Samstag, 24. September 2011

Unterhosen und Feuer

Ob ich künftig damit rechnen muss, dass mir ein Mitbewohner die Unterwäsche aus der Waschmaschine klaut, um sich darin oder damit zu befriedigen, konnte mir seit meinem Eintrag "Nicht kopfgesteuert" niemand so richtig sagen. Auf jeden Fall sieht ein entspanntes Zusammenleben anders aus: Bei jedem verlegten Kleidungsstück wird künftig sofort der Verdacht bestehen, derjenige Mitbewohner hätte es gemopst. Oder gerade unter seine Jeans gezogen...

Ich weiß, es ist eine ernste Sache und darüber macht man keine Späße. Frank hat dem Bewohner eine Abmahnung erteilt und sich so für einen Kompromiss zwischen Ignorieren und Rauswerfen entschieden. Die klare Ansage war: Noch so ein Ding und du fliegst raus. Such dir Hilfe. Und die übrigen Bewohner: Gebt ihm eine zweite Chance.

Die hätte er länger nutzen können als er es letztlich getan hat: Am Montag dieser Woche hat er, wie er später zugab, einen Stapel Zeitungspapier in den Flur gelegt, angezündet und sich dann zwei Räume weiter schlafen gelegt. Oder so getan als ob. Noch bevor ein Rauchmelder losging, bemerkte ein anderer Bewohner eher durch Zufall das Feuer und schlug es mit einem Pullover aus. Außer einem angesengten Pullover, verkohltem Zeitungspapier und etwas Brandgeruch ist nichts passiert. Achso, doch: Der Übeltäter wurde noch am selben Abend von Sofie an den Kinder- und Jugendnotdienst übergeben. "Gefeuert", sozusagen. Sein Vater tauchte am nächsten Morgen bei Frank auf, entschuldigte sich für seinen Sohn und sagte, die Familie plane, mit ihm 14 Tage Urlaub in Bayern zu machen, damit er mal auf andere Gedanken käme. Ob das Jugendamt dem zustimmt, weiß ich nicht, ist mir auch egal, ich bin froh, dass das ein Ende hat.

Wäre das Feuer nicht entdeckt worden, hätte vermutlich die Zeitung weitergebrannt, der Rauchmelder wäre ausgelöst und ... der Rest wäre nicht brennbar gewesen. Fliesen, Wände, Glastüren - vermutlich überschaubar. Anders sieht es, auch darüber schrieb ich bereits unter "Behinderte Schweine", in einem nagelneuen barrierefreien Wohnhaus aus, in das vier Leute, die ich vom Sport kenne, eingezogen sind: Das Haus sei eine Feuerfalle schrieb die lokale Presse vorgestern und alle Ämter und Behörden (von der Feuerwehr mal abgesehen) zeigten sich überrascht. Warum wundert mich das eigentlich nicht?

Freitag, 23. September 2011

Hättest du doch bloß

Ist schon doof. Ich weiß. Ich möchte öfter schreiben, aber ich bin im Moment so eingespannt - Wahnsinn. Das wird auch noch mindestens einen Monat so weitergehen. Ich bin noch immer mit meinem Pflicht-Pflege-Praktikum beschäftigt. Inzwischen habe ich einen weiteren Monat rum und darf noch ein weiteres Mal wechseln. Offiziell, weil ich gerne einmal bei jemandem Blutdruck gemessen haben möchte, bevor ich mein Studium anfange, inoffiziell, weil es mir in der Psychiatrie zu krass ist.

Nein, nein, ich habe weder meine Haare abgeschnitten noch beiße ich meine Fingernägel kurz oder entwickle irgendwelche Ticks, aber meine Freundinnen und Freunde empfehlen mir bereits nachdrücklich, lieber heute als morgen dort rauszukommen. "Das tut dir nicht gut", habe ich inzwischen mehrmals gehört. Ein einschneidender und mich völlig überfordernder Hammertag war in der letzten Woche.

Man muss dazu wissen, dass es sich bei den vier Stationen, auf denen ich im Wechsel arbeite, um offene Stationen der Kinder- und Jugendpsychiatrie handelt. Offen heißt: Die Kinder und Jugendlichen dürfen zu den normalen Tageszeiten das Gebäude verlassen, so oft und so lange sie wollen, sie müssen sich nur ab- und wieder anmelden. Therapie- und Gruppentermine müssen sie zwar einhalten, aber insgesamt erinnert auch der Aufbau der Stationen eher an eine betreute WG als an ein Krankenhaus. Suchtprobleme, Psychosen, überhaupt Erkrankungen, für die es mehr als Psychotherapie braucht, werden auf diesen Stationen nicht behandelt. Die meisten Patienten haben Essstörungen, Angststörungen, somatoforme Störungen, Belastungsreaktionen, Probleme im Elternhaus, Schulprobleme, ... wobei man das nicht unterschätzen darf. Da geht es teilweise schon richtig heftig zur Sache.

Das Gebäude ist barrierefrei, es gibt sogar eine Rollstuhlfahrerin mit Spina bifida auf einer Station. Allerdings hat man bei der Planung des Gebäudes nicht damit gerechnet, dass auch mal Mitarbeiter im Rollstuhl sitzen könnten. Da ich nicht unbedingt auf die (Kinder-) Patiententoiletten gehen möchte, muss ich zum Pinkeln in den Keller fahren. Dort gibt es eine barrierefreie Toilette für Mitarbeiter. Eigentlich ist das WC direkt unter einer Station, auf der ich arbeite, aber der einzige barrierefreie Weg dorthin führt durch den Verwaltungstrakt, wo ein Aufzug in den Keller fährt, durch mehrere Türen, die nach Feierabend der Bürodamen natürlich verschlossen sind. Aber ich habe einen Schlüssel bekommen und muss nun jedes Mal, wenn ich zum Klo muss, vier Türen vor mir auf- und hinter mir zuschließen, die Klotür nicht mitgezählt. Es gibt schlimmeres - das alles ist so gut planbar, dass ich, wie auch zu Hause, immer so rechtzeitig zum Klo komme, dass ich während der Arbeitszeit keine Windeln brauche. Hat den Vorteil, dass ich die gestellte Kleidung anziehen kann und mir keine Gedanken darum machen muss, was denn da möglicherweise am Rücken aus der Hose schaut und mit Sicherheit zur allgemeinen Belustigung der teilweise ohnehin schon unausstehlichen Patienten beitragen würde.

Letzte Woche, es war der Hammertag, war es kurz vor dem gemeinsamen Abendessen. Ich machte mich auf den Weg zum Klo, rolle im Keller aus dem Aufzug und habe mir, da ich den Weg inzwischen kenne, abgewöhnt, extra die Festbeleuchtung einzuschalten. Die Notbeleuchtung reicht mir zur Orientierung. Ich rolle durch die Flure und bin kurz vor dem Klo, nehme die letzte Ecke und kann gerade noch verhindern, dass ich über etwas falle, was dort an der Erde liegt. Drei Gedanken schossen mir bei Anblick des Umrisses durch den Kopf: 1. Da liegt jemand, 2. da hat sich jemand hingelegt und will dich erschrecken, 3. da hat jemand eine Puppe hingelegt und verarscht dich. Dass mein Herz augenblicklich bis in den Hals klopfte und ich zittrig wurde, muss ich, glaube ich, nicht erwähnen. Ich drehte mich um, rollte zum Lichtschalter.

Ein Mädel von der Station, auf der ich mittwochs bin, lag dort, hatte sich wohl an die Wand gelehnt und war bis auf die Erde runtergerutscht. Die Augen geschlossen, das Shirt halb vollgekotzt, Kopf abgeknickt und Kinn auf der Brust, sah aus als hätte sie sich bis zur Bewusstlosigkeit besoffen. Ich sprach sie an, rüttelte fest an ihrer Schulter, bekam aber keine Reaktion. Immerhin atmete sie, wenn auch recht flach. Ich ließ mich aus dem Stuhl auf die Erde fallen, schnappte sie am Hemdkragen, zog sie von der Wand weg, legte ihren Kopf auf die Erde und drehte sie auf die Seite. Und damit es richtig eklig wird: In dem Moment lief mir mindestens ein halber Liter Kotze entgegen. Es roch nicht säuerlich, sondern süßlich und war alles andere als lecker. Ich bekam sie in die stabile Seitenlage und ihr Gesicht aus der Kotze, dann wollte ich mit dem Handy auf der Station anrufen, nur leider war kein Empfang. Der Notrufversuch mit dem Handy scheiterte ebenfalls am fehlenden Empfang.

Als nächstes pinkelte ich mir erstmal in die Hose. War ja schließlich noch nicht genug Sauerei auf dem Fußboden. Meine gelähmte Blase war in dem Moment allerdings das kleinste Problem. Ich musste dringend Hilfe holen. Brüllen half nichts, obwohl ich direkt am Treppenaufgang zur Station war, hörte mich niemand. Ich wollte nicht minutenlang durch den Verwaltungstrakt zurückfahren und das Mädel so lange alleine lassen. Im Rolli-WC war ein Notruf installiert, das sollte doch erheblich schneller gehen. Ich krabbelte wieder in meinen Rolli, düste um die nächste Ecke und glaubte fast an ein Déjà-vu, nur dass diesmal das Licht schon leuchtete: Dort lag die nächste Patientin. Zwischen etlichen Tablettenpackungen, einer blutigen Schere, Wodka, Kotze, Blut, halbnackt. Lag auf dem Rücken, hatte die Augen weit offen, sagte auch keinen Piep. Und atmete, soweit ich es auf die Schnelle aus dem Rolli heraus feststellen konnte, nicht. Wie ich später erfuhr, hatten sich die beiden überlegt, zusammen Schluss zu machen.

Ich ließ sie liegen, wollte erstmal zum Klo, zum Notruf. Natürlich fiel mir in der Aufregung dann noch zweimal der Schlüssel aus der zitternden Hand und als ich endlich drin war, war dort nur eine Strippe, die aber hochgebunden war. Diese Unsitte der Putzleute hasse ich wie die Pest!!! Man konnte den Notruf über eine Taste neben der Tür ausschalten, aber nicht auslösen. Das ging nur über die Strippe neben dem Klo und die war in ungefähr 180 Zentimeter Höhe über einem Mülleimer. Ich überlegte, ob es sinnvoller wäre, erst Hilfe zu holen (das würde immerhin mindestens 4 bis 5 Minuten dauern) oder erstmal die zweite Patientin zu beatmen. Wie ich mich entscheiden würde, es war auf jeden Fall falsch. Ich entschied mich, Hilfe zu holen, denn ich wusste nicht, wie lange die Leute da schon lagen und wie es um die erste Patientin stand und ob die möglicherweise auch schon lange Zeit zu wenig atmete. Eine schwierige Enscheidung, über die ich mir bereits einige Nächte den Kopf zerbrochen habe.

Auf dem Weg zurück zum Aufzug kam ich an einem Feuermelder vorbei. Ich nahm mein Schlüsselbund, schlug die Scheibe ein und drückte den Alarmknopf. Im selben Augenblick gab es ein ohrenbetäubendes Gepiepe auf dem Flur, sämtliche Türen fielen zu. Und zwar die Tür in Richtung Aufzug und die Tür in Richtung der beiden Patienten. Ich machte mich wieder auf den Weg zu den Patientinnen und schaffte es auch im dritten Anlauf, die schwere Tür so weit aufzustoßen, dass ich hindurch fahren konnte. Ich konnte sehen, dass sich bei der ersten Patientin nach wie vor der Brustkorb bewegte, hören konnte man bei dem Lärm nichts. Ich ließ mich neben der zweiten Patientin eher unkontrolliert (weil schnell) aus dem Stuhl fallen, schürfte mir dabei an der Wand noch schön den Oberarm auf. Das Mädel atmete nicht und ich konnte auch keinen Puls tasten. Ich versuchte, sie zu beatmen und versuchte auch eine Herzmassage, allerdings gestaltet sich das, wie ich schon aus den Ersthelferkursen weiß, im Sitzen neben dem Patienten immer sehr schwer. Es bringt etwas, sich auf die eigenen Füße zu setzen, um eine etwas erhöhte Position zu haben, allerdings ist dann der Wechsel zwischen Beatmen und Herzdruckmassage aufwändiger.

Zwei Mal beatmen, 30 Mal Herzdruckmassage. Und darauf achten, dass meine blutende Oberarmwunde nicht mit ihrem Blut (sie hatte an den Armen herumgeritzt) in Berührung kommt. Oder andersrum. Schweiß tropfte mir aus dem Gesicht. Beim sechsten Wechsel hörte ich oben eine Tür zuschlagen. Ich brüllte, aber das Gepiepe war so laut, dass derjenige mich nicht hörte. Zu allem Überfluss ging auch noch die Flurbeleuchtung aus. Zeitschaltuhr... Kurz danach hörte das Piepen auf. Oben im Treppenhaus waren wieder Stimmen. Ich brüllte nochmal. Nun schien man mich gehört zu haben. Ein Pfleger von meiner Station. Er sagte: "Mach weiter, ich hol schnell Hilfe." - Ich konnte ihm gerade noch zurufen: "Um die Ecke liegt noch eine."

Es hat dann nur noch wenige Sekunden gedauert, bis Leute, immer mehr Leute, kamen, die sich um die beiden gekümmert haben. Ich bin nur noch aus dem Weg gekrabbelt, hab mich gegen eine Wand gelehnt und geheult. Was für ein Stress. Ohne jede Ahnung, ob ich alles richtig gemacht hatte, am Oberarm blutend, vollgekotzt, eingepinkelt, mit beschissenem Geschmack im Mund, zittrig, frierend.

Nach einiger Zeit, der ganze Gang war voller Leute im Kittel, in rotweißer Uniform, in Polizeiuniform, mit Kameras, mit Notizblöcken, kamen zwei Pfleger, einer griff mir unter die Arme, einer unter die Kniekehlen. Sie hoben mich in meinen Rolli und brachten mich in einen Untersuchungsraum und legten mich dort auf die Liege. Ich wurde zugedeckt, bekam eine Infusion gelegt und einen Clip an den Finger. Ich sollte einen Moment liegen bleiben, dann könnte ich duschen fahren. Eine Frau kam rein, meinte, sie sei von der Polizei, ob ich ihr einige Fragen beantworten könnte. Die Ärztin, die im Raum war, sagte, sie soll die drei wichtigsten Fragen stellen, aber nicht mehr, ich stünde unter Schock.

Sie wollte wissen, warum ich im Keller war, ob ich mit den beiden geredet hätte und ob ich den Feuermelder eingeschlagen hätte und warum. Ich antwortete ihr. Sie machte sich Notizen. Am Ende strich sie mir über die Schulter und ging raus. Ich fragte die Ärztin, was mit den beiden Mädchen ist. Sie antwortete: "Die eine wird auf die Intensivstation gebracht. Das sieht wohl nicht so schlimm aus. Aber genaues weiß man erst in ein paar Stunden." Mehr sagte sie nicht. Ich fragte nach: "Und die andere?" - Sie senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Ich fragte noch einmal: "Was ist mit der?!" - Sie schüttelte erneut den Kopf. "Die war schon tot als du sie gefunden hast." - Ich weiß noch, wie ich sie angestarrt habe und widersprochen habe, dass sie doch aber noch ganz warm war. Die Ärztin meinte, dass das nichts zu sagen hätte.

Alle sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Alle. Alle Ärzte, die mit mir gesprochen haben, alle Pfleger und Schwestern, die danach mit mir gesprochen haben, sogar der Klinikdirektor hat mich in sein Zimmer bestellt und mir gesagt, dass ich vorbildlich gehandelt hätte. Und dennoch, jedes Mal wenn ich an diese Sache zurück denke, denke ich: Hättest du doch bloß..., wärest du doch bloß...

Zwei Dinge haben sich für die letzten Tage, an denen ich dort war, geändert. Erstens mache ich Licht an, bevor ich durch den Flur fahre. Zweitens hat man die Notrufstrippe auseinander gebunden, so dass man sie jetzt auch erreichen kann.

Montag, 12. September 2011

Nicht kopfgesteuert

Inzwischen haben wir alle uns in unserem neuen Zuhause recht gut eingelebt, die Aufzüge funktionieren nun zuverlässig, gemeinsames Essen, Fernsehen läuft problemlos, Rücksichtnahme bei der Benutzung der Waschmaschine, beim Musikhören etc. ist auch okay - insgesamt stellt sich ein gewisser Alltagstrott ein.

Ein Mitbewohner ist mit 15 von zu Hause ausgezogen, er sagt, es gebe Probleme mit den Eltern. Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um ihn, kommt ihn regelmäßig besuchen. Ich selbst schätze ihn als sehr intelligent ein, allerdings fehlt es ihm, und das sage ich ohne gemein sein zu wollen, deutlich an emotionaler Reife. Er hat eine Gehbehinderung, verglichen mit einem Querschnitt ist sie banal, verglichen mit anderen Jungs in seinem Alter ist sie heftig. Er sagt, sie sei psychisch bedingt und habe mit dem elterlichen Konflikt zu tun, ich vermute hingegen, es könnte auch eine organische Ursache haben, auf die noch keiner gekommen ist.

Jedenfalls tauchen die Eltern hier regelmäßig auf und nerven rum. Die Sozialarbeiterin bekommt das nicht in den Griff, ich mische mich da aber nicht ein. Gestern morgen nun holt uns der Vater alle aus den Betten und bittet uns zu einem Gespräch in den Gruppenraum ein Stockwerk tiefer. Es sei dringend, es gehe um seinen Sohn und betreffe uns alle, nur soviel vorweg: Er habe uns allen Leid zugefügt.

Selbstverständlich haben sich die Eltern für diese Szene den richtigen Moment ausgesucht, den Frank und Sofie und all die Leute, die notfalls sehr autoritär auftreten können, waren nicht da. Wir kamen in den Gruppenraum, unser Mitbewohner sitzt auf einem Stuhl und ist sichtbar bemüht, nicht zu heulen, die Mutter sitzt auf einem Sofa und macht ein Gesicht wie drei Jahre Regenwetter und der Vater wirkt eiskalt und beängstigend ruhig. Ich hatte sofort im Gefühl, dass uns hier nichts Gutes erwartet.

Als alle da waren, sagte der Vater, dass sein Sohn die vollen Konsequenzen für sein Handeln tragen wird. Er wollte selbst was sagen, aber der Vater beachtete ihn gar nicht, ich kam mir vor wie vor einem Strafgericht. Okay, der Junge hatte irgendwas ausgefressen, aber muss deshalb so eine Show sein?

Unser Mitbewohner hat uns alle beklaut. Und zwar: Wäsche. Vorwiegend Unterwäsche oder Schlafwäsche, Sportsachen, BHs, Strumpfhosen, Leggings, natürlich nur von Mädels und natürlich nur von den jüngeren. Am schlimmsten hat es Cathleen getroffen, von mir hatte er aber auch was dabei. Entdeckt hatten sie das ganze wohl schon ein paar Tage davor, inzwischen hatte die Mutter zu Hause alles gewaschen und in einem Wäschekorb, der anfangs noch unter einer Wolldecke versteckt war, wieder mitgebracht. Unser Mitbewohner hatte ein Gesicht wie eine Bombe, ich hatte große Sorge, dass der gleich vom Stuhl kippt, und der Vater redete mit einer Seelenruhe weiter und forderte seinen Sohn auf, allen zu erzählen, was er mit den Klamotten gemacht hat!!!

Wie aus einem Mund haben mindestens 5 Leute gesagt: "Das will ich gar nicht wissen." Ich meine, was wird der schon damit gemacht haben? Sich darin oder damit selbst befriedigt. Ohne Frage, das ist nicht in Ordnung, aber er ist auch nicht der einzige, der sowas macht und auch nicht der erste, der mir dafür die Klamotten klaut. Aufmerksame Leser erinnern sich...

Obwohl mir der Vater nicht geheuer war und obwohl mir das Herz bis in den Hals klopfte, sagte ich zum Vater, dass ich das zwar nicht in Ordnung finde, was sein Sohn gemacht hat, aber dass ich noch weniger in Ordnung finde, wie er ihn hier vorführt. Ich hätte es besser gefunden, wenn der Sohn zu mir ins Zimmer gekommen wäre und mir das von sich aus erzählt hätte. Der Vater antwortete, dass er seit einiger Zeit keinen Sohn mehr habe, ich ihm seinen Erziehungsstil aber bitte selbst überlassen solle. Die Widersprüchlichkeit seines Gelabers bekam er allenfalls zu spät mit.

Immerhin hatte ich es geschafft, seine Show mit meinem Einwurf soweit zu stören, dass sich die meisten Leute entfernten. Ich setzte noch einen drauf und bat unseren bösen Mitbewohner, später mal in mein Zimmer zu kommen, sobald seine Eltern weg sind.

Als er später klopfte, war er völlig aufgelöst. Aus ihm war kaum ein Wort rauszukriegen, er war so eingeschüchtert und apathisch, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, was ich ihm sagen sollte. Ich hatte Angst um ihn und dachte, er tut sich etwas an.

Keine Frage, beklaut zu werden, noch dazu von Mitbewohnern, ist etwas, was so gar nicht geht. Inzwischen weiß ich, dass er die Klamotten aus der Waschmaschine genommen hat bzw. aus dem Wäschekorb, wenn ich ihn schon neben die Maschine gestellt hatte, während die Maschine noch mit der Waschladung davor beschäftigt war. Er hat mir dann auch erzählt, dass der Karton Windeln, der hier im Haus auf dubiose Weise weggekommen ist vor ein paar Wochen (stand vor meiner Tür, weil ich nicht da war, als er geliefert wurde, war aber später spurlos verschwunden) auch auf sein Konto ging.

Für mich ist die Sache noch nicht gegessen. Am meisten beschäftigt mich die Frage, wie er darüber denkt, dass ich ihm kaum noch vertrauen kann. Ob er sich darüber im Klaren ist. Ich hätte mir ein offenes Gespräch gewünscht, bei dem er mir zumindest sagt, dass das nicht wieder vorkommt und wie er künftig damit umgehen will. Klar, viel verlangt von einem 15jährigen, aber doch wohl nicht zu viel. Ich hoffe, dass er, wenn er sich wieder beruhigt hat, noch dazu durchringen kann. Es wird ihm schon keiner den Kopf abreißen, jeder baut mal Scheiße, manchmal auch große Scheiße - und er ist auch nicht der einzige, der sich selbst befriedigt. Andererseits wird es ihm bei dem Vater vermutlich so vorkommen.

Die Klamotten will ich nicht zurück haben. Ich finde es eklig. Bei meinem Freund wäre es etwas anderes gewesen, aber eine Person, zu der ich mich so gar nicht hingezogen fühle ... nee. Ich hoffe, er findet künftig einen anderen Weg, mit seinen Bedürfnissen umzugehen.

Freitag, 9. September 2011

Was für ein Arbeitsklima

Wer bloggt, hat zu viel Zeit. Wer wenig Zeit hat, bloggt nicht seltener. Jule hat im Moment sehr wenig Zeit. Beziehungsweise ... die Zeit ist dieselbe wie früher, aber gerade kümmere ich mich darum, möglichst schnell meine Pflegepraktika, die ich für mein Studium benötige, fertig zu bekommen.

In einem großen Klinikkonzern, bei dem ich mich beworben hatte, bekam ich eine urologische Station in einem großen Hamburger Krankenhaus zugewiesen - ich war gerade mal drei Stunden dort. Nicht, weil mir die Leute zu krank waren, weil ich mit meiner Arbeit überfordert war oder weil mir meine Behinderung einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Sondern weil das Pflegepersonal mich nicht akzeptieren wollte.

Es begann damit, dass mich um 5.30 Uhr im Dienstzimmer, wo ich mich melden sollte, die Oberschwester Hildegard mit den Worten: "Oh mein Gott, Sie sitzen ja in einem Rollstuhl." begrüßte. Auf meine Frage, ob das denn ein Problem sei, antwortete sie mit: "Ja. Und das wissen Sie auch. Ich hab jetzt keine Zeit für lange Diskussionen, aber nur so viel: Ich bin sehr für die Integration von Behinderten. Aber nicht überall. Lernen Sie einen Beruf, der was für Sie ist. Krankenpflege ist ein Knochenjob. Da muss man körperlich topfit sein und nicht selbst krank oder behindert."

"Ich brauche das für mein Medizinstudium." - "Sie kriegen von mir den Stempel, aber Aufgaben habe ich keine für Sie. Sie können sich da hinten an den Tisch setzen und ein paar Bücher lesen. Dann stehen Sie wenigstens nicht im Weg. In dreißig Minuten ist hier Alarm, da kann ich niemanden gebrauchen, der hier den Ablauf stört." - "Ich kann Ihnen doch Arbeit abnehmen. Essen austeilen zum Beispiel." - "Das fällt Ihnen doch alles runter. Ich kann das nicht gebrauchen, dass hier nachher Joghurt, Milch und Aufschnitt quer über den Flur verteilt sind oder Sie sich den heißen Kaffee über die Hose kippen und ich am Ende Ihre Verbrühungen versorgen muss." - "Zu Hause koche ich doch auch alleine." - "Ich habe gesagt, ich werde nicht diskutieren." - "Zu Befehl. Ich bin dann mal weg. Zum Personalchef, fragen, was ich machen soll."

"Es gibt keinen Grund, gleich zickig zu werden." - "Ich finde schon." - "Sie wissen auf alles eine Antwort, oder?" - "Auf alles nicht, nur bei den alltäglichen Gemeinheiten bin ich inzwischen recht schlagfertig." - "Sie gehen ... ach nee ... gehen kann man bei Ihnen ja nicht sagen ... Sie teilen mit Schwester B. das Frühstück aus. Für jedes Tablett, was runterfällt, zahlen Sie 5 Euro in die Stationskasse. Mehr als 20 Euro dürfen wir nicht annehmen." - "Wenn ich für jedes sauber ausgeteilte Tablett 5 Euro bekomme, können wir drüber reden." - "Sie sind ganz schön frech." - "Ich pass mich an." - "Vorsicht." - "Wenn mir was runterfällt, sammel ich das natürlich wieder auf. Darauf können wir uns einigen. Anderen fällt ja auch mal was runter." - "Ziehen Sie sich um. Im Schrank ist Kleidung, Sie tragen dunkelblau und wenn BH oder String rausgucken, gibt es Ärger."

Die Frage, ob drachengrün ihr vorbehalten ist, sparte ich mir. Da ich schlecht den Essenswagen schieben, dafür aber relativ schnell fahren kann, einigten wir uns darauf, dass Schwester B. die Tabletts aus dem Wagen zog, Kaffee oder Tee aufgoss und ich über den Flur flitzte und die Tabletts in die Zimmer brachte. Nein, Stinkesocke hat nix runterdonnern, sondern lediglich zwei Mal ein bißchen was aus der Kanne auf das Tablett plempern lassen. Die Zimmer waren alle groß genug, um an jedes Bett zu kommen, hin und wieder musste ich das Tablett erst auf den Tisch oder auf die Fensterbank stellen, bis ich am Bett den Tisch ausgeklappt hatte - in den meisten Fällen war aber genug Platz.

In fast jedem Herrenzimmer bekam ich einen netten Kommentar, als mich mit Namen vorstellte und als Praktikantin. "So werden wir ja gerne geweckt." - "Der Tag fängt gut an." - "Oh, endlich mal ein junger Hüpfer." - "Ein neues Gesicht! Klaus, dreh dich um, da kommt ein Lächeln durch die Tür! Die Sonne geht auf!"

In einigen Zimmern waren die Kommentare weniger nett. "Warte, ich nehm dir das ab. So krank bin ich noch nicht, dass ich mir von einer Rollstuhlfahrerin das Frühstück ans Bett bringen lassen muss." - "Nun sind schon Kaputte in der Pflege hier. Das ist ein Krankenhaus, echt zum Abgewöhnen." Bei der Oberschwester gehe ich davon aus, dass sie für Personalführung bezahlt wird, bei den Patienten, dass sie leiden. Im ersten Fall bin ich sauer, im zweiten lächel ich dann und schluck es runter. Schmeckt zwar eklig, aber unter Menschen mit Behinderungen gibt es auch genügend Leute, die (mal) rumnörgeln. Solange es nicht persönlich wird oder ich es persönlich nehmen muss ... ich hab ja zwei Ohren.

Auf jeden Fall haben wir mit dem Frühstück austeilen einen neuen Rekord aufgestellt. Dadurch, dass ich mich nicht mit 4-6 km/h durch den langen Gang bewegt habe, sondern eher mit 12-15 km/h, waren wir extrem schnell fertig. Das sagte Schwester B. schon nach den ersten Tabletts: Sonst hat sie beim Warten nebenbei immer schon die direkt angrenzenden Zimmer versorgt, aber heute sei sie kaum mit dem Sortieren und Wasser / Kaffee aufkippen hinterher gekommen.

Ich fragte, ob ich noch eine Runde durch alle Zimmer drehen sollte, weil ja bestimmt Leute dazwischen sind, die Hilfe brauchen. Den Joghurt nicht aufkriegen, das Brot nicht geschmiert bekommen oder ähnliches: "So etwas fangen wir hier gar nicht erst an." Okay. Es dauerte keine halbe Stunde, da wurde ich zu einem Vier-Augen-Gespräch gebeten: Ich würde auf einer anderen Station benötigt. Und zwar in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seitdem bin ich dorf und rolle seit einer Woche einer Ärztin hinterher, die mal eine Lunge abhört, mal den Rettungswagen ruft, weil jemand einen halben Liter Dieselkraftstoff getrunken hat, mal Unterarme desinfiziert, die sich jemand aufgeritzt hat, mal eine Sportbefreiung ausstellt, weil jemand mit Erkältung nicht turnen soll, Magersüchtigen und Bulimikern Blut abnimmt ... und wenn sie gerade Einzelgespräche führt, spiele ich auf einer Station mit den Kindern und Jugendlichen "Mensch ärgere dich nicht", Backgammon, male, bastel, laber, tröste, hör mir Lebensgeschichten an, meistens schlimme, ermahne irgendwelche Nervensägen, dass sie keine Klimmzüge an der Gardinenstange machen, das Messer wieder in die Schublade legen, nicht gegen die Wand spucken, ihren Dödel wieder in die Hose stecken, mich nicht schlagen, den Tisch stehen lassen, nicht mit Stühlen werfen und mit dem Kopf nicht gegen die Wand schlagen sollen.

Da ich jeden Tag auf einer anderen Station bin oder gezielt mit einem Kind oder Jugendlichen was machen soll, kommen kaum persönliche Bindungen zustande. Es ist eine Herausforderung und ganz ehrlich: Einem Halsquerschnitt das Schwimmen beizubringen ist wesentlich einfacher als der Job. Diese Klinik gehört zum selben Konzern und auch wenn ich dort keine dummen Sprüche vom Personal höre, das Arbeitsklima ist ähnlich unpersönlich. Ich mach das Beste draus.