Mittwoch, 30. November 2011

Sieben an einem Tag

Ist ja nicht das erste Mal, dass ich es erwähne: Ich lese grundsätzlich alle Kommentare meiner Leserinnen und Leser, freue mich meistens darüber und nehme den einen oder anderen mir auch zu Herzen. Manchmal liefern sie mir auch eine Idee, etwas auszuprobieren: Ich habe mir vorgenommen, einen Tag lang mal alle Begegnungen mit fremden Leuten, bei denen es zu einem Wortwechsel kommt, sofort danach, ggf. mit Stichworten als Gedankenstütze, zu notieren, nur höflich und freundlich zu sein und Leute, von denen ich mich herabgesetzt, diskriminiert oder beleidigt fühle, sachlich zu kritisieren - sofern ich überhaupt etwas sage.

Morgens war ich mit Nadine zum Frühstücken verabredet, anschließend wollten wir gemeinsam shoppen, danach zusammen zur Physiotherapie und abends zum Schwimmtraining. Nadine ist in meinem Team, hat einen inkompletten tiefen Querschnitt nach einem unverschuldeten Fahrradunfall, kann mit Unterschenkelorthesen laufen, allerdings nicht rennen und nicht frei stehen (ohne sich festzuhalten). Ihr Gangbild erinnert ein wenig an das einer Ente.

Szene 1: Der Bus kommt, ein Schnellbus, bei dem man üblicherweise vorne die Fahrkarten vorzeigen muss, der Fahrer fährt dicht an den Bordstein heran, senkt den Bus ab und öffnet die hintere Tür. Ich fahre hinein, ziehe mich an den Türgriffen die etwa acht Zentimeter hohe Stufe hinauf, stelle mich an den vorgesehenen Platz und mache die Bremsen fest. Nadine setzt sich links neben mir auf einen Sitz. Die Tür geht zu, aber bevor der Bus losfährt, kommt eine Lautsprecherdurchsage: "Die junge Frau, die eben hinten eingestiegen ist, bitte mal den Fahrausweis vorzeigen!" - Ich drehte mich um und hatte über den Innenspiegel Blickkontakt zum Fahrer. Da ich nicht weiter nach vorne rollen konnte, rief ich: "Sie gehört zu mir." - Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern werden frei befördert. Abermals kam eine Durchsage: "Junge Frau, kommen Sie doch mal bitte zu mir nach vorne." - Der Bus stand. Ich sagte zu Nadine: "Hier, nimm gleich mit", und drückte ihr mein Portmonee in die Hand. Nadine latschte nach vorne, kramte meinen Ausweis raus. "Das ist der Ausweis von Ihrem Schützling. Ich wollte Ihren Fahrausweis sehen", hörte ich den Fahrer sagen. Hat er Schützling gesagt?! Nadine antwortete: "Ich bin die Begleitperson. Sie hat eine Begleitperson frei. Ist dort vermerkt." Ohne Worte gab er ihr den Ausweis zurück, fuhr ab.

Szene 2: Wir wollen Badeanzüge für beide und eine Schwimmbrille für Nadine kaufen. Die Größe und das Modell, das ich haben möchte, ist reduziert, also hole ich gleich drei Stück aus dem Regal. 18 Euro für einen Markenanzug ist wirklich gut. An der Kasse lege ich die drei Teile plus meine EC-Karte auf den Tisch. Die Kassierin, eine Frau um die 50, guckt mich an und fragt: "Gleich drei Stück? Haben Sie denn soviel Geld dabei?" - Ich tippe wortlos auf meine EC-Karte. "Wollen Sie das Schwimmen anfangen? Ich finde das ja toll, dann kommen Sie ein wenig unter Leute." - "Ich trainiere mehrmals pro Woche und früher oder später lösen sich die Teile auf. Bei Ihrem Angebot nehme ich gleich drei Stück mit, das lohnt sich ja." Oha, die Behinderte kann in ganzen Sätzen sprechen. - "Ach Sie schwimmen regelmäßig, ja das finde ich ja toll. Wissen Sie, mein Mann saß eine Zeitlang auch im Rollstuhl. Der hatte Schwierigkeiten mit der Hüfte. Aber der hat sich zum Glück wieder erholt. Hatten Sie einen Unfall?" - "Ja." - "Das hört man viel, bei jungen Leuten. Führerschein gerade neu, übermütig, und schon ist es passiert. In der Nachbarschaft hat auch einer gleich das Auto der Eltern zu Schrott gefahren. Alles in Grus und Mus. Aber ihm ist zum Glück nichts passiert. Aber um das Auto ist es ärgerlich." - "Ja, das stimmt. Bei mir war es ein Unfall auf dem Schulweg. Eine Autofahrerin hat mich angefahren." - "Das ist ja immer mein Alptraum, dass mir irgendwann mal ein Kind vor das Auto läuft. Wie oft liest man das, dass Kinder zwischen Autos hervorkommen und dann hast du als Autofahrer keine Chance. Du hast keine Chance. 54 Euro macht das."

Szene 3: Wir stehen in einem Burgerladen und bestellen. Wir bekommen zwei Tabletts. Da Nadine sowieso schon Probleme mit dem Laufen hat, trägt sie keine Tabletts. Die Gefahr, dass das Getränk darauf umkippt oder sie mitsamt dem Essen hinfällt, ist viel zu groß. Also setzt sie sich hin und ich nehme die Tabletts nacheinander auf den Schoß und bringe sie zum Tisch, muss mich dabei allerdings durch die Schlangen der wartenden Leute kämpfen. "Tschuldigung, darf ich mal durch? Tschuldigung, könnten Sie mich mal bitte durchlassen? Entschuldigung, könnten Sie einen Schritt zurückgehen?" - Nadine hat sich hinter einen Tisch gequetscht und in der Zeit, in der ich die Tabletts geholt habe, vor dem Tisch den Stuhl weggeschoben. Da kommt eine Frau zu uns und pöbelt Nadine an. "Sie lassen sich von ihrer Bekannten das Tablett an den Tisch bringen? Was für eine Erziehung haben Sie denn genossen? Gar keine? Entschuldigung, aber da steigt mir der Hut hoch." - Nadine sitzt mit offenem Mund da, ich erwidere höflich: "Das ist schon in Ordnung so. Wir haben das aufgeteilt." - "Ich will das gar nicht hören. Sie sind doch abhängig von ihr. Es ist doch unglaublich, dass Sie das Mädchen im Rollstuhl derart ausnutzen." - "Sie nutzt mich nicht aus und ich möchte jetzt essen und kein Theater. Ja? Tschüß." - Wir essen, in der Zwischenzeit stellt die Frau sich an. Als sie zurück kommt, setzt sie sich ausgerechnet an den Tisch neben uns und fängt an, mich anzustarren. Reicht mein dickes Fell, um das zu ignorieren?

Szene 4: Ich möchte ein Brot vom Bäcker mitnehmen, stehe an. Ich bestelle ein Brot, gebe das Geld über die Glastheke. Nadine bekommt das Brot mit den Worten: "Stecken Sie ihr das mal hinten rein?" - Gemeint war wohl der Rucksack...

Szene 5: Wir sitzen im Bus nach Hause, ich auf dem Rollstuhlstellplatz, Nadine links neben mir in der letzten Sitzreihe vor der Mitteltür. Plötzlich steigt ein älterer Mann ein, kommt von vorne bis zur Mitte durch und macht Nadine an: "Setz Dich mal woanders hin." - "Wie bitte?" - "Das ist mein Sitzplatz, ich bin schwerbehindert, ich muss nah an der Tür sitzen und kann nicht lange stehen. Mach schon, sonst falle ich hin." - Es waren mindestens 20 weitere Plätze frei, auch der direkt gegenüber, auch die vier auf der anderen Seite der Tür. Nadine rückte zum Fenster durch. Der Typ setzte sich hin, hob seinen Holzstock und tippte mit dessen Ende oben gegen die Deckenverkleidung, an die ein Symbol "Sitzplatz für Schwerbehinderte" angeklebt war. "Da stehts. Für Doofe schon extra ohne Text." - Nadine antwortete: "Schaun Sie mal, dahinten sind auch noch Schwerbehindertenplätze frei. Ich weiß nicht, warum Sie ausgerechnet den besetzten Platz belegen wollen." - "Das will ich dir sagen: Zu unserer Zeit ist man als Jugendlicher noch aufgestanden, wenn gebrechliche Leute in den Bus stiegen. Du hast auf diesem Sitzplatz überhaupt nichts zu suchen." - "Haben Sie schonmal in Betracht gezogen, dass es auch Jugendliche mit Behinderung gibt?" - "Pass auf, du!" Er machte eine fordernde Handbewegung: "Zeig mir mal deinen Ausweis." - Nadine holte ihren Ausweis aus der Jackentasche. Der Typ wurde kreidebleich. Aber anstatt sich mal zu entschuldigen, kam: "Das kann ich ja nicht riechen! Woher soll ich wissen, dass du ausnahmsweise hier sitzen darfst. Ist der Ausweis überhaupt echt? Du kannst doch laufen."

Szene 6: Wir sind auf dem Weg von der Physiotherapie zum Schwimmen und warten vor demselben Aufzug, von dem ich auch schon in den letzten Beiträgen geschrieben hatte. Dann stehen wir mit drei Rollstuhlfahrern in der Kabine (die anderen beiden kannte ich nicht), damit ist die Kabine voll. Nadine latscht über die Treppe. Die Tür geht zu, da springt noch eine ältere Dame dazwischen. Die Tür geht wieder auf. "Komme ich noch mit?" - "Nee, das passt nicht mehr." - "Och das geht noch." - "Nein, das passt wirklich nicht mehr." - "Ich muss meine Bahn kriegen." - "Ja, wir auch. Am besten warten Sie kurz, wir beeilen uns mit dem Aussteigen." - "Warten Sie, ich quetsch mich hier dazwischen." - Sie drängelte sich zwischen meine Füße und Kabinenwand, hielt sich an meiner Schulter fest. Sie musste sich weit nach vorne beugen, da hinter ihrem Po die Haltestange war. Und sie stank nach Knoblauch. Die Tür ging zu. "Wissen Sie, der Aufzug wurde nämlich nicht nur für Rollstühle eingebaut. Ich habe zwei neue Hüften bekommen und ich kann die steile Treppe nicht laufen." - "Das mag ja sein, nur wenn voll ist, ist voll." - "Geht doch auch so." - "Ich weiß aber nicht, ob ich mich von jedem anfassen lassen möchte." - "Nun stellen Sie sich mal nicht so an. Sie sind zwar behindert, aber ja nicht aus Zucker, nä?! Sag ich immer zu meinen Leuten, wenn die mich mit Samthandschuhen anfassen." - Die Kabinentür öffnete sich, die beiden anderen Rollifahrer rangierten nach draußen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich stand hinten an der Wand und direkt vor mir waren die Füße der Frau, außerdem hielt sie sich an mir fest. "Sie zuerst!", befahl sie. - "Ich komm so nicht von der Stelle. Sie stehen direkt vor mir. Sie müssten sich da schon irgendwie raushangeln und wenn es geht, ohne sich dabei auf mich aufzustützen, sonst fallen wir nämlich beide um." - Ihre Hand war auf meiner Schulter nämlich eindeutig hinter dem Schwerpunkt des Stuhls. "Was Sie einer alten Frau so alles zumuten", beklagte sie sich. - "Ich hab doch gesagt: Warten Sie kurz." - "Ach halt den Schnabel." - "Wie war das?" - "Du hast mich schon verstanden." - Nadine stand mit einem Fuß in der Tür, damit der Aufzug nicht wieder losfuhr. Jetzt stützte sich die Frau mit beiden Händen auf mich auf, einmal an der Schulter, einmal auf meinem Oberschenkel. Schrittchen für Schrittchen bewegte sie ihr Füße zwischen Rollstuhl und Kabinenwand hinaus, ihr halbes Körpergewicht auf mich gestützt, gerade hinstellen konnte sie sich wegen der Haltestange nach wie vor nicht. Dann konnte sie endlich rausgehen. Nach zwei Schritten blieb sie stehen und drehte sich um. Ich rangierte meinen Stuhl mit zwei Dutzend Minibewegungen plus zwei Mal hochspringen aus der eingekeilten Position, als sie mich anmachte: "Siehst du, geht doch wunderbar." - Gleich spring ich dir ins Gesicht... Nadine stand hinter ihr, immernoch den Fuß in der Tür. Lohn der Zurückhaltung: Die Frau erreichte im schnellen Schritt die S-Bahn, quetschte sich gerade noch so durch die sich schließenden Türen und wir ... standen draußen und mussten auf den nächsten Zug warten.

Szene 7: Wir kommen aus der Schwimmhalle. Jana hat angeboten, uns mit dem Auto mitzunehmen. Janas Auto ist aber zugeparkt von einem Smart, der sich zwischen die beiden auf den breiten Behindertenparkplätzen parkenden Autos auf die Linie gestellt hat. Da der Eingang um diese Zeit geschlossen ist, müssen wir über eine Wiese zum Notausgang und dort an die Scheibe klopfen. Nach zwanzig Minuten ist der Fahrer gefunden, ein junger Mann, der seine Serie unterbrechen musste, um nur mit Badehose und Handtuch bekleidet, sein Auto wegzufahren. Als er fertig war, kam folgender Kommentar: "Bekomme ich jetzt einen Aufkleber von der Frank-Elstner-Stiftung 'Ein Herz für Behinderte'?"

Es soll nicht so stehen bleiben, dass der Eindruck entsteht, alle Menschen seien böse. Viele halten mir Türen auf, bieten mir freundlich ihre Hilfe an, sind nett. Aber zwischen den vielen netten gibt es täglich auch jede Menge Idioten. Und die versammeln sich grundsätzlich bei mir und labern mich an. Oder bei anderen Rollifahrern - und die Anzahl ist gemessen an der Dauer, die ich unterwegs war, im Durchschnitt. Ich weiß nach wie vor keinen Rat: Reinfressen will ich das jetzt nicht jeden Tag in mich und zu heftig reagieren trifft möglicherweise den falschen. Vielleicht sollte ich einen Schreikurs mitmachen. Oder mal wieder einen Triathlon - leider ist gerade Winter. Shit.

Samstag, 26. November 2011

Diskriminieren - aber richtig

Es ist schon spannend zu lesen, wie einige meiner Leserinnen und Leser diskutieren und ihre Ansichten vertreten. Und wie sich so eine Diskussion verselbständigt und immer weitere Kreise zieht. Und vor allem: Wer sich so alles persönlich angesprochen fühlt. Die Rede ist von meinem letzten Beitrag.

Ich glaube schon, dass ich mich mit deutscher Sprache sehr gut ausdrücken kann, sofern die deutsche Sprache eine gute (im Sinne von differenzierte) Ausdrucksweise überhaupt zulässt. Ich weiß auch, dass Sprache nicht nur deskriptive, sondern auch wertende Funktionen hat, auch bei der Beschreibung rationaler Elemente.

Zunächst finde ich sehr wichtig zu unterscheiden, wann Sprache deskriptiv und wann wertend eingesetzt werden soll. Ich finde, dass ein Absender sich größte Mühe zu geben hat, damit der Empfänger das Gesagte so versteht wie der Absender es meint. Man darf dabei aber zwei Dinge nicht außer Acht lassen: Einige Empfänger wollen partout beschreibende Aussagen als wertend verstehen und einige Personen sind überhaupt nicht Empfänger einer Nachricht, fühlen sich aber angesprochen und beziehen den Inhalt auf sich selbst.

Ohne jede Frage: Ich bin sehr dafür, Sprache bewusst einzusetzen und bestimmte Wörter gar nicht erst in den Mund zu nehmen. Ich bin auch dafür, die Verwendung bestimmter Wörter durch Aufklärung einzudämmen. Die Wörter "Schwuchtel", "Hure", "Neger", "Schlampe" und "Slutwalk" gehören nicht in meinen Sprachgebrauch, "Krüppel" allenfalls als Beispiel, wie sich Sprache durch die Verwendung von Euphemismen verändert.

Was ich überhaupt nicht leiden kann, sind Menschen, die sich selbst zu einer Art Hoheit aufspielen, die gleichzeitig festlegt, welche Regeln gelten, feststellt, wann diese Regeln überschritten wurden und den mutmaßlichen Regelverletzer anschließend am besten noch anklagen und verurteilen. Entsprechend muss immer die Frage zulässig sein, ob die Mehrheit der (angesprochenen) Betroffenen etwas ablehnt und verurteilt, oder ob irgendjemand Benimmregeln vermitteln will.

Behinderung ist nach gängiger Meinung die Wechselwirkung körperlicher Beeinträchtigung mit Barrieren der Umwelt (sinngemäß, verkürzt). Also bin ich behindert. Und nicht gehandicapt oder sonstwas. Eine gute Freundin hat eine deformierte Hand, eine andere ein Bein ab und eine weitere vorhin eingekackt. Die stank aus allen Knopflöchern und wurde, bis sie geduscht hatte, auf genau diesen Gestank reduziert. Wie es mir ging, als ich das erste oder das letzte Mal eine Magen-Darm-Grippe hatte, weiß ich noch genau und dass ich vorhin fast in die Ecke vomiert habe, als ich ihr in der Dusche mit Einmalhandschuh und -waschlappen den Arsch (nein, für mich kein Ausdruck verrohter Sprache, sondern als neutral im herkömmlichen Sinne) gewaschen habe, weil sie das wegen ihres vergleichsweise hohen Querschnitts nicht konnte, auch. Das habe ich auch thematisiert. Damit konnten wir beide besser umgehen als wenn ich es mit Tränen in den Augen verschwiegen hätte. Trotzdem ist sie für mich ein Mensch und ich habe sie sehr lieb.

Ich habe nichts gegen Behinderte. Aber wenn sie stinken, müssen sie damit rechnen, auch dann auf ihren Gestank reduziert zu werden, wenn sie das gar nicht zu vertreten haben. Und ich fange jetzt auch keine Diskussion an, ob die Umwelt so etwas ertragen muss. Muss sie nicht. Ein Behinderter, der eingekackt hat, gehört nicht in eine Theatervorstellung. Diese Ausgrenzung muss er aushalten.

Ich habe niemals gesagt, dass ich etwas gegen dicke oder fettleibige Menschen habe. Ich habe auch zu keinem Zeitpunkt eine Ansprache an alle Menschen gerichtet, deren BMI irgendeinen Wert übersteigt. Ich habe eine übergewichtige Person auf exakt der Ebene angesprochen, auf der sie mich Sekunden zuvor ebenfalls angesprochen hat. Nachdem ich über das Vordrängeln fast noch einen Scherz gemacht habe und die Beleidigung davor bewusst überhört hatte. Und ich halte diesen Umgang mit dieser einen Frau nach wie vor für angemessen. Einen diplomatischen Hinweis auf ihr Fehlverhalten hatte sie kurz zuvor bereits mit einer Beleidigung (duzen, verniedlichen, nicht ernst nehmen) abgetan. Hätte ich zum Ausdruck gebracht (höflich oder unhöflich), dass ich mich von ihr diskriminiert fühle, hätte sie vermutlich dumm gelächelt oder mich als Weichei, das mit seiner Behinderung nicht klarkommt, abgestempelt. Nein, ich denke, das hat gesessen und vielleicht denkt sie so mal darüber nach.

Ich will mich jetzt nicht rausreden, denn meine Absicht war schon, dass sie "fett" als negative Eigenschaft versteht. Nicht ohne Grund rennt sie mit Walkingstöcken durch die Gegend. Allerdings ist "fett" in meinen Augen nicht unbedingt negativ. Die derzeit korrekte Übersetzung der medizinischen Bezeichnung "Adipositas" ist "Fettleibigkeit". Ebenso wie die Frage "Warum sitzt du im Rollstuhl?" ohne den Kontext, die vorangegangene Beleidigung und den abschätzigen Blick nicht unbedingt negativ behaftet sein muss - von der Beschränkung der Person auf den Rollstuhl und der Indiskretion mal abgesehen. So ein Rollstuhl hat auch viele Vorteile.

Und, was hinzu kommt: Ich überlege in aller Regel schon sehr genau, was ich sage. Meistens bin ich auch diejenige, die sich aufregt, wenn beim Training irgendein Halbstarker die heute in vielen Schulen übliche sexualisierte Sprache gebraucht. Andererseits fühle ich mich, trotz aller mit dem Internetblog verbundenen "Berühmtheit" nicht in der Rolle eines perfekten Menschens, der sich immer korrekt verhält. Und manchmal bin ich auch schlicht mit meinem Latein am Ende, zum Beispiel, wenn ein Angestellter meiner Rehaklinik, Afrikaner mit Unfallquerschnitt, unter jede SMS "LG, Black" schreibt, zu seinem Geburtstag eine Runde Schokoküsse ("am liebsten würde ich allen, die heute mit mir feiern, persönlich einen Kuss geben, aber ich bin erkältet und damit belassen wir es mal bei den Negerküssen aus dem Pappkarton") verteilt und mir erzählt, die meisten Menschen, die ihn wegen seiner Hautfarbe diskriminieren, wollten nur ihn persönlich provozieren oder davon ablenken, dass sie mit seinem Rollstuhl nicht klar kämen. "Zum Glück wissen sie nicht, dass ich hetero bin. Wenn man mich schon diskriminiert, dann bitte richtig."

Montag, 21. November 2011

Tolle neue Woche

Die Woche fängt gut an, sagte der Mann, der am Montag gehängt werden sollte.

Es ist völlig egal, ob ich zur Zeit zur Schule, zur Arbeit oder sonstwo hin muss - ich hasse sie, die Leute, die mir an einem Montagmorgen ungefragt erklären müssen, dass ja eine neue Woche begonnen hätte. Als Rollstuhlfahrerin hat man ja unfreiwillig eine Art Beamtenstatus. In einem mehr oder weniger schmerzhaften Akt wird man zu dem, was man später ist, bekommt vom Staat darüber eine amtliche Ernennungsurkunde und einen Dienstausweis (ab nächstem Jahr aus Plastik und in Scheckkartenform), auf dessen Rückseite der Dienstgrad eingetragen wird und der einem (mitunter) die freie Mitfahrt in öffentlichen Nahverkehrsmitteln garantiert, einen je nach Dienstgrad manuell oder elektrisch angetriebenen Dienstwagen und das eine oder andere mehr.

Uniformen sind zum Glück abgeschafft, man ist ja auch so gut zu erkennen, allerdings muss man eben auch ertragen, dass sich all jene, die auch Briefträger und Polizisten vorsorglich grüßen oder in ein oberflächlich-bürgernahes Wortgeplänkel verstricken, zu einem hingezogen fühlen und einen entweder nach dem Weg, nach der Ursache der Behinderung, dem Preis des Rollstuhls oder sogar nach der eigenen Fruchtbarkeit fragen und anschließend mit der eigenen Lebensgeschichte oder der des Nenn-Onkels, der selbst sechs Wochen im Rollstuhl saß, konfrontieren. An einem Montagmorgen ist es besonders schlimm. Und bin ich einmal schlecht gelaunt und reagiere nicht auf solche dummen Ansprachen, schließlich muss es nicht pausenlos kommentiert werden, dass der Aufzug kommt, das Wetter neblig ist oder ich schöne Haare unter der Mütze habe, tun die Leute so, als hätten sie mit ihren Steuern meine Freundlichkeit beglichen und wären gerade um eine bereits bezahlte Leistung betrogen worden. "Sie reden auch nicht mit jedem, oder?" - Ein "Halt die Fresse" hab ich mir nur leise gedacht und so getan als sei ich gehörlos.

Irgendwann bin ich auf meinem Weg zur Physiotherapie am Bahnhof Bergedorf angekommen, stehe vor dem deutlich zu klein geratenen Aufzug und warte. Noch acht Kinderwagen vor mir, noch sechs, noch vier - mit Glück passen zwei gleichzeitig in die Kabine. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, bin ich dran, die Tür geht auf, da drängelt sich von der Seite eine ältere Frau mit breitem Arsch und zwei kaputten Skistöcken vorbei, steigt mir fast über meinen Schoß. "Vorsicht! Ich mach Nordic Walking!" - Es juckte mir in den Fingern, aber ich stoppte meinen Rollstuhl. Es wäre kein Problem gewesen, sie lang hinschlagen zu lassen, ich hätte nur nichtbremsen müssen. "Und ich mach Nordic Rollstuhling und kann mich auch hinten anstellen", konnte ich mir nicht verkneifen. Sie grinste doof und meinte: "Schätzelein, ich werde kalt, wenn ich so lange warten muss."

Ich hatte bereits gedrückt, die Tür schloss sich, da fängt sie an, an den Knöpfen herumzufummeln. Drückt nochmal die "0" statt der "-1", was zur Folge hat, dass die Tür sich nochmal öffnet. Anschließend drückte sie nochmal auf "Tür auf" und rief: "So, Abfahrt, Tür zu! Die Kiste ist vielleicht lahmarschig. Ich werd kalt!" - Dann endlich fuhren wir. "Warum sitzt du im Rollstuhl?", fragte sie und drehte sich zu mir. Das war jetzt eindeutig zu viel. Ich antwortete: "Warum bist du so fett?" - Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. "Unverschämtheit", blubberte sie. Der Aufzug war angekommen. Wutschnaubend stiefelte sie aus der Kabine.

Meinen Bus hatte ich verpasst. In 10 Minuten kam der nächste. Ich stand dümmlich vor der hinteren Tür. Hatte der Fahrer mich nicht gesehen, als er die Haltestelle angefahren hatte? Ich drückte auf den Knopf mit dem Rollstuhlsymbol. Nichts passierte. Ich blickte nach vorne, winkte in Richtung seines Außenspiegels und nuschelte ein leises "Huhu" in meinem Schal. Nichts. Ich rollte zur vorderen Tür, wo der Fahrer die Fahrausweise der Einsteigenden einzeln kontrollierte und entsprechend beschäftigt war. Ich rief durch die Menschentraube hindurch: "Können Sie mal bitte hinten aufmachen und absenken?" - "Ich komm gleich nach hinten!" - "Es reicht, wenn sie die Tür aufmachen und absenken!"

Ich fuhr wieder nach hinten. Die Tür blieb zu. Okay, dann warten wir eben erstmal, bis der Bus voll ist. Endlich, als vorne alle eingestiegen waren, ging die Tür auf, der Fahrer kam raus. "Absenken würde reichen, dann komme ich so rein." - "Das dürfen Sie nicht." - "Bitte?" - "Das ist zu gefährlich. Ich klappe die Rampe aus. Ist kein Problem, dann kann ich auch mal aufstehen und mich bewegen. So, machen Sie mal etwas Platz, die Frau im Rollstuhl will auch noch mit und die muss sich dort drüben hinstellen. Sie da, suchen Sie sich mal einen anderen Stehplatz, ja? Wo wollen Sie aussteigen?" - "Unfallkrankenhaus." - "Ich komme dann zu Ihnen und helfe Ihnen raus." - "Jaja." So ein Blödsinn. Würde er einfach den Bus absenken, käme ich so rein und raus. Aber nein ... er braucht Bewegung. Und alles glotzt. Es ist sicherlich nett gemeint, aber ich helf ihm doch auch nicht beim Busfahren. Das würde mit Sicherheit auch an seinem Ego kratzen.

Für Ronja, meine Physiotherapeutin, hatte die Woche auch klasse begonnen. Sie hat erfahren, dass sie ab Januar in einem anderen Bereich eingesetzt wird. Bisher hatte sie nur mit Querschnitten zu tun, dann soll sie nur noch Muskelaufbau bei Leuten machen, die an der Hand operiert worden sind. Sie ist totunglücklich und hat in meiner Stunde drei mal angefangen zu weinen. Sie tut mir so leid. Aber ich habe schon eine Idee. Mal sehen, ob das klappt...

Sonntag, 20. November 2011

Little Dolly und ein Bad im See

Einige kriegen eben nie genug - ich gehöre auch dazu. Letztes Wochenende war ein tolles Trainingslager, dieses Wochenende war ursprünglich ein nächtliches Training am Elbdeich geplant, das wurde aber nun wegen des besagten Trainingslagers gestrichen. Nur bleibt es uns ja unbenommen, trotzdem zu trainieren. Allerdings dann auf dem Wanderweg, nicht auf der Fahrbahn. Das wäre ohne Begleitfahrzeug oder Straßensperre lebensgefährlich. Gerade auf dieser Deichstraße rasen die Autofahrer nämlich gerne.

Ursprünglich wollten Yvonne, Simone, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle und ich uns treffen, also fast mein komplettes Team, dann hatten aber Yvonne, Nadine und Merle kurzfristig wegen eines grippalen Infekts wieder abgesagt. Dafür rief mich die Mutter von Lisa an, ob ihre Tochter auch teilnehmen dürfte und ob es möglich wäre, dass sie hinterher nochmal bei uns schläft. Natürlich war das möglich. Ob ich einmal eine halbe Stunde Zeit für sie hätte. Huch? So offiziell?!

Entsprechend saßen wir am Freitagabend in meinem Zimmer, zusammen mit Lisa und Cathleen. Lisas Mutter fand unsere WG toll, sagte, sie hätte sich das ganz anders vorgestellt. Lisa sagte: "Mama, lenk nicht vom Thema ab. Ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen."

Lisa erzähle zu Hause regelmäßig mit strahlenden Augen vom Training. Auf der Fahrt vom Trainingslager nach Hause habe sie ohne Punkt und Komma erzählt, wie toll das alles war. Die Mutter meinte, sie habe Angst um ihr Kind. Es klinge bestimmt merkwürdig, aber sie bräuchte mal jemanden, der sie versteht und ihr sage, dass das mit ihrer Tochter alles richtig laufe, sie in besten Händen sei und sie sich zu viele Sorgen mache.

Ich fragte sie, wo denn genau ihr Problem sei. Wieso sie annehme, dass etwas falsch laufen könnte. Sie meinte, die Kontakte, die ihre Tochter in den letzten Jahren geknüpft habe, hätten sie so glücklich gemacht. Ihre Tochter sei nicht wiederzuerkennen. Lisa saß daneben und meinte: "Nicht so sentimental, Mama. Ich werd einfach nur erwachsen. Aber ich bleib trotzdem deine Tochter und du und Papa sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Das hab ich dir gestern schon gesagt." - Ich musste schon wieder schmunzeln.

Die Mutter erzählte mir, dass ihr Mann und sie beide berufstätig seien und sich eine angestellte Erzieherin täglich zu Hause um Lisa kümmere. Mit ihr Hausaufgaben mache, mit ihr zur Therapie fahre. Ihr Kind habe eine Behinderung und es sei alles anders als bei anderen Kindern, aber trotzdem hoffe sie, dass sie alles richtig gemacht hätte. Nur eines verstehe sie nicht: Lisa sagt, eins der tollsten Dinge beim Training ist, dass man sich so benehmen dürfe, wie man wollte, ohne dafür Ärger zu bekommen. Und dann erzähle sie zu Hause stolz, was sie alles angestellt habe. "Warum ist ihr das so wichtig? Warum hat sie das Bedürfnis danach? Sie darf das zu Hause nicht, aber warum vermisst sie das offenbar so?"

Ich habe gesagt: "Ich würde mir da wirklich nicht solche Sorgen machen. Solange sie das zu Hause alles stolz erzählt und auch weiß, wann sie was machen darf und wann nicht, finde ich alles in Ordnung. Alles, was verboten ist, hat doch seinen Reiz, vor allem in ihrem Alter. Ich finde das völlig normal, dass sie Grenzen austestet. Eines Tages merkt sie, dass sie selbst für ihr Verhalten verantwortlich ist und dass die Jungs, die jetzt noch lachen und es cool finden, wenn sie laut rülpst, plötzlich von dem Schweinkram genervt sind. Und dann lässt sie es wieder."

"Ich habe Angst, dass sie sich mit ihrem Verhalten schadet und irgendwann Außenseiterin ist." - Ich antwortete: "Das glaube ich nicht. Sie ist doch so ein herzlicher Mensch und wird von allen gemocht. Außerdem ist gerade in diesen Gruppen eine ganz große Toleranz. Das passt schon alles. Und vielleicht stößt sie tatsächlich irgendwann mal an die eine oder andere Grenze. Dann muss sie das lernen. Davor kann man sie nicht beschützen. Aber deswegen ist sie ja nicht gleich Außenseiterin."

Ich glaube, ich habe die Mutter beruhigen können. Sie knuddelte Lisa zum Abschied und sagte: "Ruf an oder schreib eine SMS, wenn was ist!" - "Ja, Mama." - "Und pass auf dich auf." - "Ja, Mama." - "Und sei lieb, hörst du?" - "Mama! Ich bin immer lieb."

Auf zum Volksfest. Cathleen, Simone, Lisa und ich. Da wir keine Fußgänger dabei hatten, die uns in irgendein Fahrgeschäft hätten helfen können, konnten wir nur gucken und uns mit Gummitierchen und anderem ungesunden Zeug eindecken. Wir waren mal wieder die unfreiwillige Attraktion. "Oh, habt ihr aber tolle Rollstühle! Und so bunt! Kai-Uwe, guck mal! Die Rollstühle! Guck mal, die sind ganz ohne Begleitung hier! Oder die Begleitung kauft gerade was für sie ein. Einen Motorradunfall können die nicht gehabt haben, dafür sind sie noch zu jung. Bestimmt Kinderlähmung." - Na klar. Ich schaltete auf Durchzug.

Nach dem Volksfest rollten wir auf Lisas ausdrücklichen Wunsch noch einmal über die Reeperbahn, die ja bekanntlich direkt nebenan ist. Als wir wieder an jenem Laden ankamen, vor dem wir vor eineinhalb Jahren schon einmal mit ihr standen, blieb sie stehen, zog mich zu sich ran und flüsterte mir ins Ohr: "Ich möchte so gerne so einen Vibrator. Deswegen wollte ich hier nochmal her. Ich war schonmal alleine hier, aber ich darf in den Laden nicht rein. Darf ich dir Geld geben und du kaufst mir den? Bitte!"

Ich dachte, ich träume. Ich bin nicht oft perplex, aber in dem Moment war ich es und wusste gar nicht mehr, wie ich reagieren sollte. "Was gibt es für Geheimnisse?" fragte Simone. Lisa antwortete: "Wenn ich das jetzt erzählen würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr. Ich sags dir später." - Ich fragte sie: "Das gibt aber mindestens 200 verschiedene Typen und dazwischen ganz viel Schrott. Hast du dich denn schonmal informiert, was der können soll?"

Lisa nickte. "Ich möchte einen, der heißt Little Dolly. Und den möchte ich am liebsten in blau. Und ein Ladegerät muss man extra dazu kaufen. Ich geb dir 50 Euro, das müsste reichen." - Obwohl Lisa versuchte, möglichst leise zu sprechen, ahnte Simone sofort, worum es ging. Sie fragte: "Willst du dir hier was kaufen?" - Lisa antwortete: "Frag nicht, das ist mir peinlich." - "Na komm, wenn du sowas willst, musst du auch dazu stehen." - "Ich weiß, das ist trotzdem peinlich."

Ich machte den Vorschlag, zu einem anderen Geschäft zu rollen, das nicht so schmuddelig aussah wie der Laden, vor dem wir gerade standen, und das mir vor allem wesentlich besser sortiert zu sein schien. Am Ende saßen wir in der U-Bahn, als sie ihr Handy rauskramte und meinte: "Ich muss das unbedingt meiner Muddi schreiben." - Ich hoffte nur, sie würde mir nicht den Kopf abreißen. Als wir in der WG angekommen sind, musste Lisa erstmal allen Leuten, die sie kennt, erzählen, dass sie auf dem Volksfest und auf der Reeperbahn war und was sie sich gekauft hatte. Ich habe keine Ahnung, ob sie einfach nur so ein Ding besitzen will, weil sie dann erwachsener oder cooler oder sonstwas ist - oder ob ihr das Teil hilft, ihre doch sehr starke Spastik in den Armen und Händen zu kompensieren. Während sie auf dem Gästebett lag (Cathleen schlief mit bei mir im Bett und Lisa daneben auf einem ausblasbaren Gästebett), las sie die Betriebsanleitung und meinte: "Wahnsinn, der muss vor dem ersten Mal 12 Stunden durchgehend aufgeladen werden."

Am Samstagnachmittag waren Simone, Cathleen, Kristina, Lisa und ich zum Training mit dem Rennrolli auf dem Elbdeich verabredet. Nach langem Ausschlafen und ausgiebigem Frühstück sagte Lisa plötzlich: "Wollen wir nach dem Training im See schwimmen?" - Simone antwortete: "Du machst vor, ich mach nach." - "Wieso?" - "Der See ist arschkalt, wir haben fast Winter. Da kriegst du einen Kälteschock, sobald du einen Zeh reinhältst." - "Es gibt doch auch Leute, die sich ein Loch ins Eis schlagen und dann im Eiswasser baden!" - "Die gehen aber auch hinterher in die Sauna oder zumindest heiß duschen." - "Können wir nicht in dem Vereinshaus heiß duschen?" - "Das ist kilometerweit vom See entfernt. Inzwischen bist du erfroren." - "Schade."

Nachdem wir eine halbe Stunde lang über andere Themen geredet hatten, fing Lisa wieder von dem Thema an: "Kann ich nicht mit Neo im See schwimmen gehen?" - "Ach Lisa. So dick, wie der Neo sein müsste, damit du nicht frierst, eignet der sich nicht mehr zum Schwimmen. Unsere Schwimmneos sind alle nur sehr dünn. Das Wasser ist zu kalt, um draußen zu schwimmen." - "Wie kalt ist denn der See? Guck mal, die Sonne scheint doch richtig toll." - "Der wird höchstens noch 10 Grad haben. 14 Grad muss er haben, damit überhaupt ein Wettkampf, bei dem dann der Neo Pflicht ist, stattfinden dürfte. Bei Schülern müsste der See sogar 19 Grad haben. Ende Mai kannst du mal wieder fragen. Solange können wir nur in der Halle schwimmen. Wieso willst du denn unbedingt draußen schwimmen?"

Lisa schmollte. "Ich hab zum Geburtstag einen eigenen Neo bekommen und mit dem durfte ich noch nie schwimmen." - "Hast du den etwa mit?" - Lisa nickte. "Ich dachte, wir könnten das mal ausprobieren." - "Und was sagt deine Mutter dazu?" - "Die wollte mich stundenlang davon abbringen, dass ich den einpacke, weil sie meinte, mit mir geht bei der Kälte keiner mehr schwimmen. Warum müssen sich immer alle Erwachsenen einig sein?"

Cathleen sagte: "Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag. Du nimmst den mit zum See, ziehst dich um, krabbelst ein paar Zentimeter rein und wenn du es nicht mehr aushältst, krabbelst du wieder raus." - "Alleine hab ich dazu keinen Bock." - "Ich krabbel mit." - Ich sagte: "Ihr habt einen Schatten. Ihr holt euch da den Tod." - Simone sagte: "Ich mach auch mit."

Nun wollte ich kein Spielverderber sein. Lange nichts Verrücktes mehr gemacht... Nach unserem Training saßen wir also auf dem Boden meines Autos, zogen uns um und rollten vom Parkplatz zum Strand. Zwei Taucher waren dabei, ihr Equipment im Auto zu verstauen. "Wollt ihr schwimmen gehen?" - "Ja, wieso?" - "Nur die Harten kommen in den Garten - oder was?!" - "Genau. Ich frier nur vom Bauch aufwärts. Dann ist es halb so schlimm. Sie hat einen neuen Neo, den will sie dieses Jahr unbedingt nochmal ausprobieren. Wisst ihr, wieviel Grad das Wasser hat?" - "Elf Komma Acht, haben wir vorhin gemessen." - "Och, das geht aber noch!"

Und tatsächlich, nach dem ersten Schock war es okay. Die Luft war durch die Sonne relativ warm, weit über 10 Grad, das machte eine Menge aus. Am schlimmsten war die Kälte am Handrücken und im Gesicht, aber am Körper war es okay. Wir waren insgesamt rund fünf Minuten im Wasser und sind sogar ein ganzes Stück geschwommen. Dann mussten wir aber dringend wieder raus. Ab zum Auto, die nassen Sachen ausziehen, in ein großes Handtuch einwickeln, abrubbeln, warme Sachen anziehen und die Thermoskanne mit dem Tee hervorholen. Schön, dass mein Auto eine Standheizung hat. Wie war das? Was nicht tötet, härtet ab. Mir war danach angenehm warm und Lisa hat sich gefreut wie eine Scheekönigin.

Sonntag, 13. November 2011

Trainingslager NNRW

Eigentlich hatten wir vor langer Zeit mal einstimmig beschlossen, dass sich Anfahrt und Abfahrt plus Teilnahmekosten für dieses eine Wochenende nicht lohnen würden. Anfang letzter Woche fragte unsere Trainerin, ob wir uns nicht kurzfristig neu entscheiden wollen, denn ein bayerisches Team hatte abgesagt und wir müssten nur noch die Hälfte für Unterkunft, Verpflegung und Honorar zahlen: 125 Euro pro Person für ein Wochenende (statt 250). (Einschließlich Fahrtkosten dann 250 Euro statt ursprünglich 375 Euro.) Die Rede war von einem bundesoffenen Trainingslager in Nord-Nord-Rhein-West-Fa-Len.

Nun wollten doch insgesamt 16 Leute aus Hamburg dorthin fahren und irgendwie ist es immer wieder faszinierend, welches Organisationstalent unsere Trainerinnen und Trainer an den Tag legen. Innerhalb von zwei Tagen waren Hin- und Rückfahrt organisiert, das Geld eingesammelt, die Trainingspläne standen fest und vor allem der Shuttle zwischen Unterkunft und Trainingsstrecke (3 km entfernt) war organisiert. Eine Zettelwirtschaft und Materialschlacht ohne Ende, immerhin mussten 16 Behinderte, 16 Alltagsstühle, 16 Rennrollis oder 16 Rennbikes hin- und hergegurkt werden. Neunzig oder 180 Minuten dauerte eine Einheit und nicht alle machten zur selben Zeit dasselbe Programm. Man musste also genau aufpassen, wessen Bike und wessen Rennrolli verladen werden musste, wer in der Schwimmhalle war oder wer beim Gerätetraining. "Finde ich hier heute irgendein Rad, irgendein Kissen, irgendein Ersatzteil, irgendeine Sporttasche oder sogar einen ganzen Stuhl, an dem kein Aufkleber mit Namen, rechts, links, oben, unten, Ersatz oder sonstwas steht, wird der Gegenstand amtlich eingezogen und am Sonntag meistbietend versteigert." Klare Ansage mit großer Wirkung: Noch vor dem ersten Verladen in Hamburg ging das große Beschriften los. Schön, wenn man (wie ich) zu Hause ein P-Touch-Gerät hat und sowieso schon überall mein Name draufsteht...

Ich könnte jetzt über dreißig Absätze schreiben, wie toll es war, aber ich glaube, das würde nach dem zweiten Absatz langweilig werden. Also: Es war sehr toll.

Die Unterkunft war klasse (einfach, aber sauber, gepflegt und relativ neu), das Essen war für Kantinenverhältnisse sehr gut, die anderen Trainer waren auch in Ordnung, die Leute waren nett, die Trainingsstrecke war okay, die Schwimmhalle und der Kraftraum auch. Lediglich einen weiteren Massagetermin hätte ich gerne gehabt. Aber wenn das alles ist, was ich an Kritik vorbringen kann, darf sich der Veranstalter doch lobend auf die Schulter klopfen!

Genug zu Lachen gab es auch diesmal wieder. Sven war auch wieder dabei, allerdings nur bis Samstag morgen. Nachdem wir ja beim letzten Mal umfangreich das Thema "Selbstbefriedigung" eruieren mussten, begann diesmal seine breit angelegte Konversation mit den Mädels mit einer Massen-SMS: "Schon den ganzen Tag Erektion. Was kann ich tun?" - Jetzt mal ganz im Ernst: Der Typ hat Mittlere Reife. Auch wenn es in seiner Hose vielleicht hochexplosiv zugeht, die Gefahr, dass so eine SMS etwas ganz anderes zündet, muss ihm doch klar sein!!! Ich begreife so etwas nicht. Ich habe über die SMS nur die Augen verdreht, Cathleen hat, als sie das im Zimmer las, gefragt, was er jetzt von uns erwartet, und eine andere Teilnehmerin ist zu den Trainern gegangen und hat dort eine Szene gemacht. Ende vom Lied: Sven wurde am Samstag morgen mit hochrotem Kopf von seiner kleinlauten Muddi abgeholt.

Eine andere frühzeitige Heimreise konnten wir gerade noch verhindern, allerdings stand hier etwas ganz anderes im Raum. Normalerweise werden aus gutem Grund keine Teilnehmer mitgenommen, die jünger als 14 sind. Ein Mädel, Emily, angeborene Querschnittlähmung, 12 Jahre alt, ist aus Schleswig-Holstein nach Hamburg gezogen und hatte in Schleswig-Holstein bereits immer im Rennrolli trainiert und ist seit vier Monaten regelmäßig beim Nachwuchstraining. Ihre beste Freundin ist Lisa, jene inzwischen 15-jährige mit frühkindlicher Hirnschädigung, die seit zwei Jahren bei uns trainiert und über die ich auch schon mehrmals geschrieben hatte. Die beiden hatten ein Zimmer zusammen und Emily bekam am Freitagabend so derbe Heimweh, dass sie nur noch mit Handy am Ohr heulend im Rolli saß und ihrer Muddi erzählte, wie dolle sie sie vermisse. Es war kurz davor, dass die Mutter sie abholen wollte, als es uns endlich gelang, sie mit einer Miniparty abzulenken. Ein paar jüngere Leute in unser Zimmer (wir waren direkt daneben), die beiden auch verpflichtet, Gummibärchen, Erdnussflips, ein Unospiel und zum Schluss auch noch Ligretto, dann gemeinsam Zähneputzen und den beiden eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Cathleen und ich haben uns zu den beiden ins Bett gesetzt, Cathleen hat vorgelesen, ich hatte Emilys Kopf auf dem Schoß und durfte ihr den Kopf kraulen... Am Ende haben wir die beiden ordentlich zugedeckt und dann war es okay. Am nächsten Tag war Emily das schon wieder voll peinlich, aber als ich sie später gefragt habe, ob wir abends nochmal was vorlesen sollen, wollte sie unbedingt.

Ich sehe schon den ersten Kommentar auf mich zukommen, ich würde das Mädel bloßstellen, indem ich von diesem Abend schreiben würde. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass diese Miniparty zustande gekommen ist, nachdem alle Leute mitbekommen hatten, dass es Emily so dreckig ging und dass sie Heimweh hatte. Es heißt immer, Behinderte wollen kein Mitleid. Für ihre Behinderung sicherlich nicht, das ist richtig. Aber wieviel Mitgefühl und Einfühlungsvermögen ich an diesem Wochenende erlebt habe, besonders bei den jüngeren Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wie lieb die zu Emily waren, sie getröstet haben, als sie so gelitten hat, ist schon beachtlich. Ich weiß nicht, ob Heimweh eine Schwäche ist. Ich finde aber, es gilt genau das, was auch sonst in Bezug auf die Behinderung gilt: Verberge sie nicht. Das funktioniert nämlich nicht. Und wenn sie dich herausfordert, dann führe sie offensiv vor.

Lisa hingegen versucht noch immer, das richtige Maß zu finden. Sie stammt aus einer stinkreichen Familie, die Eltern leben in einer Villa mit Elbblick und eigenem Personal. Zu Hause werden von Lisa nur die besten Manieren erwartet, jedoch sind sowohl Mutter als auch Vater sehr umgänglich und sehr offen. Ich mag beide sehr gerne. Lisa ist in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt, allerdings ist ihr ganzer Körper durch die Hirnschädigung spastisch gelähmt, das bedeutet, besonders bei schnellen und gegensätzlichen Bewegungen verkrampfen sich ihre Muskeln. Handbiken und vor allem Rennrollifahren ist nunmal schnell und es braucht regelmäßige, zum Teil gegensätzliche Bewegungen, so dass sie eine ungeheure Disziplin aufbringen muss, um eine Leistung zu erreichen. Und: Es dauert immer ein wenig, bis ein Funken überspringt. Deshalb ist sie keineswegs dumm, nur sie wirkt dadurch oft sehr naiv. Oft merkt sie erst nach einigen Sekunden, dass sie einen Witz gemacht hat und nach weiteren Sekunden, warum das so witzig ist. Dadurch entsteht mit ihr oft eine herrliche Situationskomik. Und das schönste ist: Sobald der Witz auch bei ihr angekommen ist, kann sie so derart herzlich über sich selbst lachen, dass immer etwas fehlt, wenn sie mal nicht dabei ist.

So saßen "die älteren" am Samstagabend zusammen und wollten "Privacy" spielen. Lisa kam um die Ecke gerollt und wollte unbedingt mitspielen. Irgendeiner machte den Spruch, dass Lisa noch nicht mitspielen dürfe, da die meisten Fragen unter der Gürtellinie seien und sie erst 15 sei. Lisas spontane Antwort: "Mir macht das nichts! Ihr könnt mich nicht mehr versauen, ich bin schon versaut!" - Die Leute lagen vor Lachen fast unter dem Tisch, als sie merkte, was sie da redete und anfügte: "Ein bißchen versaut, wollte ich sagen. Ein bißchen! Nicht so doll, wie ihr gleich wieder denkt."

Am Samstag, nach dem Mittagessen, stand bei den meisten von uns eine Einheit im Rennrollstuhl auf dem Plan. Alle sitzen frierend in ihren Stühlen und warten darauf, dass der letzte startbereit ist, als Lisa betont laut rülpst, und zwar gleich zwei Mal nacheinander. Eine Mutter aus Hessen, die sich als Shuttle-Dienst bereitgestellt hat und daneben stand, guckte sie entgeistert an und meinte: "Sag mal! Benimmt man sich so als Mädchen?" - Daraufhin sagte Lisa: "Wir sind hier beim Sport und nicht auf einer Schönheitsfarm!" - Womit sie Recht hat, das ist der Standardspruch, den unsere Trainer predigen, wenn Anfänger sich über Schweiß/Schmutz im Gesicht, Rotze am Ärmel, angepinkelte Hosen, bekleckerte Oberteile, Sand in den Haaren oder ähnliches aufregen. Was sie nur nicht sah: Die Shuttle-Muddi konnte vor lauter Botox kaum noch das Gesicht bewegen und hatte die ganze Zeit nur Angst um ihre Fingernägel und ihre Designerhose. Über den Kommentar war sie sichtlich geknickt. Lässt sich nicht mehr ändern. Was das Aussehen betrifft, die Mutter ist halt für sich selbst verantwortlich und wenn sie so glücklich ist, soll sie so rumlaufen, ist mir egal. Der Brüller aber war, als Lisa uns später fragte, ob sie sich nochmal entschuldigen müsste. "Ich hab erst später gemerkt, dass die Beautyfarms wohl sehr toll findet."

Spruch Nummer drei hat sich Lisa erstmal verkniffen. Der ging nämlich ebenfalls gegen die Mutter. Sie brauchte etwas Aufmerksamkeit und immer, wenn sie mit ihrem Auto auf den Parkplatz vor der Unterkunft fuhr, machte sie alle Fenster auf und drehte das Autoradio laut mit immer demselben Song: "Erbarme - zu spät - die Hessen kommen!" Und war sichtlich mitgenommen, wenn das bei fünften Mal niemand mehr lustig fand. "Was seid ihr hier für eine ernste Gesellschaft? Es ist Karneval in Deutschland!" Lisa sagte, als sie wieder weg war: "Irgendwas begreif ich da nicht. Sie kommt doch aus Hessen, wieso macht sie dann dieses doofe Lied an?"

Am Samstagabend war als Ausgleichstraining Schwimmen dran. Alle Hamburger Mädels in einer Bahn. Zwei Einheiten hintereinander, also 180 Minuten. Jeder hatte seine Plastik-Trinkflasche am Rand, jeder hatte ein individuelles Programm, nach zwei Stunden war ich eigentlich reif fürs Körbchen, aber man beißt sich ja durch. Als ich endlich aus dem Wasser war, wollte ich nur noch eine heiße Dusche, mein Abendessen (halbes Schwein auf Toast) und mein Bett. Okay, es gab dann doch noch einen Spieleabend, aber für den ersten Moment hatte ich erstmal genug. Zu allem Überfluss mussten wir im Umkleideraum noch darauf warten, dass die Duschen frei wurden, denn ein Duschraum war jeweils mittig zwischen zwei Umkleideräumen angelegt und in dem Moment duschte ein anderes Team. Also saßen wir frierend im Handtuch eingewickelt mit acht Leuten und warteten darauf, endlich duschen zu können. Etliche hatten ihr Smartphone in der Hand und informierten sich, was sie in den letzten drei Stunden versäumt hatten. So auch Lisa, die sich auf eine Holzbank gekauert hatte und in Facebook vertief war. Während ich mich mit Cathleen unterhielt, fing es plötzlich irgendwo zu plätschern an. Was bei acht Leuten mit Blasenlähmung passieren kann, vor allem, wenn zwischen Schwimmen und Duschen noch keiner der Leute, die es tun müssten, eine Windel trägt. Ohne eine Miene zu verziehen und ohne den Blick vom Handy zu lösen, murmelte Simone neben uns: "Irgendjemand ist hier undicht. Ich bin es nicht." Als niemand reagierte, schaute sie dann doch in die Runde. Cathleen und ich guckten auch und sahen Lisa, die im selben Moment erschrocken versuchte, ihr Handtuch, in das sie eingewickelt war, vom Körper zu bekommen. Eigentlich hat Lisa uneingeschränkt Kontrolle über ihre Blase. "Ich bin so doof!", rief sie. "Ich träum hier vor mich hin und hab ganz vergessen, dass ich ja nicht mehr im Wasser bin." - Die Leute lachten so laut, dass Tatjana vom Flur reinkam und fragte, ob bei uns alles in Ordnung ist. Als sie wieder draußen war, sagte Lisa: "Ich weiß gar nicht, warum ihr alle lacht, das war nur aus Versehen." - Erneutes Gegacker. Einige Sekunden später: "Ach du Scheiße, jetzt hab ich es auch verstanden. Ich bin so peinlich! Meint ihr, Tatjana hat was gemerkt?" - "Tatjana merkt alles." - "Ich frag sie nachher!" - Erneutes Gelächter.

Am Abend sitzen wir mit Tatjana in einer Runde an einem Kaminfeuer. Lisa darf ein Bier. Sagt Papa. Wenn der Abend lang ist, auch ein zweites. Lisa verhandelt nun, ob ein Bier dasselbe ist wie zwei Flaschen Green Lemon. Tatjana antwortet: "Dein Papa meinte ein Bier 0,3. Lemon hat 0,5. Also darfst du ein Lemon 0,5. Wenn der Abend lang ist, auch zwei." Lisa zieht ab, holt ihr Handy, Taschenrechner auf und rechnet aus: 330 ml x 2 = 660 ml. Mal 4,9% Alkohol = 3234 ml%. "Wenn ich nun 3234 ml% durch 2,5% von den Green Lemon teile, sind das 1294 ml. Also darf ich zwei Flaschen und etwas mehr als eine halbe von dem Green Lemon. Jule, teilst du dir mit mir meine dritte Flasche?" - "Wenn du drei Flaschen von dem Zeug säufst, pinkelst du heute nacht ins Bett." - "Gar nicht! So'n Quatsch. Ich geh vor dem Schlafen aufs Klo und nachts werd ich wach, wenn die Blase voll ist! Ich bin ja kein Querschnitt wie du!" - Na vielen Dank. Aber Rache ist süß: "Wolltest du Tatjana nicht noch was fragen?" - "Nee, was?" - "Umkleideraum." - "Achja: Sag mal, Tatjana, kannst du das eigentlich sehen, wenn jemand ins Schwimmbecken pinkelt?" - Tatjana antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken: "Aber sicher! Das kann man vom Beckenrand total gut sehen, vor allem, wenn die Unterwasserbeleuchtung brennt." - Lisa, mit ernster Miene: "Scheiße."

Nachdem sich die Leute die Lachtränen aus den Augen gewischt haben, fragte Lisa: "Kann man das nun wirklich sehen?" - Tatjana schüttelte den Kopf. "Die Wasseroberfläche ist so unruhig und so gebrochen, da sieht man nichts. Vor allem nicht auf die Entfernung." - "Siehst du", krähte Lisa in meine Richtung, "man sieht doch nichts. Du hast mich wieder voll verarscht. Ich bin hier wieder das Opfer." - Ich konnte nicht anders, als sie an mich heranzuziehen und sie fest zu knuddeln. Ich sag es immer wieder: Soooo süß.

Donnerstag, 10. November 2011

Ganz viel Schokolade

Man kommentiert, ich sei ein Magnet für schräge Leute. Ob das stimmt?

Ich erlebe viele Dinge. Ob mehr oder weniger als andere Menschen - vielleicht stimmt beides. Ich glaube, ich nehme bestimmte Dinge einfach intensiver wahr. Eine andere Rollstuhlfahrerin äußerte kürzlich, dass es ihr genauso ginge wie mir und sie vermutet, dass das daran liegt, dass ich Menschen sehr viel genauer beobachte, insbesondere, wenn ich mit ihnen in Kontakt kommen muss. Weil ich sie um Hilfe bitten möchte, weil sie mich ansprechen, weil sie mich beobachten, weil sie von mir eine Antwort wollen, weil sie mich vollsülzen...

Ich muss mal wieder etwas anderes schreiben als von meiner Mutter. Ein schräges Erlebnis kommt da gerade recht. Wer aber immer weitere Spannungssteigerungen erwartet, den muss ich enttäuschen. Es wird eher unterhaltsam.

Kurzum: Es gibt in dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, einen Angestellten, dessen Namen ich nicht verrate, weil ich ihm nicht schaden möchte. Er selbst schadet sich allerdings schon genug, indem er ständig irgendwelche Kommentare bei Facebook online stellt, die einen Bezug auf seine Arbeit haben. "Ist das wieder langweilig", "in 3 Stunden endlich Feierabend", "die Kunden sind heute alle blöd" sind noch die harmlosen Sprüche. Neuerdings hat er einen Faible für Erotik und stellt regelmäßig einschlägige Kommentare auf seine Seite, dazu Bilder von Frauen im Latex-Einteiler, Blondinen mit übergroßen Hupen und ähnliches. Kann man ignorieren, man muss den Typen auch nicht als Freund hinzugefügt haben, dann bekommt man das alles nicht mit.

Ich hätte das alles auch nicht mitbekommen, hätte nicht am Dienstagabend jemand ein verdrahtetes Spielzeug auf einem Bahnhofsmülleimer abgelegt. Ich war gerade von der Schäferkampsallee zum Bahnhof Sternschanze gerollt, als die im Lautsprecher wohnende Frauenstimme von einem Gong geweckt wurde und aufsagte: "Verehrte Fahrgäste, wegen eines Feuerwehreinsatzes im Bahnhof Dammtor ist der Zugverkehr zwischen Hauptbahnhof und Holstenstraße unterbrochen. Ein Ersatzverkehr mit Bussen wird in Kürze eingerichtet. Wir bitten um Entschuldigung. Knack. Puff."

Weil der Aufzug nicht funktionierte, war ich mit der Rolltreppe nach oben gefahren. Problem: Es gab nur eine Rolltreppe aufwärts, keine abwärts. Und oben kam man nicht weg, weil kein Zug mehr fuhr. Während ich so überlegte, was ich tun könnte, kam Jana mit der Rolltreppe nach oben. Orientierte sich kurz, sah mich, blieb stehen und schien so gar nicht begeistert zu sein. Hallo? Enge Freundschaft? Keine Umarmung?

"Komm mir nicht zu nahe", blubberte sie vor sich hin. Ich guckte sie fragend an. Sie schaute betont durch mich durch. Ich fragte: "Wieso?" - "Machs einfach." - "Na du hast ja ne Laune." - "Ja und mit solchen Kommentaren erst recht." - "Hab ich dir was getan?" - "Lass mich in Ruhe." - "Wenn du meinst..." - "Ja, meine ich."

Sie schaute auf die Anzeigetafel: Bitte Ansage beachten! Sie guckte mich an, fragte: "Was ist denn das jetzt noch fürn Scheiß?" - "Feuerwehreinsatz am Dammtor, Ersatzverkehr kommt irgendwann und der Aufzug ist kaputt. Mäuschen in der Falle. Sag mal, wieso bist du eigentlich barfuß?" - "Ach halt die Klappe!", fuhr sie mich an und fing an zu heulen. Als ich sie in den Arm nehmen wollte, rollte sie vor mir weg.

Jetzt reichte es. An der nächsten Gelegenheit überholte ich sie, stellte mich vor sie und bremste sie aus. "Hat dir einer was getan? Hat dich einer angefasst? Ich bin deine Freundin, ich mach mir Sorgen! Jetzt rede endlich, verdammt!" - "Es ist nichts los. Heute ist ein Scheißtag, alles läuft schief, ich hab mich heute morgen in der Uni vor allen Leuten blamiert, weil ich mit meiner Tasche an dem Geländer hängen geblieben bin und es mich nach hinten aus dem Stuhl gezogen hat und ich lag auf der Rampe wie ein Maikäfer auf dem Rücken, die Knie im Gesicht und der Stuhl rollte die Rampe runter und quer über den Parkplatz und alle fanden es irre komisch. Außer mir."

"Och Scheiße. Aber sowas kann doch passieren." - "Und dann wollte mir ausgerechnet der Typ helfen, den ich so toll finde und der nichts von mir will und der hat mich dann auch noch umarmt, um mich wieder in den Rollstuhl zu heben und dann haben alle die drum herum standen auch noch 'Küsst euch, küsst euch' gerufen. Und eine Freundin von mir, von der ich dachte, sie sei aus dem Kindergartenalter raus, hat auch noch mitgemacht." - "Hättest du ihn nicht einfach küssen können?" - "Jetzt fang du auch noch an! Und dann war das, was ich zu Hause ausgedruckt hatte, zur Hälfte nass und zur anderen Hälfte weggeflogen. Ich hab mich umgezogen und bin in Sporthose in die Vorlesung, denn meine Jeans war matschig. Und dann wollte ich heute mittag meine Tabletten nehmen und dann waren die auch weg, das war sowieso die letzte, weil die Apotheke, die das heute morgen da haben wollte, es erst heute abend bekommt, und nun komme ich nicht mehr dazu, sie abzuholen, weil ich nicht nach Hause komme wegen diesem Scheißdreck hier."

"Blase oder Schilddrüse?", fragte ich sie, weil ich wusste, dass sie für beides etwas nahm. "Blase", antwortet sie. Ich nickte. "Blase!", wiederholte sie. - "Ja, hab ich verstanden." So langsam dämmerte mir, warum sie das wiederholte. Sie bekam ein Präparat, das niemand anderes in der WG bekam, insofern brauchte sie das unbedingt. Smartphone sei dank, gelang es uns, die Telefonnummer der Apotheke herauszubekommen. Aber zur Bitte, das Medikament noch auszuliefern, kam es nicht, denn das Präparat war bei einem Großhandel nicht verfügbar und käme erst morgen früh vom anderen Großhandel. Das gab Jana den Rest. Sie wurde richtig aufgebracht und motzte in der Gegend rum. "Diese beschissene Behinderung, mich kotzt das alles an, nirgendwo kommt man rein, nirgendwo kommt man raus, dann packst du dich auf die Fresse in den Dreck, dann klemmst du im S-Bahnhof fest, dann kriegst du die Tabletten nicht, man ey, ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte."

"Und was ist mit deinen Schuhen?" - "Die hab ich auf dem Klo beim Übersetzen vollgepisst. Das war kurz nachdem ich gemerkt hab, dass meine Tablette für mittags weg ist und irgendwo mit im Dreck liegt. Hör bloß auf, ich würde hier am liebsten alles einzeln die Treppe runterfeuern, den Rollstuhl gleich hinterher." Ich wollte sie in den Arm nehmen, sie stieß mich weg. Ein Mann beobachtete das. Er fragte: "Habt ihr Stress?" - Ich antwortete: "Wir lieben uns!", drückte meine Hände gegen Janas Wangen, presste sie zusammen, zog so ihren Kopf zu mir und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Sie antwortete: "Bäh, dass du mich überhaupt anfassen magst."

"Ich liebe Nelken", sagte ich. Sie antwortete: "Pissnelken oder was. Manchmal könnte ich dir eine knallen." - "Mach doch", sagte ich, hielt ihr meine Wange hin, bekam eine symbolische Ohrfeige und hatte sie zumindest zum Schmunzeln gebracht. Zwei Minuten später schmiedete sie schon wieder Pläne, wie wir nun nach Hause kommen. Ich sage nur: Stufenweise die lange Treppe rückwärts mit dem Rollstuhl runter, dabei am Geländer festhalten *schepper*, anschließend durch die Schanze zur U-Bahn ... die fuhr immerhin.

Und in der Bahn trafen wir dann eben ausgerechnet den Typen, der so gerne Latexfrauen mit großen Hupen bei Facebook reinstellt. Und er gesellte sich ausgerechnet zu uns und quatschte uns voll, ob wir nicht Lust hätten, im nächsten Jahr mit ihm zu einer großen Erotikmesse zu gehen, die leider gerade vorbei sei. Am besten hätten ihm dort zwei Frauen gefallen, die in Latexkleidung in einem Käfig eingesperrt worden waren. Ich sagte: "Du, das ist nicht so unser Interessengebiet."

Er hörte aber nicht auf, sondern fuhr fort: "Das war irre da. Man konnte zwei Frauen sogar auf der Bühne beim Pinkeln zuschauen!" - Das hatte gerade noch gefehlt. "Und warum erzählst du uns das?", wollte Jana wissen. Seine Antwort: "Na, ich wollte euch schonmal auf den Geschmack bringen für nächstes Jahr." - "Ich kotz gleich", sagte Jana. Deutlicher konnte die Antwort nicht ausfallen. Der Typ war beleidigt, ich überlegte noch, ob ich das noch relativieren sollte, aber ich dachte mir, es ist vielleicht so am besten. Nein, ich möchte nicht auf solch eine Messe.

Jana bekam von mir eine Badewanne eingelassen und anschließend von Cathleen und mir in ihrem Bett eine Wohlfühlmassage. Nein, keinen Schweinkram, sondern nur den Schulter-Nacken-Bereich und den Rücken und die Arme und Hände. Danach war sie wieder ganz zahm. Damit in dieser einen Nacht ohne Tabletten das Bett trocken blieb, hatte sie von mir eine Pampers bekommen. Sie meinte, das sei das erste Mal in ihrem Leben seit sie 3 ist, dass sie so etwas trage. "Das ist übrigens die Facebook-Seite von unserem Freund aus der U-Bahn", meinte sie und holte ihr Smartphone raus. Und fragte dabei, wieso so auffallend viele Männer (im Gegensatz zu Frauen) ein aktives Interesse am Pinkeln haben. "Frauen tun das einfach und Männer finden das spannend."

Cathleen hatte die Idee, dass es daran liegen könnte, dass Männer ihr Ding dafür jedes Mal in die Hand nehmen müssten, damit im Schnee schreiben könnten und ähnliches, während Frauen das, was da passiert, nicht mal sehen und nur hinterher einmal abwischen müssen. Spannende Theorie, oder?

Das Spielzeug am Bahnhof Dammtor war nicht explosiv. Ausgerechnet einen Tag später legte der nächste (oder der selbe?) Spinner einen Karton in der S-Bahn ab, auf dem geschrieben stand: "Vorsicht explosiv. Nicht anfassen, sondern Polizei rufen." Der "Bombenleger" konnte noch vor Ort von der Polizei verhaftet werden. Im Karton war kein Sprengstoff, sondern ganz viel Schokolade...

Dienstag, 8. November 2011

Endlich Hilfe für meine Mutter

Inzwischen hat sich ja beim Training herumgesprochen, dass die Verrückte zu mir gehört und es forderten bereits die ersten Eltern beim Verein, man möge mich vom Training fernhalten, damit die Mutter fernbleibt und nicht demnächst auch ihre Kinder gefährdet. So weit ist es also schon. Vielen Dank für das Einfühlungsvermögen. Bisher zielten die Aktionen (aus gutem Grund) nur in meine Richtung. Allerdings weiß man nie, was in so einem kranken Kopf vorgeht, daher kann ich es auch ein bißchen verstehen.

Kümmern musste ich mich außerdem um eine Anzeige wegen Verleumdung gegen Unbekannt, um Strafanträge wegen den zwei Verstößen gegen die einstweilige Anordnung (SMS und Auftauchen in der Schwimmhalle) gegen meine Mutter sowie zwei Anträge auf Festsetzung von Ordnungsmaßnahmen bei dem Gericht, das die Anordnung erlassen hatte. Dann habe ich inzwischen aufgegeben, der Klinik hinterher zu telefonieren, die meine Mutter mal stationär behandelt hat und habe den Sozialpsychiatrischen Dienst (über Umwege) "erreicht". Da ich vorher dort nicht unbedingt ernst genommen wurde, habe ich darüber hier nicht berichtet, schließlich weiß ich nicht, ob meine Mutter nicht doch mitliest und das noch als Bestätigung auffasst.

Aber der Reihe nach. Ich hatte nach der zweiten Aktion von ihr erstmals Kontakt zu der Klinik aufgenommen, in der sie bis vor kurzem noch behandelt wurde. Ich hatte darum gebeten, von ihrer Therapeutin zurückgerufen zu werden und als das nicht klappte, hatte ich sie beim fünften Versuch endlich in der Leitung. Sie meinte aber, dass sie mir nicht helfen könne. Sie könne mir nur sagen, dass eine Frau diesen Namens derzeit nicht in ihrer Behandlung sei. Ich fragte dann, ob sie nicht Kontakt zu demjenigen aufnehmen könnte, der sie ambulant weiter betreue, daraufhin meinte sie, dass sie mir nicht weiterhelfen könne, denn jedes "Ja" oder "Nein" würde für den Fall, dass meine Mutter in Behandlung wäre, gegen geltendes Datenschutzrecht verstoßen. Ich hoffte damals, dass ich lediglich so eine doofe Antwort bekommen hatte, sie aber anschließend den Kollegen angerufen hat. Anscheinend war das aber nicht der Fall.

Beim Sozialpsychiatrischen Dienst wurde ich nur gefragt, ob eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt. Ich habe dem Typen erzählt, dass es bereits eine richterliche Anordnung zu einer Abstandshaltung gibt und sie mich regelmäßig auch körperlich angeht. Ich habe ihm von der Diagnose erzählt und ihm kurz geschildert, was hier so los war und dass ich den Eindruck habe, dass sie dringend Hilfe braucht. Daraufhin meinte er aber nur, dass soweit er das beurteilen könne, keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung gegeben sei. Der Fremdgefährdung könne man vorübergehend aus dem Weg gehen, daher sei sie nicht akut. In solchen Fällen werde der Sozialpsychiatrische Dienst nicht sofort, sondern mit Termin tätig; ob ich meine Mutter einpacken und dorthin bringen könnte. Es wäre beim ersten Termin immer sehr gut, wenn Angehörige sie begleiten. Ich habe dann gefragt, ob das sein Ernst ist: Es gibt ein Näherungsverbot, um mich zu schützen, und ich gehe dorthin und lade sie in mein Auto? Daraufhin antwortete er: "Na dann verstehe ich aber nicht, was Sie von mir wollen. Ich hatte Sie so verstanden, als wenn Sie Ihrer Mutter helfen wollten."

"Das ist richtig, nur wollte ich mich dabei nicht selbst gefährden", fiel mir als druckvolle Antwort ein. Er antwortete: "Nein, das ist schon richtig, aber meinen Sie denn, dass sie selbständig hierher kommt, wenn wir jetzt einen Termin machen?" - Auweia. "Nein, das glaube ich nicht. Aber vielleicht könnten Sie sie ja mal zu Hause aufsuchen?" - "Nee, das machen die Kollegen, da müssten Sie morgen zwischen 11 und 13 Uhr nochmal anrufen, ich gebe Ihnen mal die Durchwahl..." - Die Kollegen hatten am nächsten Morgen dann einen Termin am 28.11., vorher nicht, es sei denn, es wäre eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung zu befürchten. Ansonsten hätte man "gut zu tun". Argh!!!

Die Wende nahm die ganze Arie aber gestern, als das Gericht, das die einstweilige Verfügung erlassen hatte, von Frank ein Fax bekam, in dem der ganze Zirkus, auch mit der Mail und der inzwischen erstatteten Anzeige gegen Unbekannt wegen Verleumdung, beschrieben war. Gegen mittag rief mich Tatjana an, bei ihr seien gerade zwei Polizeibeamte in zivil gewesen, die wollten einen Ausdruck der Mail haben, die ihr von meiner Mutter aus der Mappe gestohlen worden war. Außerdem wollten sie von ihr hören, was da in der Schwimmhalle los gewesen ist.

Bei der Gelegenheit möchte ich auch kurz auf die Fragen eingehen, wieviel Zufall im Spiel sein muss, damit die letzte Aktion meiner Mutter funktioniert. Ich glaube nicht, dass sie erst die Aktion geplant hat und dann in Tatjanas Tasche nach brauchbaren Dingen gesucht hat, sondern dass sie nach irgendwelchen Daten gesucht hat (vielleicht nach meiner Adresse), diese aber auf die Schnelle nicht gefunden und einfach irgendwas mitgenommen hat. Auf dem Zettel war eine ausgedruckte Mail zur Weihnachtsfeier und darüber stand der Verteiler. Das waren die Mailadressen sämtlicher Leute und bei einigen jüngeren Jungs und Mädels auch die der Eltern. Meine Mutter hatte sinngemäß folgenden Text gefunden:

... Hildegard Jessen [hildegard-jessen@gmx.de]; Anton Jessen [schokokeks97@yahoo.de]; ...

Natürlich sind die Namen und Mailadressen nur Beispiele, die Familie heißt nicht wirklich Jessen und der Sohn nicht Anton. Sie hat dann überlegt, was man mit den Daten anfangen kann und hatte sich dann unter hildegard-jessen@gmx.net einen eigenen Account eingerichtet. Und ja, sie kann sowas. Bei meinem Vater hätte ich Zweifel, aber meine Mutter ist in der Lage, eine Mailadresse bei GMX anzumelden und sich dort durchzuklicken. Außerdem hatte sie möglicherweise die Anwesenheitsliste gesehen, den Namen (Anton) gehört, ihn auf einem Foto im Internet wiedererkannt oder einfach nur gemutmaßt, dass er unter den Anwesenden ist, wenn die Bahn so voll ist.

Wie ich inzwischen erfahren habe, hat meine Mutter freiwillig zugestimmt, sich wieder stationär in eine psychiatrische Klinik aufnehmen zu lassen. Das erzählten mir und vor allem Frank vor einigen Stunden jene Polizeibeamte in zivil, die auch gestern bei Tatjana waren (eine Frau und ein Mann).

Nochmal der Reihe nach: Die Polizei hat versucht, den Absender der Mail zu identifizieren. Dabei hat man festgestellt (und so schlau ist meine Mutter dann doch nicht), dass die Mail-ID ihren Vornamen beinhaltet. In einigen Mailprogrammen fließt in die automatisch mitversendete Mail-ID der Anmeldename bei Windows mit ein, und das war ihr Vorname. Versendet wurde das Ding allerdings über das mobile Netz und der Anschlussinhaber war ein Mann, der rund 40 Kilometer von Hamburg entfernt wohnt. Das hat doch sehr verwirrt. Man hat dann vermutet, dass das eventuell ein neuer Freund von meiner Mutter sein könnte. Man hatte überlegt, ob man diesen Herrn besucht und hatte mit der Polizeidienststelle vor Ort telefoniert. Bei der Überprüfung der Personalien kam heraus, dass der vor einigen Wochen in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden sein soll. Was die Theorie des neuen Freundes ja bestätigen könnte - man hat sich dort kennen gelernt. Man hatte dann aber in Erfahrung gebracht, dass der Typ noch in der Klinik ist. Da man hier nicht weiter gekommen ist, hat man sich wieder auf meine Mutter konzentriert und versucht, einen Durchsuchungsbeschluss zu bekommen, um den PC sicherstellen zu können und dort vielleicht Beweise zu finden.

Der Durchsuchungsbeschluss wurde aber abgelehnt, die Beweise reichten nicht aus. Der Richter hätte in der Ablehnung begründet: Wenn sicher gestellt sei, dass meine Mutter tatsächlich einen PC besitzt, auf dem sie sich mit ihrem Vornamen als Anmeldenamen anmeldet, hätte er unterschrieben. So nicht, es blieben zu viele Zweifel.

Nun kam aber noch eine andere Sache ins Spiel: Niemand wusste, was meine Mutter wirklich plante. Niemand wusste, ob sie glaubte, dass sie mit dieser Aktion irgendwas erreicht hatte oder ob sie wusste (eigentlich wissen müsste), dass der Schwindel bereits aufgeflogen war. Würde sie dann aufgeben, mich zu verfolgen? Oder was hatte sie als nächstes vor? Könnte ja auch sein, dass sie irgendwann erkennt, dass sie sich damit in eine Sackgasse manövriert hat und auf noch wesentlich dümmere Ideen kommt.

Gestern abend wartete die Polizei in zivil in der Schwimmhalle. Und wieder tauchte meine Mutter dort auf. Sie wurde vor Ort festgenommen. Zu aller Überraschung ohne irgendein Theater. Wir waren noch nicht im Becken, da war der ganze Spuk schon vorbei. Ich habe dann vom Fenster aus noch sehen können, wie sie ihr am Auto in die Taschen geguckt haben und sie sich ohne jede Gegenwehr von dem Mann Handschellen anlegen ließ. Ich vermute, dass den beiden die Vorgeschichte auch nicht geheuer war und sie einfach auf Nummer Sicher gehen wollten, wenn sie mit ihr in einem Auto fahren. Sie musste sich hinten hinsetzen, wurde angeschnallt, die Frau setzte sich neben sie auf die Rückbank und der Mann fuhr. Ich hatte schon einen dicken Kloß im Hals. Aber weiß jemand eine andere Lösung?!

Wie sie mir heute erzählten, sei die Wohnung zwar nicht verwahrlost gewesen, aber sie sammle Plastikflaschen. In der Wohnung waren mindestens 500 leere Mineralwasserflaschen. Ich finde das voll heftig und echt erschreckend. Man habe den Sozialpsychiatrischen Dienst angerufen und der kam dann doch sofort und hat mit ihrem Einverständnis einen Einweisungs- und einen Transportschein fertig gemacht. Anschließend wurde sie mit einem Krankenwagen in eine psychiatrische Klinik gebracht, jedoch wohl nicht in die, die sie vorher bereits behandelt hatte. Den Laptop hätte sie der Polizei freiwillig ausgehändigt und auch zugegeben, dass sie die Mail geschrieben hat und die Sache mit dem Typen in 40 Kilometer Entfernung klärte sich auch: Sie hatte einfach einem Mitpatienten den Stick nicht zurück gegeben, nachdem er ihn im Krankenhaus mehrmals ausgeliehen hatte. Jeder halbwegs fitte Mensch würde ihn ja sperren lassen, aber der Mann hatte anscheinend krankheitsbedingt andere Sorgen.

Ich bin auf jeden Fall sehr erleichtert, dass dieser Krimi erstmal vorbei ist und ich mich wieder auf mein Leben konzentrieren kann. Bei allem Mitgefühl: Das ist mir einfach zu heftig! Sorry, die Kraft habe ich nicht, ihr da anders (persönlich) zu helfen. Ich kann versuchen, Hilfe für sie anzustoßen. Soweit es geht und soweit ich mich parallel schützen kann. Aber mehr ist wirklich nicht drin. Ob man meiner Mutter in dieser Klinik nun besser helfen kann, weiß ich nicht. Ich hoffe es und ich wünsche es ihr. Zumindest passiert jetzt erstmal was.

Samstag, 5. November 2011

Hosengrabscherei

Seit einer Woche bin ich endlich fertig mit meinem dreimonatigen Pflegepraktikum, das ich für mein Studium brauche. Der eine Monat in der Pflegeeinrichtung wird angerechnet, so dass ich nur zwei Monate im Krankenhaus arbeiten musste. Ich bin reif für die Insel, aber ich habe es geschafft. Es war spannend, ich habe sehr viel dazugelernt, sehr viele Leute kennen gelernt und vor allem: Dinge erlebt, die ich niemals erleben wollte. Und von denen ich mich frage, ob sie mich auf meinem Lebensweg ein Stück nach vorne gebracht oder lediglich nicht aus der Bahn geworfen haben.

Seit einer Woche habe ich also wieder mehr Zeit, vor allem mehr Zeit zum Bloggen. Entsprechend muss es einen guten Grund geben, warum dann in den letzten Tagen so wenige neue Beiträge erschienen sind wie schon lange nicht mehr - keiner. Es gab einen guten Grund. Und dieser gute Grund ist leider gleichzeitig ein schlechter Grund: Frank hat mir dringend davon abgeraten, irgendetwas schriftliches zu äußern, was nicht durch seine Hände gegangen ist und jede Kommunikation zu unterlassen, die nicht unbedingt sein muss. Inzwischen hat er diesen Rat wieder zurückgenommen.

Was passiert ist, ist so unglaublich, dass ich fest damit rechne, dass die ersten Kommentare mich nach den Pillen fragen, die ich vor Verfassen dieses Beitrags eingeworfen habe. Nein, ich habe die Krankenhausapotheke nicht überfallen und ich hatte auch keinen Schlüssel für den Giftschrank auf der Station. Ich bin ganz nüchtern.

Alles begann damit, dass ich am Freitagabend eine SMS von meiner Mutter bekommen hatte, in der sie schrieb: "Nachdem ich nun wirklich alles versucht habe, was eine Mutter tun kann, um dir zu helfen, gebe ich es auf. Ich lasse mich von dir nicht mehr erniedrigen. Von mir wird keine Reaktion mehr kommen. Vielleicht bist du nun zufrieden. Lebe wohl."

Ich dachte zunächst: Okay. Sie ist nicht glücklich, aber sie hat verstanden, dass sie mich in Ruhe lassen soll. Das ist ein erster Schritt und wenn sie dann in ihrer Therapie ein Stück weiter gekommen ist, wird sie vielleicht verstehen, was sie falsch gemacht hat und künftig anders handeln. Dann kann man vielleicht einen neuen Versuch starten.

Ich habe Frank davon erzählt und bin mit ihm so verblieben, dass wir diese einmalige Aktion als Anerkennung der Auflagen werten und nicht deshalb schon das Gericht einschalten, auch wenn sie damit bereits gegen die Auflagen verstoßen hat. Wenn ansonsten danach Ruhe ist, belassen wir es dabei. Sollte keine Ruhe sein, könnte das später immernoch mit einfließen, denn man ist ja nicht verpflichtet, alles sofort dem Gericht zu melden.

Das Wochenende war entspannt, wir haben mir ein paar Leuten eine Handbiketour an der Elbe gemacht, später zusammen gekocht, es waren zwei sehr schöne Tage. Die neue Woche brachte dann die erste Schwimmstunde, bei der meine Mutter nun wirklich damit rechnen muss, dass es Konsequenzen hätte, wenn sie dort auftaucht. Das weiß selbst ein kleines Kind.

Ich habe mir gedacht, dass ich ganz entspannt mein Schwimmtraining mache, denn es würde schon an Hysterie grenzen, wenn ich sie suchen würde. Ich wollte mich entspannen und darauf vertrauen, dass nun wirklich Schluss mit dem Theater ist. Unsere Bahn war mehr als überfüllt, so dass sich an den Enden jeweils Schlangen bildeten. Man muss ja immer etwas Abstand zum Vordermann lassen, und wenn zu viele Leute in der Bahn sind, muss man am Rand kurz warten, bevor man starten kann. Hier bildeten sich bereits Schlangen aus vier oder fünf Leuten. Ätzend, aber nicht zu ändern.

Während ich also am Rand klammerte, sah ich, wie 25 Meter entfernt auf der anderen Seite meine Mutter in der dort abgestellten Sporttasche von Tatjana wühlte und ihre Mappe mit Klemmbrett rauskramte und aufklappte. In dieser Mappe sind alle möglichen Aufzeichnungen von ihr: Trainingspläne, Anwesenheitslisten und ähnliches. "Und eine Adressen- bzw. Telefonliste", schoss es mir durch den Kopf. Ich war zwar noch nicht dran, egal, ich drängelte mich einfach dazwischen und schwamm quasi mittig durch die Bahn und etlichen Leuten in die Quere - vermutlich meine Tagesbestzeit. Drüben angekommen, klammerte ich mich einfach an irgendwelchen Leuten fest, zog mich zwischen ihnen an den Beckenrand, stützte mich auf und brüllte Tatjana an: "Tatjana, was macht sie da?"

Tatjana drehte sich um, ging auf meine Mutter zu, sprach sie an, wollte ihr das Klemmbrett aus der Hand nehmen. Meine Mutter hielt es mit beiden Händen fest und zappelte wie ein kleines Kind, das seine Sandschaufel nicht hergeben möchte. Tatjana krallte sich mit beiden Händen ihre Mappe und drückte meine Mutter mit dem Ellenbogen weg und drehte sich mit dem Rücken zu ihr. Jetzt begann meine Mutter, mit den flachen Händen auf Tatjana einzuprügeln, ebenfalls wie ein kleines Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Tatjana drehte sich um und schubbste sie nochmals zurück, diesmal mit den Worten: "Beim nächsten Ding tut es weh. Legen Sie es nicht drauf an."

Da Vereinstraining war, ist kein Schwimmhallenpersonal in der Halle. Ein Typ eines anderen Sportvereins, der in der Nachbarbahn trainiert, kam Tatjana zur Hilfe. Ohne ein Wort packte er meine Mutter von hinten an der Jacke, schob sie vor sich her, machte den Notausgang auf und schob sie nach draußen auf die Wiese. Tür wieder zu. Damit war das Problem vorerst gelöst, da sie vorne nicht mehr reinkommt. Ab 18.00 Uhr ist Vereinstraining und wer bis 18.15 Uhr nicht drin ist, steht draußen. Sie muss also bereits vor 17.00 Uhr (letzter Einlass) eine reguläre Eintrittskarte gelöst und sich so lange irgendwo im Gebäude aufgehalten haben.

Meine Schwimmstunde war damit erstmal zu Ende. Tatjana beruhigte mich und wie sich dann herausstellte, war keine Adressenliste in der Mappe gewesen. Tatjana sagte, sie hätte sie nur in ihrem Handy und das liegt ausgeschaltet in ihrem Rucksack. Da war sie aber nicht dran. Das einzige, was fehlte, war ein Zettel, den Tatjana zu Hause ausgedruckt hatte, da ging es um eine Weihnachtsfeier. Es handelte sich um eine Rundmail, auf der oben alle unsere Mailadressen sichtbar waren. Aber Mailadressen kann man im Notfall ändern oder den Spamfilter entsprechend konfigurieren.

Tatjana brachte mich nach dem Training zum Auto. Das Auto war ganz, meine Mutter war weg, alles schien in Ordnung. Bis ich am Mittwochabend eine Mail von der Mutter eines 14jährigen Jungen, der mit uns trainiert und in der selben Bahn geschwommen ist wie ich, bekomme. Die Mail ist in Kopie an einen großen Verteiler geschickt, einschließlich Tatjana, einschließlich Abteilungsleitung, einschließlich Vorstand, insgesamt acht Personen. In der Mail verlangt diese Mutter von mir eine schriftliche Erklärung, dass ich mich freiwillig verpflichte, ihren Sohn künftig in Ruhe zu lassen.

Man wolle keine große Sache daraus machen, aber ihr Sohn sei 14 und noch am Anfang seiner geschlechtlichen Entwicklung. Er finde meine Nähe zu ihm schmeichelhaft, nur sei er noch damit überfordert, mich mit dem Nachdruck zurückzuweisen, den ich offensichtlich bräuchte. Sie hätte sich gewünscht, dass ein einfaches "Nein" von ihm ausreiche, stattdessen müsse sie als Mutter einschreiten. Das falle ihr nicht leicht. Sie wirft mir vor, dass ich ihren Sohn an diesen Wartepositionen am Bahnende regelmäßig von hinten umarmt und ihm an und einmal sogar in die Badehose gegriffen haben solle. Auch wenn der Sohnemann sich nicht so deutlich wehre, wie es vielleicht angebracht wäre, wünsche er diesen Kontakt und vor allem diese Hosengrabscherei nicht. Sie bittet darum, dass auch der Verein noch einmal mit mir Tacheles redet und meinen Verbleib in dieser Trainingsgruppe davon abhängig mache, dass ich ausdrücklich versichere, küntig diese Grenzen zu beachten.

Ich fiel aus allen Wolken, denn an diesem Vorwurf war nichts dran. Null. Ich komme mit diesem Jungen zurecht, ich quatsche mit dem, wir albern manchmal ein bißchen herum, er ist oft recht kiebig zu den Mädels, aber mehr nicht. Ich will nix von dem und er auch nicht von mir. Was sollte also diese Mail? Wollte er so mit mir ins Gespräch kommen? Hatte ich ihm etwas getan? War er eifersüchtig? Hatte ich ihn mit meinen Beinen berührt, ohne etwas davon gemerkt zu haben? Alles unwahrscheinlich. Es wurde eine aktive, belästigende Handlung beschrieben. So etwas passiert nicht aus Versehen.

Am nächsten Morgen wurde ich von unserem Abteilungsleiter angerufen und ins Büro bestellt. Ich überlegte, ob ich Frank mitnehmen sollte. Ich entschied mich dafür, Frank nahm sich auch die Zeit und sagte einen anderen Termin ab. Ich bat ihn, sich im Hintergrund zu halten und mich möglichst selbst sprechen zu lassen, denn eigentlich kann man mit unserem Chef sehr gut reden. Alleine die Tatsache, dass er zunächst meine Darstellung hören wollte, bevor er irgendetwas unternimmt, zeigt eigentlich, dass das ein sehr fairer Typ ist.

"Was ist denn das für eine beschissene Geschichte?" fragte er mich. Ich sagte ihm, dass ich absolut nichts getan hätte. Absolut nichts. Ich will auch nichts von dem Typen. Er sagte mir dann, dass es überhaupt kein Problem gewesen wäre, wenn die Mail von einem anderen Mitglied gekommen wäre und sich dieses Mitglied darüber beschwert hätte, dass er mich und meinen Freund dabei beobachtet hätte. Dann hätte ich jetzt von ihm einen symbolischen Anschiss bekommen, so etwas doch während des Trainings zu unterlassen, weil das andere nervt, und dann wäre es erledigt. "Geht dann halt in die Umkleide und erledigt das dort. Aber schließt vorher ab."

Nur das hier sei etwas anderes: Der Junge ist 14 und damit steht er unter besonderem Schutz. Alles, was nicht eindeutig einvernehmlich geschehen sei, sei gegen den Willen geschehen und damit strafbar. Und wenn er noch so willig geguckt habe, wenn er später sagt, er habe das nicht gewollt, zähle nur noch das. "Jule, warum lässt du dich überhaupt mit einem 14jährigen ein?" - "Ich habe überhaupt nichts gemacht!!! Ich habe den nicht mal angeguckt!" - "Ich glaube dir das. Nur ich muss auch der anderen Partei glauben. Sonst darf ich diesen Job hier nicht machen." - "Das bedeutet?" - "Schreib mir was dazu. Antworte auf die Mail, setz mich in Kopie. Dann wird sich die Mutter ja irgendwie nochmal äußern. Solange kann ich dir nicht mehr gestatten, an unseren Gruppen teilzunehmen. Du unterschreibst mir also an Ort und Stelle, dass du das vorläufige Hausverbot erhalten hast."

Ich guckte Frank an, der zuckte nur mit den Schultern. Ich fing an zu heulen. "Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Ich hab nichts gemacht!" - "Jule, ich glaub dir das. Aber mir sind die Hände gebunden. Ich werde die Mutter spätestens 24 Stunden nach deiner Mail anrufen und versuchen, zu einer Lösung zu kommen. Das verspreche ich dir. Wenn sich das alles geklärt hat, darfst du sofort wieder mitmachen. Aber bis dahin musst du dich erstmal gedulden. Schreib sofort was dazu, je schneller geht es."

Ich antwortete der Mutter schriftlich, dass ich die Vorwürfe entschieden zurückweise. Ich hätte ihren Sohn nicht angefasst und ich könne mir nicht erklären, wie es zu seiner Behauptung gekommen ist. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir uns zusammen mit einem Moderator, beispielsweise dem Chef des Vereins, treffen und gemeinsam über den Vorfall sprechen könnten. Es kam keine Antwort.

Gestern morgen rief der Verein bei der Mutter an. Sie habe abgestritten, jemals eine solche Mail geschrieben zu haben und sie habe auch keine Antwort erhalten. Auch hätte sich der Sohn nie bei ihr beschwert. Die Mutter könne meinem Namen ein Gesicht zuordnen, da sie mich das eine oder andere Mail beim Training oder beim Trainingslager, wenn sie ihren Sohn vorbeigebracht oder abgeholt hätte, gesehen habe. Sie hätte mich als nett und freundlich wahrgenommen und auch ihr Sohn hätte niemals schlecht über mich geredet, im Gegenteil. Aber er habe doch eine Freundin und ... blabla.

Bei der weiteren Überprüfung kam heraus, dass die Mailadresse der Mutter unter vorname-nachname@gmx.de registriert war. Die Mailadresse, von der diese komische Mail gesendet worden war, lautete vorname-nachname@gmx.net. Außerdem war ein vollständiger Name übermittelt worden, so dass man nur über "Eigenschaften" die dahinter stehende Mailadresse angezeigt bekam. Die Mutter des Jungen war genauso in dem Mailverteiler zur Weihnachtsfeier wie der Junge selbst. Und den Zettel hatte ... meine Mutter.

Ich darf inzwischen wieder Sport machen. Aber der Verein war so gar nicht amused und meinte, dass er so einen Stress nicht haben wolle. Ich solle also daran mitwirken, dass dieses Theater aufhöre. Dieses Theater stünde in Verbindung mit meiner Person und der Verein wünsche dieses Theater nicht. Immerhin konnte ich erreichen, dass meiner Mutter auch vom Verein ein Hausverbot für sämtliche Trainingsstätten ausgesprochen worden ist. Sie bekommt es per Einschreiben zugestellt. Gleichzeitig ist noch gestern ein Fax an das Gericht rausgegangen, das die Bannmeile angeordnet hatte. Frank hatte mir das getippt, so dass ich es nur noch unterschreiben und abschicken musste. Darin heißt es, dass ich die SMS bekommen habe, sie in der Halle aufgetaucht ist, dabei Dokumente mit Daten aus einer Tasche entwedet hat und diese anschließend vermutlich verwendet hat, um diese Mail zu schreiben. Ich ließe mich gerade anwaltlich beraten, ob über diese Meldung hinaus noch eine Strafanzeige wegen Verleumdung sinnvoll erscheine. Frank meinte: Das dritte Ding wird richtig teuer, wenn sich der Verdacht bestätigt, dass sie dahinter steckt.

Insofern hatte die SMS, die ich am letzten Freitag bekommen hatte, wohl eine ganz andere Bedeutung als zunächst gedacht. "Nachdem ich nun wirklich alles versucht habe, was eine Mutter tun kann, um dir zu helfen, gebe ich es auf." Das bedeutet anscheinend, dass sie nun alles versucht, was eine Verrückte tun kann, um mir zu schaden - das kann ja heiter werden.