Mittwoch, 26. Oktober 2011

Bannmeile

"Der Antragsgegnerin wird untersagt, sich der Antragstellerin auf eine Entfernung von weniger als 50 Metern zu nähern, sie auf der Straße anzusprechen und ihr zu folgen, Zusammentreffen mit der Antragstellerin herbeizuführen, direkt Verbindung zur Antragstellerin, auch unter Verwendung von Fernkommunikationsmitteln, aufzunehmen. Der Antragsgegnerin wird für jeden Fall der Zuwiderhandlung ein Ordnungsgeld von bis zu 3.000,00 € angedroht und ersatzweise für den Fall, dass dieses nicht beigetrieben werden kann, Ordnungshaft von bis zu einem Monat."

Man sehe im Verhalten meiner Mutter inzwischen eine vorsätzliche widerrechtliche Verletzung meines Rechts auf Freiheit sowie eine unzumutbare Belästigung und halte die Anordnung für erforderlich, um weitere drohende Verletzungen und Belästigungen abzuwenden - ich schreibe jetzt nicht den ganzen Senf ab, der da zu Begründung und Kosten noch drunter steht, nur so viel: Drei Handyfotos, geschossen in der Nähe des Croqueladens, auf dem meine Mutter zu sehen ist, wie sie versucht, vorne an meinem Auto hochzuklettern (was ihr wegen der glatten Front des Viano nicht gelang, obwohl sie sich ziemlich geschickt an der Oberkante der Haube festgehalten hat und über dem Kennzeichen auf die Stoßstange klettern wollte), haben sogar denjenigen Richter umgestimmt, der letzte Woche noch die Ablehnung ausgesprochen hat, auch wenn der heute nicht zu entscheiden hatte, sondern wohl nur dazu befragt wurde.

Frank und ich hatten gestern abend eine Begründung gegen die Entscheidung des Gerichts geschrieben. Im wesentlichen ging es darum, dass diese permanenten Kontaktaufnahmen, die ohne meinen Willen und immer verbunden mit Streit und Einschüchterungen stattgefunden haben, schon im Krankenhaus durch das Klinikpersonal unterbunden wurden und sich seitdem wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen. Sogar als sie in der Therapie war, hat sie mit unterdrückter Nummer teilweise 20 Mal pro Tag versucht, mich anzurufen und etliche SMS geschrieben. Das Schwimmtraining ist der einzige Ort, den sie kennt, und nur eine Auskunftssperre beim Einwohnermeldeamt und die Sensibilisierung meines Umfelds haben verhindert, dass sie weitere Adressen herausfindet. So beschränken sich ihre Kontaktversuche auf diesen einen Termin in der Woche, das passiert aber seit ihrer endgültigen Entlassung aus der letzten Therapie bislang jede Woche und ihre Aktionen sind zuletzt nur durch das Eingreifen dritter Personen zu beenden gewesen. Die Anwältin, die letzte Woche etwas an das Gericht gefaxt hatte, hatte wohl nur vier lapidare Sätze geschrieben.

Der Beschluss wird meiner Mutter nun zugestellt. Sie muss unterschreiben, dass sie das bekommen hat. Und dann warten wir mal ab, wann sie wieder auftaucht.

Sollte sie sich eine Zeitlang daran halten, kann ich mir vorstellen, wöchentlich eine Stunde für eine geordnete Familientherapie, meinetwegen auch in einer Einrichtung, die meine Mutter behandelt, einzusetzen. Nicht mit dem Ziel, ihr Kontakt zu ermöglichen, sondern um ihr zu helfen. Sofern ihre Therapeutin das für sinnvoll hält. Das steht in dem Beschluss des Gerichtes natürlich nicht drin und das Angebot gebe ich auch frühestens im nächsten Frühjahr ab, jenachdem, wie sich das alles hier entwickelt. Vielleicht würde ihr so etwas auch gar nicht helfen, ich weiß es nicht. Aber erstmal will ich meine Ruhe und vor allem respektiert werden. Ich lass mich doch hier nicht zum Spielball machen.

Rollifahrer und ihre Sicherheit

Es ist das ewige Problem: Jemand, der nicht laufen kann und das in der Öffentlichkeit damit kompensiert, dass er sich in einen fahrbaren Stuhl setzt (Rollstuhlfahrer), behindert damit unter Umständen andere Menschen. Oder er gefährdet sie sogar. So die beschränkte These einiger Menschen, die die modernen Gedanken zum Thema Behinderungen, wie auch in der UN-Konvention über Menschen mit Behinderungen, noch nicht realisiert haben oder nicht realisieren wollen.

Eine Behinderung ist keine unliebsame Eigenschaft, mit der ein Mensch mehr oder weniger schicksalhaft versehen worden ist, sondern es handelt sich bei einer Behinderung um eine (mögliche) Hinderung eines Menschen an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft durch die Wechselwirkung seiner (körperlichen) Beeinträchtigung mit verschiedenen Barrieren (seiner Umwelt).

Zur Behinderung gehören demnach nicht nur körperliche (oder seelische, kognitive, geistige) Beeinträchtigungen, sondern auch die Barrieren (der Umwelt), die mit dieser Beeinträchtigung in Wechselwirkung stehen. Eine Behinderung setzt also immer voraus, dass es Dinge in der Umwelt gibt, die so beschaffen, gestaltet oder gebaut sind, dass sie zum Beispiel mit einem Rollstuhl nicht befahrbar sind.

Oder man hat eben das Problem mit irgendwelchen Sicherheitsvorschriften, die gerne vorgeschoben werden, wenn behinderte Menschen etwas ungewöhnliches vorhaben. So hatte ein Musicaltheater eine Zeitlang acht Rollstuhlfahrerplätze, von denen aber immer nur vier gleichzeitig belegt werden durften, weil ansonsten im Evakuierungsfall die Sicherheit der Gäste nicht gewährleistet war. Inzwischen hat man eine andere Lösung gefunden, aber bis dahin galt es als ungewöhnlich, wenn ein Rollstuhlfahrer mehr als drei Freunde hatte, mit denen er gemeinsam ins Musical wollte. Oder auch eine Rollstuhlsportgruppe galt insofern als ungewöhnlich... Okay, die müssen ja zur Weihnachtsfeier auch nicht unbedingt ins Musical, die können ja auch einen Glühwein trinken, draußen stört das keinen. Solange nicht alle zusammen einen Stand blockieren...

Nun wollte kürzlich der Deutsche Bundestag mit behinderten Menschen über die UN-Konvention diskutieren. Dreihundert Leute hätten Platz gefunden, nur rechnete niemand damit, dass unter den angemeldeten auch Rollstuhlfahrer waren. Um genau zu sein: Es haben sich unter den 300 Gästen rund 100 Rollstuhlfahrer angemeldet. Damit war die Bundestagsverwaltung überfordert, die Sicherheit im Parlamentssaal wäre gefährdet gewesen. Also hat sie die Veranstaltung einfach wieder abgesagt. Unter dem Motto: "Der Bundestag lädt aus, wir kommen trotzdem" wurde in Berlin kurzerhand eine Protestveranstaltung organisiert. Mit Plakaten wie: "Die Bauaufsicht verletzt unsere Menschenrechte und Politiker schauen tatenlos zu" machten die Rollifahrer ihrem Unmut Luft und sogar das Fernsehen war dabei.

Wer das Dritte Fernsehprogramm des NDR (N3) empfangen kann, sollte sich heute abend um 22.50 Uhr mal die Satiresendung "Extra 3" ansehen (Wiederholung auf Eins Extra um 0.30 Uhr). "Wer kann auch damit rechnen, dass zu einer Veranstaltung für Behinderte jede Menge Behinderte kommen? Extra 3 fragt nach." heißt es in der Vorankündigung - ich bin mal gespannt.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Gemeinsames Croque

Was meine Mutter nicht wissen konnte, war, dass in dieser Woche wegen des Wochenend-Trainingslagers das Schwimmtraining ausfiel. Sie hätte es auch nicht erfahren, hätte sie nicht vorher mal wieder in meinem Verein angerufen, sich mit falschem Namen gemeldet und suggestiv-manipulativ nachgefragt, ob regulär Schwimmtraining stattfinde, ihre Nichte sage, es falle aus. "Da hat Ihre Nichte recht, die treffen sich aber in der [Gaststätte]", kam als Antwort, wie ich später am Telefon von unserem Häuptling erfuhr, der mich prompt anrief um zu fragen, wie es mir ginge. Der Mitarbeiter in der Geschäftsstelle hatte sich nichts böses dabei gedacht, als die "Tante" angerufen hatte. Soll ich die nun alle bitten, künftig erstmal nachzufragen, wer da anruft?

Jedenfalls wollten wir uns eigentlich mit ein paar Leuten aus meiner Sportgruppe treffen, um ein paar Dinge zu besprechen und dabei ein leckeres Croque zu essen, aber leider hatten wir dort so einen Zirkus, dass ich mich, wieder mit Tatjanas Hilfe, ins Auto setzen und nach Hause fahren musste. Ich war froh, mit dem Auto und nicht mit der Bahn in die Sternschanze gefahren zu sein. Nur aus Zeitgründen hatte ich das getan, was ich sonst hasse, weil man dort nie einen Parkplatz findet.

Meine Mutter meinte, sich zu uns an den Tisch setzen zu müssen, was ich erstmal toleriert hatte, um nicht sofort einen Anlass für Stimmung zu liefern, bis sie versuchte, die Leute wieder davon zu überzeugen, dass Sport nicht das richtige für sie sei und sie ihre Tochter (also mich) bereits voll im Griff hätten. Das Theater ging so weit, dass einzelne bereits nach Hause wollten, bis ich dann gesagt habe, dass ich verschwinde. Mal sehen, wann das von alleine aufhört, wie der Richter meint. Oder ob Frank und ich morgen beim Gericht doch noch etwas anderes erreichen.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Mal wieder Trainingslager

Ich verspüre gerade ein dringendes Bedürfnis, nämlich: Mal wieder etwas nettes zu schreiben. Und auch wenn es sich in den letzten Tagen und Wochen anders gelesen hat, mein Leben hält auch noch nette Dinge für mich bereit. Zum Beispiel ein Wochenend-Trainingslager. Ich habe mich schon über einen Monat darauf gefreut, endlich mal viele nette Leute wiederzutreffen und mal richtig Zeit für Sport, Quatschen, Spielen, Lachen und nochmal Sport zu haben. Am Freitagnachmittag war es endlich mal wieder so weit, zusammen mit den Sportlerinnen und Sportlern aus Niedersachsen sind wir wieder in das Kaff gefahren, in dem wir im Januar schon einmal ein Wochenend-Trainingslager hatten.

Neben den alten Hasen, meinen langjährigen Freundinnen und Freunden und den üblichen Deppen waren dieses Mal auch eine neue Trainerin aus Hamburg, eine neue Trainerin aus Niedersachsen und einige neue Sportlerinnen und Sportler dabei. Simone war dieses Mal nicht mit, da sie auf einer Familienfeier Anwesenheitspflicht hatte.

Cathleen und ich hatten ein gemeinsames Zimmer und wie schon beim letzten Mal war es in den Schlafräumen (wir hatten ein Zweierzimmer) so saukalt, dass wir mit zwei Kissen und zwei Decken in einem Bett geschlafen haben, um uns gegenseitig zu wärmen. Wir wussten ja schon, dass die Heizung nur die Stufen "Schockgefrieren" und "Gefrieren" kannte und hatten uns entsprechend warme Schlafklamotten mitgenommen. Ich hatte unter meiner Schlafanzughose noch eine Leggings und über meinem Oberteil noch ein Kapuzenpulli. Plus zwei Paar Socken. Und trotzdem kann ich nicht sagen, dass mir richtig warm im Bett war. Immerhin musste dieses Mal der Meckerdrachen aus Niedersachsen zu Hause bleiben, der sich letztes Mal partout nicht damit anfreunden wollte, dass Betten doppelt belegt wurden, und wiederholt entsprechenden Budenzauber veranstaltet hatte.

Dafür war unsere neue Trainerin, die die Jungs trainiert, um so netter. Sie hat jahrelang selbst Leistungsschwimmen gemacht, hat erst eine Ausbildung zur Physio absolviert und studiert nun Sportwissenschaften. Mit ihr hat sich unser Verein echt ein Goldstück geholt. Sie ist zudem bildhübsch und hat eine absolut tolle Figur, so dass nicht nur die Jungs geblendet sind, sondern vor allem die Mädels neidisch werden.

Wir Mädels hatten die neue Trainerin am Wochenende zum ersten Mal erlebt und es war wirklich gut. Besonders gefällt mir an ihr, dass sie es schafft, einerseits total ernst zu sein (wenn sie redet, ist es mucksmäuschenstill und alle hören zu, alle sind pünktlich, keiner macht irgendwelchen Unsinn), andererseits aber total albern und vor allem sehr offen. Sie sagt dir ehrlich ihre Meinung, lässt keine Extrawürste zu, respektiert aber jeden so wie er ist und ist für jeden Spaß zu haben. Ich glaube, sie wäre nicht der Typ, mit dem ich abends alleine was trinken gehen würde, aber ich mag sie total gerne. Allerdings gibt es auch keinen Grund für Tatjana, die uns sonst trainiert, eifersüchtig zu sein. Die beiden ergänzen sich prima.

Das Wochenende war also absolut toll und was wäre ein Blogbeitrag von mir, wäre da nicht eine kleine Anekdote am Rande. Ich sage nur: Sven. Wird nächstes Jahr volljährig, kommt auch aus Hamburg, ist aber noch relativ neu dabei, hat irgendeine angeborene körperliche Behinderung - und hat am Wochenende den Erdbaumaschinenführerschein mit Auszeichnung bestanden. Nicht nur, weil er seinen Rolli selbständig wieder aus dem Schlamm manövrieren konnte (auch wenn er hinterher aussah wie nach dem Schlamm-Catchen), sondern vor allem, weil er so viel gebaggert hat. Jede, die nicht bei drei auf dem Baum war, bekam signalisiert, dass er sie gerne als Partnerin hätte. Und mit 'signalisiert' meine ich keine warm leuchtenden Augen mit ein paar leisen, bescheidenen und netten Worten, sondern einen Hochleistungs-Blitzlichtbalken mit Pressluftfanfare.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Wenn wir nach dem Training duschen und nur eine rolligerechte Kabine haben, duschen wir alle durcheinander. Jungs und Mädchen, jung und alt - niemand muss, jeder hat die Chance, am Ende alleine und ungestört zu sein, aber wer schnell die warme Dusche haben will, riskiert, nackt gesehen zu werden. Und ja, man wird angeschaut, gerade die Jungs, die gerade durch die Pubertät sind, gucken schon mal genauer hin. Stört mich aber nicht, sollen sie gucken. Ist ja, solange es nicht übertrieben wird (und das wurde es noch nie), auch ein wenig schmeichelhaft, wie ich finde. Solange es halt nur Interesse und kein Gegaffe ist. Und Gegaffe hatte ich zumindest, wie gesagt, noch nie.

Ich hätte also auch nichts dagegen, wenn einer nach dem Duschen meine Nähe sucht, sich direkt neben mir abtrocknet und anzieht, das vielleicht spannend findet, mit mir redet, und sei es auch nur über das Training oder das Wetter. Was aber gar nicht ging, war Sven, der zu Cathleen und mir gerollt kam, nachdem er geduscht hatte und wir uns gerade abtrockneten, und fragte, ob jemand von uns wüsste, was 'Onanie' bedeute. Cathleen antwortete: "Ja, das weiß ich, und du weißt es auch. Wenn du mit mir darüber sprechen willst, dann sag das direkt und stell bitte nicht so doofe Fragen." Er wollte uns dann zu verstehen geben, dass er das Wort gerade irgendwo gelesen hatte und das ja gar nicht wusste, was es bedeutet und auch nicht wüsste, was 'Selbstbefriedigung' sei. Ich empfahl ihm Google und als er merkte, dass er das Thema falsch begonnen hatte, gab er irgendwann auf.

Am Abend klopfte er nochmal an unserer Zimmertür und wollte uns mitteilen, dass er inzwischen gegoogelt hatte und er unterschiedliche Informationen darüber gefunden hätte, wie oft man das täglich oder wöchentlich tun dürfte. Menno!!! Warum fragt er nicht einfach, ob ich es mir selbst mache und wenn ja, wie oft? Darum ging es doch. Ja, ich hätte Verständnis für solche Fantasien und für den Reiz, so etwas über jemanden, den man vielleicht toll oder attraktiv oder spannend findet, herauszufinden, zu entdecken, zu erfahren. Was nicht heißt, dass ich ihm das so einfach erzählt hätte. Ich mag die plumpe Tour eigentlich nicht. Aber seine Tour war so derbe plump, dass wir ihm irgendwann damit gedroht haben, das den Betreuern zu melden, wenn er damit nicht aufhört. Leider hat er sich das mit diesem Mist bei fast allen Mädels "verdorben" - obwohl er sonst eigentlich ganz nett war. Können einen Hormone so in die Irre steuern?! :D

Nichtsdestotrotz war es ein schönes Trainingslager. Eins der schönsten sogar. Es war eine ruhige, entspannte Veranstaltung, die trotzdem sehr viel von uns abgefordert hatte. Es war harmonisch, die Leute waren nett und so viel wie an diesem Wochenende habe ich lange nicht mehr gelacht.

Freitag, 21. Oktober 2011

Außer Spesen nix gewesen

Doof ist, dass ich Frank in dieser Woche nicht erreichen kann, da er zu einer Fortbildung ist. Frank hätte Zuhause die Unterlagen vorbereitet und wäre mit mir persönlich zum zuständigen Gericht gefahren, um eine Einstweilige Verfügung gegen meine Mutter zu beantragen. Und dann wären wir nicht wieder zu Hause gewesen, bevor wir nicht dieses Papier in der Tasche gehabt oder das Problem anders gelöst hätten. Ich weiß, nicht jeder Anwalt hätte diese Zeit und nicht jeder Anwalt könnte sich so intensiv kümmern. Ganz sicher hat es auch damit zu tun, dass ich ihn privat kenne und wir unter demselben Dach wohnen.

Ich hatte ihn nach dem letzten Vorfall mit meiner Mutter (damit meine ich die Aktion im Schwimmbad, nicht die vier SMS, die sie mir in dieser Woche geschrieben hat) auf dem Handy angerufen, und er hatte mich gebeten, zu einem befreundeten Kollegen in dessen Kanzlei zu fahren. Er riet mir auch zu einer Einstweiligen Verfügung, besser sofort als später. Frank hielt es auch für besser, diese Verfügung über einen Anwalt beim Gericht zu beantragen und er hatte mit seinem Kollegen telefoniert. So gurkte ich also extra nach Eimsbüttel, fand auch auf Anhieb die Kanzlei, nur der Anwalt war nicht da, weil er kurzfristig zu einem Termin musste. Er hatte aber eine Kollegin aus seiner Kanzlei instruiert. Die Kollegin hörte sich das auch alles an, fand das alles ganz schrecklich, fragte mich fünf Mal, ob ich mir das alles gut überlegt hätte, da man damit ja viel Porzellan zerbrechen könnte, dann meinte sie, sie würde etwas an das zuständige Amtsgericht faxen. Ich müsste dort aber persönlich erscheinen und meinen Ausweis vorlegen und den Antrag dort auch unterschreiben, würde von dort die Unterlagen direkt ausgehändigt bekommen. Vermutlich machte die Kollegin das zum ersten Mal.

Ich gurkte also zu einem Amtsgericht im Stadtkern (die Zuständigkeit richtet sich nach der Anschrift meiner Mutter), wurde dort erstmal zu einer Sachbearbeiterin im Familiengericht geschickt, dann zu einem Typen, der alles mögliche aufschreiben wollte und dem ich alles auch noch einmal erzählen musste. Das Schreiben von der Anwältin war noch nicht da und ließ auch noch ewig auf sich warten. Und dann, irgendwann, als ich endlos auf dem Flur warten musste, kam die erste Sachbearbeiterin wieder auf mich zu, meinte, man hätte jetzt alle Unterlagen bekommen, auch das Fax von der Anwältin, hätte das auch einem Richter vorgelegt, aber der Antrag sei abgelehnt worden, weil meine Mutter bislang weder mich wirklich verletzt hätte noch das angedroht hätte, noch hätte sie mich in irgendeine Situation gebracht, die mehr als lästig gewesen wäre. Die Interessen einer Mutter, Kontakt zu ihrem Kind aufzunehmen, seien sehr gewichtig und auch berechtigt, und es müsste zu ganz massiven Handlungen ihrerseits kommen, bevor man von einer Verletzung der Freiheit sprechen könnte. Auch könnte man nicht erkennen, dass sie mir nachstellt, denn die SMS-Texte seien fürsorglich und bittend und nicht in einer solchen Häufigkeit, dass sie belästigen.

Die Besuche am Schwimmbad seien nicht ausreichend. Das Gesetz verlange wiederholte Handlungen und die Mutter habe einmal nach meinem Rechten gesehen und sei einmal unbequem gewesen. Hier müssten wiederholte massive Eingriffe vorliegen und nicht drei Besuche pro Jahr. Nach seiner Meinung sei auch ohne die Verfügung zu erwarten, dass sie in Kürze von mir wieder ablässt. Und: Dass die Reporterin wirklich meine Mutter gewesen ist, sei ohne weiteres nicht beweisbar.

Frank meinte am Telefon, wir müssten den nächsten Schwimmbadbesuch abwarten, weil er vorher noch nicht wieder zurück sei, und dann kümmert er sich selbst um die Sache. Fazit: Außer Spesen nix gewesen.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Sie kommt trotzdem

Dass sie sich jetzt die zweite Woche in Folge ein mit öffentlichen Verkehrsmitteln völlig ungünstig erreichbares Schwimmbad am Stadtrand aussucht, um mich zu sehen, liegt wohl daran, dass unsere Trainingstermine nicht veröffentlicht werden und sowohl der Triathlonverein, in dem ich trainiere, als auch der Rollstuhlsportverein, über den ich meine Startlizenzen habe, telefonisch keine Auskünfte erteilen. Dann muss meine Mutter auf Informationen zurückgreifen, die sie aus früheren Zeiten hat.

Verfolgungswahn? Keineswegs. In der letzten Woche riefen mich nacheinander zwei Funktionäre aus diesen beiden Vereinen an und teilten mir mit, dass jemand meine Adresse herausfinden wollte. Mit unterdrückter Rufnummer und mit falschem Namen. Beide Male war es eine Journalistin, die bei einer großen Hamburger Tageszeitung arbeiten will, wo sie aber niemand kennt. Eine Rückrufnummer gab es nicht, man hatte lediglich Interesse an meiner privaten Anschrift...

Das könnte jeder gewesen sein - es war aber eben nicht jeder. Während ich mit meinen Leuten im Becken trainiere, bemerke ich, wie von der Stirnseite des Beckens (dort ist etwas mehr Platz und da stehen in der Regel dann auch so zehn bis fünfzehn Rollstühle) jemand mit Blitzlicht fotografiert. Weil das in Schwimmhallen eher unüblich ist, riskiere ich einen Blick und sehe: Meine Mutter. Von den Füßen abgesehen vollständig bekleidet, hantiert sie dort mit einem Fotoapparat.

Ich könnte das jetzt seitenweise ausschmücken, versuche mich aber kurz zu fassen: Sie hat zuerst versucht, mich aus dem Training rauszulösen, indem sie meine Trainerin vollgequatscht hat. Angeblich müsse sie dringend mit mir reden. Meine Trainerin hat mir hinterher erzählt, dass sie meiner Mutter gesagt hat: "Ich bin hier nur für das Programm zuständig. Ob und wie die Leute mitmachen, entscheiden sie selbst. Sie müssen Jule also schon selbst fragen, ob sie jetzt Zeit für Sie hat oder ob das nicht noch eine Stunde warten kann."

Als ich dann endlich aus dem Becken raus war, wollte sie mich in der kalten Halle volltexten. Ich hab sie mehr oder weniger stehen lassen und gesagt, dass ich jetzt duschen fahre und ich im übrigen nicht wüsste, was sie von mir will, schließlich hatte ich sie gebeten, dort nicht aufzutauchen. Im Vorraum, an der Kasse, passte sie mich dann noch einmal ab und meinte vor allen anderen Leuten, dass ich dringend eine Therapie machen müsste und mich so zu meinem Nachteil verändert hätte. Ich würde gar nicht mehr merken, wie schlecht es mir eigentlich ginge und ich hätte mich in meiner "Behindertenrolle" völlig verrannt. Ich sollte einen Neuanfang wagen und dazu über meinen Schatten springen. Ich sollte mir vor Augen führen, was andere Kinder für das Interesse meiner Mutter geben würden!

Das sind diese Bemerkungen, die ich absolut nicht leiden kann und ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht in völliger Boshaftig- und Fiesheit zu antworten: "Dann unterhalte Dich doch mit den anderen Kindern." Ich sagte stattdessen: "Lass mich einfach nur in Ruhe."

Ich war auf dem Weg nach draußen, sie hielt mich am Ärmel fest und schrie: "Merkst du gar nicht, wie krank du bist? Du bist krank, Jule. Du bist richtig, richtig krank." - "Hör auf, hier so eine Szene zu machen und lass meine Jacke los." - "Du versteckst dich hinter deiner Behinderung. Du bist nicht mehr du selbst. Dieses Schwimmtraining hier, dieser Drill, alles nur, um dir etwas zu beweisen. Du hast deine Situation noch immer nicht vertanden und versuchst so zu tun, als wäre alles wie früher. Du selektierst die Menschen nach denen, denen du was vorspielen kannst und denen, die dein wahres Gesicht kennen."

"Jetzt hör endlich auf, hier rumzuschreien. Was sollen meine Freunde von dir denken, wenn du dich hier so aufführst?! Das ist ja endlos peinlich." - "Dann sag ich es dir nochmal ganz ruhig: Das sind nicht deine Freunde, und genau das ist dein Problem. Du lässt normale Kontakte nicht mehr zu. Du bist krank, Jule. Du umgibst dich mit Menschen, die alle ein zentrales Problem haben: Sie können ihr Schicksal nicht akzeptieren und versuchen, dagegen zu kämpfen. Du bist nahezu besessen davon, dass dich niemand dabei stört. Du lebst in einer Parallelwelt, hast eigene Regeln!"

Da es keinen Sinn hatte, dagegen zu argumentieren, erwiderte ich: "Das mag ja alles sein, aber trotzdem möchte ich keinen Kontakt zu dir und ich möchte auch nicht, dass du hier auftauchst. Akzeptier das einfach." - Sie fuhr fort: "Warum hast du dich obdachlos gemeldet? Was führst du im Schilde? Bekommst Du Sozialhilfe? Ich habe keine Lust, für dich irgendwann ins Gefängnis zu gehen!" - "Du gehst nicht ins Gefängnis. Ich bin nicht obdachlos und ich bekomme auch keine Sozialhilfe. Es ist alles gut. Ich führe mein Leben, du führst dein Leben und wir gehen uns gegenseitig nicht auf den Wecker. Okay?!"

Dieses Schreiben hier", sagte sie und faltete einen Zettel auseinander, "habe ich vom Zentralen Einwohneramt bekommen. Darin schreibt man, dass du obdachlos bist. Lies selbst!"

Auskunft aus dem Melderegister - Sehr geehrte Frau ..., auf Ihre Anfrage können wir Ihnen aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen keine Auskunft erteilen. Mit freundlichen Grüßen

Soviel zum Thema 'Verfolgungswahn' und 'Journalistin'. Als Mutter habe sie das Recht auf den Kontakt zur eigenen Tochter. Heftig. Ich fragte: "Ja und?" - Sie antwortete: "Was 'ja und'? Schämst du dich nicht?" - "Wofür? Du hast eine Auskunft verlangt, du hast sie nicht bekommen. Ganz einfach." - "Nichts ist einfach. Du hast dich obdachlos gemeldet, damit niemand weiß, wo du wohnst. Jule, das ist krank. Du brauchst eine Therapie." - "Da steht nicht, dass ich obdachlos bin, sondern dass du keine Auskunft über mich bekommst. Das ist ein Unterschied." - "Du hast auf alles eine Ausrede."

Tatjana kam drei Schritte auf mich zu. "Wenn ich dir jetzt noch beim Einladen helfen soll, müssten wir jetzt los. Ich muss nämlich schnell nach Hause, mein Freund wartet mit dem Essen auf mich." - Klare Geste. Vielen Dank. Während ich zum Auto rollte und den Rolli verlud, stellte sich Tatjana demonstrativ zwischen mich und meine Mutter. Als ich dann mit dem Auto losfuhr, schob Tatjana meine Mutter mit den Worten: "So, und nun stehen wir hier auch nicht im Weg." zur Seite. Und tschüss. Für nächste Woche muss ich mir was einfallen lassen. Vermutlich läuft es auf eine einstweilige Verfügung hinaus. Es wird nie langweilig.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ich komme trotzdem

Seit über einem Jahr habe ich meine Eltern nicht gesehen. Meine Mutter war zuletzt in einem Krankenhaus, mein Vater ist aus Hamburg weggezogen. Ich weiß lediglich, dass sie sich getrennt haben. Zu meiner restlichen Familie habe ich auch keinen Kontakt mehr. Und es geht mir gut. Auch wenn es böse klingt: Ich vermisse sie nicht. Das, was ich zuletzt mit ihnen erlebt habe, war so schlimm, dass ich auf weitere Kontakte lieber verzichtet habe. Sie kennen auch meine neue Adresse und Telefonnummer nicht, lediglich die alte Handynummer ist ihnen noch bekannt.

Hin und wieder, insgesamt so 5 bis 7 Mal, schrieb meine Mutter mir eine SMS, die ich zwar gelesen, aber konsequent nicht beantwortet habe. In diesen SMS warf sie mir meistens vor, unsere Familie zerstört zu haben und verlangte, dass ich Verantwortung dafür übernehme. Sie wolle mich sehen. Aus den bisherigen Erfahrungen, die ich mit solchen Treffen gemacht hatte, kann ich sagen, dass das nach spätestens 30 Sekunden derart eskaliert ist, dass es für mich unerträglich wurde. Und mit Eskalation meine ich nicht, dass sie sich über unpolierte Schuhe aufregt, sondern derart elementare Vorwürfe macht, dass ich mich verbal erschossen fühlte.

Letzte Woche bekam ich mal wieder eine SMS. Der Text: "Habe jetzt so oft versucht, Dich per SMS zu erreichen und anders ja keine Möglichkeit. Verstehe nicht, wenn man so gern Kontakt möchte und an Deinem Leben interessiert ist, dass Du Dich dann nicht meldest. Ist es so schlimm, wenn man als Mutter Kontakt möchte? Nenn mir dann doch wenigstens den Grund, was ich Dir getan habe, damit man zur Ruhe kommt."

Argh!!! Wie ich derartige Texte hasse! Ich habe mich dann, ich weiß, es war blöd, dazu hinreißen lassen, folgenden Text zu antworten: "Nein, Mama, anders hast du keine Möglichkeit. Und das hat auch einen guten Grund. Was du nicht verstehst, ist, dass eine Freundschaft immer von zwei Seiten bestehen muss. Es reicht nicht, dass du Kontakt möchtest und an meinem Leben interessiert bist, ich muss es auch wollen. Ich bin ein vollwertiger und unabhängiger Mensch. Ich entscheide selbst, mit wem ich wann und wie oft Kontakt haben möchte. Und nein, es ist nicht schlimm, wenn du, egal ob als Mutter oder nicht, Kontakt möchtest, es ist jedoch schlimm, wenn du nicht akzeptieren kannst, dass ich es nicht möchte. Wir haben seit meinem Unfall so unterschiedliche Ansichten, dass wir nicht einmal für eine oberflächliche Beziehung zusammenkommen. Das ist der Grund. Und jetzt lass mich bitte endlich in Ruhe."

Danach passierte erstmal nichts. Bis gestern. Gestern abend war ich beim Schwimmtraining. Ich bin direkt vom Praktikum zum Training gefahren und war nach dem Training auf dem Weg zum Parkplatz (es hatte geregnet und war schon dunkel), als plötzlich jemand zwischen den Autos heraus mir entgegen kommt. Wer könnte es nach den letzten Absätzen anderes sein als meine Mutter?! Ich war alleine. Sie begrüßte mich nicht, sondern sprach mich direkt an, dass sie meine Antwort-SMS sehr verletzt hätte. Ich habe darauf bewusst gar nichts gesagt, sondern bin direkt zu meinem Auto gerollt. Sie fragte: "Willst du dazu nichts sagen?"

Ich antwortete: "Ich hatte dich gebeten, mich in Ruhe zu lassen. Stattdessen tauchst du hier unangemeldet auf und machst mir Vorwürfe. Ich möchte diese Gespräche nicht, und jetzt lass mich bitte in Ruhe. Ich hatte einen anstrengenden Tag, möchte nach Hause, essen und schlafen."

Sie erwiderte: "Unangemeldet? Muss ich mich jetzt schon anmelden? Bei deiner Sekretärin vielleicht? Und interessiert es dich überhaupt nicht, ob ich vielleicht mit dir sprechen möchte? Du denkst immer nur an dich. Anstrengender Tag! Du bist 20, was soll ich denn sagen? Ich bin in deinem Alter morgens zur Arbeit, abends nach Hause, Geld für den Bus hatten wir nicht, ich musste jeden Tag fünf Kilometer mit dem Rad fahren, und abends sind wir dann noch weggegangen. Armes hungriges Kind, fährt einen Mercedes und hat nichts zu essen, du bist echt zu bedauern."

Ich öffnete mein Auto, setzte mich auf den Fahrersitz, begann, meinen Rollstuhl zu zerlegen und zu verladen. Sie fragte, ob ich sie wenigstens zum Hauptbahnhof fahren könne. Ich sagte: "Nein." Und schüttelte den Kopf. Sie schimpfte: "Du tust mir weh mit diesem Verhalten! Ich bin deine Mutter! Hab ich nicht immer alles getan für dich? Ich habe dich großgezogen! Ich habe dich überall hingefahren, nachts irgendwo abgeholt, ich habe alles versucht, damit du eine schöne Kindheit hast. Ich bin ..."

"Mama? Kannst aufhören, kenn ich schon alles. Ich möchte keinen Kontakt zu dir. Akzeptier das. Mach aus mir meinetwegen das undankbare Kind, sei vorwurfsvoll, verstehe mich nicht - aber lass mich dabei wenigstens in Ruhe. Und hör auf, mir nachzustellen und hier unangemeldet aufzutauchen. Ich möchte nicht, dass du hier zum Training kommst und mich auf dem Parkplatz im Dunkeln abfängst." - "Anders habe ich ja keine Möglichkeit." - "Auch das ist keine Möglichkeit, denn ich möchte das nicht." - "Ich komme trotzdem."

Sonntag, 9. Oktober 2011

Grillen, Saunen, Lernen

Was für ein bescheidenes Wetter! Vor einer Woche sind wir nach dem Training noch am See grillen und im See schwimmen gegangen und haben uns bei 26 Grad Lufttemperatur wohlgefühlt, heute morgen gab es Schneeschauer. Brrr! Mein Auto hat jetzt Winterreifen drauf. Wenn ich damit zum Praktikum fahren muss, möchte ich nicht in irgendeine Versuchung kommen.

Heute war ich mit Jana in einer Therme mit Saunen rund 50 Kilometer nördlich von Hamburg. Jana hatte ihre Schwester und eine weitere Freundin dabei, ich hatte einen Kerl gefragt, der schon diverse Male darum gebeten hatte, beim nächsten Mal, wenn wir dorthin fahren, mitgenommen zu werden. Ich kenne ihn vom Sport, er ist selbst aber Fußgänger. Es war ganz lustig, und obwohl er überhaupt nicht mein Typ ist (und viel zu alt für mich), haben wir ziemlich heftig rumgeshakert und geflirtet. Wir waren zu fünft in der Sauna und schwimmen, ich habe von besagtem Kerl noch eine Massage bekommen und wurde zu einer Portion Pommes eingeladen - ich glaube, er fand mich toll.

Ab morgen früh hat mich der Alltag wieder. Inzwischen weiß ich, wie man einen künstlichen Darmausgang pflegt und wo der Unterschied zwischen einem Kolostoma und einem Ileostoma ist. Bei einer Patientin Anfang 30 darf ich morgen früh selbst Hand anlegen, nachdem ich mehrmals beim Platten- und Beutelwechsel zugucken durfte. Ich freu mich schon...

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Behindertenwitze

Ich habe eine politisch unkorrekte Leidenschaft. Ich sammel Behindertenwitze. Die, die ich kenne, stehen hier, die, die ich noch nicht kenne, postest du bitte als Kommentar! Vielen Dank!

Schlechter Mensch

Ich weiß nicht, warum ich zu Fuß unterwegs bin. Mir fällt auch erst an der Ampel ein, dass ich gar keinen Rollstuhl dabei habe. Ich stehe an einer Fußgängerampel am Schulterblatt (so heißt eine Straße im Bezirk Sternschanze), will auf die andere Seite, zur Sparkasse. Weit und breit ist kein Auto, aber die Stinkesocke ist ja brav und wartet auf grün. Auch wenn sie gerade von der Polizei verfolgt wird und die beiden Uniformierten immer dichter kommen. Ein seltsames Katz-und-Maus-Spiel.

Dann endlich wird die Ampel grün. Drüben, am Geldautomaten, klicken die Handschellen. Die Polizisten lassen den Beweis, dass ich gerade mit meiner Karte Geld abhebe, nicht gelten, sondern glauben trotzdem, dass ich kurz zuvor eine Bank überfallen hatte. Ich muss mit. Zum Glück sind wir drei ganz alleine auf dem Schulterblatt, so dass niemand diese peinliche Situation miterlebt: Stinkesocke wird zu Fuß von zwei uniformierten Bullen wie eine Sau durch die Schanze getrieben.

Ich hoffte, niemand würde merken, dass ich in Wirklichkeit einen Rollstuhl brauche. Wie sieht denn das aus, wenn eine junge Frau mit Behinderung sich einfach mal so erlaubt, ohne ihren Rollstuhl von zu Hause loszugehen! Unseriös, oder?! Und Unseriösität ist das, was ich im Moment am wenigsten gebrauchen konnte. Denn irgendwie musste ich die Polizei gerade davon überzeugen, dass ich nicht die bin, die sie suchen.

In Wirklichkeit ging es gar nicht um einen Bankraub. Die beiden Uniformierten brachten mich zu einem Schrebergarten. Ich habe keine Ahnung, wieso wir plötzlich dort waren, aber das war eindeutig der Schrebergarten meiner Großeltern. Die waren aber nicht da, sondern eine Kriminalbeamtin und ein Kriminalbeamter, der sich mit mir unterhalten wollte. Die Holzhütte, die sonst hinteren Drittel des Gartens stand, stand jetzt direkt am Eingang hinter der Hecke. Sie war abgebrannt und plötzlich wusste ich wieder: Ich hatte sie angesteckt.

Ich weiß nicht warum. Aber ich wusste, dass ich es gewesen bin. Wie, ob mit Benzin oder mit irgendwelchen festen, leicht brennbaren Stoffen, davon habe ich auch keine Ahnung. Auch nicht, wann es war. Ich wusste nur: Ich habe das Ding angezündet. Ob ich besoffen war, was mich geritten hat - ich weiß es nicht. Diese Hütte sah alles andere als verbrannt aus, ich traute mich auch nicht zu fragen, warum das so war. Vielleicht würde ich damit Täterwissen preisgeben. Lieber schweigen. Und überhaupt: Die Sache mit dem fehlenden Rollstuhl war ja auch noch. Höchstverdächtig.

Der Kriminalbeamte ahnte auch etwas. Oder vielleicht auch nicht. Ich konnte ihn nicht einschätzen. War er ein bißchen dumm? Oder stellte er sich dumm, um mich aus der Reserve zu locken? Ich war die Täterin. Ich wusste das. Er auch? Warum hatten die mich eigentlich festgenommen? Sollte ich wirklich nur Hinweise geben? Fragen über Fragen, die ich lieber gar nicht erst stelle.

In der Hütte war ein Mensch verbrannt. Ein Obdachloser hatte dort gepennt. Scheiße. Mir wurde klar, ich hatte einen Menschen auf dem Gewissen. Aber die Chancen, dass dieser Kriminalbeamte das nicht merkt, standen gut. Oder tat er doch nur so? Und was, wenn sie keinen Täter finden würden? Sie würden doch Jahre lang ermitteln und ich würde immer und immer mit der Angst leben müssen, gleich für 15 bis 30 Jahre ins Gefängnis zu müssen. Mir wurde kalt.

Ich versuchte, eine Miene zu machen, die jemand macht, der gerade erfahren hat, dass hier ein Mensch getötet wurde. Aber wieviel Anteil nimmt jemand, der mit der ganzen Sache nichts zu tun haben will? Schwierige Aufgabe.

"Du bist so eine Sau", sagte die Kriminalbeamtin. "Hmmmm, lecker. Das wollte ich schon immer mal haben." Sie kiecherte. War die nicht ganz frisch? Oder war das Taktik? Wie sollte ich sie anschauen? Irritiert? Selbstsicher?

"Jule!", rief sie mich. Und lachte. Die war wirklich nicht ganz bei Trost. Sie stand plötzlich neben mir und schob mich ein Stückchen weiter. Ich stand in einem Beet, in dem Leute im weißen Papieranzug (wo kamen die denn plötzlich her?) Fußspuren sicherten. Oh nein! Hatte ich gerade unfreiwillig Vergleichsspuren geliefert?

"Frollein Stinkesocke! Hör auf zu träumen! Du liegst nicht in der Karibik und lässt dich von der Sonne bräunen, sondern..." - Sie sprach nicht weiter, sondern lachte schon wieder. Statt 'Stinkesocke' hatte sie meinen Nachnamen gesagt, den ich hier natürlich nicht so wiedergebe. "Ich glaub das alles nicht. Jule!!!" Jemand rüttelte fest an mir.

Ich schreckte hoch. Richtete mich auf. Neben dem Bett stand mein Rollstuhl. Zum Glück war er noch da. Die Decke war weg. Und Cathleen lag neben mir und gackerte wie ein Huhn. Und alles war patschnass. Ich schob mein Kissen nach oben, um zu retten, was noch zu retten war. War ich das gewesen? Der Raum um mich herum begann sich zu drehen. Ich war total neben der Spur. Dieser Alptraum war die eine Sache, aber wieso war mir dabei ein Menschenleben so egal?! Krass!!! So bin ich nicht und so will ich auch nie sein. Ich war völlig mitgenommen. Ich fing an zu weinen.

Cathleen kiecherte immernoch, nahm meinen Kopf in den Arm und drückte ihn an ihre Schulter. "Wenn du jetzt wegen der Sauerei hier anfängst zu heulen, kriegen wir beide ernsthaften Streit. Das sag ich dir." - Ich schüttelte den Kopf. "Ich hab so scheiße geträumt. Ich hab ne Hütte angezündet, in der ein Obdachloser lag. Ich weiß überhaupt nicht, was das sollte. So ein Scheiß. Ich war ohne Rolli unterwegs und die haben mich verhaftet und ich hab die ganze Zeit versucht, nicht aufzufallen und irgendwie wussten die aber doch, dass ich das war und ... ach was für eine Kacke!"

"Kacke zum Glück nicht", erwiderte Cathleen und streichelte mir über den Kopf. - 'Du dumme Kuh, mach dich noch über mich lustig', dachte ich mir. "Wieso liegst du überhaupt in meinem Bett?" fragte ich sie. "Und wieso steht hier ein Spuck-Eimer neben meinem Bett? Und wieso ist es schon halb neun? Ich muss doch um halb fünf aufstehen!"

"Erinnerst du dich nicht?" fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. "Du hast die heute nacht die Seele aus dem Leib gekotzt. Du hast irgendwas gegessen, was du nicht vertragen hast. Vermutlich. Oder zu viel Stress gehabt oder sonstwas. Nach dem zwanzigsten Mal haben wir deine Ärztin angerufen. Die kam vorbei, hat dir was gespritzt und meinte, du würdest danach schlafen wie ein Baby. Es sollte aber jemand bei dir bleiben. Frank hat heute nacht deine Krankmeldung für heute gefaxt und gesagt, ich soll den Wecker ausstellen, du schläfst heute aus."

Ich weiß nichts mehr davon. Dass ich gekotzt habe, ja. Daran kann ich mich erinnern. Wir waren mit ein paar Leuten beim Brasilianer. Möglich, dass ich dort irgendwas nicht vertragen habe. Ja, ich hatte gekotzt und ja, es war ziemlich heftig. Zum Schluss kam nur noch Magensäure. Lecker. Und mein Kopf dröhnte. Irgendwann muss mich jemand ins Bett gebracht haben. Ich habe irgendein Teufelszeug in die Vene gespritzt bekommen, danach war wohl schlagartig Ruhe. Dass meine Ärztin bei mir war, daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Aber es muss heftig gewesen sein, denn als ich eben niesen musste, tat mein Schulter-Nacken-Bereich extremst weh (Muskelkater).

Inzwischen geht es mir wieder blendend. Bißchen müde noch, beim Niesen Muskelkater... aber sonst? Der Alptraum war gemein. Irgendwie habe ich, glaube ich, seit über vier Monaten keinen mehr gehabt. Und ich hoffe, ich bin nur in meinen Träumen so ein schlechter Mensch. Unglaublich.

Montag, 3. Oktober 2011

Arsch für alles

Die obszöne Wortwahl der Überschrift wäre nicht meine, fühlte ich nicht zum Ausdruck bringen zu müssen, wie mich eine aktuelle Sache so derbst ankotzt, dass jede sittliche Formulierung unangepasst wäre.

Es geht um den Chef der Sportabteilung eines Vereins, der sich seit Jahren sprichwörtlich den Allerwertesten aufreißt, um Hamburgs Rollisportlern einen organisierten Rahmen und damit vor allem die nötige Kohle zu verschaffen. Er selbst verdient mit seiner Arbeit keinen Cent, macht selbst aus gesundheitlichen Gründen keinen Sport (mehr) und ist vor allem bei den jüngeren Leuten sehr beliebt. Ich habe kaum mit ihm zu tun, aber: Auch ich mag ihn sehr.

Ich weiß nicht, was ihn so beliebt macht, er hat einfach eine Art, die besonders bei jüngeren Leuten ankommt: Er nimmt dich einerseits völlig ernst, gibt andererseits dem ganzen aber einen völlig trivialen Rahmen. Nicht im Sinne von geistlos oder flach, sondern in dem Sinne, dass er es schafft, insbesondere unsicheren und überforderten Menschen jede innere Anspannung zu nehmen. Er steht dir gegenüber, sagt zwei Sätze und du weißt: Er hat mein Problem sofort verstanden, er versteht, wie schwerwiegend es ist und hat auch keine sofortige Lösung (das würde sich ja auch mit der Schwere des Problems widersprechen), aber er lässt dich nicht im Stich und hilft dir so lange, bis du deine Lösung gefunden hast.

Das ist schwer zu erklären, aber ein Beispiel (von vielen) ist: Ein auf das schwerste körperlich eingeschränktes Mädchen (Spastikerin) kommt mit 13 zu ihm und will alleine Rollifahren und Schwimmen lernen. Lehrer, Physio etc. haben es aufgegeben und raten zum Elektrorolli und zu Schwimmhilfen (Bauchgurt, Halskrause). Die Eltern folgen dem Rat. Das Mädel ist völlig schüchtern und traut sich selbst überhaupt nichts zu, kann aber auch nicht mal koordiniert sprechen (geschweige denn laufen, greifen etc.). Ist intellektuell aber altersgemäß entwickelt, besucht das Gymnasium (hat aber selbst im Unterricht ständig persönliche Assistenz). Ich habe anlässlich des 18. Geburstages dieser jungen Frau eine Videodokumentation des Vaters gesehen. Dieser Chef unserer Sportabteilung trifft sich seit fünf Jahren regelmäßig, nahezu wöchentlich, mit diesem Mädchen bzw. dieser jungen Frau und übt mit ihr (und anderen), wie sie im Alltag zurecht kommen kann. Abseits oder verflochten mit dem Sportprogramm. Bringt ihr Rollifahren bei, bringt ihr Schwimmen bei und sagt immer wieder: Ich habe keine Antwort auf das, was dein Körper da macht, aber ich bleibe so lange bei dir, bis wir eine gefunden haben. Probiert alles mit ihr aus, was ihr helfen und nützen könnte und gibt ihr über Jahre immer wieder die mentale Motivation, die unmöglichsten Dinge auszuprobieren und ... zum 18. Geburtstag schafft diese junge Frau ihr erstes Schwimmabzeichen. Was sonst Mädchen mit 5 oder 6 Jahren machen, schafft sie mit 18. Nachdem er 5 Jahre mit ihr in seiner Freizeit und ohne jedes Entgelt geübt hat.

Der Typ, über den ich unter anderem in meinem Post "Komm, tanz mit mir" bereits erzählt hatte, hat mit seiner Politik den Hamburger Rollisport in den letzten drei, vier Jahren unheimlich gepusht. Seit es ihn gibt, gibt es wieder eine ausgeglichene Haushaltslage, der Etat hat sich verdreifacht, ... ich will nicht mehr erzählen, denn vieles weiß ich selbst nur aus Erzählungen. So lange bin ich ja noch nicht dabei. Ich bin jedenfalls der Meinung, so ein Mensch verdient dafür großen Respekt.

Vor etwa einem Jahr hat jener Chef gehörigen Streit mit einer Trainerin gehabt, die wohl sehr engagiert war, sich diese Arbeit aber gleichzeitig gut bezahlen lassen wollte. Die im Ehrenamt üblichen Aufwandsentschädigungen (und unser Verein ist dabei verhältnismäßig großzügig) reichten ihr nicht und als alles tricksen und diskutieren nichts nützte, kehrte sie dem Verein den Rücken. Er sagte damals, es sei schade, eine fähige Kraft zu verlieren, aber ihm sei wichtiger, dass er auch jenen Mitgliedern noch ins Gesicht schauen könne, die sich ihren Mitgliedsbeitrag von jenem Taschengeld abzweigen, das sie im Pflegeheim bekommen. Hut ab für so eine Haltung, kann ich da nur sagen.

Aktuell soll er nun eine weitere Mitarbeiterin gefeuert haben, die ebenfalls sehr engagiert war, dabei aber zunehmend eigenmächtig gehandelt haben soll. Es gibt wohl ein Dutzend dokumentierte Fälle, in denen diese Mitarbeiterin sich über ihn hinweg gesetzt haben soll. Insbesondere soll sie wiederholt versucht haben, finanzielle Vorgaben dadurch zu kippen, dass sie Mitglieder (bzw. Eltern) gegen ihren Chef mobilisiert hat, zum Teil mit halben oder falschen Darstellungen. Der Gipfel waren wohl Streitigkeiten mit einem Vereinssponsor, die sie wegen einer Belanglosigkeit (Prinzipienreiterei) angezettelt hatte, so dass der Sponsor kündigte und ihr (gescheiterter) Versuch, über einen fingierten Vorschlag ihre Ehrung durch einen Fachverband zu erwirken. Ich weiß nicht, was davon stimmt. Man labert halt.

Aber eben, und das ist, was mich ankotzt, nicht mit ihm, sondern über ihn. Man kennt keine Inhalte, man weiß nicht, worum es geht, aber man beteiligt sich an Spekulationen, fällt Vorurteile und lästert. Die gefeuerte Mitarbeiterin versucht, Mitglieder, Eltern und andere Mitarbeiter gegen ihren bisherigen Chef zu mobilisieren. Ob er sich was vorzuwerfen hat, weiß ich nicht (und ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen), aber ich habe es im Gefühl: Wenn sich da nicht ganz schnell ein paar Leute darum kümmern, dass dieser Vorgang aufgearbeitet wird und ihm ganz gehörig von verschiedenen Seiten der Rücken gestärkt wird, dann wird dieser Mann als "Arsch für alles" das Handtuch werfen.

Ich weiß, dass wir damit nicht nur einen Guten verlieren würden, sondern dass wir damit eine Lücke reißen, die in den nächsten Jahren nicht zu schließen sein wird. Das aktuelle Verhalten einzelner, zum Teil leider einflussreicher Sportlerinnen und Sportler empfinde ich als eine schallende Ohrfeige für den gesamten Hamburger Rollstuhlsport. Informiert euch, bevor ihr den Mund aufmacht. Und dann redet miteinander und nicht übereinander. Und lasst euch, herrje, nicht instrumentalisieren, sondern bildet euch endlich eine eigene Meinung. Stellt die richtigen Fragen, wenn ihr etwas wissen wollt, und fresst nicht jede Scheiße, die euch jemand in böswilliger Absicht vorsetzt.

Eine Woche Innere

Meinen letzten Monat Praktikum mache ich auf der Inneren. Gastroenterologie, um genau zu sein. Ich muss dafür zwar ganz an den Hamburger Stadtrand fahren und bin für eine Strecke mit dem Auto 45 Minuten unterwegs, dafür bin ich in der Klinik jenes Profs gelandet, der mir bereits die Empfehlung und damit den Zugang für das Studium gegeben hat. Im Alltag sehe ich ihn persönlich zwar so gut wie nie, aber trotzdem ist es dort mindestens 200 Mal besser als auf den bisherigen Stationen. An den ersten zwei Tagen bin ich zwar die ganze Zeit nur einer Schwester hinterher gerollt und durfte nichts machen (außer zugucken), aber inzwischen ist das völlig anders. Ich muss das Essen mit austeilen (aber zu zweit mit einer examinierten Schwester, denn es geht nicht nur darum, die Leute mit Essen zu versorgen, sondern auch gleichzeitig zu schauen, ob alles in Ordnung ist - und das war auf meiner ersten Station auch ganz anders), muss zwischendurch Getränke verteilen, muss organisieren, dass die Patienten zu ihren Untersuchungen kommen (Fahrdienst bestellen, an Termine erinnern etc.), dann jede Menge Botengänge, darf bei der Pflegevisite mitrollen (also wenn Fieber gemessen wird und Blutdruck und Puls etc. und muss das alles eintragen) und hatte am Freitag sogar die Möglichkeit, zwei Mal zwei Stunden in der Endoskopie dabei zu sein.

Die ersten beiden Stunden hat mir der Internist erklärt, was er da tut und was er da sieht und ich durfte, als bei den einzelnen Spiegelungen Proben entnommen wurden und dafür eine Biopsiezange durch das Endoskop geführt wurde, diese Zange auf Kommando etliche Male öffnen und schließen (dafür braucht es eine dritte Hand und sonst macht das die Assistentin) und anschließend die Gewebeprobe in solche Röhrchen füllen und das Röhrchen mit Etiketten bekleben, ein Kärtchen nach Ansage ausfüllen und alles zusammen in einen Umschlag packen. Die nächsten zwei Stunden saß ich neben der Narkoseärztin und bekam erklärt, was sie da alles macht und auch das war unheimlich spannend. Ich musste später die Fingerklemme, die Puls und Sauerstoffsättigung misst, an- und ablegen und Stauschlauch, Kanülen, Spritzen etc. bereit legen und alles mitschreiben, was an Medikamenten gegeben wurde. Das waren in aller Regel zwei, nämlich Propofol (das ist das Zeug, an dem Michal Jackson gestorben sein soll) zum Schlafen und Dolantin wenn jemand Schmerzen hatte (die meisten der Patienten hatten chronische Darm-Erkrankungen). Ich fand das unheimlich spannend und die vier Stunden kamen mir am Ende wie 10 Minuten vor. Ich darf nächste Woche noch einmal dorthin und ... freu mich heute schon!

Sonntag, 2. Oktober 2011

Falsche Freunde

Echte Freunde von falschen Freunden zu unterscheiden, sollte eigentlich nicht schwer fallen. Ein ganz wichtiger Anhaltspunkt sind mit Sicherheit die Intensität und die Tiefe der freundschaftlichen Beziehung. Mit Intensität meine ich dabei nicht, wie oft man miteinander kommuniziert, sondern eben wie intensiv. Und was ich mit Tiefe meine, ist eigentlich auch klar. Bestehende Freundschaften kann ich also nach diesen beiden Anhaltspunkten bewerten und mir dann schon ziemlich sicher sein, woran ich bin.

Anders ist es freilich bei jungen, neuen, frischen Freundschaften. Diese können sofort sehr intensiv und tiefgründig sein, jedoch merke ich etwas später, dass die Wellenlänge nicht stimmt oder meine neue Freundin oder mein neuer Freund so derart andere Ansichten und Einstellungen hat, dass sich eine weitere freundschaftliche Beziehung ausschließt. Insbesondere, wenn mich meine Menschenkenntnis verlässt und ich mich mit Menschen eingelassen habe, von denen ich dachte, sie meinen es ehrlich, bin ich enttäuscht. Und manchmal ärgere ich mich auch über mich selbst, so blind gewesen zu sein, hat es doch meistens diverse Anzeichen gegeben, die ich einfach ignoriert oder zumindest nicht ernst genommen habe.

So hat am letzten Wochenende eine lange angekündigte Veranstaltung vom Sport stattgefunden, bei der es ganz wesentlich darum ging, Sponsoren und Unterstützer zu bespaßen. Mein Sport ist gehörig auf nette Menschen mit gut gefüllten Konten angewiesen, um überhaupt bestehen zu können. Ich weiß, nicht jede(r) in meinem Alter denkt so, aber ich bin trotzdem der Meinung: Wenn uns da jemand unterstützt, dann schaffe ich es doch wohl, einmal im Jahr meinen Arsch zu einer Veranstaltung zu bewegen und da ein paar Stunden das Glücksrad zu beaufsichtigen oder interessierten Typen, zumeist im höheren Alter, die Technik eines Rennrollstuhls zu erklären. Und natürlich lächel ich und bin nett und zieh mich hübsch an und shaker bißchen mit denen, die mir sonst zu schmierig wären, kletter mit einer Horde anhänglicher Kiddis eine halbe Stunde auf die Hüpfburg und schminke ihnen anschließend ein paar lustige Fratzen ins Gesicht.

Um wieder zu der Enttäuschung zu kommen, von der ich einen Absatz vorher geschrieben habe: Da ist auch ein relativ frisch mit mir (und übrigens auch mit Cathleen und Simone) befreundetes Pärchen eingeteilt. Sie ist Rollifahrerin und macht Sport, allerdings in einer anderen Leistungsklasse als ich, er betreibt als Fußgänger Triathlon. Beide wurden gefragt, ob sie bei der Veranstaltung helfen, beide haben zugesagt. Eine Woche vorher fiel ihnen allerdings ein, dass sie doch lieber eine Grillparty machen wollten und sagten nicht nur entsprechend kurzfristig ihre Hilfe ab, sondern luden auch noch diverse andere Leute, die bei der Veranstaltung helfen sollten, zu ihrer parallel stattfindenden Party ein. Eine Frechheit, wie ich finde. Es hat im Vorwege einigen Krach gegeben, die beiden stellten sich aber auf den Standpunkt, dass man ihnen eine private Party nicht verbieten könnte. Cathleen, Simone und ich wollten keinen Streit und haben gesagt, dass wir später, wenn die Veranstaltung vorbei ist, vielleicht noch kurz bei der Party vorbei schauen, allerdings auch nicht lange bleiben können, da wir am nächsten Morgen wieder früh aufstehen müssten.

Wir waren trotzdem eingeladen. Und dann war da noch die Sache mit dem Geschenk: Die beiden haben ein Haus gekauft, das sie nun umfangreich renovieren. Unter anderem soll die Einfahrt neu gepflastert werden und sie wünschen sich von ihren Gästen als Mitbringsel zu der Party keine Getränke, kein Essen, keine Blumen oder ähnliches Gedöns, sondern: Gehwegplatten. Sie fänden das eine gute Idee, denn sie brauchen soooo viele und können bzw. wollen sie nicht alle schleppen. Sie haben kein Auto und wenn jeder so fünf bis zehn mitbringt, verteilt sich die Last auf viele Hände. Die Artikelnummer wurde per Mail kommuniziert, der Preis von 10 Platten lag irgendwo bei 15 Euro. Aber: Eine Platte wiegt rund 25 bis 30 Kilogramm. Schleppe ich als Rollstuhlfahrerin auch nur eine solche Platte?! Nein.

Also haben sich Cathleen, Simone und ich überlegt und auf Rat von Simones Papa eine Kelle, einen Gummihammer und eine Wasserwaage besorgt. Vernünftiges Zeug, keinen Schrott aus dem Baumarkt. Frank hat in der Familie einen Bauunternehmer und der hat das für uns bestellt. War auch nicht ganz billig, er meinte aber: Wenn es falsch oder doppelt ist, kauft er uns das wieder ab. Ich fasse es kurz: Was an dem Abend noch als gute Idee ankam, bekam ich vorgestern von einer Mitbewohnerin meiner WG, die diese Leute gar nicht kennt und in diese Sache überhaupt nicht einbezogen war, lauwarm noch einmal vorgesetzt. Über uns werde getratscht. Die Gastgeberin der Party erzähle überall herum, dass wir drei nur vorbeigekommen wären, um uns dort vollzufressen. Wir hätten nichts zu Essen mitgebracht und seien sofort nach dem Essen wieder abgehauen. Auf solche Freunde wie uns könne sie verzichten.

Okay, dann sind wir uns für die Zukunft ja einig.