystem deutlich: Für eine Stunde auf das Volksfest begleiten kann man theoretisch doppelt so viel verdienen wie für eine Stunde knüppelharte Pflegearbeit. Aber darüber denken wir dann lieber nicht nach.

Samstag, 14. Januar 2012

Behörden und Vorschriften

Auf meinen Beitrag "Acht zu Eins" gab es einen Kommentar mit einem Link auf eine Berliner Tageszeitung, dass in Berlin in so genannten "Pflege-WGs" häufig katastrophale Zustände herrschten, sich diese Organisationen, die überwiegend ältere und demente Leute betreuen, im rechtsfreien Raum befänden und dringender Handlungsbedarf bestünde. Ich kann dazu nur wenig sagen, weil ich nicht weiß, was in Berlin oder in solchen Pflege-WGs so abgeht. Ich kann mir aber inzwischen einiges vorstellen.

In dem Artikel hatten Politiker gefordert, solche Wohngemeinschaften regelmäßig kontrollieren zu dürfen. Ich habe auch dazu keine besonders gereifte Meinung, weil ich mich damit noch nie wirklich auseinandersetzen musste. Ich kann dazu aber sagen: Solche pauschalen Kontrollen, nur weil man Pflege oder Assistenz bekommt, würde ich hier nicht haben wollen. Viele Pflegefehler sieht man erst, wenn der Betroffene sich nackt auszieht (Stichwort: Druckgeschwüre durch Lagerungsfehler). Gegen meinen Willen soll mich mal einer anpacken und mir die Hose runterziehen... ich glaube, da müsste man mich schon vorher sedieren und fixieren. Hinterher steht dann in einer öffentlichen Akte: "Durch Inaugenscheinnahme wurde überzeugend festgestellt, dass der in der Unterhose eingenähte Name mit dem der Bewohnerin und die außen angebrachte Beschriftung (Montag) mit dem Wochentag übereinstimmte." - Oder so ähnlich.

In Hamburg gibt es bereits ein solches Gesetz, das so genannte Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetz, das für Wohngruppen gilt, sobald mindestens drei Bewohner mehrmals täglich (interne oder externe) Pflege- oder Assistenzleistungen in Anspruch nehmen und diesen Bedarf auch durchschnittlich mindestens einmal nachts haben.

Die Vorschriften für diese Wohngruppen beinhalten im wesentlichen eine Meldeauflage: Es muss der Sozialbehörde mitgeteilt werden, wer mit wem wo eine WG gründet, Personen welcher Zielgruppe aufgenommen werden und welche Klauseln im Mietvertrag sind (Musterexemplar). Alles weitere liegt im Ermessen der Behörde.

Das Gesetz ist aber sehr schwammig: Leben, wie in unserem Fall, 21 Leute auf drei Etagen verteilt, ist es von verschiedenen Faktoren abhängig, ob es sich um eine oder um drei WGs handelt. Wenn auf jeder Etage dieselben Gemeinschaftsräume sind, sind es drei WGs. Gäbe es nur eine Küche oder nur einen Gruppenraum für alle drei Etagen, wäre es eine WG.

Und nun kommts: Im Zweifel zählt die Gemeinschafts-Waschmaschine. Gibt es auf jeder Etage eine, sind es drei WGs. Gibt es nur eine im Keller, ist es eine WG. Aber: Gibt es nur eine im Keller und in jedem Bewohnerzimmer / Apartment gibt es einen Anschluss (im Bad etc.), ist die Keller-Waschmaschine ein zusätzlicher Service und wird überhaupt nicht berücksichtigt. Gibt es keine Anschlüsse in den Zimmern und keine Waschmaschine im Keller, wird beurteilt, wie die Wäsche gewaschen wird. Gibt es einen Wäsche-Dienst und werden alle Kosten umgelegt, ist es eine WG. Es sei denn, die Kosten werden pro Etage umgelegt und die Wäsche auch pro Etage gesammelt... Das kann man jetzt noch endlos fortführen. Was wäre, wenn einer seine Klamotten ins Wasch-Center bringt? Wohnt der dann nicht in der WG, obwohl er in der WG wohnt?!

Ob es sich um eine oder um drei WGs handelt, könnte wichtig sein, denn wir haben drei Leute, die regelmäßig auch nachts Assistenz abrufen. Die beiden Zwillinge und nun auch Maria. Wobei die beiden Zwillinge körperlich bei weitem nicht so eingeschränkt sind wie Maria.

Ab drei Pflegebedürftige, die mehrmals tagsüber Assistenz und Pflege brauchen und auch durchschnittlich mindestens einmal pro Nacht, handelt es sich um eine WG, die unter das Gesetz fällt. Wohnen in dieser WG nun noch mehr als zehn Personen, handelt es sich nicht mehr um eine WG, sondern um eine Wohneinrichtung.

Dabei ist es aber völlig Banane, ob die übrigen Personen Pflege und Assistenz brauchen oder nicht. Leben in einer WG drei Pflegebedürftige und 7 Fußgänger, ist es eine WG, leben in einer WG drei Pflegebedürftige und 8 oder 18 Fußgänger, ist es eine Wohneinrichtung.

Eine Wohneinrichtung muss aber (im Gegensatz zur WG) weitere Auflagen erfüllen:
- Zuverlässigkeit des Betreibers
- Vorlage einer Einrichtungskonzeption
- Vorhalten von ausreichend persönlich und fachlich geeigneten Beschäftigten
- Stellung einer Ausstattung, die sich an privatem Wohnraum orientiert
- Personenzentrierte Betreuung
- Sicherstellung der Kontinuität in der Betreuung
- Förderung von Bezugsbetreuung (feste Bezugspersonen)
- Angebot von Maßnahmen zur Gewohnheits- und Bedürfnisbefriedigung
- Angebot von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung
- Angebot von Maßnahmen zur Teilhabe an der Gesellschaft
-- Kursangebot
-- Aufklärung über Stadtteilangebote
-- Wahrnehmung auswärtiger Termine
-- Angehörigenkontakte sicherstellen
-- Hilfsmittel vorhalten
- Einrichtung eines Wohnbeirats zur Mitbestimmung
-- bei Mietrecht und Hausordnung
-- bei der Unfallverhütung
-- bei Pflegeverträgen
-- bei Veranstaltungen
-- bei Alltagsplanung
-- bei der Nutzung der Gemeinschaftsräume
- Personal- und Qualitätsmanagement
-- Personalstruktur
-- Beschwerdemanagement
-- Dienst- und Fallbesprechungen
-- Standardisierung von Verfahren
-- Qualitätssicherung
- Maßnahmen zum Infektionsschutz
- Maßnahmen zur Arzeinmittelkontrolle
- Sicherstellung der ärztlichen und therapeutischen Versorgung
- Umfangreiche Dokumentation

Im Grunde soll das Gesetzt wohl nichts anderes erreichen, als dass man sich nicht vor den Pflichten, die ein Betreiber eines Pflegeheims hat, damit drücken kann, dass man die Gruppierungen nicht als "Stationen" sondern als "WGs" bezeichnet und nicht für die Bewohner organisiert, sondern im Namen der Bewohner organisiert. Da es ja scheinbar immer wieder skrupellose Geschäftemacher gibt, sind solche Vorschriften wohl nötig.

Aber: In unserem Fall ist das alles etwas anders. Dass hier verschieden stark (oder gar nicht) eingeschränkte Menschen zusammen leben und tatsächlich in Eigenregie ihren Pflegedienst und ihre Hilfen disponieren, ist ein Sonderfall, auf den das Gesetz nicht explizit, aber immerhin am Rande vorbereitet ist. Unsere WG gilt als Erprobung einer neuen Wohnform und hat eine Ausnahmegenehmigung bekommen. Daher ist es völlig Banane, ob es sich um eine oder um drei WGs handelt: Die Behörde kann hier jederzeit kommen und schauen, ob alle glücklich sind. Sie hat bereits mehrmals geschaut und höflich gefragt, ob sie sich einmal die Zimmer anschauen kann und ob es allen gut geht.

Und dann finde ich es wieder in Ordnung: Wenn die Behörde turnusmäßig diejenigen Menschen besucht, die wegen schwerer Pflegebedürftigkeit, Demenz oder sonstwas nicht mehr in der Lage wären, die Behörde anzurufen und sich zu beschweren, dann ist das mehr als in Ordnung. Sie braucht ja nur einmal nach dem Rechten sehen. Es muss aber gestattet bleiben, den Prüfer nicht ins Zimmer zu lassen, wenn man ihn nicht in seiner "Wohnung" haben möchte. Eine Begründung wie: "Du bist behindert, also gilt das Recht der Unverletzlichkeit der Wohnung für dich nicht" darf es nicht geben.

Bei uns ist es insofern entspannt, als dass der Verein, der Wohnraum angemietet, umgebaut und an uns weitervermietet hat, keine Gewinne einfährt. Der muss nur kostendeckend arbeiten. Wir organisieren den ganzen Kram selbst. Es hat keiner was davon, abzuzocken. Das Geld würde ihm sowieso nicht gehören. Der Verein hat zwar nach Bedarf Personal angestellt, aber ich könnte als Pflegebedürftige jederzeit selbst jemanden beauftragen. Vom Ambulanten Pflegedienst gegenüber. Oder aus dem Nachbarort. Oder sonstwas. Ich bin nicht an unseren Verein gebunden. Ich wäre aber doof, wenn ich das tun würde, denn die Konditionen, die der Verein anbietet, könnte ich draußen nie erreichen. Es gibt also derzeit niemanden, der hier einzieht, um ein Apartment zum Selbstkostenpreis zu bekommen und einen Zugriff auf günstige und organisierte Pflege, und dann sich jemanden von draußen holt. Wer hier einzieht, leckt sich ja gerade die Finger nach diesem System. Weil das andere (außerhalb) meistens nicht kostendeckend arbeitet.

Und für jemanden, der halbtags arbeitet und netto 900 Euro ausgezahlt bekommt, ist es wichtig, ob er mit seinem Pflegegeld von der Krankenkasse auskommt oder ob er drauflegen muss. Oder ob er eben gerade mit dem draußen vorherrschenden Systemen unzufrieden ist, weil "draußen" etliche Leute überfordert und unterbezahlt sind. Oder ob jemand, wie ich, einfach gerne mit den Leuten zusammen ist und deswegen hier wohnt. Die Pflege und Assistenz steht bei vielen Leuten hier nicht im Vordergrund - und genau darum geht es uns.

Freitag, 13. Januar 2012

Kleiner Fortschritt

Die letzten beiden Wochen hat täglich kein anderes Thema auf der Tagesordnung gestanden als: Wie geht es mit Maria weiter? Unglaublich. Es ist so verdammt schwierig, nachhaltige Entscheidungen zu treffen, wenn sich einzelne Beteiligte (in diesem Fall das Sozialamt) nicht eindeutig positionieren. Es gibt nach wie vor keine über den 31.01. hinausgehende Zusage. Und es wird auch in der nächsten Woche nichts entschieden werden. Maria muss darauf vertrauen, dass es am 01.02. schon "irgendwie weitergeht".

Am Dienstag hat eine Spedition ihr altes Zimmer geräumt und sämtliche privaten Sachen erstmal hierher gebracht. Das ist dem nächsten Problem geschuldet: Sie möchte auf keinen Fall in ihrer bisherigen Einrichtung bleiben. Das kann sie nur dann glaubhaft darstellen, wenn sie einen anlassbezogenen Schlussstrich zieht und sofort auszieht. Sie musste diesen Schlussstrich ziehen, bevor überhaupt geklärt ist, wie es weitergeht. Das wäre schon für jemanden, der nicht auf Pflege und Assistenz angewiesen ist, ein enormer psychischer Druck.

Eins ist aber in den letzten zwei Wochen deutlich geworden: Obwohl sie körperlich so eingeschränkt ist, dass sie sich nicht mal aus eigener Kraft am Kopf kratzen kann, ist ihr Verstand bestechend scharf. So scharf, dass es keine Zweifel gibt, dass sie hier wohnen könnte, dass sie es packt, dass man sie alleine lassen kann, auch über einen langen Zeitraum von mehreren Tagen, dass sie alles organisiert, was sie braucht, und zwar selbständig. Alleine zurecht zu kommen, auch mit Assistenz und Pflegedienst, ist absolute Bedingung. Wir haben uns dafür entschieden, dass Maria dauerhaft hier wohnen kann. Was sie in Tränen ausbrechen ließ. Dass sie sich hier wohlfühlt und hier wohnen möchte, braucht man, glaube ich, nicht noch einmal erwähnen.

Einen kleinen Fortschritt gibt es allerdings: Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst, die sich am letzten Montag so merkwürdig präsentiert hat, nimmt an der nächsten Gesprächsrunde nicht mehr teil. Frank hat sich beim zuständigen Dezernenten beschwert. Er meinte, er habe ihn angerufen und ihm angekündigt, er faxe ihm gleich ein offizielles Sitzungsprotokoll zu, aus dem sich einige Unzulänglichkeiten ergeben, auch schon ohne dass man die Verfahrensakte gelesen hat. Ob er sich das einmal reinziehen und zurückrufen könnte. Eine halbe Stunde später rief er zurück, er habe mit dem Abschnittsleiter dieser Sozialmedizinischen Mitarbeiterin gesprochen, es käme zum nächsten Termin jemand anderes. "Es kommt immer wieder vor, dass einem Mitarbeiter ein spezieller Fall mal nicht so liegt. Das kann tausend Gründe haben. Bevor wir uns jetzt stundenlang damit beschäftigen, ob es persönliche oder sachliche Gründe dafür gibt, schicken wir einfach jemand anderes und schauen, ob derjenige dieselben Bedenken hat. Wenn ja, kann man das dann immernoch genau prüfen, wenn nein, hatte der erste Mitarbeiter vielleicht nur einen schlechten Tag." Solange es bei einem schlechten Tag bleibt, soll es mir recht sein.

Montag, 9. Januar 2012

Acht zu eins

Endlich ein neuer Eintrag. Am liebsten hätte ich täglich geschrieben. Aber die letzte Woche war so intensiv, dass ich einfach nicht dazu gekommen bin. Auch nicht unter dem Druck, zu wissen, dass viele Leute gespannt auf Neuigkeiten warten.

Zuerst die schönste, beste, tollste: Maria ist zweifelsfrei in der Lage, ihre Assistenz selbständig zu organisieren. Sie ist ein helles Köpfchen und kann sich selbständig darum kümmern, dass sie die Hilfe und Assistenz bekommt, die sie benötigt. Damit ist nicht nur das Abrufen der Hilfe gemeint, sondern auch die Planung, die Finanzierung etc. Sie bekommt zwar Hilfe von uns, weil das für sie natürlich absolutes Neuland ist (wäre es für mich auch, da ich weitestgehend ohne Hilfe zurecht komme), aber wenn sie weiß, wie etwas funktioniert, bekommt sie alles selbständig hin. Mit derjenigen, die vielleicht mal ihre Hauptassistenz werden soll, versteht sie sich prima, sie passt gut zu uns - auch wenn sie mit Abstand das am weitesten eingeschränkte Gruppenmitglied ist. Und sie fühlt sich bei uns wohl, ist sehr glücklich.

Es ist gefragt worden, wobei sie Hilfe benötigt: Bei allem. Sie ist nicht mal in der Lage, sich am Arm zu kratzen oder einen Bonbon in den Mund zu stecken. Geschweige denn den Bonbon auswickeln.

Maria hat sich am ersten Morgen nach ihrem Start ins Probewohnen an eine Organisation gewendet, die Hilfe bei Problemen in der Pflege anbietet. Dort hat man sie an einen Anwalt vermittelt, der in ihrem Auftrag den Bewohnervertrag mit ihrer Einrichtung fristlos gekündigt hat. Die Begründung kann ich hier nicht im Wortlaut wiedergeben, da laut Frank zu befürchten sei, dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt, und ich möchte nicht diejenige sein, die hier als juristischer Laie irgendwelche relevanten Dinge falsch oder nicht eindeutig genug wiedergibt. Ich kann nur soviel sagen: Es geht um Angst vor weiterer Misshandlung und um Vertrauensverlust. Und darum, endlich in Sicherheit zu sein.

Bereits am Mittwoch kam eine Gutachterin, die sich Maria in ihrer Übergangsunterkunft anschauen wollte. Die Gutachterin hat sich bestimmt drei Stunden mit Maria beschäftigt. Frank war auf Marias Wunsch dabei, beide sagten hinterher, dass die Gutachterin absolut korrekt gewesen sei. Sachlich, aber nicht bürokratisch, streng beim Thema, aber nicht unmenschlich. Das Gutachten hat Maria am Freitag zu lesen bekommen von ihrem Anwalt. Es geht über fast 15 Seiten und sie sagt: Es stimme zu 100% mit den Tatsachen überein. Die Frau hat wirklich gute Arbeit geleistet.

Das hier zuständige Sozialamt hat bis zunächst 31.01. vorläufig die kompletten Kosten für Maria einschließlich Miete und der kompletten Pflege und Assistenz im Umfang bis maximal 7.500 € bewilligt. Sie sind über einen (anderen) Assistenzverein nachzuweisen und einzeln abzurechnen, anschließend holt sich das Sozialamt die Kosten von der Pflegekasse, Krankenkasse oder sonstwem wieder. Das Sozialamt verlangt, dass bis zum 31.01. zunächst ein anderer Assistenzverein die Pflege und Assistenz in "unserem" Hause anbietet. In der Zeit soll erprobt werden, ob Maria das auch alleine könnte oder mit Hilfe "unseres" Vereins. Das Gutachten bejaht das bereits.

In der Einrichtung, in der Maria bisher gewohnt hatte, wurde ein Pflegesatz von rund 3.500 € pro Monat abgerechnet. Hier würde es für Maria rund 5.500 € pro Monat kosten. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Sie würde ihre Assistenten selber beschäftigen als Arbeitgeberin, so wie sie sie braucht. Beziehungsweise den Verein beauftragen, die Assistenzkraft anzustellen und ihr zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit anderen Leuten aus dem Haus. Wäre es so, dass Maria alleine wohnen würde und zu Hause eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung organisieren würde, wäre das mehr als doppelt so teuer.

Und nun die schlechte Neuigkeit: Es gab heute einen runden Tisch mit je einer Vertreterin des Sozialamts, eines Sozialmedizinischen Dienstes, einem Typen von ihrer Krankenkasse, einer Frau von ihrer Pflegekasse, mit der Gutachterin persönlich, einer Frau von dem Assistenzverein, der jetzt übergangsweise Marias neue Assistentin beschäftigt und abrechnet, also das tut, was später unser Verein macht - und Frank, Maria und mir. Frank als Vertreter unseres Vereins, der das Wohnprojekt betreibt, und ich wurde von Maria gebeten, als Vertrauensperson dabei zu sein. Neun Leute. Ich kann nur sagen: Ich hätte fast gekotzt.

Das fing alles ganz nett an, man wolle Maria helfen, alle hätten Interesse, zu einer für alle akzeptablen Lösung zu kommen. Man ging kurz auf das bisherige Pflegeheim ein, die Gutachterin erzählte, dass die Aufstellung, die Maria und Frank zusammen gemacht hätten, inhaltlich mit dem Hilfebedarf übereinstimmte und es aus ärztlicher Sicht keinerlei Bedenken gebe, sie Maria uneingeschränkt zutraue, bei uns eigenverantwortlich zu leben und sie -wörtlich- "nur wärmstens empfehlen kann, dem Antrag zu entsprechen."

Die Frau von dem anderen Assistenzverein schloss sich gleich an. Wenn es mit allen Klienten so laufe wie mit Maria, hätte sie nicht so viele schlaflose Nächte. Sagte sie wörtlich.

Dann kam die Frau von der Pflegekasse: Aus deren Sicht gebe es überhaupt keine Probleme, das Gutachten bestätige die selbst schon getroffenen Feststellungen hinsichtlich der Pflegestufe, das sei ohnehin die maximal mögliche Leistung und die werde auch zeitlich unbeschränkt bewilligt, da mit einer Verbesserung des Gesundheitszustandes nicht mehr zu rechnen sei.

Dann schloss sich der Typ von der Krankenkasse an: Die medizinische Behandlungspflege würde wie beantragt genehmigt werden. Die Leistung sei zwar neu beantragt worden, aber aus dem Gutachten sei der Anspruch eindeutig abzuleiten, da gebe es "überhaupt keine zwei Meinungen".

Dann kam die Frau vom Sozialamt dran. Sie meinte, sie dürfe dem Urteil des Sozialmedizinischen Dienstes nicht vorgreifen, möchte nur vorab so viel sagen: Sollte der Sozialmedizinische Dienst zu einer Empfehlung für diese Wohnform kommen, würde das Sozialamt die noch fehlende Summe im Rahmen einer Einzelfallentscheidung für zunächst 12 Monate übernehmen, danach müsste ein neuer Antrag gestellt werden. Bei dem einen oder anderen Einzelwert, den Maria und Frank veranschlagt hatten, gebe es minimale Abweichungen nach unten, weil dort Höchstbeträge festgelegt sind, bei anderen Einzelwerten sei aber nach oben noch Spielraum - das sei alles so gut vorbereitet und begründet, dass man von der Gesamtsumme wie beantragt auch bewilligen würde.

Und dann kam der Knaller: Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst wollte bei fünf oder sechs Einzelposten haarklein von Maria, die ohnehin schon ohne Ende aufgeregt war und die sowieso schon so langsam und angestrengt spricht, alles erklärt haben, um am Ende zu sagen, dass sie die Einzelwerte nicht verstehen könne und die doch alle viel zu hoch angesetzt seien... Das ging so weit, dass die Frau vom Sozialamt sagte, dass sie gar nicht wisse, ob diese Wirtschaftlichkeitsprüfung überhaupt in ihren Zuständigkeitsbereich falle. Aus ihrer Sicht seien die Kosten von den beschriebenen geringfügigen Über- und Unterschreitungen alle in der Norm.

Doch, offenbare Fehler in der Plausibilität müssten auch ihr auffallen und überhaupt könne man monatlich pauschal schon mal 500 Euro einsparen und außerdem sei unser Wohnprojekt doch keine zugelassene Pflegeeinrichtung. Daraufhin meinte Frank: "Mit Verlaub, da haben Sie was missverstanden. Wir sind auch keine Pflegeeinrichtung. Bei uns wohnen Menschen mit Behinderungen und wir helfen Ihnen, im Alltag alleine zurecht zu kommen, gegebenenfalls mit Assitenz, die einzeln gebucht werden kann."

Der Typ von der Krankenkasse, schätzungsweise Ende 50, antwortete: "Ich habe noch einen Anschlusstermin, wir sollten zum Ende kommen. Was wir in den Topf werfen können, habe ich gesagt, kann ich aus dem Termin ein erfreuliches Ergebnis mitnehmen? Ich finde doch, das ist eine ganz, ganz tolle Sache."

Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst sagte: "Also ich sehe das genauso, aber es bleiben zu viele Fragen offen, die wir heute nicht geklärt bekommen." - "Zum Beispiel?" fragte der Mann von der Krankenkasse. Die Frau antwortete schnippisch: "Zu viele! Mehr als eine. Mehr als zwei. Zu viele."

Nun kam die Frau von der Pflegekasse: "Mich würde das aber auch interessieren. Können Sie das bitte mal konkretisieren?" - Sie antwortete: "Es ist aus meiner Sicht beispielsweise nicht abschließend geklärt, ob es sich bei der Einrichtung nicht vielleicht einfach nur um eine WG handelt, die mit Sozialhilfemitteln, die über die üblichen Hilfen hinausgehen, gefördert werden soll." - Frank antwortete: "Also Sie meinen so eine Art Partybude? Ist es nicht."

Die Sozialmedizinische Frau antwortete: "Das wird der Verantwortliche immer behaupten." - Frank erwiderte: "Nun werden Sie mal nicht frech." - Der Typ von der Krankenkasse verdrehte die Augen. Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst fragte: "Leben bei Ihnen Hunde oder Katzen und wenn ja, wieviele?" - Frank antwortete: "Keine Hunde, keine Katzen und auch kein Einhorn." - Er fragte die Gutachterin: "Könnten Sie dazu bitte Stellung nehmen?" - Die Gutachterin antwortete: "Ich verstehe das mit den Hunden jetzt nicht. Aber egal. Ich habe keine Tiere gesehen. Auch kein Einhorn." - Maria lachte gequält. Frank setzte nach: "Partybude?" - Die Gutachterin fügte hinzu: "In meinem Gutachten ist meine Einschätzung erschöpfend beschrieben. Das muss reichen."

Ende vom Lied: Es gibt bis Mittwoch ein Protokoll über die nicht erreichten Ergebnisse, eine überarbeitete Liste, in der diese geringfügig zu hohen oder zu niedrigen Beträge angepasst werden und auch die zugesicherten Summen fixiert werden sollen und einen neuen Termin in der nächsten Woche. Hurra. Ich hätte Maria etwas anderes gegönnt.

Montag, 2. Januar 2012

Probewohnen für Maria

Frank hatte es schon richtig eingeschätzt: Es wird nicht einfach. Seit heute morgen sind diverse Leute im Dauereinsatz, um Maria ein vierzehntägiges Probewohnen bei uns zu ermöglichen. Nicht, weil Maria selbst diese Leute in Atem hält, sondern weil, insbesondere wegen der fehlenden Vorlaufzeit, viel zu viel zu organisieren ist.

Pünktlich um acht heute morgen rief der Geschäftsführer der Einrichtung bei Frank an. Maria habe keinen Anspruch auf Urlaub. Und das, was sie vorhat, sei Urlaub. Maria hätte mindestens sechs Wochen vorher anmelden müssen, dass sie für 14 Tage ein Probewohnen veranstaltet. Ansonsten riskiere sie, dass der Heimvertrag fristlos gekündigt wird und/oder das Sozialamt die Mittel streicht. Immerhin zahle das Sozialamt ja nicht für ein leeres Zimmer und ein Leerstand passe nicht in die Kalkulation ihrer Einrichtung. Frank wurde für 12 Uhr zum Gespräch bestellt. Maria würde auch dorthin kommen.

Frank telefonierte mit dem Sozialamt und bekam die Auskunft, dass es keineswegs direkte Auswirkungen habe, wenn Maria über 14 Tage ein Probewohnen mache. Mit großen Einrichtungen gebe es Pauschalverträge und keine Einzelverträge für jeden Bewohner. Die Einrichtung müsse nur eine gewisse Auslastung erreichen. Ein gewisser Leerstand sei bereits einkalkuliert. Und zudem dürfe in begründeten Einzelfällen abgewichen werden. Probewohnen, Krankenhaus, Kur - das alles seien Begründungen für einen Einzelfall. Kurzum: Der Geschäftsführer hatte allenfalls interne Interessen. Die genannten waren vorgeschoben.

Da Maria ihr Pflegebett nicht mitbringen konnte, mussten wir kurzfristig eins organisieren. Ein befreundeter Inhaber eines Sanitätshauses, rund 250 Kilometer von Hamburg entfernt, disponierte kurzfristig eine Tour um, damit ein Leihbett noch heute ausgeliefert und aufgestellt werden konnte.

Um 12 Uhr fuhr Frank mit mir zusammen zur Zentrale der Einrichtung, in der Maria wohnt. Als wir dort aufkreuzten, teilte uns der Geschäftsführer mit, dass in Abwesenheit von Maria aus rechtlichen Gründen nicht über sie geredet werden könne. "Und wo ist Maria?" - "Wir haben keinen Gesprächsbedarf mit ihr", sagte der Geschäftsführer. Und fügte hinzu: "Sie machen hier die Unordnung." - "Sie haben mich doch gerade herbestellt, weil Sie mit ihr und mir reden wollen", konterte Frank. - "Wir haben Ihnen angeboten, zusammen mit Maria über die Sache zu sprechen. Das ist was anderes. Da Sie Maria nicht mitgebracht haben, kann das Gespräch nicht stattfinden." - "Sie haben nicht gesagt, dass wir Maria mitbringen sollen." - "Ja meinen Sie, dass wir sie herholen? Sie wollen doch was von uns."

Worauf Frank mit einem Grinsen antwortete: "Also stimmen Sie dem Probewohnen zu." - "Nein." - "Nein? Sie haben doch gerade gesagt, Sie hätten keinen Gesprächsbedarf mehr. Ich habe ihn auch nicht, ich schließe daraus breite Einigkeit. Komm Jule, das neue Jahr fängt gut an." - "Moment mal." - "Sie wollten doch in Abwesenheit von Maria nicht reden. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen sechsten Advent." - "Machen Sie sich nicht lächerlich. Falls Sie vorhaben, Maria heute abzuholen, müssen Sie damit rechnen, dass Sie bei uns Hausverbot bekommen. Ich habe meine Mitarbeiter angewiesen, notfalls die Polizei zu rufen." - "Wem von uns beiden erteilen Sie jetzt Hausverbot? Mir oder ihr? Oder uns beiden?" - "Noch gar keinem, Sie hören schwer, oder?" - "Neenee, ich wollte nur sicher sein. Achso ... was haben Sie eigentlich gegen ein Probewohnen?" - "Maria ist hier bestens aufgehoben." - "Das ist Ihre Ansicht. Die müssen Sie als Geschäftsführer ja auch haben. Vielleicht gelangt Maria eben durch dieses Probewohnen ja zu derselben Ansicht." - "Ich habe noch weitere Termine. Bitte entschuldigen Sie mich."

Wir rollten nach draußen, Frank stieg in mein Auto ein, ich verstaute seinen Rollstuhl im Kofferraum, dann stieg ich ein, verlud meinen Stuhl, keine Viertelstunde später standen wir bei Maria vor der Tür. Vor der Einrichtung blockierte ein blau weißes Auto den einzigen Behindertenparkplatz. "Die sind jetzt aber nicht unseretwegen hier, oder?" fragte ich Frank. - "Ich rechne mit allem." - Ich parkte mein Auto quer über zwei andere Parkplätze. Als wir durch die Automatiktür rollten, wurden wir herzlich in Empfang genommen. Ein netter Herr in Uniform fragte: "Guten Tag! Wohnen Sie hier?"

Frank antwortete: "Nein, wir möchten jemanden besuchen." - Eine uniformierte Frau kam um die Ecke, hielt sich an ihrem Notizblock fest. Der Mann sagte: "Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?" - "Na klar, darf ich vorher den Grund der Überprüfung erfahren?" - "Eine allgemeine Personenkontrolle." - "In einem Privatgebäude?" - "Ausweis bitte." - Frank holte seinen Personalausweis aus der Tasche.

"Zu wem möchten Sie denn?" fragte der Mann weiter. - "Zu Maria ...", antwortete Frank. - "Wir sind von der Einrichtung um Hilfe gebeten worden, weil Sie angeblich beabsichtigen, eine Bewohnerin zu -sagen wir mal in Gänsefüßchen- entführen. Können Sie uns dazu was sagen?" - "Wir entführen niemanden. Wir möchte nur jemanden besuchen." - "Der Leiter der Einrichtung ist damit nicht einverstanden. Er bittet Sie, das Haus wieder zu verlassen." - "Hat er einen Grund genannt?" - "Das muss er nicht. Er nimmt hier das Hausrecht wahr." - "Das sehe ich etwas anders. Die Bewohnerin wünscht unseren Besuch. Besuchsrecht bricht Hausrecht." - "Die Bewohnerin steht hier unter Betreuung." - "Ihre Information ist falsch. Die Bewohnerin wohnt hier und wird hier gepflegt. Aufgrund eines von ihr geschlossenen Heimvertrages. Es gibt keinen gesetzlichen Betreuer. Selbst wenn, hätte der unter Garantie nicht die Aufgabe, über Freundschaften und Besuche seiner Betreuten zu regeln. Jeder Bewohner darf Besuch empfangen. Es ist eine angemessene Tageszeit und Sie müssten schon ganz gravierende Gründe benennen können, wenn Sie das Besuchsrecht einer Bewohnerin einschränken wollen, weil es für den Betreiber der Einrichtung nicht zumutbar sein soll."

"Naja, wenn Sie vorhaben, eine seiner Bewohnerinnen zu entführen, wie gesagt in Gänsefüßchen, dann wäre das ein gravierender Grund." - "Von einer Entführung kann nicht die Rede sein. Maria ist volljährig, sie hat keinen Betreuer, bestimmt also selbst darüber, wo sie sich aufhält. Selbst wenn es einen Betreuer geben würde, müsste nicht nur das Aufenthaltsbestimmungsrecht bei ihm liegen, sondern das Gericht müsste auch noch einen Einwilligungsvorbehalt angeordnet haben, damit der Betreuer sich im Einzelfall über den Willen der Betreuten hinwegsetzen könnte." - "Sie kennen sich damit sehr gut aus. Sind Sie Jurist?" - "Ich bin Rechtsanwalt. Und Vorsitzender eines Vereins, der ebenfalls eine Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen unterhält. Die junge Dame ist eine enge Freundin der Maria. Maria möchte aus dieser Einrichtung ausziehen und sucht eine andere Einrichtung. Wir haben Maria ein Probewohnen bei uns angeboten und diese Einrichtung möchte es mit allen Mitteln verhindern." - "Warum sollten sie das tun?" - "Das müssen Sie die Einrichtung wohl selbst fragen. Ich schlage vor, wir reden mal mit Maria. Dann können Sie sich einen eigenen Eindruck verschaffen, ob hier jemand gegen seinen Willen verschleppt oder entführt wird."

Gesagt, getan. Vom Personal war noch niemand aufgetaucht, was sich aber schnell änderte. Maria hatte gerade drei Sätze gesagt, als der Geschäftsführer, der uns vor zwanzig Minuten hat abblitzen lassen, auftauchte. Soviel zu Thema 'Ich habe noch Termine.' Er gab sich mächtig aufgeregt und faselte etwas davon, dass Maria einen Heimvertrag unterschrieben hätte und dort stünde drin, dass Urlaub sechs Wochen vorher zu genehmigen sei. Woraufhin Frank antwortete: "Sie können in den Vertrag reinschreiben, was Sie wollen. Sie können aber Maria aufgrund eines Vertrages nicht dazu zwingen, ein Haus nicht zu verlassen. Unser Grundgesetz garantiert Freiheit als eines der höchsten Rechtsgüter. Sie haben vielleicht Schadenersatzansprüche, wenn Ihnen durch den Vertragsbruch von Maria tatsächlich ein Schaden entstehen sollte. Sie können den Vertrag vielleicht sogar kündigen. Aber Sie können von Maria keine tatsächliche Erfüllung verlangen. Das wäre sittenwidrig."

"Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass bei Maria nichts zu holen wäre. Also bleiben wir auf den Kosten sitzen. Das ist unzumutbar, also könnten wir fristlos kündigen. Aber das können wir wiederum nicht, dann wären Sie der Erste, der mit Fürsorgepflicht kommt. Nehme ich doch wohl mal ganz stark an." - "Lassen Sie sich mal rechtlich beraten. Und fragen Sie Ihren Anwalt auch gleich, welche Rechte Maria hätte, wenn ihr Vertrauensverhältnis wegen wiederholter Misshandlungsfälle grundlegend erschüttert wäre." - "Misshandlungsfälle?" horchte der Mann in Uniform auf. - "Die Heimaufsicht ermittelt schon", antwortete Frank. Und fuhr fort: "Ich schlage vor, Sie stimmen dem Probewohnen zu. Ihnen entgeht dadurch kein Cent, denn wir finanzieren das Probewohnen aus eigenen Mitteln. Sie bekommen Ihre Gelder pauschal von der Sozialbehörde, das wissen wir beide. Ich verstehe nicht, warum Sie mit solchem Nachdruck verhindern wollen, dass es Maria besser geht."

"Maria geht es hier gut." - "Objektiv gesehen haben Sie vielleicht Recht. Aber es zählt doch auch das subjektive Empfinden. Wenn sie glaubt, woanders besser aufgehoben zu sein, verstärken Sie dieses Empfinden doch nur, wenn Sie ihr verweigern, sich woanders umzusehen. Vielleicht merkt sie dabei ja, dass es anderswo schlechter ist, bricht nach drei Tagen das Probewohnen ab und will davon die nächsten zehn Jahre nichts mehr wissen. Oder eben nicht - dann können Sie sich der Kritik und dem Wettbewerb aber nicht dadurch stellen, indem Sie Ihren Bewohnern verbieten, das Haus zu verlassen."

Der Geschäftsführer verließ das Zimmer mit den Worten: "Ach machen Sie doch, was Sie wollen." Kaum war er draußen, fiel Maria Frank um den Hals. Seit heute spätnachmittag haben wir nun eine weitere (noch sehr glückliche) Bewohnerin, erstmal zur Probe, ein Pflegebett, leihweise für zwei Wochen, eine neue Mitarbeiterin, die für zwei Wochen Praktikum macht und im Rahmen einer kurzfristigen Beschäftigung entlohnt wird, und die Aufgabe, eine Finanzierung zu finden, wenn Maria bei uns bleiben will. Wir müssen uns dann also mit Maria zusammen darum kümmern, dass Pflegekasse, Krankenkasse und Sozialamt gemeinsam so viel Geld zahlen, dass Maria die Pflege- und Assistenzleistungen bekommt, die sie wirklich braucht. Für die Zeit, in der sie Probewohnen macht, hat jemand, der nicht namentlich genannt werden möchte, 5.000 € zweckgebunden an den Verein gespendet, der unser Wohnprojekt trägt.

Maria lebt also nun für zwei Wochen in einem tollen, aber völlig kargen Zimmer. Sie hat nur ihre nötigsten Dinge und entsprechend Kleidung dabei. Ihre Wangen glühen vor Aufregung. Und ihre erste Handlung war übrigens: Ein warmes Vollbad nehmen.