Montag, 27. Juni 2011

Ein gebrauchtes Wochenende

Was gibt es bloß für Idioten auf dieser Welt? Ich kaufe in einem Elektronik-Warenhaus einen original verschlossenen und vom Hersteller versiegelten Karton, in dem sich Toner für meinen Laserdrucker befinden soll, mache den zu Hause auf und drinnen ist nur Müll. Offenbar hatte den Karton vorher jemand von unten aufgefummelt, das Orinalteil herausgenommen, eine mit Sand gefüllte Milchtüte, abgelaufen am 31.03.11, hinein gepackt, den Karton sauber erst mit Flüssigkleber, anschließend mit durchsichtigem Klebeband wieder zugeklebt und dann den Kram zurückgebracht - vermutlich unter der Behauptung, den falschen Toner erwischt (oder gar ausgehändigt bekommen) zu haben. Und anschließend mit Bargeld, einem Warengutschein oder dem Toner für seinen Firmendrucker in der Hand das Warenhaus verlassen...

Und Stinkesocke hat 170 Euro für einen Kombisparpack mit vier bunten Kartuschen abgedrückt und damit irgendeiner Schweinebacke seinen Kram finanziert. Nur wenn ich da jetzt wieder hinfahre und die Story zum Besten gebe, glaubt mir das sowieso niemand. Am Ende unterstellt man mir noch den Betrugsversuch. Folglich habe ich ordentlich Leer- ähm... Lehrgeld bezahlt und weiß nun, dass man auch versiegelte Kartons am besten gleich vor Ort auspackt, wenn man keine schonmal gebrauchte Ware erhalten möchte.

Schonmal gebraucht war am letzten Wochenende allerdings nicht nur der Toner, sondern irgendwie alles. Das ganze Wochenende war aus der Second-Hand-Schublade. Morgens sollte Zeugnisausgabe sein. Ein Dutzend Leute haben sich gewundert, wieso unsere Schule die Zeugnisse eine Woche vor den anderen Schulen ausgibt. Fünf Mal nachgefragt: Nö, hat alles seine Richtigkeit. Am letzten Freitag dann: "Wieso heute? Häh? Könnt ihr nicht lesen?!" - Egal. Jetzt gibt es sie doch erst am Dienstag. Hätte mich auch gewundert. Unterricht war aber auch nicht, weil keiner der Lehrer noch Bock hat.

Anschließend bin ich zum Hausarzt gefahren. Ich wollte nur die Verlängerung von zwei Dauerverordnungen rausholen und eine Überweisung zum Dermatologen: Ich habe am rechten Unterschenkel einen Leberfleck, der einmal pro Jahr angeschaut werden soll. Zwei andere wurden schonmal entfernt, allerdings mit harmlosem Befund. Meine Hausärztin hat allerdings Urlaub (was ich vorher nicht wusste) und in der Praxis wütete wartete die Vertretung. "Ja, das ist ja viel Geldschneiderei, eigentlich müssen Sie das bezahlen, wo ist denn der Leberfleck?" - "Was muss ich bezahlen?" - "Naja, das Anschauen der Leberflecke, und da sich rumgesprochen hat, dass es bei einem konkreten Verdacht kostenlos ist, gehen uns alle Leute auf den Keks mit irgendwelchen Geschichten von sich verändernden Leberflecken, nur damit sie eine Überweisung bekommen und die 30 Euro auf Privatrechnung nicht bezahlen müssen."

Ich war drauf und dran, der ein paar passende Worte zu sagen. Würde der Dermatologe dann alle Leberflecke anschauen oder nur den einen? Bringt das dann was? Hat man dann was gespart? Habe ich das nötig? Also. - "Dann müssen Sie sich noch einen Augenblick hinsetzen und warten", sagte sie. Ich sitze schon, dachte ich. Aber dann warte ich eben.

Nach knapp 90 Minuten kam ich als letzte dran. Sie schaute sich mein Bein an, ich wollte eigentlich nur noch wieder los, als sie in einem vorwurfsvollen Ton sagte: "Was haben Sie da denn?!?" - "Wieso, was hab ich da denn?" - "Ziehen Sie mal die Hose aus. Und die Schuhe. Und die Socken. Und dann legen Sie sich mal hier hin." Dann fing sie an, an meiner Fußsohle zu kitzeln. "Merken Sie das?" - "Äh, was? Ich habe eine Querschnittlähmung, ich merke da nichts." - "Fassen Sie mal an, das rechte Bein ist viel heißer als das linke!" - "Ja, das habe ich manchmal." - "Wenn ich hier drauf rumdrücke, merken Sie nichts, oder?" - "Neihein!" - "Und hier auch nicht, oder?" - "Nein, und überhaupt an den Beinen sowieso nichts. Was machen Sie da jetzt und was soll das werden?" - "Der rechte Unterschenkel ist völlig überwärmt und der Fußknöchel auch. Und wenn ich hier reindrücke, drücke ich Wasser weg. Nehmen Sie Entwässerungsmittel? Und wieso tragen Sie keine Thrombosestrümpfe?"

"Das hat noch nie jemand für wichtig erachtet." - "Sie müssen sofort ins Krankenhaus." - "Was?" - "Ja. Das ist absolut gefährlich. Da kann es ernsthafte Komplikationen geben!" - Ich bekam Angst. Was für Komplikationen? Was hatte ich da? Wieso hatte das noch nie jemand gemerkt? Sollte ich froh sein, dass die da so ein geschultes Auge hat und das sofort erkennt? - "Sie fahren jetzt mit dem RTW ins nächste Krankenhaus, das muss sofort untersucht werden."

Na super. Lange keine Komplikation gehabt, lange keine Notaufnahme gesehen, lange nicht mit dem Rettungswagen gefahren. Ich wurde gegen meinen Wunsch in das nächst gelegene Krankenhaus gegurkt, und wie sich später herausstellte, lag der Beutel, in den ich alle meine persönlichen Sachen packen sollte, und mein Rucksack noch in der Arztpraxis. Einschließlich Papiere, Schlüssel, Handy. Obwohl die Sanitäter gesagt haben, sie nehmen das mit. Nach vier Stunden (!) kam dann ein Arzt, der sagte, dass er sich nicht auskennt und mich wegen meiner Querschnittlähmung in ein anderes Krankenhaus verlegen möchte. Noch eine Fahrt mit dem Krankenwagen, als ich da endlich im Untersuchungsraum angekommen war, wurde erst noch ein Arzt aus dem Bereitschaftsdienst von zu Hause geholt und dann, so gegen 21.30 Uhr, stand fest, dass eine Kontrastmitteluntersuchung gemacht werden muss, die aber in dem Krankenhaus auch nicht gemacht werden konnte, weil es kein Notfall ist und zwischen meinem Kostenträger und dem Krankenhaus kein Vertrag besteht. Hätten die mich gleich in "mein" Krankenhaus gebracht, wo ich von Anfang an hin wollte, wäre alles kein Problem gewesen.

Als ich in "meiner" Klinik ankam, hatte ein Arzt Dienst, den ich schon aus meiner stationären Zeit kannte und der immer sehr cool und nett war. "Was soll da sein? Das ist Unsinn. Da machen wir jetzt ein vernünftiges Ultraschall, ich hole noch eine Kollegin dazu, die schaut sich das mit an und dann sehen wir weiter." - Ende vom Lied: Nichts los. Absolut nichts. Nichts als heiße Luft. Keine Wassereinlagerungen, keine Thrombose, Blut unauffällig, lediglich zurückgebildete Muskeln an den Beinen. Um halb zwei nachts bestellte man mir ein Taxi, stellte mir einen Beförderungsschein aus und ich durfte nach Hause.

Als ich heute in der Praxis anrief, um zu klären, wann ich meine Sachen abholen könnte, wurde mir dann noch erzählt, dass die noch am selben Abend per Kurier ins Krankenhaus geschickt wurden. Stundenlang habe ich bis eben damit verbracht, meine Sachen zusammen zu suchen. Das könnte ich jetzt noch über drei Seiten beschreiben, aber ich kürze es ab: Am Ende waren sie im ersten Krankenhaus bei den Fundsachen. Nun habe ich endlich mein Handy wieder, mein Auto, mein Geld - Wahnsinn!!

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende in ein Trainingslager. War vorher noch mit einer Freundin verabredet, die vergeblich durch die halbe Stadt geeiert ist und auf mich gewartet hat. Ich habe gerade mein I-am-fed-up-T-Shirt aus der Waschmaschine geholt. Ich glaube, das ziehe ich gleich nass an...

Donnerstag, 23. Juni 2011

Carlo zum Nulltarif

Wie die Hamburger Morgenpost weiß, wird angeblich gegen Carlo von Tiedemann (wer kennt ihn nicht) wegen des Verdachts der Unfallflucht ermittelt. Er wird in der gestrigen Ausgabe mit den Worten "Ich dachte, ich hätte beim Parken einen Ford angebumst" zitiert. Ob nun ein Schaden entstanden ist und ob tatsächlich eine Unfallflucht vorliegt, ist nicht geklärt bzw. nicht entschieden - bisher hat sich nicht mal ein Geschädigter gemeldet.

Was mich auf diese Sache aufmerksam machte und weswegen ich überhaupt auf diesen Zeitungsartikel eingehe: Von Tiedemann wird zitiert, er habe vor einer Veranstaltung seinen Tiguan umgeparkt. "Ich hatte eine Veranstaltung mit Behindertenchören in Planten un Blomen moderiert, die konnten natürlich nix zahlen, und ich hab mir vier Stunden 'nen Wolf abgesabbelt."

Ähm, Carlo, wie meinst denn du das? Was hat die Liquidität von Behinderten mit dem Parkplatz zu tun? Hattest du kein Kleingeld für den Parkschein dabei? Sag nächstes Mal Bescheid, ich komme vorbei und kauf dir ein Ticket. Kein Problem.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Nicht angekommen

Dass die Hannoveraner nicht die Helden sind, wenn es um die Organisation eines Trainingslagers geht, weiß ich spätestens seit dieser Aktion. Dass andere niedersächsische Vereine es jedoch auch nicht schaffen, legt die Vermutung nahe, dass es sich um ein landesweites Problem handeln könnte *stänker*. Eigentlich könnte ich jetzt zum nächsten Thema überleiten, denn über das Trainingslager ist eigentlich schon alles gesagt...

... aber ich bin gerade etwas verliebt in meinen plastischen Erzählstil. Daher fang ich damit an, dass wir mit dem ICE hingefahren sind und Simone, Cathleen und ich zunächst im Hauptbahnhof von der freundlichen Mitarbeiterin des Service-Points, zu der Rollstuhlfahrer kommen müssen, nachdem sie sich mindestens 48 Stunden vor der Reise für ebendiese angemeldet haben, gebeten wurden, nicht alleine zum Zug zu fahren, denn auf dem Weg dorthin könnten wir ins Gleis fallen. Wörtlich.

Wegen einer Signalstörung baute der Zug bis Hannover bereits 47 Minuten Verspätung auf, so dass unser Anschlusszug lange zuvor bereits ohne uns davongerollt war. Am Ende kamen wir zwei Stunden später am Zielort an als geplant. Ich freute mich, überhaupt noch anzukommen und war relativ entspannt, da ich vorher meine Hotelreservierung (an diesem Wochenende sollten wir im Hotel übernachten) mit meiner Kreditkarte bestätigt hatte - "wir kommen auf jeden Fall."

Anders ging es einem Rollifahrer, der gerade erst 16 war, zum ersten Mal alleine unterwegs war und den Tränen nahe im Bahnhof stand. Wir kannten ihn von einem anderen Camp, er kam aus Schleswig-Holstein. Seine Muddi würde bereits herumtelefonieren von zu Hause aus. Cathleen und Simone nickten: Wir sagten ihm zu, dass wir notfalls das Zustellbett, das wir in unser Zweierzimmer geordert hatten, für ihn freiräumen und zu dritt im Doppelbett pennen - dann hätte er als Vierter im Zimmer das Zustellbett für sich alleine.

"Wir sind komplett ausgebucht, aber wir haben selbstverständlich auch ihre Kreditkarte nicht belastet", sagte man auch uns. Wie kann sowas sein? - "Wir haben doch gesagt, wir kommen auf jeden Fall. Dass es 23 Uhr wird und nicht 21 Uhr, das liegt an der Bahn. Sie haben uns doch ein Zimmer bestätigt." - "Fragen Sie mal drei Straßen weiter, da ist noch ein Hotel."

Dass das das erste und letzte Mal war, dass wir in diesem Hotel schlafen würden, war in diesem Moment klar, also lohnte es sich, einen kleinen Aufstand zu proben. "Fragen Sie doch mal für uns drei Straßen weiter, schließlich haben wir einen Vertrag! Haben Sie denn wirklich gar nichts mehr frei?"

"Nur noch eine Suite, die kostet aber 120 Euro mehr pro Nacht." - Das riecht nach Abzocke. "Ich schlage vor, sie überlassen uns die Suite zum Zimmerpreis. Ist ja nicht unsere Schuld, wenn Sie Ihr Hotel überbelegen." - "Das kann ich leider nicht machen." - "Dann nehmen wir die Suite und klären morgen früh mit ihrem Chef den Preis." - "Ich sehe gerade, wir haben doch keine Suite mehr frei." - "Ach nee, so plötzlich? Woran haben Sie das jetzt gesehen?" - "Die Schlüssel sind alle weg." - "Da hängt doch noch einer." - "Das ist die Luxus-Suite. Die darf ich nur mit Einverständnis des Hotelinhabers vergeben."

"Gut. Was kostet die pro Nacht?" - "460 Euro pro Nacht plus Frühstück." - "Kommen wir da rein mit Rollstühlen?" - "Theoretisch schon." - "Und hat die eine Badewanne?" - "Die hat einen Whirlpool." - "Gut, die nehmen wir. Rufen Sie bitte ihren Chef an." - "Das kann ich nicht machen." - "Hier ist meine Kreditkarte, wir nehmen das Ding. 460 Euro ist gebont, Frühstück kriegen wir in der Sporthalle. Lassen Sie schonmal das Badewasser ein." - "Es tut mir Leid, dass wir überbelegt sind, und ich kann auch Ihre Enttäuschung verstehen, aber ich kann leider nichts machen." - "Wir nehmen die Luxussuite. Zu viert." - "Wollen Sie die jetzt wirklich haben? Sie müssten die auch zahlen. Der Preis ist nicht verhandelbar." - "Ja, wo muss ich unterschreiben? Ich ärger mich doch nicht mit so einem blöden Hotel ab, das seine Zimmer nicht zählen kann."

"Ich möchte von allen die Personalausweise kopieren und bei ihrer Kreditkarte würden wir 10.000 Euro anfragen. Anfragen, nicht belasten. Belasten würden wir nur 460 Euro, es sei denn, Sie würden morgen die Suite völlig zerstört zurückgeben." - Irre. "Ja, machen Sie das." - Plötzlich musste er doch niemanden mehr fragen...

Keine halbe Stunde später saßen/lagen wir mit vier Leuten in einem absolut geil beleuchteten runden Whirlpool unter einem künstlichen Sternenhimmel. Bewegen konnte sich keiner, aber wir wollten ja auch nur entspannen. Den Typen aus Schleswig-Holstein brachte es sichtbar durcheinander, mit drei nackten Mädels in einem Whirlpool zu sitzen. Cathleen massierte ihm die Schultern, irgendwann setzte sie sich bei ihm auf den Schoß und verlangte, dass er ihre Schultern massiert.

Die Suite hatte außer dem Bad und einer separaten Dusche zwei Räume. In einem stand ein Sofa, in dem anderen ein überdimensioniertes Bett mit vier Kissen und einer großen Decke. Drei Leute konnten dort nebeneinander liegen, ohne dass es eng werden würde, aber Cathleen bestand darauf, dass unser junger Schleswig-Holsteiner nicht auf dem harten Sofa schlafen müsse. "Wollen wir nackt schlafen?", fragte sie.

"Hast du gerade Hormonstörungen?" fragte Simone. - "Ich schlaf nicht nackt", sagte ich. Fehlte noch, dass nachts meine Blase verrückt spielt und das Hotel am Ende doch noch ein paar Tausender nachbelastet. Schließlich lagen wir zu dritt im Bett und der Typ auf dem Sofa und alle hatten etwas an. Was solche Whirlpool-Suiten so alles auslösen können...

Am nächsten Morgen wollten wir auschecken. Die Rechnung betrug nicht 460 Euro, sondern 520 Euro. Vier mal Frühstück - wir hatten doch gesagt, wir essen in der Halle?! Nach dreimaliger Bitte und 10 Minuten Wartezeit kam der Chef aus dem Frühstücksraum. Ein Krawattentyp Anfang 60. Er sagte nichts, sondern zog nur die Augenbrauen hoch und schaute uns fragend an. Ich sagte: "Es war nicht die Rede davon, dass wir Frühstück abnehmen müssen. Das haben wir auch nicht unterschrieben. Es müsste doch eigentlich reichen, wenn wir auf eigene Kosten upgraden, weil Sie überbelegt sind." - "Wieso überbelegt?" - "Wir hatten ein Zimmer reserviert und bekamen vom Nachtdienst um kurz nach 11 angeboten, es drei Straßen weiter zu versuchen."

"Sie hätten Ihre Reservierung mit einer Kreditkarte bestätigen können, dann wäre das nicht passiert." - "Das hatten wir gemacht." - "Das kann nicht sein." - Wie schön, dass Stinkesocke immer alle Papiere dabei hat. Ich reichte sie ihm über den Tresen. "Und er hier hatte dasselbe Problem. Das war auch bestätigt." (Wie wir inzwischen erfahren hatten.) - "Zeigen Sie mal her. Das ist doch nicht möglich." - Er verschwand mit den Papieren. Nach 5 Minuten kam er zurück, hatte unseren Belegungsvertrag von gestern abend in der Hand und gab ihn uns zurück. "Sie sind unsere Gäste. Sie sind eingeladen. Haben Sie noch Zeit für das Frühstück oder dürfen wir Ihnen etwas für unterwegs zusammenstellen?"

Wir lehnten dankend ab, denn wir hatten es wirklich eilig. Als wir an der Halle ankamen, waren da zwar rund 60 Teilnehmer, aber die Trainer, die in der Ausschreibung angekündigt waren, hatten sich zum größten Teil wegen Magen-Darm-Grippe krank gemeldet. Eine ältere Frau, die beim Ausrichter arbeitet, meinte, es sei besser so, als wenn wir alle angesteckt werden würden. Wahnsinn. Zwei unerfahrene Trainerinnen für 60 Teilnehmer.

Immerhin sollte ein Qualifizierungslauf stattfinden, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. 1.500 Meter auf einer Tartanbahn mit versetztem Start, so dass man also seine Bahn halten muss. Entsprechend muss man natürlich auch die so genannte Kurvenvorgabe in seinem Rennrolli einstellen, das ist eine kleine Schraube, mit der man einen Radius vorgeben kann, mit dem der Rolli durch eine Kurve fährt. Wenn man das richtig macht, muss man zu Beginn der Kurve einen Hebel umlegen und zum Ende der Kurve den Hebel wieder zurückstellen. Das muss man aber sehr präzise einstellen und im richtigen Moment auslösen, sonst fährt man aus der Bahn und wird disqualifiziert.

Kann es sein, dass in der zweiten Runde Leute durch die Bahn trödeln? Ein älteres Ehepaar, das auf die andere Seite des Platzes wollte und die Abkürzung mitten durch die Bahnen nahm, zwang mich und eine Hessin zur Vollbremsung. Zehn Meter radierte Linie auf der Bahn sollten als Beweis eigentlich ausreichen - also Protest. Man muss sich sehr schnell entscheiden, ob man weiterfährt oder aufhört. Ich habe mich für das Aufhören entschieden, die Hessin für das Weiterfahren. Hätte sie auch aufgehört, wären die Chancen hoch gewesen, dass das Rennen wiederholt wird oder mit einem neutralen "CLD" (cancelled) in die Wertung eingeht. So stand bei mir, weil mein Protest keinen Erfolg hatte (die andere war ja weitergefahren), ein "DNF" (did not finish = nicht angekommen), was gleich hinter "DSQ" (disqualified) und "DNS" (did not start) die drittnegativste Bewertung ist und mal eben darüber entscheiden könnte, ob man einem bestimmten Kader angehört oder nicht.

Am Ende wurden aber drei Rennen doch noch aus der Wertung genommen, unter anderem meins. Grund: Die zweite hatte auf dem Papier eine schnellere Zeit als die erste. Warum, das ließ sich nicht mehr nachvollziehen. Eigentlich war geplant, dass wir abends nach Hannover zurückfahren, dort die zweite Nacht schlafen und am Sonntag dort gemeinsames Schwimmtraining machen, aber sämtliche Hamburger sagten ihre Übernachtung per Handy ab, zogen ihre I-am-fed-up-T-Shirts an und fuhren nach Hause. Da wir eine Fahrkarte mit Zugbindung hatten, mussten wir noch nachlösen - aber wir hatten schließlich zwei Übernachtungen gespart und einen netten Abend im Whirlpool. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Rückfahrt ohne weitere Zwischenfälle verlief und der Sonntag in Hamburg genial war. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

Freitag, 17. Juni 2011

Behindis unter sich

Durch meinen Blog, genauer gesagt durch die Frage eines Lesers, genauer gesagt eines treuen Lesers und eifrigen Kommentators, ... habe ich in den letzten Wochen sehr intensiv über die Frage nachgedacht, ob ich in meiner Freizeit überwiegend Kontakt zu anderen Rollstuhlfahrern habe und -falls das so ist- warum das so ist. Und warum das ein häufig beobachtetes Phänomen ist oder -falls es gar kein Phänomen ist- warum dieser Eindruck, diese Beobachtung, entsteht.

Ich musste deswegen so intensiv darüber nachdenken, weil ich immernoch glaube, dass es auf diese Frage keine pauschale Antwort gibt. Ich merke lediglich, dass mein Alltag und die Gestaltung meines "Umfeldes" von sehr vielen Faktoren beeinflusst wird, auf die ich teilweise überhaupt keinen Einfluss habe, und dass es daher einer ungeheuren Kraft bedürfte, wenn ich daran etwas ändern wollte.

Ich habe für mich nicht den Eindruck, dass ich nur oder überwiegend mit Rollstuhlfahrern zu tun habe. Im Gegenteil. In meinem Alltag kommen wesentlich mehr Fußgänger vor als Rollstuhlfahrer. Aber ich merke, dass ich in einer Stunde Stadtbummel als Rollstuhlfahrerin mehr erlebe als an einem Tag Stadtbummel als Fußgängerin. Rollstuhlfahrer sind in unserer Gesellschaft noch immer etwas sehr eigenartiges und besonderes und viele Leute wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen, dass in ihrer Nähe jemand mit einer Behinderung ist. Dadurch kommt es fast permanent zu Situationen und Gegebenheiten, die man als Fußgänger nicht hat. Entsprechend mehr gibt es auch zu erzählen.

Viele Menschen, die meinen Blog lesen, schreiben und antworten mir, dass sie viele Einblicke bekommen haben, die ihnen bisher verwehrt blieben. Für die sie sich auch gar nicht interessiert hatten, denen sie überhaupt keine Bedeutung zugemessen hatten. Und damit sind oft gar nicht mal irgendwelche Super-GAUs gemeint, sondern alltägliche Begebenheiten. Wenn ich mich mit Fußgängern aber nicht ohne weiteres über alltägliche Begebenheiten austauschen kann, mit anderen Rollstuhlfahrern aber schon, liegt, glaube ich, auf der Hand, dass die Wellenlänge unter Rollifahrern oft sofort stimmt, während beim ersten Kontakt zu Fußgängern oft erstmal die Wellenlänge bestimmt werden muss.

Was nicht bedeutet, dass sich alle Rollifahrer untereinander verstehen. Sondern was bedeutet, dass der Einstieg, das Kennenlernen leichter fällt. Das verknüpft damit, dass viele Menschen mit Behinderungen auch noch weitere Probleme haben, die sich auf die Kommunikation auswirken, dass viele Fußgänger starke Berührungsängste haben und diese mit sonderbarsten Verhaltensweisen kompensieren (von Weglaufen über Volltexten, Ausfragen, Anmachen, Herz ausschütten, Bedauern, für dumm halten bis hin zu jenen Besserwissern, die mir ungefragt erklären wollen, wie der Aufzug, die Rampe, mein Rollstuhl oder gar mein Leben funktioniert), dass Gleich und Gleich sich von Natur aus schon gerne gesellt und dass zwei Rollifahrer, die zusammen sitzen und quatschen 1000 Mal mehr Beachtung bekommen als zwei Sparkassenangestellte in zivil - ich glaube, das alles löst diesen Eindruck aus.

Vielleicht kommt auch noch dazu, dass einige nicht den Mut, die Kraft oder die Lust haben, neue oder andere Kontakte zu knüpfen, vielleicht kommt auch noch dazu, dass viele mit dem glücklich sind, was sie haben. Und es kommt hinzu, dass jeder Mensch einzigartig ist, anders mit dem Thema umgeht, aus anderen Gründen mehr oder weniger Freunde hat. Gemeinsamkeiten kann ich also nicht so viele finden, dass man daraus schon eine "Regel" ableiten könnte.

Ich weiß lediglich, dass ich heute mehr Freunde habe als vor meinem Unfall. Deutlich mehr, die im Rollstuhl sitzen, aber auch deutlich mehr, die nicht im Rollstuhl sitzen. Und das finde ich gut. :)

Freitag, 10. Juni 2011

Finger klemmen

Meine Finger klemmen nicht: Zeit für eine Gute-Nacht-Geschichte. Jene von der kleinen Gretel, die wegen ihrer Behinderung immer gehänselt wurde.

Gretel fehlte ein Finger. Sie hatte ihn verloren, als sie 3 Jahre alt war. Damals stand sie in einer gläsernen Aufzugskabine, sah die Welt, in die die Elektronik sie in wenigen Sekunden entlassen würde, und patschte mit ihren drolligen kleinen Händen gegen die Glastür der Kabine.

Mama stand hinter ihr, war bekifft und machte am Telefon gerade die Scheidung klar, und so achtete sie nicht darauf, dass die kleine Gretel sich in wenigen Sekunden die Finger klemmen würde. Nämlich dann, wenn die Tür völlig überraschend zurückfährt, hinter der Kabinenwand verschwindet, während Gretel ihre kleinen Fingerchen feste gegen die sich bewegende Tür drückt und wie von Geisterhand mit in diesen Zwischenraum ziehen lässt.

Böse Aufzugstüre. Und so hinterhältig! Inzwischen ist Gretel ein wenig älter geworden und hat ein offenes Ohr bei einem Verein gefunden, der die technische Sicherheit überwacht.

Und so gab es zu einer Zeit in einem Land, in dem Großmütter Wölfe fressen, Schildbürger auf Amtsschimmeln durch die weite und endlose Demokratie reiten, in großen Bananenkisten den Papierfluss überqueren und sich mit zünftigen Verwaltungsakten bei Laune halten, einen Mann, der anordnete, dass überall bestimmte gläserne Aufzüge, die vor 2005 gebaut worden sind, mit einer Folie beklebt werden müssen, durch die man nicht mehr durchschauen kann.

Dann nämlich, hat er herausgefunden, patschen kleine Gretels nicht mehr an die Glastür. Schließlich gibt es dahinter ja nichts spannendes mehr. Stattdessen spielen sie lieber -plitsche platsche- in des Jägers Pipifütze auf dem Fußboden, die dadurch entstanden ist, dass von draußen niemand mehr in die Kabine schauen kann, während der Weidmann seinen Wein ungestört in die Ecke lullert. Dafür müssen die undurchsichtigen Folien auch mindestens 5 Mal so hoch sein wie eine dreijährige Gretel.

Wie gut, dass das alles nur eine Gute-Nacht-Geschichte ist. Ich will nun wirklich ins Bett. Und ich glaube, ich nehme lieber die Treppe.

Hafen bei Nacht

Seit wir eine feste Trainingsstrecke hinter dem Deich haben, die wir an festgelegten Tagen nachts absperren und zusammen mit den Fußgänger-Triathleten nutzen dürfen, kommt es nur noch sehr selten vor, dass wir mit einem Begleitfahrzeug in der Stadt trainieren. Das hat alles seine Vor- und Nachteile - ein deutlicher Nachteil ist, dass es hinter dem Deich wesentlich dunkler ist, die Straßenlaternen stehen in einem sehr großen Abstand und rund herum ist niemand, außer vielleicht ein paar schlafende Schafe.

Aber: Der Deich gehört zur Elbe und es gibt doch kaum etwas beruhigenderes, als nachts auf das ruhige Wasser zu schauen oder Schiffe zu beobachten. Die Strecke, die durch die Elbchaussee verläuft, hat dafür an zwei Stellen ein aus meiner Sicht absolut geiles Panorama geboten, leider kommt man bei einer Trainingsfahrt nur sehr kurz in den Genuss.

Ich habe mir heute die Mühe gemacht, mit meiner relativ neuen Spiegelreflexkamera ein Bild vom Hamburger Containerhafen bei Nacht einzufangen. Nein, nicht während einer Trainingsfahrt, sondern ich bin extra mit dem Auto dorthin gegurkt. Manch einer wird jetzt denken: Was für ein Blödsinn! Aber derjenige hat ja das Bild noch nicht gesehen. Scroll mal runter und klick mal drauf zum Vergrößern. Wenn ich mir vorstelle, ich wohnte in einem Haus mit diesem Ausblick, ich glaube, ich würde die ganze Nacht kein Auge mehr zutun, sondern stattdessen nur noch beobachten, welches Schiff wann rein und raus fährt und wie die Dinger be- und entladen werden. Auch wenn dort Leute einen Knochenjob machen: Irgendwie hat das etwas sehr beruhigendes.

In diesem Sinne: Gute Nacht!

Mittwoch, 8. Juni 2011

Strahlkraft

Anders als es die Überschrift vermuten lässt, geht es hier nicht um die aktuelle Energiediskussion. Sondern um Erik. Erik ist ein Fußgänger, ein Triathlet. Zumindest behauptet er das und trainiert regelmäßig. Beim Straßentraining habe ich ihn noch nie getroffen, aber wenn wir, wie vorgestern, auf einem Sportplatz mit unseren Rennstühlen trainieren, dreht er oft auf den angrenzenden Straßen mit dem Rennrad seine Runden.

Er also auf der Straße, wir auf dem Sportplatz: Auf dem Sportplatz (es muss einer mit Kunststoffbahn sein, rote Asche geht gar nicht) trainieren wir zwar eher weniger unsere Ausdauer, sondern mehr unsere Technik. Das bietet sich an, wenn man alle 400 Meter wieder aufs Neue am Trainer vorbeizischt. Meistens ist das ganze Spektakel nach 90 Minuten vorbei - dennoch schwitzt man mindestens genauso wie beim Ausdauertraining auf der Straße und deswegen sind dabei - ja, aus aktuellem Anlass nochmal dieses Thema -, vom ersten Anfängertraining mal abgesehen, Pampers tabu. Vor allem bei Querschnitten, die ein Wundscheuern oder Einschneiden nicht merken. Und bevor jemand fragt: Kondomurinale für Männer reißen im Zweifel an einer Sollbruchstelle ab, Dauerkatheter (vor allem welche, die mit einem aufblasbaren Ballon in der Blase geblockt sind) sind nicht nur allgemein ungebräuchlich, sondern auch sehr gefährlich, vor allem bei Stürzen. (Autschn.)

Wer also wegen der defekten Nervenbahn zur Blase keine Kontrolle über letzte hat, geht vorher auf Klo und macht es anschließend den anderen wasch-echten Fußgänger-Triathleten nach, die es, sofern sie ein gewisses Niveau (damit ist die Schnelligkeit, nicht unbedingt der Anstand gemeint) erreicht haben, im Laufen laufen lassen. Ja, Triathlon ist in dieser Hinsicht eine eher derbe Sportart.

Es ist sogar extra so, dass die Rennrollstühle, die eigentlich im Gesäßbereich am besten gepolstert sein sollten (um Druckstellen vorzubeugen), überall nur nicht dort gepolstert sind, damit ein Sauberhalten problemlos möglich ist.



Nun trainieren auf dieser Kunststoffbahn auch noch andere Sportler. Auch Schulklassen, auch Kinder. Insofern sind wir alle (und zwar ohne Ausnahme) sehr bemüht, den Platz so sauber wie möglich zu halten. Dazu gehört, dass man nicht auf die Bahn rotzt und dazu gehört auch, dass man, auch wenn es eher komisch (weil mutwillig) aussieht, über einem Gully am inneren Rand der Bahn anhält, wenn man merkt, dass da gerade etwas verselbständigt und spätestens eine Runde später mit einer Wasserflasche den Boden grob spült. Beim Trainer stehen immer welche. Sollte also kein Problem sein. Und kommt in den gerade mal 90 Minuten auch so gut wie nie vor.

Vorgestern waren wir auf der Kunststoffbahn und trainierten, als plötzlich ein Wolkenbruch über uns passierte. Tatjana scheuchte uns vom Platz, da es auch noch zu hageln und zu donnern anfing, so duschten wir zusammen und standen mit acht Leuten unter einem Vordach und warteten eine Stunde auf den finalen Weltuntergang. Viel hat nicht gefehlt.

Plötzlich (und hier schließt sich der im ersten Absatz geöffnete Kreis) tauchte Erik auf. Mitte 50, graue Haare, Vollbart, Brille, Schirmmütze, kein Helm, eng anliegendes pink-weißes Trikot, hellblaue Radlerhose mit Lederbesatz und Radschuhe, dazu eine Brille, mit der er aussieht wie Puck, die Stubenfliege, nass bis auf die Knochen und vom hochspritzenden Straßenschmutz am Rücken komplett eingesaut. Er stellte sein Rad weg und positionierte sich theatralisch vor uns im Regen, breitete die Arme aus, als wollte er duschen und hatte nun nach einer Stunde endlich den Wasserhahn gefunden.

"Erik, komm doch zu uns unter das Vordach, dann wirst du nicht so nass", sagte Yvonne. - "Aaaach, ist das herrlich!", antwortete Erik und schaute in den Himmel, ließ sich die Hagelkörner direkt ins Gesicht prasseln. Das Gewitter war direkt über uns und Erik drehte kleine Runden auf dem Sportplatz. Dass er dort als lebendiger Blitzableiter unterwegs war, musste er in seinem Alter alleine wissen, Tatjana sagte es einmal, doch als er es besser wusste, ließ sie ihm seinen Spaß.

"Ich will euch doch nicht den Platz wegnehmen", sagte er, und fügte hinzu: "Ihr habt es schwer genug. Ich bewundere euch ja für euren Mut und eure Kraft." - Bewundern darf er gerne, aber schwer genug hat es meines Erachtens nur, wer keine neuen Herausforderungen mehr sucht. Da es aber nichts bringt, sich mit einem Erik darüber zu unterhalten, lächelte ich nur brav.

"Wer von euch hat denn schonmal einen richtigen Triathlon mitgemacht?" fragte er. Alle alten Hasen meldeten sich. "Doch so viele. Und wie ist das bei euch, ich habe mal gesehen, ihr habt so Helfer, die euch aus dem Wasser holen und in den Rollstuhl setzen dürfen und euch beim Neo ausziehen helfen, aber alles andere müsst ihr alleine machen, oder?"

Wir nickten im Takt. "Die Regeln sind dieselben. Eine einzige Ausnahme gibt es: Üblicherweise ist erst Schwimmen dran, dann Radfahren, dann Laufen. Bei Rollifahrern ist nach dem Schwimmen meistens erst Schnellfahren mit dem Rennrolli (Laufen) und dann Handbiken (Radfahren) dran. Aus organisatorischen Gründen."

"Und wie macht ihr das", fragte Erik weiter, "mit den Toiletten? Haben die da auch rolligerechte Dixiklos?" - Ich nickte einfach, da ich wusste, was kommen würde und ich keine Lust hatte, mich mit Erik über Ausscheidungen zu unterhalten. Cathleen und Simone hatten ganz schnell ein anderes Thema für eine interne Unterhaltung, Yvonne fragte Tatjana plötzlich über irgendwelche Termine aus, Nadine und Merle banden sich die Schuhe zu oder suchten etwas im Rucksack. Erik musste das Thema unbedingt noch vertiefen: "Achso. Muss ich mal drauf achten, habe ich noch nie gesehen. Ich geh da nie hin, weil ..."

Wollte ich das wissen? Nein. "Erik!", unterbrauch ich ihn. "Ich will das nicht wissen. Deine Toilettengewohnheiten interessieren mich nicht." - Zugegebenermaßen etwas harte Worte, aber Erik wurde richtig böse. Hagelkörner auf dem Kopf scheinen doch nicht so gesund zu sein. "Fahr mich nicht so an, ja? Noch dazu vor deinen Freunden.", befahl er mir. "Das gehört zum Sport dazu, ich kann nicht ahnen, dass ihr solche Komplexe habt."

"Jetzt fehlt nur noch, dass er meine Behinderung für meine angeblichen Komplexe als Ursache vermutet, dann raste ich aus", dachte ich mir im Stillen. Alle anderen reagierten überhaupt nicht, ich schaute Tatjana an. Er sagte: "Ja, ist so, sorry. Hier, ich zeig dir was." Ging fünf Schritte zurück, zog seine Radschuhe aus und schoss sie unter das Vordach, stellte sich breitbeinig hin und ... ja wirklich. Kein dummer Scherz. In die Hose. Im Stehen. Auf dem Sportplatz. Unglaublich.

Ich stieß Cathleen mit dem Ellenbogen an, die, während sie mit Simone redete, nach vorne schaute, mitten im Satz stockte und nur ein: "oah nein!" über die Lippen brachte, damit auch Simone aufmerksam machte, die noch ein "bäh" anfügte. Nun drehte sich auch noch Tatjana um, sah das Schauspiel und runzelte die Stirn. Kristina konnte sich vor Lachen nicht mehr halten und rief laut: "Pollution [engl.]!!! Wo ist mein Facebook-Handy?! Was für eine Strahlkraft."

Tatjana sagte zu ihm: "Wenn du dein Ding jetzt hier noch vor den Mädels auspackst, kriegst du von mir höchstpersönlich einen Tritt in die Eier und ne Anzeige dazu." - "Du willst Trainerin sein? Du bist eine halbe Portion. Und ich sage dir eins: Aus deinen Mädchen hier wird nie was. Das ist alles nur Rumgeeier und Babypuder. Triathlon ist was für richtige Kerle."

Jaja. So ein Psychopath. Und was mich am meisten ärgert: Wir bemühen uns, den Platz sauber zu halten und er stellt sich da hin und schifft mutwillig auf die Kunststoffbahn. Inzwischen hat Erik offiziell vom Vorstand ein Hausverbot bekommen, wie ich heute erfuhr. Manchmal sind die richtig schnell.

Versteckspiel

Die Angst, überfallen und beraubt, sexuell belästigt und vergewaltigt oder einfach nur überrascht und blöd angemacht zu werden, ist besonders in Großstädten, nachts, bei Frauen mit langen blonden Haaren und kurzem Rock etc. gegenwärtig. Dunkle Parks sollte man meiden, überhaupt alle Orte, an denen sich jemand verborgen halten und für unangenehme Überraschungen sorgen kann.

Um dem Ganzen entgegen zu wirken, wird beraten und empfohlen, werden zum Beispiel in Parkhäusern besondere Frauenparkplätze, die hell beleuchtet und mit einem Notruf versehen, vielleicht sogar videoüberwacht sind, eingerichtet. Angeblich sollen Frauenparkplätze etwas breiter sein, damit sich in den engen Räumen zwischen den parkenden Autos niemand so leicht verstecken kann - böse Zungen behaupten jedoch, es habe nur mit den Einparkkünsten des weiblichen Geschlechts zu tun.

Schlichtweg versucht man also durch bauliche Veränderungen, es einem Täter schwerer zu machen. Und wenngleich ein Überfall auf einen Mann nicht weniger gefährlich und verwerflich ist, man schützt hier insbesondere eine Personengruppe, nämlich Frauen, die von Natur aus zierlicher und damit kräftemäßig oft unterlegen sind.

Aus dem gleichen Grund gibt es übrigens gläserne Aufzugskabinen. Ein Raum, in dem man für eine bestimmte (oder unbestimmte, sofern er stecken bleibt) Zeit verweilen muss, um ein Ziel zu erreichen, sollte von außen einsehbar sein. Damit Dritte erkennen können, was sich in der Kabine abspielt, damit Täter davor zurückschrecken, in der Kabine vor Blicken geschützt Verbrechen zu begehen und damit es keine Überraschungsmomente gibt, wenn die Tür sich öffnet und man plötzlich beim Einsteigen mitbekommt, dass sich in der Kabine jemand verborgen hält.

Dass Rollstuhlfahrer immer körperlich unterlegen sind, muss ich nicht weiter ausführen, oder? Kann mir mal bitte jemand verraten, warum man in die Aufzüge am Hauptbahnhof neuerdings undurchsichtige Scheiben einbaut, so dass niemand mehr in die Kabine schauen kann und die Videokameras, die außen angebracht sind, nur noch die Türen von außen filmen? Zum Glück war es gestern nur ein kotzender Obdachloser, der mir gebückt entgegen sprang, als die Aufzugstür sich öffnete. Für einen ordentlichen Schreck hat es gereicht.

Vorher:


Nachher:

Fünfzig geschenkte Liter

Ich bin mit dem Verbrauch meines Viano völlig zufrieden, nur irgendwann ist auch der größte Tank mal leer. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die jeden Tag drei Mal für 5 Euro tanken, schon gar nicht, weil ich ja bei jedem Ein- und Aussteigen meinen Rolli zusammen- und auseinander bauen muss, andererseits fahre ich den Tank aber auch nicht bis zum letzten Tropfen leer, wenn eine Tankstelle einen halbwegs guten Preis hat und kein Andrang herrscht.

Kurzum: Vor rund zwei Wochen tankte ich für 73 Euro rund 50 Liter Diesel bei Aral und zahlte mit meiner Visacard. Gestern nun bekam ich meine Kreditkartenabrechnung und wunderte mich: Die 73 Euro waren zwar ordnungsgemäß belastet, aber gleichzeitig wurden mir dieselben 73 Euro gutgeschrieben, und zwar mit Wertstellung drei Wochen vor dem Tanktag.

Frank sagt: "Freu dich. Geschenke an treue Kunden nimmst du doch immer gerne an." - Wo er Recht hat, hat er Recht.

Dienstag, 7. Juni 2011

Pupsende Kühe

Nachdem ich ja diverse Male über verschiedene Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs bereits öffentlich verzweifelt bin, muss ich doch mal ein paar lobende Worte loswerden: Über die Hamburger Hochbahn. Die betreiben nicht nur die U-Bahnen, sondern auch einige Buslinien.

Ende letzter Woche landeten wir mit acht Rollifahrern wegen einer Streckensperrung der U-Bahnlinie 3 im Busersatzverkehr. Dieser endete am Berliner Tor. Während Fußgänger am Berliner Tor problemlos wieder in S- und U-Bahnen umsteigen können, haben Rollifahrer keine Chance. Die Station ist nicht barrierefrei, obwohl dort (fast) alle U- und S-Bahnen halten. Und es verkehrt auch keine einzige Buslinie vom Berliner Tor zum Hauptbahnhof - einzig ein Schnellbus, der jedoch um die Zeit, zu der wir dort auftauchten, bereits nicht mehr fuhr.

Wir stellten uns bereits auf eine auswendig vorgetragene Streckenbeschreibung ein (bis zur Kreuzung, dann links, dann drei mal rechts, dann zehn Minuten geradeaus, ...), doch es passierte auf unsere Frage, wie der schnellste Weg zum Hauptbahnhof ist, ganz was anderes: "Peter, fährst du die Kunden hier mal eben zum Hauptbahnhof?" - "Geht los. Wie fahre ich am besten, damit ich hinterher hier wieder richtig stehe?"

"Sonderfahrt" stand draußen nicht dran, "Behindiausflug" auch nicht, sondern nur "Nicht einsteigen" oder ähnliches. Und so hatten wir einen 17 Tonnen schweren Gelenkbus ganz für uns alleine. Party!! Ja, so eine Mühle bekommt acht Rollifahrer rein ohne dass einer im Weg steht. Wenn man eine Version erwischt, die genügend Stellplätze hat und die Rollifahrer vernünftig einparken können. Selbstverständlich haben wir artig "Danke" gesagt und uns über die ungläubigen Blicke der an der Ausstiegshaltestelle wartenden Passanten amüsiert, die sich nicht erklären konnten, wieso da acht Rollifahrer aus einem ansonsten leeren Bus springen. Cathleens Kommentar: "Endlich in Freiheit!" verstärkte die ungläubigen Blicke noch einmal, seinen Fotoapparat hat aber niemand in die Hand genommen.

Eine Sache haben wir noch gelernt: Trotz der 17 Tonnen Gesamtgewicht hat der Bus weniger Kohlendioxid ausgestoßen als eine pupsende Kuhherde. Nein, ich bin nicht besoffen, sondern entsprechende Plakate kleben zur Zeit überall in Hamburg. Fragt sich, ob die bei ihrer Berechnung mit einbezogen haben, dass einige Fahrgäste ... lassen wir das.

Umzug perfekt

Neben meiner Studienzulassung ist noch eine andere Sache amtlich: Ich ziehe zum 1. August um! Oder besser: Wir ziehen zum 1. August um. In ein rolligerechtes Wohnprojekt am Hamburger Stadtrand, wie bereits hier beschrieben.

Derzeit wird noch fleißig gebaut, ich hoffe, die werden rechtzeitig fertig. Einen Monat haben wir Übergangsfrist, also im äußersten Notfall könnten wir auch noch bis zum 01.09. warten. Dann müssen wir aus unserer jetzigen Wohnung ausziehen.

Bei dem Gebäude handelt es sich um eine alte Lebensmittelfabrik, die um 1900 gebaut wurde. Zwischenzeitlich war ein Fachgeschäft und ein Fotoatelier sowie ein Büro drin, irgendwann früher wohl auch mal eine Muckibude - seit 2011 ist es offiziell Wohnraum. Frank hat mit mehreren Leuten aus der Szene gemeinsam zwei Organisationen gegründet, eine wickelt das Wohnprojekt zum Selbstkostenpreis ab, die andere vermittelt denjenigen, die das brauchen, die nötigen Hilfen, Assistenz und Pflege, beantragt Fördermittel, hilft und vertritt diejenigen vor Ämtern etc.

Die erste Organisation dient im wesentlichen dem Zweck, dass Frank nicht privat als Vermieter auftreten muss und möglicherweise mit seinem Privatvermögen für Mietausfälle oder ähnliches haften muss, die zweite dient dazu, das alles so zu strukturieren, dass eine gewisse Seriösität dahinter steht, die das Finanzamt und vor allem öffentliche Mittelgeber (Pflegekassen, Sozialbehörden) benötigen, wenn sie Menschen unterstützen, die von Pflege oder Assistenz abhängig sind. Einige Hilfen bekommt wohl eine Privatperson nicht, eine Organisation schon. Ich blicke da nicht ganz durch, habe mich aber auch nicht intensiv damit beschäftigt. Frank wird wissen, was er tut, und das Konzept wurde bereits von allen maßgeblichen Stellen abgesegnet.

Insgesamt entstehen über 2 Etagen verteilt 16 vermietete Zimmer, pro Etage eine Küche, ein Gruppenraum, eine Waschküche, ein Abstellraum, vier Bäder, zwei kleine Gästezimmer - und das geilste wird vermutlich eine Dachterrasse, die wir anteilig mitbenutzen dürfen. Alle 16 Zimmer sind bereits belegt, fünf bereits durch die Bewohner der "alten" (jetzigen) WG, einschließlich Cathleen. Markus zieht ebenfalls ein. Ich hoffe, das geht gut - aber immerhin haben wir zwei getrennte Zimmer ;). Insgesamt sind 12 Frauen und 4 Männer drin. Acht Leute sind Rollifahrer, fünf weitere können, teilweise mit Festhalten, gehen oder zumindest stehen, drei sind nicht behindert. Drei Leute haben einen Unfallquerschnitt, sechs eine angeborene Querschnittlähmung, drei einen frühkindlichen Hirnschaden und eine Person eine andere (degenerative) Nervenerkrankung.

Ich bin sehr aufgeregt und gespannt, auch auf die neuen Leute. Besichtigt habe ich das Gebäude schon, Fotos gibt es aber noch keine.

Einhundertundacht

108 und 84, das sind die beiden magischen Zahlen, die aus meinem Test herausgekommen sind. Ich liege mit meinem Testergebnis acht Prozent über der durchschnittlichen Leistung und konnte bei 84% der in Hamburg in diesem Jahr getesteten Kadidaten leistungsmäßig mithalten. Das heißt: Nur 16% der Leute waren besser als ich, 84% waren schlechter oder gleich gut. Und während die anderen Bewerber, die entweder gar nicht oder zentral getestet werden, fast alle noch auf ihr Ergebnis oder ihre Zulassung warten, ...

*künstliche Pause einfüg*

*trommelwirbel starte*

*Spannung aufbau*

... halte ich meine Studienzulassung bereits in der Hand. Yes!!! Es gibt auch mal Dinge, die nicht nur auf Anhieb funktionieren, sondern auch einfach genial laufen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, diesen Weg zu gehen. Meiner Hausärztin und jenem Prof, der mir eine Empfehlung geschrieben hat, verdanke ich das: Ich darf ab Februar 2012 studieren! Wie geil ist das bitte?!?!

Ich muss jetzt bis zum 22. Juni schriftlich antworten, ob ich den angebotenen Studienplatz in Hamburg verbindlich annehme. Hmm, mal überlegen...

Seit Freitag bin ich mit der Schule inoffiziell fertig. Die letzten Wochen waren die reinste Qual. Weniger wegen der Mitschüler, sondern mehr wegen der Dinge, die noch von mir verlangt wurden, weil ich meine Noten noch aufbessern wollte. Vorletzte Woche habe ich vier Nächte hintereinander nur jeweils sechs Stunden geschlafen und die ganze übrige Zeit nur gebüffelt, geschrieben, gelesen und gemailt und geschleimt. In der letzten Woche waren die letzten Klausuren. Jetzt lässt sich nichts mehr ändern, übernächste Woche bekomme ich mein Abgangszeugnis. Die Noten bzw. Punkte stehen fest.