Freitag, 26. August 2011

Krauel, Krauel

Ich hatte vermutet, dass ich meinen Partner mehr vermissen würde. Die ersten paar Tage waren schon hart, weil mich einzelne Dinge und Gedanken immer wieder schmerzhaft an ihn erinnerten, an seine schönen und freundlichen Seiten, aber inzwischen ist es gut auszuhalten. Allerdings wundert es mich, wie sehr der Körper vermissen kann: Früher habe ich mich nie nach körperlicher Liebe gesehnt. Erst als mich alle möglichen Leute ermutigten, mal auszuprobieren, wie das mit meiner Behinderung klappt, habe ich damit angefangen. Einmal angefangen, so habe ich das Gefühl, kann man damit nicht wieder aufhören.

Ich habe zur Zeit niemanden, der mit mir in die Kiste springt und ich vermisse es auch nicht. Ich habe mich auch nach der Trennung rund drei Wochen nicht ein einziges Mal selbst berührt. Ich hatte danach überhaupt kein Verlangen. Dachte ich. Hatte ich aber irgendwie doch. Ich weiß nicht, wie normal das ist oder ob womöglich irgendein Hormonkanal verstopft war und dann plötzlich wieder frei geploppt ist: 6 Mal innerhalb von 24 Stunden. Hätte mir das eine Freundin erzählt, hätte ich sie gefragt, ob sie zu viel Zeit oder keine anderen Hobbys hat. Will sagen: Ich war von mir selbst überrascht. Nein, inzwischen hat sich das wieder relativiert.

Aber als ich heute auf den Bus wartete, war ein Angebot wie für mich gemacht: Krauel, Krauel - in einer Minute. Ich hab angstrengt gesucht, ob ich mich auf den ersten Blick in jemanden vergucken könnte, ob da vielleicht ein Zaunpfahl winkt, aber die Busfahrerin war schon über 50 und der Rest war eine Horde junge Schülerinnen und Schüler. Nee nee, wenn mich einer kraulen will, dann möchte ich schon einen richtigen Prinzen attraktiven Kerl. Und dann bitte einen, der mich mag. Mit meiner Behinderung, nicht wegen ihr.

Krauel, Krauel.

Behinderte Schweine

Es ist noch nicht lange her, als ich einen Grundriss von unserer neuen Wohnung / unserem neuen Wohnprojekt ins Netz stellte und mit Blick auf die ständig ausfallenden Aufzüge angemerkt wurde, es sei leichtfertig, Menschen mit Behinderung in einem Haus wohnen zu lassen, aus dem sie sich bei Feuer nicht aus eigenem Antrieb retten könnten.

Das wurde bereits umfangreich diskutiert und letztlich wissen alle, die hier wohnen, worauf sie sich einlassen. Nämlich dass sie im Brandfall im Zweifel von außen gerettet werden müssen. Ob man das besser hinbekommt, weiß ich nicht. Bestimmt, wenn man nicht inmitten Hamburgs dichter Bebauung eine Wohnung sucht, wenn man nicht so viele Rollstuhlfahrer unterbringen will oder wenn das Haus ohnehin am Hang liegt. Sicherlich gibt es auch teure Möglichkeiten, irgendwelche Rampen zu realisieren, da bin ich aber überfragt. Ich weiß allerdings, dass in einer Hamburger Bildungseinrichtung, in der Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte auf 14 Geschosse verteilt sind, eine Notrutsche im Treppenhaus eingebaut wurde, die hier bei uns auch zur Debatte stand, allerdings von der Feuerwehr als wenig effektiv abgelehnt wurde. Das Haus ist hinsichtlich des Brandschutzes als vorbildlich gelobt und fotografiert worden und direkt Gegenstand bei einer entsprechenden Fachtagung in der nächsten Woche in Frankfurt.

Warum ich davon schreibe? Weil es aktuell auch ein absolutes Negativbeispiel gibt. Ja, es ist einfach, etwas anhand krasser Beispiele zu relativeren und nein, ich bin kein Fan davon. Ich weiß noch genau, wie ich ausgerastet bin, als mir im Krankenhaus jemand sagte, ich solle mich freuen, dass ich lebe. Andererseits: Will man seinen Standort bestimmen, braucht man manchmal den Blick aus dem Fenster. Und der geht in den Hamburger Stadtteil Bergedorf, wo Anfang dieses Monats ein weiteres Wohnprojekt eröffnet worden ist: 28 Barrierefreie Wohnungen (in Hamburg herrscht enormer Bedarf) waren sofort vermietet. Unter anderem auch an vier Leute, die ich vom Sport kenne.

Dort wurden die Müllcontainer in eine Holzhütte (3x3 Meter Grundfläche) gestellt, die Holzhütte direkt an der Wand unter einer Balkonreihe befestigt und diese Holzhütte auch noch genau dort hingestellt, wo der Fluchtweg aus dem Gebäude führte. Knapp zwei Wochen ist es jetzt her, als es dort zum GAU kam: Jemand hat die Papiermülltonne in dem Holzhaus mutwillig angesteckt. Das Holzhaus brannte in wenigen Minuten lichterloh, die Flammen schlugen sofort in die darüber liegenden Wohnungen, an der wärmegedämmten Fassade hoch bis unter das Dach. Innerhalb weniger Minuten waren sämtliche Hausflure dicht verqualmt. Die Bewohner wurden im Schlaf überrascht. In den Treppenhäusern und Hausfluren gab es, genauso wie in den Wohnzimmern, in die die Flammen durch geplatzte Fensterscheiben und Balkontüren schlugen, keine Rauchmelder. Sie waren nicht vorgeschrieben. In den Treppenhäusern und Hausfluren gab es keine Brandabschnitte. Auch sie waren nicht vorgeschrieben. Ob die Holzhütte direkt an der Fassade gebaut werden durfte und direkt dort, wo der Notausgang ins Freie führt, prüfe das Bauamt zur Zeit. Fakt ist, dass sich kein Rollifahrer aus eigener Kraft retten konnte, weil es am Notausgang so heiß war, dass drei Stockwerke höher noch die Lampen an den Wänden geschmolzen sind.

Ein Drittel der Bewohner kam mit Verdacht auf Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus, alle anderen blieben unverletzt. Dass es keine Opfer gab, ist nur auf den schnellen Einsatz von Feuerwehr und Polizei zurückzuführen: Der erste Streifenwagen sei bereits zwei Minuten nach der ersten Alarmierung vor Ort gewesen, der erste Löschzug von der zweieinhalb Kilometer entfernten Wache kurz darauf. Die Feuerwehr bekam den Brand unter Kontrolle, bevor er unter das Dach kriechen konnte, allerdings war die Verqualmung des Gebäudes so stark, dass sämtliche Wohnungen evakuiert werden mussten. Insgesamt waren über 80 Rettungskräfte vor Ort.

Und worüber schreibt die Presse? Nicht über ein barrierefreies Wohnhaus, sondern über ein Heim für Menschen mit geistiger Behinderung. Und während das eine Blatt rätselt, ob deren Bewohner vielleicht selbst heiße Grillkohle in den Abfallkübel gefüllt haben, stellt das andere in Ermangelung eines passenden Bildes eine alte Aufnahme von einem brennenden Schweinestall dazu. Was soll uns das sagen? Die behinderten Schweine haben ihr gerade mal vier Wochen altes Haus mit Grillkohle versehentlich angezündet? Oder die Feuerwehr musste die quiekenden Ferkel aus dem brennenden Stall holen, weil sie selbst nicht ins Freie liefen? Manchmal kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Zum Glück ist nicht mehr passiert. Aber das ganze war wohl buchstäblich eine sehr heiße Kiste. Ich bin froh, dass niemand ernsthaft verletzt wurde (oder noch schlimmer) und hoffe natürlich, dass uns hier so etwas niemals passieren wird.

Donnerstag, 25. August 2011

Endlich wieder Internet

Endlich habe ich zu Hause wieder Internet. Heute um 16.00 Uhr konnte ich erstmals meinen PC wieder in Betrieb nehmen und bekam spontan rund 300 Mails... Das meiste ist Müll, aber bei einigen Mails wird der eine oder andere sich schon überlegt haben, ob ich mit ihm/ihr nicht mehr schreiben möchte oder ob ich zu viel um die Ohren habe, um zu antworten. Oder ob es mir schlecht geht. - Nein, schlecht geht es mir nicht.

Mir geht es gut. Ich vermisse den Sommer (der sich vor dem Norden offenbar versteckt hat), hoffe auf ein paar schöne Tage im September, bin nach wie vor mit meinem Umzug beschäftigt (habe das aber inzwischen so gut wie abgeschlossen) und hoffe, dass die Aufzüge weiterhin das tun, was sie inzwischen seit über einer Woche durchgehend tun: Funktionieren. Man hat einen Hardwarefehler gefunden, der zu regelmäßigen Problemen mit der Software führte, nachdem vier Figuren der Firma einen ganzen Vormittag lang in den Schächten herumgeturnt sind. Irgendetwas hatte zu viel Spiel, weil die Feder einer Spannrolle gebrochen war - den Fehler fand man, als man alles andere ausschließen konnte und es nur noch daran liegen konnte. Dafür musste man aber alles mögliche zerlegen, so dass die Leute entsprechend begeistert waren.

Inzwischen befinde ich mich auch schon in der letzten Woche meines Praktikums, bald heißt es: Abschied nehmen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich Maria das eine oder andere Mal besuchen werde, so viel Zeit wie im Moment werde ich für sie nicht mehr haben. Ich war inzwischen mit ihr Schwimmen. Nicht in einer Schwimmhalle (ich wollte erst fragen, ob ich mit ihr im Krankenhaus ins Therapiebecken darf, wenn das mal frei ist, habe mich dann aber aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden), sondern draußen, zusammen mit Cathleen. Meine "Kollegen" aus ihrer Wohngruppe hatten sehr große Bedenken, konnten sich damit aber zuletzt nicht durchsetzen, da sich Maria beim Wohngruppenleiter einen Gesprächstermin holte und ihm erklärte, dass sie volljährig ist und nicht unter Betreuung steht. Insofern dürfe sie selbst entscheiden, ob sie draußen baden geht oder nicht - und sei es noch so absurd aus seiner Sicht. Dem konnte er am Ende nichts entgegen setzen, er habe aber mehrmals an ihre Vernunft appelliert.

Wir waren mit ihr am Badesee, haben uns einen Tag ausgesucht, der zwar warm, aber bewölkt war, so dass nicht viele Leute vor Ort waren. Für alle Fälle hatte Cathleen ihren Neo mit, aber Maria wollte ohne ins Wasser und hat letztlich auch nicht übermäßig gefroren, obwohl das Wasser recht kalt war. Wir haben die mindestens 20 Hilfsangebote der anderen Badegäste konsequent abgelehnt, haben uns die Zeit genommen, die wir brauchten, hatten für sie einen aufblasbaren Schwimmkragen mit, denn sie kann sich selbst nicht aufrichten oder aufrecht halten oder überhaupt irgendwas koordinieren und Cathleen und ich brauchen teilweise beide Hände für uns selbst. Oder anders ausgedrückt: Wir mussten sie ein paar Mal für einen Moment loslassen, um mit uns selbst klar zu kommen und da wäre sie ohne Schwimmkragen abgesoffen. Aber als wir alle drin waren, konnte das Ding weg, sie hat sich entspannt auf das Wasser gelegt, ein bißchen mit den Armen herumgepaddelt, sich ziehen lassen, uns nassgespritzt, mindestens drei Liter Seewasser gesoffen und als wir wieder raus waren, kam doch tatsächlich noch die Sonne hinter den Wolken hervor, so dass wir uns auf dem Sand trocknen lassen konnten und dann auch noch für alle drei eine Pommes und eine Currywurst besorgten. Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, ob es ihr gefallen hat.

Als wir Maria in einem Stück, ohne Schrammen und bleibende Schäden zu Hause ins Bett gepackt hatten, sagte ein "Kollege" zu mir, er habe mich am Anfang für durchgeknallt gehalten, eine Kollegin wollte mich sogar sofort rauswerfen lassen, weil ich nicht "zurechnungsfähig" sei. Inzwischen denke man etwas anders, aber man halte das, was ich gemacht habe, für eine lobenswerte Ausnahme vom Alltag. Man müsse schon selbst eine Behinderung haben, um sich in Maria hineinversetzen zu können, glaubt er. Ich halte das für eine Ausrede, denn ich kann mich auch nicht in sie reinversetzen. Ich kann mich bewegen (von den Beinen abgesehen), ich kann alleine essen, ich kann alleine mit dem Rollstuhl fahren. Ich glaube sofort, dass jemand, der sonst nie mit behinderten Menschen zu tun hat, absolut überfordert wäre, wenn er mit Maria schwimmen gehen sollte. Aber wer, wie die Mitarbeiter dort, mehr als 14 Tage mit ihr zu tun gehabt hat, der muss nur wollen und sich trauen.

Donnerstag, 11. August 2011

Nicht jeder Gast ist mein Freund

Eigentlich finde ich meinen jugendlichen Wahnsinn gar nicht so besonders. Was aber daran zu liegen scheint, dass ich von ihm umzingelt bin. Das finden zumindest meine Kolleginnen und Kollegen, als ich ihnen davon erzählt habe, dass ich mit Maria in einem öffentlichen Restaurant Essen gehen will. Zugegeben, ich habe mir Cathleen zur Unterstützung geholt, denn Maria hat weder einen E-Rollstuhl noch kann sie alleine fahren. Innerhalb der Einrichtung, wo alles ebenerdig ist, klappt es mit durchschnittlich 0,3 km/h, außerhalb der Einrichtung reicht für sie eine nicht ganz korrekt verlegte Gehwegplatte, um hängen zu bleiben.

Und ebenfalls zugegeben: Ich war gespannt auf die Konfrontation von normalen Menschen mit uns unnormalen Behinderten, insbesondere mit der völlig unnormalen Maria, und auf den Konflikt, vor dem der Kellner steht, wenn andere Gäste sich von uns gestört fühlen. Wird nicht passieren? Pessimismus? Abwarten, weiterlesen!

Maria sagte gestern, dass sie seit mindestens fünf Jahren in keinem Restaurant mehr war, auf meine unüberlegte Frage, ob sie ein portugiesisches Restaurant kennt. "Ändern wir das?" fragte ich sie. Sie nickte und schaute mich ohne ein Wort mit großen Augen an. "Wenn du dich traust, sofort", sagte sie nach einer langen Denkpause. Stinkesocke und nicht trauen? Hust...

Die schwarze Hose, schwarze Schuhe und das helle Oberteil standen ihr wirklich sehr gut. Sie sah richtig edel aus. Ich bearbeitete ihre Mähne, dann konnten wir los. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren wir zwar sehr mühsam unterwegs, aber immerhin konnten wir in aller Ruhe quatschen und uns die Gegend ansehen. Warum fährt eigentlich niemand mit Maria los, einfach mal so in der Gegend rum? "Der Hafen ist noch genauso wie beim letzten Mal", sagte sie. Ich habe nicht gefragt, wie lange das her war. Ich schätze: Jahre.

Zum Restaurant gab es zwei Stufen, aber zwei Mitarbeiter halfen uns hinein. Wir bekamen einen großen runden Tisch gleich am Fenster und konnten die Schiffe sehen. Marias Augen glänzten noch mehr als sie es sonst sowieso schon taten. Es war einiges los und plötzlich kam ein kleiner Junge zu uns an den Tisch, der sich meinen Rollstuhl anschaute, mich anschaute, dann wieder weglief und seine Eltern irgendwas fragte. Im Stimmengewirr konnte ich eindeutig das Wort "Rollstuhl" heraushören, aber mehr nicht. Plötzlich stand die Mutter mit dem Kind vor unserem Tisch und fragte uns, warum wir ihren Sohn angesprochen hätten. Häh? "Haben wir nicht", erwiderte ich. - "Nee, ist klar, dann lügt mein Sohn wohl oder was? Schönen Tag noch!" Auweia. Haschmich.

Unser Essen kam und wir bekamen es hin, dass abwechselnd Cathleen und ich Maria die nächste Gabel in den Mund steckten. Oder besser das Essen. Das ging völlig unauffällig, Marie aß absolut sauber, da kleckerte nix, da schmatzte niemand, sie sabberte nicht oder spuckte die Hälfte wieder aus oder ähnliche denkbare Begleitumstände - nix. Der einzige Unterschied war, dass sie sich nicht selbst das Essen zum Mund führte, sondern dass das jemand anderes für sie tat und dass das Mund öffnen und wieder schließen etwas länger dauerte und das Kauen und Schlucken zwischendurch auch. Aber wir hatten ja Zeit.

Plötzlich stand ein Mann an unserem Tisch, schätzungsweise Mitte 60, der uns fragte, ob diese Spielchen seien müssten. Schlagartig gingen mein Blutdruck und mein Puls um jeweils 100 hoch. Seine Frau und er hätten Hochzeitstag und er wollte seine Frau nett ausführen und gepflegt dinieren (!) und er komme sich derzeit vor wie auf einem Kindergeburtstag beim Stipp-Stop-Essen.

Ich erwiderte, dass diese Spielchen keine Spielchen seien, sondern wir, genauso wie er, ein nettes Essen zu uns nehmen. Im übrigen wünschen wir ihm und seiner Frau alles Gute. Auf die Frage, ob es ein runder Hochzeitstag sei, sagte er, dass er uns ansehe, dass wir irgendein Projekt machen würden, bei dem wir uns wie Behinderte benehmen müssten und ausprobieren, wie Behinderte im Alltag zurecht kämen. Wir müssten nicht im Rollstuhl sitzen und das Mädchen in unserer Mitte müsste nicht gefüttert werden. Er fände diese Projekte gut, weil sie Schülerinnen und Schülern vermitteln würden, dass es ein Leben jenseits der Normalität (!) gebe, aber so etwas sollten wir doch bitte bei McDonalds machen und nicht in einem eher feineren Restaurant. Cathleen sagte: "Jetzt ist es gut, ja?"

"Gerd, lass es. Ich möchte einen schönen Tag mit dir verbringen", rief ihn seine Renate an den Tisch zurück. Renate hatte die Hosen an, sie befahl, er gehorchte. Als der Kellner das nächste Mal am Tisch vorbei ging, bekam dieser die Theorie vom Schulprojekt auch noch einmal serviert. Er kam zu uns an den Tisch und fragte: "Jetzt mal ernsthaft: Macht ihr hier ein Projekt, so wie der Herr behauptet?"

Maria antwortete auf Portugiesisch. Ebenso langsam und verwaschen, aber scheinbar dennoch gut verständlich und mit den richtigen Worten. Sie wollte mir nicht sagen, was sie gesagt hat, es war recht ausführlich und am Ende führte es dazu, dass der Kellner zu Gerd und Renate sagte: "Die Damen sind genauso Gäste wie Sie. Wenn Sie nicht neben den Damen sitzen wollen, zeige ich Ihnen gerne einen anderen Tisch." - Woraufhin Renate aufsprang, alles stehen und liegen ließ und Gerd mit den Worten: "Sie erwarten doch wohl nicht, dass wir für das halbe Essen zahlen?" hinter ihr herstolperte.

Als wir mit dem Essen fertig waren, kam ein Mann bei uns an den Tisch, der ein wenig aussah wie Heidis Almöhi. Er sagte: "Ich hatte schon die Faust in der Tasche geballt. Die beiden konnten froh sein, dass man sich hier gut benehmen muss, sonst wäre mir richtig der Kragen geplatzt. Lassen Sie sich von solchen Leuten bloß nicht einschüchtern." Dann ging er raus.

Als wir nach der Rechnung verlangten, bekamen wir von der Bedienung etwas grausames Hochprozentiges eingeschenkt. Mit Maria redete er wieder portugiesisch. Als er weg war, übersetzte sie: "Nicht jeder Gast ist mein Freund. Aber jeder Freund ist mein Gast. Euer Essen geht aufs Haus. Bitte nehmt die Entschuldigung an und kommt bald wieder."

"Wie? Der hat uns eingeladen? Dem gehen unseretwegen jetzt fünf Essen durch die Lappen? Die von Renate und Gerd und unsere drei auch noch? Das muss doch nun wirklich nicht sein." Auch wenn ich anfangs genau auf diese Konfrontation gespannt war, so wollte ich nicht, dass sie auf dem Rücken des Restaurants ausgetragen wird. Aber Maria sagte: "Gebt ihm zum Abschied die Hand und bedankt euch. Wenn ihr jetzt diskutiert, macht ihr euch unbeliebt. Nehmt das einfach so an." Machten wir, sie sagte ihm noch irgendwas nettes in ihrer Sprache und dann fuhren wir zurück in die Einrichtung. Wo Maria natürlich jedem diese Geschichte erzählen musste...

Dienstag, 9. August 2011

Maria aus Portugal

Ich mache zurzeit ein Pflegepraktikum in einer Pflegeeinrichtung für behinderte Menschen. Es dauert einen Monat, ich bin beschäftigt und ganz vielleicht lässt sich das auch auf meine dreimonatige Pflichtzeit (Pflegetätigkeit), die ich für mein Studium brauche, anrechnen (wird noch geklärt).

Auf der Station, auf der ich zur Zeit arbeite, geht es vorrangig darum, Menschen, die auf das schwerste körperlich eingeschränkt sind, rund um die Uhr Pflege und medizinische Versorgung anzubieten, allerdings ohne dass ständig ein Arzt vor Ort ist. Es ist also so etwas wie ein Pflegeheim, allerdings nicht für ältere Menschen - der älteste ist gerade 40 Jahre alt, die jüngste ist 16. Wenn ich mir meine Behinderung ansehe, wird mir sehr schnell deutlich, dass es mir relativ gut geht. Aber wie heißt es in der von rabenschwarzem Humor überzogenen Szene? "Schlimmer geht immer." (Oder weniger schwarz: Jeder trägt seinen eigenen Rucksack.)

Eine wird permanent beatmet, einige über Sonden ernährt, einer ist kaum noch ansprechbar und wird wohl demnächst sterben, andere sind mit (elektrischem oder manuell angetriebenem) Rollstuhl noch recht fit, zwei Leute bekommen zu allem Überfluss auch noch regelmäßig Krampfanfälle, obwohl sie deshalb schon zugedröhnt sind bis zum Anschlag, mit einigen kann man reden, mit anderen sich auch gut unterhalten, wieder andere vegetieren nur so vor sich hin. Der Pflegeaufwand ist schon enorm, drei Pfleger und zwei Un- bzw. Angelernte sind pro 10 Personen pro Tagesschicht anwesend. Vierzig Leute wohnen dort ingesamt.

Und ich? Ich habe das Superlos gezogen. Nein, wirklich. Sie heißt Maria, ist mit zwölf Jahren aus Portugal nach Deutschland gekommen, ist jetzt 27, ist 148 cm groß, wiegt 35 Kilo, hat einen dunklen Teint, schwarze, lockige hüftlange supersupertolle Haare, dunkelbraune, kristallklare Augen, samtweiche Haut, strahlend weiße, gerade und gepflegte Zähne, eine hübsche Nase, einen schönen Mund, wirkt ein wenig wie ein Porzellanpüppchen, das man beim Anfassen zerbricht und könnte eigentlich sofort eine Modelkarriere beginnen. Wäre da nicht ihre Behinderung. Sie hat kaum Kraft, kann keine Bewegung koordinieren, wenn sie sich bewegt, dann ziellos wie bei 3,5 Promille, genauso redet sie auch, alle Reaktionen sind verlangsamt, man begrüßt sie und erst drei, vier Sekunden später schaut sie hoch. Nach ihrem Abitur wollte sie Dolmetscherin werden, hat allerdings abgebrochen, weil ihre fortschreitende Behinderung sie schneller in die heutige Situation brachte als sie gedacht hatte. Die normale Lebenserwatung liegt bei 42 Jahren, allerdings rechnet sie selbst damit, 32 nicht mehr zu erleben. Sie sei schon zu weit fortgeschritten, die Erkrankung. Üblicherweise käme der Rollstuhl erst mit Anfang 20, die Pflegebedürftigkeit erst mit Anfang 30. Sie konnte aber schon mit 20 nicht mehr frei sitzen (ohne am Rolli fixiert zu sein). Eine Herzbeteiligung, Asthma und auch noch ein insulinpflichtiger Diabetes runden das alles ab.

Maria könne man auf einer Hand tragen, die Versorgung mit Medikamenten könne sie selbst überwachen (wenngleich sie sich schon die Insulininjektion mit dem Pen wegen Koordinationsstörungen nicht selbst verabreichen kann, geschweige denn das Asthmaspray zum Mund führen) und der Pflegeaufwand sei lediglich zeitintensiv. Fachkenntnisse bräuchte man nicht und Maria sei ständig so guter Laune und so geduldig, dass man dort jeden Neuling unvorbereitet ins kalte Wasser werfen könnte. Meine Aufgabe war und ist also: Maria. Siebeneinhalb Stunden pro Tag. Und ich wiederhole: Sie ist ein Glückslos.

"Hast du Scheiße gebaut oder bist du freiwillig hier?" - "Wie meinst du das?" - "Naja bist du zu sozialer Arbeit verknackt worden oder machst du was für deine Schule oder dein Studium oder deine Ausbildung?" - "Ich mach ein Pflegepraktikum für mein Studium." - "Ok." - "Seh ich wie eine Ganovin aus?" - "Du, wer heute klaut, schlägt, betrügt oder Behinderte ärgert, da wunder ich mich nicht mehr. Das sieht man den meisten nicht an." - "Das finde ich jetzt aber nicht so nett, irgendwie." - "Ach komm, ich hab auch schonmal geklaut, geschlagen, betrogen - und Behinderte geärgert."

Sie kiecherte. Ich konnte nicht anders, als darüber zu lachen. Sie sprach laut, bemüht deutlich und langsam, und es war dennoch verwaschen und unverständlich. Aber sie hatte einen tollen Humor. "Du klaust?", fragte ich sie. - "Ich hab geklaut. Als ich 17 oder 18 war, hatte ich eine heftige Zeit. Da hab ich auch schonmal Leuten Geld geklaut. Aber du musst keine Angst haben, inzwischen bin ich wieder lieb." Keine Frage, sie würde es nicht mal schaffen, meine Geldbörse zu öffnen, wenn sie auf dem Tisch vor ihr liegen würde. Selbst klein geschnittenes Brot bekam sie nicht zum Mund, sie musste gefüttert werden, brauchte jemanden, der ihr den Trinkhalm zum Mund führte.

Am dritten oder vierten Tag fragte ich sie, warum sie ihre Heimat Portugal verlassen hatte. Ihre Eltern wohnen noch heute dort. Es sei die medizinische Versorgung, die sie zu diesem Schritt gebracht hätte. Ihre Eltern seien einfache Leute, leben von Weinbau und ein paar Kühen. Ob ich Fotos sehen möge. Sie bat mich, ein Album aus dem Regal zu holen, wollte es mir zeigen. Das Album war aber so dick, dass ich vorschlug, wir setzen uns auf ihr Bett. Sie meinte, sie könne nicht frei sitzen. "Dann kriegst du ein fettes Kissen in den Rücken und lehnst dich an mich." sagte ich. Drei Stunden haben wir Fotos angeschaut, von ihren Eltern, von dem Haus, in dem sie früher wohnte, von der Gegend in der Nähe des Atlantiks, von ihr, wie sie mit einigen anderen Kindern auf Pferden reitet. Ihr Kopf lag an meiner Schulter, zu jedem Foto erzählte sie was und irgendwann fing sie an zu weinen. Ob wir aufhören sollen, fragte ich sie.

"Nein, nur wenn ich diese Fotos sehe, bekomme ich immer Sehnsucht nach dem schönen Wetter dort, nach den entspannten Menschen, nach den tollen Früchten, die man dort essen kann, nach unseren Tieren, nach meinen Eltern und überhaupt nach Portugal. Portugal ist so ein fantastisches Land. Ich brauche das hin und wieder. Ich heul jetzt ein bißchen und in 10 Minuten ist alles wieder gut. Blätter einfach weiter."

Aufs Klo, ins Bett, aus dem Bett, unter die Dusche - alles mit dem Lifter. Von A nach B im Rollstuhl. Nachts ins Pflegebett. Eine Woche war bereits vergangen, inzwischen waren wir ein halbwegs eingespieltes Team. Als ich sie einen Abend ins Bett gehoben habe und sie aus den Gurten des Lifters wieder befreit hatte, fragte sie mich, ob ich ihr die Schlafanzughose wieder ausziehen kann. "Wieso das?" - "Weil ich das möchte."

Eine Lektion habe ich bereits heute von ihr gelernt: Ich habe eine ganz andere Sensibilität dafür bekommen, wo selbstbestimmtes Leben anfängt. Auf die Bitte, ihr den Delfin in die Hand zu geben, bevor ich sie zudecke, wollte sie keine Antwort. Ich bin froh, ihr keine gegeben zu haben. Ich habe nicht darüber nachgedacht, sondern ihr wortlos das Ding in die Hand gedrückt, ihr eine gute Nacht gewünscht, das Licht ausgemacht und bin rausgefahren. Am nächsten Tag sagte sie: Das sei das erste Mal gewesen, dass sie nicht darum kämpfen musste, kommentarlos ihren Vibrator zu bekommen. Als ich das hörte, fiel mir nur ein Wort ein: Scheiße.

Scheiße, geht es mir gut. Und ja, Maria weiß, dass ich über sie schreibe und sie hat den Text vorher gelesen. Falls jemand diese Sorge loswerden möchte. Und sie hat mich gebeten, auch darüber zu schreiben, dass wir zusammen auf einem Pferd gesessen haben. Obwohl es eigentlich niemand wissen sollte, weil sie befürchtete, es könnte mir Ärger machen. Aber das Therapiepferd (eher ein bekiffter Therapie-Esel) war lieb, Maria saß zwischen mir, meinen Armen und einem Voltigiergurt, das Pferd wurde direkt geführt und Maria hat mir hinterher einen Kuss auf die Wange gegeben. Vermutlich hätte sie abrutschen, runterfallen und sogar sterben können, aber zur Zeit liebäugelt sie mit einem weiteren Termin, nach dem sie sagen kann: "Nix ist schöner als ein warmer Pferderücken unterm Arsch."

Hab ich ihr schon gesagt, dass ich auch noch mit ihr schwimmen will?!

Viel Chaos und ein Amelo

Dass ich im Moment so wenig schreibe, liegt nicht etwa daran, dass ich nicht mehr schreiben mag. Im Gegenteil. Ich mag sehr gerne schreiben, ich möchte auch sehr gerne schreiben, aber ich kann nicht. Es ist ein technisches Problem - und einfach nur zum Heulen. Aber der Reihe nach.

Aus der alten Wohnung sind wir inzwischen komplett raus. Es hat sich ein Nachmieter gefunden, der die Wohnung so übernehmen wollte, wie sie war und für etliches noch Abstand zahlen wollte. Ohne dass wir danach gefragt haben. Da um den Monatsersten der Aufzug wieder funktionierte, sind wir dann mit der gesamten alten WG einigermaßen Hals über Kopf ausgezogen, haben alle Sachen rübertransportiert, waren pausenlos beschäftigt. Inzwischen ist der Aufzug wieder defekt, ich bin bei einer Freundin untergekommen, ich möchte es nicht kommentieren. Angeblich soll morgen das Ersatzteil beschafft sein.

Jedenfalls gibt es in meinem neuen Zimmer noch kein Internet. Das soll bis Ende August bereit stehen. Gleichzeitig gibt es dort aber weder Handyempfang (wegen der dicken Mauern) und somit auch kein mobiles Internet, noch funktionierendes Wireless LAN noch sonst irgendwas. Kabelanschluss funktioniert auch noch nicht, das bedeutet: Ich bin zur Zeit völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Telefon, kein Internet, kein Fernsehen - und rein und raus komme ich zur Zeit auch nicht.

Was gute Voraussetzungen sind, denn seit 25. Juli mache ich offiziell ein Pflegepraktikum in einer Wohneinrichtigung für Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen. Aber dazu schreibe ich noch einen eigenen Text. Jedenfalls muss ich jetzt täglich sicherstellen, dass ich überhaupt dorthin gelange. Und das geht am besten, indem ich überhaupt nicht zu Hause schlafe. Sagenhafte Zustände sind das.

Aber erstmal muss ich noch unbedingt darüber schreiben, dass ich Markus abgeschossen habe. Genau 14 Tage nach unserem Streit habe ich Schluss gemacht. Nicht, weil er an dem Wochenende zu viele Hormone hatte. Nicht, weil er eindeutig schwanzgesteuert agierte. Nicht, weil er Dinge von mir verlangte, die nicht jeder von seiner Freundin verlangt. Nicht, weil er mein "Nein" nicht akzeptieren wollte und nicht, weil er sich wie ein kleines Kind verhalten hat. Sondern weil in einem klärenden Gespräch herauskam, dass er mir von vornherein nur die halbe Wahrheit erzählt hat. Was bedeutet, dass er auf einer Halbwahrheit (= Lüge) eine Beziehung aufgebaut hat.

Er finde Behinderungen sexy. Ja, genau diese Sorte. Er möge Frauen (ja, Plural), die unvollkommen oder eingeschränkt sind und sich dadurch von der Allgemeinheit abheben. Er hasse die Profillosigkeit, in der wir uns alltäglich bewegen. Er möge seine Umwelt nicht, in der niemand eine Persönlichkeit habe. Er finde es erotisch, wenn ich Stärke zeigen würde. Stärke zeige ich dadurch, dass ich Dinge beherrsche, die andere Frauen in meinem Alter nicht beherrschen. Rollstuhlfahren, Windeln anziehen, auf dem Arsch durch den Sand rutschen, mir ohne Beinmuskelbetätigung Schuhe anziehen, mir im Liegen eine Hose anziehen ... Auf die Frage, ob die Person, die körperliche Hülle denn beliebig austauschbar seien, antwortete er zunächst mit einem "Nein", auf weiteres Nachfragen dann aber mit einem "im Prinzip schon", nur hätte ich ein gewisses Extra. Ganz ehrlich? Dafür bin ich mir zu schade und so wenig bin ich nicht wert, dass ich mich darauf reduzieren lassen möchte.

Ich hatte es mal befürchtet, einige Menschen haben mich gewarnt, auch schon einzelne Leser meines Blogs - nun ist es amtlich. Ich war mit jemandem zusammen, der in erster Linie meine Behinderung anziehend fand. Es hat mir geholfen, die letzte Unsicherheit zu überwinden, ob ich mir so eine Beziehung vorstellen könnte: Ich kann es nicht. Und es war nicht so schlimm wie befürchtet - ich habe zum Schluss nicht mal geheult. Ich hatte es irgendwie schon erwartet, es baute sich in unserem letzten Gespräch nach und nach so auf und irgendwie wurde er mir immer unsympatischer und ich war am Ende froh, dass er mir einen Grund lieferte, bei dem ich hinterher nicht bereuen würde, dass ich Schluss gemacht hatte.

Er zieht übrigens nicht bei uns ein. Er hatte nämlich noch keinen Mietvertrag unterschrieben. Was er mir auch anders erzählt hatte. Aber angeblich wusste er es noch nicht so genau und so endgültig. Frank meinte, eine Vertragsausfertigung hatte er bereits bekommen, aber er hat sie nicht zurückgeschickt. Die Reservierung des Zimmers hat Frank inzwischen storniert: Kein Raum für Amelotatisten.